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Die Karte des Piri Reis – das mysteriöse Meisterwerk

von Dampier

Ich bin Grafiker und Hobby-Historiker. Meine Schwerpunkte sind das Zeitalter der Entdeckungsreisen, Wissenschaftsgeschichte und Kartografie. Besonders liebe ich Südamerika, wo ich als Jugendlicher eine Weile gelebt habe, und wo ich viel und gern gereist bin. Nicht zuletzt durch diesen Wettbewerb habe ich meine Lust am Schreiben wiederentdeckt. Demnächst werde ich mich auch an einem eigenen Blog versuchen (Dampierblog.de).

Die Karte des Piri Reis ist ein besonders spannendes Stück Wissenschaftsgeschichte. Sie ist von vielen Rätseln umgeben und hat immer wieder zu Spekulationen und Theorien inspiriert – von seriös bis hanebüchen ist alles dabei. Hier erzähle ich von den vielen spannenden Geschichten, die sich um diese alte Weltkarte ranken, und von meinen Erkenntnissen aus den letzten Monaten, in denen ich mich mit ihr beschäftigt habe.
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Vor einiger Zeit entdeckte ich die Karte des Piri Reis wieder. Ich kenne sie aus meiner Kindheit, nämlich aus Erich von Dänikens Bestseller Erinnerungen an die Zukunft, welchen ich als Zehnjähriger verschlang. Diese wundersame Karte sei, so Däniken, “absolut exakt”, und könne nur auf eine jahrtausendealte Luftaufnahme aus großer Höhe zurückgehen.

Damals hatte von Däniken leichtes Spiel mit mir; ich war gefesselt von seiner Vorstellung, unsere Erde sei in grauer Vorzeit von Außerirdischen besucht worden, die, als Götter angesehen, unsere gesamte Zivilisation beeinflusst hätten. Und ich war sauer über die Ignoranz “der Wissenschaft”, welche der Autor wortreich beklagte.

Obwohl ich seitdem natürlich dazugelernt habe, und Ockhams Rasiermesser zu benutzen weiß, hat sich die Magie, die ich damals verspürte, erstaunlicherweise erhalten. Bis heute bin ich sehr interessiert daran, was aus den alten Däniken-Geschichten geworden ist. Selbst wenn man sie – wie es sich gehört – ergebnisoffen erforscht, bleiben es fesselnde Geschichten, von denen ich nicht genug bekommen kann.

So fand ich vor einiger Zeit ein aktuelles Buch über die Piri-Reis-Karte und freute mich darauf, mich nach Jahrzehnten mal wieder eingehend damit zu befassen. Für eine geplante Buchkritik begann ich, die Forschungsgeschichte der Karte zu recherchieren. Dies uferte bald derart aus, dass es Material für mehrere Artikel hergibt. An dieser Stelle möchte ich, auch um meine Gedanken zu ordnen, eine erste Zusammenfassung versuchen.

Bild_1_Buch_Globus

Wenn man sich in die Geschichte dieser Karte und ihrer Deutungen vertieft, gerät man unweigerlich in einen Dschungel von abenteuerlichen Spekulationen und steilen Thesen, mit unzähligen Verästelungen und Querverbindungen, so dass es schwer fällt, die Karte in ihrer Zeit angemessen einzuordnen. Durch dieses Gestrüpp habe ich mir in den letzten Wochen zumindest einen kleinen Trampelpfad geschlagen. Von all den Merkwürdigkeiten, den Forschern, Spinnern und Gelehrten und einigen der wundersamen historischen Blüten, die mir auf diesem Weg begegnet sind, möchte ich hier berichten.

Die Piri-Reis-Karte ist sicher eine der schönsten Karten aus dem Zeitalter der Entdeckungsreisen, das Kartenbild mit seinen klaren Linien erinnert schon an heutige Atlanten; die Details sind längst nicht so steif und unbeholfen dargestellt, wie es sonst in jener Zeit oft noch der Fall war. Hier ist eindeutig ein Meister seines Fachs am Werk gewesen.

Die Entdeckung Amerikas lag gerade zwanzig Jahre zurück. Das wenige, was über die neue Welt bekannt war, wurde von den Spaniern und Portugiesen eifersüchtig geheimgehalten. Deshalb ist es bemerkenswert, dass ausgerechnet auf dieser osmanischen Karte die Küste Südamerikas schon bis weit nach Süden dargestellt ist – Jahre bevor Magellan in diese Gegenden vorstieß. Welche Quellen Piri Reis hierfür zur Verfügung hatte, gibt bis heute Rätsel auf.

Aufgrund dieser und einiger anderer Besonderheiten bot die Piri-Reis-Karte seit jeher eine dankbare Projektionsfläche für Crackpots aller Art. Ich möchte hier aufzeigen, dass sie viel mehr ist als nur eine Spielwiese für Pseudowissenschaftler und dass es sich wirklich lohnt, sich mit ihr zu beschäftigen, da sie uns viele erstaunliche Erkenntnisse über ihre Zeit zu vermitteln vermag.

Dieser Artikel ist in drei Kapitel aufgeteilt. Zunächst werde ich eine Beschreibung der Karte geben, danach einen chronologischen Überblick über einige Forscher und ihre mehr oder weniger seriösen Theorien, um am Ende nochmal einige Detailfragen zu beleuchten.

1.) Beschreibung der Karte

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Die Karte des Piri Reis wurde 1929 im Topkapi-Palast zu Istanbul entdeckt. Es handelt sich offenbar um den westlichen Teil einer Weltkarte, auf Pergament gezeichnet; das erhaltene Fragment misst ca. 90 × 60 cm. Die angenommene gesamte Weltkarte könnte also wenigstens 2 × 1 Meter gemessen haben.

Erstellt wurde sie um 1513 von Piri Reis, Admiral der Osmanischen Flotte, Seeräuber und Kartograf. Vorbildlicherweise hat er auf der Karte selbst seine Quellen vermerkt, demnach hat er sie aus einer großen Anzahl einzelner Vorlagen zu einer Weltkarte kompiliert: ptolemäischen, arabischen, portugiesischen – und einer Karte, die direkt auf Kolumbus zurückgehen soll.

Das kam so: Im Jahre 1501 kaperte Piris Onkel, Kemal Reis, ebenfalls Korsar und Admiral, im Mittelmeer eine Reihe von Schiffen in einem Scharmützel gegen die Republik Venedig. Unter seinen Gefangenen war ein Spanier, der von sich behauptete, mit Kolumbus gesegelt zu sein. Und er war im Besitz einer Seekarte, die angeblich vom großen Entdecker selbst stammte. Piri Reis erbte diese Karte später von seinem Onkel und integrierte sie in seine Weltkarte.

Für einen Überblick möchte ich die Karte in vier Teile gliedern:

Bild_3_PiriReisMap_Sektoren

1. Oben rechts (Nordosten)
Spanien und Westafrika
Diese Küstenlinien sind der genaueste Teil der Karte. Im Vergleich mit anderen zeitgenössischen und selbst heutigen Karten sind die Abweichungen nur gering, und viele Details lassen sich eindeutig zuordnen. Die Küstenlinie Westafrikas haben die Portugiesen schon lange vor Kolumbus recht genau kartiert, und trotz aller Versuche der Geheimhaltung gab es natürlich immer wieder Datenlecks, so dass dieser Teil des Atlantiks zu Piri Reis’ Zeiten schon recht gut bekannt war.

2. Oben links (Nordwesten)
Die Karibik
Dies ist der Teil, der auf die heute verschollene Originalkarte des Kolumbus zurückgeht. Dass hier alles ziemlich grob und ungenau wirkt, liegt vor allem am verschrobenen Weltbild von Kolumbus, der ja bis zuletzt sicher war, Asien erreicht zu haben. Außerdem soll er zwar ein guter Seemann aber ein ziemlich miserabler Geograf gewesen sein.

3. Unten links (Südwesten)
Die Küste Brasiliens
Die Darstellung ist sehr detailliert – was einige Forscher wohl gern mit Genauigkeit verwechseln. Auch wenn jeder, der seinen Weltatlas kennt, hier sofort Südamerika wiedererkennt, so wird es doch problematisch, sobald man ins Detail geht. Da geht kaum mehr etwas zusammen, und nur einzelne Abschnitte lassen sich mit viel gutem Willen zuordnen. Piri Reis beruft sich hier auf portugiesische Quellen.

