i-e3000e80c5bd9f77136503ddda6cf011-depression-thumb-250x187.jpg

Wissenschaftler ist schon ein toller Beruf. Wir arbeiten wann wir wollen und können ins Ausland ziehen wie es uns passt. Wir sind ständig damit beschäftigt uns selbst zu verwirklichen und arbeiten an was wirklich nützlichem für die ganze Menschheit. Leider sieht die Realität anders aus: Ständige Frustrationen, wenig Geld, keine Planungssicherheit, keine Perspektive.

Warum tun wir uns das überhaupt an? Ich meine damit uns Doktoranden und Post-docs in den Laboren dieser Welt, an der Uni in München oder Münster, in Boston oder Barcelona.

Die durchschnittliche Wochenarbeitszeit für Vollbeschäftigte in Deutschland liegt bei rund 37 Stunden. Die meisten meiner Kollegen könnten dann schon am Donnerstag Mittag ins Wochenende verschwinden. Tatsächlich kenne ich kein einziges akademisches Forschungslabor, in dem die Mehrarbeit der Mitarbeiter ehrlich dokumentiert, geschweige denn vergütet wird.

Standardmäßig wird der Jahresurlaub auf zwei Wochen im Sommer und ein paar Tage rund um Heilig Abend beschränkt. Der Rest wird ohne mit der Wimper zu zucken verfallen gelassen. Das passiert nicht, weil wir alle so für unsere Forschung brennen, dass wir die Pipetten nicht ein paar Tage missen möchten. Das ist so, weil es einerseits alle Kollegen so machen, und andererseits von vielen Chefs als selbstverständlich erwartet, und auch so kommuniziert wird.

Wir promovieren vier Jahre lang für einen Lohn, der es einem gerade erlaubt die Miete des WG-Zimmers zu bezahlen und von der Hand in den Mund zu leben. Als Post-doc kann man dann schon mal ein paar Euro zurück legen. Wir haben ja gelernt sparsam zu leben. Wir sind dann um die 30, wenn wir unseren Doktortitel tragen dürfen und zum ersten Mal am Ende des Monats Geld übrig ist.

Unser Alltag ist von Frustrationen geprägt. Experimente, die wochenlang nicht funktionieren. Ideen, die nach Monaten begraben werden müssen, weil die Zwischenergebnisse die ursprüngliche Hypothese nicht bestätigen. Forschungsprojekte, die nach Jahren unter Wert verkauft werden müssen, da ein konkurrierendes Labor ein paar Wochen schneller mit der Publikation war.

Unsere Chefs sind exzellente Wissenschaftler. Deshalb sind sie da oben. Was ihnen häufig fehlt sind Grundlagen der Personalführung und des Labormanagements, sowie Zeit für die eigenen Mitarbeiter. Unsere Frustrationstoleranz wird durch die genannten Defizite der Chefs und die direkten Konsequenzen für uns weiter ausgereizt.

Wir sind alle mit Zeitverträgen angestellt mit ein, oder zwei, maximal drei Jahren Laufzeit. Falls wir später habilitieren oder eine Juniorprofessur ergattern, sind es vielleicht fünf Jahre. Ein Juniorprofessor verdient 3500 EUR brutto im Monat. Wir sind irgendwann 40 und haben immer noch keinen unbefristeten Arbeitsvertrag. Weniger als 10% aller Juniorprofessuren führen direkt zu einer echten Professur und somit zur Festanstellung. Soviel zur Hochschulreform mit dem Ziel der Schaffung von mehr “Tenure Track” Stellen.

Warum gibt es in Deutschland keinen Mittelbau an den Unis? Warum gehen wir alle ins Ausland? Der Ruf nach mehr Bildung und Ausbildung ist toll. Wie wäre es, sich mal um die Karrieren der Gebildeten Gedanken zu machen? Bleiben tatsächlich die besten Wissenschaftler den Universitäten und Instituten erhalten, oder machen die Cleversten nicht schnellstmöglich etwas anderes?

Um die Population an Professoren in Deutschland konstant zu halten, muss im Durchschnitt jeder Hochschullehrer während seiner gesamten Laufbahn, also in etwa 25 Jahren, nur einen einzigen Nachfolger ausbilden. Wie groß ist der Anteil von Talent und Können an beruflichem Erfolg in der Wissenschaft? Wie viel ist Glück und wie viel ist von Politik und Kontakten abhängig? Eine Karriere als Wissenschaftler ist nicht planbar.

In einer neuen Meta-Studie, dieser Tage in “The Lancet” erschienen, wurden zwölf gängige Antidepressiva verglichen. Escitalopram (Cipralex/ Lexapro) ist demnach äußerst wirksam und mit am wenigsten Nebenwirkungen verbunden.

