Ein Gastbeitrag von Stefan Uttenthaler

 

Im letzten Teil der 5G-Artikelserie möchte ich von meinen Besuchen bei zwei Veranstaltungen berichten, auf denen Produkte zur Reduzierung von angeblich gefährlichem Elektrosmog und Mobilfunkstrahlung angepriesen und zum Verkauf angeboten wurden. Am Ende des Berichts wird hoffentlich klar und deutlich, dass die Warnungen vor schädlichen Wirkungen von Elektrosmog, Mobilfunk und insbesondere 5G, bzw. die Geschäftemacherei mit der Angst davor, aus einem pseudowissenschaftlich-esoterischen Milieu stammen. Aufklärung über solche Geschäftspraktiken ist ein nötiger Teil des Konsumentenschutzes.

Ausgangspunkt

Den Ausgang nahm die ganze Sache in einer Presseaussendung des Forums Mobilkommunikation, in der spekuliert wurde, ob es sich bei den Vorträgen um reine Verkaufsveranstaltungen handelt. Um Klarheit in die Sache zu bringen, wurde ein Mystery-Shopping überlegt. Auch der ORF wurde darauf aufmerksam, und so wurde bei der „Gesellschaft für kritisches Denken”, meinem Skeptiker-Verein, angefragt, ob jemand bereit wäre, sich als neutraler und gleichzeitig wissenschaftlich beschlagener undercover-Besucher zu betätigen. Über Umwege landete die Anfrage bei mir. Als eingefleischter und aktiver Skeptiker ist es sowieso immer das Leiwandste, wenn man Pseudowissenschaftlern direkt bei der Arbeit zusehen kann. Nicht zuletzt aufgrund der Erfahrung mit 5G-Gegnern in meiner Heimatgemeinde war ich auf das Thema Mobilfunk vor kurzem sowieso aufmerksam geworden, also erklärte ich mich gleich bereit, diese Feldstudie zu übernehmen.

Teil 1: „Risiken” und „Fakten” über Elektrosmog, 5G und Handystrahlung

Die erste der Veranstaltungen fand im September 2020 in Stadt Haag in Niederösterreich statt. Der Abend stand unter dem Titel „Elektrosmog, 5G & Handystrahlung – Risiken, Fakten und Lösungen”, wobei ich an diesem Tag nur den ersten Teil, nämlich jenen über „Risiken” und „Fakten” zu Elektrosmog, hörte. Den Rest holte ich dann beim zweiten Termin im Oktober nach. Der Vortragsabend war, möglicherweise wegen der zu dieser Zeit steigenden Corona-Neuinfektionen, eher schwach besucht: Inklusive mir selbst fanden sich gerade einmal neun Zuhörer in der Neuen Musikmittelschule Haag ein. Der eigentliche Vortragende wurde eingeführt von einem Herrn David H. (Name geändert, vollständiger Name ist dem Autor bekannt), der selbst auf memon-Produkte setzt und freiberuflicher „Fachberater” dafür ist. Nach kurzer Erläuterung seines eigenen Werdegangs (oder besser gesagt Leidenswegs) leitete er über zum Vortrag von Herrn Mag. Peter Grill. Herr Grill ist eigentlich studierter Tierarzt und betreibt nach eigenen Angaben ein Institut für Salutogenese. Da er persönlich als Vortragender angekündigt wurde, möchte ich ihn hier auch als einzigen der Beteiligten mit dem korrekten, vollständigen Namen nennen.

Herr Grill führte gleich zu Beginn an, was einer der den Vortrag dominierenden Begriffe werden würde: oxidativer Zellstress. Dieser entstünde durch einen Mangel an Elektronen, der zu einem sauren Milieu im Körper führe. Das Konzept der Übersäuerung ist eine in der Alternativmedizin weit verbreitete, pseudomedizinische Ansicht. Dabei beruft man sich u.a. auf den Medizin-Nobelpreisträger Otto Warburg, zu dessen Zeit man die Ursachen für Krebs aber noch sehr ungenügend verstanden hatte. Nach diesem Konzept könne Krebs nur im sauren Milieu ent- und bestehen, und Elektrosmog bzw. Mobilfunkstrahlen trügen zu einem sauren Milieu im menschlichen Körper bei.

Zu Beginn des Vortrags führte Herr Grill in sein Verständnis der physikalischen Grundlagen des Elektrosmogs und der Mobilfunkstrahlung ein. Wer hier wie ich als Physiker zumindest ein bisschen Grundlegendes über elektromagnetische Wellen erwartet hatte, wurde enttäuscht. Laut Referent würden durch den Stromfluss bzw. Elektrosmog die „Minus-Ionen”, die natürlicherweise in der Luft verteilt seien, gestört, sie würden an den Wohnungswänden etc. kleben bleiben und so aus der Atemluft entfernt und für den Menschen unzugänglich werden. Außerdem führe Elektrosmog zur Zerstörung der „hexagonalen Wasserstruktur” (wohlgemerkt hat flüssiges Wasser keine hexagonale Struktur, diese tritt nur bei Eiskristallen auf). Das so gestörte Wasser könne z.B. keine Giftstoffe mehr aus den Zellen entfernen, weil es diese nicht mehr „packen” könne. An dieser Stelle wurde auf die pseudowissenschaftlichen Konzepte von Masaru Emoto verwiesen, ebenso wie auf die esoterischen Begriffe der Wasseradern oder geopathischen Störzonen, die dem Körper ebenso schaden könnten.

