Manchem Physiker, Chemiker oder Biologen, der in den letzten Tagen ahnungslos in der nature-Ausgabe vom 14. Mai 2009 geblättert hat, dürften die Worte im Editorial noch in den Ohren klingen: “Scientist must rigorously assess the limits of their knowledge and communicate them to officials and the public … they must admit their mistakes and seek to learn from them” [1].

Worum geht es? In erster Linie spricht die nature-Redaktion über das Erdbeben von Sichuan, das vor einem Jahr wenigstens 70.000 Menschen das Leben gekostet hat. Und es geht darum, dass die Geologen und Seismologen die Gegend um Sichuan als weit sicherer eingeschätzt hatten, als sie letztlich war. Aber es geht auch allgemein um die Frage, ob und wie Wissenschaftler über ihre Unsicherheiten und die Begrenztheit ihres Wissens in der Öffentlichkeit sprechen sollten.

In der Wissenschafts-internen Kommunikation besteht natürlich Einigkeit darüber, dass viele Erkenntnisse – vor allem wenn sie nicht-kontrollierbare Systeme betreffen wie es z.B. in den Geo-Wissenschaften der Fall ist – vorläufig, begrenzt und unsicher sind. Das Bild, was die Öffentlichkeit von der Wissenschaft hat, ist jedoch ein anderes. Berichte über immer neue Erfolge erwecken den Eindruck, dass die Wissenschaft über alle wichtigen Belange des Lebens inzwischen über sicheres Wissen verfügt, immer bessere Wetterprognosen tragen zu diesem Bild genauso bei wie der Eindruck, Klimaforscher könnten die mittleren Temperaturen für die nächsten 100 Jahre bereits heute auf ein paar Grad genau ausrechnen. Spektakuläre Berichte über die Entstehung des Universums, des Sonnensystems und des Lebens vervollständigen dieses Bild.

„Social Science research shows that citizens are generally poor judges of the hazards they face: they think they are safe until disaster strikes.” [2] Diese Sicherheit ziehen die Menschen unter anderem aus dem Bild, das sie von den Wissenschaften haben – und daran sind die Wissenschaftler sicherlich nicht ganz unschuldig. Es ist das Gesamtbild der Wissenschaft, das den Menschen suggeriert, das die Forscher alle großen Risiken kennen: Eine Wissenschaft, die weiß, wie sich die Atmosphäre in den nächsten Jahrzehnten aufheizen wird, die Mittel gegen fast alle Krankheiten findet, die herausbekommt, wie das Weltall vor 14 Milliarden Jahren aussah, die wird wohl auch darüber bescheid wissen, was gerade jetzt unter der Erdoberfläche stattfindet.

Auf dem Boden einer solchen Sorglosigkeit gedeiht die Schlamperei am Bau und verschwindet die Fähigkeit, sich im Katastrophenfall selbst zu helfen. Das ist der Grund, weshalb die Wissenschaft in der Verantwortung ist, ihre eigenen Grenzen deutlich zu zeigen und die Risiken, die sich daraus ergeben, öffentlich zu machen.

[1] Wissenschaftler müssen die Grenzen ihres Wissens rigoros abschätzen und diese gegenüber den Behörden und der Öffentlichkeit kommunizieren … sie müssen ihre Fehler zugeben und versuchen aus ihnen zu lernen.”

[2] Die sozialwissenschaftliche Forschung zeigt dass Bürger die Gefahren, denen sie gegenüberstehen, im Allgemeinen schlecht beurteilen können: Sie denken, dass sie sicher sind bis die Katastrophe sie trifft.

Kommentare (26)

  1. #1 Thilo
    Mai 26, 2009

    (Fast) dasselbe Thema hatten wir hier schon mal diskutiert: http://www.scienceblogs.de/mathlog/2009/03/gehirn-als-storfall.php

  2. #2 Georg Hoffmann
    Mai 26, 2009

    Ihre Texte werden leider nicht besser, obwohl ich jetzt sogar ein bisschen Stammtisch heraushoere (die da oben wissen doch auch nix).
    Die Vorhersage der Temperatur der Erde “auf ein paar Grad” ist tatsaechlich keine grosse Kunst. Der Temperaturunterschied zur letzten Eiszeit war ca 5°C und selbst jemad der noch nie etwas von Treibhausgasen gehoert haette laege mit der Vorhersage “So wie heute ± 3 Grad” ziemlich gut im Rennen.
    Die Aussagen der Wissenschaft, nochmals zum Klima, (das Gleiche gilt aber fuer Erdbeben, wo hinzukommt, dass die wissenschaft sogar sagt, dass keinerlei praezise Vorhersagen welchen Typs auch immer getan werden koennten) genau das Gegenteil, naemlich die, dass man sich auf kommende und groessere und eben unbekannte meteorologische Extremfaelle ruesten sollte.

