Zeittaucher

Thomä, Dieter (Hrsg.): Vaterlosigkeit. Die Geschichte und Gegenwart einer fixen Idee, Berlin 2010.

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Von Carlos A. Haas (Universität Heidelberg)

Jeder Mensch hat einen Erzeuger. Ausnahmen von dieser biologischen Regel sind bislang nicht bekannt. Dennoch verfügt dieses Axiom über ein nicht unbedeutendes Verwirrungs-Potential. Denn sobald der natürliche „Erzeuger” als „Vater” bezeichnet wird, liegt möglicherweise bereits ein grundlegendes Missverständnis vor: Erzeuger und Vater sind zwar oft identisch, doch auch andere Konstellationen sind denkbar und nicht allzu selten.


So kann ein älterer Bruder bei seinen jüngeren Geschwistern durchaus die Vaterstelle vertreten. Die physische Abwesenheit oder gar Nicht-Existenz des Vaters (oder des Erzeugers?) ist also keineswegs gleichbedeutend mit „Vaterlosigkeit”. Auch ein toter Vater bzw. Erzeuger kann in der Psyche seines Kindes ein Leben lang präsent bleiben. Die Idee des „Vaters” beinhaltet dementsprechend mehr als nur die Zeugung. Dies mag eine Binsenweisheit sein, dennoch gilt es, sie zu bedenken.

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Familie um 1900. (Foto: © Dieter Schütz / Pixelio 2010)

Das Phänomen des Vaters

Noch komplizierter wird es, wenn man die Beziehung von Vater zu Kind abstrahiert und auf religiöse oder soziale, politische oder historische Phänomene überträgt. Ob „Vater” Staat, Gott-„Vater”, der absolute Monarch als „Vater” seiner Untertanen oder der Patriarch, der selbstherrlich über seine Familie herrscht – die Liste der Möglichkeiten ist lang. Auch die „Vaterlosigkeit” lässt sich als Erklärungsmodell auf all jene Bereiche anwenden, die in irgendeiner Weise eine genealogische Komponente aufweisen.

Explizite Bezugnahmen auf die Idee der „Vaterlosigkeit” rechtfertigen es seit dem 18. Jahrhundert, (Kultur-) Geschichte einmal unter diesem Aspekt zu untersuchen, so jüngst in dem von Dieter Thomä herausgegebenen Sammelband „Vaterlosigkeit. Geschichte und Gegenwart einer fixen Idee” geschehen. Aufsätze und Essays aus unterschiedlichsten Fachdisziplinen bilden dabei die enorme Bandbreite all dessen ab, was gemeinhin unter dem Sammelbegriff „Kulturwissenschaft” zusammengefasst wird.

Eine erste Enttäuschung ist in diesem Zusammenhang (leider) der eröffnende Beitrag des Herausgebers selbst. Anstelle einer Einleitung bietet Thomä eine lose Aneinanderreihung von Gedanken zu einzelnen Stationen der (Philosophie-) Geschichte, in denen „Vaterlosigkeit” aus seiner Sicht eine Rolle spielt („Statt einer Einleitung: Stationen einer Geschichte der Vaterlosigkeit von 1700 bis heute”, S. 11-64). Im Einzelnen mögen die angestellten Beobachtungen nicht falsch, ja sogar interessant und spannend sein, doch man fragt sich, ob in Anbetracht der komplexen Begrifflichkeiten eine „klassische” Einleitung nicht sinnvoller gewesen wäre. Es könnte nun entgegnet werden, der Leser solle eben angeregt werden, sich selbst entsprechende Gedanken zu machen. Doch wieso wirken dann aber ebenso die weiteren Beiträge merkwürdig lose und ohne rechten Bezug zueinander, was die strukturellen Schwächen der Herausgeberschaft offenbart?

Abschaffung von Gott, König und Familienvater

Die von durchaus namhaften Autoren behandelten Themen sind im Einzelnen bisweilen trotzdem spannend. „Vaterlosigkeit” als grundlegendes Konzept von Aufklärung, Französischer Revolution und somit der Moderne ist erstaunlich plausibel und der Versuch der Abschaffung der Vater-Trias „Gott, König und Familienvater” ist in seiner Radikalität noch heute ein Faszinosum (Friederike Kuster: „Vaterschaft und Vaterland. Das Vaterkonzept im Republikanismus des 18. Jahrhunderts”, S. 65-84). Die Wechselwirkungen zwischen den drei Bereichen Religion, Politik und Familie sind in ihren konkreten Ausprägungen zum Kennzeichen der Moderne geworden, so dass der zwischen dem Phänomen des Vaterverlustes und der Zeit ab 1700 bestehende Zusammenhang tatsächlich evident ist (Peter Fritzsche: „Väter, Waisenkinder, Onkel. Der Vaterverlust und die Grundlagen der Moderne”, S. 84-95). Umso verwunderlicher scheint es, dass die quantitativen Proportionen des Bandes zuungunsten dieser Grundlagen ausfallen. Auch das 19. Jahrhundert wird eher stiefmütterlich behandelt, und das, obwohl an sinnvollen Fragestellungen kein Mangel herrschte, etwa was das Ende des Alten Reiches 1806 und die Gründung des Kaiserreiches von 1871 mit seinen patriarchalischen Strukturen angeht, oder die Revolutionen von 1830 und 1848.

