Es ist komisch oder vielleicht doch nicht. Aber immer dann, wenn sich ein Künstler zu der Frage äußert, was Kunst und Wissenschaft unterscheidet, dann sagt er, daß die Werke der Kunst einzigartig sind und nur von dem jeweiligen Künstler geschaffen werden konnten, während Werke der Wissenschaft reproduzierbar und jedem Forscher zuzutrauen sind. Dies bleibt Blödsinn, auch wenn es ununterbrochen wiederholt wird, in diesen Tagen in der Ausgabe von NATURE, die auf den 10. Mai 2012 datiert ist (S. 173). Ich will jetzt nicht die Banalität ansprechen, daß jedes (nicht plagiierte) wissenschaftliche Paper in seiner Wortfolge so einzigartig ist wie etwa eine (nicht abgeschriebene) Novelle. Ich will aber den Blödsinn anprangern, der meint, daß das, was Dr. A heute entdeckt hat, morgen von Dr. B gefunden worden wäre, während das Gedicht von dem Poeten P niemals von dem Poeten Q hätte geschrieben werden können. Kunst ist originell und voller Originale; Wissenschaft ist methodisch und ohne Originale.
Wer so argumentiert, verwechselt einfach Werk und Inhalt. Das Werk ist in jedem Bereich einmalig. Und der Inhalt? In der Wissenschaft muss der Inhalt einer Arbeit wirklich neu sein. In der Kunst nicht. Da geht es immer um Liebe, Verrat und manches mehr, das die Menschen interessiert. Das Verhältnis von Wissenschaft ist nicht so einfach, wie Künstler meinen. Vielleicht denken sie ja, ihre unsinnige Aussage sei wissenschaftlich, weil sie ununterbrochen reproduziert wird. Da wendet sich das Gast mit Grausen und verzichtet auf die dazugehörige Kunst. Wissenschaft macht mehr Spaß.

Kommentare (9)

  1. #1 wurmloch
    Mai 23, 2012

    Während des lesens ihres artikels , fiel mir eine aussage von david hilbert über einen seiner ehemaligen schüler ein (den genauen wortlaut habe ich vergessen, ich kann sie nur sinngemäß wiedergeben):

    “… schließlich wurde er dichter. Für die mathematik hatte ihm ohnehin die phantasie gefehlt.”

  2. #2 Schmidts Katze
    Mai 23, 2012

    “Es ist komisch oder vielleicht doch nicht.”

    Volle Zustimmung, Herr F.

  3. #3 Stefan W.
    Mai 24, 2012

    Aber immer dann, wenn sich ein Künstler zu der Frage äußert, was Kunst und Wissenschaft unterscheidet, …

    Ich schätze es gibt genau einen Künstler der sich derart geäußert hat.

    Lt. Beuys ist ja jeder Mensch ein Künstler, somit auch ich, und ich habe mich noch nie derart geäußert. Ich verstehe ja, wenn man sich über eine solche Äußerung ärgert, aber sie gleich zum allgemeinen Credo ganzer Berufsgruppen zu erklären scheint mir übertrieben.

  4. #4 rolak
    Mai 24, 2012

    Ich schätze es gibt genau einen

    moin Stefan W., das klingt nicht nur zu sehr nach Kino, geht imho deutlich an der Realität vorbei, sondern zollt insbesondere dem (die Realität falsch wiedergebenden) ‘immer’ des posts viel zu viel Respekt. Alter und fortlaufender Beleg.

  5. #5 S.S.T.
    Mai 24, 2012

    dann sagt er, daß die Werke der Kunst einzigartig sind und nur von dem jeweiligen Künstler geschaffen werden konnten.

    Diese Behauptung ist offensichtlicher Unfug.

    Selbst ‘große’ Kunst ist nicht einzigartig. Ich erinnere an die umfangreichen Vermeer-Fälschungen. Die Werke wurden von den Experten gefeiert und der Schwindel flog erst durch den Fälscher (Han van Meegeren) selbst auf.

    Einzigartig ist evtl. noch Merda d’artista (deutsch Künstlerscheiße) http://www.pieromanzoni.org/index_it.htm
    Über deren Wert dürften allerdings die Meinungen geteilt sein.

  6. #6 Dr. Webbaer
    Mai 24, 2012

    @SST

    Selbst ‘große’ Kunst ist nicht einzigartig. Ich erinnere an die umfangreichen Vermeer-Fälschungen. Die Werke wurden von den Experten gefeiert und der Schwindel flog erst durch den Fälscher (Han van Meegeren) selbst auf.

    Der Künstler wird schon sein Werk als soziale Nachricht und auf das Bezugssystem “Erzeuger->Rezipienz” bezogen als einzigartig einordnen. Oder? Das läge doch auf der Hand, das Werk als sozialer Akt?!

    Sie sind ja vom Fach, wie ordnen Sie denn diese * Behauptung ein: ‘(…) während Werke der Wissenschaft reproduzierbar und jedem Forscher zuzutrauen sind.’
    ?

    MFG
    Dr. Webbaer

    * angeblich künstlertypische

  7. #7 klauszwingenberger
    Mai 24, 2012

    Ich will aber den Blödsinn anprangern, der meint, daß das, was Dr. A heute entdeckt hat, morgen von Dr. B gefunden worden wäre, während das Gedicht von dem Poeten P niemals von dem Poeten Q hätte geschrieben werden können.

    Mich treibt eine Frage seit einiger Zeit um, die zu dem Thema hier passt:

    Nehmen wir eine zentrale naturwissenschaftliche Theorie – SRT und ART (hat ja sogar in der Abkürzung etwas von Kunst, nicht?). Sähen die in ihrer Formulierung, in ihrem Formalismus anders aus, wenn sich nicht Albert Einstein damit befasst hätte, sondern, sagen wir, Henri Poincaré? Ist es denkbar, dass Aspekte dieser Theorien sich heute anders oder auch nur anders gewichtet darstellen würden? Wie groß ist der Einfluss der Forscherpersönlichkeit auf die Darstellung eines Naturgesetzes?

  8. #8 S.S.T.
    Mai 24, 2012

    @Dr. Webbaer

    Sie sind ja vom Fach, wie ordnen Sie denn diese * Behauptung ein: ‘(…) während Werke der Wissenschaft reproduzierbar und jedem Forscher zuzutrauen sind.’
    ?

    Nicht jeder Forscher kann ein schwieriges Problem lösen. Wurde das Problem jedoch erst einmal gelöst, ist die Lösung/der Lösungsweg reproduzierbar und nachvollziehbar.

    An Fermats letztem Theorem haben sich Gernerationen von Mathematikern die Zähne ausgebissen, bis der Beweis schließlich Ende der ’90iger gelang.

    Auf die Kunst übertragen: Die Lösung eines Problems ist das mehr oder weniger einzigartige Kunstwerk. Das Nachvollziehen der Lösung und die Übertragung auf verwandte Felder ist die Reproduktion, wie das Abmalen von Bildern oder die Nachahmung des jeweiligen Stils.

    Was übrigens einen Künstler jeweils zu seinen Kunstwerken antreibt, vermag ich nicht zu sagen, auch wenn ich hin und wieder eine Vermutung habe.

  9. #9 s.s.t.
    Mai 25, 2012

    Aktuell kann man übrigens einzigartige Kunst auf der Fotostrecke von
    http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/documenta-in-kassel-kunstfuehrer-proben-fuer-die-eroeffnung-a-834957.html
    bewundern.