So müsste es gehen, sagt das Umweltbundesamt: Die Energiewirtschaft fährt ihre Emissionen bis 2050 auf Null zurück. Die von mir beschriftete Darstellung stammt aus einer Sonderausgabe der "Zeitschrift für Umweltpolitik & Umweltrecht" vom Juni 2016.
So müsste es gehen, sagt das Umweltbundesamt: Die Energiewirtschaft fährt ihre Emissionen bis 2050 auf Null zurück. Die von mir beschriftete Darstellung stammt aus einer Sonderausgabe der "Zeitschrift für Umweltpolitik & Umweltrecht" vom Juni 2016.

Der Weltklimavertrag von Paris, der am 4. November in Kraft tritt, wird uns jahrzehntelang begleiten. Wird er den Klimaschutz voranbringen? Es ist höchste Zeit, einen Blick in den Vertragstext zu werfen. Ein multimediales Projekt soll das erleichtern.

 

Heute tritt der Weltklimavertrag in Kraft, den 195 Staaten vor knapp einem Jahr in Paris verabschiedet haben. Für das In-Kraft-Treten gab es zwei Bedingungen: Mindestens 55 Staaten müssen das Vertragswerk ratifizieren, und sie müssen zusammen für mindestens 55 Prozent des weltweiten CO2-Ausstoßes verantwortlich sein. Die USA und China haben das Pariser Abkommen erstaunlich schnell als Recht anerkannt, die EU folgte einige Wochen später. Am 5. Oktober waren beide Quoren erfüllt, und so tritt der Vertrag nun, 30 Tage später, als verbindliches Regelwerk in Kraft. Er gilt nur für die Staaten, die ihn ratifiziert haben, aber das werden sicher bald noch mehr. Die Vereinten Nationen präsentieren auf dieser Website den Stand der Dinge.

Das Paris Agreement, wie der Vertrag genannt wird, bleibt an vielen Stellen vage und sieht auch keine Sanktionen vor, falls die ehrgeizigen Klimaschutzziele nicht erreicht werden. Aber es gibt politischen Akteuren neue Werkzeuge an die Hand – bessere als die beiden bisherigen Klimaverträge (die Rahmenkonvention vom Erdgipfel in Rio 1992 und das Kyoto-Protokoll aus dem Jahr 1997, dessen Nachfolger nie in Kraft getreten ist und nun vermutlich einfach links liegen gelassen wird). Kristin Reißig von der Umweltschutzorganisation WWF in Berlin freut sich zum Beispiel über die Formulierung in Artikel 2, Absatz 1c des Abkommens. Dort steht, dass die globalen Finanzströme so gestaltet werden müssen, dass die Ziele des Vertrags erfüllt werden. Das klingt vage, aber es setzt die Politik unter Zugzwang, denn sie muss nun erkären, wie das aussehen soll. Der WWF macht dazu zwei Vorschläge, die zügig umgesetzt werden könnten: Die Staaten investieren stärker in erneuerbare Energien und führen Marktregeln ein, die das Klimarisiko von Investitionen besser abbilden – und dadurch letztlich klimaschädliche Produkte verteuern. „Mit dieser Formulierung im Vertrag können wir gut arbeiten“, sagt Reißig.

Mehr Transparenz im Journalismus

Kristin Reißig gehört zu den Fachleuten, die ich gerade für ein Projekt zum Weltklimavertrag um Rat bitte. Ich möchte den sperrigen Vertragstext mit digitalen Mitteln lesbar machen; die Nutzer sollen ihn – journalistisch angeleitet oder auf eigene Faust – erkunden und verstehen können. Vielleicht wirkt das der Skepsis entgegen, mit der viele Menschen journalistische Berichte verfolgen. Im besten Fall habe ich am Ende auch eine Vorstellung davon, wie man mit anderen sperrigen Texten umgehen kann. Ich hätte gerne die Mittel, um beispielsweise den Aufbau eines Fachartikels von Albert Einstein zu erklären oder die letzten Änderungen im Freihandelsabkommen CETA. Auch Urteilsbegründungen, behördliche Gutachten und Koalitionsverträge warten darauf, im Volltext erschlossen zu werden.

Mein Pilotprojekt zum Weltklimavertrag wird von der Robert Bosch Stiftung in ihrer „Masterclass Wissenschaftsjournalismus“ gefördert. Ich arbeite mit den Kollegen Georg Dahm und Denis Dilba vom multimedialen Wissenschaftsmagazin „Substanz“ und den Designern Tom Duscher und Konrad Rappaport des Science Communication Labs aus Kiel zusammen. In einem halben Jahr wollen wir unseren multimedialen Zugang zum Weltklimavertrag präsentieren.

