Es gibt hier und da die Vorstellung von einem Idealbild der Wissenschaft. Wird eine Disziplin anhand der Rationalität ihres Vorgehens, der Strenge ihrer Methode, der Logik ihres Denkens als Wissenschaft beurteilt, dann kommt man schnell zu der Ansicht, dass die Physik der idealen Wissenschaft wohl am nächsten kommt, ganz dicht gefolgt von den übrigen Naturwissenschaften und einigen Teildisziplinen der Ökonomie und der Soziologie. Die übrigen Sozial- und Geisteswissenschaften folgen in gebührendem Abstand, wobei das „Folgen” dann häufig tatsächlich im Sinne eines „Nachfolgens” oder gar „Nacheiferns” gemeint ist.

Der Maßstab, der dieser Beurteilung der Wissenschaftlichkeit einer Disziplin zugrunde liegt, ist die Rolle, die die Mathematik, die mathematische Modellbildung innerhalb der Disziplin spielt. Denn was ist logischer, was ist rationaler, was ist beweisbarer, was ist sicherer als die Mathematik?

Quasi als Unterstützung für diese Beurteilung wird ein Trend ins Feld geführt, der Trend zur Mathematisierung aller Wissenschaften. Die Physik hat ihn schon vor jahrhunderten vollzogen, die Chemie ist bald gefolgt, die Biologie eifert dem nach, und im 20. Jahrhundert haben auch Ökonomie und Soziologie begonnen, ihrem Gegenstand mit mathematischen Modellen beizukommen. Es scheint ein Sog von der Mathematik auszugehen, wie ein schwarzes Loch zieht sie alles Wissenschaftliche an, und lässt, was sie einmal in ihrer Gewalt hat, nicht wieder fort.

Das ist natürlich Unsinn. So hilfreich die Mathematik auch sein mag, selbst für die Soziologie, so wird die Soziologie niemals eine mathematische Wissenschaft – und die Literaturwissenschaft schon gar nicht, die Geschichtswissenschaft auch nicht.

Voraussetzung für mathematische Beschreibbarkeit sind Messbarkeit und Reproduzierbarkeit. Messbarkeit ist in den sozialen Wissenschaften nur begrenzt möglich, Reproduzierbarkeit ist (zum Glück) ausgeschlossen. Für die Reproduzierbarkeit einer Messung brauchen wir die kontrollierbaren Bedingungen des Labor-Experiments.

Natürlich sind auch in den Sozialwissenschaften Experimente möglich, und ihre Ergebnisse sind äußerst interessant und unterhaltsam. Thor Heyerdahl ist mit einem Papyrus-Boot über den Ozean geschippert, das war quasi ein Experiment in empirischer Geschichtswissenschaft. Aber das so gewonnene Wissen hat einen ganz anderen Status als das eines naturwissenschaftlichen Experiments. Auch wenn noch so viele hochseetaugliche Historiker sein Experiment wiederholen werden wir nie den Induktiven Schluss ziehen, dass alle Papyrusboot-Besitzer, auch die der Vergangenheit und die in der Zukunft, auf ihren Booten die Ozeane überqueren. Wir können nur sagen, dass sie es könnten (oder konnten) wenn sie es denn wollten. Da haben die Physiker und Chemiker es leichter, ihr Gegenstand hat keinen eigenen Willen.

Eine Sozial- oder Geisteswissenschaft, die vom Willen ihres Untersuchungsgegenstandes absieht, die nur das messbare, reproduzierbare und in mathematischen Modellen beschreibbare Verhalten betrachtet, wird vielleicht das eine oder andere Zutreffende feststellen, aber nie etwas über den Menschen, den sie doch zu erklären versucht, erfahren. Genau dadurch, dass sie sich der idealen Wissenschaft annähert, würde sie sich um ihren Sinn bringen. Die Mathematik wäre dann tatsächlich das schwarze Loch, dass alles festhält, auch das Licht.

Kommentare (20)

  1. #1 KommentarAbo
    Mai 19, 2010

  2. #2 Arno
    Mai 19, 2010

    Mathematisierung muss sich bei weitem nicht auf Quantifizierung beschraenken. Die Mathematik bietet ja nichts weiter als eine klar verstaendliche Sprache, zusammen mit einigen logischen Folgerungsmoeglichkeiten, die direkt auf der formalen Ebene angewendet werden koennen. Eine Aussage wie “Man kann mit einem Papyrusboot von A nach B fahren.” ist zB in der Sprache der Graphentheorie formuliert. Wieviel man im Konkreten davon profitiert, die mathematische Struktur der Argumente formal herauszuarbeiten, sei dahingestellt.

