Ein Meteorit eröffnete einen Einblick in die Vergangenheit des Mars.


Seit ein paar Jahren mehren sich die Anzeichen, dass der Mars ganz früher (vor Milliarden von Jahren) mal wesentlich feuchter war als heute und seine Atmosphäre dichter. Heute beträgt der Luftdruck dort gerade mal ein Hundertstel von dem auf der Erde.

Vor kurzem ist der Marsrover Opportunity in Meridiani Planum wieder über so ein Anzeichen gestolpert:

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Bild (NASA/JPL-Caltech/Cornell University): “Block Island” ist der größte Meteorit, der jemals auf Mars entdeckt wurde (60 cm breit). Mit einem Gerät aus meiner alten Heimatstadt Mainz, dem Röntgenspektrometer, wurde festgestellt, dass es sich um einen Eisen-Nickel-Meteoriten handelt. Das hier ist übrigens eine Falschfarben-Aufnahme generiert aus den 750 nm, 530 nm und 430 nm Filtern der Pancam-Kamera. Dadurch kommen die Unterschiede im Gestein stärker heraus.

In der Nahaufnahme wurden dann folgendes sichtbar:

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Bild (NASA/JPL-Caltech/Cornell University): Widmanstätten-Strukturen, das sind die Streifen im Stein, die Dreiecke formen. Die entstehen nur, wenn sich heißes Gestein extrem langsam abkühlt.

So etwas kann eigentlich nur im Weltall passieren. Denn entgegen landläufiger Meinung friert Zeugs dort eben nicht schlagartig ein. Ganz im Gegenteil! Und eigentlich sollten es die meisten Menschen auch aus ihrem Alltag her wissen.

Ihr habt doch sicherlich schon mal eine Vakuum-Thermokanne in der Hand gehabt? Die funktioniert deswegen, weil in einem Vakuum ein Körper nur eine einzige Möglichkeit hat, Wärme abzugeben: Über Infrarotstrahlung. Dadurch kühlt das Getränk zwar auch aus, aber es kühlt weitaus langsamer aus, als wenn man es an die frische Luft setzen würde. Denn dann kann die Wärme zusätzlich über Interaktion mit den kühleren Luftmolekülen verloren gehen (Konvektion und Wärmeleitung). Das geht weitaus schneller vonstatten.

Das Weltall ist also die ultimative Vakuum-Thermokanne, was sich an den Strukturen von Meteoriten zeigt.

Der eigentliche Clou an dieser Geschichte ist aber, dass dieser Brocken überhaupt den Einschlag auf dem Mars überlebt hat.

Da der rote Planet heute über keine nennenswerte Lufthülle verfügt, hat jeder Körper, der dort herunterkommt ein kleines Problem: Er rammt sich ungespitzt in den Boden, weil kaum etwas da ist, was ihn bremsen könnte. Was auch so manchen Marsmissionen zum Verhängnis wurde.

Einen Eisen-Nickel-Metoriten, der typischerweise mit einigen km/s auf einen Planeten einschlägt, hätte es beim Aufschlag in viele kleine Bruchteile zerbrochen. Das ist aber nicht geschehen. Er kann also eigentlich nur dann heruntergekommen sein, als die Marsatmosphäre sehr viel dicker gewesen ist. Und der Mars selber vermutlich sehr viel feuchter.

Quelle: Mars Exploration Rover Pressemitteilung

Wo wir bereits dabei sind. Hier ist mal eine besonders schöne Ansicht des Victoria-Kraters, wo der Rover Opportunity gerade unterwegs ist:

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Bild (NASA/JPL/University of Arizona): Victoria Crater aufgenommen von der Kamera HiRISE an Bord der amerikanischen Raumsonde Mars Reconnaissance Orbiter. Man kann sogar links vom Krater die Roverspuren im Marssand erkennen. Geht dazu einfach mal auf dieses Bild und auf die größte Ansicht. Emily Lakdawalla von der Planetary Society hat sogar eine “Straßenkarte” entlang des Kraters angefertigt. Das Bild ist so gut, dass Emily bei einer weiteren Analyse den Rover selbst und den Meteoriten “Block Island” gefunden hat.

Bei HiRISE empfehle ich die HiFlyers. Jede Woche kommt ein Satz von Bildern des Planeten Mars heraus:

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Wo wir gerade bei den Rovern sind. Die feiern gerade ein außerordentliches Datum:

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via Astro0 in Space
Spirit hat seinen 2000 Marstag (fast so lang wie ein Erdtag) schon hinter sich und Opportunity wird bald folgen. 2000 Marstage sind verdammt gut für eine Mission, die auf ursprünglich 90 Marstage ausgelegt war.

Auch damals hieß es: Ach Gottchen, das ist ja sooo teuer.

