Sicherlich, der Mensch ist ein Herdentier und schon immer neigte der Mensch dazu, seine eigene Herde zu bevorzugen.

Wenn mein Mann also meint, dass er sich über die Goldmedaille von Lena Schöneborn mehr freut, weil er schon mal mit ihr während eines Schwimmwettkampfes ein paar Worte gewechselt hat, dann kann ich das schon irgendwie nachvollziehen. Mitglied der Herde! Meine Herde! Mein Verdienst!

Bei Meldungen aber wie “Vier Deutsche unter den Lawinenopfern” oder “auch eine deutsche Familie kam beim Flugzeugabsturz in Madrid um’s Leben” kocht mir die Galle hoch. Das ist mir dann doch eindeutig zuviel Herdentrieb. Außerdem ist es menschenverachtend. Die nichtdeutschen Opfer sind also einer Story nicht wert, wie?

Dann diese Heuchelei gegenüber den Angehörigen der deutschen Opfer… Nach so einem Unglück stürzen sich die Leute wie die Aasgeier auf Familie, Nachbarn, Arbeitskollegen, auf irgendjemanden, der ein paar Worte der Bestürzung in die Kamera sagt. Aber das geht mich doch gar nichts an! Ich will nicht die Familie in ihrer Trauer anglotzen oder wertlose sinnentleerte Phrasen der Anteilnahme von mir geben.

Aber der “Explosiv” oder der “Brisant” oder “was auch immer”-Gucker will das leider sehen. Neben dem Herdentrieb ist dummerweise auch der Voyeurismus tief in unserer Spezies verankert. Ich fürchte, es ist zuviel verlangt, dass der Mensch diese Triebe überwindet. Obwohl es immerhin im Großen und Ganzen verpönt ist, die Angehörigen anderer Herden als der deutschen als dumm und minderwertig anzusehen oder ihnen gar einfach so den Schädel einzuschlagen. Vielleicht sollte ich mich bereits an kleinen Fortschritten erfreuen.

Kommentare (16)

  1. #1 isnochys
    August 25, 2008

    Katharsis spielt da sicher auch eine Rolle.
    Denn ein Auffahrunfall auf der Autobahn, an dem Mann vorbeifährt wirkt meistens spektakulärer, als die Massenkarambolage in den Nachrichten.
    So ists hier auch..”ui, mich hats nicht erwischt, aber könnte unserer Nachbar sein”.
    Deshalb regt sich hierzulande auch keiner über die französischen Anschlagsopfer in Afghanistan auf…
    Seltsame Welt..

  2. #2 Ingo
    August 26, 2008

    Das hat auchetwas mit genetischer und kultureller Ähnlichkeit zu tun. Wir sind darauf programmiert von der Evolution, an dem Schicksal der uns genetisch und kulturell Ähnlichen mehr Anteil zu nehmen, als an denen, die uns weniger ähnlich sind.

    Das muß man, denke ich, nicht verwerflich finden. Das ist einfach eine Art Heimatgefühl. In den USA wird schon seit Jahren eine ENTMISCHUNG der Ethnien nach Wohngebieten beobachtet, einfach weil gleich und gleich sich gern zueinander gesellen, und das wird neuerdings sogar positiv bewertet, weil festgestellt werden kann, daß das Sozialverhalten unter kulturell ählicheren Menschen kooperativer ist. (siehe “Bowling Alone” von Robert Putnam)

    http://www.amazon.de/Bowling-Alone-Collapse-American-Community/dp/0743203046/ref=sr_1_1?ie=UTF8&s=books-intl-de&qid=1219734205&sr=8-1

    Daß ein solches Verbundenheitsgefühl unter humanen Menschen nicht per se mit einer Abwertung ANDERER Menschen verbunden sein braucht, hat ja beispielsweise die große Hilfsbereitschaft auch im Westen angesichts der südostasiatischen Flutkatastrophe gezeigt.

    Und das zeigt sich – letztlich – auch daran, daß wir neuerdings für Menschenaffen Menschenrechte fordern.

