Es ist traurig. Die Gefahr, die von radioaktiven Stoffen ausgeht, ist eine ernste Sache, die man mit wissenschaftlichem Sachverstand diskutieren sollte. Leider wird das viel zu selten gemacht. “Atomkraft” scheint zum Kampfbegriff geworden zu sein, der sofort jedes rationale Denken ausschaltet. Heute wurde in Wien (wieder einmal) ein Bericht über die Auswirkungen der Tschernobyl-Katastrophe veröffentlicht. Er präsentiert derart horrorfilmverdächtige Daten, dass natürlich alle Medien darüber schreiben. Mit Wissenschaft hat das aber deshalb noch lange nichts zu tun.

Tschernobyltote in Mitteleuropa?

Tausend bis zweitausend zusätzliche Krebstote soll es alleine in Österreich geben, sagen Ian Fairlie und Global 2000. (Dass sich Fairlie als “independent Consultant” bezeichnet und nicht etwa als Wissenschaftler an einer anerkannten Universität tätig ist, sei nur nebenbei erwähnt – das heißt schließlich noch lange nicht, dass er falsch liegt.) Insgesamt spricht Fairlie von 40.000 Krebstoten durch die Tschernobyl-Katastrophe.

Wie werden solche Zahlen erhoben? Natürlich gibt es keine wissenschaftliche Möglichkeit, bei einzelnen Krebserkrankungen herauszufinden, ob sie von der Tschernobyl-Katastrophe ausgelöst wurden oder auch ohne die Katastrophe ausgebrochen wären. Man könnte epidemiologisch untersuchen, wie stark nach der Tschernobyl-Katastrophe die Häufigkeit bestimmter Krankheiten angestiegen ist. Daraus könnte man dann statistisch hochrechnen, wie viele dieser Krankheitsfälle durch die Tschernobyl-Katastrophe ausgelöst worden sind. Das klingt sinnvoll – hat aber nichts damit zu tun, wie Fairlie und Global 2000 an ihre Abschätzungen kommen.

Würde man die Daten auf diese epidemiologische Weise ermitteln, käme man nämlich bei der Anzahl der österreichsichen Tschernobyltoten auf eine langweilige Null. Selbst in den am schwersten betroffenen Gebieten in Belarus und der Ukraine sind keine erhöhten Krebsraten nachgewiesen – mit Ausnahme von Schilddrüsenkrebs, insbesondere bei Kindern. Es gibt einzelne Publikationen, die auch bei anderen Krebsarten leichte Steigerungen zu finden behaupten (zum Beispiel unter den sogenannten “Liquidatoren”, den Aufräumarbeitern nach der Katastrophe), aber das ist umstritten. In Mitteleuropa kursierende Panikmeldungen (alle Liquidatoren tot, Missbildungen bei Kindern) sind nicht haltbar.

Doch darum geht es hier gar nicht – in den Panikmeldungen von heute steht die Frage im Mittelpunkt, wie viele Menschen hier bei uns in Mitteleuropa an der Tschernobyl-Katastrophe gestorben sind. Hier aus epidemiologischen Daten irgendwelche Effekte herauszufiltern, ist hoffnungslos, das wissen auch Ian Fairlie und Konsorten.

Das LNT-Modell

Daher wenden sie gerne eine andere Taktik an: Sie erheben, wie viel radioaktives Material frei wurde und versuchen daraus zu berechnen, wie viel Menschen dadurch geschädigt wurden. Dabei wird ein sogenanntes “Linear-No-Threshold”-Modell (LNT) angewandt: Man geht davon aus, dass es einen linearen Zusammenhang zwischen Strahlenbelastung und Todesrate gibt. Angenommen, man weiß, dass bei einer bestimmten Dosis 50% der betroffenen Menschen sterben. Dann geht man nach dem linearen Modell davon aus, dass bei einer hundertfach kleineren Dosis auch die Todesrate hundertmal kleiner ist – also 0.5%. Wenn man das zu winzigen Dosen fortsetzt, wird die Todesrate zwar winzig, aber wenn gleichzeitig eine gewaltige Anzahl von Menschen von dieser Mini-Dosis betroffen sind, kann sich das trotzdem noch zu einer stattlichen Anzahl von Opfern hochmultiplizieren. Genau das hat Ian Fairlie gemacht. Weite Teile Europas waren nach Tschernobyl von geringen Menden radioaktiver Strahlung betroffen, man kann daher viele Millionen Menschen in die Rechnung einbeziehen. Selbst wenn die Belastung winzig war, kommt man nach diesem Modell auf tausende Opfer.