Foto via flickr (cc)

flattr this!

Kommentare (35)

  1. #1 Jane
    15. Februar 2009

    Danke für diesen Beitrag. Viel zu selten wird auf die katastrophalen Arbeitsbedingungen an den Unis in unserem Land hingewiesen. Gerade die Besten werden so nämlich vertrieben und gehen der Wissenschaft verloren.

  2. #2 Paco
    15. Februar 2009

    ach Tobi so schlimm ist es doch nicht 😉 ! Es gruesst der Paco (am Sonntag abend – 19.20h- aus dem Labor gegenueber). Ich weiss gar nicht ob meine Arbeitswoche eben angefangen oder geendet hat!
    Meine Freundin meinte letztens Wissenschaftler waere der perfekte Beruf zum Fremdgehen! Jedes Wochenende der gleiche Satz: ” Ich geh mal ins Labor, muss noch ein paar Experimente ansetzen…”

  3. #3 Marie
    15. Februar 2009

    Baden-Württemberg sucht Lehrer zur „Verwendung“ in Gymnasien und beruflichen Schulen. In letzteren, den gewerblichen, haben Seiteneinsteiger aus der Industrie gute Chancen. Vielleicht nehmen die auch Leute aus einem Labor in Barcelona? Jedenfalls werben die Stuttgarter in anderen Bundesländern Leute ab. Ich kenne Lehrer, die kriegen dann A 13 / A14 und werden, sofern sie unter 40 sind, noch verbeamtet.

    Besser als lausige Zeitverträge ohne Perspektive ist das allemal.

  4. #4 Monica
    15. Februar 2009

    Du hast die Kinderfrage noch vergessen! Akademikerinnen sollen auch noch Kinder kriegen, neben eben diesen Arbeitsbedigungen!
    Eigentlich will ich so einen Post nach dem schlechten Gewissen vom Sonntag abend (weil am Sonntag mal nicht gearbeitet!) gar nicht lesen! :)

  5. #5 Tobias
    15. Februar 2009

    @Monica:
    Du hast vollkommen Recht! Es fängt aber noch vorher an. Durch die ständige Mobilität und Unsicherheit was in ein, zwei Jahren ist, ist es schwierig überhaupt eine stabile Beziehung zu führen, geschweige denn eine Familie zu planen.

  6. #6 Lukas
    15. Februar 2009

    Vielen Dank für den interesannten Artikel! Noch gehe ich zur Schule, aber bald werde ich mich für ein Studium entscheiden müssen und mir haben es Naurwissenschaften sehr angetan. Bisher wusste ich nicht viel über die Arbeitsbedingungen und Chancen, als Wissenschaftler zu arbeiten und war bestürzt, von so negativen Erfahrungen zu lesen. Ist es denn wirklich so aussichtslos, eine Karriere als Frorscher/Wissenschaftler anzustreben?

  7. #7 Florian Freistetter
    15. Februar 2009

    @Tobias: Kann dir nur zustimmen! Mal ganz abgesehen von der miesen Bezahlung, die im Vergleich zur Dauer der Ausbildung wirklich nicht angemessen ist, sind vor allem die befristeten Verträge das größte Problem. Mir ist schon klar, dass eine gewisse Mobilität gerade für junge Forscher wichtig ist. Wissenschaft ist ja ne internationale Sache. Aber diese 2 bis 3 Jahres-Verträge sind wirklich kontraproduktiv. Gerade als Wissenschaftler kann man bei Antritt einer neuen Stelle ja nicht nach ein paar Tagen Einschulung voll zu arbeiten beginnen, wie in vielen anderen Jobs. Bei mir z.B. war es damals, als ich meine Stelle (befristet auf 2 Jahre) in Jena angetreten habe so: man kommt in eine komplett neue Arbeitsgruppe, an einer fremden Universität, in einem fremden Land (ok, Deutschland war jetzt nicht sooo fremd 😉 ) und muss sich dort erstmal zurechtfinden. Bis man sich soweit in die neuen Themen eingearbeitet hat, dass man vernünftig zusammenarbeiten kann, können schon mal 6 Monate oder mehr vergehen (man muss dann ja oft auch noch Lehre machen und sich um andere Unibürokratie, etc kümmern). Dann hat man ca. wieder 6 Monate Zeit, um vernünftige wissenschaftliche Arbeit zu machen. Und weil der Vertrag befristet ist (und die Bearbeitung eines durchschnittlichen Projektantrags so etwa 8 Monate dauert) ist es dann auch schon wieder Zeit, sich Gedanken um eine neue Anstellung zu machen. Und anstatt zu forschen sitzt man dann da, und schreibt Projektanträge u.ä.
    Und ein Privatleben sollte man sich als junger Wissenschaftler auch nach Möglichkeit nicht anschaffen. Erstens verliert man dadurch nur Zeit, die man in Überstunden investieren könnte (“publish or perish”) – und ohne zu wissen, ob bzw. wo man im nächsten Jahr noch einen Job hat braucht man sich um langfristige Beziehungen oder gar Familienplanung sowieso keine Gedanken machen. Außerdem kann man von nem PostDoc-Gehalt sowieso keine ganze Familie ernähren.