  3. #3 Tark.V
    August 26, 2008

    Hallo Ludmila,
    interessant, dass Du dieses Thema aufgreifst. Offensichtlich sind wir nicht die einzigen, denen die Perversität (ein besseres Wort dafür fiel mir jetzt nicht ein) von solchen Meldungen auffällt. Sogar bei mir im Kollegenkreis war das schon ein Thema.
    @Ingo: Überleben in der Evolution wird immer durch Vielfalt gesichert.
    Deine Aussage zur Entmischung: Hier spielt doch bestimmt eine Flucht vor Diskriminierung von Minderheiten eine Rolle. Klar, in einem ethnisch einheitlichen Wohngebiet gibt es keine (ethnischen!!) Minderheiten. Aber wirklich toll ist, dass Du (durch Deine Zitate) nicht die Diskriminierung/Ausgrenzung an den Pranger stellst sondern etwas gutes findest als “sozial kooperativer”. Leider kann ich mir darunter nichts vorstellen, hat das etwas mit Geburtenzahl zu tun? Oder Einschaltquoten bei Talk-Shows? Oder vielleicht etwas mit neuen Ideen, wissenschaftlichen oder kulturellen ‘Errungenschaften’ im “Team”?
    Der genannten “Entmischung” kann ich jedenfalls nichts positives abgewinnen. Neben dem von Dir beworbenen Buch (Amazon Partnerprogramm??) gibt es zum Glück noch
    zahlreiche andere Schriften, die die Vielfalt als einen Motor der Entwicklung sehen.

    Aber das war doch gar nicht gemeint. Ich glaube schon, dass hier ganz deutlich andere Menschen abgewertet werden. Es geht um den Verkauf der Nachrichten, da sind die vier verbrannten Deutschen mehr wert als anderthalb hundert sonstige Menschen. Oder 1000, oder 21300 oder oder…
    Und es ist gut, dass es noch jemanden auffällt.
    PS: Ich fordere nicht Menschenrechte für Menschenaffen. Da fühle ich mich ganz egoistisch zur Spezies Mensch hingezogen und fordere Menschenrechte zuerst für (alle) Menschen, vom bärtigen Araber (auch auf G.) bis zum hungernden Flüchtling.
    Aber das ist wohl zuviel. (Retten wir lieber Menschenaffen und Kröten. Oder süße Pandas.)

  4. #4 Ingo
    August 26, 2008

    Nur zur Erläuterung: Nichts mit Amazon Partnerprogramm – was soll das?

    Über Robert Putnam, der nicht gerade der unbedeutendste amerikanische Sozialwissenschaftler heute ist, kannst Du Dich auch sonst im Netz informieren.

    Hier

    http://studgendeutsch.blogspot.com/2007/06/multikulturelle-gesellschaften-vergrern.html

    wird ein NewYork-Times-Artikel über ihn und seine Forschungen behandelt.

    Was diese erbracht haben, sagt schon der Titel: In Wohngegenden, in denen KEINE Entmischung stattgefunden hat, gehen die Menschen häufiger “allein kegeln”. Einfach alle Koordinaten von Zwischenmenschlichkeit und ehrenamtlichem Engagement sind dort niedriger. (Ich will das Buch selbst noch lesen, kam bislang nicht dazu.)

    Ein neuerer Forschungsartikel von Daniel Nettle und Koautoren kommt auch zu dem Ergebnis, daß die höchste politische Instabilität in Staaten herrscht, die stark ethnisch gemischt sind. Religiöse Vielfalt wirkt nicht ganz so stark destabilisierend.

    Über Berlin-Kreuzberg las ich neulich irgendwo, daß dort sogar die Grünen Stadtverordneten ihre Kinder in die Schulen anderer Stadtteile schicken. Wenn man irgend etwas pervers nennen will, dann nenne man diese Heuchelei pervers.

    Wir müssen einfach lernen, mit unserer biologischen Ausstattung HUMAN umzugehen, aber sie nicht dauernd verleugnen, um dann eine angebliche Humanität zu leben, die nur funktioniert, solange es uns wirtschaftlich so gut geht wie es derzeit noch der Fall ist.