Doch ist das wissenschaftlich redlich? In hohen Dosis-Bereichen gibt es tatsächlich einen annähernd linearen Zusammenhang zwischen Dosis und Wirkung. Man hat vor allem anhand der Atombomben-Opfer in Japan viel darüber gelernt. Doch dort war die Radioaktivität natürlich um Größenordnungen höher. Anzunehmen, dass die lineare Beziehung zwischen Dosis und Wirkung auch bei minimalen Belastungen gilt, ist reine Mutmaßung. Wenn eine bestimmte Menge Kochsalz einen Menschen umbringt, töte ich dann statistisch auch einen Menschen, wenn ich mit derselben Menge an Salz tausenden Leuten eine Suppe koche?

Die Wahrheit ist: Wir wissen nicht, wie sich minimale radioaktive Dosen auswirken. Es gibt Grund zur Annahme, dass unser Körper mit radioaktiver Strahlung unterhalb einer gewissen Grenze gut zurechtkommt – schließlich sind wir ununterbrochen natürlicher Strahlung ausgesetzt. Die kosmische Strahlung, Radon aus der Erde oder auch Radioaktivität des Gesteins unter uns beeinflusst unseren Körper ständig. Die zusätzliche Dosis, die wir in Mitteleuropa durch den Unfall von Tschernobyl abbekommen haben ist viel kleiner, als die Dosis, die wir aus ganz natürlichen Quellen jedes Jahr abbekommen. Mehr noch: Die zusätzliche Tschernobyl-Strahlenbelastung ist sogar geringer als die regionalen Unterschiede in der Strahlenbelastung. Ob in der Ukraine ein Reaktor explodiert oder nicht hat auf die Strahlenbelastung eines Mitteleuropäers mittelfristig einen geringeren Einfluss als sein Wohnort.

Nun kann man sagen: Wenn wir nicht garantieren können, dass minimale Strahlungsdosen harmlos sind, dann sollten wir vom Schlimmsten ausgehen und maximale Vorsicht walten lassen. Man könnte Fairlies Berechnungen als Worst-Case-Szenario betrachten, nachdem man sich aus purer Vorsicht richten kann. Doch dann müssten wir uns konsequenterweise ganz anders verhalten. Wenn wir nämlich so argumentieren, müssten wir sofort alle Erdgeschoß- und Kellerwohnungen räumen, in denen Radon nachweisbar ist, wir müssten das Granithochland evakuieren, in denen die natürliche Strahlenbelastung höher ist als anderswo, wir müssten Transatlantikflüge verbieten. Wir müssten Bananen aus den Supermärkten verbannen, sie enthalten nämlich radioaktives Kalium. Niemand geht davon aus, dass die minimale Belastung durch eine Banane ein Problem sein könnte – aber naiv nach dem Linearen No-Threshold-Modell berechnet, kommt es im Jahr weltweit zu tausenden Bananentoten.

Bleiben wir bei den Tatsachen!

Tatsache ist, dass Tschernobyl eine furchtbare Katastrophe war. Zahlreiche Menschen sind daran gestorben – die WHO und die IAEO haben sehr detaillierte Studien dazu gemacht und kamen zu einer Abschätzung von mehreren tausen Menschen, die direkt oder indirekt durch Tschernobyl zu Tode kamen. Das ist eine gewaltige Zahl. Jeder einzelne Tote ist eine Tragödie. Jedes einzelne Kind mit Schilddrüsenkrebs (auch wenn zum Glück viele geheilt werden konnten) ist eine persönliche Katastrophe.

Umweltschutzorganisationen könnten bei den Fakten bleiben – sie sind schlimm genug und eignen sich zweifellos als Argumente gegen Kernenergie. Ich halte es für eine Beleidigung der Leute, die tatsächlich unter der Reaktorkatastrophe zu leiden hatten, wenn man heute so tut, als müsse man mit zweifelhaften statistischen Methoden die Katastrophe größer aufbauschen als sie tatsächlich war. Wenn Umweltschutzorganisationen dieses schreckliche Unglück auf künstliche Weise statistisch aufbauschen, dann tun sie so, als wäre die offizielle wissenschaftliche Faktenlage noch nicht dramatisch genug. Wieso? Reichen tausende Tote denn nicht? Müssen es wirklich hunderttausende sein?

 

 

Kommentare (37)

  1. #1 Joseph Kuhn
    http://scienceblogs.de/gesundheits-check/
    März 7, 2016

    Der Vergleich mit dem Kochsalz ist nicht gut. Zuviel Salz mag ungesund sein, ausreichend Salz ist notwendig.