  3. #3 Jörg Friedrich
    Mai 26, 2009

    @Georg Hoffmann: Den ersten Satz Ihres Kommentars verstehe ich nicht. Würden meine Texte (in Ihren Augen) besser sein, wenn mehr Stammtisch (wo lesen Sie den und insbesondere diesen Satz?) drin wäre?

    Wenn ich “die mittleren Temperaturen” schreibe, dann schreibe ich explizit nicht von der “globalen Mitteltemperatur” – ich habe hier absichtlich einen sehr unscharfen begriff verwendet, weil es darum geht, ein Bild von einem Gesamteindruck zu zeichnen.

  4. #4 Georg Hoffmann
    Mai 26, 2009

    Vielleicht so:
    Ihre Kommentare werden nicht besser, eher im Gegenteil, denn nun muehen sie sich noch obendrein das Ressentiment des Stammtischs zu bedienen (und nicht nur die heilige Allianz aus kreationistischen klimaskeptischen wissenschaftfeindlichen Akkupunkturhomoeopathen).
    Ist das so klarer?

  5. #5 Stefan
    Mai 26, 2009

    Ich denke die vermutete Erklärung für das in „Social Science research shows that citizens are generally poor judges of the hazards they face: they think they are safe until disaster strikes.” geschilderte Phänomen, zumindest jedoch die Andeutung, die Darstellung der Wissenschaft in den Medien sei schuld dafür, ist so nicht ohne Weiteres haltbar. Denn Menchen ignorierten und verkannten nicht nur die Gefahr durch Naturkatastrophen schon lange bevor es Wissenschaft gab. Sie ignorieren und verkennen auch jegliche Gefahr auf sie selbst bezogen nur allzugerne. Kein Verbrecher begeht ein Verbrechen in der Überzeugung, erwischt zu werden. Der Durchschnittsraser auf der Straße ist ebenfalls nicht davon überzeugt, von der Polizei erwischt zu werden oder in einen Unfall zu verursachen. Es ließen sich beliebig weitere Beispiele finden. Die Grundüberzeugung, einem selbst werde schon nichts Schlimmes widerfahren und – wenn überhaupt – dann treffe es nur die anderen, scheint tief in uns verwurzelt zu sein. Sie ist ja auch nützlich, um überhaupt handlungsfähig zu sein. Diese menschliche Tendenz muss bei der Bewertung der zitierten Aussage aber auch berücksichtigt werden.
    Eine mangelhafte Kommunikation der fehlenden Perfektheit von wissenschaftlichen Erkenntnissen mag im Nachhinein eine hervorragende rationale Erklärung abgeben. Aber es ist eher unwahrscheinlich, dass diese nachträgliche Erklärung die ursprüngliche Motivation, das Risiko zu ignorieren, in irgendeiner Form erfasst …

  6. #6 Thilo Kuessner
    Mai 26, 2009

    Tja, wenn Klimaforscher meinen, das Klima könne außer Kontrolle geraten und man solle lieber Vorsichtmaßnahmen ergreifen, auch wenn sie nicht alles genau vorherberechnen können, dann sind sie Wichtigtuer, die nur ihre eigene Arbeit aufwerten wollen.

    Wenn dagegen Seismologen zu selten Alarm schlagen, dann liegt das wiederum daran, daß Wissenschaftler meinen, sie müßten die Öffentlichkeit im Glauben lassen, alles vorherberechnen zu können.

    Im DDR-Philosophieunterricht nannte man das wohl “Dialektik”, wenn ich mich richtig erinnere.

  7. #7 Georg Hoffmann
    Mai 26, 2009

    @Thilo

    Im DDR-Philosophieunterricht nannte man das wohl “Dialektik”, wenn ich mich richtig erinnere.

    Und mein Vater sagte meiner Mutter dann immer (ganz dialektisch): Wie man’s macht, man macht’s verkehrt.