  5. #5 Thilo
    August 27, 2008

    @ Ingo:
    Ihre merkwürdigen Biologismen gehören wohl eher in “Natur des Glaubens” als hier in die Scienceblogs. Sie sollten schon zur Kenntnis nehmen, daß menschliche Gesellschaften ein bißchen komplexer sind als ein Bienen- oder Ameisenstaat (mit allen Vorteilen und Problemen, die höhere Komplexität mit sich bringt).

  6. #6 Maria
    August 28, 2008

    Franz Kerschbaum (ein Wiener Astronom) sagte gestern in einem Radiointerview, auf der Erde gäbe es eine intelligente Spezies. Muss ihn bei nächster Gelegenheit fragen wen er gemeint hat. Mäuse? Delfine? 42? GIBT es eine intelligente Spezies auf der Erde?

    Schaut euch doch mal die Kommentare an. Spannende Sache.

    Im Vergleich zu allem anderen im Universum sind wir vielleicht ziemlich einzigartig – als Spezies, aber wir nützen jede Gelegenheit uns Gruppen zuzuordnen – gute richtige Soziologen, Spinner, die judäische Volksfront, die Volksfront von Judäa,…

    Wann fiel mir das so richtig auf:
    Am 17.7.1998 starben in einem österreichischen Bergwerk 10 Kumpel auf spektakuläre Weise (by the way, es gibt nicht nur “nichtdeutsche” Opfer, sondern auch “nichtösterreichische” Opfer…). Tragisch, keine Frage.

    Kurz darauf, im August 1998, starben bei einem Dammbruch am Jangtsekiang mehr als 3000 Chinesen. Das fiel nicht nur mir auf, sondern auch dem Karikaturisten Gerhard Haderer (der damals im Profil einen Cartoon zu dem Thema zeichnete). Aber sonst praktisch keinem. Alles was ich sonst noch dazu sagen könnte wäre zynisch bis bösartig…

  7. #7 Ingo
    August 28, 2008

    Leute, noch ein Versuch. Denkt doch mal nach.

    Für jeden Menschen ist es wichtig (zumindest für viele), daß es jemanden gibt, der an ihn denkt auf der Welt. Wenn er diesen hat, kann er auf Millionen andere verzichten, oder etwa nicht? Nur auf diesen einen käme es – manchmal – halt schon an. Manchmal ist noch nicht einmal dieser eine da. Viel zu oft nicht.

    Mir wird das immer wieder klar bei Soldaten im “internationalen” Einsatz. Wenn wir Deutschen uns nicht für “unsere” deutschen Soldaten verantwortlich fühlen (etwa jetzt in Afghanistan) – WER TUT ES DANN? Wer schaut dann MÖGLICHST genau hin, ob ihr Einsatz noch gerechtfertigt ist. Ob alles getan wird, um Menschenleben zu schonen etc.? Das ist doch den anderen zumindest viel mehr noch “egal” als uns. Genauso ist es uns – viel zu oft – viel zu sehr egal, wenn irgendwo in der Welt “irgend welche” “internationalen” Blauhelme etc. pp. in Bedrängnis geraten. Man denke an die Belgier und Kanadier im Kongo.

    Genauso ist es mit der europäischen Bürokratie: Niemand fühlt sich mehr wirklich für niemanden verantwortlich, jeder wirtschaftet – bestenfalls noch – in die eigene Tasche. Man sollte das nicht unterschätzen, wenn sich die eigenen Landsleute gerade und ausgerechnet zunächst einmal für die eigenen Landsleute interessieren. Man muß DAS nicht abwerten, wenn man sich ZUGLEICH darüber aufregt, wenn zu viele Menschen gegenüber dem Unglück der Menschen anderer Länder gleichgültig bleiben.

    Das ist einfach nicht nötig.

    “Das verschwammte Herz eines Kosmopoliten,” hat einmal der demokratische Refomer, der Freiherr vom Stein gesagt, “ist eine Hütte für niemand.”