    Dass der Körper mit kleinen Strahlendosen umgehen kann, trifft zu, es gibt z.B. DNA-Reparaturmechanismen. Aber warum passt das nicht zum LNT-Modell? Dass die Zellschäden statistisch mit der Dosis gegen Null gehen, setzt das nicht gerade solche Mechanismen voraus? Es wird eben nur kein Schwellenwert angenommen, was bei Strahlenschäden ja keine esoterische Sicht der Dinge ist.

    Ansonsten stimme ich zu. Das Thema Radioaktivität ist eins, das schnell irrationale Ängste mobilisieren kann, wie viele Gefahren, denen man sich hilflos ausgeliefert fühlt, und die dazu noch “unsichtbar” sind. Da fährt man lieber Auto, raucht oder trinkt Bier in rauhen Mengen.

    Du sprichst oben von “einzelnen Publikationen” zu Krebs durch Tschernobyl, es sei aber alles umstritten. Nach 30 Jahren eigentlich ein bisschen merkwürdig.

  2. #2 Peter Köhler
    März 8, 2016

    Im Prinzip stimme ich zu, die meisten Schätzungen für Tschernobylopfer sind viel zu hoch (4 Mio bei Greenpeace). Andererseits sollte man die Niedrigdosen auf große Bevölkerungsgruppen außerhalb Weißrusslands auch nicht völlig beiseitelassen. Das LNT-Modell ist erst kürzlich wieder gestützt worden, durch die INWORKS-Studie an Arbeitern in der Atomindustrie (http://www.thelancet.com/journals/lanhae/article/PIIS2352-3026(15)00094-0/abstract) Die Wahrheit wird in der Mitte liegen.

    Was die “Bananentoten” durch K-40 angeht: Bei einer Weltproduktion von ca. 20 Bananen pro Person und geschätzt 0.1 uSv pro Stück komme ich auf weltweit 700 tödliche Krebserkrankungen im Jahr. Scheint mir durchaus plausibel.

  3. #3 Lercherl
    März 8, 2016

    Die meisten Tschernobyl-Todesopfer sind wohl indirekte, durch Stresserkrankungen, Alkoholismus, Selbstmorde. Da lässt sich noch viel weniger quantifizieren, wie viel davon auf Tschernobyl zurückzuführen ist und wie viel auf andere Ursachen wie den kurz darauf erfolgten Zusammenbruch der Sowjetunion und die damit verbundene allgemeine Unsicherheit und wirtschaftlichen Schwierigkeiten.

  4. #4 demolog
    März 8, 2016

    Die Berechnung der Krebstoten ohne Supergau / durch natürliche Belastung kann man auch nicht als genau stehen lassen.
    Zählt man da die tausenden Atombombenversuche zu natürlichen Belastung? 1

    Ich meine, nachdem Pandorras Box offen steht (seit dem Atomzeitalter), gibt es diese “natürliche” Belastungsgrenze nicht mehr. Man muß die Belastung durch permanent bestehende Strahlung umbenennen. Weil diese Strahlung nicht mehr “natürlich” ist.

    Würde man auch solche Belastungen, die durch Asteroiden und Meteoriten in der Atmosphäre und später an der Oberfläche des Erdbodens landen, auch zu einer natürlichen Belastung hinzu zählen? Etwa durch den Tunguska-Vorfall, der – wenn es ein Objekt aus dem Weltraum gewesen war – mit Sicherheit auch radioaktive Strahlung hat freigesetzt, die daraufhin auf der ganzen Nordhalbkugel verteilt als Belastung gelten muß. Solcherart Belastungen kann ich nur schwer als “natürliche” anerkennen.

  5. #5 Alisier
    März 8, 2016

    Ich bin mir nicht ganz so sicher, was es bringen soll, jetzt auf zudem erwartetenden Übertreibungen herumzureiten.
    Das Ding ist in die Luft geflogen, und hat große Landstriche verstrahlt. Genauso wie das Ding in Fukushima in die Luft geflogen ist und ebenfalls große Flächen für Menschen unbewohnbar gemacht hat.
    Mir persönlich recht das, um zumindest zu überlegen, ob es das Risiko wert ist.
    Mit Zahlen von Toten und Todkranken zu hantieren halte ich generell für etwas unappetitlich. Es hilft ihnen nämlich nicht.
    Für Lesenswert halte ich übrigens Swetlana Alexijewitschs Buch: “Tschernobyl-eine Chronik der Zukunft”, nicht um der Atomenergie eins reinzuwürgen, sondern um zu begreifen was neben Kranken und Toten sonst noch wichtig sein könnte.

  6. #6 Ingo
    März 8, 2016

    Ich finde den Artikel wichtig und richtig.

