“Was uns wirklich krank macht” – so heißt ein Aufsatz im Feuilleton der FAZ (vom 21.06.2010), in dem uns erklärt wird, was das Problem des Web-Zeitalters sein soll, nämlich eine “Kombination von Informationsstress und Konkurrenzdruck”. Der Autor des Artikels, Geert Lovink, spricht über einen (mir unbekannten) Autor namens Berardi, der sich mit Begriffen von Leuten auseinandersetzt, die ich auch nicht kenne – sie heißen Deleuze und Guattari – und der eine Studie empfiehlt, die mir ebenfalls unbekannt ist, nämlich das Buch “Capitalist Realism” von Mark Fisher. Und das macht mich krank. Ein Aufsatz, der einem vom Informationsstress und Konkurrenzdruck befreien will, tut nichts anderes, als ihn durch wichtigtuerische Verweise zu erhöhen. Soll ich jetzt das referierte Zeug lesen oder was? Und außerdem erklärt er die Gegenwart zum Web-Zeitalter, ohne sich Gedanken über den großen Begriff eines Zeitalters zu machen, den er bedenkenlos mit dem kleinen Web kombiniert. Mich mach so etwas krank, und das erst recht, wenn dem Gebräu noch begütigende Allerweltweisheiten der Art beigemischt werden, “Nicht die Technologie ist das Problem”. Das Problem ist, daß zu viele Leute zu viel Unsinn über zu viel Unverstandenes schreiben und mir die Zeit stehlen. Immerhin schwindet nach der Lektüre der Konkurrenzdruck. Ich muss mir nichts von dem Aufsatz merken.

Kommentare (17)

  1. #1 CCS
    Juni 21, 2010

    Mal eine provokante Frage: Gibt es Gründe, dass man die Kritik an dem Aufsatz nicht 1:1 auf diesen Blog übertragen kann?

  2. #2 Jörg Friedrich
    Juni 21, 2010

    Auch in diesem Falle wusste ich schon heute morgen beim Zeitung Lesen was mich heute nachmittag beim Wissenschaftsfeuilleton lesen erwartet. Allerdings geben ich Ihnen in diesem Falle Recht, auch wenn ich Ihnen nicht abnehme dass Sie Deleuze und Guattari nicht kennen.

  3. #3 Benzol
    Juni 21, 2010

    Zeit kann man genauso wenig stehlen, wie man Energie erzeugen kann. Man ‘muss’ auch nichts lesen. Und wenn man dann noch eine Kausalverbindung zum eigenen Gesundheitszustand sieht, “Mens sana in corpore sano” – der Umkehrschluss scheint auch zulässig. ‘Tschuldigung. Bin ja eigentlich auf Ihrer Seite. Blöder Feuilleton.

  4. #4 Ulrich Berger
    Juni 21, 2010

    Was man über Deleuze und Guattari unbedingt wissen sollte, hat Dawkins 1998 in Nature sehr schön zusammengefasst… http://www.physics.nyu.edu/faculty/sokal/dawkins.html

  5. #5 Jörg Friedrich
    Juni 21, 2010

    @Ulrich Berger: Was mich an diesen Artikeln von Sokal und Dawkins immer wieder ärgert: Sie nehmen sich irgendeinen Text und greifen einen beliebigen Absatz heraus ohne sich auch nur einen Deut um das Umfeld, die Geschichte, den konkreten Kontext zu kümmern und ziehen dann darüber her. Natürlich hat man es als “richtiger” Wissenschaftler nicht nötig, sich mit den Details des Diskurses, in dem der Text entstand, zu beschäftigen, man hat ja quasi an dem Tag, an dem man in seinem eigenen Fach promoviert hat quasi die Deutungsfähigkeit für alles Sinnvolle auf der Welt – wahrscheinlich per Inspiration – erworben. Das wäre genauso als wenn sich – sagen wir – ein Künstler einen nature-Letter nimmt und sagt: Was ist denn das für ein unsinniges Zeug, das versteht doch kein Mensch, alles pseudo-intellektuelles Gestammel.

    Wer Deleuze und Guattari wirklich liest, sich mit den Hintergrund und den Fundamenten, auf die diese aufbauen, beschäftigt, der versteht sie auch – glauben Sie mir.

