“Besinnung ist der Mut, die Wahrheit der eigenen Voraussetzungen und den Raum der eigenen Ziele zum Fragwürdigsten zu machen.” schrieb Martin Heidegger in seinem Aufsatz “Die Zeit des Weltbildes” (Holzwege, Seite 75). In einer Fußnote ergänzt er: “Solche Besinnung ist weder für alle notwendig, noch von jedem zu vollziehen oder auch nur zu ertragen. Im Gegenteil: Besinnungslosigkeit gehört weithin zu den bestimmten Stufen des Vollbringens und Betreibens.”

Besinnungslosigkeit ist hier nicht kritisch oder gar abwertend zu verstehen. Heidegger macht mit seiner Fußnote deutlich, dass ein permanentes In-Frage-Stellen der eigenen Voraussetzungen und Ziele dem Handeln die Kraft nimmt und das Erreichen von Ergebnissen somit unmöglich macht. Diese Einsicht ist uns weniger durch Heidegger, sondern vor allem durch Shakespeares Hamlet vertraut.


Andererseits ist Besinnung spätestens dann sinnvoll, wenn trotz eifrigen Betreibens wenig vollbracht wird: Dann ist es Zeit, nach der Wahrheit dessen zu fragen, was man vorausgesetzt hat, dann ist es notwendig, den “Raum der eigenen Ziele” zu erkunden.

In den Arte-Fakten habe ich in den letzten Monaten immer wieder über die Notwendigkeit der Besinnung in den Wissenschaften geschrieben: Wie wahr sind die Voraus-Setzungen, wie sicher sind die Ziele? Das „zum Fragwürdigsten” zu machen, habe ich betrieben, vollbracht allerdings ist wenig.

Im Gegenteil: Immer aufs Neue prallen in den Kommentaren unversöhnliche Standpunkte aufeinander, jeder Kommentator ist sich der eigenen Sicht der Dinge so sicher, dass für andere Ansichten nur Hohn, Spott und Verachtung übrig ist. Von Besinnung, vom „In-Frage-Stellen” des eigenen Standpunktes ist wenig zu sehen.

Diese Einschätzung ist keine Publikums-Schelte. Im Gegenteil: Es zeigt vor allem die Notwendigkeit der Besinnung für den Autor der Arte-Fakten, für mich selbst auf. Meine eigenen Voraus-Setzungen, meine eigenen Ziel-Setzungen sind „zum Fragwürdigsten zu machen”.

Mein Bedarf, in „Kommentar-Schlachten” am Ende zum „Sieger” erklärt zu werden, war nie sehr groß und inzwischen ist er gänzlich gedeckt. Meine Absicht ist, angesichts unübersehbarer Probleme im Umgang mit Wissenschaft und Technik, eine Besinnungs-Diskussion mitzugestalten. Die grundlegenden Voraus-Setzungen, das, was Fortschritt genannt wird, und das, was unser Weltbild ausmacht, sind dabei noch gar nicht wirklich zur Sprache gekommen, geschweige denn, dass sie frag-würdig geworden wären.

Wenn man immer wieder nach großem Anlauf gegen Wände rennt, die dabei weder einstürzen noch übersprungen werden können, dann ist es an der Zeit, kleinere Schritte zu machen, nach schmaleren Pfaden durchs Gelände zu suchen. Deshalb wir es in den nächsten Wochen eher Fragmentarisches geben, Einzel-Überlegungen, die aufeinander aufbauen. Puzzles, deren Aussehen am Schluss durch den Weg und die Zeit ihrer Entstehung (und – wie ich hoffe – auch durch die Beiträge der Kommentatoren) mit bestimmt wird.

Kommentare (2)

  1. #1 Markus Termin
    September 2, 2009

    Ganz feine Idee!

  2. #2 Geoman
    September 3, 2009

    @ Jörg Friedrich schrieb:

    “Wenn man immer wieder nach großem Anlauf gegen Wände rennt, die dabei weder einstürzen noch übersprungen werden können, dann ist es an der Zeit, kleinere Schritte zu machen, nach schmaleren Pfaden durchs Gelände zu suchen.”

    Zu diesem besinnlichen Resümee habe ich zufällig eine passende Abbildung von einer provokativen…. Skulptur auf der Biennale Venedig 2009 gefunden:

    http://images.zeit.de/bilder/2009/24/kultur/canal-grande-nummer1/canal-grande-nummer1-artikel-210.jpg