    Die Behauptung, ein Thema sei einer mathematischen Behandlung prinzipiell unzugaenglich, ist fuer mich aber ein klares Anzeichen, dass entweder die Moeglichkeiten der Mathematik unterschaetzt werden, oder es sich bei dem Thema nicht um Wissenschaft handelt.

  3. #3 Wb
    Mai 19, 2010

    Voraussetzung für mathematische Beschreibbarkeit sind Messbarkeit und Reproduzierbarkeit.

    Nicht, was abstrakte [1] Systeme betrifft.

    [1] ganz “abgezogene” Systeme, also fiktiv in dem Sinne, dass sie noch nicht messbar und reproduzierbar sind

  4. #4 MartinB
    Mai 19, 2010

    Es wird Sie nicht überraschen, dass ich nur bedingt zustimme.
    Für mich liegt der Knackpunkt zwischen dem 1. und zweiten Absatz:

    Für die Wissenschaftlichkeit zentral scheinen mir
    “Rationalität ihres Vorgehens, der Strenge ihrer Methode, der Logik ihres Denkens” als Kriterien ganz o.k. zu sein.
    Dass daraus zwingend der Sprung zur Mathematik folgt, sehe ich zumindest für Geistes- und Sozialwissenschaften nicht.

    Wenn mathematische Methoden anwendbar sind, dann sollte man sie auch anwenden, aber sie sind es eben nicht immer. Dann mag beispielsweise eine hohe begriffliche und definitorische Schärfe angezeigt sein, ohne dass man den Sprung zur Mathematik machen kann.

    Warum Reproduzierbarkeit in der Sozialwissenschaft ausgeschlossen ist, erschließt sich mir auch nicht völlig – aber selbst wenn, auch die Astronomie ist nicht reproduzierbar, sondern rein beobachtend, und trotzdem von hoher Strenge.

    Meine Kriterien für Wissenschaftlichkeit habe ich ja neulich schon per mail diskutiert, ich wiederhole sie hier mal für alle zum mitlesen und argumentieren:

    1. Wissenschaft versucht, etwas über die Realität herauszufinden (da
    können wir uns jetzt streiten, was das genau ist, aber solange wir
    nicht in Matrix-Solipsismus verfallen, sind wir uns hoffentlich
    zumindest einig, dass es irgendeine Form von Realität gibt).

    2. Die verwendete Methode ist soweit wie möglich objektivierbar und
    wiederholbar. Wie gut es um die Wiederholbarkeit und
    Objektivierbarkeit bestellt ist, ist von Disziplin zu Disziplin
    sicher unterschiedlich, aber innerhalb einer Disziplin wird
    versucht, so wiederholbar und objektiv wie möglich zu sein.

    3. Die Untersuchung ist ergebnisoffen.

    4. Mögliche Lücken und Fehler in der Argumentation werden gesucht,
    anerkannt und ggf. weitervermittelt.

    5. Alternative Erklärungen werden aktiv gesucht und kritisch geprüft.

    6. Im Rahmen der Möglichkeiten der jeweiligen Disziplin werden
    Vorhersagen getroffen und überprüft.

  5. #5 Tobias
    Mai 19, 2010

    So hilfreich die Mathematik auch sein mag, selbst für die Soziologie, so wird die Soziologie niemals eine mathematische Wissenschaft

    Darum gehts ja auch gar nicht. Macht nicht die Anwendung statistischer Methoden auf soziologische Fragestellungen eine guten Teil der Wissenschaftlichkeit dieser Disziplin aus?

    Voraussetzung für mathematische Beschreibbarkeit sind Messbarkeit und Reproduzierbarkeit.

    Ich würde sagen: Voraussetzung für die wissenschaftliche Untersuchung sind Messbarkeit und Reproduzierbarkeit.

  6. #6 Ireneusz Cwirko
    Mai 19, 2010

    “Voraussetzung für mathematische Beschreibbarkeit sind Messbarkeit und Reproduzierbarkeit.”