    Die Art und Weise wie oeffentliche Diskussionen gefuehrt werden hat aber leider ihre eigenen Gesetzmaessigkeiten.
    Oeffentliche Diskussionen werden sicherlich nicht auf wissenschaftlicher Basis gefuehrt, sondern immer auch emotionaler Basis.
    Je nach Serioesitaetslevel werden bei solchen Berichten immer gerne Archivbilder von leidenen Kindern auf die Leinwand geworfen. Dadurch werden die eigentlichen Aussagen nahezu beliebig, und sachliches Handeln schwierig.

    Die Frage die ich mir stelle: ist das gut oder schlecht.
    Sachlich getriebene Diskussionene koennen natuerlich Handlungsanweisungen geben um ein bestimmtes Problem zu loesen,- aber koennen sie auch Richtungen vorgeben?

    Was sind die positiven Seiten emotional gefuehrter Debatten.

  7. #7 Beobachter
    März 8, 2016

    @ Alisier, # 5:

    Zitat, Auszug:

    “Mit Zahlen von Toten und Todkranken zu hantieren halte ich generell für etwas unappetitlich. Es hilft ihnen nämlich nicht.”

    Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen …
    Du lieber Himmel !

    Nur “unappetitlich”, nicht hilfreich ?!
    Bei Opfern von AKW-GAUs ?
    Auch bei Opfern von Erkrankungen anderer Art, z. B. Todesfällen und Todkranken in Krankenhäusern und Pflegeheimen ?

    Noch nie was von Ursachenforschung, Prävention, vorbeugenden Maßnahmen, Fehleranalyse etc. gehört ?

  8. #8 Alisier
    März 8, 2016

    Ich meinte was anderes. Zu sagen: Das sind jetzt aber 125600 potenzielle Todesopfer und nicht 140765!” bringts nicht.
    Ich denke, so undeutlich werde ich doch hoffentlich nicht gewesen sein.

  9. #9 Alisier
    März 8, 2016

    Und darum ging es mir auch: Es hilft nicht, immer gleich an die Decke zu gehen, besonders wenn man selbst die Probleme gerade nicht wirklich hat.
    Das Ganze ruhig und argumentativ sauber zu diskutieren sollte schon möglich sein. Da wäre ich dann wieder ganz beim Blogger.

  10. #10 Hobbes
    März 8, 2016

    Die Menge der Opfer spielt für eine objektive Auseinandersetzung mit Kernkraft eine wichtige Rolle. Wenn man zum Beispiel von Tote pro TWh ausgeht. Aber selbst hier bringen selbst angenommene 100.000 Tote bei Tschernobyl nur eine geringe Änderung. Und natürlich ist jeder Tote einer zu viel. Aber deshalb darf man nicht unsauber arbeiten. Kohle ist zum Beispiel viel Schädlicher. Auch die Regenerativen sind nicht besser pro TWh als Kernkraft. Und auf Strom verzichten klappt auch nur bedingt weil unsere Gesundheit auch Maßgeblich davon abhängt. Wer an der Gesundheit der Menschen interessiert ist hält sich an Fakten nicht an Ideologie. Es gibt gute Gründe gegen Kernkraft. Bleiben wir bei denen.

    Zurück zum Artikel: Kritisch wird es wenn man anfängt mit Lügen zu arbeiten. und das ist bei der Panikmache definitiv eine gewesen. Beispiel: LNT auf Flüge gerechnet:
    etwa 20 Bio Flugkilometer im Jahre 2015. Pro 100Millionen Kilometer =1000 Msv
    2000= Ein Toter. Also 100.000 Strahlentote durch Fliegen im Jahre 2015. Ich glaube eher nicht.

  11. #11 Hobbes
    März 8, 2016

    gerade noch einmal nachgeschaut. die 20 Bio Flugkilometer kamen mir unseriös vor. Und die 10 Größten Fluggesellschaften setzten zusammen 2 Bio um. Dürfte also weniger seien. Eine andere gesamt Zahl konnte ich nicht finden. Schätze mal 5 Bio könnten realistisch seien. Also 25.000 Tote durchs fliegen

  12. #12 rolak
    März 8, 2016

    Weltproduktion von ca. 20 Bananen pro Person

    Wie kommst Du darauf, Peter? Bei einem Durchschnittsgewicht von 125g (also 8e3 Stück/Tonne) und einer Weltproduktion von gut 1e8 Tonnen (alles wiki) sinds bei 8e9 Menschen schlappe 100 Stück pro Person. Schlechtgerechnet, also real eher mehr.

  13. #13 Peter Köhler
    März 8, 2016

    @Rolak: hast Recht, ich hatte nur mit den die exportierten Bananen gerechnet, real liegt die Exposition also eine Größenordnung höher.