    Das “Problem” an der Sache ist, dass viele Wissenschaftler überzeugte Idealisten sind – und kein Problem mit unzähligen unbezahlten Überstunden haben bzw. gerne ihr Privatleben der Forschung opfern. Und solange diese Selbstausbeutung von den Wissenschaftlern noch widerstandslos praktiziert wird, werden sich die Verantwortlichen auch kaum veranlasst sehen, irgendwas zu ändern.

    Ich hab mittlerweile keine Lust mehr auf diese Art der Arbeit. Ich liebe zwar die Wissenschaft und die Astronomie – aber ich weiß auch, dass es noch andere wichtige, schöne Dinge im Leben gibt. Solange ich noch Wissenschaftler sein kann, ohne mein ganzes Privatleben zu opfern, werde ich das auch weiterhin sein. Aber ich fürchte fast, dass ich mit dieser Einstellung irgendwann an eine Wand stoßen werde. Schließlich gibt es ja genug Kollegen, die kein Problem mit 14-Stunden-Tagen und 7-Tage-Wochen haben – und die werden mich irgendwann einfach überholen (wie gesagt – “publish or perish”).

  8. #8 Tobias
    15. Februar 2009

    @Lukas:
    In vielen anderen Branchen ist es ähnlich. Freunde von mir, die “was mit Medien” gemacht haben, hangelten sich jahrelang von Ausbeuter-Volontariat zu unbezahltem Praktikum.

    Du solltest das studieren, was dir Spaß macht. Dir stehen die schönsten Jahre deines Lebens bevor! Aber wie gesagt: Eine Karriere als Wissenschaftler ist nicht planbar.

  9. #9 Fischer
    16. Februar 2009

    Naja, das berüchtigte “was mit Medien” ist aber auch ein ganz anderes paar Stiefel. Schon was die Leute angeht, die sowas machen (wollen). Ich sage jetzt einfach mal so, wenn man im Mediensektor Einsatz, Flexibilität, Selbstverleugnung und Improvisationstalent mitbringt, wie es bei Jungwissenschaftlern als gegeben vorausgesetzt wird, kann man im Mediensektor schon ziemlich weit kommen.

    Es ist auch bei uns kein Zuckerschlecken, aber wer jahrelang in den Sklavenjobs hängen bleibt, der macht einfach was falsch. Und das ist bei Wissenschaftlern anders.

  10. #10 Chris
    16. Februar 2009

    @Lukas
    Sagen wir es mal so, wenn man erst mal das Studium und die Promotion überlebt hat, dann muss man ja nicht in der Uni bleiben -> In die Industrie gehen und halbwegs normales Leben anfangen… das ist eine Option. Aber meine Kristallkugel ist gerade verliehen, niemand kann Dir sagen, wie die Optionen sind, wenn DU fertig bist.
    Wie Tobias sagte, mach, was Dir Spaß macht, denn sonst gehst Du daran kaputt.

  11. #11 ulf
    16. Februar 2009

    @ Mari,
    bitte verschonen wir doch die deutschen Schulen vor Leuten, die nur Lehrer weden, weil sie sonst nicht wissen wohin – was nicht heißen soll, dass ausgebildete Wissenschaftler nicht gute Lehrer sein können (ich kenne einige). Trotzdem: wer Lehrer sein will, muss die Umstände bejahen – mehr als dreissig lärmende, nervtötende, mutlimedial verdorbene Nervkids nicht nur zu ertragen, sondern Stunde um Stunde zum Lernen motivieren – hui, das macht man nur, wenn mand dazu berufen ist, und nicht, weil die Arbeitsbedingungen in Barcelona so herzzereissend mies sind – wobei ich Tobi’s Frust gut nachvollziehen kann.

  12. #12 Tim
    16. Februar 2009

    Klingt, als käme das überraschend. Es hat sich in den letzten 25 Jahren nichts verändert, höchstens noch einen Tick zum Schlechten. Jede/r kann im Grunde wissen, worauf er sich einlässt.