Mehr Vertrauen zwischen den Staaten

Und was steht im Pariser Abkommen? Die Staaten wollen zwei Ziele parallel verfolgen: den Temperaturanstieg auf deutlich unter zwei Grad zu begrenzen und zugleich die vom Klimawandel am stärksten betroffenen Staaten (typischerweise Entwicklungsländer, die wenig Treibhausgase emittieren) auf die kommenden Naturkatastrophen vorzubereiten. Wie das genau gehen soll, steht nicht im Vertrag, und manche Wissenschaftler halten das Temperaturziel auch für illusorisch. Deutschland hat seine Emissionen seit 1990 um 27 Prozent gesenkt, das meiste davon gleich nach der Wiedervereinigung. In den vergangenen zehn Jahren gingen die Emissionen um etwa ein Prozent im Jahr zurück. Um die Ziele des Weltklimavertrags zu erreichen, müssten es künftig vier bis acht Prozent im Jahr sein. Der Streit zwischen den Bundesministerien, über den zum Beispiel “Spiegel Online” berichtet, macht keine großen Hoffnungen, dieses Tempo zu erreichen.

Der Weltklimarat IPCC will in den kommenden zwei Jahren den Forschungsstand zu solchen drastischen Minderungen auf rund 200 Seiten zusammenfassen, beschloss das Gremium im Oktober. Aber in der „NZZ am Sonntag“ fordert Oliver Geden von der Stiftung Wissenschaft und Politik mit seinem Kollegen Stefan Schäfer vom Institute for Advanced Sustainability Studies schon einmal, die umstrittene und riskante CO2-Entnahme gründlicher zu erforschen, weil man auf negative Emissionen angewiesen sein werde, wenn man es mit dem Weltklimavertrag ernst meine.

Immerhin eins steht seit dem Klimagipfel von Paris fest: Die Staaten der Welt werden künftig über solche Fragen beraten. Sie haben sich verpflichtet, alle zwei Jahre über ihre Bemühungen offen und ehrlich Auskunft zu geben. Das ist neu, denn wenn man die Berichte künftig bewerten kann, steigt der politische Druck. Die Kriterien für die Berichte sollen übrigens beim Klimagipfel in Marrakesch ausgehandelt werden, der am Montag beginnt. Auch wenn Berichtskriterien nach bürokratischer Langweile klingen, darf man gespannt sein. Denn nur aussagekräftige und vergleichbare Berichte werden dem Pariser Abkommen zur Wirkung verhelfen.

Nachtrag: In der “Zeitschrift für Umweltpolitik & Umweltrecht” gibt es übrigens auch einen Beitrag von mir.

Kommentare (12)

  1. #1 Dr. Webbaer
    4. November 2016

    Es gibt hier grundsätzlich drei Hoffnungen, die internationale Kooperations-Lage scheint ein Dilemma zu sein, auch weil Kooperierende nicht belohnt werden müssen:
    A) Die Prädiktion, die sogenannte CO2-zentrierte Klima-Sensitivität meinend, könnte, auch negative Feedbacks (idR wird meist über positive, verstärkende Feedbacks kommuniziert / publiziert – dies muss aber nicht so sein) betreffend bei ca. + 1 K liegen – dann wären sozusagen einige Jahrhunderte an Entscheidungsspielraum gewonnen.
    B) Mitigation, also die Abschwächung der klimatologischen Folgen klima-relevanter Ausgasung, könnte alsbald besser funktionieren als zurzeit erwartet, die Technologisierung schreitet ja sozusagen unbarmherzig fort und hier ließe sich zukünftig womöglich viel machen, auch i.p. Eindämmung, als zurzeit angedacht ist.
    C) Die Sache wird, gerne auch unilateral, in einiger Zeit durch einen sogenannten Workaround bearbeitet, auch durch sogenanntes Geo-Engineering.


    Von sozusagen protestantischem Sparen, vgl. hiermit, erwarten sich viele aber nichts, auch weil sich hier ungünstige kollektivistische Reminiszenzen aufdrängen.
    Die Welt funktioniert so nicht.

    MFG + schönes Wochenende schon einmal,
    Dr. Webbaer

  2. #2 cero
    4. November 2016

    Könntest du die Grafik oben etwas näher erläutern? So wirkt sie wie ein Paradebeispiel aus “Wie lügt man mit Statistik.” – keine Achsenbeschriftung, unklarer y-Startwert, scheinbar beliebiger x-Startwert.

    Sind das die Gesamtemissionen oder ein “Emissionsüberschuss”?