    Das meinen Sie doch nicht ernst oder?
    Man kann es nicht bestreiten, dass bei der Messung z.B. von Gravitationskonstante noch nie eine Reproduzierbarkeit erreicht wurde. Die ist bei der Physikalischen Prozessen prinzipiell sowieso nicht möglich.
    Die ganze Mathematisierung ist nur eine Augenwischerei.

  7. #7 koz
    Mai 19, 2010

    Sehr schwieriges Thema. Wie passt z.B. die Psychologie hier rein? Lässt sie sich doch in ihrer Gesamtheit weder den Natur- noch den Geistes- oder Sozialwissenschaften eindeutig zuweisen (Ihre Teilbereiche vielleicht schon). Und im prognostizieren von menschlichen Verhalten ist sie auch ganz ohne Mathematik sehr zielsicher. Man denke z.B. an das populäre Milgram-Experiment. Trotzdem ist Mathematik, insbesondere Statistik auch hier ein wertvolles (Wenn auch Streitbares) Instrument geworden.

    Das beliebte Zitat von Roger Bacon:

    “Nur mithilfe der Mathematik kann man wirklich wissen, denn in jeder Wissenschaft ist nur so viel an Wahrheit enthalten, wie in ihr Mathematik steckt.”

    Spaltet die Gemüter wohl seit dem Tag an dem es verkündet wurde.

    M.E. kann eine Mathematische Beschreibung immer nur eine Idealisierung sein, eine Annährung an die Wirklichkeit, die ihr zwar unglaublich nahe kommt – aber sie nie vollständig beschreiben kann.

  8. #8 Herr Gott
    Mai 19, 2010

    Sie scheinen mir weniger über Mathematisierung, sondern vielmehr über die Möglichkeit induktiven bzw. deduktiven Schließens zu sprechen. Unterscheidungskriterium zwischen “Natur-” und “Geisteswissenschaft”, wenn man denn überhaupt eines haben möchte, ist vielmehr die Akzeptanz bzw. Anerkennung von Individualität. Physik und Chemie kennen (Quantenphysik vllt. ausgenommen) keine Individualität – siehe z.B. das Periodensystem der Elemente, das ja eine Sammlung von digitalen Klassen ist, mit denen sich jede individuelle Erscheinung auf eine allgemeine Folie abbilden läßt. Sobald man Individualität zuläßt, kann man keine Naturgesetze mehr formulieren. In der Geisteswissenschaft steht aber üblicherweise der Mensch in seiner Individualität und damit auch seiner Subjektivität im Zentrum (im Unterschied zur Medizin, wo es um den Menschen im Allgemeinen und als Objekt geht). Auch der Individualität kann man sich aber natürlich mathematisch zu nähern versuchen, nur erlauben die Ergebnisse eigentlich keine Verallgemeinerungen – das Problem ist die Grundkrux der empirischen Sozialwissenschaft. Auch für die Geschichtswissenschaft kann Statistik und zumindest näherungsweise ‘Mathematisierung’ hilfreich sein (Stichwort Prosopographie), aber eben aus anderen Gründen und zu anderen Zwecken. Man kann natürlich vor diesem Hintergrund die Wissenschaftlichkeit bestreiten, wenn Individualität anerkannt wird – die Beschäftigung mit ihr bleibt aber auch dann sinnvoll (daher heißt die Geisteswissenschaft auch nur in D explizit ‘Wissenschaft’).

  9. #9 ali
    Mai 19, 2010

    und einigen Teildisziplinen der Ökonomie und der Soziologie

    *hust**hust*

    Ansonsten möchte ich MartinB zustimmen, da mir der Sprung zur Mathematisierung auch etwas zu schnell ging. Gehen da nicht ein paar Grautöne verloren?

  10. #10 Wb
    Mai 20, 2010

    Der Grundthese “Wider die Idealwissenschaft” werden sicherlich einige (die meisten?) zustimmen können, aber bestimmten angedeuteten Präferenzen (wider “Trend zur Mathematisierung aller Wissenschaften” – sofern das so gemeint gewesen war vom Autor) wohl nicht unbedingt – was wiederum die Ausgangsthese belegt, höhö.