  14. #14 Beobachter
    März 9, 2016

    Leben wir in einer “Bananen”-Republik ?

    Man könnte es meinen, wenn man sich hier (bei ScienceBlogs !) angesichts der furchtbaren Folgen (bis heute) des Tschernobyl-AKW-GAUs vor 30 Jahren über (die Radioaktivität von) Bananen “streitet”, Zahlen über (Tschernobyl-)Tote/Todkranke “unappetitlich” findet; konstatiert, das “bringts nicht”, “besonders wenn man selbst die Probleme gerade nicht wirklich hat” (# 8/9)

    Tschernobyl (wie auch Fukushima) ist ja weit weg.
    Probleme sind nur dann welche, wenn die Auswirkungen einen persönlich vor der eigenen Haustür betreffen.
    Und nicht mal dann will man sich hier daran erinnern:
    Als das Ausmaß des (“fernen”) Tschernobyl-GAUs damals bekannt wurde, war “plötzlich” auch die westeuropäische Bevölkerung “vor ihrer Haustür” von den Folgen betroffen.

    Dazu (z. B.):
    http://www.nzz.ch/umstrittene-langzeitfolgen-von-tschernobyl-1.10336905

  15. #15 Alisier
    März 9, 2016

    Du müsstes auch mal annehmen können, dass Texte nicht automatisch das bedeuten, was du hineininterpretierst, Beobachter.
    Es ist diese Aufregung, die Kommunikation mitunter so schwierig macht.

  16. #16 Tim
    März 9, 2016

    @ Beobachter

    Treppen, Straßen und Gasleitungen (um nur mal drei offensichtliche Beispiele zu nennen) sind sehr viel gefährlicher als Tschernobyl.

    Sollte die Öffentlichkeit daher in Treppenpanik verfallen? Nein, natürlich nicht.

  17. #17 Beobachter
    März 9, 2016

    @ Alisier, # 15:

    Ich interpretiere nichts in Texte hinein, sondern nehme es so, wie`s dasteht.

    @ Tim, # 16:

    Dein “Treppen, Straßen und Gasleitungen”-Vergleich hinkt ganz gewaltig, in mehrfacher Hinsicht.
    Ich nehme zu deinen Gunsten an, dass du das selbst weißt – sofern du nicht ganz bös` eine Treppe runtergestürzt und auf den Kopf gefallen bist …

  18. #18 astroklaus
    März 9, 2016

    Zur Strahlenbelastung: es gibt tatsächlich mehr Quellen für natürliche Strahlenbelastung als man denkt, genannt wurden ja schon Gesteine wie Granit (dazu kommt aber auch Kohle!), Radon im Keller, die kosmische Strahlung bei Flugreisen und Kalium – das nicht nur in Bananen, sondern auch im Mineraldünger bzw. im Boden.
    Eher anekdotisch, aber dennoch interessant für die Einschätzung der Grenzwerte ist: jeder Mensch ist radioaktiv! Durch das C14 gibt das grob geschätzt einige Tausend Bequerel. Umgerechnet auf die Strahlenbelastung liegt man bereits damit für durchschnittliche Mitteleuropäer um eine Größenordnung höher als die Folgen des Unfalls.
    Die mit großem Abstand höchste künstliche Strahlenbelastung fehlt aber bisher noch: die Medizin! Durch Röntgenbilder, insbesondere bei der Tomographie wird im Mittel praktisch die gesamte künstliche Strahlenbelastung hervorgerufen, mehr als 100 mal höher als die durch Tschernobyl.

  19. #19 Wizzy
    März 9, 2016

    Hallo! Ich hätte mal eine ganz klare Frage an den Blogautor und die geehrten Herren Kommentatoren: Würde es Menschenleben retten, wenn wir unsere Elektrizität in Europa in größerem Maß auf Atomkraft umstellen würden? Dieses Science Brief nur mal als Zusammenfassung zu dem, was ich bisher recherchiert habe: http://www.giss.nasa.gov/research/briefs/kharecha_02/ “Coal and Gas are Far More Harmful than Nuclear Power” In Markandya & Wilkinson (2007) und “ExternE EU Review – Externalities of Energy 2005” ist Atomkraft sogar sauberer (weniger Deaths / TWh, weniger Erkrankungen, weniger Gesamtgesundheitskosten) als Photovoltaik und in letzterem als Windkraft. Allerdings werden bestimmte Aspekte wie die Endsorgung (und bei Kohle/Gas Klimaschäden!) ausgeklammert, Bergbau ist offenbar enthalten.