  6. #6 Ulrich Berger
    Juni 21, 2010

    @ Jörg Friedrich:

    Das ist ein alter Vorwurf gegen Sokal/Bricmont, auf den diese schon unzählige Male repliziert haben: Nein, auch im jeweiligen Kontext ergeben die zitierten Passagen keinen Sinn. Ich lasse mich gerne eines besseren belehren, aber ich kann mir wirklich keinen Kontext vorstellen, in dem das, was Deleuze über das mathematische Symbol dx schreibt, nicht entweder trivial oder falsch ist.

  7. #7 Jörg Friedrich
    Juni 22, 2010

    @Ulrich Berger: “Ich lasse mich gerne eines besseren belehren” – ich glaube allerdings nicht, dass dies möglich ist. Schon immer haben sich Menschen, die ein bestimmtes Sprachspiel spielten (ich hoffe, dieser Begriff ist hier mal erlaubt, mir fällt kein besserer ein) bei anderen Sprachspielen bedient. Auch Wissenschaftler haben ihre Symbole aus anderen Sprachspielen entnommen und damit ihr eigenes Spiel aufgebaut. Was man zunächst akzeptieren muss ist, dass Deleuze und Guattari ein anderes Sprachspiel spielen, dass sie andere Ziele haben, dass die Nachricht, die sie übermitteln wollen, keine naturwissenschaftliche ist. In ihrem Sprachspiel haben ihre Sätze einen Sinn. Niemand zwingt einen Naturwissenschaftler in dieses Spiel. Aber wenn ein Wissenschaftler ein paar dieser Sätze aufschnappt, aus dem Spiel herausreist und dann darüber herzieht, welch eine sinnlose Beschäftigung da betrieben wird, ist das eigentlich in seiner Ignoranz nur lächerlich.

  8. #8 Ulrich Berger
    Juni 22, 2010

    @ Jörg Friedrich:

    Der Vergleich mit dem was Wissenschaftler tun, hinkt gewaltig. Dass die Nachricht von D & G keine naturwissenschaftliche ist, ja klar. Es mag auch sein, dass in deren Sprachspiel diese Sätze eine gewisse Bedeutung haben. Aber wenn dieses Sprachspiel keinen Konnex zur Wirklichkeit mehr aufweist, dann verdient diese Bedeutung nicht, “Sinn” genannt zu werden.

    Es hätte in den letzten Jahren weiß Gott genug Gelegenheit gegeben, Sokal et al sowie dem interessierten Publikum zu erklären, wie denn das gemeint gewesen sei und was es tatsächlich bedeutet, was da angeblich so ungerechtfertigt kritisiert wurde. Das ist in den vielen dutzenden Beiträgen zu den Science Wars nicht geschehen. Warum wohl?

    Es gab schon einen Grund, warum Sokals Hoax so prächtig funktioniert hat. Er hat die Spielregeln des Sprachspiels gelernt und klar gemacht, dass es keinen Konnex zur Wirklichkeit hat. Es handelt sich, wie Harry G. Frankfurt sagen würde, um Bullshit. Das muss man wahrlich nicht verteidigen.

  9. #9 Thilo Kuessner
    Juni 22, 2010

    Ein konkretes Beispiel ( http://www.scienceblogs.de/mathlog/2010/01/wissenschaft-und-philosophie.php ):

    This diagram [the Möbius strip] can be considered the basis of a sort of essential inscription at the origin, in the knot which constitutes the subject. This goes much further than you may think at first, because you can search for the sort of surface able to receive such inscriptions. You can perhaps see that the sphere, that old symbol for totality, is unsuitable. A torus, a Klein bottle, a cross-cut surface, are able to receive such a cut. And this diversity is very important as it explains many things about the structure of mental disease. If one can symbolize the subject by this fundamental cut, in the same way one can show that a cut on a torus corresponds to the neurotic subject, and on a cross-cut surface to another sort of mental disease.

    (Ein Original-Zitat von Jacques Lacan, das Sokal verwendete.) Das hört sich für mich nicht nach einem reinen Sprachspiel an, sondern Lacan strebt doch offensichtlich an, etwas reales (in diesem Fall das Gehirn und mentale Krankheiten) erklären zu können.