4. Unten (Süden)
Patagonien / Antarktis?
Hier biegt die Küste Südamerikas weit nach Osten ab. Man sieht auf Anhieb, dass dies nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat. Dies ist der Teil, der laut von Däniken und anderen die Antarktis zeigen soll. Andere vermuten, dass der Zeichner der Karte einfach das teure Pergament bestmöglich ausnutzen wollte und deshalb die Küste Patagoniens kurzerhand abknickte. Einige Details Patagoniens (Halbinsel Valdez, Falklandinseln) könnten eventuell passen, aber Magellan- und Drakestraße fehlen komplett. Was genau Piri Reis sich dabei gedacht hat, wird wohl immer Gegenstand von Spekulationen bleiben, zumal auch seine Randbemerkung in dem Kartenteil keinen rechten Sinn ergibt (“Hier ist es sehr heiß”).

Binnenland
Die Darstellung des Landesinneren auf der Piri-Reis-Karte ist eher willkürlich. Das zeigt sich zum Beispiel daran, dass die Flussmündungen in Afrika zwar recht genau abgebildet sind, der Verlauf der Flüsse aber nicht viel mit der Realität zu tun hat. Hier hat sich Reis offenbar von den phantastischen Ausschmückungen der mittelalterlichen Mappae Mundi inspirieren lassen. Die Darstellung von Bergen, Tieren und Fabelwesen in Südamerika laden natürlich zu lebhaften Spekulationen ein – für Aussagen über die Genauigkeit der Karte sind aber letztlich die Küstenlinien relevant.

Texte
Die Sprache ist osmanisches Türkisch, die Schrift arabisch. Viele Inseln und Regionen sind mit Namen beschriftet, die eindeutig auf Spanische und portugiesische Quellen schließen lassen. Außerdem werden, wie auf den Karten jener Zeit üblich, überall kleine Geschichten erzählt, die auf ältere Reiseberichte und mittelalterliche Legenden zurückgehen. Der lange Text links unten enthält die Quellenangaben sowie eine Schilderung der ersten Reise des Kolumbus (“Qülümbü”), die auf die Erzählungen von Kemal Reis’ spanischem Gefangenen zurückgeht.

Neuer Stoff eingetroffen!

Neuer Stoff eingetroffen!

2.) Die Forscher und ihre Theorien

Paul Kahle: die Kolumbus-Karte (1933)

Paul Kahle war Orientalist und Theologe. Piri Reis war ihm bekannt als Autor des Kitab-ı Bahriye, eines Seefahrts-Handbuchs für das Mittelmeer, in welchem er seine Weltkarte erwähnte, sowie die Tatsache, dass ein Teil davon auf Kolumbus basiere. Das weckte die Neugier Kahles, da eine Karte von der Hand des Kolumbus zwar belegt, aber bis heute verschollen ist. Um 1930 stieß er im „Topkapi-Serail zu Stambul“ auf die Piri-Reis-Karte und ließ sich eine Kopie anfertigen.

In seinem 1933 erschienenen Werk Die verschollene Columbus-Karte von 1498 in einer türkischen Weltkarte von 1513 schildert er die Ergebnisse seiner Analysen. Seriöse Forscher, die mit der Materie befasst sind, bescheinigen ihm eine “ausgezeichnete” und “verdienstvolle” Arbeit. Kahle widmet sich in diesem Werk ausschließlich der Darstellung der Karibik.

Einem Kenner der Materie fällt sofort die große Ähnlichkeit mit der Toscanelli-Karte auf. Der Florentiner Kosmograf Paolo Toscanelli (1397-1482) unternahm als einer der ersten den Versuch, die Welt als Ganzes darzustellen, inklusive der noch unbekannten Regionen zwischen Westeuropa und Ostasien. Von der Existenz des amerikanischen Doppelkontinents konnte er noch nichts wissen, und so stellte er den Atlantik als direkte Verbindung nach Asien dar. Japan, damals Cipango genannt, verortete er in etwa dort, wo sich tatsächlich Mittelamerika befindet.

Das kam den Plänen des Kolumbus (der mit Toscanelli korrespondierte und von ihm eine Karte zugesandt bekam) natürlich entgegen. Nicht zuletzt aufgrund der Toscanelli-Karte gelang es ihm, die spanischen Majestäten von seinem Vorhaben zu überzeugen. Und man weiß, dass Kolumbus diese Karte auf seinen Reisen dabei hatte.

Um nun auch nachträglich keine Zweifel aufkommen zu lassen, dass er einen Weg nach Asien – kürzer als um Afrika herum – gefunden hatte, passte er seine Entdeckungen kurzerhand der Toscanelli-Karte an. Das von ihm entdeckte Hispaniola (heute Haiti/Dominikanische Republik) setzte er mit Cipango gleich. Lage und Größe der Insel behielt er bei und passte nur die Küstenlinie ein wenig seinen neuen Entdeckungen an. Aus diesem Grunde behauptete er auch bis zuletzt, dass Kuba zum asiatischen Festland gehöre. Er verdonnerte sogar seine Leute bei Todesstrafe dazu, diese Behauptung um jeden Preis zu stützen!

Oben die Toscanelli-Karte; unten dieselbe Region auf der Piri-Reis-Karte. [1] Cipango (Japan) wurde nur ein wenig „umgezeichnet“ (Kahle) zu Hispaniola. [2] Kuba ist als eine Landspitze Chinas dargestellt.

Oben die Toscanelli-Karte; unten dieselbe Region auf der Piri-Reis-Karte. [1] Cipango (Japan) wurde nur ein wenig „umgezeichnet“ (Kahle) zu Hispaniola. [2] Kuba ist als eine Landspitze Chinas dargestellt.

All dies legt Paul Kahle detailliert und überzeugend dar. Und er weist nach, dass die Karte von Kemal Reis’ spanischem Gefangenen von 1501 echt gewesen sein muss, da die Namen auf der Piri-Reis-Karte eindeutig mit denen von Kolumbus’ Reiseberichten übereinstimmen. Diese Darstellung der Karibik ist also die früheste, die wir kennen (1495/96).

Arlington H. Mallery: Die Antarktis-Hypothese (1953)

1953 bekam der U. S. Navy-Kartograf und Amateurhistoriker Captain Arlington H. Mallery eine Kopie der Piri-Reis-Karte in die Hände. Nach „eingehender Untersuchung“ trat er mit der These an die Öffentlichkeit, der südliche Teil der Karte zeige die Antarktis – und zwar aus einer Zeit, als sie noch frei von Eis gewesen wäre!

Heute wissen wir, dass das seit Millionen von Jahren nicht der Fall gewesen ist. Das war in den 1950ern vielleicht noch nicht so klar. Alfred Wegeners Theorie der Kontinentalverschiebung – die auch lange für Spinnerei gehalten wurde – begann sich gerade erst durchzusetzen. Im Zuge dessen fühlten sich auch andere berufen, ähnliche Theorien aufzustellen. So vertrat der Historiker Charles H. Hapgood die These, die gesamte Erdkruste habe sich des öfteren auf einmal verschoben, zuletzt vor etwa sechs- bis neuntausend Jahren. Und so sei der antarktische Kontinent, der bis dahin weiter nördlich gelegen habe, erst vor relativ kurzer Zeit an den Südpol gerutscht und vereist.

Wie offen für neue Ideen die Geowissenschaften damals noch waren, zeigt sich zum Beispiel daran, dass Hapgood für ein wohlwollendes Vorwort seines Buches Earth’s Shifting Crust (1958) niemand geringeren als Albert Einstein gewinnen konnte.

Captain Mallery galt allerdings schon damals eher als Amateur.

Charles H. Hapgood: Die alten Seefahrer (1966)

Hapgood nahm die Hypothese Mallerys begierig auf und beschloss, selbst die Piri-Reis-Karte zu erforschen. Zusammen mit einer Gruppe von Studenten begann er eine eingehende Analyse, die sich über Jahre hinziehen sollte. Dabei nahm er auch die Hilfe der Kartografie-Abteilung der U. S. Navy sowie des MIT in Anspruch. Sein Buch Maps of the ancient sea kings von 1966 ist sehr ausführlich und detailliert, mit vielen mathematischen Exkursen. All das wirkt zunächst echt beeindruckend und – da es ist dem Laien kaum möglich ist, Hapgoods Vorgehensweise im Detail nachzuvollziehen – auch erstmal ziemlich überzeugend.