  13. #13 Ludmila Carone
    16. Februar 2009

    Na ja letztendlich ist die Wirtschaft auch nicht das Land, wo Milch und Honig fließen. Auch dort steigt man erst mit Zeitverträgen ein und ist ständig auf Dienstreise und kann von heute auf morgen von Dependance A nach B veschoben werden.

    Man verdient natürlich richtig Geld, das ist wahr. Aber dafür genieße ich an der Uni weitaus mehr Freiheit bei der Gestaltung der Arbeitszeit und wenn man einen kinderfreundlichen Chef hat, dann kann man auch mit Kinderwagen an den Arbeitsplatz kommen.

    Eine gute Freundin hat sich über die Stadt Bochum Förderung für eine Tagesmutter besorgt und erfolgreich mit einem Kind promoviert und stand bei der Prüfung schon kurz vor der Niederkunft mit Kind Nummer 2. Jetzt ist sie und ihr Mann in Lohn und Brot in der Wirtschaft. Aber sie wollten eh immer nach der Promotion dahin.

    Andererseits kenne ich auch die Geschichten vom Physikerehepaar, das jetzt Lehrer wird, weil der Prof ein Problem damit hatte, dass die eine Familie gegründet haben. Überhaupt ist der Lehrerberuf für viele Abgänger hier sehr reizvoll. Ja, ich weiß zumindest bei einem Kandidaten sehe ich das auch etwas kritisch.

    Es ist halt von Fall zu Fall unterschiedlich und ich hab mich mit meinem Mann schon darauf verständigt, dass er mit mir ziehen wird, wenn ich mal weg muss. Aber bisher habe ich es geschafft, ein paar Jahre an einem Ort zu bleiben und es wird auch wohl die nächsten Jahre so bleiben.

  14. #14 Cornelia
    16. Februar 2009

    Ich arbeite gerne. Auch Ueberstunden…und alles was Sie ober beschreiben ist realistisch. Aber ich will richtig entlohnt werden, weil mir ein Leben-haben wichtig ist. Deshalb habe ich Deutschalnd verlassen und denke nicht so schnell wieder zukommen.

  15. #15 ortholog
    16. Februar 2009

    Guter Beitrag, aber so ein paaaar Freiheiten gibts schon auch, wir können mal erst um 11 auftauchen oder auch mal einen Tag gar nicht, oder behaupten wir hätten zu Hause gearbeitet und keiner fragt nach. Nur, dass damit eben auch der Druck entsteht noch irgendwas nachzuholen und irgendjemand ist immer noch länger im Büro. Es geht aber auch nicht nur um die Arbeitszeit sondern auch um die Effektivität, man kann sich die Lösungsstrategien selbst aussuchen (nachdem man sich die Probleme gestellt hat) und auf seine Art lösen, nichts wird einem vorgeschrieben. Achja, ferne Reisen werden einem bezahlt, wo man auch problemlos eine Woche Urlaub dranhängen kann ohne die Fahrtkosten zu tragen (gut, ich weiß, das geht nicht überall). Also jetzt mal bitte nicht so schwarzmalen.

  16. #16 Cornelia
    16. Februar 2009

    …@ortholog

    ach ja…stimmt! ausschlaffen ist luxus!

    Also das mit der Effektivitaet ist so eine Sache mit vielen gemeinen Hacken und Haeckchen…effektiv kann man nur sein wenn die Versuche klappen! Schlecht wenn es nicht so ist und in vielen Forschungsfeldern ist Routinearbeit mit bereits erprobten Methoden nunmal nicht Alltag…

  17. #17 Susanna Knotz
    16. Februar 2009

    Meine Erfahrungen, nicht unbedingt alles selbst erlebt, aber bei Freunden, gehen in die gleiche Richtung. Eine WissenschaftlerInnen-Karriere ist zumindest in der Biologie in Deutschland extrem unberechenbar, verbunden mit viel Unsicherheit, viel Antragschreiben, sobald man selbst darf, ohne wirklich das arbeiten zu können, was man eigentlich möchte.

    Ich empfehle Schweiz, UK oder Skandinavien – es gibt dort noch Dauerstellen und es scheint auch nicht ganz so ein intriganter, Vitamin-B-verseuchter Hexenkessel zu sein wie in Deutschland. Das ist jetzt schon etwas übertrieben, aber gerade die Dissertationszeit hat so einige Leute echt fertig gemacht.