    Wb meint: Man wird es drehen können, wie man will, letztlich definiert der Souverän, was Wissenschaft ist – nicht schlecht wäre es die Wissenschaftlichkeit an das Schaffen von Wissen zu binden [1].

    MFG
    Wb

    [1] bestimmte pol. Entwicklungen, verbunden mit dem Schaffen neuer -dezent formuliert- grenzwertiger Wissenschaft, sprechen diesem Wunsch entgegen

  11. #11 Wb
    Mai 20, 2010

    @Tobias

    Macht nicht die Anwendung statistischer Methoden auf soziologische Fragestellungen eine guten Teil der Wissenschaftlichkeit dieser Disziplin aus?

    Zum Glück, man stände dort ja auch ganz schön im Hemd, wenn nur Meinungen vertreten werden. Die Soziologie entwickelt sich, wenn die Beobachtungen des Wb stimmen, langsam aus einer Gesinnungswissenschaft heraus und arbeitet zunehmend mit den genannten Methoden (Stochastik, das Feststellen der sog. statistischen Signifikanz (eine Kunst btw) etc.), mit Simulationen und mit der Spieltheorie.

    MFG
    Wb

  12. #12 Ockham
    Mai 20, 2010

    Der Fluch der Mathematik in den Wissenschaft besteht darin, daß es so verführerisch ist zu glauben, daß eine korrekte Formel oder eine korrekt gelöste Gleichung zugleich eine die Realität umfassend beschreibende Wahrheit ist. Aus diesem Grunde verleitet sie manchen Wissenschaftler sich hauptsächlich mit Mathematik, statt mit Realität zu beschäftigen (sie die Kollegen von der Kosmologie, Astrophysik, Teilchenphysik etc.).

  13. #13 D. Roel
    Mai 20, 2010

    J. Weizenbaum sah in der Mathematik die Mutter aller Wissenschaften und Kant behauptete, dass die Frage ob der Wissenschaftlichkeit einer Lehre von ihrem Gehalt an Mathematik abhängt. Was die Mathematik zur “idealen” Wissenschaft macht. Der grosse Vorteil der Mathematik ist, dass sie keine empirische Überprüfung benötigt und stattdessen eine stringent logische Beweisführung fordert bevor sie verwendet werden kann.

    In der Physik hingegen können gleichzeitig mehrere Theorien (Hypothesen) zu einer Frage koexistieren und werden erst durch empirische Verifizierung oder Falsifizierung zu jenem Teil der Erkenntnis, die schliesslich unser Weltbild bestimmt. Da sich die Gültigkeit einer physikalischen Theorie bisher oftmals nicht beweisen lässt wird sie immer Gefahr laufen, durch ein Experiment oder “indirekten Nachweis” in Frage gestellt oder gar widerlegt zu werden.

    Ich würde die Physik als Idealwissenschaft unter den Naturwissenschaften ansehen. Allerdings nur in den Grenzen Ihrer festgelegten Beurteilungskriterien.

  14. #14 Jörg Friedrich
    Mai 20, 2010

    @Arno: Zum einen ist natürlich auch eine graphentheoretische Beschreibung eine Quantifizierung. Zum anderen wüsste ich gern was man Wissenschaftliches über die Reise mit einem Papyrusboot herausfinden kann, wenn man sie graphentheoretisch beschreibt. Das Beispiel zeigt sehr deutlich, dass die mathematische Beschreibung eines sozialen Phänomens genau nicht dazu geeignet ist, irgendetwas relevantes über dieses Phänomen zu sagen.

    @MartinB: Ich sehe gar kein Widerspruch zwischen Ihrer und meiner Aussage. Meine rhetorischen Frage “Was ist logischer… als die Mathematik” hat da vielleicht in die Irre geführt. Ich sehe es nämlich genauso: Es gibt eben auch andere Formen der Strenge außer die der mathematischen Exaktheit. Ausgerechnet Heidegger schrieb sinngemäß: Die Methode der Wissenschaft liegt in ihrer Strenge. Die Strenge der Physik ist die Exaktheit.

    Wissenschaften haben den Anspruch der Strenge, aber was genau diese Strenge ist, hängt vom Gegenstand ab.

    @Herr Gott: “Sie scheinen mir weniger über Mathematisierung, sondern vielmehr über die Möglichkeit induktiven bzw. deduktiven Schließens zu sprechen.” Wie kommen Sie darauf?