Unwissenschaftliche Angst- und Panikmache

Spätestens ab hier entwickelte sich der Abend in eine Richtung, die getrost als unwissenschaftliche Angst- und Panikmache bezeichnet werden kann. Anhand eines Fotos einer kränkelnden Linde im Hof eines Kindergartens in Wien, in deren Nähe ein Mobilfunkmast steht, wurde gleich mehrfach Angst geschürt: Bedeutungsschwanger wurde erwähnt, dass in dem Hof auch Kinder gespielt hätten, das müsse man sich „erst einmal vorstellen”. Weiters kommt der Vortragende wieder auf die „hexagonale Struktur” des Wassers zu sprechen: Dieses werde durch den Mobilfunk gestört, es könne so nicht mehr durch die Kapillaren des Baumes strömen und dieser würde dadurch geschädigt. Ebenso hätte das fetale Fruchtwasser einer Schwangeren normalerweise eine hexagonale Struktur. Der Wissenschaft „sei bekannt”, dass, wenn diese Struktur verloren ginge, diese Schwangerschaft „ein baldiges Ende” hätte – betroffene Blicke im Publikum.

Überhaupt wurde im Vortrag wiederholt auf angebliche Auswirkungen von Elektrosmog und Mobilfunk auf Fruchtbarkeit, Babys und Kleinkinder eingegangen und sehr bewusst Angst geschürt. Ein bekanntes Bild der Eindringtiefe von Mobilfunkwellen in den Kopf von Kindern wurde gezeigt. Laut Referent dringen diese tiefer ein als bei Erwachsenen, da „die Zellen von Kindern noch nicht ausdifferenziert [sic!]” seien. Ein Review von John R. Goldsmith (1997) wurde zitiert, der laut Referent schrieb, dass die Fehlgeburtenrate auf 47,7% (!) steige, wenn Schwangere neben einem WLAN-Router sitzen” würden. Der Review bezieht sich auf die Originalarbeit von Ouellet-Hellstrom & Stewart (1993), die ihrerseits auf Umfragedaten von 1989 (!) unter Physiotherapeutinnen basiert. Die Umfrageteilnehmerinnen hatten bei ihrer Arbeit mit sog. Diathermie-Geräten hantiert, Geräte zur Wärmetherapie mittels Mikrowellen. Von WLAN-Routern, die es zu dieser Zeit de facto noch nicht gab, ist in dem Artikel überhaupt keine Rede. Auch auch das Zitat ist falsch: Die 47,7% waren der Anteil an Fehlgeburten, die vor der 7. Schwangerschaftswoche auftraten. Herr Grill wurde kurz etwas emotional, als er Schwangeren und Müttern, die neben ihren Kindern ein Handy oder sonstige Mobilfunkanwendungen nutzen, verantwortungsloses Verhalten vorwarf. Mobilfunk wurde von ihm auch noch für Diabetes und für die Schwächung des Immunsystems verantwortlich gemacht.

Sinnlose Grenzwerte

Auch eine kurze Vorführung eines baubiologischen Messgeräts durch die Herren Grill und H. war Teil der Veranstaltung: Sobald das Handy eine Datenverbindung aufbaue, werde der Messbereich von bis zu 2000 μW/m2 überschritten. Herr Grill erklärte auch, dass es selbst dann athermische Effekte gäbe, wenn das Handy im Flugmodus ist, weil die Apps immer noch Updates machen würden. Es wurde nicht vergessen zu betonen, dass eine menschliche Zelle schon ab 0,0027 μW/m2 (entspricht einer elektrischen Feldstärke von 1 mV/m) auf das elektromagnetische Feld ansprechen würde, da die Zellmembranen „in Resonanz gehen” würden. Vergleichen wir das einmal mit der Leistungsflussdichte, die ein Mensch durchschnittlich aufgrund seiner Körperwärme (37°C, 1,73 m2 Hautoberfläche) in Form von Schwarzkörperstrahlung abgibt: Das sind alleine im FR2-Frequenzbereich von 5G (siehe erster Artikel in der Reihe) 22,6 μW, also um einen guten Faktor 8000 mehr! Als vorgeblich positives Beispiel wurde u.a. Monaco angeführt, wo seit 2015 durch ein fürstliches Dekret der Grenzwert von 1 μW/m2 festgelegt worden sei. Auch dieser absurd niedrige Wert ist freilich falsch, der tatsächlich festgelegte Grenzwert ist um den Faktor 42.000 höher.

2000 Studien über Mobilfunk

Laut Herrn Grill sei das Problem, dass diese „wissenschaftlichen Erkenntnisse” nur sehr spärlich an die Öffentlichkeit kommen würden, dabei gäbe es angeblich 2000 Studien (an anderer Stelle wird von 1600 Studien gesprochen), die beweisen würden, dass 5G schädlich sei. Immer wieder Bezug genommen wurde auf Wilhelm Mosgöller, Mediziner an der MedUni Wien, der mit seiner ATHEM-Studie (ATHEM = ATHermische Effekte Mobilfunk) zum gefeierten Helden der Mobilfunkgegner wurde, obwohl die Studie tatsächlich keinerlei Belege für eine gesundheitliche Auswirkung von Mobilfunkwellen enthält. Sogenannte athermische Effekte werden von Mobilfunkgegnern immer wieder ins Feld geführt, obwohl wissenschaftlich solche Effekte nie nachgewiesen wurden bzw. nach menschlichem Ermessen auszuschließen sind, siehe voriger Artikel in der Reihe. Ebenso wurde die von der EU finanzierte Reflex-Studie erwähnt, die auch am Wiener AKH betrieben (und manipuliert!) wurde, die oxidativen Zellstress und DNA-Strangbrüche durch Mobilfunk gefunden haben will. Eine Studie der Schwedischen Gesundheitsbehörde wurde erwähnt, die erstmals auch Kinder und Jugendliche einbezog und für diese ein stark erhöhtes Gesundheitsrisiko gefunden haben will. Es fiel auf, dass die Studien zwar verbal erwähnt, nicht jedoch auf den Vortragsfolien zitiert oder hergezeigt wurden. Herr Grill fasste das ganze mit den Worten zusammen, dass die Wissenschaft mittlerweile „ganz deutlich” zum Ausdruck bringe, dass Handys „tödlich” (!) seien. Warum macht die Politik nichts dagegen? Der Referent mutmaßte, dass BM Elisabeth Köstinger all diese Erkenntnisse und Studien unterdrückt, weil sie ein gratis Handy bekommen hätte …