    Frank Schirrmacher zeigt in “Minimum” auf, daß in Katastrophenfällen jene am besten überleben, die in Familien eingebunden sind, die sich also ganz konkret für die ihnen nahestehende Menschen verantwortlich fühlen. Die Singles, die sich allen “gleichermaßen” verbunden fühlen, im Zweifelsfall aber vielleicht auch niemanden, und für die sich wiederum alle “gleich” verantwortflich fühlen – im Zweifelsfall aber ebenfalls niemand, deren Todesrate ist in Katastrophenfällen, wenn der Mensch am “Minimum” angekommen ist, am höchsten.

    Speist Euch doch nicht selbst mit Phrasen ab.

    Und Thilo: Das interdisziplinäre Gespräch liegt Ihnen wohl nicht? Ich dachte nicht, daß Wissenschaftsblogs dazu da sind, einfach immer nur “Meinungen” zu äußern, sondern daß man Meinungen, Ansichten in Anlehnung an wissenschaftliche Studien formuliert (bestenfalls). Sonst können wir doch gleich zu “Private Blogs” übergehen.

  8. #8 Ingo
    August 28, 2008

    Es ist jetzt gerade der Jahrestag von Ramstein. Hatte gestern abend darüber eine gute Sendung gesehen. Und auf der Wikipedia-Seite gibt es gute Verweise auf persönliche Webseiten von Leuten, die zu 60 % Verbrennungen hatten, und die zusehen mußten, wie die Frau und die Tochter starben.

    Ein Problem ist doch auch: Selbst wenn wir die Filmaufnahmen von Ramstein sehen – Flugzeuge krachen aufeinander, ein brennendes stürzt mitten in Zuschauer – dann sind wir doch heute so mit Fernseh-Katastrophenfilmen, mit James Bond und Co. ZUGEMÜLLT, daß uns so etwas nicht wirklich betroffen macht. Wir sehen es an, als WÄRE es ein James Bond. – Oder ist es etwa anders?

    Man muß wirklich erst länger persönliche Erlebnisberichte (etwa von Ramstein) auf sich wirken lassen, die heute, 20 Jahre später das immer noch nicht verarbeitet haben (weder psychisch noch medizinisch), um zu merken, wie bestialisch und wie gefühllos wir uns angewöhnt haben, mit “Kollateralschäden” umzugehen. Da steckt eine ganz, ganz tiefe Unmenschlichkeit im System selbst drin, in unserer Medienberieselung. Die muß zu aller erst kritisiert werden, so weit ich sehe. *)

    Dann wird sich uns auch nicht mehr der Eindruck aufdrängen von Gefühllosigkeit gegenüber “nichtdeutschen Opfern”, der drängt sich doch nur auf, weil wir dumpf ahnen, daß wir selbst gegenüber deutschen Opfer lange nicht mehr genug Mitgefühl und Anteilnahme aufbringen. Wie auch angesichts der täglichen Berieselung und der Vermischung von Fakten und Fiktionen?

    “Not to get emotionally involved”, hat das Konrad Lorenz schon vor vielen Jahren eine der sieben Todsünden der zivilisierten Mensschheit genannt, bzw. “Wärmetod des Gefühls”. Es sind diese Abgebrühtheiten, an denen wir ALLE leiden.

    Fällt mir grad ein, wie war es mit Catrina? Offenbar ein deutlicher Fall ebenso, der hierzu paßt. Wenn ALLE empathischen Gefühle heruntergefahren sind, dann trifft es DIE noch einmal besonders, denen man sich aufgrund von Andersrassigkeit schon per se nicht so nahe verbunden fühlt wie der eigenen Wohlstandsschicht und protestantischen Mittelklasse … – trotz aller “schönen Worte” und Gutmenschen-Beteuerungen, an die wir uns so abgestumpft gewöhnt haben.

    *) Die Ausrede übrigens, daß es vielleicht zur Zeit des 30-jährigen Krieges auch nicht anders war, würde man doch wohl auch nicht gelten lassen wollen, schließlich leben wir NACH, nicht vor der Aufklärung.