    @Ali: Ich will ja nicht behaupten, alle Wissenschaftler seien auf dem direkten Weg zur mathematischen Idealwissenschaft. Mir geht es um den trend, der ja auch hier in den Kommentaren durchaus bestätigt wird.

  15. #15 Ireneusz Cwirko
    Mai 23, 2010

    „Wird eine Disziplin anhand der Rationalität ihres Vorgehens, der Strenge ihrer Methode, der Logik ihres Denkens als Wissenschaft beurteilt, dann kommt man schnell zu der Ansicht, dass die Physik der idealen Wissenschaft wohl am nächsten kommt“

    Ich hoffe, dass ich es als satirische Vorlage interpretieren soll. Als Witz ist dieser Satz noch akzeptabel, das Lachen steckt aber jedem im Rachen wenn er sich überlegt auf welcher Weise diese Strenge zur Stande kommt.
    Die heutige Physik ist ein Versuch die Realität zu Vergewaltigen. Es ist ein Versuch eine magische Welt zu erschaffen und die Mittel dazu heißen Statistik, Stochastik, Mathematik und die Störungsrechnungen in welcher Form auch immer. Und die heisenbergsche Unschärferelation ist doch alles Andere als Stränge, die lässt doch den Tor offen für magisches Denken. Man muss schon blind sein um nicht zu merken das Physik ein Synonym für Beliebigkeit und Manipulation ist, ein Hort von Unlogik und der Aberglaube. Sie als Beispiel der idealen Wissenschaft zu halten ist ein Beweis von Realitätsverlust.

  16. #16 Wb
    Mai 24, 2010

    SB-Zitat der Woche:
    “Eine Sozial- oder Geisteswissenschaft, die vom Willen ihres Untersuchungs-gegenstandes absieht, die nur das messbare, reproduzierbare und in mathematischen Modellen beschreibbare Verhalten betrachtet, wird vielleicht das eine oder andere Zutreffende feststellen, aber nie etwas über den Menschen erfahren.”
    Ein sehr sicheres Zeichen, dass hier etwas nicht stimmen kann.

    SCNR
    Wb

  17. #17 Bernd W
    Mai 29, 2010

    Wenn ich das recht verstehe, dann geht es in diesem Beitrag um den “Trend zur Mathematisierung aller Wissenschaften”. In der Tat ist das ein Phänomen, das man thematisieren und zu Recht kritisch hinterfragen kann. Gleichwohl verstehe ich einige Aussagen dieses Beitrags nicht oder bin anderer Meinung.

    Was etwas sagt der folgende Satz aus? Was ist hier mit “alles Wissenschaftliche” gemeint?

    “Es scheint ein Sog von der Mathematik auszugehen, wie ein schwarzes Loch zieht sie alles Wissenschaftliche an, und lässt, was sie einmal in ihrer Gewalt hat, nicht wieder fort.”

    Auch der folgende Satz erschließt sich mit nicht in Gänze; und das, was sich mir erschließt, erscheint mir trivial:

    “Das ist natürlich Unsinn. So hilfreich die Mathematik auch sein mag, selbst für die Soziologie, so wird die Soziologie niemals eine mathematische Wissenschaft – und die Literaturwissenschaft schon gar nicht, die Geschichtswissenschaft auch nicht.”

    “Mathematisierung aller Wissenschaften” und “mathematische Wissenschaft” beschreiben nicht den gleichen Sachverhalt, oder? Dass die Soziologie eine “Mathematisierung” erfahren hat ist unbestritten. Doch kein/e Soziologe/in käme auf die Idee, die Soziologie als “mathematische Wissenschaft” zu begreifen. Warum wird dann dieser Absatz ins Feld geführt?

    Im Annual Review of Sociology ist ein ganz interessanter Beitrag zu “Mathematics in Sociology” erschienen. Dort wird auf die “mathematical” oder “statistical tools” verwiesen; und genau das sind Mathematik und insbesondere Statistik: Arbeitsgeräte, Hilfsmittel, eine Sprache (“Mathematics is a language”), um bestimmte soziale Phänomene zu beschreiben — mit all ihren Vor-, aber auch Nachteilen.