    Ich würde trotz allem von Antidepressiva abraten, außer man plant vielleicht doch, ihre Wirkung zu studieren als Monitor oder sie anzupreisen als Pharmareferent. Das sind nicht unbedingt die Traumjobs für Biologen, aber einige Freunde haben sich da ganz gut eingefunden. Andere haben schon nach dem Diplom umgeschult. Auf jeden Fall sollte man sich nicht einbilden, mit der tollen Ausbildung, ohne Probleme irgendwo in der Berufswelt ankommen zu können. Es werden ganz offensichtlich viel zu viele BiologInnen ausgebildet für die raren Jobs an Unis, Instituten oder in der Privatwirtschaft (also abgesehen von der Pharma, wo es aber auch enger wird, wie es scheint).

  18. #18 Juergen
    16. Februar 2009

    “Um die Population an Professoren in Deutschland konstant zu halten, muss im Durchschnitt jeder Hochschullehrer während seiner gesamten Laufbahn, also in etwa 25 Jahren, nur einen einzigen Nachfolger ausbilden.”

    Das ist Evolution pur.

  19. #19 Juergen
    16. Februar 2009

    Die durchschnittliche Wochenarbeitszeit für Vollbeschäftigte in Deutschland liegt bei rund 37 Stunden.

    An hessischen Hochschulen ist die Regelarbeitszeit 42 Wochenstunden; das mit den 37,5 Stunden betrifft die, die schon da waren, als der BAT noch galt…

  20. #20 DerOli
    16. Februar 2009

    Ach, ich weiß nicht. Kann man heutzutage in der Wirtschaft wirklich länger als zwei/drei Jahre planen? Im Grunde muss man doch in jeder Karriere Schritt für Schritt weitermachen… oder Lehrer werden ;o)

    Was das Geld angeht, finde ich das gerade die Post-Doc Stufe ganz lukrative Möglichkeiten bietet. Leopoldina, Humboldt, Marie Curie… die zahlen alle gut. Problematisch wird’s eher danach mit W1 oder BAT.

    Während ich mir mehr Planbarkeit wünschen würde, möchte ich doch nicht mit meinen Freunden in der Wirtschaft tauschen.

    Was die Wochenarbeitszeit angeht: Ich kenne niemanden, der an der Uni stempeln muss oder Gefahr laufen würde unter 42h/Woche zu arbeiten. Demnach ist es doch egal was auf meinem Vertrag steht.

  21. #21 Nico
    17. Februar 2009

    Na ja, Lehrer werden ja inzwischen auch auf Zeit angestellt und kriegen in den Sommerferien Hartz IV – soweit ist es an den Unis glücklicherweise noch nicht.

  22. #22 Tobias
    17. Februar 2009

    @Susanna: Ja, irgendwie muss es die Option geben umzuschulen. Vor Pharamreferent und “ganz was anderem” liegt aber ein Studium und Zweifelsfall eine Promotion. Das Problem ist ein anderes. Es gibt genug zu forschen in den modernen Biowissenschaften. Wenn Deutschland sich rühmt, Wissenschaftsstandort zu sein, wieso werden dann keine Stellen für die hochausgebildeten Wissenschaftler geschaffen? Die ganze Ausbildung ist doch für die Katz, wenn es irgendwann drum geht, mit einem neutralen Firmenwagen durch die Landschaft von Arzt zu Arzt zu tingeln. Siehe auch hier: http://www.scienceblogs.de/weitergen/2008/07/was-kommt-nach-dem-studium.php

    @Juergen: Die Zahl von etwa 37 Stunden bezog sich auf die Gesamtbevölkerung. Ich glaube 42 Wochenstunden sind zu tief angesetzt für eine Hochschule, zumindest die reale Arbeitszeit von Doktoranden und Postdocs liegt deutlich drüber.

    @Oli: Richtig, solche Stipendien gibts. Nur sind die Chancen eins zu bekommen recht gering und zum Teil sind auch Haken dabei (selbst Krankenversichern, selbst fürs Alter vorsorgen), so dass der lukrative Betrag schnell zusammenschmilzt.

    @Nico: Ich kenne Doktoranden, die auf Arbeitslosengeld (60% der BAT2a/2 Stelle) die Doktorarbeit zusammenschreiben mussten.

  23. #23 Susanna Knotz
    17. Februar 2009

    @Tobias: Ich weiß, das ist frustrierend für unsereins und für den Staat eigentlich absolute Verschwendung, sowohl wegen herausgeschleuderter Ausbildungskosten als auch Verzicht auf die Forschung, die die ganzen Leute leisten könnten, wenn man ihnen denn die Möglichkeit gäbe bzw. sie sich nicht ständig um neue Anträge kümmern müssten statt sich ihrer eigentlichen Arbeit widmen zu können.