Ein Zitat aus einem Schreiben von Ärztekammerpräsident Szekeres wurde vorgelesen: Mehrere höchstgerichtliche Urteile hätten demnach unmissverständlich anerkannt, dass Mobilfunkstrahlung gesundheitsschädlich sei (gemeint ist ein Urteil aus Italien). Herr Szekeres fordert von der Politik Schutz der Bevölkerung vor 5G. Leider wird immer vergessen zu sagen, dass die Ärztekammer eine Interessenvertretung der Ärzte und nicht der Patienten ist. In der Österreichischen Ärztekammer gibt es eine Fraktion, die sich stark gegen Mobilfunk engagiert und vor angeblichen Risiken warnt. Diese Warnungen dienen aber weniger dem Schutz der Bevölkerung als dem eigenen Ego und der Wichtigtuerei der Ärztekammer in dieser Thematik. Was soll man außerdem von einer Ärztekammer halten, die Weiterbildungsdiplome in pseudomedizinischen Verfahren wie der Homöopathie vergibt außer, naja, dass sie die (wirtschaftlichen) Interessen des eigenen Standes vertritt?

Oxidativer Zellstress

Zum Schluss des ersten Teils folgte eine Erklärung des oxidativen Zellstress’: Rote Blutkörperchen nähmen Sauerstoff in der Lunge auf und gäben ihn in Kapillaren im Körper wieder ab; dafür nähmen sie CO2 auf, weil sich das Membranpotential ändere. Elektrosmog jedoch würde die Ladungen nicht nur in der Luft, sondern auch im Körper verändern, z.B. das Membranpotential von roten Blutkörperchen, wenn sie vom Elektrosmog positiv geladen würden. Die Blutkörperchen würden zusammenklumpen und könnten ihre Funktion nicht mehr erfüllen. Die Konsequenz sei Sauerstoffmangel und CO2-Überschuss, also oxidativer Zellstress – laut Herrn Grill „ganz simpel und rein wissenschaftlich” erklärt. „Was passiert mit Zellen, wenn sie oxidativen Zellstress erleiden?” fragte er. Sie verkrampfen sich, führen zu Verspannungen.

Bemerkenswert war auch, dass der WLAN-Router an der Wand die ganze Zeit während des Vortrags an war (es war nicht erkennbar, ob er von irgendjemandem der Anwesenden genutzt wurde) und der Vortragende einen Funk-Presenter nutzte, um seine Präsentation zu steuern …

Teil 2: Die angeblichen Lösungen

Etwa einen Monat später besuchte ich in Wien eine weitere memon-Veranstaltung, die abermals von Peter Grill abgehalten wurde. Der Vortrag fand im Salon des Seminarzentrums Vitamynd statt, einer großen, alten Villa in der Dornbacherstraße 62 im 17. Bezirk. Beim Vitamynd scheint es sich allgemein um einen Esoterik-Hot-Spot zu handeln, wie ein Blick auf die Veranstaltungen auf der Homepage zeigt.

Gleich zu Beginn musste ich einen kurzen Schock verdauen. Auf dem mit memon-Broschüren und anderem Werbematerial reich belegten Tisch lag ein Formular, das ich für das in Lokalen obligatorische Formular für Corona-Contact-Tracing hielt – bis ich bemerkte, dass es sich um ein Anmeldeformular für die Veranstaltung selbst handelte. Das Spannende war, dass die erste Spalte den Titel „Kontaktiert durch” trug – offenbar sollte man nur zur Veranstaltung kommen, wenn man von jemand anderem angesprochen und kontaktiert wurde. Das war ein Umstand, auf den auch der Referent während seines Vortrags zu sprechen kam und auf den er mich später auch persönlich ansprechen sollte. Offenbar wollten die Veranstalter sicher gehen, dass auch die richtige Klientel kommt und keine kritischen Stimmen die Veranstaltung stören. Nachdem ich meine Kontaktdaten schon zur Hälfte eingetragen hatte, entschied ich mich noch, sie ein bisschen zu verändern, damit die Veranstalter wenigstens nicht meine korrekten Daten in die Hände bekommen. Die Corona-Auflagen wurden jedenfalls nicht sehr ernst genommen: Die einzige Gesichtsmaske, die ich auf der Veranstaltung zu sehen bekam, war meine eigene!

