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Wieder einmal habe ich mir ein einfaches Strahlenmessgerät für ca. 65€ geschnappt und ein paar kleinen Tests unterzogen. Der Bluetooth Smart Geiger kommt vom gleichen Hersteller, wie der SGP-001 (der Strahlungsmesser für den Klinkenstecker des Smartphones) den ich hier vor einiger Zeit schon mal rezensiert hatte und der sich wohl einer recht großen Beliebtheit erfreut. Da ich beim “Strahlungsmesser fürs Handy” trotz einer deutlichen Ungenauigkeit eigentlich sehr angetan war und ihn vor allem in Sachen Preis/Leistung sehr positiv bewertet habe, ging ich beim BSG-001 von ähnlichen Erwartungen aus… aber fangen wir einmal vorne an.

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Der BSG kommt in einer normalen Verpackung für Elektronik daher, was jetzt nicht weiter verwunderlich sein sollte, aber halt schon deutlich dafür spricht, dass man es hier mit einem ganz regulären, kommerziellen Produkt zu tun hat und nicht einer Hobbyfirma aus irgendeiner Hinterhofgarage. Es ist ein kleines gelbes Kästchen von 6*6cm Kantenlänge und 30g Gewicht mit den radioaktiven Windmühlenflügeln drauf, die wir schon lange mit Strahlung assoziieren. Soweit so toll, außerdem passt es gut zu meinem Regenschirm. Auf der Rückseite ist ein Loch mit dem man es an einem Nagel an der Wand aufhängen kann und eine Klappe mit 4 Schräubchen, hinter denen die zwei AAA Batterien eingebaut werden können. Batterien waren keine dabei und das finde ich eigentlich immer ganz gut. Denn meistens packen Hersteller immer nur irgendwelche Billigteile mit rein, die man dann sowieso wieder austauscht. Hierbei gibt es aber schon einen ersten Hinweis darauf, dass bei dem Gerät sehr ernsthaft bzgl. des Preises optimiert wurde. Beim ersten Herausdrehen der Schrauben habe ich schon fast die Köpfe und Gewinde (direkt ins Plastik) kaputt gemacht, obwohl (oder vielleicht gerade weil) ich vernünftiges Werkzeug benutzt habe. Dieser rote Faden zieht sich weiter durch das ganze Gehäusedesign, wo der On/Off Schieber und die Gummiabdeckungen sich als von niederster Qualität entpuppt haben. Diese Erkenntnis hat mich jetzt erst mal nicht wirklich gestört (obwohl man den On/Off Knopf nur mit Tape sicher in der On Position halten kann), denn 60€ sind für einen Strahlungsmesser echt günstig und da kann man ernsthaft nicht mehr als günstige Chinaware erwarten.

Der erste Test hat wunderbar funktioniert. Die Software lässt sich einfach aus dem App-Store kostenlos herunterladen und sobald ich Batterien eingelegt hatte und den On Knopf in Position getaped hatte, hat sich das Gerät mit Bluetooth verbunden und mir dies auch angezeigt. Die Software ist kinderleicht zu verstehen und sehr intuitiv. Leider bekommt man direkt nach dem Einschalten nicht sofort Ergebnisse, denn der BSG misst immer in Intervallen zu je 10 Minuten, so dass man erst mal etwas auf sein erstes Messergebnis warten muss. Ich habe dann, wie bei den vorherigen Tests auch, das gute Stück diversen inhomogenen Gammafeldern ausgesetzt und geguckt, wie er sich so schlägt. Dass man ihn immer relativ lange an einer Position hinstellen muss hat mir eigentlich ganz gut gefallen, denn ich habe ihn einfach mal an einem normalen Arbeitstag mitgeschleppt und mal eine Stunde hier hin und dann zwei Stunden dort hin gelegt, also immer an Orte, von denen ich wusste, dass sie signifikant unterschiedliche Ortsdosen besitzen. An jedem Ort habe ich auch immer nach dem entsprechenden Intervall einen Wert angezeigt bekommen, die auf einem Graph miteinander verbunden wurden (Guide to the eye und so *g*). Sehr hübsch gemacht, auch wenn jetzt keine richtige Physik dahintersteckt.

Wie bei den anderen Test auch habe ich es mit einem amtlich geeichten Zählrohr verglichen und wo der SPG nur 50% Abweichung hatte lagen wir beim BSG bei eher 200%. Inhomogene Gammafelder sind notorisch schwer zu messen und eine Abweichung von 50% finde ich, wie schon des öfteren gesagt, vollkommen in Ordnung bzw. Richtig gut. Abweichungen von 200% sind allerdings schon mehr als erwartet. Je nach Anwendung finde ich das zwar immer noch tolerabel, aber der gleiche Hersteller hatte ja schon gezeigt, dass es besser geht. Ich habe es auch recht hohen Gammafeldern, am Rande des angegebenen Messbereiches von 200µSv/h ausgesetzt und musste leider feststellen, dass es sich im Bereich hoher Dosen nicht wie zu erwarten besser schlägt, sondern wesentlich schlechter. Für die Praxis ist das vollkommen Irrelevant, denn bei solch hohen Feldern sollte man sowieso schleunigst das Weite suchen, bzw. ein professionelles Gerät benutzen, aber es deutet ziemlich stark auf einen Kalibrierungsfehler oder zumindest auf eine nicht sonderlich gewissenhafte Kalibrierung hin. Die Dosis wird nur in einer linearen Skala angezeigt, was dazu führt, dass ich dank meiner wenigen hohen Messwerte die ganzen kleinen Messwerte nicht mehr sehen kann. Weitgehend alle professionellen Geräte haben eine logarithmische Skala (oder die entsprechende Option dazu), aus gutem Grund. Dies wäre auch mit einer Zeile Code leicht in der App zu verankern gewesen, ist aber leider nicht genutzt worden.