  20. #20 asatroklaus
    März 9, 2016

    @ wizzy: Da gibt es als Antwort ein ganz klares “Es kommt darauf an…”
    Seit fast zwanzig Jahren gibt es dazu eine ausführliche Publikation von Friedrich/Krewitt: “Umwelt- und Gesundheitsschäden durch die Stromerzeugung”, leider teuer, da von Springer. Ich habe lange nicht mehr hineingesehen, aber wenn ich mich richtig erinnere, ist das unmittelbar Gefährlichste der Bergbau, dann der Hochbau (also die Gebäude, Anlagen etc). Gerade bei Kohle muß man ja zB auch die Radioaktivität mit berücksichtigen oder die “Ewigkeitsschäden” durch die Überwachung der ausgebeuteten Gruben.
    Das Endergebnis hängt aber natürlich sehr stark davon ab, wie man Dinge wie Klimaerwärmung, Häufigkeit und Schwere großer Unfälle etc gewichtet.

  21. #21 Eugen Hotwagner
    Wien
    März 9, 2016

    Mich hat am Report schon mal irritiert, das die Autoren sich im statistischen Teil kritisch mit dem p-Wert auseinander gesetzt haben, ohne diesen jedoch verstanden zu haben:
    https://www.global2000.at/sites/global/files/TORCH%20-%20The%20other%20Report%20of%20Chernobyl.pdf
    ” This is a specialist adjective used in statistical tests to convey the narrow meaning that the likelihood of an observation being a chance finding or a fluke is less than 5% (assuming 5 % significance level is used)”
    und
    ” This is because the probability (p-value) that an observed effect may be a chance finding is affected by both magnitude of effect and the physical size of the cohort being studied.”

    Das ist natürlich falsch, der p-Wert ist die Wahrscheinlichkeit ein solches, oder extremeres, Ereignis zu beobachten unter der Annahme, dass die H0 zutrifft.

  22. #22 Rainer Klute
    Dortmund
    März 9, 2016

    Schöner Text, der den Sachverhalt gut erklärt!

    Erwähnen sollte man noch, daß die WHO- und IAEA-Schätzungen tausender Tschernobyl-Toter ebenfalls auf der LNT-These beruhen und daher fragwürdig sind.

    Vielmehr spricht sehr viel dafür, daß bei geringen Strahlungsdosen sogar eine Schutzwirkung eintritt. Eindrucksvoller Beleg dafür ist das Cobalt-60-Ereignis in Taiwan, bei dem 10.000 Menschen jahrelang nicht unwesentlich bestrahlt wurden. Die Krebssterblichkeit unter den Betroffenen sank gegenüber der Gesamtbevölkerung um 97 Prozent. Fehlbildungen bei Neugeborenen gingen ebenfalls dramatisch zurück.

    Rainer Klute
    Nuklearia e. V. (Vorsitzender)

    • #23 demolog
      März 9, 2016

      @ Rainer Klute
      Dortmund
      März 9, 2016

      Eben dafür steigt die Krebsrate bei deren Mitmenschen. Wie das gehen soll? Da landen wir bei Metaphysik und Esoterik.
      Leider kann man das wohl nie verlässlich rausrechnen, wieviele wegen deren Strahlungsbelastung in deren Umfeld an Krebs erkranken oder sonstige Erkrankungen erleiden (etwa psychische Erkrankungen).

  23. #24 Hobbes
    März 9, 2016

    @Beobachter:
    “Ich interpretiere nichts in Texte hinein, sondern nehme es so, wie`s dasteht.”
    Nein Sie Interpretieren Texte. Zu glauben man selber wäre objektiv ist vollkommen subjektiver Blödsinn.

    @wizzi #19:
    Kernkraft anstelle anderer Energien würde auf jeden Fall viele leben retten. Selbst im Falle eines GAUs käme man nicht auf annähernd die Tote die Kohlekraft und vor allem Schiffsdiesel verursachen.
    Das Problem was sich aus einem GAU ergibt ist eher wirtschaftlicher Natur. Er wäre, je nach Szenario welches man annimmt, dazu in der Lage Europa wirtschaftlich und politisch eventuell auf Entwicklungslandniveau zurück werfen.
    Die Rechnungen sind sehr umstritten aber selbst die ungünstigsten Fälle gehen von etwa 2 bis 3 Toten pro TWH Strom durch Kernkraft aus (Normale Prognosen kommen auf 0,2 selbst mit Tschernobyl). Wasser liegt bei etwa 4 und Kohle bei 100. (Solar bei 1 und Wind Ähnlich wie Kernkraft)
    Wir verbrauchen etwa 600Twh pro Jahr in Deutschland. Also etwa 50.000Tote pro Jahr.
    Das klingt im ersten Moment skandalös muss man aber dadurch relativieren dass es sehr viele indirekte Tote sind. Viele dieser Tote hätten auch so nicht viel länger gelebt (Ein fetter Raucher mit Herzinfarkt beim Autofahren stirbt in solchen Statistiken immer vier mal)