Was meinen Auftrag als Mystery-Shopper anlangte, konnte ich bei diesem zweiten Termin live miterleben, dass es sich tatsächlich um eine Verkaufsveranstaltung handelte. Zwar wurden die memon-Produkte nicht aggressiv wie auf einer Kaffee-Fahrt beworben, dennoch wurden sie aber dezent zum Kauf angeboten. Insgesamt folgte die Veranstaltung folgendem Schema: Erst Angst und Panik vor Elektrosmog, Mobilfunk und 5G schüren, dann die einfache, vermeintliche Lösung dafür anbieten, nämlich memon-Produkte!

Als ich zum Vortrag stieß, war Herr Grill am Ende des ersten Teils angelangt und sprach gerade noch über das Phänomen der Geldrollenbildung, das in der Alternativmedizin, anders als in der evidenzbasierten Medizin, als obligat pathologisch betrachtet wird. Es wurden auch noch weitere Ängste gesschürt: „In der übernächsten Generation werden die weiblichen Nachkommen eine Chance von nur noch etwa 1:8 auf gesunde Eierstöcke haben!”, und der Referent streute Hinweise auf Hoden-, Anal- und Eierstockkrebs ein.

In der Pause vor dem zweiten Teil studierte ich, Interesse vortäuschend, die aufgelegten Broschüren und Zeitschriften und versuchte dabei, den Gesprächen der anderen Personen zu folgen. Ein Gespräch drehte sich um Corona: Auf allen Veranstaltungen seien so wenige Besucher, dabei sei das alles natürlich nur Panikmache! Noch spannender war ein Gespräch, das der memon-Fachberater, Herr H., der auch schon in Haag anwesend war, mit einer Dame auf der Couch gleich neben mir führte. Offenbar ging es um einen Geschäftsabschluss, die Dame wollte memon-Produkte kaufen und sie füllten gemeinsam ein Formular aus. Ganz eindeutig für mich zu hören war, wie von einer Einzugsermächtigung zugunsten von Herrn H. und von einem Betrag von gut 1000 Euro die Rede war.

Nach der Pause die wichtigste Botschaft zuerst: Natürlich gibt es eine Lösung für all diese Probleme! Nun wurden die memon-Produkte vorgestellt. Herr Grill erzählte sein „Erweckungserlebnis”: Ein Freund hatte ihn zu einem memon-Seminar in Wien gebracht, zum Preis von 120 Euro. Der nächste Schritt war dann ein „Aufbauseminar” in Rosenheim, wo auch die Firma memon ihren Sitz hat. Das Seminar war teuer, aber er dachte sich: „einmal probier ich’s noch”. Zuvor hätte er schon sehr viel Geld in andere Technologien investiert, die ihn nicht „erschöpfend befriedigt” hätten, um seine gesundheitlichen Beschwerden (Verspannungen, Herzrhythmusstörungen, Vorhofflimmern, nächtliche Schweißausbrüche, Asthma, etc.) in den Griff zu bekommen. Auf dem Seminar kam er in Kontakt mit den memon-Produkten, er deckte sich damit gleich für sein ganzes Haus ein und nahm sie im Auto mit nach Wien. Schon auf der Fahrt hätte er gemerkt, wie gut es ihm plötzlich ging. Zuhause angekommen fühlte er sich, als wäre er gerade mal zehn Minuten zum Einkaufen gefahren, nicht so schlapp wie sonst nach vier Stunden Autofahrt. Auch erzählte er Anekdoten davon, welche positiven Wirkungen die Produkte in seinem Familienkreis gehabt hätten und wie er PatientInnen mit schweren Herzproblemen oder Krebs im Endstadium in seinem Salutogenese-Institut erfolgreich damit behandelt hätte. Schnarchen, Asthma, usw., alles könne damit erfolgreich behandelt werden.

Herr Grill „erklärte” auch den „Wirkmechanismus” der memon-Produkte. Dazu wurde zuerst ein (esoterisch geprägter Werbe-)Film mit und über Winfried M. Dochow abgespielt, ein Maschinenbauer, der in den 1980er-Jahren die memon-„Technologie” erfunden haben will. Der Wirkmechanismus wurde als Analogie zu Noise-Cancelling-Kopfhörern erklärt: Durch destruktive Interferenz würden alle Frequenzen außer jener des Sonnenlichts und der Schumann-Resonanz (7,83 Hz) ausgelöscht bzw. „harmonisiert”. Die Schumann-Resonanzfrequenzen, die sich in der Erdatmosphäre zwischen Erdoberfläche und Ionosphäre bilden, werden in der Esoterik als die „natürliche” Schwingung der Erde interpretiert, ohne die kein Leben möglich wäre (laut Herrn Grill sind in Weltraumstationen, U-Booten etc. Frequenzgeneratoren installiert, die die Schumann-Frequenzen lokal erzeugen würden). Durch die Harmonisierung würden die Elektronen, die zuvor an Wänden, Decken, Vorhängen etc. „geklebt” seien, wieder in die Luft zurückkehren, könnten wieder eingeatmet werden und der oxidative Zellstress bzw. die Geldrollenbildung ginge zurück. Auch der Feinstaub würde dadurch wieder zu Boden sinken und wir müssten ihn nicht mehr einatmen. Wie dann überhaupt irgendeine drahtlose Kommunikation möglich sein soll, wenn alle anderen Frequenzen durch destruktive Interferenz ausgelöscht werden, blieb dabei schleierhaft. Ein memon-Harmonisierer, der durch Anschluss an die Steckdose einen ganzen Raum harmonisieren könne, wurde durch das Publikum gereicht (angeblich nur ein Muster, ohne die essentiellen „Informationen”). Leider wurde er nicht bis zu mir hinten durchgereicht, sodass ich ihn nicht inspizieren konnte. Laut Recherche eines niederländischen öffentlich-rechtlichen TV-Senders im Jahr 2011 enthält das „Gerät” lediglich eine Leuchtdiode, ein Stück Folie und Sand. Und mit solchen Produkten setzt die Firma memon alleine in Deutschland 3,5 Millionen Euro jährlich um!