  9. #9 Ludmila Carone
    August 28, 2008

    @Ingo: Die Lösung wäre demnach, Familienpflege und ehrenamtliches Engagement vor Ort. Oder? Und wenn man einer alten Dame im Altersheim vorliest oder wenigstens ab und an einer jungen Mutter beim Tragen der Sachen am Bahnsteig hilft.

    Eine schlechte Idee ist das sicherlich. Allerdings musst Du auch zugeben, dass wir selbst eine gewisse Mitverantwortung für die mediale Brutalisierung haben. Zum einen, würde das keiner senden, denn die Einschaltquoten nicht stimmen würden, deswegen schalte ich betont um, wenn mal wieder so ein Brennpunkt kommt, und zum anderen halten die Leute inzwischen selbst die Kamera drauf. Diese elenden Bildreporter grr.

  10. #10 Ingo
    August 28, 2008

    Ganz klar meine Meinung, Ludmila:

    An der Bestialität in den heutigen Medien sind die Säkularisierung, der Atheismus schuld. Wir haben keinen verbindlichen Wertekanon mehr in unserer Gesellschaft. Und in einer solchen moralisch aufgeweichten Gesellschaft setzen sich immer die Brutalsten und Egoistischsten durch.

    Zwar sagst Du Dir und ich mir: “Hm, hm, das geht doch ein bischen zu weit” usw.. – aber es müßte ERHEBLICH mehr bürgerschaftliches Engagement aktiviert werden, um sich gegen diese ständigen Egoismus und Brutalitäten zur Wehr zu setzen.

    So ist doch heute der Stand. Wenn man dieser Brutalität und Gefühlslosigkeit etwas entgegensetzen wollte, dann müßte man sich selbst auf einen solchen festen und sicherer Wertekanon verlassen können, nach dem die fundamentalistischen Christen “suchen”, den es auch in der außerparlamentarischen Umweltschutzbewegung in den 1980er Jahren in gewisser Weise gegeben hat, der aber dann total korrumpiert wurde durch Joschka Fischer und Co..

    Ich habe das GEFÜHL, daß man einen solchen Kanon heute nur allein aufgrund eines konsequent naturalistischen Weltbildes formulieren kann – konsensbildend – aber eines Weltbildes, das ZUGLEICH alle wertvollen abendländischen Traditionen, was Humanismus und Aufklärung an Werten hervorgebracht haben HINZUNIMMT.

    Da ich grade bei der Berliner Goethe-Gesellschaft war: Mir wäre gerade jener Wertekonsens wesentlich, den es um 1800 in Europa gegeben hat, im Zeitalter der “Empfindsamkeit”, im Zeitalter von “Sense and Sensibility”, im Zeitalter der Seele. DA liegen die Wurzeln echter Humanität, tatsächlich: bei Goethe, bei Schiller, bei Hölderlin. Mit denen kann man den ganzen heutigen medialen Mist einfach nicht machen, weil sich ein empfindsameres, sensiblisiertes Herz wie es die Menschen damals hatten, mit Abscheu abwendet von so vielem heute.

    Natürlich ist Konzentration auf Familie und Gemeinde gut. Aber wir merken doch alle, daß viele entscheidende Fragen unseres sozialen Miteinanders eben doch auf “Bundesebene” entschieden werden, INNERHALB unserer Sprachgemeinschaft, der gemeinsam miteinander kommunizierenden (im Sinne von Habermas) und darüber hinaus.

    Wir haben uns auch ganz den bürgerlich-demokratischen ZORN gegen ungute Verhältnisse abgewöhnt.