Die Soft- und Hardware ist darauf ausgelegt mehrere Tage lang zu messen und die Daten mitzuschreiben. Das funktioniert auch wunderbar und in den Wochen, die ich das Teil nun in Betrieb habe, zeigen die Batterien keine Zeichen der Ermüdung. Die Messwerte kann man sich als .txt herunterladen und dann mit einem eigenen Programm plotten, was ebenfalls auch recht komfortablen ist und gut funktioniert. Darüber hinaus bietet sie noch Standartoptionen, wie Screenshots und das Teilen per Facebook und ähnlichem, was ich aber für irrelevant halte. Eine Option zur Beteiligung an einer Weltkarte (o.ä.) gibt es nicht.

Also die Technik, die dahinter steckt ist eigentlich ganz OK… für den Preis. Was mich persönlich an dem BSG stört ist die Tatsache, dass es kein sinnvolles Anwendungskonzept gibt. Es gibt keine Anwendung, für die dieses Teil irgendwie nützlich sein könnte. Sowohl die Hard- als auch die Software sind auf langfristige Messungen ausgelegt. Man kann also nicht hingehen und “mal eben” einen Stein oder ein Ziffernblatt auf Strahlung testen, denn dazu müsste man es 20 Minuten lang neben den Zähler legen. Außerdem wird die Genauigkeit halt, genauso wie beim SGP, recht schlecht, wenn es um niedrige Dosen geht (was bei günstigen Halbleitergeräten normal ist).

Für Langzeitmessungen im Strahlenschutz ist das Gerät auch unbrauchbar, da man da ja eben niedrige Dosen messen und verschiedenen Messpositionen vergleichen will. Da braucht es halt schon professionelleres Equipment. Meiner Meinung nach hat man da einfach die Technik des SGP genommen und Bluetooth und Batterien drangepackt, damit man es nicht mehr an ein Smartphone stöpseln muss. Damit hat man es aber mMn ein gutes Stück schlechter gemacht bzw. verschlimmbessert. Wenn ihr also ein günstiges Gerät wollt, dass leicht zu bedienen ist, dann nehmt am besten einfach den SGP-001 für 60€ und wenn ihr ein wenig mehr Ansprüche habt, aber immer noch ein excellentes Preis/Leistung Verhältniss wollt, dann nehmt den GMC für 120€. Vom BSG-001 muss ich eher abraten. Er funktioniert zwar, aber es gibt nichts, was man mit ihm vernünftig tun könnte.

PS: Bilder

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Alle meine Artikel zu Detektoren gibt er hier.

Zu einem Beispiel, wo die Presse den SPG eingesetzt hat um Radiaktivität bei Ergas nachzuweisen und sich mit der entsprechenden Lobby anzulegen geht es hier.

Kommentare (3)

  1. #2 gedankenknick
    14. September 2017

    Als allererstes finde ich es ja mehr als lustig, dass auf einem Strahlendetektor ein “Gefahr durch Radioaktivität”-Warnzeichen prangt. (Naja, zugegeben, Blauzahn wird da immer unterschätzt…) Das ist ungefähr so, als wenn ich aufs pH-Papier ein “Vorsicht – ätzend!”-Symbol draufklebe. Aber egal, die Procon-Windmühle ist ja cool und hipp (und pleite).

    Aber was ich mich wirklich frage – wenn so ein Teil in einem Bereich mit von mir aus 200µSv/h rumliegt, und ich dann aus 7m Entfernung via Blauzahn die Daten abrufen will, wird die Datenverbindung dann nicht dermaßen gestört, dass ich sowieso dichter ran muss bzw. das Teil zum Auslesen aus der Gefahrenzohne bergen darf? Oder ist die Störung von Funkwellenbändern durch heftige Gammastrahler eher so ein urbaner Mythos, den man immer wieder durch Rundfunk, Fernsehen und Computerspiele eingebimmst bekommt?

  2. #3 Tobias Cronert
    15. September 2017

    Also ich mag ja das “unter brennender Sonne vor Piraten weglaufen”-Symbol wesentlich lieber, als die Windmühle.

    Funk wird erfahrungsgemäß durch Strahlung so gut wie gar nicht gestört. Damit hatten wir hier auch in sehr hohen Gammafeldern kein Problem.

    Was aber recht oft passiert ist, dass IC’s, Microcontroller oder andere Mikroelektronik durch Strahlung geschädigt wird. Wir haben Detektorbanken, oder Rechner, die in hohen Strahlungsfeldern herumstehen und alle halbe Jahre ausgewechselt werden müssen, weil sie Defekte aufweisen. Es wird auch recht viel Entwicklungsarbeit (vor allem in der Luft- und Raumfahrtindustrie) in die Entwicklung von Strahlungsresistenter Technik gesteckt.