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50 Shades of fucked up Science

von Julia Heuritsch

¡ Achtung, Hände weg von diesem Artikel, falls auch Sie die Wissenschaft gerne als selbstlos und objektiv betrachten, denn leider werde ich von diesem romantischen Bild nicht viel übrig lassen!

 Leiden Manifesto for research metrics  – 10 principles to guide research evaluation with 15 translations, a video and a blog ((c) David Parkins)

Leiden Manifesto for research metrics – 10 principles to guide research evaluation with 15 translations, a video and a blog ((c) David Parkins)

Eigentlich bin ich Astronomin, nun forsche ich jedoch über die Forschung selbst. Ich arbeite also sozusagen in „Meta-Science“. Diese Forschungsrichtung gibt’s tatsächlich, sie heißt eigentlich „Wissenschaftsforschung“ oder „Science and Technology Studies“. Ich habe erst davon erfahren, als ich am Ende meines Masters in Astronomie tief in meiner Identitätskrise steckte.

Seit dem Alter von 5 Jahren hatte ich ein großes Ziel: Ich wollte Astronautin werden und das Weltall erforschen. Ich verschlang alles, was ich über das Universum in die Finger kriegen konnte und sammelte sogar Computer-Spiele und Dokumentationen über den Weltraum. Zu wissen, dass wir Menschen Bewohner* eines kleinen Planeten am Rande einer Galaxie sind, die auch wiederum nur ein kleiner Teil eines größeren Galaxien-Clusters ist, und dass da draußen so viel ist, was wir nicht wissen, hatte mich in den Bann gezogen und nichts fand ich faszinierender.

Mit 19 Jahren habe ich das Ziel, Astronautin zu werden, erstmal auf den Nagel gehängt, als mir bewusst wurde, dass – der Intuition widersprechend – Astronomie dafür nicht das geeignetste Studium wäre. Forschung war mir jedoch wichtiger als den luftleeren Raum selbst zu erleben, also entschloss ich mich für das Astronomie-Studium. Meine Erwartungen an den Inhalt und die Lehre waren astronomisch hoch. Außerdem erwartete ich eine perfekte wissenschaftliche Gemeinschaft, wie man sie von Filmen kennt.

Als Idealistin konnte ich nur enttäuscht werden.

Während meines Bachelors in Wien war ich dermaßen gelangweilt, dass ich entweder während der Vorlesungen eingeschlafen bin oder Nintendo DS gespielt habe, um das Einschlafen zu vermeiden. Nicht, dass der Stoff so leicht gewesen wäre. Nein, er war hart, aber die Art des Unterrichts hatte mich jeglicher Faszination für selbst spannende Themen, wie den Urknall, beraubt. Als ich erfahren habe, dass Professoren einen gewissen Stundensatz lehren müssen, egal ob sie es wollen oder können, jedoch nur für ihre Forschung Ansehen erlangen, verstand ich, warum diese so wenige Bemühungen in ihre Vorlesungen steckten. Statt moderner Computer-Simulationen, bekamen wir 20 Jahre alte Folien vorgesetzt, die kaum leserlich waren. Es war ermüdend.

Noch ermüdender jedoch war es, wissenschaftliche Papers – DAS Produktionsergebnis wissenschaftlicher Leistung – zu lesen. Ich hatte große Probleme, Inhalt und Aussage zu verstehen. Da die Papers auf Englisch geschrieben sind, dachte ich anfangs, meine Verständnisprobleme wären auf eine mögliche Sprachbarriere (trotz meiner guten Englisch-Kenntnisse) zurück zu führen. Als ich dann das letzte Semester meines Bachelors in Australien verbrachte, musste ich mit Erstaunen feststellen, dass meine australischen Kollegen dasselbe Verständnisproblem hatten. Den Grund dafür konnte ich mir erst nach jahrelanger „Feldforschung“ in der Forschung zusammen reimen: Abgesehen davon, dass wir als Bachelor-Kandidaten eigentlich noch „Grünschnäbel“ in der Astronomie waren, und daher wenig von dem hochspezialisierten Inhalt verstanden, ist es auch – der Intuition zuwiderlaufend – nicht das primäre Ziel eines Papers, Verständnis zu vermitteln, sondern als Wissenschaftler Sichtbarkeit und Ansehen zu erlangen. Das wirkt sich auch auf den Schreibstil aus. Sie sind im veralteten linearen Stil verfasst, sprich ohne moderner Technologien, wie Verlinkungen oder expandierenden Stellen, um verwendete Programmiercodes oder Berechnungen hinzufügen zu können. Damit werden viele wichtige Forschungsschritte in der Dokumentation der Ergebnisse ausgelassen, was Nachvollziehbarkeit und Reproduzierbarkeit erschwert und nur den Eindruck gibt, „objektiv“ zu sein, dadurch, dass Zweifel oder Fehlschläge oft ausgelassen werden. Wie faszinierend der Inhalt auch sein mag, der Schreibstil dieser Papers macht sie zur optimalen Schlaftablette.

Die schlimmste Erfahrung, die ich während meines Studiums machen musste, war allerdings die Erkenntnis, dass Wissenschaft überhaupt nicht so funktioniert wie wir es in der Schule oder durch die Populärkultur vermittelt bekommen. Wie man sich Wissenschaft vorstellt, fasst Robert Merton‘s KUDOS treffend zusammen – er war einer der ersten Wissenschaftssoziologen. KUDOS erklärt durch 5 Prinzipien, nach denen sich die Wissenschaft, aus einer rein normativen Perspektive, richten sollte:

  1. Kommunalismus: Wissenschaftler arbeiten zusammen und teilen Daten und Resultate.
  2. Universalismus: Wissenschaft ist nicht bestimmten Menschen vorbehalten und wer man ist spielt für die Gültigkeit wissenschaftlicher Gesetzmäßigkeiten keine Rolle.
  3. Disinterestedness (Uneigennützigkeit): Als Wissenschaftler forscht man nicht nach dem eigenen Nutzen, was insbesondere heißt, dass man nicht abhängig ist von bestimmten Resultaten, sondern rein daran interessiert ist, etwas zu entdecken.
  4. Originalität: Wissenschaftler entdecken auf kreative Art und Weise Neues und streben nach einem Fortschritt des Wissens.
  5. Skeptizismus: Wissenschaftler sind kritisch, nicht nur in Betrachtung der eigenen Daten, sondern auch gegenüber den Forschungsergebnissen anderer.

Als Idealistin glaubte ich an diese Werte. Ich glaubte an diese „ideale Gemeinschaft“, dass Wissenschaftler uneingeschränkt Wissen und Resultate miteinander teilen um ein höheres Ziel zu erreichen, wo Wissensproduktion durch Neugier geleitet ist. Ich glaubte, dass Wissenschaft inhärent objektiv und kooperativ sei.

Die Erkenntnis, dass dem nicht so ist, hat mich hart getroffen. Forscher werden nach der Anzahl ihrer Publikationen beurteilt (Publikations-Rate), wie viele Forscher diese zitieren (Zitations-Rate), und wie viel Forschungsgelder (Funding) sie auftreiben können. Kurz gesagt wird die Kompetenz von Forschern und die Qualität ihrer Arbeit an Zahlen festgemacht, den sogenannten Metriken. In diesen Metriken hoch zu punkten ist wichtig, um die Karriereleiter hochzuklettern und in der Forschung bleiben zu können. Das Problem dabei ist, dass sich große Entdeckungen nicht einfach wie eine Pizza bestellen lassen, sondern Forschung das Risiko birgt, in einer Sackgasse zu landen. Keine (gewünschten) Ergebnisse lassen sich schlecht publizieren. Daher pushen sie die Publikations-Rate nicht, was dazu führt, dass Forscher sich weniger an risikoreichere Themen heran wagen. Andere Konsequenzen dieses Systems sind u.a. die vorher erwähnte mangelhafte Lehre, schlecht geschriebene und nicht reproduzierbare Papers und Informationüberladung aufgrund von überholten Papers und manchmal sogar Betrug („fraud“, Ein Beispiel ist der Stapel Fall ).

Ein Meme, das die Relevanz von Metriken in der Beurteilung von Wissenschaft(lern) unterstreicht, aber auch gleichzeitig kritisch hinterfragt. Urheber: mein PhD-Kollege Max Leckert

Ein Meme, das die Relevanz von Metriken in der Beurteilung von Wissenschaft(lern) unterstreicht, aber auch gleichzeitig kritisch hinterfragt. Urheber: mein PhD-Kollege Max Leckert

Wie genau die einzelnen Bewertungskriterien aussehen, hängt natürlich auch vom wissenschaftlichen Feld ab, aber allgemein kann man feststellen, dass in der Realität der Wissenschaft die KUDOS Werte durch die metrikbasierte Bewertung von Forschung und Forschungsergebnissen untergraben werden:

Ad 1) Kommunalismus :
Während es zwar wissenschaftliche Kollaborationen gibt, steht Konkurrenz doch eher an der Tagesordnung. Man steht unter Druck, als Erste(r) über bestimmte Forschungsergebnisse zu publizieren und wird folglich seine Daten nicht hergeben, bevor man sie nicht für das Paper gemolken hat. Kollaborationen werden vor allem dann angestrebt, wenn man etwas von dem Kollaborationspartner (ob einzelner Wissenschaftler oder Forschergruppe) braucht – das können Ressourcen sein (in der Astronomie zum Beispiel Zugang zu Teleskopen) oder aber auch um einen berühmten Namen als Co-Autor zu Papier zu bringen. Womit wir zum nächsten Punkt gelangen.