  8. #8 Andrea N.D.
    Mai 26, 2009

    @Thilo Kuessner: wunderbar! Vielleicht passt DDR-philosophische Dialektik auch besser als Dichotomie. Aber der Begriff ist natürlich nicht so neutral und vermutlich auch politisch nicht korrekt.
    @Jörg Friedrich: Man nehme ein beliebiges Thema aus der Wissenschaft (Klima, Seismologie, Alternativmedizin, etc.etc.), gebe ein Beispiel aus Geographie/Geschichte/Politik etc. etc. dazu, stelle das dem angeblichen “Common Sense” (= eher ethisch-philosophisches Gesellschaftsgeschwurbel (dieser Ausdruck ist auch wunderbar, Geschwurbel) gegenüber und rühre kräftig so um, dass das Geschwurbel selbstverständlich oben schwimmt.
    Wiederholung in den Kommentaren erfolgt nur auf Wiederholung in den Artikeln hin. Fragt sich wer eher aufgibt; vorsichtige Prognose: die Kommentatoren. Und Artikel werden auch nicht besser, wenn sie immer nach Schema X immer auf dieselbe Aussage hinauslaufen (“besser” geht übrigens im Gegensatz zu “wahrer”: diese Steigerungsform gibt es selbstverständlich nicht).

  9. #9 Rudolf Uebbing
    Mai 26, 2009

    Umgang mit Gefahren bei Teilchen-Beschleunigern und Atomexperimenten

    Im Juli 1945 hat ein Team von US-Physikern ein Weltrisiko (Abbrand
    der Erdatmosphäre) in Höhe von 3 zu einer Million bewusst in Kauf
    genommen. – Heute nähert man sich energetisch der Situation
    zum Zeitpunkt des sogenannten Urknalles (LHC / CERN) – hier
    habe ich den Eindruck, dass nicht a l l e entscheidenden Fakten
    gründlichst untersucht worden sind – angesichts dessen, dass
    mehrere ganz unterschiedliche Gefahrenfelder in der Diskussion
    stehen.

  10. #10 Jörg Friedrich
    Mai 26, 2009

    @alle: Sie meinen also, der Schreiber des nature-Editorials ist ein verkappter Marxist? So habe ich das noch nicht gesehen.

    Aber damit Sie alle nicht weiter rätseln müssen: Das, was man in der marxistischen Philosophie Dialektik nannte war ziemlich das Gleiche wie das, was Hegel Dialektik nannte.

    Zum Inhalt der Kommentare kann ich im Moment leider nichts sagen, da ich mich quasi bei jeder Aussage frage, wo Sie das in meinem Text lesen.

    Es wäre nett, wenn Sie kurz angeben, wo Sie die Ressentiments des Stammtisches lesen, wo Sie lesen, dass Klimaforscher Wichtigtuer sind, dass Seismologen irgend jemanden in irgendeinem Glauben lassen wollen.

  11. #11 Thilo
    Mai 26, 2009

    “Umgebung macht erst das Umgebne klar.” (Schefner)

    Gegen die Aussage des Nature-Editorials habe ich genauso wenig wie gegen den dialektischen Materialismus. Es kommt halt immer auf die Umgebung und die Intention an.

  12. #12 Althir
    Mai 26, 2009

    @Jörg Friedrich:
    Ich verstehe Ihren Beitrag so, dass es in der Kommunikation zwischen Wissenschaft und restlicher Bevölkerung Probleme im Verständnis gibt, die dazu führen, dass zu häufig Missverständnisse auftreten und daraus reale Gefahren oder “auch nur” Wissenschaftsfeindlichkeit entstehen kann (wobei ich letzteres in den Artikel hineininterpretiere).
    Da Sie einen Blog als Medium gewählt haben, wollen Sie darüber diskutieren, ob dies zutrifft und was ggfs. getan werden kann, um das zu ändern.

    @Thilo Kuessner, @Georg Hoffmann:
    Aus Ihren Kommentaren entnehme ich, dass Sie kein Provblem darin sehen, wie Wissenschaft vom nichtwissenschaftlichen Teil der Bevölkerung gesehen wird oder den Artikel komplett anders verstanden haben als ich.
    Aufgrund der endlosen Diskussionen auf ScienceBlogs mit Klima-, Einstein- oder einfach Realitätsleugnern, muss ich annehmen, dass auch Sie Probleme in der wissenschaftlichen Kommunikation mit der Öffentlichkeit sehen?
    Oder ist alles wunderbar, es gibt zwar ein paar wenige cranks, aber alle anderen verstehen, was Sie meinen, daher sind jegliche Gedanken darüber, wie Wissenschaft der Öffentlichkeit gegenüber komminiziert wird nicht sinnvoll?