    Zum Antragszirkus und früh endenden Karrieren oder zumindest unsicheren, gab es Anfang Februar einen aufschlussreichen, lesenswerten Artikel bei NatureNews, man kommt auch ohne Nature-Abo dran: http://www.nature.com/news/2009/090204/full/457650a.html
    In den USA ist anscheinend auch nicht alles einfacher. Trotzdem habe ich den Eindruck, dass das System immer noch durchlässiger ist als hierzulande.

  24. #24 Tobias H.
    17. Februar 2009

    Schön, dass dieses Thema auch hier aufgegriffen wird. Dass die hier geschilderten Gedanken im Posting selbst und in den Kommentaren keine Einzelfälle sind, kann man auch schön im Forum der Plattform Kisswin, ein Infoseite vom BMBF, die über die vermeintlich tollen Fördermöglichkeiten für Nachwuchswissenschaftler informieren soll, nachlesen. (http://www.kisswin.de/index.php?id=5). Oder auch in den Kommentaren zu einem vor einigen Tagen erschienen Artikel über den akademischen Mittelbau (http://www.zeit.de/online/2009/08/nachwuchswissenschaftler-unsicherheit?page=all).

    Das Problem ist in der Tat, dass es keinen Mittelbau gibt. Das fängt schon im Sprachgebrauch an: es gibt nur Professoren und Nachwuchswissenschaftler, also alle anderen, die noch keine Profs sind. So als würde jeder Wissenschaftler auf eine Professorenstelle hinarbeiten. Es fehlen unbefristete Vollzeitstellen für Menschen, die “einfach nur Wissenschaftler” sein wollen.

    Auch das Wissenschaftsvertragzeitgesetz kennt nur Wissenschaftler, die auf eine Professorenstelle hinarbeiten. So ist nach 12 Jahren befristeter Anstellung Feierabend. Danach ist man entweder Prof oder man kann faktisch nicht mehr an der Uni arbeiten – außer man finanziert sich seine Stelle über Drittmittel selbst. Das ist doch absurd: Niemand in der Wirtschaft würde auf die Idee kommen, Mitarbeiter nicht weiterzubeschäftigen, nur weil es innerhalb von 12 Jahren nicht bis zum Geschäftsführer oder Manager gebracht haben.
    Wenn die Befristungsregel greift, ist man i.d.R. 40 Jahre alt, dann ist ein Absprung in die Wirtschaft schon schwierig. Ich kenne Wissenschaftler im Alter von über 40, die eben diesen Absprung nicht geschafft haben, die hangeln sich immer noch von unsicherem Zeitvertrag zu Zeitvertrag und müssen sich von Profs rumkommandieren lassen, als wären sie Azubis.

    Man könnte das alles als Schicksal abtun. Aber es wurde ein Haufen Geld in die Ausbildung der Wissenschaftler gesteckt, die haben wiederum eine Menge KnowHow erworben, das dann flöten geht. Und dabei gäbe es wirklich genug zu erforschen und als Land, das vom Wissen und Können der Menschen lebt (jaja, ich weiß, ausgelutschtes Argument), sollten wir nicht einen Haufen frustierter, arbeitsloser Wissenschaftler produzieren.

    Kurz: es fehlt an der Uni eine Langzeitperspektive und ein Mindestmaß an Planbarkeit.

  25. #25 books
    17. Februar 2009

    eine kleine Aufheiterung von einem Aussenstehenden:
    http://www.phdcomics.com/comics/most_popular.php
    und Citalopram hat wirklich keine Nebenwirkungen

  26. #26 Ralph
    18. Februar 2009

    Guter Artikel, der die Probleme sehr gut beschreibt!

    “Wochenende” ist ein Begriff, den ich schon längst nicht mehr gebrauche.

    Mir fällt meistens erst auf, dass schon wieder Sonntag ist, wenn ich auf dem Weg nach Hause hier in London vor einem geschlossenen Laden steh, da der sonntags schon um 20 Uhr schließt…

  27. #27 Cornelia
    18. Februar 2009

    @Ralph

    …hmmm ja…man weiss auch nicht ob es schon der naechste Morgen oder noch Nacht ist weils sie Mo-Fr 24 stunden aufhaben!!

  28. #28 DerOli
    19. Februar 2009

    @Tobias: Damit wir uns richtig verstehen muss man zwei Dinge trennen. Das eine ist das Strukturproblem, dass wir in Deutschland haben. Da gebe ich Dir völlig recht. So kann/sollte es nicht weiterGen. Das Problem ist, dass sich das in unserem Karrierezyklus nicht mehr ändern wird. Das bedeutet nicht, dass man tatenlos rumsitzen sollte, aber die Bemühungen gelten dem Wohl kommender Generationen. Ein Sprachrohr des Mittelbaus könnte http://www.diejungeakademie.de sein.