Ad 2) Universalismus :
Wissenschaft ist objektiv und entdeckt Fakten, ganz egal, wer diese schafft? Falsch gedacht! Es kommt sehr wohl darauf an, „wer“ man ist. Hat man sich durch eine ansehnliche Publikations-Rate, Zitations-Rate und dem Abstauben von prestigeträchtigen Preisen Ansehen verschafft, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die eigene Wissenschaft in einem angesehenen Verlag (Journal) veröffentlicht wird, um ein Vielfaches. Dies wiederum steigert natürlich das eigene Ansehen. Wer hat, dem wird gegeben – dieses Prinzip nennt man den Matthäus-Effekt . Es ist quasi ein Huhn-oder-Ei Problem – wie fängt man an, sich einen Namen zu verschaffen, wenn man, um in angesehenen Journals publizieren zu können, schon einen solchen braucht? Ein berühmter Betreuer oder die Kollaboration mit jemandem, der sich schon einen Namen in der Community gemacht hat, als Co-Autor kann da weiterhelfen.

Ad 3) Uneigennützigkeit :
Um wichtige Drittmittel zu erhalten, um eine Forschungsgruppe zu bilden und Doktoranden anzustellen, muss man Anträge schreiben. Die Akzeptanz-Rate dieser ist extrem niedrig, 10% ist schon viel. Da hilft es natürlich einen Namen zu haben. Vor allem ist es aber wichtig, demonstrieren zu können, was die geplante Forschungsarbeit leisten wird. Das bedeutet nicht nur genau zu wissen, was man vorhat, sondern auch welche Ergebnisse man erwartet. Eine paradoxe Anforderung in der Forschung, wo sie an sich schon riskant und unvorhersehbar ist. Findet man diese erwarteten Ergebnisse nicht, kann oft gar nicht publiziert werden. Zusätzlicher Druck entsteht wenn eine ökonomisch motivierte Erwartung an bestimmte Ergebnisse gestellt ist (in Wissenschaften wie z.B. in der Pharmazie). Nicht selten kommt es vor, dass Ergebnisse „ge-tweakt“ (sprich, frisiert), unerwünschte „Ausreißer“ in den Daten unter den Teppich gekehrt oder – in Einzelfällen – sogar Daten gefälscht werden (fraud).

Ad 4) Originalität :
Das „Publish or Perish“ (sprich, „Publiziere oder stirb“ ) Dogma führt oft dazu, dass Forschungsergebnisse in mehrere Papers aufgeteilt werden, um mehr Publikationen heraus zu bekommen. Dieses Salami Slicing führt natürlich dazu, dass viel Information einfach erneut abgedruckt wird, die nichts Neues zum Wissen beiträgt und so auch den Informationsüberfluss begünstigt. Außerdem wird Kreativität nicht gefördert, riskante Projekte oder Ideen werden eher vermieden, da ja vielleicht nichts (Gewünschtes) publiziert werden kann. Dies führt zu risikoaversivem Verhalten, wobei kaum revolutionäre Gedanken (breakthrough) entstehen können.

Ad 5) Skeptizismus :
Die gefühlte Notwendigkeit, Daten anzupassen, sodass Ergebnisse eher den Wünschen der Geldgeber entsprechen, beeinträchtigt natürlich nicht nur die publizierten Ergebnisse, sondern auch das kritische Denken der Forscher. Dazu kommt, dass wir uns in einer Reproduzierbarkeitskrise befinden. Die Mehrheit der Ergebnisse können nicht reproduziert werden, aufgrund der Informationsüberladung durch die Paper-Flut einerseits, und andererseits weil (wie oben beschrieben) oft die Dokumentierung wichtiger Forschungsprozesse in den Papers ausgelassen wird und daher nicht genügend Informationen zur Reproduktion zur Verfügung stehen. Vor allem die Psychologie steht unter Kritik, nicht nachvollziehbare Studien im Akkord das Licht der Welt erblicken zu lassen, aber auch andere Wissenschaften müssen mehr vor ihrer eigenen Reproduzierbarkeitstüre kehren. Selbst jedoch, wenn Forschungsergebnisse reproduzierbar sind, so sind Bestätigungen von Ergebnissen in der Regel nicht publizierbar, da sie ja keine neue Erkenntnis bringen. Wird ein Ergebnis widerlegt, ist dies zwar theoretisch publizierbar, in der Praxis werden jedoch die überholten Ergebnisse nicht aus dem Verkehr gezogen (was die Informationsüberlastung nur noch verstärkt), und manchmal wird die Widerlegung sogar vom Journal abgelehnt, da dieses mit dem berühmten Professor, der das Ursprungs-Paper geschrieben hat, zusammen arbeitet. Aus diesen Gründen wird kaum Anreiz für Wissenschaftler geschaffen, bekannte Studien zu reproduzieren und diese kritisch zu hinterfragen.

Leider wird über diese Missstände im Alltagsleben der Forscher kaum gesprochen. Lange Zeit dachte ich, meine Probleme mit der Forschung lägen einer persönlichen Schwäche zugrunde. Vielleicht bin ich keine gute Forscherin? Vielleicht bin ich einfach zu dumm? Diese Fragen sind mir tagtäglich durch den Kopf gegangen, während es für mich so ausgesehen hat, als würden alle anderen super mit dem System klar kommen. Gegen Ende meines Masters, den ich in Leiden (Niederlande) gemacht habe, war ich komplett desillusioniert und steckte inmitten einer Identitätskrise – was soll ich mit meinem Leben anfangen, wenn ich nicht Astronomin werde? Es war keine Option, das Spiel länger mitzuspielen, denn das wäre mit dem Verkauf meiner Seele an den „Publish or Perish“-Teufel zu vergleichen gewesen.

Ein Meme, das die Sinnhaftigkeit vom Gleichsetzen von Zitations-Rate mit wissenschaftlicher Exzellenz hinterfragt. Urheber: mein PhD-Kollege Max Leckert

Ein Meme, das die Sinnhaftigkeit vom Gleichsetzen von Zitations-Rate mit wissenschaftlicher Exzellenz hinterfragt. Urheber: mein PhD-Kollege Max Leckert

Glücklicherweise fand ich zu dem Zeitpunkt heraus, dass es Wissenschaftler gibt, die die Missstände in der Wissenschaft offen ansprechen, diese erforschen und diese lösen wollen. „Science in Transition“ ist so eine Initiative von niederländischen Universitätsprofessoren ins Leben gerufen, die nach einer Reform in der Wissenschaft streben. Die Probleme, die in deren Position-Paper aufgegriffen werden, nennen sie „Shades of Grey“, was meinen Titel inspiriert hat (nein, natürlich nicht die Buchreihe).

Nicht nur gibt es solche Initiativen, es gibt ein ganzes Feld in der Soziologie, genannt Wissenschaftsforschung (Science and Technology Studies), das diese Meta-Forschung betreibt. Ein Institut dafür, das CWTS (Centre for Science and Technology Studies) lag sogar am anderen Ende der Straße von meinem Astronomie Institut. Als ich davon gehört habe, bin ich buchstäblich am Tag nach meiner Abschluss-Zeremonie bei diesem Institut auf der Matte gestanden und habe mich um einen Job beworben. Was folgt ist eine lange Geschichte, die ihr ab Oktober 2018 in diesem Blog nachlesen könnt, denn dann werde ich eine Serie an Artikeln mit dem Namen „Science Backstage“ posten.

Nur so viel sei schon einmal gesagt; Ich habe am CWTS 2 Jahre lang gearbeitet und arbeite nun an der Humboldt Universität zu Berlin in Kooperation mit dem DZHW (Deutsches Zentrum für Wissenschafts- und Hochschulforschung). In meiner Forschung beschäftige ich mich nun mit der Frage, was wissenschaftliche Qualität in der Astronomie ist und wie das System diese beeinträchtigt. Letztendlich ist es mein Ziel heraus zu finden, wie Bewertungskriterien das Leben der Forscher einfacher und die Wissenschaft besser machen könnten. Um es mit den Worten eines Freundes ausdrücken: Ich mache meinen Doktor über die Frage, warum ich keinen Doktor in der Astronomie machen wollte.

