Ich kenne die Zeile von Brecht, wo er sich über die Zeiten beklagt, in denen ein Gespräch über Bäume nicht möglich ist, weil es das Schweigen über so viel anderes einschließt. Ich schweige trotzdem zu den japanischen Ereignissen und möchte ein Gespräch über Programme vorschlagen. Gestern hat ein Jurist (Ernst-Wolfgang Bockenförde) Einspruch gegen die PID erhoben und seine Argumentation auf die Grundlage gestellt, daß nach der Verschmelzung von Samen- und Eizelle ein eigenständiges menschliches Lebewesen existiere. “Das genetische Programm der Entwicklung ist fertig vorhanden, bedarf keiner Vervollständigung mehr oder eines qualitativen Sprungs, entfaltet sich vielmehr von innen her nach Maßgabe eigener Organisation.” Das klingt zwar nett, bleibt aber Unsinn, auch wenn es ununterbrochen wiederholt wird. Ich will gar nicht erst erläutern, warum es zwar Programm für Computer, nicht aber für das Leben gibt (wie man seit Jahrzehnten weiß), ich will nur darauf hinweisen, daß das programmierte Leben als Maschine betrachtet wird. Und die darf man abschalten. Auf dieser selbst gewählten Grundlage können Menschen machen, was sie wollen. Macht der Autor ja auch und erzeugt nichts als Langweile.

Kommentare (6)

  1. #1 YeRainbow
    März 15, 2011

    REcht haste.

  2. #2 radicchio
    März 15, 2011

    daß nach der Verschmelzung von Samen- und Eizelle ein eigenständiges menschliches Lebewesen existiere

    wenn das so ist, dann kann man es ja einfach in der petrischale eigenständig existieren lassen.

  3. #3 Jörg Friedrich
    März 18, 2011

    Lieber Herr Fischer, “Programme” gab es schon lange, bevor es Computer-Programme gab, das Wort kommt vom griechischen πρόγραμμα, her προ bedeutet “vor”, γράμμα ist das Geschriebene. Ein Programm ist also einfach etwas Vor-Geschriebenes, nicht unbedingt im Sinne einer Vorschrift im heutigen Sinne, eher im Sinne einer Skizze, in der das entstehende bereits entworfen ist. Man kann sicherlich darüber streiten ob die Bezeichnung des genetischen Codes als “Programm” nicht einen Programm-Autor voraussetzt und deshalb im naturwissenschaftlichen Sinn abzulehnen wäre, aber aus der Verwendung des Programm-Begriffs abzuleiten, dass das “programmierte Leben als Maschine betrachtet wird” scheint mir falsch. Es liegt andererseits in der Natur von Programmen im Sinne eines im voraus Geschriebenen, dass ihr Inhalt nie mit dem Ergebnis ganz übereinstimmt, das macht den Begriff “Programm” für die genetischen Erbanlagen von Lebewesen eigentlich wieder attraktiv.

  4. #4 Andrea N.D.
    März 18, 2011

    @Jörg Friedrich:
    … und das ursprünglich aus dem griechischen kommende Wort hat seit den geschätzten 2000 – 3000 Jahren keine Entwicklung durchgemacht? hmm…
    Vielleicht hatten die Griechen auch noch nicht so die PIDs im Sinn, als sie das Wort verwendeten?
    Ich denke, Bockenförde wollte damit (ungerechtfertigterweise) verdeutlichen, dass nicht nur der gesamte genetische Code (das “Programm”) bereits enthalten ist, sondern dass ebenfalls das “Entwicklungsprogramm” bereits enthalten ist. Diese Ansicht hat radiccio ja schön ad absurdum geführt. Da hilft das ganze programmieren auch nix mehr.
    Böckenförde hat übrigens definitiv einen Programmautor im Sinn.

  5. #5 Jörg Friedrich
    März 18, 2011

    Andrea N.D, der Begriff “Programm” wird heute noch immer im ganz Griechischen Sinn verwendet, z.B. wenn man von programmatischen Entscheidungen spricht, von Programmen von Gruppierungen und Organisationen. Wer Böckenförde kennt wird seine Verwendung dieses Begriffs eher dort einordnen als in der Welt der Computer-Programme.

    Der von Fischer zitierte Böckeförde-Text ist übrigens Online nachlesbar: http://www.faz.net/-01pmyt

  6. #6 Andrea N.D.
    März 19, 2011

    @Jörg Friedrich:
    Böckernförde vertritt in Einklang mit “seinem Programmautor” das potentielle “Programm”. Wie ich bereits schrieb geht es nicht ausschließlich um die Vollständigkeit des “genetischen Programms” sondern um die potentielle Möglichkeit der Entfaltung des “Programms”, die angeblich bei der Verschmelzung bereits gegeben ist. Das ist eben genau nicht so, weil kein “Mensch” in der Petrischale lebt. Das Wort “Programm” ist dann entweder komplett falsch verwendet (wie hier kritisiert) oder wird bewusst als “Kampfbegriff” eingesetzt – was es auch nicht besser macht.