Und wieviel kostete das Ganze laut Wikipedia:
Für die Primärmission entstanden insgesamt 820 Millionen Dollar Kosten, davon entfielen 645 Millionen Dollar auf die Entwicklung der Raumfahrzeuge und der wissenschaftlichen Instrumente. Der Raketenstart kostete 100 Millionen Dollar, 75 Millionen Dollar entfielen auf die Missionsoperation und die wissenschaftliche Auswertung. Die weiteren Betriebskosten für beide Rover liegen bei 20 Millionen Dollar pro Jahr.

Über 5 Jahre Marserkundung mit deutscher Beteiligung kostet insgesamt etwa 1/5 des Geldes, das wohl dieses Jahr in Deutschland für Abwrackprämie ausgezahlt wird (5 Milliarden Euro). Im Fall der Abwrackprämie kommen wir mit den Autos wie weit? Zum nächsten Bäcker? Die nächste Stadt? Ins Nachbarland?

Auf der anderen Seite steht die Erkundung eines ganzen fremden Planeten. Und jeder Mensch auf diesem Planeten hat prinzipiell die Möglichkeit mit auf die Reise zu gehen. Man braucht einfach nur einen Internetzugang und schon kann man selbst zu einem Marsentdecker werden. Das nenne ich mal das ultimative Carsharing.

*abschätzig schnaub*Ja klar, total teuer.

Zum Abschluss ein Gedicht:
This morning, yawning as I woke
From another Troy-trapped night
I watched Sol rise for the 2000th time
And wondered: “Was it all a dream?”
Did I really climb the scree-streaked
Side of Husband Hill? Did one night I thrill
To the sight of shooting stars and two
Silvery moons fleeing across the sky? Did I
Drag my ruined wheel for mile after endless mile,
Ploughing a ragged furrow through Barsoom’s
Cinnamon-dusted crust before Doom
Caught up with me and left me stranded
Here, impatient in this pit of ancient sand?

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Kommentare (6)

  1. #1 buch
    August 24, 2009

    Das mit der Thermoskanne ist nicht ganz richtig, Aussen und Innenwand trennt zwar ein Vakuum das die Wärmeleitung verhindert, die Innenwand ist aber zusätzlich verspiegelt was Verluste durch Wärmestrahlung extrem verkleinert.
    Das eine Thermoskanne trotzdem nicht ewig heiss oder kalt hält, liegt hauptsächlich am Deckel der keine trennende Vakuumschicht enthält. Ein kleines bisschen Wärme wird sicher auch dadurch übertragen das Innnenwand und Aussenwand irgendwo miteinander verbunden sein müssen. Der Verlust durch Wärmestrahlung ist demgegenüber wahrscheinlich vernachlässigbar.

  2. #2 Christian W
    August 24, 2009

    Bevor das jemand anderes tut: Toll. Tolle Bilder, tolle Neuigkeiten, tolle Erkenntnisse. Wie kann man denn bitte gesunden Verstandes nicht den Wert dieser Dinge erkennen?

  3. #3 Holger
    August 25, 2009

    Wenn der Brocken durch die Atmosphäre abgebremst wurde, wobei es vermutlich eine grell leuchtende Explosion am Marshimmel gegeben hat, wie kann er dann an der Oberfläche Strukturen zeigen, die bei der langsamen Abkühlung im Weltall entstanden sind? Reichen die Temperaturen beim Einschlag nicht aus, diesen Effekt wieder zunichte zu machen?

  4. #4 Ludmila
    August 25, 2009

    @Holger: Das ist eine gute Frage.

    Die Antwort ist schlicht, dass dieser Brocken ein paar Milliarden Jahre in einer Umgebung rumliegt, in der es öfters mal Sandstürme und Staubteufel gibt. Das wirkt wie Schmirgelpapier, so dass an ein paar Stellen schon das Innere zutage tritt.

  5. #5 Holger
    August 26, 2009

    Danke, die Erklärung hört sich plausibel an.

  6. #6 H.M.Voynich
    August 26, 2009

    “… insgesamt 820 Millionen Dollar Kosten … 75 Millionen Dollar entfielen auf die Missionsoperation und die wissenschaftliche Auswertung”
    Keine zehn Prozent für die Auswertung? Da sieht man’s ja schon, nichtmal jeder zehnte Dollar vermehrt wirklich unser Wissen.
    Aber das ist ja eh untertrieben: wenn die Daten ergiebig sind, werden sie wahrscheinlich in 20 Jahren noch weiter ausgewertet werden, Professoren werden Jahre ihres Lebens damit verbringen, darüber zu referieren und zu publizieren, alles von unseren Steuergeldern – womöglich werden sogar spezifische Nachfolgeuntersuchungen vor Ort gestartet! So ein Wahnsinn! 😉