Zum Abschluss möchte ich einwenden, dass ich diesen Artikel bewusst sehr kritisch geschrieben habe. Er mag ein sehr negatives Licht auf die Wissenschaft werfen. Trotzdem ist die Wissenschaft für den Fortschritt unserer Gesellschaft unglaublich wichtig und es wird wertvolles Wissen produziert. Ich finde es jedoch notwendig und an der Zeit, auch über Missstände zu sprechen und zu lernen, wie wir Wissenschaftler fördern können, sodass sie qualitative (und nicht nur unbedingt quantitative) Forschung betreiben, bereits Erforschtes hinterfragen und sich auch in risikoreichere Bereiche wagen können.

PS: Wer gerne mehr über 50 Shades of Fucked Up Research lesen will, dem kann ich noch dieses anekdotische Paper und den „Everything is fucked“ Blog empfehlen.

* Ich finde, dass Gendern das Lesen erschwert, daher schreibe ich in der allgemeinen Form, weise aber darauf hin, dass ich stets alle Geschlechter gleichwertig anspreche.

Kommentare (50)

  1. #1 Heidemarie
    Bad Sauerbrunn
    15. Oktober 2018

    Sehr gelungen.

  2. #2 hto
    15. Oktober 2018

    Die URSACHE: der nun “freiheitliche” WETTBEWERB, das “Individualbewusstsein” und das “gesunde” Konkurrenzdenken, der “Erfolg” und Belohnungen wie z.B. der Nobelpreis, aber vor allem das IMMERNOCH “Zusammenleben” in Hierarchie des imperialistischen Faschismus – NICHTS gehört dem “Einzelnen” allein, sogar / besonders die Gedanken nicht, weil wir immer abhängig von Geist und Gemeinschaft geprägt / inspiriert wachsen 🙂

  3. #3 schlappohr
    15. Oktober 2018

    Ja, da ist was dran. Was die verschnarchten Vorlesungen angeht, hast du recht. Aber das ist eine Schule, durch die du durch musst. Eine Vorlesung vorzubereiten, ist eine Menge Arbeit, und durch das ganze Multimediazeugs wird es noch aufwändiger. Du kannst nicht erwarten, dass die Dozenten eine rundgeschliffene Multimediashow für dich abziehen. Von einem Studenten sollte man schon erwarten können, dass er unbekannte Fachbegriffe mal selber nachschlägt, auch wenn sie nicht verlinkt sind. Das ist Teil des Studiums. Zudem, wenn du dir mal eine Vorlesung gewisser nicht-MINT-Fachrichtungen angetan hast, wirst Du nüchterne und sachliche Folien zu schätzen lernen…

    Papers sind ein Abriss einer wissenschaftlichen Arbeit, die meist unter Zeitdruck und einer harten Seitenbeschränkung entstanden ist. Da wird dann nur eine Übersicht reingepackt und die wichtigsten Ergebnisse präsentiert, sodass der Leser beurteilen kann, ob diese Arbeit interessant für ihn ist. Um mehr darüber zu erfahren, muss man Kontakt mit den Autoren aufnehmen oder deren Bücher oder Technical Reports lesen. Paper sind keine Lehrbücher, das habe ich auch erst später gelernt.

    Bei der Forschungsfinanzierung gebe ich dir völlig recht. Der Arbeitsaufwand für einen DFG- oder EU-Antrag steht in einem grottenschlechten Verhältnis zum Nutzen. Geschuldet ist das Ganze dem Elitedenken der Fördergeber. Man möchte “international wettbewerbsfähig” sein und fördert daher nur die vermeintlich Besten. Was dabei herauskommt, ist eine desaströse Situation, bei der 5% der Forscher an den so genannten Eliteuniversitäten 95% der Ressourcen verschlingen.

    Ich würde mal sagen, dass die Sache nicht ganz so düster ist, wie du sie schilderst. Forschung wird von Menschen gemacht, und die bringen natürlich ihre eigenen Wertvorstellungen mit ein, die vom Forschungsideal manchmal heftig abweichen. Aber die wirklich großen Leistungen der Wissenschaft sind alle entstanden, _weil_ die Forscher das KUDOS-Ideal zumindest angestrebt haben. Es gibt viele Missstände, aber ich meine, im großen und ganzen sind wir auf dem richtigen Weg.

  4. #4 Jürgen A.
    Berlin
    15. Oktober 2018

    Mit verschnarchten Vorlesungen habe ich andere Erfahrungen gemacht. In den Vorlesungen war das immer sehr klar und deutlich dargestellt. Aber wenn man in den Übungsaufgaben nachrechnen wollte, waren die Sachverhalte nicht mehr so klar und eindeutig, und man mußte heftig über das Problem nachdenken. Aber das ist der Sinn von Übungsaufgaben.

    Danke, für den ernüchternden Beitrag zum Wissenschaftsbetrieb. So lange, wie man damit nicht beschäftigt ist, hat man da sehr idealistische Vorstellungen. Auch wenn man schon im Lehrbetreib bemerkt, daß es vielen Assistenten vorrangig um die Zahl der Veröffentlichungen geht, und nicht um den Inhalt. Für mich wäre wichtig, wie man solche Verzerrungen des Wissenschaftsbetriebes verhindern kann. Diese Verzerrungen gab es schon während meiner Studienzeit vor 40 Jahren. Und diese Verzerrungen haben sich verstärkt und nicht verringert !

  5. #5 Heljerer
    15. Oktober 2018

    Auch wenn der Beitrag bewusst provozierend geschrieben ist, finde ich ihn dennoch sehr gelungen. Zur Schulzeit hatte ich auch noch das hehre Bild der Wissenschaft vor Augen. Als ich studiert habe (Ingenieurwesen), musste ich die gleichen Erfahrungen wie du machen. Schnarchnasen als Professoren, mit einer guten und einer sehr guten Ausnahme. Das Schnarchnasige hat im Übrigen nichts mit mangelnder Zeit zu tun. Bei meinen Professoren war es ganz einfach mangelnde Persönlichkeit und mangelndes Interesse. Der sehr gute Physikprofessor hat übrigens alles an die Tafel geschrieben – nix Multimedia.

    Ich finde es auch gut, dass die Wissenschaften mittlerweile Teil der soziologischen Forschung sind. Ich merke immer wieder, dass gerade bei Halbgebildeten dieser Forschungsansatz auf Ablehnung stößt. Nach dem Motto: Die Naturwissenschaften stehen für sich selbst. Alles, was außerhalb der Naturwissenschaften steht, ist nur schwammiges Geplänkel und schon gar nicht geeignet die “echten” Wissenschaft unter die Lupe zu nehmen.

    Wenn man sich die Wissenschaftsgeschichte anschaut, stellt man fest, dass das KODOS-Ideal in der Realität noch nie wirklich gegolten hat. Verglichen mit der nomalen Berufspraxis des Ingenieurs ist die Wissenschaft natürlich trotzdem viel näher am KUDOS-Ideal.

  6. #6 Anderas
    15. Oktober 2018

    Verschnarchte Vorlesungen kenne ich auch… allerdings auch sehr gute Vorlesungen. Anscheinend ist es manches Mal ein Vorteil, an der Fachhochschule studiert zu haben. Doktor wird man so natürlich nicht… aber einige meiner Professoren waren richtig gut.

    Dieser Link geht leider nicht:
    http://scienceintransition.nl/wp-content/uploads/2013/10/Science-in-Transition-Position-Paper-final.pdf

    Schade, denn ich war interessiert und wollte hinein schauen.

    Ich finde es interessant dass es Forschung über das System “Forschung” gibt, und ich hoffe ihr findet eine Möglichkeit um den KPI so anzupassen, dass etwas sinnvolleres heraus kommt.

    Ich habe im Datascience Bereich einige sehr gute Paper gelesen, aber auch viel Müll. Leider ist in den letzten zwei Jahren das Interesse an Maschinenlernen so dermaßen explodiert, dass jetzt eine Menge von Papern heraus kommt, die kein Mensch mehr lesen kann; und deren Inhalt auch nicht immer lesewürdig ist: Zurzeit sind es drei bis vier neue Paper am Tag; und man muss sehr viele der anderne Paper kennen um die Inhalte zu verstehen.

    Für jemanden wie mich, der in den Papern nur etwas sucht das er auf seiner täglichen Arbeit praktisch anwenden kann, ist das durchaus anstrengend. Meine Chefin fragte mich einmal ob ich “spiele”, als ich ein neues Lernkonzept aus einem der Paper getestet habe.
    Siehe da, die “falschen” KPIs sind nicht nur im Wissenschaftsbereich schädlich; selbst in der “realen” Welt haben Paper inzwischen einen Ruf, viel Zeit zu kosten und wenig Ertrag zu bringen. Und ich rede nicht vom produzieren, ich rede nur vom lesen und anwenden der Paper.

    TL;DR Version: Ich hoffe du hast viel Erfolg bei deiner Forschung über die Forschung, wir brauchen es!

  7. #7 Dampier
    15. Oktober 2018

    Danke für den aufschlussreichen Artikel. Mich hätte noch eine kurze Zusammenfassung interessiert, in welche Richtung diese Metaforschung geht, also welche Lösungsansätze das CWTS verfolgt. Kannst du ein paar konkrete Ideen vorstellen, was man besser machen könnte/müsste?