Ein Besucher fragte nach: Was macht das Gerät denn mit den Hoch- und Niederfrequenzen? Wie sind denn die Chips am Handy mit dem Strom verbunden (also wie werden sie mit Energie versorgt, die anderen Geräte werden ja an die Steckdose angesteckt)? Die Antworten klangen eher ausweichend, auf die Fragen ging der Referent nicht sehr konkret ein.

Die memon-Produkte wurden mit Auszeichnungen beworben, die sie angeblich schon bekommen hätten: Zweimal der Innovationspreis des Freistaats Bayern (laut der memon-Zeitschrift „Natürlich Gesund” handelte es sich dabei lediglich um „Innovationsgutscheine”), die „Goldene Stimmgabel” (weil die memon-Produkte angeblich auch die Klangqualität von Stereoanlagen verbessern), etc. Herr Grill nannte auch Preise für die Geräte: Um eine typische Wohnung mit memon-Produkten auszustatten, müsse man mit einer (einmaligen) Investition von 2500 bis 3000 Euro rechnen. Da sei aber alles inkludiert, das gesamte „Raumfeld” und das Leitungswasser. Eine Garçonnière könne man schon um 1700 Euro ausstatten.

Ein zentraler Teil der Veranstaltung war eine Live-Vorführung des (angeblich) negativen Effekts von Mobilfunk einerseits und der (angeblich) schützenden Wirkung eines memon-Chips am Handy andererseits auf das Blut zweier freiwilliger Probanden. Zwei Vortragsbesucher wurden ausgewählt und dazu angehalten, zehn Minuten miteinander zu telefonieren. Vorher wurde ihnen je ein Tröpfchen Blut abgenommen, das später mit einem vor Ort aufgebauten Mikroskop analysiert werden sollte. Ebenso wurde ihnen nach einem zehnminütigen Telefonat ohne Chip und ein drittes Mal nach einem weiteren Telefonat mit memon-Chip Blut abgenommen. Eine Dame namens Doris (Name geändert, korrekter Vorname dem Autor bekannt), die das Mikroskop bediente, führte gegen Ende der Veranstaltung das Ergebnis vor. Dieses lautete im Wesentlichen wie folgt: Vor dem Telefonieren war das Blut „schön”, d.h. die roten Blutkörperchen einzeln und nicht verklumpt. Nach dem zehnminütigen Telefonat ohne Chip war das Blut verklumpt, eine deutliche Geldrollenbildung war zu erkennen. In der dritten Blutprobe war das Blut wieder viel „schöner”, die Blutkörperchen lagen einzeln vor. Was Frau Doris genau machte, war für mich aus der Entfernung nicht genau zu erkennen. Jedenfalls ist eine geringe Geldrollenbildung keine krankhafte Abnormität, mit einem starken Mikroskop lassen sich immer Stellen in einer Blutprobe finden, die solche Stapel von Blutkörperchen zeigen oder eben nicht. In der Alternativmedizin wird dieses Phänomen pathologisiert. Ein logischer Fehler des ganzen Tests fiel dabei offenbar niemandem auf: Herr Grill erwähnte zwischendurch, dass der ganze Salon mit einem Exemplar des zuvor durch das Publikum gereichten Produkts „harmonisiert” sei. Weshalb sollte dann überhaupt ein negativer Effekt des Telefonats auf das Blut oder eine Schutzwirkung des Handy-Chips feststellbar sein?

Zum Schluss wurde noch ein Zeitrafferfilm von der Entwicklung einer Zellkultur innerhalb von 24 Stunden unter Einfluss von Mobilfunk aus einer Studie” von Dartsch Scientific gezeigt. Das Schlussstatement von Herrn Grill lautete: „In Wahrheit passiert an uns und der gesamten Natur ein riesiger Feldversuch!” Aber: „Ich und meine Familie werden diesen Feldversuch überleben!” Frau Doris ergänzte vielsagend: „Verschwörungstheoretiker würden sagen, es handelt sich nicht um einen Feldversuch, sondern um programmierten Zelltod!”

Beide Termine wurden per Diktiergerät am Handy aufgezeichnet, die Aussagen des Referenten kann ich allesamt belegen.

Mein Dank geht an Mario Sedlak, Viktor Weisshäupl, Erich Eder und Ulrich Berger für diverse Beiträge zum Artikel.

Kommentare (18)

  1. #1 Dr. Krista Federspiel
    Wien
    8. Januar 2021

    Du hast das alles durchgehalten ohne Bauchweh zu bekommen? Alle Achtung!

  2. #2 Ernst Stecker
    Graz
    8. Januar 2021

    schwere Kost. Also Danke fürs dokumentieren!
    Das kann ich nicht, hab´ resigniert.
    Kenne schwere Fälle im Familienkreis.
    wünsche alles Gute, im ernst

  3. #3 Wolfgang Maurer
    8. Januar 2021

    Sehr schön Stefan- gratuliere.
    Hast du ihn auch gefragt, ob das was da aus dem Handy strahlt, identisch ist mit der Tscherenkow Strahlung ist, oder wolltest du ihn nicht verwirren?