  13. #13 Georg Hoffmann
    Mai 26, 2009

    @Althir

    Oder ist alles wunderbar, es gibt zwar ein paar wenige cranks, aber alle anderen verstehen, was Sie meinen, daher sind jegliche Gedanken darüber, wie Wissenschaft der Öffentlichkeit gegenüber komminiziert wird nicht sinnvoll?

    Es gibt sicher jede Menge cranks, es gibt immer Bedarf “besser zu kommunizieren” und ich habe kein Problem mit dem Nature Artikel.
    Ich bin nur ziemlich sicher, dass die Artikel hier auf artefakten eher dazu Beitragen, Ressentiments zu bedienen als durch Fakten und ihren Unsicherheiten zu einer Besserung des bestehenden Zustands beizutragen. Mein EIndruck.

  14. #14 Althir
    Mai 26, 2009

    @Rudolf Uebbing:
    Da ich nicht einfach nur großes Vertrauen in die Wissenschaft und in Wissenschaftler habe, sondern auch gerne verstehe, warum z.B. der LHC keine Gefahr ist, kann ich verstehen, dass man sich aufgrund der Berichterstattung über Rössler im letzten Jahr Gedanken wegen der eingegangenen Risiken machen kann. Wenn Sie mehr erfahren wollen, dann lesen Sie sich doch mal diesen Beitrag auf Astrodicticum Simplex durch.
    Kurzfassung: Kein Weltuntergang!

  15. #15 Thilo Kuessner
    Mai 26, 2009

    @ althir:
    Wenn Sie sich den ersten Artikel von Jörg Friedrich hier auf Arte-Fakten ansehen, dann geht es ihm erklärtermaßen nicht in erster Linie darum, Wissenschaft zu kommunizieren, sondern Wissenschaft zu bewerten, so wie ein Kunstkritiker Kunst bewertet.
    Das meinte ich mit der Bemerkung, daß man einen Artikel nicht nur nach dem Inhalt, sondern auch nach Umgebung und Intention bewertet.

  16. #16 Althir
    Mai 26, 2009

    (mein erster Versuch ist fehlgeschlagen, falls ich nun einen Doppelkommentar verursacht habe, bitte ich, diesen zu löschen)

    @Georg Hoffmann:
    OK, die Ansicht teile ich zwar nicht, aber vielleicht kann trotzdem eine Diskussion über die Art der Außendarstellung von wissenschaftlichen Ergebnissen sinnvoll sein, auch auf Arte-Fakten.
    Ich kann mir vorstellen, dass wenn Sie auf Primaklima so eine Diskussion starten wollten, Sie viel zu sehr mit der Abwehr von “Klimawandel-Leugnern” beschäftigt wären, so dass das Thema spätestens ab Kommentar 15 nicht mehr diskutierbar wäre.

    Derzeit gewinne ich immer mehr den Eindruck, dass oftmals die jounalistische Darstellung das eigentliche Problem in der Vermittlung der Ergebnisse an die Öffentlichkeit ist. Allerdings kann ich mir nicht vorstellen, dass nicht auch von Wissenschaftlerseite (hin und wieder oder oft?) Fehler passieren. Im Spiegelinterview mit dem Medienwissenschaftler Keppling hatte ich den Eindruck, dass er das größere Problem ist. Nicht nur in der Klimalounge wurde eine seiner Studien auseinandergenommen.

    Kann man also sagen, dass meist Probleme auftreten, wenn Fachfremde etwas berichten? Müsste dort die Kommunikation verbessert werden?
    Wird zu wenig von, in dem Fall, Naturwissenschaftlern auf bestehende Unsicherheiten hingewiesen? Und wenn ja, warum? Vielleicht besteht die Sorge, dass wir (ich meine jetzt die nichtwissenschaftliche Öffentlichkeit) den Wissenschaftsbetrieb abwerten würden. Ich persönlich werde skeptisch, wenn absolute Aussagen getätigt werden. Das erinnert mich dann immer eher an religiöse Wahrheiten.
    Wenn ich aber die Aussage eines Wissenschaftlers lese, bei dem dieser die möglichen Unsicherheiten angibt, dann vertraue ich seinem Ergebnis viel mehr und bin eher bereit, auch Einschränkungen in Kauf zu nehmen (im Beispiel Klimawandel dann etwa weniger Autofahren, Fliegen, Stromverbrauch etc.).