    @Anderas
    Das Paper findet sich hier:
    http://www.scienceintransition.nl/app/uploads/2013/10/Science-in-Transition-Position-Paper-final.pdf
    gefunden auf
    http://scienceintransition.nl/en/about-science-in-transition

  8. #8 Peter Paul
    15. Oktober 2018

    Ich finde den Beitrag nicht so toll. In meinen Augen führt er gar nicht das aus, was er behauptet, angeblich zu tun : Die Schwächen oder Fehler der Wissenschaft darzustellen, sondern er misst Wissenschaft an, in meinen Augen, falschen Darstellungen, Meinungen, Beschönigungen von ihr, wie sie z.B. durch die fünf Punkte von KUDOS gegeben sind. Wer nur das für Wissenschaft hält, was diesen Normen entspricht, wird natürlich enttäuscht.

    KUDOS erklärt durch 5 Prinzipien, nach denen sich die Wissenschaft, aus einer rein normativen Perspektive, richten sollte:

    (nebenbei : was will der Satz eigentlich wirklich sagen?)
    Wer könnte denn solche “Normen” verbindlich aufstellen, und mit welcher Legitimation sollten sie denn dann gelten? Und wie lange?

    Wenn man diese 5 “Normen” noch ergänzen würde durch drei deskriptive Aussagen, dann käme man der Realität schon deutlich näher :
    6. Wissenschaft wird von Menschen gemacht.
    7. Menschen haben noch weitere Interessen, als nur Erkenntnisse zu gewinnen.
    8. “Erst kommt das Fressen und dann die Moral.” Aber die “Moral” kommt dann schon noch!

    Die meisten Beispiele, die in dem Artikel gebracht werden, von den langweiligen Vorlesungen, über die Aufteilung von Ergebnissen auf mehrere Arbeiten,…, und, und, und, sind doch ganz einfach durch diese drei Punkte zu erklären.

    Übrigens ist das doch längst bekannt: Thomas S. Kuhn hat viele Aspekte wissenschaftlicher Prozesse so zu beschrieben versucht, wie sie tatsächlich ablaufen. In mehreren Büchern und in vielen Beispielen hat er das dargestellt und konkretisiert, wahrscheinlich am prominentesten in : “Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen”, im Original 1962 erschienen (Stichwort : Paradigmenwechsel…), das war also vor mehr als 50 Jahren und das wurde auch sehr breit wahrgenommen.

    Ich glaube, man kann der “Science” nicht vorwerfen, dass in Schulen oder auch Universitäten gedankenlos ein falsches, weil normatives Bild der Wissenschaft vertreten wird. Für Fachwissenschaftler oder auch Fachlehrer ist die Geschichte oder auch die Soziologie ihres eignen Faches oft, vielleicht sogar normalerweise, kein Thema, das wissenschaftlich angegangen werden muss. Aber auch das kann man nicht ihrer “fucked up Science” vorwerfen. Es sind Menschen, die sich auf einen Aspekt der Wirklichkeit konzentrieren (müssen?) und viele andere Aspekte nicht berücksichtigen.
    Und wer sonst als Menschen sollten die “Science” machen, vielleicht Zebras?
    Nein, ich finde, der romantische, normative Blick auf die Wissenschaft ist der falsche. Es ist viel sinnvoller, ohne moralische Enttäuschung, sondern mit möglichst viel Realismus auf die “Science” zu blicken, ein viel bunteres Bild von ihr zu bekommen und sich natürlich kritisch mit den wirklichen Vorgängen und mit den Ergebnissen der “Science” auseinander zu setzen.
    Für mich verliert Wissenschaft dadurch nicht ihren romantischen Zauber, den behält sie, sondern sie gewinnt noch die bunte Komponente der wirklichen Prozesse zwischen lebendigen Menschen hinzu.Vielleicht kann man fast sagen :Erst dadurch wird sie “lebendig”.

  9. #9 MartinB
    15. Oktober 2018

    Sehr provokant – und als jemand, der seit über 25 Jahren in der Forschung unterwegs ist, kann ich das nur bedingt teilen. Ja, es gibt konkurenzdruck, aber es gibt auch Leute, die ihre Forschungserbenisse bereitwillig teilen (hatte gerade letzte Woche so einen Fall, wo ich höflich einen Paper-Autoren um einen Tipp gebeten habe, wie ich seine Ergebnisse für mein Problem anwenden könnte, und gleich einen kompletten Datensatz geschenkt bekam; ich selbst habe auch schon mehrfach Modelle und Daten verschenkt); die Salami-Taktik wird ja in letzter Zeit weniger häufig verwendet, seit man auch auf i10 oder h-Index schaut (und die allein sind ja auch nicht ausschlaggebend); ja, klar braucht man Forschungskollaborationen und das Antrag-Schreiben ist ein schwieriges Geschäft (mir wäre es auch lieber, man würde mir auf Basis meiner bisherigen Forschungstätigkeit einfach Drittmittel überweisen…), aber auf der anderen Seite hantieren wir mit einer Menge öffentlicher Gelder, da müssen Kontrollmechanismen schon sein.
    Insofern hätte ich mir schon eine Abwägung der einzelnen Kritikpunkte gewünscht.

  10. #10 Wizzy
    15. Oktober 2018

    Ja, ich sehe das jetzt auch nicht so negativ wie Julia und eher so wie Peter – Das Wissenschaftssystem ist nicht perfekt, aber auch nicht komplett daneben. Ich finde es nicht so toll, dass in Deutschland deutlich über 90 Prozent aller Wissenschaftlerstellen befristet sind und doch recht viele Wissenschaftler mit Mitte 40 in berufliche Krisen geraten – da weder Wirtschaft noch öffentliche Stellen sonderlich erpicht auf späte und erzwungene Wechsler aus der Wissenschaft sind.

  11. #11 Erwin Rybin
    Wien
    15. Oktober 2018

    Fachlich fundierte und nachvollziehbare Kritik am modernen Wissenschaftsbetrieb

  12. #12 Florian Freistetter
    15. Oktober 2018

    Ich bin zwar kein Meta-Wissenschaftler – kann den Inhalt des Artikels allerdings aus eigener Erfahrung genau so bestätigen…

  13. #13 Captain E.
    16. Oktober 2018

    Mal so eine Überlegung meinerseits: Rein betrieblich gesprochen bilden Hochschulen immer “über Bedarf” aus. Man will ja gar nicht, dass alle Absolventen eine Hochschulkarriere an ihrer Alma Mater oder einen anderen Hochschule verfolgen. Das ist natürlich bitter für jene hoffnungsfrohen Jungwissenschaftler, die es trotz aller Entbehrungen und Anstrengungen am Ende nicht schaffen und sich etwas außeruniversitäres suchen müssen.

    Und vor allem ist es blöd, dass das aktuelle System vor allem Psychopathen auf die Lehrstühle befördert. Das ist allerdings andernorts nicht wesentlich anders – es gibt viele psychopathische Chefs. Psychopathen wissen sich gut darzustellen, kümmern sich aber nicht um Befindlichkeiten ihrer Mitmenschen. Wer ihnen also nicht nützlich sein kann, hat nichts gutes zu erwarten von ihnen. Psychopath zu sein, tut der eigenen Karriere zumeist gut, auch an der Universität.

  14. #14 Krakonos
    16. Oktober 2018

    Also ich bin ja selbst einer, der gerade schwer darum kämpft, nicht aus dem Wissenschaftsbetrieb rausgekegelt zu werden. Trotzdem empfinde ich die Darstellung bei aller berechtigten Kritik auch als zu hart. Insbesondere fehlen mir die Lösungsvorschläge. Kritik üben ist sicher richtig, aber eben auch leicht.
    Ja das System hat viele Schwächen. Und es sind auch viele Arschlöcher unterwegs, die mit harten Bandagen kämpfen bis hin zu Wissenschaftsbetrug. Aber man muss halt auch sehen, dass wir auch nur Menschen sind. Ähnliche Probleme gibt es ja auch in anderen Teilen der Gesellschaft.
    Das Hauptproblem an dem Artikel scheint mir zu sein, dass hier ein naiver, fast schon kindlicher Anspruch gestellt wird, bei dem ich mir noch nicht mal sicher bin, ob er tatsächlich perfektionistisch ist, oder ob er nicht auch Sachen enthält, die so gar nicht wünschenswert sind. Ein Aspekt, der verantwortungsvolle Einsatz von enormen Mengen an Steuergeldern wurde ja schon genannt. Das heißt, es ist sicher richtig, vorher genau nachzudenken, ob ein Projekt auch Aussicht auf Erfolg hat. Dass man vorher schon mal erfolgreich ein Projekt durchgeführt hat, sprich man hat schon ein paar gute Paper publiziert, ist dafür doch gar kein schlechter Indikator. Natürlich muss man dann auch mal den Nachwuchs mal zum Zug kommen lassen. Ein bisschen ist das wie mit der Fußballnationalmannschaft. 😉 Und ja, in Deutschland ist die Risikobereitschaft sicher eher geringer als in anderen Ländern. Aber auch das betrifft sicher nicht nur die Wissenschaft.
    Die meisten teilen übrigens gern ihre Daten. Schließlich wollen sie ja auch zitiert werden und den einen oder anderen Kooperationspartner kann man ja auch mal gebrauchen. Außerdem sind die meisten ja doch hilfsbereite Leute.
    Wie ist das jetzt eigentlich in der Wissenschaftsforschung? Existerien diese Probleme dort wundersamer Weise nicht? Haben da plötzlich alle Profs Zeit, ausgefeilte Multimediashows für ihre Vorlesung vorzubereiten? Ich bestreite allerdings auch nicht, dass die universitäre Lehre in Deutschland grundsätzlich verbesserungswürdig ist. Ich habe nur in deinem Post nicht wirklich einen Lösungsansatz gefunden.