    Weiter geht es mit folgender Behauptung:

    “Messbarkeit ist in den sozialen Wissenschaften nur begrenzt möglich, Reproduzierbarkeit ist (zum Glück) ausgeschlossen. Für die Reproduzierbarkeit einer Messung brauchen wir die kontrollierbaren Bedingungen des Labor-Experiments.”

    Warum ist Reproduzierbarkeit ist ausgeschlossen? Warum ist das ein Glück? Was könnte Reproduzierbarkeit in sozialwissenschaftlichen Untersuchungen bedeuten? Natürlich wird in der Soziologie keine Reproduzierbarkeit in physikalischen Maßstäben möglich sein. Soziales Handeln lässt sich nicht mit Konstanten begreifen, aber es ist möglich, Muster zu erkennen und in begrenzter Weise den zugrunde liegenden “Handlungssinn” zu verstehen. Eine leider zu selten genutzte Möglichkeit auf diesem Weg sind Replikationsstudien.

    Am Schluss findet sich das folgende Fazit:

    “Eine Sozial- oder Geisteswissenschaft, die vom Willen ihres Untersuchungsgegenstandes absieht, die nur das messbare, reproduzierbare und in mathematischen Modellen beschreibbare Verhalten betrachtet, wird vielleicht das eine oder andere Zutreffende feststellen, aber nie etwas über den Menschen, den sie doch zu erklären versucht, erfahren. Genau dadurch, dass sie sich der idealen Wissenschaft annähert, würde sie sich um ihren Sinn bringen. Die Mathematik wäre dann tatsächlich das schwarze Loch, dass alles festhält, auch das Licht.”

    Was ist denn der “Wille[..] ihres Untersuchungsgegenstandes”?

    Um auf meine Auffassung von Soziologie zu rekurrieren: Ich maße mir gar nicht an, “den Menschen” beschreiben zu wollen. Ich versuche in bestimmten Bereichen menschlichen Handelns (Familie, Bildung, Jugend) etc. überzufällig häufig auftretende (soziale) Phänomen zu identifizieren und etwas über die möglichen Gründe zu erfahren. Da ich quantitativ arbeite, brauche ich dafür Informationen von vielen Menschen. Qualitativ arbeitenden Kollegen/innen beschreiten andere Wege, um einzelne Aspekte menschlichen Zusammenlebens zu erfassen.

    Das Thema (oder die Fragestellung) dieses Posts (“Trend zur Mathematisierung aller Wissenschaften”) finde ich spannend. Doch weder die Darstellung des Phänomens noch die hier angeführten Argumente (ist das mit dem “Papyrus-Boot” ernst gemeint?) konnten mich überzeugen. Ich hätte eine Aufarbeitung und Diskussion begrüßt, die von mehr Sachverstand und Einblick (speziell in die empirischen Sozialwissenschaften) geprägt ist.

  18. #18 Jörg Friedrich
    Mai 31, 2010

    @Bernd W: Durch fortschreitende Mathematisierung wird eine Wissenschaft natürlich zur mathematischen Wissenschaft. Sie ist es dann, wenn sie ihren Gegenstand nahezu ausschließlich in mathematischen Begriffen, in der mathematischen Sprache beschreibt.

    Der Gegenstand, der von einer mathematischen Sprache beschrieben wird, ist jedoch ein anderer als der, der von einer nicht-mathematischen Sprache beschrieben wird.

    Findet die Soziologie durch mathematische Beschreibungen Wahrheit? Macht sie, wenn sie Statistiken macht, wahre Aussagen? Und wenn ja, worüber?

    Zu Ihren Fragen: In den Sozialwissenschaften sind empirische Ergebnisse nicht reproduzierbar, weil die Bedingungen, unter denen die Ergebnisse eintraten, nicht exakt genug reproduzierbar sind. Andere Menschen verhalten sich anders, selbst wenn man sie in die gleiche Situation bringt (und selbst das ist unmöglich) – bei Stahlkugeln z.B. ist das anders. Und genau diese Tatsache hängt mit dem Willen des Menschen (des Untersuchungsgegenstandes) zusammen.

    Warum sollte “das mit dem Papyrus-Boot” nicht ernst gemeint sein?