    Da meine Erfahrung nun viel mehr Anekdote als Wissenschaft ist, würde ich mich freuen, wenn die hier bei ScienceBlogs versammelten Experten das Thema etwas näher beleuchten würden.

  17. #17 Althir
    Mai 26, 2009

    @Thilo Kuessner:
    Ich hatte gehofft, dass dieser erste Eindruck von Arte-Fakten mittlerweile, zumindest teilweise, ausgeräumt wurde.
    Könnte denn nicht, wenn es tatsächlich zutrifft, dann nicht in den Kommentaren mehr auf die Kommunikation der Wissenschaft eingegangen werden und eine Diskussion der Inhalte der Artikel stattfinden? Als Leser fänd ich das informativer als immer wieder den ersten Artikel zu nehmen und die Dinge, die einem missfielen in jedem weiteren Beitrag erneut dem Autor vorzuwerfen.
    Dass es unterschiedliche Meinungen über die Intention des Autors gibt, kann ja durchaus auch im positiven Sinn kontroverse Diskussionen verursachen.

  18. #18 Thilo Kuessner
    Mai 26, 2009

    @ Althir:
    Gut, wenn wir dann über diesen Artikel reden wollen: ich finde es halt unmöglich, wie hier alles vermischt wird. Die Vorwürfe bzgl. des Erdbebens in China mögen berechtigt sein, der Vergleich mit der Klimaforschung ist aber in jeder Beziehung abwegig. Wie Georg schon gesagt hat, geht es hier ja um das entgegengesetzte Problem. Wissenschaftler können nicht mit letzter Sicherheit vorhersagen, was passiert (und behaupten dies auch nicht), aber die Politik beugt trotzdem vor. Und die Behauptung, daß Menschen deswegen die “Gefahren, denen sie gegenüberstehen, im Allgemeinen schlecht beurteilen können”, weil sie den Wissenschaftlern zuviel glauben schenken, entbehrt m.E. jeder Grundlage und J.F. versucht ja auch gar nicht erst, diese These zu belegen. Auch wenn das jetzt eher Beweis durch Anekdoten ist, möchte ich doch darauf hinweisen, daß z.B. in der Nähe von Vulkanen oft Bauern siedeln (weil das Land dort fruchtbarer ist), die, ganz ohne von der Wissenschaf beeinflußt zu sein, davon ausgehen, daß sie sich beim nächsten Vulkanausbruch rechtzeitig in Sicherheit bringen können. Ähnliche Beispiele könnte man zu Hunderten bringen. Kurz gesagt: die im Artikel aufgestellten Behauptungen und Vergleiche machen einfach keinen Sinn. Und wenn dann auf Georgs ersten Kommentar

    Die Aussagen der Wissenschaft, nochmals zum Klima, (das Gleiche gilt aber fuer Erdbeben, wo hinzukommt, dass die wissenschaft sogar sagt, dass keinerlei praezise Vorhersagen welchen Typs auch immer getan werden koennten) genau das Gegenteil, naemlich die, dass man sich auf kommende und groessere und eben unbekannte meteorologische Extremfaelle ruesten sollte.

    einfach nur eine völlig alberne Antwort kommt, die auf den Einwand überhaupt nicht eingeht, dann ist doch klar, daß sich daraus keine sinnvolle Diskussion ergeben kann.

  19. #19 Althir
    Mai 26, 2009

    @Thilo Kuessner:
    Ich glaube ich verstehe so langsam, warum wir einen so unterschiedlichen Eindruck von obigem Artikel haben. Jörg Friedrichs verallgemeinerte Aussage über das Bild, das die Menschen von Wissenschaft haben, kann ich durchaus nachvollziehen:

    Eine Wissenschaft, die weiß, wie sich die Atmosphäre in den nächsten Jahrzehnten aufheizen wird, die Mittel gegen fast alle Krankheiten findet, die herausbekommt, wie das Weltall vor 14 Milliarden Jahren aussah, die wird wohl auch darüber bescheid wissen, was gerade jetzt unter der Erdoberfläche stattfindet.