Hapgood behauptet, er und seine Studenten hätten einen Weg gefunden, das alte System der Rumbenlinien – sechzehnstrahlige Kompassrosen, die über die Karte verteilt sind, und deren Strahlen sich überall kreuzen – in ein modernes Koordinatensystem umzurechnen. Dabei ließ er sich von einem Mathematiker des MIT helfen. So hätten sie zum Beispiel – nach drei Jahren Rechnerei! – festgestellt, dass das (im fehlenden Teil des Kartenfragments liegende) Projektionszentrum der Karte in Kairo gelegen habe, und dass der Zeichner der Karte schon die sphärische Trigonometrie beherrscht haben müsse.

Beim Versuch, diese Berechnungen nachzuvollziehen, musste ich passen. Allerdings fiel mir ein, dass diese umständlichen Näherungsverfahren heute natürlich in kürzester Zeit mit einem Computer erledigt würden. Ich bin zwar ein lausiger Mathematiker, habe aber Hapgood etwas voraus: fast sechzig Jahre technologischen Vorsprung. Also warf ich mein Grafikprogramm an und überlagerte dort verschiedene alte und moderne Karten mit der Piri-Reis-Karte, was mir tatsächlich als brauchbarer Ansatz für eine Plausibilitätsprüfung erscheint. Im Detail würde das hier zu weit führen, nur soviel: einige zentrale Aussagen Hapgoods konnten einfach nicht hinkommen. Dafür entdeckte ich interessante Anhaltspunkte, die ich ohne weiteres zu einer eigenen Privattheorie ausbauen könnte. Dazu werde ich sicher noch mal was schreiben.

Kairo kommt schonmal nicht hin.

Kairo kommt schonmal nicht hin.

Das bestätigte meinen Eindruck, dass Hapgood vor allem eine Menge Tamtam um seine Berechnungsmethoden macht und den Leser mit einer Flut von Details erschlägt. Auch auf Karten, die auf den ersten Blick völlig verzerrt und unrealistisch aussehen, findet er noch “erstaunliche Genauigkeit” (eine seiner Lieblingsfloskeln). Er zerschneidet Küstenlinien, dreht und wendet die Einzelteile, um irgendwann seine angeblich mathematisch ermittelte Exaktheit zu postulieren.

Ich denke, man kann einen bestimmten Punkt auf einer alten Karte nicht beliebig genau bestimmen, wie Hapgood vorgibt. Das ist, als wolle man einem unscharfen Foto mehr Informationen entlocken, indem man es besonders hochauflösend einscannt. Es gibt einfach einen Unschärfebereich, den man nicht unterschreiten kann.

Letztlich fällt beim Lesen seines Buches auf, dass Hapgood immer wieder sehr willkürliche Grundannahmen trifft – und dass er von vornherein nicht ergebnisoffen forscht, sondern alles auf seine These hinbiegt, nämlich dass es Ausgangs der Jungsteinzeit eine hochentwickelte globale Zivilisation gegeben haben müsse, die schon sphärische Trigonometrie und exakte astronomische Ortsbestimmung beherrschte.

Bei all dem gibt Hapgood sich bescheiden, er müsse nicht unbedingt Recht haben etc. Auch diese Disclaimer können aber letztlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich hier um Pseudowissenschaft handelt, wenn auch etwas freundlicher verpackt, als bei den beiden folgenden Experten.

Erich von Däniken: die Aliens (1968)

All das war natürlich ein gefundenes Fressen für Erich von Däniken, der Mallerys und Hapgoods Thesen – extrem verkürzt – in Erinnerungen an die Zukunft wiedergab und gleich noch einen draufsetzte, indem er die Piri-Reis-Karte statt einer prä-antiken Zivilisation seinen fotografierenden Astronautengöttern zuschrieb. Mehr muss ich zu dem Herrn hier glaube ich nicht sagen.

Gavin Menzies: die Chinesen (2002)

Gavin Menzies ist ein pensionierter U-Boot-Kommandant der Royal Navy, der in seinem Weltbestseller 1421 – Als China die Welt entdeckte behauptet, die gewaltigen Dschunkenflotten der Ming-Dynastie unter Admiral Zheng He hätten nicht nur – wie historisch unstrittig ist – Südostasien und den indischen Ozean erforscht, sondern gleich auch, siebzig Jahre vor Kolumbus, die Welt umrundet, Amerika, Australien, Neuseeland und die Antarktis entdeckt und sogar die Nordostpassage, also das nördliche Polarmeer um Sibirien herum, durchquert.

Auch die Piri-Reis-Karte muss für seine Theorien herhalten; ihre Darstellung Südamerikas soll auf die Chinesen zurückgehen. Die chinesische Wissenschaft des Mittelalters war hoch entwickelt und ich traue ihnen einiges zu. Wenn es um die Würdigung dieser Fähigkeiten geht, ist Menzies allerdings ein denkbar schlechter Anwalt.

Die Kritik der Fachwelt war absolut vernichtend. Einer schrieb, es gäbe in diesem Buch nicht eine Seite, auf der er nicht laut hätte loslachen müssen (Quelle finde ich grad nicht wieder). Tatsächlich habe ich mal stichprobenartig einigen Punkten hinterherrecherchiert und in praktisch jedem Fall haarsträubende Fehler und Verdrehungen gefunden.

Auch Crackpot-Literatur ist durchaus spannend zu lesen!

Auch Crackpot-Literatur ist durchaus spannend zu lesen!

Fuat Sezgin: die Araber (2006)

Die Argumentation des Islamwissenschaftlers Fuat Sezgin (Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main) ist im Prinzip ähnlich wie die von Menzies: Spanier und Portugiesen seien um 1500 nicht fähig gewesen, so genaue Karten wie die des Piri Reis zu zeichnen, zudem sei die Küste Patagoniens ihnen zu der Zeit noch gar nicht bekannt gewesen; also müsse die Piri-Reis-Karte einer anderen, früheren Quelle entstammen. Im Gegensatz zu Menzies ist Sezgin allerdings ein anerkannter Wissenschaftler, dessen siebzehnbändige Geschichte des Arabischen Schrifttums als absolutes Standardwerk gilt.

Sein Lebenswerk ist dem Nachweis gewidmet, dass die arabisch-islamische Wissenschaft des Mittelalters bis heute in ihrer Qualität und Tragweite sowie in ihrem Einfluss auf den Westen massiv unterschätzt wird. Nicht zuletzt ihm haben wir es zu verdanken, dass große Genies wie z. B. al-Bīrūnī und al-Chwārizmī heute langsam wieder – verdientermaßen – ins Bewusstsein der westlichen Welt rücken. Diese seine Agenda legt aber auch nahe, dass er in seiner Arbeit nicht völlig unvoreingenommen ist, was auch hier und da durchschimmert.

Auch Sezgin behauptet, Kolumbus sei nicht der erste gewesen. Er traut es den Arabern zu, schon viel früher Amerika erreicht zu haben. Obwohl auch er nur Indizien anführen kann, finde ich seine Argumentation bislang am überzeugendsten.

Das eingangs erwähnte Buch Die Karte des Piri Re’is: das vergessene Wissen der Araber und die Entdeckung Amerikas von Susanne Billig (2017) ist eine Würdigung der Arbeit Fuat Sezgins. Das Buch war letztlich der Auslöser für meine Recherchen und diesen Artikel.

Gregory C. Mclntosh: Nothing special

Bei meinen Recherchen stieß ich immer wieder auf den Historiker Gregory C. Mclntosh. Seine Schriften zur Piri-Reis-Karte sind erfrischend rational und ein wohltuendes Gegengewicht zu den ganzen zuweilen entnervenden Verwirrungen, die sich bei diesem Thema unweigerlich einstellen. Deshalb möchte ich ihm hier im Forscherkapitel das letzte Wort in Form einiger ausgewählter Zitate überlassen.