  15. #15 Julia Heuritsch
    Berlin
    16. Oktober 2018

    Danke für alle eure Kommentare! Ist echt schön so eine rege Dikussion mitzuverfolgen!

    Um auf ein paar Kritikpunkte einzugehen: Natürlich ist meine Kritik (für manche zu) hart. Das war ja auch der Sinn des Artikels. Der Sinn des Artikels war nicht Lösungsansätze zu schreiben (die bin ich ja gerade dabei zu erforschen), sondern Bewusstsein zu schaffen dafür, was falsch läuft in der Forschung. Dass das eine sehr einseitige Darstellung wird, habe ich dafür in Kauf genommen.

    Es stimmt, dass Wissenschaftler auch nur Menschen sind, und viele der obigen Kommentare zeigen auch andere Seiten der Wissenschaft. Genau aus dem Grund, dass das Thema mit meinem Artikel noch lange nicht ausgeschöpft ist, habe ich mich auch dafür entschienden, eine ganze Serie über “Science Backstage” auf meinem eigenen Blog (icanbeme-blog.jimdo.com) zu schreiben, wo ich versuchen werde, Prozesse in der Wissenschaft aus verschiendenen Blickwinkeln darzustellen.

  16. #16 leo
    Wow , da werden Erinnerungen wach !
    16. Oktober 2018

    20 Jahre alte Folien

    Dieser Lehrstil scheint in mehr als einem
    Fachgebiet heimisch zu sein.

  17. #17 Reinhardt
    17. Oktober 2018

    Eine Frage, die nur bedingt etwas mit dem obigen Thema zu tun hat, die ich mir als Nicht-Wissenschaftler aber immer wieder mal stelle ist, wie genau die Wissenschaftsgemeinde (WG) auf die Verbreitung von erwiesenem Unfug reagiert. “Soziale Ächtung” ist sicher ein Aspekt. (Damit meine ich, dass man nach dem Bekanntwerden von geschönten, aber erwarteten Ergebnissen im Normalfall noch größere Probleme hat überhaupt noch an Forschungsgelder zu kommen). Mit echtem Wissen zu versuchen entgegenzuwirken ist sicher ein anderer Aspekt. Die Frage ist daher, ob es nicht auch noch andere Mittel gibt (z.B. den Entzug von Titeln)?

    Ein blödes, aber deswegen vielleicht einfacher nachzuvollziehendes Beispiel wäre, wenn “Wissenschaftler” A mit Titel B die “Erkenntnis” verbreitet, dass die Erde flach ist. Klar braucht A sich in der WG (hoffentlich) nicht mehr blicken zu lassen. Das muss ihn aber nicht unbedingt interessieren, denn er kann mit seinem Titel weiterhin Bücher schreiben, die Otto-Normalo ihm massenweise abkauft. (Er hat ja einen Titel, dann muss das was er schreibt ja auch stimmen, oder nicht?). Der Punkt ist, dass er mit seinem Titel der Gesellschaft Schaden zufügt, woran die WG teilweise (durch Nicht-Entzug des Titels) mit verwantwortlich wäre.

    Klar lassen sich auch Beispiele finden, wo ein derartiges “Un-Wissen” für die WG auch nicht mehr so leicht zu entlarven ist. Deswegen geht es mir auch nur um die Fälle in denen jemand mit Titel (aus welchem Grund auch immer) durch die Verbreitung von erwiesenem Un-Wissen gegen das Grundprinzip der WG (echtes Wissen zu schaffen) verstößt und so der Gesellschaft als Ganzes Schaden zufügt.

  18. #18 PDP10
    17. Oktober 2018

    @Reinhardt:

    Da muss man (mindestens) zwei Fälle unterscheiden:

    Zum einen Leute die, wie du schreibst, ihre Ergebnisse einfach “geschönt” oder ganz banal abgeschrieben haben.

    Die sind in der Regel in Akademia tod und kriegen oft genug auch ihre Titel weggenommen, wie ein zu seiner Zeit allzu bekannter CSU-Politiker, der seine Doktorarbeit größtenteils abgeschrieben und unter Oberschülern das Verb “Guttenbergen” geprägt hat. In den Naturwissenschaften schreibt man allerdings nicht ab. Das wǘrde wenig Sinn machen. Da fälscht man. Und auch da gibt es genug Beispiele von Leuten, denen ihre ehemalige Alma Mater den Dr. entzogen hat und die von ihrem aktuellen Arbeitgeber daraufhin zum Teufel gejagt wurden.

    Das andere sind Wissenschaftler/innen, deren eigentliche wissenschaftliche Arbeit und Integrität über jeden Zweifel erhaben ist und die irgendwann (meist als Pensionäre/innen) anfangen Unsinn zu verbreiten.
    Bei denen dreht sich die wissenschaftliche Gemeinde dann oft eher peinlich berührt weg. Wie bei dem Großonkel, der immer uneingeladen auf Familienfeiern auftaucht und schon ein bisschen komisch riecht und immer die gleichen, peinlichen Anekdötchen zum besten gibt … Titel (manchmal sogar Nobelpreise) kann man denen ja nicht mehr entziehen, wenn ihre Arbeit in Ordnung war.

    Es gibt dann aber auch immer genug Leute, die das Thematisieren und Gegenrede führen.

    Hier ist eine hübsche Liste von ehemals genialen und dann abgedrehten Wissenschaftlern:

    https://quantenquark.com/blog/tag/hans-peter-duerr/

  19. #19 Reinhardt
    18. Oktober 2018

    @PDP10 – Danke für deine Antwort.

    Das Thema Guttenberg war mir bekannt. Also auch, dass ein Titel entzogen werden kann, wenn er durch eine “Leistung” erworben wurde, die auf groben Verfehlungen beruht.

    Deswegen geht es mir eher um den zweiten Fall den du angerissen hast. Also Personen, die zu Recht einen Titel erworben haben, später aber anfangen Unsinn zu verbreiten, der mit der (z.B.) Doktorarbeit nichts mehr zu tun hat. Es geht mir dabei aber nicht um jene Fälle, die sich durchaus aufgrund hohen Alters oder (vorübergehender) psychischer Erkrankung ergeben können. Im Sinn hatte ich eher solch klare und schwere Fälle, in denen jemand auf die Grundprinzipien der Wissenschaft pfeifft weil es (z.B.) im Interesse seines Arbeitgebers ist.

    Ein besseres Beispiel wäre vermutlich eine “Studie” die beweisen soll, dass der Klimawandel frei erfunden ist. Klar wäre eine solche Arbeit in der Wissenschaftlichen Gemeinschaft ein Witz. Das wäre aber nicht das Problem, weil der eigentliche Schaden in der Gesellschaft, die sich schwer tut die Art derartiger “Studien” richtig einzuordnen, durch Sähen von Zweifel entsteht.

    Könnte die Gemeinschaft in solchen Fällen quasi mit dem Entzug eines Titels, ähnlich zu einer Degradierung beim Militär, reagien? Anhand dessen, was du zuletzt erwähnt hast (Nobelpreis und dein Link) scheint man so etwas aber nur hinnehmen zu können.

  20. #20 Captain E.
    18. Oktober 2018

    @Reinhardt:

    […]

    Könnte die Gemeinschaft in solchen Fällen quasi mit dem Entzug eines Titels, ähnlich zu einer Degradierung beim Militär, reagien? Anhand dessen, was du zuletzt erwähnt hast (Nobelpreis und dein Link) scheint man so etwas aber nur hinnehmen zu können.

    Ich denke, dein Vergleich mit der Degradierung führt schon in die richtige Richtung, denn bei der Bundeswehr kann lediglich eines der beiden Truppendienstgerichte (Nord in Münster und Süd in München) eine derartige Maßnahme verhängen. Das sind spezielle Strafkammern mit einem zivilen Berufsrichter und zwei Schöffen aus den Reihen der Bundeswehr. Revisionen gehen dann bereits zu den Wehrdienstsenaten des Bundesverwaltungsgerichts.

    Parallel gesprochen könnte die wissenschaftliche Gemeinde also nur den Rechtsweg einschlagen und dann vermutlich über den Weg Verwaltungsgericht, Oberverwaltungsgericht und Bundesverwaltungsgericht. Unumgänglich wäre dann natürlich der Nachweis, dass der Beschuldigte sich eines Verhaltens schuldig gemacht hat, das die Aberkennung von akademischen Graden und Titeln auch rechtfertigen kann.