    Nachvollziehen, weil ich solche oder ähnliche Aussagen schon häufiger gehört habe. Genauso im Negativen: “Die wissen, wat wir in hundert Jahrn fürn Wetter haben, aber nich, obs morgen regnet.” Bei solchen Aussagen weiß ich dann meistens nicht, wie ich reagieren soll, meistens kann ich nur resignierend den Kopf schütteln (Wetter – Klima, jaja, genau dasselbe).

    Ihr Beispiel von den Bauern, die in der Nähe von Vulkanen Siedeln finde ich gut, da es genau den Punkt anspricht, über den ich mich immer wieder wundere. Warum werden neue Häuser in Hochwassergefährdeten Gebieten gebaut (Elbehochwasser 2002)? Müssten nicht mit der Zeit immer weniger Menschen in Erdbebengebieten wohnen (Erdbeben in den Abruzzen 2009)? Ich möchte nicht den Menschen sagen “selber schuld”, sondern frage mich, wie in Zukunft so etwas vermieden werden kann.

    Wenn ich sie richtig verstehe, trifft die Aussage nicht zu, dass die Menschen das Bild von der Wissenschaft haben, dass sie “über alle wichtigen Belange des Lebens inzwischen über sicheres Wissen verfügt” und deshalb den Wissenschaftlern diesbezüglich kein Vorwurf zu machen sei.
    Dann ist wohl eher die Politik gefragt. Sollten Wissenschaftler mehr Einfluss in der Politik bekommen?

    Mir ist schon klar, dass es keine einfache Lösung auf die Frage gibt, wie man den Menschen ein besseres und zutreffenderes Bild der Wissenschaft geben kann. Wäre dies so einfach und auch so einfach umzusetzen, dann wäre es sicher schon geschehen.

    (Sollten wir uns in der Frage einig sein, ob von Seiten der Politik nicht etwas getan werden kann, damit die wissenschaftlichen Erkenntnisse bei den Leuten ankommen, wäre ich auch über eine Empfehlung zur Europawahl im Juni erfreut.)

  20. #20 Jörg Friedrich
    Mai 26, 2009

    @Thilo Kuessner: Ihre Kritk, keine Belege für meine Thesen zu liefern, werde ih mir zu Herzen nehmen wenn Sie mir mit leuchtendem Beispiel zeigen, wie das in einemBlog-Artikel gemacht wird. In Ihrem ober verlinkten Text über Christa Wolf z.B. finde ich in dem kurzen Abschnitt, der kein Zitat ist auf die Schnelle 5 Thesen, aber keinen einzigen Beleg.

    Zum Rest Ihres Kommentars morgen mehr.

  21. #21 Thilo Kuessner
    Mai 26, 2009

    Es geht nicht darum, daß Sie Ihre Aussagen in einem Blog-Artikel hieb- und stichfest beweisen müssen. Aber die Aussage, daß Leute Risiken (wie Erdbeben, Vulkanausbrüche, Überschwemmungen) deshalb nicht ernstnehmen, weil sie sich auf die Wissenschaft verlassen, erscheint mir pesönlich so abwegig, daß Sie schon erläutern sollten, worauf diese Vermutung beruht. Mir erscheint es als Grund viel plausibler, daß es (trotz gelegentlicher Hochwasser) attraktiv ist, an einem Fluß zu wohnen, daß Bauern ihre Landwirtschaft bewußt an Vulkanen betreiben, daß San Francisco trotz der Erdbebengefahr als sehr attraktiver Wohnort gilt etc. Vielleicht treffen Ihre Aussagen (bzw. die von Nature) auf China zu, aber die Verallgemeinerung erscheint mir mehr als fragwürdig und sollte schon begründet werden.

  22. #22 Jörg Friedrich
    Mai 27, 2009

    Zunächst zu Ihrer Kritik, ich hätte auf Georg Hoffmanns Kommentar eine “alberne Antwort gegeben”:

    Meine Formulierung war, es gäbe den “Eindruck, Klimaforscher könnten die mittleren Temperaturen für die nächsten 100 Jahre bereits heute auf ein paar Grad genau ausrechnen”. Georg Hoffmann machte daraus eine “Temperatur der Erde” und seine weiteren Formulierungen deuteten darauf hin, dass er über die “globale Mitteltemperatur” spricht. Ich habe nur darauf hingewiesen, dass ich allgemein über mittlere temperaturen gesprochen habe.