    • #3 Alexander Mäder
      4. November 2016

      Es handelt sich um den CO2-Ausstoß der deutschen Energiewirtschaft. Der Balken für das Jahr 2014 zeigt rund 350 Millionen Tonnen an, etwa 40 Prozent der Gesamtemissionen des Landes. Um die genaue Höhe geht es mir aber nicht, sondern vielmehr um den ambitionierten Pfeil ganz rechts: Er verdeutlicht die Herausforderung.

  3. #4 Ulf
    4. November 2016

    > Aber es gibt politischen Akteuren neue Werkzeuge an die
    > Hand – bessere als die beiden bisherigen Klimaverträge

    – welche neuen Werkzeuge sind gemeint?
    – was ist an diesem Vertrag anders, als zu dem alten Vertrag der links liegengelassen wurde?
    – sind das nicht alles vage Aussagen?
    – eine Regulierung ist doch nicht vorgesehen?

    • #5 Alexander Mäder
      5. November 2016

      Strafen oder auch nur Kritik von offizieller Stelle sind nicht vorgesehen. Der Vertrag soll wirken, indem Transparenz und Vergleichbarkeit hergestellt werden und dies politisch genutzt wird. (Ein Beispiel habe ich genannt.) Das gab es in dieser Form bisher nicht.

  4. #6 Berthold
    5. November 2016

    ” Er verdeutlicht die Herausforderung.”

    Sehe ich nicht so, da die Skala nach belieben manipuliert wird. Zeichnen Sie das doch einmal neu & ordentlich, dann wird vor allem klar, dass der rote Abstieg flacher verläuft.

    Die Grafik ist typisch für die Klimadiskussion.

    • #7 Alexander Mäder
      5. November 2016

      Die Skala ist nicht manipuliert. Wenn man das Jahr 2050 nach rechts verschiebt, verläuft der Abstieg natürlich flacher. Aber das Ziel würde weiterhin 0 lauten, und das ist eine ziemliche Herausforderung. Wenn man dieses Ziel erreichen will, müsste man in 35 Jahren alle fossilen Kraftkwerke abschalten oder das CO2 abscheiden oder durch Aufforstung von Wäldern neutralisieren. Das heißt, man müsste im Grunde den Energieversorgern heute sagen, dass keine Neubauten oder verlängerte Laufzeiten mehr genehmigt werden.

  5. #8 Marcus Anhäuser
    5. November 2016

    Ein bisschen irreführend ist aber schon, dass auf das Jahr 2015 das Zieljahr 2050 kommt. So entsteht der Eimdruck, dass eine ziemlich kurze Zeit zur Verfügung steht, um den Ausstoß auf 0 zu kriegen.

    • #9 Alexander Mäder
      5. November 2016

      Der Eindruck ist angemessen, finde ich. 35 Jahre sind nicht viel Zeit. Und der Blick auf die CO2-Reduktionen der vergangenen 10 oder 20 Jahre lässt nicht hoffen, dass wir es nun packen werden.

      Trotzdem darf man jetzt nich fatalistisch werden und aufgeben. Darüber schreibe ich in meinem nächsten Post.

  6. #10 cero
    5. November 2016

    35 Jahre sind nicht viel Zeit.

    Ja, nur fast 1.5x so viel, wie der ganze Zeitraum, den die restliche Statisitik abdeckt…

    Und wo steht eigentlich, dass die Emissionen auf 0 sinken sollen? Egal wo ich suche finde ich immer nur die Aussage “Reduzierung um 80% (bezogen auf 1990)”. Der Endpunkt wäre dann also in etwa auf Höhe der ersten horizontalen Linie (etwas darunter) im Bild.

    • #11 Alexander Mäder
      5. November 2016

      Die Empfehlung stammt vom Umweltbundesamt und bezieht sich auf die Energiewirtschaft. Bei den 80% (eigentlich immer 80 bis 95%) sind alle Emissionen gemeint. Sektoren wie der Verkehr dürften es noch schwerer haben als die Energiewirtschaft.

  7. #12 Rotkäppchen
    Hannover
    7. November 2016

    Ausgelagerter Energieverbrauch

    In der Diskussion um nationale Energieverbräuche wird völlig ausgeblendet, dass immer mehr energiehaltige Zwischenprodukte, z.B. Amoniak anstatt von Erdgas, eingeführt werden. Ebenso werden Produktionen ausgelagert, die Wertschöpfung bleibt aber im Industrieland.

    Darum ist zweifelhaft, ob die Bundesrepublik überhaupt die im Text erwähnten 1% jährliche Primärenergieverbrauchssenkung erreicht hat.