    Aber vielleicht verstehe ich auch nicht richtig, was Sie meinen. Was verstehen Sie unter ‘Sprachspielen’ – ein ästhetisch orientiertes Arbeiten mit Worten, bei dem die eigentliche Bedeutung der Worte keine Rolle mehr spielt? Oder meinen Sie etwas anderes?

  10. #10 Jörg Friedrich
    Juni 22, 2010

    @Ulrich Berger: Es gibt natürlich Reaktionen von Seiten derer, die da angegriffen wurden, auf Sokals Hoax. Ich habe die Bücher zu Hause stehen und kann Ihnen gern ein paar Literaturhinweise senden. Es ist aber auch vernünftig, solche Aktionen weitgehend zu ignorieren und seine Arbeit fortzusetzen.

    Versuchen Sie sich nur einmal vorzustellen, Sie seien Herausgeber einer Zeitschrift in der unter anderem auch neue sprachliche Formen der Beschreibung komplexer Zusammenhänge erprobt werden. Bei Ihnen geht nun ein text eines Naturwissenschaftlers ein, der einige Reputation hat und vorgibt, sich an dem Diskurs, zu dem Ihre Zeitschrift gehört, beteiligen zu wollen. Klar ist, dass solche experimentellen Texte vom Herausgeber nicht notwendigerweise “verstanden” (in dem Sinne, wie Naturwissenschaftler naturwissenschaftliche Texte verstehen) werden müssen. Der Herausgeber kann den Text durchaus als Experiment des Autors verstehen und akzeptieren. Die Qualität des Textes muss sich ja nicht schon durch die Veröffentlichung zeigen, sie zeigt sich dadurch, dass Leser in den Diskurs einsteigen, dass sie reagieren und sich der Diskurs dadurch entwickelt.

    Sokal und Co. meinten, irgendetwas dadurch bewiesen zu haben, dass der Text in einer Zeitschrift namens “Social Text” erschienen ist. Das einzige was damit bewiesen wurde ist aber, dass sie das Prinzip der Kommunikation der Gemeinschaft, in die Sokal sich eingeschlichen hatte, nicht verstanden hatten. Sie haben die Kommunikations-Prinzipien der eigenen Gemeinschaft auf eine andere projiziert, haben gemerkt, dass dabei Unsinn herauskommt und daraus gefolgert, dass das, was die anderen da machen, Unsinn ist. Auf die Idee, dass schon ihre Projektion unsinnig war, sind sie nicht gekommen.

    Der postmoderne Diskurs hat übrigens vermutlich nicht weniger Bezug zur Wirklichkeit als z.B. die aktuelle Stringtheorie.

  11. #11 Ulrich Berger
    Juni 22, 2010

    @ Jörg Friedrich:

    Die Reaktionen sind massenweise auf http://www.physics.nyu.edu/faculty/sokal/ gesammelt und ich kenne die meisten. Überzeugend finde ich nichts davon. Wie sich die Herausgeber von Social Text im Nachhinein winden, ist m.E. armselig. Und Ihre eigene Verteidigungsrede baut offenbar auf der Idee auf, Social Text sei eine Art Künstlerzeitschrift, in der experimentelle Texte veröffentlicht wurden. Das scheint mir Wunschdenken zu sein.

  12. #12 Thilo Kuessner
    Juni 22, 2010

    Der postmoderne Diskurs hat übrigens vermutlich nicht weniger Bezug zur Wirklichkeit als z.B. die aktuelle Stringtheorie.

    Wenn Mathematiker oder theoretische Physiker sich Worte aus der Alltgssprache nehmen und diesen eine neue Bedeutung geben (Offenheit, Kompaktheit, Gruppe, Ring, Körper etc.) dann wissen sie jedenfalls genau, daß diese Worte jetzt etwas ganz anderes bedeuten als in der Umgangssprache. Ein Mathematiker, der einen Satz über Körper beweist, glaubt sicher nicht, seine Sätze ließen sich auch in den diversen Zusammenhängen anwenden, in denen das Wort ‘Körper’ umgangssprachlich sonst noch vorkommt.

    Ich bin mir nicht sicher, ob das bei postmodernen Philosophen genauso ist.