  21. #21 Reinhardt
    18. Oktober 2018

    @Captain E.

    Im Bereich globaler Firmen und Organisationen scheint mir das Ausweichen auf das Rechtssystem eines Landes zu kurz zu greifen weil sich bei über 100 Ländern auf diesem Planeten dann die Frage stellt, welches Rechtssystem zuständig ist. Hier ist das Problem, dass was aus wissenschaftlicher Sicht eindeutig Unsinn ist, häufig nicht rechtlich relevant ist (Thema Redefreiheit). Ein Weg wäre daher, wenn die wissenschaftliche Gemeinschaft eigene Institutionen hätte (z.B. Universitäten, landesweite Stellen, oder gar eine globale Einrichtung) um in solchen Härtefällen entsprechend zu reagieren.

    Es muss auch nicht sofort ein Titel aberkannt werden, denn eine öffentliche “offizielle” Verwarnung (z.B. “Liefere stichhaltige Beweise, oder hör auf so einen Unfug zu verbreiten.”) oft schon ausreichen dürfte. (Hier schließe ich boshafte Anschuldigungen ausdrücklich mit ein).

    Zum Thema Nobelpreis: Selbst wenn ich noch so viele Menschen vor dem Ertrinken retten würde, dann gäbe mir das nicht das Recht auch nur einen in ein Haifischbecken zu stoßen. Irgendwo sollte sich dort also durchaus eine Grenze ziehen lassen können, denn das wäre sonst so als könne man sich eine Art “Guthabenkonto” aufbauen.

    Und kurz zu dem Grund, warum ich das Thema hier angerissen habe: Als Außenstehender kommt es mir ein bisschen so vor, als würde es in erster Linie (auch nach außen hin sichtbar) Zuckerbrot geben (d.h. Anerkennung durch Veröffentlichungen), die Peitsche (d.h. Ausgrenzung) aber nur eine inner-gemeinschaftliche Wirkung entfalten können. Ich tue mich also nicht ganz so leicht eine gesamt-gemeinschaftliche und nach außen hin sichtbare Übernahme der Verantwortung zu erkennen. Davon ausgeschlossen sind natürlich die Bemühungen einzelner (wie die von Florian) öffentlich entgegen zu wirken.

  22. #22 Captain E.
    18. Oktober 2018

    @Reinhardt:

    Du denkst also an ein (internationales) Standesrecht für Naturwissenschaftler? Für Ärzte und Juristen gibt es das (zumindest national) schon…

  23. #23 Reinhardt
    18. Oktober 2018

    @Captain E.

    Standesrecht (z.B. die Ärztekammer) ist mir in dem Zusammenhang nicht eingefallen. Von dem was ich beim Überfliegen der Wikipedia-Seite zu Standesrecht sehe, würde ich vom Grundprinzip her aber fast zustimmen. Allerdings scheint das auch wieder weit über das Ziel hinaus zu schießen. Es geht letztlich nur darum die Verbreitung groben wissenschaftlichen Unfugs in der Öffentlichkeit einzudämmen und damit den Ruf der Wissenschaft an sich zu erhalten.

  24. #24 Captain E.
    18. Oktober 2018

    @Reinhardt:

    Nun ja, eigentlich sollte es das schon sein. Jeder Wissenschaftler könnte dann unsauber arbeitende Kollegen an die zuständige Kammer melden, wo sie sich dann bei begründetem Anfangsverdacht einer Kommission von Kollegen stellen müssten. Was wäre dabei für dich bereits über das Ziel hinaus geschossen?

  25. #25 Reinhardt
    18. Oktober 2018

    @Captain E.

    Solche Kammern sind in der Regel mehr als nur bloße Gerichtsbarkeiten. Da geht es dann schnell über zu Moralvorstellungen (z.B. aktive Sterbehilfe), was eine Angriffsfläche für bestimmte Interessensgruppen wäre. Und das geht über das Ziel hinaus, denn wissenschaftlicher Unsinn ist und bleibt überall Unsinn.

    Das soll aber nicht heißen, dass es keine weitere Kontrolle gäbe. Die schon existierenden Regeln und Gesetze im jeweiligen Land würden ja auch weiterhin erhalten bleiben.

  26. #26 PDP10
    18. Oktober 2018

    @Reinhardt:

    Könnte die Gemeinschaft in solchen Fällen quasi mit dem Entzug eines Titels, ähnlich zu einer Degradierung beim Militär, reagien?

    Bei offensichtlichem Betrug ja. Siehe oben. Bei bloß steilen Behauptungen nein.

    Das würde dem Grundverständnis von Wissenschaft als solcher komplett diametral entgegenstehen.

    Ein besseres Beispiel wäre vermutlich eine “Studie” die beweisen soll, dass der Klimawandel frei erfunden ist. Klar wäre eine solche Arbeit in der Wissenschaftlichen Gemeinschaft ein Witz.

    Nein, wäre sie nicht unbedingt. Was wenn die Daten gut wären?

    Nochmal: So funktioniert Wissenschaft nicht.

    In der Wissenschaft kann jeder jede beliebige steile Behauptung aufstellen. Das nennt man “Hypothese”.

    So eine Hypothese sollte allerdings so formuliert sein, dass man sie überprüfen kann. Dh. Vorhersagen machen, die man experimentell bestätigen oder widerlegen kann. Das nennt man “Empirie und Deduktion”.

    Das ist der Kern aller Wissenschaft.

    Man kann Leute nicht dafür “bestrafen”, dass sie eine blödsinnige Hypothese aufstellen. Weil man nie vorher weiß, ob diese Hypothese wirklich Blödsinn ist. Wenn sich dann doch herausstellt, dass eine Hypothese Unsinn ist, dann hat sie halt nicht funktioniert. Die Wissenschaft reguliert sich da recht zuverlässig selbst.

    Für das was passiert, wenn man aus sonstigen, der Wissenschaft fernen Gründen Hypothesen ausschließt, gibt es genug Beispiele. Eins davon ist der Lyssenkoismus.

    Die Wissenschaft selbst kann gut mit ein paar Spinnern leben. Letztlich gilt der Satz von Feynman:
    “If it disagrees with experiment it is wrong.”

    Was die Aussenwirkung auf die Gesellschaft angeht, kann die Wissenschaft nur eins tun: Aufklären.

  27. #27 PDP10
    18. Oktober 2018

    @Reinhardt:

    Ergänzung:

    Ein anderes Beispiel für die Einmischung in den Erkenntnisprozess der Wissenschaft durch Repressionen ist die Deutsche Physik.

    Nochmal:

    Wenn es nicht um Betrug geht, haben Repressionen im wissenschaftlichen Erkenntnisprozess nichts zu suchen.

  28. #28 Reinhardt
    19. Oktober 2018

    @PDP10

    Um die von dir genannten Grenzfälle ging es mir doch gar nicht. Das habe ich eben versucht mit “erwiesenem Unfug” oder “Liefere stichhaltige Beweise” klarzustellen.

    Thema Lyssenkoismus: Solche Fälle habe ich doch ausgegrenzt, denn das war damals schon aus wissenschaftlicher Sicht unsinnig. Aus dem Grund hatte ich auch zuletzt mit dem “Standesrecht” etwas Probleme.

    Und selbst wenn jemand (als Grenzfall) eine steile Hypothese entwickelt um (bekannte oder unbekannte) Lücken in einer etablierten Theorie zu erklären, dann hat das mit “erwiesenem Unfug” noch lange nichts zu tun.

    Und zum Thema “Aufklärung reicht aus” denke ich, dass das etwas zu kurz greift. Ich sehe das ähnlich wie die Überprüfung der Ergebnisse anderer: Für das Entwickeln neuer “Ergebnisse” gibt es leider deutlich mehr Anreize.

  29. #29 Captain E.
    19. Oktober 2018

    @PDP10:

    Ich könnte mir das gut vorstellen. Man nehme einen Wissenschaftler, womöglich einen seriösen mit unbestreitbarer Lebensleistung, der sich neuerdings hervortut mit merkwürdigen Äußerungen. Klimawandel zum Beispiel! Da ist vielleicht ein Prof. Dr. rer.nat. aus dem Bereich der Biologie, der Artikel in wenig seriösen Journalen sowie populärwissenschaftliche Bücher darüber veröffentlicht, dass der Klimawandel nichts mit menschlichen Einflüssen zu tun hat. Außerdem tingelt er natürlich noch durch alle einschlägigen Talkshow und gibt Interviews in Funk, Fernsehen, Zeitung und Internet. Durch seinen bekannten Namen generiert er viel Aufmerksamkeit.