Abrupter Sprung ins 20. Jahrhundert

Vielmehr wird ein großer, allzu abrupt wirkender Sprung in das 20. Jahrhundert gemacht. Nur kurz wird das Vater-Sohn-Verhältnis vor dem Ersten Weltkrieg gestreift, um dann direkt zu genealogisch aufgeladenen Phänomenen der 1920er- und 1930er-Jahre zu kommen (Claudia Bruns: „Metamorphosen des Männerbunds. Vom patriarchalen Vater zum bündisch-dionysischen Führersohns”, S. 96-123).

Paul Federns 1919 erschienene Broschüre „Zur Psychologie der Revolution: Die vaterlose Gesellschaft” ist dabei der erste erwähnte Meilenstein im Vaterlosigkeits-Diskurs des 20. Jahrhunderts. Der Begriff „Vaterlosigkeit” dient seitdem zur Beschreibung des Verhältnisses einer Generation zur Tradition. Immer wieder nehmen die Autoren des Sammelbandes Bezug auf Federn. Auch hier hätte man sich der Einfachheit halber eine kurze Einordnung des Werkes in Thomäs Einleitung gewünscht, was insbesondere für die zweite publizistische Bezugsgröße, Alexander Mitscherlichs Buch „Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft” von 1963, notwendig gewesen wäre. Das entsprechende Essay von Helmut Lethen besticht durch seine erfrischende autobiographische Note (Helmut Lethen: „Im Schatten des „erloschenen Vaterbilds”, S. 160-177).

Historikerin wagt Definition

Qualitativ hebt sich besonders der Beitrag der Historikerin Christa Hämmerle, Professorin an der Universität Wien, von den übrigen Aufsätzen und Essays ab (Christa Hämmerle: „Vaterlosigkeit – ein fragwürdiges Konzept der neueren Geschichtswissenschaft? Grundsätzliche Überlegungen mit Blick auf das 19. und frühe 20. Jahrhundert”, S. 124-141). Als Einzige nimmt sie den eigentlich ironischen Untertitel des Bandes „Geschichte und Gegenwart einer fixen Idee” ernst und hinterfragt das „Konzept Vaterlosigkeit”. Sie schreckt nicht vor dem Versuch einer Definition der Begriffe „Vaterschaft” und „Vaterlosigkeit” zurück, wobei sie sich – wiederum als Einzige! – die Mühe macht, den Unterschied zwischen Erzeuger und Vater explizit zu berücksichtigen. Möglicherweise handelt es sich hierbei doch nicht um eine solche Binsenweisheit, wie anfangs angenommen. Eines ist jedenfalls klar: Wenn in der Abstraktionsgrundlage ein „grundlegender” Fehler steckt, ist die Abstraktion selbst, in diesem Fall also die verschiedenen Analogien, aller Wahrscheinlichkeit nach auch falsch oder zumindest problembehaftet. Wieder eine Binsenweisheit? Ja. Automatische Berücksichtigung findet sie deshalb aber offensichtlich nicht.

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(Foto: © Karl-Heinz Laube / Pixelio 2010)

Vater und Tochter

Die Beiträge der Literaturwissenschaftlerinnen Aleida Assmann („Hilflose Despoten. Väter in der deutschen Gegenwartsliteratur”, S. 198-214) und Christina Schmitt-Kilb (Literarische Vatersuche im Zeichen der Postmoderne) stechen in der Folge wohltuend hervor. So behandeln sie ausführlich das Verhältnis bzw. Nicht-Verhältnis Vater-Tochter, anstatt sich auf die entsprechende Vater-Sohn-Beziehung zu konzentrieren, wie es die meisten ihrer Mitautoren leider tun.

Was bleibt nach der Lektüre dieses Sammelbandes?

Zunächst einmal das Bewusstsein, die beeindruckende Vielfalt europäischer Kulturwissenschaft kennengelernt zu haben. Ansonsten ein eher zwiespältiger Eindruck: Eine interessante und an sich plausible Thematik läuft Gefahr, sich im Dunst kluger, bei näherem Hinsehen aber durchaus mit oberflächigen Mängeln behafteter Ausführungen zu verlieren.

Kommentare

  1. #1 Pete
    Mai 12, 2010

    Jeder Mensch hat einen Erzeuger. Ausnahmen von dieser biologischen Regel sind bislang nicht bekannt.

    Bei Dr.House gab es mal eine Folge wo dies theoretisch erörtert wurde, keine Ahnung was genau, aber es waren zwei Zufallsfaktoren.
    Angenommen dies würde wirklich vorkommen, es würde doch kaum auffallen wenn die betroffene Frau mindestens gelegentlich sexuell aktiv ist.