Es gibt sechs Bezugsgrößen (aspects) der Erdkugel, die jeweils verzerrt oder erhalten werden können, wenn man sie auf eine flache Karte überträgt: Größen, Formen, Richtungen, Peilungen/Winkel, Entfernungen und Größenverhältnisse (sizes, shapes, directions, bearings, distances, and ratios). Die Piri-Reis-Karte, so wie alle flachen Karten, ist nicht in allen diesen Aspekten akkurat. Tatsache ist, dass die Piri-Reis-Karte, so wie die meisten Renaissancekarten, alle diese Aspekte verzerrt.

Heute sehen wir Landkarten als hochwissenschaftliche Abbildungen, aber vor fünfhundert Jahren kombinierten Weltkarten tatsächliche (actual) Geografie mit theoretischer Geografie. Nur weil eine Renaissancekarte eine Küstenlinie zeigt, muss das nicht heißen, dass irgendjemand diese Küste gesehen und vermessen hätte. Viel häufiger enthielten ferne Länder auf frühen Karten anschauliche Beschreibungen und Visualisierungen, die auf schriftlichen Schilderungen, Ideen und Glaubensinhalten basierten.

Die Piri-Reis-Karte ist nicht mehr oder weniger akkurat als jede andere Karte ihrer Zeit.

Was die Grenzwissenschaft mit “akkurat” meint, ist: “Hey, das sieht voll ähnlich aus!”

Zitiert aus: Mark Adams: “Meet me in Atlantis”, Seite 225 (eigene Übersetzung)

3.) Weitere Fragen

Wie wichtig war der Längengrad?

Eines der Hauptargumente fast aller der oben genannten Autoren gegen eine Urheberschaft europäischer Entdecker ist die Tatsache, dass im Westen die Bestimmung des Längengrades auf hoher See erst ab dem 18. Jahrhundert möglich war, während z. B. die Araber schon viel früher zumindest ein recht genaues Näherungsverfahren beherrschten. (Exkurs)

Ich halte das Argument für ein wenig irreführend. Denn für eine genaue Karte muss man den Längengrad nicht unbedingt auf hoher See bestimmen können. Für die Kartografie wäre es viel zielführender, einige Punkte an den Küsten und auf Inseln zu Land zu vermessen – was schon viel früher mithilfe von Mondfinsternissen möglich war. Auch wenn einige Entdecker mit diesem – zugegebenermaßen sehr aufwendigen – Verfahren teils eklatant daneben lagen, so war es doch prinzipiell möglich, und eine erfolgreiche Ortsbestimmung an einem einzigen wichtigen Punkt hätte die gesamte europäische Kartografie vorangebracht.

Wenn man z. B. frühe Karten, die die Küste Brasiliens zeigen, mit einer modernen Karte vergleicht, fällt ein Punkt besonders ins Auge: die Ostspitze Südamerikas (Recife, Brasilien). Sie liegt – bei allen sonstigen Unterschieden – praktisch immer an der richtigen Stelle. Das ist für mich ein Indiz, dass dieser Punkt möglicherweise schon sehr früh mithilfe einer Mondfinsternis zu Lande vermessen wurde und dieser eine Datenpunkt in die meisten Renaissancekarten einfloss. (Mir ist allerdings nicht bekannt, dass eine solche Messung irgendwo überliefert wäre. Vielleicht finde ich da ja noch was.)

Vergleich der Piri-Reis-Karte mit einer modernen Karte und der Cantino-Karte von 1502. Letztere gibt den portugiesischen Wissenstand jener Zeit wieder. Ausgerichtet habe ich alle drei an der Straße von Gibraltar sowie den drei Afrikanischen Kaps. Die Ostspitze Südamerikas fällt bei allen auf exakt den gleichen Punkt.

Vergleich der Piri-Reis-Karte mit einer modernen Karte und der Cantino-Karte von 1502. Letztere gibt den portugiesischen Wissenstand jener Zeit wieder. Ausgerichtet habe ich alle drei an der Straße von Gibraltar sowie den drei Afrikanischen Kaps. Die Ostspitze Südamerikas fällt bei allen auf exakt den gleichen Punkt.

Wer entdeckte Amerika?

Generell halte ich es für gut möglich, dass Kolumbus nicht der erste war, der Amerika erreichte (die Wikinger lassen wir hier mal außen vor). Ich halte es für vermessen, der gesamten Menschheit vor Kolumbus derartige seemännische Fähigkeiten grundsätzlich abzusprechen. Es gibt starke Indizien, dass unter anderem Phönizier, Karthager und Araber möglicherweise schon den Atlantik gen Westen überquert haben. Auch wenn belastbare Beweise dafür bislang fehlen, finde ich es wichtig, festzuhalten, dass die Annahme einer Entdeckung Amerikas vor Kolumbus eine Theorie nicht automatisch diskreditiert.

Wie genau ist “genau”?

Grundthese: Die Piri-Reis-Karte ist viel genauer, als sie zu ihrer Zeit eigentlich sein dürfte.

Hapgood: Die alten Seefahrer waren’s.
Däniken: Die Astronautengötter waren’s.
Menzies: Die Chinesen waren’s.
Sezgin: Die Araber waren’s.

Alle: Die europäischen Entdecker können das niemals gekonnt haben!!

McIntosh: Die Piri-Reis-Karte ist gar nicht so besonders genau.

Ich glaube, dass viele selbsternannte Experten oft Genauigkeit reklamieren, wo gar keine ist, und den Leser (und letztlich sich selbst) damit irreführen. So halte ich die Behauptung, man könne aus der Piri-Reis-Karte mit viel Rechnerei eine bestimmte Projektionsmethode herauslesen, oder gar auf die Anwendung der sphärischen Trigonometrie schließen, für unseriös. Wenn man McIntosh darin folgt, dass viele Küstenlinien nur auf Annahmen oder vagen Berichten beruhen – wobei es auch gute Zufallstreffer geben kann – sind die vermeintlichen Erklärungslücken gar nicht mehr so groß.

Auch wenn es tatsächlich sehr alte Karten gibt, die bis heute Rätsel aufgeben, die vermeintich noch unentdeckte Regionen zeigen und deren Exaktheit mehr als nur zufällig erscheint, so ist doch Ockham’s Razor Genüge getan ohne dass man vorgeschichtliche Wissenschafts-Cracks postulieren müsste.

Schlusswort

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Die interessanteste Figur in dieser ganzen Geschichte ist für mich Piri Reis selbst. In den Begleittexten zu seiner Karte meint man seine Begeisterungsfähigkeit und seine Liebe zur Wissenschaft zu verspüren. Die Piri-Reis-Karte ist ein wundervolles Kunstwerk und eine „kulturelle Ikone“ (McIntosh) ihrer Zeit. Piri Reis führt hier die Erkenntnisse von Spaniern, Portugiesen, Italienern, Griechen, Türken und Arabern aus vielen Epochen der Menschheit zusammen. Dieses frühe Meisterwerk der Kartografie ist ein Vorbild für vorurteilsfreie interkulturelle Wissenschaft, ein Meilenstein der Wissenschaftsgeschichte, an dem wir uns – auch und gerade in heutiger Zeit – immer noch gern ein Beispiel nehmen dürfen.


Literatur

Paul Kahle
Die verschollene Kolumbuskarte von 1498 in einer türkischen Weltkarte von 1513
de Gruyter, Berlin/Leipzig 1933

Susanne Billig
Die Karte des Piri Re’is
Das vergessene Wissen der Araber und die Entdeckung Amerikas
C.H.Beck 2017

Charles H. Hapgood
Die Weltkarten der alten Seefahrer
Die Entdeckung der Antarktis vor 6000 Jahren und Amerikas vor Kolumbus.
Zweitausendeins Verlag

Gavin Menzies
1421
Als China die Welt entdeckte
Droemer Knaur 2002

Erich von Däniken
Erinnerungen an die Zukunft
Ungelöste Rätsel der Vergangenheit
Econ 1968

Webartikel

Fuat Sezgin
Die Entdeckung des amerikanischen Kontinents durch muslimische Seefahrer vor Kolumbus
In: Geschichte des Arabischen Schrifttums. Band XIII (2006)
http://www.uni-frankfurt.de/59003140/Sezgin_deutsch.pdf

Gregory C. McIntosh
Christoph Kolumbus und die Piri-Re’is-Karte von 1513
In: Cartographica Helvetica – Fachzeitschrift für Kartengeschichte
Band (Jahr): 11-12 (1995) Heft 11
http://doi.org/10.5169/seals-7383

Übersetzung einiger Inschriften auf der Piri-Reis-Karte
http://www.sacred-texts.com/piri/pirikey.htm (englisch)
sowie auf Deutsch in oben genanntem Artikel von McIntosh.