  13. #13 Jörg Friedrich
    Juni 22, 2010

    @Thilo Kuessner: Ich werde Ihnen nicht mal auf die Schnelle Lacan und den Begriff der Inskription erklären. Aber es lohnt sich, mal in den Vortrag hineinzulesen, dem das Zitat “entnommen” ist. Sie finden ihn z.B. hier: http://www.lacan.com/hotel.htm

    @Ulrich Berger: Da haben Sie sich ja eine sehr objektive Quelle gesucht 😉

    Ich habe eine ganz gute Vorstellung von den Artikeln die in Zeitschriften wie Social Text stehen. Der Begriff “experimentielle Texte” ist nicht ganz falsch, nicht nur Künstler experimentieren mit den Möglichkeiten der Sprache. Aber ehrlich gesagt, ich glaube nicht, dass das hier der Ort ist, an dem man Verständnis für das Denken französischer postmoderner Denker erwarten oder erarbeiten kann – auch wenn ich das bedaure, denn ich persönlich habe deren Schriften mit Gewinn gelesen.

  14. #14 Jörg Friedrich
    Juni 22, 2010

    @Thilo Kuessner (17:19): Der postmoderne Denker interessiert sich u.a. dafür was für Konseqenzen eine solche Übertragung hat, inwiefern die Verwendung eines Begriffs aus einem anderen Sprachbereich das Denken auch in dem neuen Bereich beeinflusst oder strukturiert. Das Problem ist, dass er für diese Überlegungen selbst Sprachelemente verwenden muss, und diese Verwendung strukturiert ja wiederum seine Sicht. Mit dieser Zirkularität versucht er umzugehen. Das ist der Grund für die merkwürdige Sprechweise, die man sich erst mal erarbeiten muss.

    Davon abgesehen: Kein postmoderner Denker regt sich darüber auf, dass Mathematiker z.B. von Körpern reden und dabei irgendwelche Mengen meinen, deren Elemente man addieren und multiplizieren kann. Wenn aber ein postmoderner Autor einen Begriff aus der Wissenschaft für seine Zwecke verwendet, sind die Wissenschaftler aufgebracht. Ist das nicht kindisch: ständig die Lego-Steine der anderen Kinder als Spielgeld nehmen und dann weinen, wenn umgekehrt mal einer den eigenen Spielzeug-Bagger als Rennauto nimmt?

  15. #15 Thilo Kuessner
    Juni 22, 2010

    Kein postmoderner Denker regt sich darüber auf, dass Mathematiker z.B. von Körpern reden und dabei irgendwelche Mengen meinen, deren Elemente man addieren und multiplizieren kann. Wenn aber ein postmoderner Autor einen Begriff aus der Wissenschaft für seine Zwecke verwendet, sind die Wissenschaftler aufgebracht. Ist das nicht kindisch: ständig die Lego-Steine der anderen Kinder als Spielgeld nehmen und dann weinen, wenn umgekehrt mal einer den eigenen Spielzeug-Bagger als Rennauto nimmt?

    Genau das war ja meine Frage gewesen: ob die postmodernen Philosophen, wenn sie zum Beispiel über Zahlen oder das Gehirn oder … schreiben, dann wirklich das Wesen der Zahlen, des gehirns … (in unserer üblichen Bedeutung der Worte) ergründen wollen. Wenn ich sie jetzt richtig verstehe, ist das nicht der Fall?

  16. #16 Jörg Friedrich
    Juni 22, 2010

    @Thilo Kuessner: Jedenfalls ist es ein Missverständnis zu vermuten, dass die Postmodernen die Probleme der Physik oder der Mathematik lösen wollten. Was “das Wesen” dieser Objekte ist, und was diesem Wesen erst durch die Untersuchung, durch die Bezeichnung usw. eingeschrieben wird, das wäre u.a. erst mal zu klären.

  17. #17 Thilo Kuessner
    Juni 22, 2010

    Was “das Wesen” dieser Objekte ist, und was diesem Wesen erst durch die Untersuchung, durch die Bezeichnung usw. eingeschrieben wird, das wäre u.a. erst mal zu klären.

    Auch wenn Sie das offensichtlich anders gemeint haben: ich denke, das ist der Punkt.