    Das bringt uns zu Punkt zwei: Wie soll man mit der bescheidenen Situation umgehen? Es stimmt, dass die genannten Stipendien schwer zu bekommen sind. ABER wenn tatsächlich “jeder Hochschullehrer während seiner gesamten Laufbahn […] nur einen einzigen Nachfolger ausbilde[t]” muss ich mich dem Wettbewerb JETZT stellen und nicht, wenn meine Zeit nach 12 Jahren abgelaufen ist. Denn die Mitbewerber um Humboldt & Co. werden dieselben sein, welche Deine Professorenstelle wollen. Und die Chancen als Sieger hervorzugehen werde nicht besser werden…

    Fazit: Immer vollgas, aber rechtzeitig den Absprung schaffen bevor man mit 40 an die Wand fährt.

    Gute Fahrt!

    “Richtig, solche Stipendien gibts. Nur sind die Chancen eins zu bekommen recht gering und zum Teil sind auch Haken dabei (selbst Krankenversichern, selbst fürs Alter vorsorgen), so dass der lukrative Betrag schnell zusammenschmilzt.”

  29. #29 DerOli
    19. Februar 2009

    Hoppla, da ging was mit dem Zitat durcheinander. Egal. Dann kann ich mich auch glaich nochmal darauf beziehen:

    Krankenversicherung gibt’s vom DAAD und jede Mark, die Du in die Rentenkasse einzahlst siehst Du nie wieder… im Moment ist es zwar dasselbe mit Aktien aber letzteres wird sich wieder bessern.

  30. #30 ichbins
    23. Februar 2009

    Genau wegen dieser schlechten Bedingungen habe ich mich gegen eine Uni-Karriere entschieden und mir einen gut bezahlten Job gesucht, der es mir gleichzeitig erlaubt, zu promovieren.
    Gerne wäre ich auch an der Uni geblieben, aber nicht bei derart schlechter Bezahlung, bei den statistisch geringen Aufstiegschancen und den Arbeitsbedingungen. Schade eigentlich.

    Aber so verwundert es auch nicht, dass Viele lieber in die Wirtschaft gehen, denn dort wird die Arbeitsleitung deutlich besser wertgeschätzt.

  31. #31 Björn Brembs
    26. Februar 2009

    Also das mit dem Geld ist hier in D doch wirklich mal gar kein Problem: zu Zeiten in denen wir nicht im Labor sind, hat eh kein Laden offen, wo wir unser Geld lassen könnten. Für Mensa, Döner und FastFood Asiaten um die Ecke reichen die je nach Tarif ca. 7-8€ tatsächlichen Netto-Stundenlohns doch locker.

    Ein Kommentator hier hat es ganz richtig erkannt: die Evolution stimmt in den Wissenschaften in D doch auch: von den 20-30 Doktoranden, die so ein Prof. in seiner Karriere verschleisst, bekommt genau einer seinen Job – d.h. wenn die Stelle überhaupt wiederbesetzt wird. Folglich steht die Chance Prof. zu werden heutzutage bei der Promotion wohl so ca. 1:60. Diese Zahl passt auch gut auf die Anzahl der Bewerber auf Professorenstellen hier in D. In USA lagen die Zahlen meist um 200-300 pro tenure-track Stelle (alles eigene Erfahrungen).
    Von den 60 hier in D gibt es sicherlich etliche Kandidaten die ihre 14h-Tage 7 Mal die Woche arbeiten, d.h. es gibt genügend Möglichkeiten diese Konkurrenten durch clevere Versuchsdesigns und intelligente Experimentauswahl auch mit nur 60h in der Woche aus dem Rennen zu schlagen und somit gut Zeit für Familie zu haben! Man muss nur intelligenter sein…

    A propos Stellen-Besetzung vs. Streichung: Neulich kam doch am Tag des Symposiums der Kandidaten für eine C4 Wiederbesetzung die Vize-Kanzlerin (oder-Präsidentin?) in die Kommission geplatzt und meinte in etwa: “also eigentlich könnt Ihr die Leute gleich wieder nach Hause schicken, denn ich werde die Stelle sicherlich nicht bezahlen”.
    Oder in Würzburg, wo die Nachfolge von Herrn Hölldobler (ein nicht ganz unbekannter Wissenschaftler) über nun fast 5 Jahre (oder sind es sogar schon mehr?) u.a. mit den Worten “Beinchenzähler brauchen wir keine hier” von diversen Quertreibern blockiert wurde. Bereits zweimal war diese Stelle ausgeschrieben und Kandidaten vorstellig geworden.
    Unsere Mittel zur Lehre hier am Institut wurden ebenfalls soweit gekürzt, dass statt bisher 4 nur noch 2 Tutoren für die Praktika angestellt werden können. Allein in meinen 5 Jahren hier wurden mindestens 2 Mittelbau Stellen gestrichen (oder waren es 3?), die natürlich zusätzlich in der Lehre fehlen.
    Aber das sind ja nur einzelne, unglückliche Anekdoten, das Gesamtbild ist selbstverständlich ganz anders – in Wirklichkeit werden ständig und überall Professoren eingestellt und hervorragende Voraussetzungen für Forschung und Lehre geschaffen…