Kommentare (46)

  1. #1 Mirko
    zZ Spanien
    8. Oktober 2018

    Sehr schöner Artikel, vielen Dank!
    Ich fand die ersten Bücher von Däniken auch immer wahnsinnig spannend zu lesen und anfangs auch nachvollziehbar. Hatte sich natürlich schnell erledigt.

  2. #2 Norbert Fiks
    8. Oktober 2018

    Moin, bei mir funktionieren die Links nicht.

  3. #3 Peter
    Berlin
    8. Oktober 2018

    Toller Artikel: eines der sehr starken Indizien findet sich bei Plutarch (ca. 350 p.Chr.) – er beschreibt recht genau die Route des regelmäßigen “Fährverkehrs” in die Karibik bzw. Südamerika – alle dreißig Jahre bei Saturn im Zeichen Stier: “Über das Antlitz des Mondes”.

  4. #5 Withold Ch.
    8. Oktober 2018

    Einfach sehr gut! In Herangehensweise, Inhalt, Stil und Schlussfolgerung! Eine spannende Lektüre, die befriedigt und auch Spass macht!

    Man kann den Autor nur ermuntern, damit an eine grössere Öffentlichkeit zu gehen.

  5. #6 Mars
    8. Oktober 2018

    so, erst montag morgen, und schon wieder viel dazugelernt. sehr schön
    nun gibt es auch ein ‘gesicht’ zu den kommentaren eines @Dampier im SB

    ein spannendes thema, das man ja nicht täglich auf dem radar hat (bin weder weltumsegler noch vielflieger noch geograph …) und selbst wenn das alles irgendwann wieder in den unteren schubladen des gedächtnis verschwindet, war es eine schöne, bunte und wohlerzählte geschichte, deren sprache und wortwahl mir sehr gut gefallen haben.
    da freue ich mich auf mehr. toll ist natürlich (auch wenn im hintergrund geblieben) dass du als hobby-geometer auch die rechnungen unter die lupe genommen hast – alle achtung, sowas gefällt.

    ich gehe jetzt erfreut und weiter wissen erwerbend in meinen tag. danke

  6. #7 tomtoo
    8. Oktober 2018

    Da gibts jetzt erst mal ein WOW! für.

  7. #8 gaius
    8. Oktober 2018

    Wow – da würde man doch gerne ein ganzes Buch von lesen. Das Blog kommt auf jeden Fall in meine Lesezeichen.

  8. #9 Captain E.
    8. Oktober 2018

    Ja, in der Tat sehr schön, und eine gelungene Beschreibung des Phänomens, dass manche Menschen aus dem Bedürfnis heraus, recht zu behalten oder sich als besonders schlau darzustellen, Nektar aus historischen Blüten saugen wollen, der ganz einfach nicht vorhanden ist. (Der Autor dieses Gastbeitrags ist damit ausdrücklich nicht gemeint!) Was das Nachvollziehen der Entstehung dieser Karte angeht, so kann das Jahr ja durchaus stimmen und der Autor über seinen Onkel an eine erbeutete Originakarte von Kolumbus gekommen sein. Solche Dinge geschehen. Vielleicht entstand sie aber auch viel später und wurde mutwillig rückdatiert. Auch so etwas hat es in der Geschichte mehrfach gegeben.

    Die wahrscheinlichste Erklärung für die Karte ist meines Erachtens aber wirklich die “offizielle”: Piri Reis hat eine Karte gezeichnet (oder zeichnen lassen), die aus dem bestmöglichen vorhandenen Material zusammen gestellt werden konnte.

    Und übrigens: Die Insel, auf der sich die Karibikstaaten Haiti und Dominikanische Republik befinden, heißt noch heute “Hispaniola”. Allzu oft verwendet wird der Name aber natürlich nicht.

    Ähnlicher Fall: England befindet sich bekanntlich auf einer Insel, und seine Hauptstadt London, zugleich Hauptstadt des gesamten Vereinigten Königsreichs, somit ebenfalls. Frage: Wie heißt diese Insel aber nun genau? (Und ja, ich kenne die Antwort.)

  9. #10 MartinB
    8. Oktober 2018

    Schön geschrieben, ich bin aber etwas verwirrt mit welcher Art der Projektion du jeweils arbeitest – die geraden Linien bei deiner Projektion, um zu sehen, ob sich alles in Kairo trifft, müssten ja eigentlich Großkreislinien sein – sind die in allen Projektionen gerade? Dieselbe Frage stelle ich mir bei dem Vergleich der Karten.

  10. #11 Dampier
    8. Oktober 2018

    Moin,
    vielen Dank für die freundlichen Kommentare!

    Leider sind einige Links kaputt, da muss hier irgendein Skript quergeschossen haben (bei mir waren sie noch ok). Sie lassen sich aber aus den vorhandenen Links rekonstruieren (danke @NullcoManix).

    Hier nochmal der Exkurs zum Längengrad:
    http://scienceblogs.de/ihrefrage/2018/08/17/mittelalterliche-navigationsmethoden/

    @Peter: Danke für den Hinweis auf Plutarch! Genau sowas suche ich.

    @Mars

    dass du als hobby-geometer auch die rechnungen unter die lupe genommen hast

    Ich bin immer noch nicht sicher, wie aussagekräftig meine eigenen Versuche da sind. Letztlich kann ich auch nur nach der hier kritisierten Methode “Sieht es ähnlich aus oder nicht?” vorgehen. Also eine oberflächliche Plausibilitätsprüfung. Aber auch da kann man schon ein paar Anhaltspunkte gewinnen. Und es macht wirklich Spaß – ich wollte schon lange mal mit den alten Weltkarten im Grafikprogramm rumfuhrwerken ; ]

  11. #12 Dampier
    8. Oktober 2018

    @MartinB
    Bei der Ermittlung der Kartenprojektion stoße ich an meine Grenzen. Die Fachleute streiten sich bis heute, ob Piri Reis eine Projektion für die ganze Karte verwendet hat, und wenn ja, welche.

    Siehe zB.
    http://old.world-mysteries.com/steven_dutch1.htm

    Ich tendiere dazu, dass Piri keine einheitliche Projektion verwendet hat, sondern seine Einzelteile nach bestem Wissen und Gewissen “zusammengestoppelt” hat. Bei meinen Überlagerungen etc. habe ich verschiedene heutige Projektionen zugrundegelegt und die genommen, die am besten passt : ]

    Ich tendiere zu einer Rektangularprojektion. Im meinem Schaubild zu Recife habe ich die von Miller verwendet. Im Bereich zwischen den Wendekreisen kommt das ganz gut hin, und es ist eine der ältesten Projektionen, die Piri Reis sicherlich kannte.

  12. #13 MartinB
    8. Oktober 2018

    @Dampier
    Danke.

  13. #14 UMa
    8. Oktober 2018

    Hallo Dampier,
    wieder ein schöner Text von Dir. Gefällt mir.

    Hier ist noch ein Link zu einer Untersuchung der Piri Reis Karte, in dem unwahrscheinlichen Fall, dass Du noch nicht auf ihn gestoßen bist:
    https://web.archive.org/web/20130813090645/http://www.uwgb.edu/dutchs/PSEUDOSC/PiriRies.HTM

  14. #15 UMa
    8. Oktober 2018

    Ok, du kanntest es schon. Überschneidung der Beiträge.

  15. #16 Dampier
    8. Oktober 2018

    @Captain E. #9

    Vielleicht entstand sie aber auch viel später und wurde mutwillig rückdatiert.

    Dann müsste Piri Reis auf der Karte selbst ein falsches Datum angegeben haben:

    im Monat Muharram des Jahres 919

    (Zwischen dem 9. März und dem 7. April 1513)
    Quelle: McIntosh

    Ich denke, die Herkunft & zeitliche Einordnung der Karte sind ausnahmsweise unstrittig : ]

  16. #17 Tina_HH
    8. Oktober 2018

    @Dampier

    Das war mal wieder richtig klasse!