  4. #4 Beobachter
    8. Januar 2021

    @ Stefan Uttenthaler:

    Mit Entsetzen muss ich anhand Ihres Artikels feststellen, dass man sich mit dem Verkauf von nutzlosen Beutelschneider-MEMON-Produkten immer noch eine goldene Nase bzw. ein dickes Bankkonto “verdienen” will, leichtgläubige Leute in Angst und Schrecken versetzt, sie über den Tisch zieht und u. U. ihre Gesundheit gefährdet.

    Schon 2009 konnte ich gerade noch rechtzeitig verhindern, dass eine pflegebedürftige, chronisch kranke Greisin (88 Jahre alt) einen Ratenzahlungsvertrag mit Konto-Einzugsermächtigung über 600.-€ für einen MEMON-Transformer unterschrieben hat und sie darüber aufklären.
    Dieser “Transformer” (ein simpler Metallstab) war schon im häuslichen Strom-Sicherungskasten der Greisin platziert und sollte “schädliche Frequenzen umwandeln”, “weitere Schlaganfälle verhindern” und “wichtiger sein als die Einnahme von Marcumar”.
    Bei Nicht-Kauf mache man sich schuldig an weiteren Schlaganfällen, die man dann selbst zu verantworten habe.
    (Dies alles ist dokumentiert; besonders verwerflich ist die Tatsache, dass es sich bei der Verkäuferin des MEMON-Transformers um die Tochter der Greisin handelte.)

    Diese Leute scheuen sich nicht mal, pflegebedürftige Greise bzw. sogar die eigene Mutter einzuschüchtern, unter Druck zu setzen und sie finanziell auszunehmen!

    Im Übrigen sind MEMON-Produkte ein alter Hut, und im Psiram-Wiki gibt es dazu schon lange einen Eintrag:

    https://www.psiram.com/de/index.php/Memon

    Es ist eine Schande, dass man den Herstellern, Vertreibern und Verkäufern solcher und ähnlicher Produkte (die alle untereinander sehr gut vernetzt sind und sich gegenseitig Klientel zuschieben) bisher offenbar nicht das Handwerk legen konnte.

  5. #5 echt?
    8. Januar 2021

    Da testen Sie mal die Leistungen von “Prof.” Nauki Edinger! Da sind nicht nur die Titel sehr beschwingt, was der Ärztekammer aber schon lange am Allerwertesten vorbeigeht.

  6. #6 Beobachter
    8. Januar 2021

    @ echt?, # 5:

    Ja, ich weiß.
    Es scheint zu gelten:
    Einmal approbiert – immer approbiert.
    Die Ärztekammern scheinen ihren Mitgliedern Narrenfreiheit im ärztlichen “Leistungsangebot” (bis hin zur gewerblichen “Geistheilung” und Anwendung des ätzenden “Wundermittels” MMS) zuzugestehen und/oder blind zu sein – nach dem Motto: die eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus …

    Deshalb braucht man sich über den “Vertrauensverlust” gegenüber Medizinern auch nicht zu wundern …

  7. #7 Franzel
    9. Januar 2021

    Oh wei.
    Alle total neidisch hier, nicht selbst Heilkristalle an Krebskranke zu verkaufen.
    Me too 😀
    Wenn diese Freaks mit Heilkristallen geheilt werden wollen, dann sollten wir das tun.
    Sie geben uns Geld und die Gewissheit dass ein Dummerle sehr bald den Abgang macht.

    Win-Win-Situation 😀
    Weil die Käufer von Heilkristallen und Homöopathie sich sonst auf Querdenker Demos herumtreiben oder 5G Masten anzünden.

    Hört endlich auf die Verkäufer von Hokuspokus zu haten, nur weil ihr neidisch seid!

    Mit freundlichen Grüßen
    Eure Eier

  8. #8 Beobachter
    9. Januar 2021

    Offenbar können/wollen Leute wie “Franzel”, # 7, – und deren gibt es eine Menge – , nur in einer Kategorie/Fragestellung denken:
    Wie komme ich mit möglichst minimalem Aufwand an möglichst maximale Gewinne?
    Ob dadurch etliche “Dummerlen” “sehr bald den Abgang machen”, ist ihnen völlig gleichgültig.
    Und den Patientenschutz/Verbraucherschutz sollte man auch gleich noch abschaffen, nicht wahr?
    Deren Vertreter sind ja “nur neidisch” und haben keine dicken “Eier”, nicht wahr?

    Es lebe der freie Markt – auch und besonders in der “Gesundheitswirtschaft” und in Krisenzeiten !?

  9. #9 Theodor Much
    Baden
    9. Januar 2021

    Sehr interessante und aufschlussreiche Information. Danke!
    Über unsere Erlebnisse bei einem Besuch in der Ärztekammer und einem Gespräch mit Präs. Wechselberger kann unter “Initiative für wissenschaftliche Medizin” (Weisshäupl und Much) nachgelesen werden. Leider ist der Einfluss der Esoteriker in der ÄK sehr gross.

  10. #10 Fluffy
    12:55 Uhr
    9. Januar 2021

    Ein sehr interessanter und erhellender Artikel über Praktiken und Methoden.

    Beide Termine wurden per Diktiergerät am Handy aufgezeichnet, die Aussagen des Referenten kann ich allesamt belegen.

    Wie ist das zu verstehen?

  11. #11 user unknown
    https://demystifikation.wordpress.com/2020/03/25/coronabauch/
    9. Januar 2021

    Wie ist das zu verstehen?

    Hat mich auch gewundert.