  11. #11 Ingo
    August 28, 2008

    Man darf annehmen, daß die meisten, die hier mit diskutieren, “gutsituierte Leute” sind. Wie diese Art von “gutsituierten Leuten” auf einen Obdachlosen reagieren, der nach Hilfe ruft, habe ich letztes Jahr um diese Zeit erlebt:

    http://studgendeutsch.blogspot.com/2007/07/ein-blonder-haufen-elend.html

    Auszug:

    “… Die Leute, die dann um den Mann herumstanden, als wir auf den Notarztwagen warteten, redeten nicht – sehr – gut mit ihm. Alles gut situierte Leute – von außen her gesehen. Aber siehst du sie mit einem Obdachlosen reden, blickst du plötzlich hinter etwas, was du gar nicht geahnt hattest. Ich hab mich nicht wohlgefühlt mit diesen Leuten. Sie sprachen ihn mit du an. Und im herabsetzendsten Ton. Als würden sie ihn schon ewig lang kennen. Als wäre “jeder” Obdachlose gleich. …”

    – Seit diesem Erlebnis traue ich den “schönen Phrasen” von “Gutmenschen” noch weniger als zuvor, zumal von “gut situierten”, die jeweils mit den modernsten Designer-Handys joggen gehen. In Extremfällen können gerade auch bei denen unglaublich leicht unglaublich archaische Reflexe hochkommen. – Da sage ich mir: Überhebe sich ja keiner.

    Was bilden wir uns alle darauf ein, daß wir nicht hilflos wie ein Obdachloser an dem Betonpfeiler einer Autobahnbrücke um Hilfe rufen … Dabei: Was sind wir vielleicht alle, wenn unsere Humanität wirklich auf die Probe gestellt wird, für Arschlöcher.

  12. #12 Ludmila Carone
    August 28, 2008

    Also Ingo, Du kannst doch nicht die Aufklärung einerseits feiern, auf der anderen Seite die Konsequenz der Aufklärung nämlich Säkularisierung und die Freiheit, auch mal nicht an eine höhere Macht zu glauben, angreifen. Außerdem solltest Du Dir vielleicht Gedanken darüber machen, dass in dieser “atheistischen, säkularisierten” Gesellschaft die Menschen weitaus sicherer vor Mord und Totschlag und Krankheit sind als jemals in den gläubigen Jahrhunderten zuvor. Zudem denke ich nicht, dass die meisten Menschen bewusst Atheisten sind. Die allermeisten werden nur nicht groß darüber nachdenken und sich festlegen wollen.

    Außerdem siehst Du, ich bin Atheist und mein Mann ist Atheist und das bewusst. Und nicht nur rennen wir nicht nackt durch die Gegend und stechen Leute ab, wir sind beide z.B. ehrenamtlich im Schwimmverein tätig und es macht uns Freude, einen Wettkampf mit lärmenden Kindern zu betreuen. Man steht sich die Beine in den Bauch und schwitzt sich einen ab und am Wochenende könnte man was anderes mit seiner Zeit anfangen, aber das ehrenamtliche Engagement ist auch ein kleiner Beitrag für eine bessere Welt.

    Ich brauch doch keine höhere Macht, die mit Zuckerbrot und Peitsche schwingt, um jemanden zu helfen. Es ist doch völlig logisch, dass soziales Engagement die Menschheit insgesamt weiter bringt.

    Im Übrigen wird gerade im Namen des allgemein verbindlichen Wertekodexes des Glaubens unglaubliche Barbarei begangen. Denn, was macht man mit denen, die dagegen verstoßen? Warum z.B. definieren fast alle Weltreligionen eine bestimmte Form der Liebe als “böse” und “abartig”. Warum soll es böse sein, im gegenseitigen Einverständnis zu lieben? Nur weil der Partner demselben Geschlecht angehört?

    Es tut mir leid, ich kann hier Deiner Argumentation nicht folgen. Moralische Werte hochhalten, indem man sie selber vorlebt, ist in Ordnung. Aber zu fordern, dass wir alle zu Gott zurückfinden, das halte ich nicht für die Lösung.

    Es sei denn, Du meinst, dass die Menschen einen himmlischen Gottvater brauchen, der drohend über all ihrem Tun schwebt, damit sie “gut” sind. Das allerdings wäre eine sehr deprimierende Einstellung. Es würde bedeuten, dass der Mensch nur dann “gut” sein kann, wenn ihm eine Belohnung winkt (Himmelreich) und gleichzeitig er riskiert, für seine bösen Taten was auf die Finger zu kriegen (Fegefeuer, Hölle).