    Wenn man unbefangen und ohne Vorurteile auf die Karte blickt, fällt ja sofort auf, dass die damals noch unbekannten Gebiete (Antarktis) am wenigsten passend dargestellt werden. Astronautengötter mit Fotoapparat hätten das eigentlich besser hinbekommen müssen 😉 .

    Doch im Ernst, es ist schon beeindruckend, was diese Karte zu Beginn des 16. Jahrhunderts bereits zeigt. Insbesondere wenn man an die harten Lebensbedingungen der Menschen damals und die im Vergleich zu heute noch sehr eingeschränkten wissenschaftlichen Möglichkeiten denkt.

  17. #18 rolak
    8. Oktober 2018

    Sehr schön und vor allem schön indefinit, der Datenlage angemessen.

  18. #19 Dampier
    8. Oktober 2018

    @MartinB #10

    die geraden Linien bei deiner Projektion, um zu sehen, ob sich alles in Kairo trifft, müssten ja eigentlich Großkreislinien sein

    In jedem Fall sind die Kompassrosen des Rumbensystems immer zu sechzehnt im Kreis angeordnet, dessen Mittelpunkt die größte Kompassrose und die Mitte der Karte darstellt (siehe zB. die oben verlinkte Cantino-Karte). Deshalb halte ich es für folgerichtig, erstmal die gegebenen Linien zu verlängern, um den Kreuzungspunkt zu ermitteln – unabhängig von der Projektion.

    Aber da schwirrt mir wieder der Kopf … Die Rumbenlinien sollen ja Peilhilfen sein (obwohl manche auch behaupten, sie seien eher Hilfslinien des Kartenzeichners gewesen). Eine Peilung, unendlich verlängert, würde nach meinem Verständnis immer einen Großkreis beschreiben. Wikipedia (en) beschreibt Rumbenlinien aber als Loxodrome, das heißt, sie würden auf dem Globus eine Spirale um die Pole bilden (da würde ich jetzt gern mal eine 3D-Darstellung eines gesamten Rumbensystems sehen!) …

    Andererseits sind die Kompassrosen alle gleich ausgerichtet, d.h. alle Rumbenlinien haben in jedem anderen Rumbenpunkt eine Parallele. Wenn man davon ausgeht, dass die annähernd horizontale Linie, die durch den mittleren Rumbenpunkt der Piri-Reis-Karte geht, den Äquator bezeichnet, und die beiden großen Rumbenpunkte die Wendekreise, so wären letztere ja keine Großkreise.

    Als ich nun per Kopfkino versuchte, mir eine Ost-West-Peilung am nördlichen Wendekreis vorzustellen, und ob der Unterschied zwischen dem Wendekreis und dem an dem Punkt tangential anliegenden Großkreis wohl für den Seemann sichtbar wäre, setzte es bei mir aus. Da geht’s dann ins Sphärische und ich fange an zu überlegen, ob ich mich nicht doch irgendwo nochmal als Gasthörer einschreiben sollte …

  19. #20 Tim
    8. Oktober 2018

    Merci für diesen tollen Artikel!

  20. #21 HF(de)
    8. Oktober 2018

    Dampierblog.de gelesezeichnet. Danke!

  21. #22 Dietmar
    9. Oktober 2018

    Toller Artikel!

  22. #23 spriggins
    9. Oktober 2018

    Irgendwie fehlt mir diese Beitrag im Text, der eine Wichtung der Genauigkeit aus kartographischer Sicht vornimmt und diese mit den bekannten europäischen Fähigkeiten zur damaligen Zeit vergleicht, so dass die Aussage McIntoshs bestätigt wird.

    Der Vorteil: Mesenburg ist Kartograph mit einer Spezialisierung auf mittelalterliche Karten, so dass man ihm neben historischen Kenntnissen vor allem auch Fachkenntnisse in Kartographie und Vermessung zusprechen muss. Für die Abschätzung von Genauigkeit zwingend notwendig, damit das Ziel nicht die Untersuchung bestimmt.

    Peter Mesenburg: Kartometrische Untersuchung und Rekonstruktion der Weltkarte des Piri Re`is
    https://www.e-periodica.ch/cntmng?pid=chl-001:2001:23::156

  23. #24 Captain E.
    9. Oktober 2018

    @Dampier:

    Dann müsste Piri Reis auf der Karte selbst ein falsches Datum angegeben haben:

    im Monat Muharram des Jahres 919

    (Zwischen dem 9. März und dem 7. April 1513)
    Quelle: McIntosh

    Ich denke, die Herkunft & zeitliche Einordnung der Karte sind ausnahmsweise unstrittig : ]

    Eine falsche Datierung durch Piri Reis ist ebenso möglich wie eine falsche Zuordnung des Urhebers. Bis zum eventuellen Beweis des Gegenteils können wir aber gerne davon ausgehen, dass Urheber und Zeitpunkt der Anfertigung korrekt überliefert worden sind.

    Da es aber zeitlich durchaus hinkommt, ist womöglich wirklich ein Spanier mit einer Karte von Kolumbus durch einen Piratenüberfall in die Hände muslimischer Seefahrer gelangt. Man glaubt es heutzutage ja kaum, aber Muslime waren einst sehr aktiv auf den Meeren. Die osmanische Flotte hatte das Mittelmeer beherrscht und die Barbareskenstaaten haben etwas später auch eine Zeitlang großen Einfluss ausgeübt. Italiener, Spanier oder Portugiesen unter uns könnten dazu wohl mehr sagen. Die Amerikaner haben das Kämpfen auf See und am Strand gelernt, um sich vor deren Überfällen zu schützen, nachdem die Royal Navy den siegreichen amerikanischen Kolonien ihren Schutz entzogen hat.

  24. #25 Dampier
    9. Oktober 2018

    Nochmals Dank @alle für das ermutigende Feedback! Ich freue mich sehr.

    @spriggins

    so dass die Aussage McIntoshs bestätigt wird.

    Ja. Den Artikel habe ich auch gelesen, habe ihn aber im Text nicht erwähnt. Letztlich bestätigt er, dass die Genauigkeit der Karte im üblichen Rahmen für Karten jener Zeit liegt.

    Schön ist, dass sie die Gesamtkarte rekonstruiert haben, also die fehlenden Rumbenpunkte inkl. des Mittelpunktes. Ich hab das erst gelesen, nachdem ich selbst versucht habe, den Mittelpunkt zu lokalisieren und freute mich über die sehr aktuelle Bestätigung, dass er eher in Richtung Zentrum Afrikas als in Kairo zu suchen ist.

    Interessant ist, dass Mesenburg hier ohne Quellenangabe die Atlantislegende erwähnt:

    Die Insel Atlantis liegt in der Karte des Piri Re’is – in leuchtendem Rot gezeichnet – mitten im Atlantik. Es wird vermutet, dass diese Insel mit der schon bei Platon erwähnten Insel Atlantis identisch ist.

    “Es wird vermutet …” Ich habe diese durch nichts belegte Vermutung bisher nur bei irgendwelchen “Grenzwissenschaften” gefunden, frage mich echt, wie der Autor darauf kommt, das hier zu erwähnen. Reis nennt sie “Izle de Vacca”, Rinderinsel, und schreibt, dort gäbe es “überaus zahlreiche einhörnige Rinder”. Kahle vermutet die imaginären Inseln Satanazes oder Salvaga, die aber auch oft ganz woanders verortet werden. Es gibt sogar noch ein zweites Atlantis auf der Karte: Nach einer Theorie soll es sich auf dem Antarktischen Kontinent befunden haben, bis dieser an den Südpol rutschte und vereiste (s. Artikel unter Mallery/Hapgood). Die Atlantis-Stories habe ich leider im Artikel nicht mehr unterbringen können …

  25. #26 Dampier
    9. Oktober 2018

    @Captain E.

    Eine falsche Datierung durch Piri Reis ist ebenso möglich wie eine falsche Zuordnung des Urhebers. Bis zum eventuellen Beweis des Gegenteils können wir aber gerne davon ausgehen, dass Urheber und Zeitpunkt der Anfertigung korrekt überliefert worden sind.