    Dann könnte es nun dazu kommen, dass er vor ein Kommittee gerufen wird, das nun klären soll, wieso er zu einer derartig abweichenden Meinung gelangen konnte. Und da müsste er nun Farbe bekennen und irgendetwas vorlegen, das wissenschaftlich nachvollziehbar wäre. Nicht unbedingt korrekt, aber eben nachvollziehbar. Sollte er das nicht können, müsste das Kommitee folgerichtig eine Rüge oder so aussprechen oder was auch immer das wissenschaftliche Standesrecht so im Arsenal hätte. Und das müsste natürlich auch öffentlich gemacht werden. Eigentlich wäre das nicht viel anderes als das Peer Review für Fachartikel in seriösen Journalen.

  30. #30 PDP10
    19. Oktober 2018

    @Reinhardt, @Captain E.:

    Und selbst wenn jemand (als Grenzfall) eine steile Hypothese entwickelt um (bekannte oder unbekannte) Lücken in einer etablierten Theorie zu erklären, dann hat das mit “erwiesenem Unfug” noch lange nichts zu tun.

    Ich habe nicht nur von Grenzfällen geredet sondern auch von offensichtlichem Unsinn. Auch dafür sind sich ehemals renommierte Wissenschaftler nicht zu schade.

    Man nehme einen Wissenschaftler, womöglich einen seriösen mit unbestreitbarer Lebensleistung, der sich neuerdings hervortut mit merkwürdigen Äußerungen. Klimawandel zum Beispiel! [..] Dann könnte es nun dazu kommen, dass er vor ein Kommittee gerufen wird, das nun klären soll, wieso er zu einer derartig abweichenden Meinung gelangen konnte.

    So einen wie Ivar Giaever zB.? Physiker, Nobelpreisträger von 1973, Klimawandelleugner …

    Ihr beiden hättet ruhig mal den Artikel aus dem Blog von Holm Gero Hümmler lesen können, den ich oben verlinkt habe.

    Was zur-Hölle-nochmal für ein Komitee soll das denn sein?

    So eins vor dem sich wahrscheinlich die Biologen verantworten mussten, die in der SU den Lyssenkoismus aus fachlichen Gründen abgelehnt haben?
    Die “Komitees” im Wissenschaftsministerium vor 80 Jahren in Deutschland, die jede Menge Wissenschaftler von den Unis verbannt haben, weil ihre Arbeit nicht der “Deutschen Physik” entsprach? Oder weil sie bloß Juden waren?

    Seid ihr beiden euch im klaren darüber, was ihr da eigentlich haben wollt?

    Wissenschaftler haben keine “Stände” und Wissenschaftler sein ist auch kein “Amt” … das wäre ja noch schöner … mannmannmann …

    Meiner Erfahrung nach sollte man immer zu Ende denken, was man sich wünscht.

    Spoiler: Was ihr euch wünscht wäre das Ende der Freiheit der Wissenschaft.

  31. #31 Reinhardt
    20. Oktober 2018

    @PDP10

    Vielleicht wäre es gut die verlinkten Artikel (z.B. Lyssenkoismus) noch einmal zu überfliegen und mit dem Besprochenen genauer zu vergleichen: (1) Die politische Führung verabschiedete eine Resolution, welche schon damals gegen die vorherrschende Lehrmeinung ging. (2) Lyssenko brach mit der gängigen Lehre und versprach die Ziele umzusetzen. (3) Er wurde deshalb von der politischen Führung unterstützt. (4) Kritische Stimmen, die weiterhin die gänge Lehrmeinung vertraten wurden massiv unterdrückt.

    Täuscht das, oder sieht es danach aus, dass Lyssenko mit der gängigen Lehre brach weil er sich dadurch einen Vorteil erhofft hatte? Spricht eine solche Abfolge nicht gerade für ein wissenschaftliches Kommitee? … Wie auch immer, unter einem solchen massiven ideologischen/politischen Eingriff hätte ein wissenschaftliches Kommitee allerdings auch nicht mehr viel verhindern können.

    Ich denke nicht, dass ich hier noch einmal antworten werde, weil die Diskussion in Übertreibungen abzudriften scheint … Trotzdem, danke für euer Feedback.

  32. #32 PDP10
    20. Oktober 2018

    @Reinhardt:

    Spricht eine solche Abfolge nicht gerade für ein wissenschaftliches Kommitee? …

    Nein. Sie ist so wie du sie darstellst ausserdem falsch. Soetwas wie Genetik gab es damals noch nicht. Und der Lyssenkoismus hat verhindert, dass in der SU darüber geforscht wurde. Was die SU bei dem Thema ungefähr 50 Jahre zurückgelassen hat.
    Ob das wohl damals von einem Komitee entschieden wurde?

    Wie auch immer, unter einem solchen massiven ideologischen/politischen Eingriff hätte ein wissenschaftliches Kommitee allerdings auch nicht mehr viel verhindern können.

    Nochmal: Ob das wohl damals von einem Komitee entschieden wurde?

    Antwort: Ja. Mit Sicherheit.

  33. #33 Reinhardt
    20. Oktober 2018

    > Soetwas wie Genetik gab es damals noch nicht.
    Der Wikipedia-Artikel spricht von “Genetik”. Zusätzlich dazu spricht der Artikel davon, dass, egal ob als “Genetik” bezeichnet oder nicht, der Plan aus wissenschaftlicher Sicht unsinnig war. Wenn das alles falsch ist, dann möchte ich dich doch bitten das auf Wikipedia klarzustellen.

    Ein Komitee unter politischem Einfluss hat aber rein gar nichts mit einem
    wissenschaflichen zu tun. An genau dieser Stelle bringst du etwas massiv durcheinander.

  34. #34 PDP10
    20. Oktober 2018

    @Reinhardt:

    Ein Komitee unter politischem Einfluss hat aber rein gar nichts mit einem wissenschaflichen zu tun. An genau dieser Stelle bringst du etwas massiv durcheinander.

    Wie sollte so ein Komitee denn sonst aussehen? So ohne politischen Einfluss? So etwas wie ein “wissenschaftliches Komitee” kann es nicht geben.

    Wissenschaft beruht auf Empirie und Deduktion. Nicht auf Meinungen oder Urteilen über die Ansichten anderer Menschen.

    Ich frage dich nochmal:

    Möchtest du wirklich ein “offiziell” installiertes Scherbengericht das über die Thesen / Hypothesen / Ansichten von wem auch immer – nicht nur Wissenschaftlern – ein Urteil fällt?
    Das wie eigentlich aussehen soll – also das Urteil? Verbannung nach Elba wegen Blödsinn erzählen?

  35. #35 Metalgeorge
    20. Oktober 2018

    @Reinhardt
    Angesichts der vielfältigen wissenschaftlichen Themen
    würdest du eine Organisation in der Größe der UNO oder des Internationalen Gerichtshofes in Den Haag benötigen. Das zahlt dir keiner.
    …und nach Monaten von Verhandlungen kommt dann die Aussage heraus : ” ….wir verurteilen auf’s Schärfste, dass….wir empfehlen dringend, dass…”

  36. #36 Reinhardt
    20. Oktober 2018

    @PDP10

    Captain E. hat es recht schön als eine Art “Peer Review” zusammengefasst. Wo ist da bitte die Notwendigkeit einer politischen Organisation? (Auf diesen Aspekt werde ich nicht mehr weiter eingehen weil wir uns hier nur im Kreise drehen).

    @Metalgeorge

    Im Kleinstmaßstab müsste eine Rüge von der jeweiligen Universität ausreichen. Eine landesweite Stelle könnte dann die nächst höhere Ebene darstellen. Soweit sollte es überschaubar und bezhalbar sein.

    Was darüber hinaus in den internationalen Bereich geht, da wird es natürlich schwierig weil manche eben unbedingt politische Aspekte (und da beziehe ich mich jetzt nicht auf PDP10) mit einbringen wollen. Heißt das aber, dass man Organisationen wie die UNO, oder den Internationalen Gerichtshof wieder abschaffen sollte weil sie ihre Aufgabe nicht zu 100% erfüllen können? Ich hoffe doch wohl nicht.

  37. #37 PDP10
    20. Oktober 2018

    @Reinhardt:

    Im Kleinstmaßstab müsste eine Rüge von der jeweiligen Universität ausreichen.

    Von welcher denn? Der an der der Betreffende gerade arbeitet? Die, die ihm / ihr den Doktortitel verliehen hat?
    Oder die 5 oder 10 an denen er / sie in der Zwischenzeit gearbeitet hat? Und wenn der / die betreffende in Rente ist und gar nicht mehr irgendwo arbeitet?

    Was darüber hinaus in den internationalen Bereich geht, da wird es natürlich schwierig

    Wissenschaft ist immer international.

    Ich glaube langsam, du hast sehr seltsame Vorstellungen davon, wie Wissenschaftler arbeiten und wie Wissenschaft funktioniert.

    Das Wissenschaftler im Wesentlichen vom Staat bezahlt werden ist zB. die große Ausnahme. Selbst viele Universitäten werden nicht aus Steuergeldern finanziert. Das ist nur hier in Deutschland (und in Österreich und der Schweiz) die Regel.
    Die wirklich renommierten Unis in den USA (Ivy League u.ä.) sind zB. samt und sonders Stiftungsuniversitäten, dh. privat finanziert.