    Rainer Klute #22:
    Es gibt dazu ja die Hypothese, dass bestimmte Strahlenniveaus einfach sehr gefährlich sind. Also gerade jene Niveaus welche eine Zelle nur ein Bisschen schädigen ohne sie ganz zu killen. Die geringe Zusatzstrahlung würde dann einfach die Leute die zufällig in so einem gefährlichen Niveau leben aus diesem heraus heben. Während anders wo (also bei anderer natürlicher Belastung) der Effekt aber genau umgekehrt sein könnte.

  24. #25 Joseph Kuhn
    März 9, 2016

    @ Rainer Klute:

    Sie beziehen sich vermutlich bei Ihrer Aussage zur Krebssterblichkeit in Taiwan hierauf: http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2477708

    Wenn jemand weiß, wie man die Krebssterblichkeit um 97 % senken kann, hätte er eine Wundertherapie, die sich eigentlich schnell durchsetzen sollte. Es sei denn, an der Sache ist was faul. Ohne der Sache konkret nachgegangen zu sein, wenn man nur mal schnell googelt, findet man z.B. das dazu: http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/17178625. Hier kommen die Autoren zu anderen Ergebnissen beim Cobalt-60-Fall: “The results suggest that prolonged low dose-rate radiation exposure appeared to increase risks of developing certain cancers in specific subgroups of this population in Taiwan.”

  25. #26 Hermann
    März 10, 2016

    Wer oder was spricht eigentlich dafür, dass natürliche Strahlung nicht schädlich wäre?

    “Die Wahrheit ist: Wir wissen nicht, wie sich minimale radioaktive Dosen auswirken.”

    Eben.

  26. #27 Aginor
    März 10, 2016

    Nur am Rande, weil man ja gerne über Strahlendosis redet und sich viele Leute das schlecht vorstellen können:

    Randall Munroe hat dazu ein tolles Schaubild gemacht, wie ich finde (Quellen werden auch genannt).
    https://xkcd.com/radiation/

    Gruß
    Aginor

  27. #28 UMa
    März 10, 2016

    @Hobbes: #10,#11
    Ich habe das mal nach gerechnet.
    Es sind 6 Billionen Flugkilometer pro Jahr, also 7 Milliarden Stunden pro Jahr. Jeder Mensch verbringt also im Durchschnitt 1 h pro Jahr im Flugzeug. Die Strahlenbelastung ist 40 mSv pro Jahr in Flughöhe bei Fernflügen. Das wären 31000 Sv pro Jahr. Allerdings sind es in Wirklichkeit weniger, da auf Kurzstrecken weniger hoch geflogen wird und dann gibt es noch Start und Landung. Bei einem Toten pro 20 Sv gibt das 1550 Tote pro Jahr, vielleicht eher 1000, da nicht die ganz Zeit über 10km Höhe geflogen wird.

  28. #29 Joseph Kuhn
    März 10, 2016

    @ UMa, @ Hobbes:

    Mal angenommen, eure Rechnungen stimmen (die eine oder oder die andere): In Deutschland gibt es derzeit pro Jahr 230.000 Krebssterbefälle. Angenommen, man dürfte die weltweiten 25.000 im ersten Rechenbeispiel einfach nach Bevölkerungsanteil auf Deutschland übertragen (was wohl nicht ganz korrekt wäre, weil die Deutschen vermutlich überdurchschnittlich viel fliegen), kämen knapp 300 Fälle für Deutschland heraus, etwa 0,1 % aller Krebssterbefälle. Im zweiten Rechenbeispiel etwa 10 Fälle, 0,005 %. Was immer das bedeuten mag. Zahlen sind ja an sich schön. Morgen ist übrigens der 11.3.2016. Würde man die Punkte im Datum weglassen und die Zahl als Krebssterbefälle mit der Bananenbiegung ins Verhältnis setzen …

  29. #30 Beobachter
    März 11, 2016

    @ Rainer Klute, Vorsitzender Nuklearia e. V., Dplom-Informatiker, # 22:

    Zitate, Auszüge:

    “Vielmehr spricht sehr viel dafür, daß bei geringen Strahlungsdosen sogar eine Schutzwirkung eintritt.”

    “Die Krebssterblichkeit unter den Betroffenen sank gegenüber der Gesamtbevölkerung um 97 Prozent.”