    Ich habe nicht einen Hinweis finden können, dass Urheberschaft und Entstehungszeit der Karte irgendwie in Frage stünden. Warum beißt du dich so daran fest?

    Eine falsche Zuordnung ist nicht möglich, da Reis sich auf der Karte ja als Autor vorstellt. Er war ein sehr umtriebiger Zeitgenosse, dessen Biografie den Historikern gut bekannt ist. In seinem (in vielen Exemplaren überlieferten) Seefahrtshandbuch erwähnt er explizit, dass er eine Weltkarte gezeichnet habe, und er erwähnt die Kolumbuskarte. Ich sehe da (ausnahmsweise!) keinen Raum für Spekulationen.

    die Barbareskenstaaten haben etwas später auch eine Zeitlang großen Einfluss ausgeübt. Italiener, Spanier oder Portugiesen unter uns könnten dazu wohl mehr sagen.

    Die Friesen unter uns evtl. auch … ;]

    Als seeliger Harck Olufs, so daselbst gebohren auf Amrum Anno 1708 den 19. Julii. Bald darauf in sein jungen Jahren von den türckischen Seeräubern zu Algier ist er A[nn]o 1724 d[en] 24. Martii gefangen genommen worden.

  26. #27 Dampier
    9. Oktober 2018

    @myself

    Eine falsche Zuordnung ist nicht möglich

    Zu kategorisch … “kaum möglich” trifft es besser.

  27. #28 Herr B
    9. Oktober 2018

    Die Piri-Reis-Karte habe ich auch noch von Däniken (der mich in einem ähnlichen Alter gepackt hatte wie den Autor) in Erinnerung. Der schrieb das zu schmale Südamerika der Verzerrung durch die Erdkrümmung zu, was ihn in der Astronautenfoto-Hypothese bestärkte. Allerdings sind die Amerikas auch auf anderen zeitgenössischen Karten ziemlich dünn. Die Ausdehnung der Neuen Welt wurde allgemein unterschätzt, was wohl an der Schwierigkeit der Längengradbestimmung bzw. einfach daran lag, dass es noch nicht viele Daten von der Westküste gab.

  28. #29 Aginor
    9. Oktober 2018

    Sehr schöner Beitrag, gut gemacht!

    Gruß
    Aginor

  29. #30 Dampier
    9. Oktober 2018

    @Herr B

    Der schrieb das zu schmale Südamerika der Verzerrung durch die Erdkrümmung zu, was ihn in der Astronautenfoto-Hypothese bestärkte.

    Das wäre dann die Orthografische Azimutalprojektion. Wie man die berechnet, war schon in der Antike bekannt, dafür musste man nicht ins All fliegen : ]

    Außerdem kann man ja jederzeit einen Globus bauen und den einfach abmalen …

    siehe auch den Link aus #12 bzw. #14.

    dass es noch nicht viele Daten von der Westküste gab.

    Jo, da wurde dann gern eine grade Linie genommen, die den vermuteten Verlauf andeutet, wie Waldseemüller 1507. Manche versteckten auch unbekannte Teile hinter Textbannern, Piri Reis macht es ja so ähnlich.

  30. #31 jyou
    9. Oktober 2018

    Sehr interessanter Beitrag, gut zu lesen.

    Ich bin da aber auch eher bei Captian E. #9, #24. Nur weil auf einem Stück Papier ein Name und ein Datum draufstehen heißt das noch gar nichts. Auch wenn es so aussieht als ob alles zusammenpasst.
    Die kirchlichen Fälschungen im Mittelalter bzgl. Schenkungs- und Gründungsurkunden von Klöstern usw. durch Karl den Großen sind Legion.
    Und wenn man etwas fälscht braucht man natürlich auch einen guten Name (z.B. Piri Reis).

    Interessante wäre, ob man da noch eine C14-Bestimmung machen könnte oder ob das durch “Verschmutzungen” keine aussagekräftigen Ergebnisse mehr liefern würde?

  31. #32 Dampier
    9. Oktober 2018

    @jyou

    ob man da noch eine C14-Bestimmung machen könnte

    Ein guter Fälscher würde natürlich echtes Pergament aus der entsprechenden Zeit nehmen. Man müsste also eher die verwendeten Farben untersuchen.

    Ich denke aber, eine Fälschung wäre längst aufgeflogen. Um zB. den Schreibstil einer bestimmten Zeit so genau zu treffen, dass kein Orientalist oder Altphilologe misstrauisch wird, ist schon hohe Kunst. Also entweder ist es keine – oder die perfekte Fälschung.

    Natürlich kannst du dich mit Captain E. zusammentun, und ihr könnt Erdogan vorschlagen, sein Nationalheiligtum (ist sogar auf nem Geldschein drauf) auf Fälschungsverdacht zu untersuchen ; ]

  32. #33 Captain E.
    10. Oktober 2018

    @Dampier:

    Ich habe nicht einen Hinweis finden können, dass Urheberschaft und Entstehungszeit der Karte irgendwie in Frage stünden. Warum beißt du dich so daran fest?

    Tue ich doch gar nicht. Es sind aber tatsächlich wesentlich (vermeintlich) bedeutsamere Dokumente bekannt, die im Verdacht stehen, Fälschungen zu sein. Das ist also eine Möglichkeit, die man zumindest nicht völlige beiseite schieben darf.

    Eine falsche Zuordnung ist nicht möglich, da Reis sich auf der Karte ja als Autor vorstellt. Er war ein sehr umtriebiger Zeitgenosse, dessen Biografie den Historikern gut bekannt ist. In seinem (in vielen Exemplaren überlieferten) Seefahrtshandbuch erwähnt er explizit, dass er eine Weltkarte gezeichnet habe, und er erwähnt die Kolumbuskarte. Ich sehe da (ausnahmsweise!) keinen Raum für Spekulationen.

    Es ist gut möglich, dass mit der Karte alles seine Richtigkeit hat. Denkbar ist aber trotzdem vieles. Piri Reis mag seine Karte zurückdatiert haben, oder jemand hat sogar nur seinen Namen drauf gesetzt. Aber zeitlich kommt es wohl wirklich hin, dass Piri Reis an diese Karte gekommen sein kann. Karten waren zwar damals noch wichtiger als heute und wurden vehement vor Feinden geschützt (bis hin zu ihrer Zerstörung im Angesicht des besagten Feindes), aber geklappt hat das mit Sicherheit nicht immer.

    Die Friesen unter uns evtl. auch … ;]

    Als seeliger Harck Olufs, so daselbst gebohren auf Amrum Anno 1708 den 19. Julii. Bald darauf in sein jungen Jahren von den türckischen Seeräubern zu Algier ist er A[nn]o 1724 d[en] 24. Martii gefangen genommen worden.

    Gab es über den nicht einmal eine Doku im ZDF? Wenn ich micht recht entsinne, ist sein Schicksal deswegen bekannt geworden, weil er überlebt hat und nach Hause zurück gekehrt ist.

  33. #34 Dampier
    10. Oktober 2018

    @Captain E.
    Interessant wäre noch die Frage, ob es Handschriftenvergleiche zwischen dem Kitab-ı Bahriye und der Piri-Reis-Karte gibt (gesetzt den Fall, Piri hat sie selbst beschriftet). Da hab ich mich noch nicht mit befasst, das wäre sicher auch nochmal ein interessantes Thema. Danke für den Denkanstoß : ]

    Harck Olufs

    Gab es über den nicht einmal eine Doku im ZDF?