    In Deutschland ist die Aufzeichnung des gesprochenen Worts ohne Einwilligung, und es klingt nicht, als sei eine Einwilligung eingeholt worden, rechtswidrig und mit empfindlichen Strafen belegt, so weit ich weiß, aber andererseits kann die Gesetzeslage in Österreich, die unserer in vielen Dingen ähnlich ist, eine andere sein.

  12. #12 rolak
    10. Januar 2021

    Wie ist das zu verstehen?

    Was soll denn daran mißverständlich sein, Fluffy?

    [D] Aufzeichnung des gesprochenen Worts ohne Einwilligung(..) rechtswidrig

    Aber nicht doch, ausschließlich die des nichtöffentlich gesprochenen Wortes. ‘Eintritt kostet’ ist nicht äquivalent zu ‘nichtöffentlich’, weswegen auch bei diversen Konzertkarten etc extra draufsteht, daß Ton- und Bildaufnahmen untersagt seien, womit dieses schmalNDA zu einem Teil des Kaufvertrages Eintrittskarte wird.

  13. #13 Beobachter
    10. Januar 2021

    @ Theodor Much, # 9:

    ” … Leider ist der Einfluss der Esoteriker in der ÄK sehr gross.”

    Lediglich der “Esoteriker”?

    Wenn approbierte Mediziner z. B. krebskranke Patienten durch “Geistheilung” “heilen” wollen, das ätzende Wundermittel MMS propagieren und anwenden, ist das keine bloße “Esoterik”, sondern m. E. ein justiziables Vergehen, Körperverletzung und widerspricht dem ärztlichen Standesrecht/der Berufsordnung und Berufsverständnis/Ethik.

    Und wenn solche Ärzte Privatpraxen (für Selbstzahler) betreiben, unterliegen sie nicht mal der Kontrolle der Krankenkassen.

    https://correctiv.org/aktuelles/2015/12/18/die-unheiler/

    https://www.rbb-online.de/kontraste/ueber_den_tag_hinaus/gesundheit/gefaehrliche-quacksalber-das-geschaeft-mit-dem-wundermittel-mms.html

  14. #14 noch'n Flo
    Schoggiland
    10. Januar 2021

    @ Beobachter:

    Offenbar können/wollen Leute wie “Franzel”, # 7, – und deren gibt es eine Menge – , nur in einer Kategorie/Fragestellung denken:
    Wie komme ich mit möglichst minimalem Aufwand an möglichst maximale Gewinne?

    Das ist ja nun eine sehr weit verbreitete Einstellung – auch und vor allem im Medizin-Business. Und es ist ja anscheinend auch völlig in Ordnung, sonst hätte der Gesetzgeber da schon längst einen Riegel vorgeschoben. Sogar gestandene Skeptiker winken sowas gerne mal durch, wenn der Verticker von zweifelhaften Produkten jammert, er könne sonst nicht überleben. 😉

    Erst kommt das Fressen, dann die Moral!

  15. #15 Beobachter
    10. Januar 2021

    @ Flo, # 14:

    Leider ist diese Einstellung sehr weit verbreitet, und vor allem bei denen, die eh schon privilegiert sind, NICHT am Hungertuch nagen und “nur” den Hals nicht voll genug bekommen können.

    M. E. darf ein Gesundheitssystem nicht zum “Medizin-Business”, zur “Gesundheitswirtschaft” verkommen und den “Gesetzen” des “Freien Marktes” mit Zielsetzung Gewinnoptimierung ausgeliefert sein/werden.
    Denn das hat mit “Daseinsvorsorge” (wie es auch im GG steht !) und Gemeinwohl nichts mehr zu tun – und wohin es führt, erleben wir schon lange mit und besonders derzeit verstärkt und überdeutlich.

    Warum “schiebt der Gesetzgeber keinen Riegel vor”?
    Warum schreiten die Ärztekammern nicht ein?
    Wozu gibt es Berufsordnungen?

    Im “Medizin-Business” herrschen Zustände wie im “Haifisch-Becken” (lt. ehemaligem Bundesgesundheitsminister Gröhe, CDU), und die doofen Patienten, die “Dummerlen”, zwangsläufig mittendrin, sind die Wehrlosesten, weil sie keine (starke) Lobby haben.

    https://www.aerztezeitung.de/Politik/Weiter-Lust-auf-das-Haifischbecken-305441.html

    Spahn fühlt sich dort offenbar besonders wohl und wird garantiert nicht “als Fischfutter enden” … ( – eher als Kanzler, wie manche es aktuell schon für möglich halten):

    https://www.merkur.de/politik/merkels-gesundheitsminister-jens-spahn-mann-im-haifischbecken-9652567.html

  16. #16 noch'n Flo
    Schoggiland
    11. Januar 2021

    @ Beobachter:

    Im “Medizin-Business” herrschen Zustände wie im “Haifisch-Becken” (lt. ehemaligem Bundesgesundheitsminister Gröhe, CDU), und die doofen Patienten, die “Dummerlen”, zwangsläufig mittendrin, sind die Wehrlosesten, weil sie keine (starke) Lobby haben.

    Und als ehrlicher Arzt, der nicht IGeLt oder Märchenmedizin vertickt, muss man sich dann noch von völlig fachfremden selbsternannten Skeptikern dumm anmachen lassen, man sei ja schön blöd, für seine Integrität seine Existenz aufs Spiel zu setzen.

  17. #17 Ingo
    11. Januar 2021

    Die Szene hat (denke ich) eine grosse Tradition in der Quacksalberrei.
    Es gab schon immer zweifelhafte medizinische Wunderprodukte die immer fleissig vertrieben wurden.