  19. #19 Bernd W.
    Mai 31, 2010

    @ Jörg Friedrich. 31.05.10, 11:33 Uhr:

    Durch fortschreitende Mathematisierung wird eine Wissenschaft natürlich zur mathematischen Wissenschaft. Sie ist es dann, wenn sie ihren Gegenstand nahezu ausschließlich in mathematischen Begriffen, in der mathematischen Sprache beschreibt.

    Gibt es Belege dafür, dass sich die Soziologie auf diesem Weg befindet? Ich kenne keine…

    Der Gegenstand, der von einer mathematischen Sprache beschrieben wird, ist jedoch ein anderer als der, der von einer nicht-mathematischen Sprache beschrieben wird.

    Das ist korrekt. U.U. könnte man von Modellen sprechen: “All models are wrong; some models are useful.” Doch auch hier würden mich Belege interessieren, die Sie vermuten lassen, dass die Soziologie Modelle als uneingeschränkte Abbilder realen sozialen Handelns erachtet.

    Findet die Soziologie durch mathematische Beschreibungen Wahrheit? Macht sie, wenn sie Statistiken macht, wahre Aussagen? Und wenn ja, worüber?

    Ich habe nicht von “Wahrheit” gesprochen. Falls Sie dafür Belege haben sollten, dass dies in der Soziologie passiert, dann würde mich das sehr interessieren.

    Zu Ihren Fragen: In den Sozialwissenschaften sind empirische Ergebnisse nicht reproduzierbar, weil die Bedingungen, unter denen die Ergebnisse eintraten, nicht exakt genug reproduzierbar sind. Andere Menschen verhalten sich anders, selbst wenn man sie in die gleiche Situation bringt (und selbst das ist unmöglich) – bei Stahlkugeln z.B. ist das anders. Und genau diese Tatsache hängt mit dem Willen des Menschen (des Untersuchungsgegenstandes) zusammen.

    Wenn Sie sich noch einmal meine Antwort dazu durchlesen, dann werden Sie Übereinstimmungen entdecken können. Ich will aber nicht ausschließen, dass ich einen laxeren Umgang mit dem Begriff “Reproduzierbarkeit” pflege (“Pi-mal-Daumen-Reproduzierbarkeit”).

    (Übrigens verhalten sich nicht einmal die gleichen Menschen in (wiederholten) gleichen (ähnlichen) Situationen gleich.)

    Warum sollte “das mit dem Papyrus-Boot” nicht ernst gemeint sein?

    Mir ist unklar, warum das einzige Beispiel für ein sozialwissenschaftliches Experiment Thor Heyerdahls Papyrus-Boot sein sollte. Vielleicht sollte ich noch anfügen, dass die Soziologie eher selten in der komfortablen Lage ist, auf Experimente zurückgreifen zu können. Meistens müssen wir uns mit Beobachtungs-/Befragungsstudien zufrieden geben und danach kommt dann die Statistik ins Spiel. (Zum Status des naturwissenschaftlichen Experiments könnte man übrigens noch Latour ins Spiel bringen…)

    Zusammenfassend kann ich sagen, dass mir für einige Ihrer Aussagen die (Literatur-)Belege fehlen. Vielleicht habe ich aber auch die Intention Ihres Beitrags (bzw. Ihre Art des Bloggens) missverstanden. Es sollte aber deutlich geworden sein, dass die Art und Weise, wie ich soziologische Forschung betreibe, wenig mit der von Ihnen skizzierten (und vielleicht bewusst überzogenen) Herangehensweise zu tun hat.

  20. #20 Jörg Friedrich
    Mai 31, 2010

    @Bernd W.: Ich muss mich entschuldigen: Dieser Artikel entstand als Reaktion auf ein paar Kommentare der letzten Wochen in diesem Blog. Ich habe diesen Kontext dummerweise nicht deutlich gemacht und im Moment finde ich diese Kommentare nicht wieder. Ihr Kommentar macht mir klar, dass der Artikel für Außenstehende missverständlich klingen muss.

    In der Diskussion die der Anlass war, ging es darum, ob man sozusagen Grade der Wissenschaftlichkeit feststellen könnte, die eine Disziplin erreicht hat. Dieser Grad korreliert mit der Rolle, den die Mathematik in der jeweiligen Disziplin spielt. Dagegen wollte ich argumentieren. Mir ging es nicht darum, etwa Soziologen zu ermahnen, weniger auf Mathematik zu setzen.