Weder das Elektron in einer physikalischen Theorie noch der „homo oeconomicus” in der Wirtschaftswissenschaft muss unbedingt als Ding angesehen werden, das so, wie es die Theorie beschreibt, in der Wirklichkeit auch vorhanden ist. Beim Elektron sind es die Vielzahl der Modelle, die sich gegenseitig zum Teil sogar ausschließen, die eine allzu realistische Interpretation der Theorie erschweren. Beim homo oeconomicus sind es die praktischen Erfahrungen mit anderen Menschen, die Tag für Tag beweisen, dass es den rein nutzens-kalkulierenden Akteur in Wirklichkeit gar nicht gibt.

Die Konsequenz, wissenschaftliche Theorien ausschließlich als Instrumente zur Herleitung empirischer Vorhersagen ohne realistische Interpretation ihrer Gegenstände zu deuten, ist aber unbefriedigend. Wie, so fragt man sich, soll denn dieser empirische Erfolg möglich sein, wenn die theoretischen Objekte nicht irgendwie den Objekten der Empirie entsprechen? Einen Ausweg bietet zwar die Darwinistische Interpretation der Theorien-Entwicklung, aber die degradiert den gesamten wissenschaftlichen Erkenntnisprozess quasi zum spontanen Mutationsprozess von Theoriegebilden – auch kein sehr verlockendes Bild.

Einen Versuch zur „Rettung des Realismus” unternahmen Jerrold L. Aronson, Rom Harré und Eileen Cornell Way 1995 (Realism Rescued. Open Court, Chicago 1995). Ihr Grundgedanke ist, dass Theorien im Kern Typ-Hierarchien enthalten. Diese Typ-Hierarchien repräsentieren die „natürlichen Arten”, die wiederum Gegenstände der realen Welt sind.

In the real world there is just one set of objects, each of which has its own cluster of properties … In our treatment the relation between the multiplicity of properties of the one set of entities that constitutes the real world is represented in the model world by splitting the ontology of the model world into a hierarchy of sets of entities … Thus each entity in the real world is represented by a set of sets of entities in the model world.

Die reale Welt mit den darin enthaltenen Objekten steht also der Modell-Welt der wissenschaftlichen Theorien gegenüber, wobei die realen Objekten als „natürliche Arten” strukturiert sind, während die theoretischen Modelle aus „Typ-Hierarchien” bestehen, welche wiederum auf die natürlichen Arten verweisen.

In der Biologie wären z.b. „Bär”, „Wal”, „Hase”, „Forelle”, „Hecht” z.B. natürliche Arten, während „Tier”, „Säugetier”, „Fisch”, „Wirbeltier”, „Räuber”, „Beute”, „Wassertier” usw. verschiedene Sets von Typ-Hierarchien bilden, die auf verschiedene, theorieabhängige Weise auf die natürlichen Arten verweisen. „Natürliche Arten” werden dabei folgendermaßen definiert:

A natural kind is a set of entities which have a certain cluster of properties in common, that cluster being fixed by the natural laws appropriate to the case.

Die Autoren betonen, dass die Einteilung der Welt in natürliche Arten eine empirische Frage ist, und dass sie im Lichte neuerer Forschungen revidiert werden können. Die Einteilung der Welt in natürliche Arten ist selbst ein praktisches Handeln des Forschers. Allerdings setzt dieses Handeln voraus, dass die Welt so beschaffen ist, dass der Wissenschaftler sie in natürliche Arten unterteilen kann.

Die Verweisung zwischen natürlichen Arten und Typ-Hierarchien erfolgt dann, indem für jede Typ-Hierarchie ein Set von Eigenschaften ausgewählt wird, die für die Bildung der Typ-Hierarchie herangezogen wird. Dies ist eine rein theoretische Tätigkeit, die Auswahl der verwendeten Eigenschaften und die Reihenfolge ihrer Berücksichtigung, die für den Aufbau der Theorien entscheidende Bedeutung hat, ist weitgehend willkürlich.

Das Konzept „Natürliche Arten vs. Typhierarchien” zeigt sehr schön, was es eigentlich heißt wenn man davon spricht, dass die Gegenstände der Wissenschaften „Konstruktionen” sind und dass wissenschaftliches Arbeiten ein „Konstruieren” ist. Tatsächlich schafft der Wissenschaftler die Strukturen, die er untersucht, selbst, indem er die Objekte der Welt gliedert, einteilt, klassifiziert. Diese strukturierende Arbeit schafft praktikable, handhabbare Einheiten. Prinzipiell sind Wissenschaftler in ihrer Entscheidung, wie sie diese Konstruktionen bilden, zwar frei, aber im wissenschaftlichen Auslese-Prozess werden nur die Systeme Bestand haben, die Überschaubarkeit mit empirischem Erfolg verbinden können.

Kommentare (1)

  1. #1 Markus Termin
    Juli 3, 2009

    “Tatsächlich schafft der Wissenschaftler die Strukturen, die er untersucht, selbst, indem er die Objekte der Welt gliedert, einteilt, klassifiziert.”

    Das ist wunderbar gesagt. Ich hatte schonmal versucht, Herrn Berger davon zu berichten.Auch für die Urknalltheorie ist erheblich, zu wissen, woher diese Strukturen kommen und was für eine Geschichte sie haben.

    “Insofern führt aller Zäsur zum Trotz ein direkter Weg vom antiken Athen zum parametrischen RaumKonzept der neuzeitlichen Physik seit dem 17. Jahrhundert, zum sog “Newton-Container” als Vorstellung eines absoluten, unsichtbaren, unendlichen, homogenen, dreidimensionalen aber unbeweglichen mathematischen Koordinatensystem.” (Cai Werntgen: “Wo sind wir, wenn wir in der Welt sind” aus Philosophie des Raumes, Marc Jongen Hrsg.