    Oft genug sieht es so aus in der Deutschen Forschungslandschaft: Kahlschlag von Seiten der Politik (bei gleichzeitigen Lippenbekenntnissen des Gegenteils), Kungelei, Vetternwirtschaft und oft genug blanke Ignoranz, Gleichgültigkeit, Verantwortungslosigkeit und soziale Inkompetenz bei den Entscheidungsträgern in den Instituten.

    Halt nein, einen Lichtblick gab es hier zur Jahreswende: nach 30 Jahren treuen Dienstes wurden endlich unsere völlig maroden Toiletten renoviert! Hurra!
    (Vom Rest des Gebäudes schweigen wir lieber)

  32. #32 Marc
    1. März 2009

    Erschreckend, dass ich das vor 13 Jahren ebenso empfunden habe und es davor ebenfalls so beschrieben wurde. Dabei müssten doch jetzt einige von denen, die das damals beklagt haben, jetzt Profs sein. Oder gilt der Witz: “Was ist der Unterschied zwischen einer Metzgerei und einer Universität?” – “In die Metzgerei gehen Schweine rein und es kommen Würstchen raus …”

    Das System befördert meiner Meinung nach Wissenschaftsautisten. Die verwechseln Genie mit stumpfen brute force-Ansätzen. Die anderen werden rausgeekelt oder weggebissen, wenn sie nicht schon längst selbst gemerkt haben, dass sie einer Sekte beigetreten sind – und deswegen so schnell wie möglich abhauen.

    Sekte, weil man nämlich nur noch Freunde im Labor hat, Dogmen und Thesen seines Meisters nachbetet und Konkurrenzthesen als Teufelswerk sieht – bis in Cell, Nature und Science was anderes drinsteht – Und dann hat der eigene Meister es ja schon immer gesagt – nur waren wir Labor-Igors ja zu blöde. Dass wir immer nur das gemacht haben, was el chefe sich während den Nummern zwischen TA und Studentin ausgedacht hat – und das immer Priorität hatte – hat der natürlich schon längst vergessen.

    Und wenn man dann geht, ist das der Beweis dafür, dass man ja kein echter Wissenschaftler war. Teleologie in Perfektion! Was der Wissenschaft an neuen Ansätzen entgeht, weil die Leute einfach anders denken, weiß keiner.

  33. #33 Marc
    1. März 2009

    Damit sich was ändert müssen aber die richtigen Stellen darüber wissen, und das sind noch die Wissenschaftsministerien in den Bundesländern und die entsprechenden Abgeordneten. Wenn bei jedem MdL aus einer Universitätsstadt täglich ein Doktorand oder PostDoc erzählt wie hier Forschung hintertrieben wird, dann spricht sich das iregndwann mal herum. Und dann kann sich auch was ändern. Diensthoheit, Arbeitszeiten, Vertragsverlängerungen, Profs halten Veranstaltungen und Vorlesungen wieder selber etc.

    Ansonsten sind es halt Einzelfälle von bedauerlicherweise gescheiterten Existenzen, die sich ihre Unfähigkeit schönreden.

  34. #34 Septimiu
    20. Juli 2009

    Realistisch! Ich war auch als Postdoc in der medizinischen Forschung in Kanada taetig, arbeite jetzt als Assistenzarzt in einem Klinischen Fach in Deutschland. Ich wuerde nicht zurueck in der Forschung gehen.

  35. #35 Unbekannt
    Ausland
    6. August 2016

    So, es hat sich nichts geaendert. Studium in Deutschland, Doktorarbeit im Ausland, Postdoc im Ausland. Fuehle mich echt ausgenutzt. 34 Jahre und schon 1 Jahr arbeitslos, mal wird man zum Interview eingeladen, aber dann immer wieder abgelehnt,
    Ich kann nur jedem raten, nicht mehr Physik zu studieren. Resultat: Arbeitslosigkeit. Besser waere Ingenieurswesen gewesen.
    Ich hasse mich, weil ich so ein Studium absolviert habe und 6 Jahre Sklavenarbeit fuer Leute gemacht habe, die einen jetzt nicht unterstützen. Ich bin absolut deprimiert.