    Je nach Zeitalter waren dies früher Wunderpillen, oder Wundersalben. Gerne aber auch irgendwelche Amulete mit magischen Faehigkeiten. Und heute eben auch magische anti-5G-Produkte.

    Viele dieser Produkte scheinen in einer Art Schneeball/Pyramiden-Marketing vertrieben zu werden. Mit anderen Worten: derjenige der Verscuht die Produkte zu verkaufen hat sich oft im guten (dummen) Glauben gekauft und ist ueberzeugt von der Wirksamkeit.

    Die Frage ist also:
    1) Handelt es sich bei den Verkaeufern selber um Opfer die auf das Geschwurbel welches sie verbeiten selber reingefallen sind

    oder
    2) Die diese Leute einfache kriminelle, die das Unwissen der Leute zu Geld machen

    P.S.: Richtig gefaehrlich wird es, wenn diese Leute radikal genug sind und 5G-Sendemasten in Brand stecken. Dies ist bereits mehrfach passiert:
    https://www.google.com/search?q=5g+brandstiftung&oq=5g+brandstiftung

  18. #18 Ingo
    11. Januar 2021

    Wie schnell sich 5G-Myten verbreiten

    Hierzu eine Beobachtung:

    Während eines frühen Feldversuches im Herbst 2018 für 5G in Den Haag werden plötzlich massenweise tote Vögel aufgefunden.
    Erst Ende 2018 war dann klar, dass sich die Vögel in Wirklichkeit in einen Garten an einen exotischen Strauch giftiger Beeren selber vergiftet hatten.

    Trotzdem reichten die paar Monate Unklarheit natürlich aus, um die wildesten Geschichten über die Gefahren von 5G laufen zu lassen.

    Neben jeder Menge merkwürdiger Internetseiten besorgter Bürger und Berichten in der Presse gab es sogar ein Film, der die Geschichte auf die Spitze treibt.

    Der Film Robot 2.0 ist eine Bollywood-Produktion* aus dem Jahre 2018 die auf den Geschehnissen in Den Haag beruht:

    [Handlung des Films Anfang]
    “Die Inbetriebnahme des 5G-Netzes in der Südindischen Stadt Chennai verstärkt versehentlich die negative Aura eines verrückten-Wissenschaftler-Ornithologen durch eine Mobilfunkantenne in seiner Nähe. Der Wissenschaftler hatte schon immer vor den Gefahren der elektromagnetischen Strahlung gewarnt, aber niemand wollte hören.
    Durch die verstärkte Aura fallen Vögel tot vom Himmel, dafür werden alle Telefone der Stadt lebendig, fliegen davon, bilden ein gigantisches Flugmonster, welches einen höheren Sachschaden in der Stadt erzeugt. Es gibt Tote in einem Telefonladen.
    Der Held des Films (ein guter Wissenschaftler) erkennt die Gefahr der Situation (die halbe Stadt liegt in Schutt und Asche) und protestiert bei der Regierung gegen den Einsatz der neuen Mobilfunkgeneration.
    Der Minister hat jedoch eigene kommerzielle Interessen und lässt den Helden abblitzen. Auf Konferenzen macht sich der Held des Films unfreiwillig lächerlich als er über die Gefahren des Mobilfunks aufklären will. Danach wird der Film zunehmend unverständlicher, da die jeweiligen Wissenschaftler gigantische selbstgebaute Roboter gegeneinander kämpfen lassen um der Situation her zu werden, wobei wiederum ein größerer Kollateralschaden in der Stadt und einem voll besetzten Stadion entsteht.

    Am Ende des Films gibt es aus irgendeinem Grunde ein Happy End. Alle Leute versprechen sich gegenseitig nicht mehr so viel zu telefonieren. Es wird noch einmal in den Trümmern der Stadt gesungen und getanzt.”
    [Handlung des Films Ende]

    Es kann sein, dass ich einige Fakten in der Zusammenfassung durcheinander gebracht habe,- aber ungefähr so läuft der Film ab.

    Auch wenn der Film verschiedene wissenschaftliche Ungenauigkeiten aufweist, hat er dennoch auch in Indien eine Diskussion über die Sicherheit von Mobilfunk ausgelöst.

    Es gab Beschwerden der dortigen Mobilfunkprovider, dass in dem Film die Fakten verdreht dargestellt würden, diese wurden jedoch von den Film-Produzenten zurückgewiesen, da es eindeutige Studien gäbe, die nachweisen würden, dass Mobilfunkstrahlung gesundheitliche Effekte bei Menschen und Vögeln hat.

    Video: Aufklärungsfilm über die Gefahren des Mobilfunks, basierend auf wahren Gegebenheiten.

    Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=jrETX2eDhL8

    Es gibt jedenfalls wesentlich mehr Webseiten, die eine Verbindung zwischen dem Vogelsterben in Den Haag mit Robot 2.0 und 5G herstellen, als Webseiten über die Gefahren für die Vogelwelt wenn man exotische giftige Sträucher in Gärten anpflanzt.

    Das Schlusswort über die Debattenkultur in der postfaktischen Zeit spare ich mir.

    *Streng genommen ist der Film keine Bollywood-Produktion, weil sich der Begriff auf Hindi-sprachliche Produktionen aus Bombay (heute Mumbai) bezieht. Dieser Film ist allerdings in Tamil-Sprache, da er aus Süd-Indien stammt. Er wurde in Chennai gedreht und spielt auch dort.