Die größte Anbieter von Trägerraketen in den USA, die United Launch Alliance (ULA), steckt in einer tiefen Krise. Wie tief die Krise tatsächlich ist, wurde heute klar. Es wird über ernsthafte Verhandlungen berichtet, in denen der Triebwerkshersteller Aerojet Rocketdyne die gesamte ULA kaufen möchte. Cash. Für den lächerlichen Preis von zwei Milliarden Dollar. Apple macht so viel Profit in nicht einmal zwei Wochen.
Die ULA hat in den letzten 10 Jahren fast alle größeren Satelliten für die NASA und das Militär der USA gestartet. Es ist keine kleine Klitsche, die durch Zufall an ein paar Regierungsaufträger heran gekommen ist. Wenn es so etwas wie kritische Teile im militärisch-industriellen Komplex der USA gibt, dann gehört die ULA fraglos dazu.
Die ULA ist der Anbieter der Delta IV und der Atlas V Rakete. Das Problem: Beide Raketen haben keine Zukunft. Die Delta IV ist längst viel zu teuer und wer meinen Blog regelmäßig liest, kennt auch schon die Probleme mit dem RD-180 Triebwerk der Atlas V, die auch dieser Rakete jetzt das Genick gebrochen haben.
Zwar hat die ULA angekündigt, diese beiden Raketen durch einen eilig zusammengeschusterten Nachfolger zu ersten, aber die traf auf breite Skepsis. Das Haupttriebwerk der neuen “Vulcan” Rakete sollte von Blue Origin kommen, ein absoluter Neuling in der Branche. Das geht einher mit der Einführung von Methan, das dort zum ersten mal in großem Maßstab als Treibstoff zum Einsatz käme.
Unter anderen Umständen wäre dieses Projekt sicherlich eine gute Idee und begrüßenswert. Aber hier liegt der Fall anders. Nach dem die ULA keine RD-180 Triebwerke mehr kaufen darf und die Delta IV ausläuft, steht sie unter extremen Zeitdruck. Innerhalb von 3-4 Jahren eine völlig neue Raketenstufe zu entwickeln, mit einer völlig neuen Triebswerktechnologie von einer bisher unerfahrenen Firma, ist kaum glaubhaft. Man muss davon ausgehen, dass entweder der Zeitrahmen überschritten wird, die Zuverlässig nicht garantiert werden kann oder das Budget massiv überschritten wird. Möglicherweise auch alles zusammen.
Aerojet Rocketdyne plant schon seit längerer Zeit einen Ersatz für das RD-180 Triebwerk zu bauen, letztendlich ein Nachbau auf Grundlage der gleichen Technologie, das AR-1. Man könnte damit die Atlas V Rakete ausstatten, ohne den Rest der Rakete ändern zu müssen. Es ist genau die Form von Lösung, die der Situation angemessen ist. (Alternativen bestehen in Spitzfindigkeiten wie dem Import von russischen RD-181 Triebwerken von Russland, oder dem Kauf von bereits importierten RD-181 Triebwerken von ATK-Orbital, die sie für die Antares Rakete gekauft haben.)
Warum die ULA diese Option nicht gewählt hat, hat man nie schlüssig begründet. Es ist jedenfalls offensichtlich, dass sich ULA komplett von Aerojet Rocketdyne lösen wollte. Schließlich sollte auch die Oberstufe der Vulcan baldmöglich durch eine Neuentwicklung ersetzt werden. Das hätte dann fast das Ende der Raumfahrtsparte von Aerojet Rocketdyne bedeutet, von gelegentlichen Nachbauten der SpaceShuttle Triebwerke (RS-25) für die SLS einmal abgesehen.
An sich ist das Angebot die ULA aufzukaufen damit gut verständlich. Vom RD-180 abgesehen kamen ohnehin alle Triebwerke der Delta IV und Atlas V von Aerojet Rocketdyne. Mit der Integration der gesamten Produktion in einem Unternehmen könnte Aerojet Rocketdyne tatsächlich zu einem annähernd gleichwertigen Konkurrenten von SpaceX werden. Auch dort kämen dann alle wichtigen Teile aus einer Hand.
Es bliebe aber immernoch der Unterschied der konsequenten Auslegung auf Massenproduktion von Triebwerken bei SpaceX. Bei der ULA setzt man dagegen weiter auf Einzelanfertigung von Triebwerken, die auf die jeweilige Stufe speziell angepasst sind. Ob die Optimierung der Leistung die höheren Preise in der Produktion aufwiegen kann, wird man dann sehen.
Vorher muss man aber noch abwarten, ob der Deal zustande kommt. Angeblich sind die Verhandlungen schon weit fortgeschritten und ein Ergebnis könnte es schon nächste Woche geben. Selbst wenn er nicht zustande kommt: Die Verhandlungen sind ernst, bei einem extrem niedrigen Verhandlungspreis. Nichts könnte deutlicher die Krise zeigen, in der sich die ULA befindet.

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