    (Vorsicht: ironischer Zynismus “on” ! )
    Aus diesen Behauptungen lässt sich folgern:
    Geringe radioaktive Strahlungsdosen sind geradezu gesund, weil sie vor Krebserkrankungen schützen.
    Und zwar so gesund, dass sie die Krebssterblichkeit um 97 % senken.
    Beides ist als wissenschaftliche Erkenntnis sensationell und bahnbrechend – und ließe sich therapeutisch zur Prävention/Behandlung vor/bei Krebserkrankungen nutzen.
    Vielleicht im Rahmen der undogmatischen, wahrhaft fortschrittlichen Alternativ-Medizin.
    Was aber leider noch nicht gemacht wird, weil in Politik und Gesundheitswesen eine realitätsferne, panisch angstbesetzte Haltung gegenüber Kernspaltung/Kernenergie/Radioaktivität besteht.
    Zumal über die Lügenmedien diese unbegründeten Ängste in der Bevölkerung geschürt werden – und selbst in der “Tagesschau” falsche Berichte darüber verbreitet werden.
    Und wahres Wissen (auch das über den Nutzen) darüber unterdrückt wird – zugunsten grüner/linker/fortschrittsfeindlicher Ideologen.
    (Vorsicht: ironischer Zynismus “off” ! )

    Übrigens (Anmerkung):

    Sie sagen u. a., “das Atommüllproblem stellt(e) sich als lösbar dar”.
    http://nuklearia.de/verein/vorstand/

    Wenn es denn theoretisch und wissenschaftlich lösbar ist, weshalb hat man es bisher nicht auch technisch und praktisch gelöst und umgesetzt?
    Etwa, weil diese Umsetzung zu teuer (für die verantwortlichen Atommüll-Produzenten) ist ?

    Querverweis für Interessierte:

    http://scienceblogs.de/wasgeht/2016/03/07/keine-vertuschung-in-fessenheim/
    (und Kommentare)

  30. #31 Alisier
    März 11, 2016

    Mach doch mal :-))

  31. #32 UMa
    März 11, 2016

    @Joseph Kuhn:
    Der Anteil der Krebssterbefälle an den Gesamtsterbefällen bei Strahlenbelastung ist ca. 30% IIRC. Ich habe momentan keine Flugkilometer für Deutschland, aber Deutschlands GDP ist ca. 5% des Welt GDPs was vermutlich, besser zu den Flugkilometern passt als die Bevölkerungszahl. Das wären dann 50 Sterbefälle durch Flugstrahlenbelastung in Deutschland pro Jahr, davon 15 durch Krebs. Durch die Abgase der Flugzeuge (Luftverschmutzung) und möglicherweise auch Fluglärm sterben vermutlich deutlich mehr Menschen.

    Die Strahlenbelastung durch Bananen ist deutlich geringer, als die angebliche Bananendosis von 0.1µSv, da überschüssiges Kalium wohl schneller ausgeschieden wird, als das Verhältnis von Kaliummenge im Körper zu Kaliumaufnahme erwarten lässt.
    Außerdem ist die Gesundheitsgefahr durch den Zucker in den Bananen um Größenordnungen höher, als die durch Strahlung.

  32. #33 Joseph Kuhn
    März 11, 2016

    @ UMa:

    Ja, das GDP wäre sicher der bessere Umrechnungsfaktor.

    Anteil 30 % Krebssterbefälle unter allen strahlungsbedingten Sterbefällen: Gilt das auch für die rechnerischen Folgen der Strahlung bei Flugreisen und falls ja, woran sterben hier die anderen 70 %?

  33. #34 UMa
    März 11, 2016

    @Joseph Kuhn: “Gilt das auch für die rechnerischen Folgen der Strahlung bei Flugreisen und falls ja, woran sterben hier die anderen 70 %?”
    Wenn man von den erwarteten Folgen der Strahlenbelastung für Raumfahrer extrapolieren kann.
    Wenn ich mich richtig erinnere, u.a. an einer Zunahme von Herz-Kreislauf-Krankheiten.

  34. #35 Joseph Kuhn
    März 11, 2016

    @ UMa: Danke.

  35. […] Was ist davon zu halten? Florian Aigner erläutert dies im folgenden Gastbeitrag, der zuerst auf Naklar.at erschien. Wir danken dem Autor und ScienceBlogs für die freundliche Genehmigung, den Beitrag hier […]

  36. #37 Beobachter
    April 8, 2016

    Interessant zu sehen, dass ein Kernkraft-Lobby-Verein so begeistert von diesem Blog-Beitrag ist, dass er ihn auf der eigenen Website veröffentlicht und sich herzlich für die Genehmigung bedankt …