    Wie Sie vielleicht wissen, zeigen die Projektionen für die “globale Mitteltemperatur” für die nächsten 100 Jahre einen Anstieg zwischen 2 und 5 Grad, für regionale Mitteltemperaturen für einige Regionen von 5-8 Grad, für andere nahezu konstante Mitteltemperaturen. Das fasse ich zusammen mit “mittleren Temperaturen … auf ein paar Grad genau ausrechnen” (Wie Georg Hoffmann auf die Idee kommt, man läge mit einer Formulierung “‘So wie heute ± 3 Grad’ ziemlich gut im Rennen” ist mir dabei unklar)

    Dann möchte ich darauf hinweisen, dass es im vorliegenden Beispiel nicht darum ging, nicht frü/laut genug Alarm geschlagen zu haben, sondern dass man die Situation grundsätzlich falsch eingeschätzt hatte. Gleichzeitig verwies das Nature-Editorial darauf, dass Berichte von Wissenschftlern in den vergangenen Jahrzehnten oft so formuliert waren, dass Sie zu viel Sicherheit in den Aussagen vermittelten (als positive Entwicklung wurde herausgestellt, dass der letzte Bericht in Kalifornien auch auf die Unsicherheiten hinwies)

    Für eine Erläuterung meiner These, dass der gesamteindruck einer kenntnisreichen und fehlerarmen Wissenschft die Sorglosigkeit der Menschen vergrößert, habe ich momentan leider keine zeit, werde aber darauf zurückkommen. Fürden Moment schließe ich mich den Ausführungen von Althir an.

  23. #23 Thilo Kuessner
    Mai 27, 2009

    Für eine Erläuterung meiner These, dass der gesamteindruck einer kenntnisreichen und fehlerarmen Wissenschft die Sorglosigkeit der Menschen vergrößert, habe ich momentan leider keine zeit, werde aber darauf zurückkommen.

    Das hatte ich jetzt für die Hauptthese dieses Artikels gehalten. Meine Frage zielte auch weniger um einen Beweis der These als auf eine Erläuterung, wann und unter welchen Umständen sie zutrifft und wann nicht. (Ohne jetzt die konkrete Situation in China zu kennen, könnte ich mir ganz allgemein vorstellen, daß das gesellschaftliche Umfeld durchaus eine Rolle spielt.)

    Aber ich habe schon Verständnis. Wenn man fast im Tagesrhythmus die großen Menschheitsfragen wie Klimawandel, Homöopathie, Erdbebensicherheit und Entstehung des Weltalls abarbeitet, dann wird die Zeit natürlich knapp, wenn man von irgendwelchen Querulanten auch noch nach Begründungen und differenzierten Einschätzungen gefragt wird.

  24. #24 Jörg Friedrich
    Mai 27, 2009

    Ich danke Ihnen für Ihr Verständnis, das zeigt doch, dass Sie gar kein “Querulant” sind sondern ein aufmerksamer und kritischer leser meiner Texte (für den ich Sie auch immer gehalten habe). Und deshalb nun doch eine kurze Anmerkung zu Ihrer These, dass das gesellschaftliche Umfeld für die Sorglosigkeit der Menschen eine Rolle spielt: Davon abgesehen, dass dies sicher immer richtig ist, scheinen mir die von Ihnen vorgebrachten Beispiele (Attraktivität von Wohnlagen an Flüssen, Landwirtschaft an Vulkanen, Attraktivität von San Francisco) nicht auf die gesellschaftliche Situation in China zurückführbar.

    Gründe, warum Menschen bestimmte konkrete Entscheidungen treffen, sind immer komplex und nie auf einen einzelnen reduzierbar. Alles, was Sie genannt haben, spielt sicherlich für den einzelnen eine Rolle. Wenn nach einem Hochwasser ein Anwohner wieder auf sein Grundstück zurückkehrt, spielt sicher eine Rolle, dass er dort eben sein Haus hat und dass es dort die meiste Zeit schön ist. Aber es spielt auch eine Rolle, dass er liest, dass die technischen (wissenschftlich begründeten) Schutzmaßnahmen verbessert wurden, dass die Hochwasser-Prognoseverfahren immer besser werden usw. Natürlich nimmt er gleichzeitig auch wahr, dass die Klimaforscher für das übernächste Jahrzehnt die Gefahr von mehr Hochwasssern sehen – aber er sagt sich vielleicht, bis dahin wird der Wissenschaft schon was einfallen, so wie ihr bisher immer was eingefallen ist.