  13. #13 Ingo
    August 28, 2008

    Ja, das Schlimme ist, daß heute als einzige Alternative zu Atheismus nur das Christentum gesehen wird. Davon ist unsere Kultur durchtränkt.

    Aber es gibt ja wohl doch noch viele andere mögliche Formen von Religiösität als das Christentum, das ich sicher genauso ablehne wie Du. Was ist zum Beispiel mit der berühmten Rede des Häuptlings Seattle “Wir sind ein Teil der Erde und die Erde ist ein Teil von uns”. Und vieles dergleichen mehr.

    Genauso wie man nicht alle Christen, alle Religiösen über einen Kamm scheren kann, kann man auch nicht alle Atheisten über einen Kamm scheren. Das habe ich auch nicht gemacht.

    Es geht mir nur darum, daß derjenige, der Ehrfurcht vor dem Leben hat, der Sinn im Leben sieht, der etwas Einzigartiges, Unersetzbares in seinem Mitmenschen sieht, behutsamer mit der Welt umgeht. Und das gilt auch für Gesellschaften insgesamt. Um so mehr wir der ganzen Welt, dem was ist und was lebt WERT zusprechen, etwas, das nicht in Geld umsetzbar ist (z.B.), um so mehr werden wir uns desselben auch annehmen.

    Wenn aber gelehrt wird: alles sinnlos, alles aber- und irrwitzig, der Zynismus und das Geldverdienen ist die einzige Einstellung, die allem, was ist, adäquat ist, Harald Schmidt hat es am besten verstanden, welche Einstellung man der Welt gegenüber einnehmen muß, dann kommt eben das raus, was heute sehr oft gelebt wird, möchte ich meinen. Und ich NEIGE dazu, das mit Atheismus zu identifizieren. Aber vielleicht liege ich damit falsch. Vielleicht sollte man es anders nennen. Aber wie?

    Ich glaube schon, daß wenn wir der Welt und allem Leben einen sehr unersetzbaren Wert zusprechen, und jedem Menschen, daß wir dann doch ein bischen anders damit umgehen. Das ist der Grund, weshalb ich eine religiöse oder wenigstens “quasi-religiöse” Einstellung der Welt und dem Leben gegenüber doch nicht so ganz unwichtig finde.

    (Wer auf einen Gottvater als Person und “Bestrafer” der Bösen und “Belohner” der Guten nicht glaubt verzichten zu können, den finde ich auch traurig. Ich halte das so ziemlich für eine Vorstufe zum Atheismus, denn dann ist Gott nicht mehr die Welt, die Natur, der Mitmensch, sondern irgendetwas “Anderes”, Abstraktes, auf das ich meine eigene Verantwortung abschieben kann – und NICHT {der Möglichkeit nach} der Mitmensch, die Mitgeschöpfe.)

  14. #14 Ludmila Carone
    August 28, 2008

    @Ingo: Das, was Du forderst, könnte man mit Sittlichkeit oder Moral oder Humanismus umschreiben, oder? Dafür braucht man keinen Glauben an eine höhere Macht.

  15. #15 Ingo
    August 29, 2008

    Noch einmal: ich spreche nicht von einem “Glauben an eine höhere Macht”, sondern davon, daß er Mensch SELBST den Dingen und Lebewesen den Wert zuspricht, der ihnen wahrscheinlich, möglicherweise zukommt.

    Wenn ich Empathie empfinde, glaube ich auch nicht an eine “höhere Macht”, sondern versuche, dem gerecht zu werden, was ist, ihm Verständnis entgegenzubringen.

  16. #16 Ingo
    August 30, 2008

    Kleiner Literaturnachtrag, da ich ihn auch bei Zoon politikon grad erwähnte. Ethnisch gemischte Staaten sind die politisch instabilsten auf der Erde:

    http://www.plosone.org/article/info:doi%2F10.1371%2Fjournal.pone.0000929