    Kann sein, hab da so ne vage Erinnerung … ich kenn die Geschichte aber schon länger – norddeutsche Folklore halt ; ]

  34. #35 Captain E.
    10. Oktober 2018

    @Dampier:

    Interessant wäre noch die Frage, ob es Handschriftenvergleiche zwischen dem Kitab-ı Bahriye und der Piri-Reis-Karte gibt (gesetzt den Fall, Piri hat sie selbst beschriftet). Da hab ich mich noch nicht mit befasst, das wäre sicher auch nochmal ein interessantes Thema. Danke für den Denkanstoß : ]

    Da nicht für, wie Ihr Nordlinge so zu sagen pflegt. 😉

    Kann sein, hab da so ne vage Erinnerung … ich kenn die Geschichte aber schon länger – norddeutsche Folklore halt ; ]

    Tja, das kann man sich heute halt nur noch schwer vorstellen, dass Moslems mal etwas auf See gerissen haben, aber so war es. Die Flotte des osmanischen Reichs galt als unbesiegbar, bis sie fast vollständig in der Seeschlacht von Lepanto 1571 vernichtet wurde. Piri Reis, den man dieser Flotte zurechnen muss, hat diese Niederlage natürlich nicht mehr erlebt. Quantitativ konnte das osmanische Reich die Verluste schnell ausgleichen, aber qualitativ nicht, denn dazu waren zu viele erfahrene Leute gefallen oder in Gefangenschaft geraten. Psychologisch war es für die bald zerfallende “Heilige Liga” (Venedig, Genua, Spanien, Papst) wohl trotzdem wichtig, den Nimbus der Unbesiegbarkeit gebrochen zu haben.

    Die Korsaren von Algier, Tunis und Tripoli kamen später und überfielen mit der Selbsteinschätzung der Überlegenheit (kommt und kam auch immer mal wieder woanders vor) regelmäßig Schiffe auf dem Mittelmeer und auch Küstenorte in Italien, Spanien und Portugal. Der Royal Navy (die Engländer hielten sich ja auch meistens allen anderen für überlegen) waren sie aber im Regelfall nicht gewachsen. Nachdem die US-Handelsschiffe (nach dem Unabhängigkeitskrieg) nicht mehr von der Royal Navy verteidigt wurden, musste die ersten Präsidenten den Barbareskenstaaten tatsächlich regelmäßig Tributzahlungen leisten. Kaum verwunderlich, dass die Amerikaner sich später entschieden, ihr Geld lieber in Kampfschiffe (US Navy) und Soldaten (US Marines, die noch heute stolz von den “shores of Tripoli” singen) zu stecken. Die Barbareskenstaaten haben also irgendwie dafür gesorgt, dass die USA zu der Seemacht wurden, die sie heute sind.

  35. #36 RPGNo1
    10. Oktober 2018

    @Dampier
    Du bist inzwischen ja ein alter Hase in Sachen Schreibwettbewerb. Deine Beiträge werden niemals langweilig, obwohl Kartografie oder Weltreisen so gar nicht mein Steckenpferd sind. Deshalb werde ich mir deinen Blog vormerken.

    @Captain E.

    Gab es über den nicht einmal eine Doku im ZDF?

    Die Doku lief bei Terra X. Der ehemalige Judoka Alexander von der Groeben hat darin den alten Hark Olufs gespielt.
    http://filmmakers.de/alexander.von.der.groeben

  36. #37 Dampier
    10. Oktober 2018

    @RPGNo1

    Deine Beiträge werden niemals langweilig

    Cool :))

  37. #38 Metalgeorge
    11. Oktober 2018

    Faszinierender Beitrag und wie ich meine gut recherchiert.
    Zählt für mich zur Oberklasse aller bisherigen Beiträge.

    Habe mir auch nochmal den Link aus #11 angesehen.
    Daher auch meine Frage wie es den Seefahrern damals
    möglich war Entfernungen zu messen.
    Ohne exakte Zeitmessung Geschwindigkeiten und damit Entfernungen zu bestimmen.
    Selbst bei der Verwendung eines Sextanten spielt aber eine genaue Zeitmessung eine große Rolle.
    Eine relativ genaue Zeitmessung stand aber zu dieser Zeit, höchstens den Chinesen zur Verfügung.
    Selbst heute würde eine Positionsbestimmung ohne Tabellen und Taschenrechner mit einem Sextanten, soviel ich weiss, fast eine Stunde dauern.
    Begriffe wie Breitengrad oder Längengrad waren damals noch gar nicht bekannt, wie ich vermute.
    Siehe auch Erwähnung von Längenangaben in Daumenbreiten bei den Chinesen.
    Auch spielt natürlich das Wetter hierbei eine große Rolle.
    Daher ist es für mich immernoch eine unglaubliche Leistung, wie sie es damals geschafft haben, solche Karten zu erstellen.
    Wären die zu beobachtenden Verschiebungen der Karte auf der Südhalbkugel eben
    auf die Zeitmessung über den Sonnenstand zurückzuführen?
    Soviel ich bisher gelesen habe wurden Zeiten, zum Beispiel Mittag, über Schattenlängen ermittelt.

  38. #39 UMa
    11. Oktober 2018

    @Metalgeorge: Breitengrad und Längengrad stammen wohl schon von Claudius Ptolemäus aus den 2. Jahrhundert.

  39. #40 Einherjer
    Avalon
    11. Oktober 2018

    Hapgoods vermutetes Projektionszentrum bei Gizeh/Kairo ergäbe Sinn, wenn bedacht werden würde, daß der Afrikanische Kontinent nach Nordwesten rotierte, bei gleichzeitiger Expansion des Erdkörpers nach verworfenen Erkenntnissen des Geoingenieurs Christoph Ott Hilgenberg. Wobei die Drehachse Afrikas auf der arabischen Halbinsel lag und sich der Graben des Roten Meer und Persischen Golfes erweiternd aufriss, der Graben von Gibraltar verengte, – während z.B. Kairo mit der Landmasse nach Norden rückte.
    Doch ein derartig -im wahrsten Sinne des Wortes ‘unglaubliches’- Szenario ist unter dem derzeitigem Steady-state Theorem einer angenommenen „Gravitationsmasse“, resp. eines immer gleich großen Erdkörpers in der Vergangenheit undenkbar.
    Denn wie sollte denn nach dieser Interessenlage auch aus dem allseits postulierten physikalischen NICHTS plötzlich was darinnen (!) befindliches anwachsen können? Daher rätseln wir lieber akademisch hochdotiert weiter im dunkeln umher und vergnügen uns spöttisch mit Abstrusitäten eines Däniken. So wie dato „Masse“ zum „Urknall der Raum der Zeit“ führt, führt eben dann und wann ein immer gleichgroß erglaubter Erdball zum ewig (un-) stimmigen Kartenwerk von ahnungslosen Kopisten…., oder Außerirdischen.

  40. #41 Zyfdnug
    14. Oktober 2018

    Super Beitrag, danke dafür.

    Also Dampier, nicht Einherjer.

    Z

  41. #42 Fraber
    Rehhorst
    17. Oktober 2018

    Ein sehr gut recherchierter Artikel;auch für Menschen ohne Vorwissen in dem Bereich gut verständlich und sehr interessant.Vielen Dank

  42. #43 Ursula
    31. Oktober 2018

    Sehr, sehr guter Beitrag. Wie immer von dir Dampier! Ich steh auf deinen Schreibstil und deine Themen!
    Mittlerweile bist auch schon berühmt!
    https://blog.gwup.net/2018/10/29/kein-ungeloestes-raetsel-die-karte-des-piri-reis/?fbclid=IwAR0afDc4gUAlbkiiUMWfAUpgKrONKlVhDg3uaVRNG-Hr52g-gSJxdf_HJvA

  43. #44 Dampier
    31. Oktober 2018

    Ursula, danke für das Lob und für den Link! Mein erstes Zitat … : ]

  44. #45 Uwe
    29. November 2018

    Das Problem mit der Kaperung eines Seefahreres, der mit Columbus gesegelt sein soll, ist, Columbus galt 1501 nicht als Entdecker Amerikas, wurde zu dieser Zeit von den Gelehrten abgelehnt und Colombus hatte keine nennenswerten Karten aus Sagres. Ansonsten hätte Colombus mit den Karten aus Sagres den neuen Kontinent auch als solchen entdeckt, so wie der Namensgeber und 1.offzieller Entdecker Amerikas Amerigo Vespucci (mundus novus), und siehe 2.Tordesillas-Vertrag 1498 zwischen Portugal und Spanien. Piri Peis zweiter Teil ist im portugiesischen Stil und nicht im Spanischen. Columbus segelte für Spanien.

  45. #46 Dampier
    1. Dezember 2018

    Hallo Uwe,

    Columbus galt 1501 nicht als Entdecker Amerikas

    Richtig, aber seine Reise und die Entdeckung neuen Landes im Westen war natürlich weltbekannt.

    Welche “Karten aus Sagres” meinst du, und was ist Piri Reis’ “zweiter Teil”?

    Grüße