    Wenn nun die Wissenschaft sagen würde: Wir wissen nicht, ob dieser Damm hält, wir haben uns beim letzten Mal auch geirrt. Wir kennen den Untergrund gar nicht genug, wir sind gerade erst am Anfang, diese und jene Mechanismen zu verstehen und eigentlich sind auch wir jedesmal aufs Neue überrascht, wann und wo die Dämme brechen (ich übertrage hier die Situation der Seismologen auf das Beispiel des Dammbaus, ausschließlich zur Illustration) – würde der Grundstücksbesitzer dann auch an den Fluss zurückkehren?

    Die Situation der Seismologen war genau so, wie ich sie hier im Beispiel dargestellt habe: Sie haben die Gegend um Sichuan für nicht sehr gefährlich gehalten, haben ganz andere gegenden viel stärker beobachtet. Das war ein Fehler, der sich aus der Unwissenheit ergab – und das ist der Wissenschaft auch nicht vorzuwerfen. Was zu fordern ist, dass solche fehler offen und nicht verklausuliert oder gar nicht kommuniziert werden, damit die Menschen eine klare Vorstellung davon haben, was die Wissenschaft wirklich weiß und wo sie noch unwissend oder unsicher ist.

  25. #25 Andrea N.D.
    Mai 27, 2009

    @Jörg Friedrich: Wenn so verallgemeinernd über die Wissenschaft gesprochen wird, hätte ich größte Bedenken, die chinesischen Wissenschaftler, die bekanntermaßen in einer Diktatur leben (die Folgen für die Wissenschaft dürften bekannt sein) mit sämtliche anderen Wissenschaftlern auf der Welt gleichzusetzen. Bei so starken Verallgemeinerungen kann eine derartige Argumentationskette nicht funktionieren.

    Außerdem war doch das Hauptproblem für die Bevölkerung nicht die Unsicherheit oder der Glaube an Sicherheit über die Erdbebenfestigkeit des Gebiets oder staatlich gelenkte Prognosen darüber, sondern der Pfusch am Bau, was ich eher der Ausführung zurechnen würde und das somit nichts mit Wissenschaft zu tun hat. Das Beispiel Sichuan ist denkbar schlecht gewählt, um die Argumentation des Artikels zu stützen oder zu illustrieren.

  26. #26 Thilo
    Mai 27, 2009

    scheinen mir die von Ihnen vorgebrachten Beispiele (Attraktivität von Wohnlagen an Flüssen, Landwirtschaft an Vulkanen, Attraktivität von San Francisco) nicht auf die gesellschaftliche Situation in China zurückführbar.

    Mein Punkt war, daß die ersten drei Beispiele nicht mit Wissenschaftsgläubigkeit zu tun haben. Und daß man eben erläutern sollte, wann und unter welchen Umständen die These Ihres Artikels zutrifft. Selbst wenn sie in China zutreffen würde (meine Frage nach der Rolle des gesellschaftlichen Umfelds war ja betont eine Frage, keine Behauptung) sollte man das dann etwas differenzierter diskutieren.

    aber er sagt sich vielleicht, bis dahin wird der Wissenschaft schon was einfallen, so wie ihr bisher immer was eingefallen ist.

    Vielleicht, vielleicht auch nicht. Das ist doch reine Spekulation. Ich habe nichts dagegen, auch mal Anekdoten oder persönliche Erfahrungen zu erzählen, wenn es keine verläßlichen Umfragen oder Studien gibt. Aber das hier ist ja noch nicht einmal eine Anekdote, sondern einfach nur eine frei assoziierte Behauptung.

    Wenn nun die Wissenschaft sagen würde: Wir wissen nicht, ob dieser Damm hält, wir haben uns beim letzten Mal auch geirrt. Wir kennen den Untergrund gar nicht genug, wir sind gerade erst am Anfang, diese und jene Mechanismen zu verstehen und eigentlich sind auch wir jedesmal aufs Neue überrascht, wann und wo die Dämme brechen (ich übertrage hier die Situation der Seismologen auf das Beispiel des Dammbaus, ausschließlich zur Illustration) – würde der Grundstücksbesitzer dann auch an den Fluss zurückkehren?

    Ja, würde er? Ich weiß es nicht. Gibt es denn irgendwelche Studien, die das einmal untersucht haben? (Oder meinetwegen auch nur ein paar Anekdoten?) DAS wäre ein Thema für einen interessanten Artikel.