  38. #38 Reinhardt
    21. Oktober 2018

    @PDP10

    Du scheinst von einer einzelnen Person zu erwarten, dass sie ein vollständiges System entwickelt, welches global auch noch zu 100% funktioniert? Letzten Endes also etwas vollbringt, das man seit über 60 Jahren noch nicht einmal auf der globalen politischen Ebene geschafft hat. Glaubst du nicht, dass du hier von mir ein klein wenig zu viel erwartest?

    Erste Anzeichen hierzu gab es allerdings schon. Siehe dazu Unterschriftenaktionen in denen sich renommierte Wissenschaftler öffentlichkeitswirksam für oder gegen etwas ausgesprochen haben. Dass eine internationale Zusammenarbeit in der Hinsicht also absolut unmöglich wäre, scheint mir an den Haaren herbeigezogen.

    Klar wäre es schwer umzusetzen weil es heißt Grenzen zu setzen und die auch notfalls umsetzen zu müssen. Heißt das aber, dass man auch weiterhin einfach nur betreten in die andere Richtung schauen kann wenn ein Mitglied der Wissenschaft maßlos über die Stränge schlägt und, über eine Rückkopplung über die Gesellschaft, mithilft einen Bereich der Wissenschaft über Jahrzente auszubremsen?

    Wenn dem so ist, dann brauchen wir wirklich verdammt viel Glück dass in ferner Zukunft noch eine Zivilisation existiert die überhaupt noch in der Lage ist Wissenschaft zu betreiben.

  39. #39 Captain E.
    22. Oktober 2018

    @PDP10:

    Du scheinst unter “Komitee” eigenartigerweise ausschließlich ein politisches zu verstehen. Genau das habe ich natürlich nicht gemeint. Wenn man also wie beim Standesrecht der Ärzte und Juristen, die ja auch beide akademische Berufe sind, etwas vergleichbares für Naturwissenschaftler einführte, dann müssten selbstverständlich auch Naturwissenschaftler über Naturwissenschaftler urteilen. Die vielbeschworene “Freiheit der Lehre” wäre damit keineswegs in Gefahr. Ein Komitee gemäß Standesrecht müsste einberufen werden, wenn sich ein Wissenschaftler in seinem ureigensten oder sogar in einem fachfremden Gebiet damit hervor täte, stark abweichende Meinungen kundzutun. Das zuständige Komitee von Wissenschaftlern könnte ihn dazu aufrufen, vor ihnen in aller Öffentlichkeit Stellung dazu zu nehmen, auf welchen Fakten und Schlussfolgerungen seine Äußerungen beruhen. Ich habe nicht zu Unrecht das Verfahren des “Peer Reviews” bei Fachartikeln als Vergleich herangezogen. Ein Fachartikel muss ja nicht notwendigerweise korrekt sein, aber er muss gewissen Standards entsprechen.

    Über den Maßnahmenkatalog könnte man ja noch nachdenken. Eine Rüge oder eine strenge Rüge würde den betreffenden Menschen in der “wissenschaftlichen” Öffentlichkeit ganz offiziell unglaubwürdig machen, und das könnte ihn weitere Rufe an Hochschulen oder Fördergelder kosten. Aber noch einmal: Die urteilenden Wissenschaftler müssten die Aussagen nicht für gut oder richtig befinden. Sie müssten sich lediglich anschauen, ob korrekt Fakten erhoben und ausgewertet wurden oder ob da jemand lediglich seine wissenschaftliche Reputation dazu missbraucht, um (pseudo-) wissenschaftliche “Fake News” zu verbreiten. Mit einer “politisch korrekten” Wissenschaft hätte das also so rein gar nichts zu tun.

  40. #40 PDP10
    22. Oktober 2018

    @Captain E.:

    Mit einer “politisch korrekten” Wissenschaft hätte das also so rein gar nichts zu tun.

    Doch. Genau das hätte es.

  41. #41 PDP10
    22. Oktober 2018

    @Reinhardt, @Captain E.:

    Nochmal eins nach dem Anderen:

    – Wissenschaftler haben keine “Stände”. Weil sie nicht mit der Gesellschaft interagieren wie Ärzte oder Juristen das tun. Sie haben zB. keine Mandanten oder Patienten. Abgesehen von Wissenschatlern, die an der Schnittstelle arbeiten. Forschende Ärztinne oder Juristen zB. Die müssen sich an beides halten. An die Regeln ihrer “Stände” und an die Regeln guter wissenschaftlicher Arbeit.

    – Keine wissenschaftliche Hypothese ist Unsinn. Sie muss sich allerdings einer Überprüfung stellen. In der Mathematik der Logik, in den Naturwissenschaften Experiment und Deduktion, in den Geistes- und Sozial-Wissenschaften einer Mischung aus beidem oder nur innerer Logik und Konsistenz etc.

    – Darum kann man über Hypothesen – auch wenn sie hanebüchener Blödsinn sind – keine “Scherbengerichte” abhalten. Ob eine Hypothese brauchbar ist wird nicht demokratisch oder nach irgendwelchen Standards irgendwelcher “Stände” entschieden. Sondern allein nach oben genannten Kriterien.

    – “Standesgerichte” wären natürlich ideologisch beeinflusst. Auch in der Wissenschaft – sogar in der Naturwissenschaft – gibt es Ideologien, Moden, Hypes. Und diese Standesgerichte würden aus Menschen bestehen, die solchen Ideologien, Methoden, Hypes folgen.

    Solche “Gerichte” oder “Gremien” wären der Tod der Freiheit der Wissenschaft.

    – Peer Review und Reputation in der wissenschaftlichen Gemeinschaft sind hinreichend um Schwachsinn als Schwachsinn zu bezeichnen.

    – Und Aufklärung der Öffentlichkeit.

    Ende der Geschichte.

  42. #42 Reinhardt
    23. Oktober 2018

    @PDP10

    > “Weil sie nicht mit der Gesellschaft interagieren wie Ärzte oder Juristen das tun.”

    Richtig, die Interaktion ist nicht so direkt wie bei Ärzten oder Juristen. Das heißt aber nicht, dass keine Interaktion statt findet. Eine Interaktion ergibt sich hier unter anderem dadurch, dass Wissenschaftler aus der Gesellschaft kommen und auch wieder dorthin entlassen werden. Es ergibt sich also definitv eine fortwährende Interaktion. Sie ist eben nur abstrakter und deswegen eindeutig schwerer zu erfassen.

    Aber alleine aus dieser unvermeidbaren Interaktion ergibt sich doch schon die Möglichkeit, dass sich Wissenschaftler auch an langfristigen Fehlentwicklungen beteiligen können.

    Und nur zur Verdeutlichung: Es geht hier auch nicht nur um jene, die nach dem Erhalt ihrer Titel weiterhin einer wissenschaftlichen Tätigkeit nachgehen. Es sollten unbedingt auch jene einbezogen werden, die einen Titel erwerben weil sie sich dadurch eine bessere berufliche Laufbahn ausserhalb der Wissenschaft versprechen. Ein Titel hat also durchaus eine Wirkung, die deutlich über die einmalige Anerkennung einer einzelnen wissenschaftlichen Tätigkeit hinausgeht. In dem Bereich hat das derzeitige Peer Review einfach keine Wirkung weil es nur dann zur Geltung kommen kann, wenn es um eine wissenschaftliche Publikation geht.

    > “Keine wissenschaftliche Hypothese ist Unsinn.”

    Mir geht es auch nicht um Hypothesen die als “wissenschaftlich” bezeichnet werden können, sondern um solche die sich eben nicht mit den wissenschaftlichen Kriterien vereinbaren lassen. Deswegen stimme ich auch mit der Ausführung überein, dass die Brauchbarkeit von wissenschaftlichen Hypothesen nicht nach demokratischen Kriterien entschieden werden darf. (Das heißt abgesehen von einer Mehrheitsregel bei einem mehrköpfigen Gremium).

    > “Standesgerichte würden aus Menschen bestehen”

    Korrekt, das wäre ein neuer Aspekt der Interaktion die ohnehin schon besteht, und deswegen auch unbedingt mit berücksichtigt werden muß. Wie lässt sich aber die Existenz eines Bundesverfassungsgerichtes begründen, wo auch da nur “beeinflußbare” Menschen Urteile treffen können? Zur Verdeutlichung: Mit Menschen ergbit sich eine unvermeidbare Interatkion. Ohne Menschen gibt es aber schlicht keine Wissenschaft.

    > “Und Aufklärung der Öffentlichkeit (ist hinreichend)”

    Zur Aufklärung bedarf es aber ständig Menschen, die zur Aufklärung bereit sind. Ich kann es hier aber absolut nachvollziehen, wenn Menschen wie Florian (flache Erde) oder Prof. Lesch (Mondlandung, Lichtermüdung, etc) irgenwann die Nase gestrichen voll haben weil es effektiver ist sich mit einer Wand zu unterhalten. Heißt das aber, dass solche Themen gerade über das Internet, nicht in der Gesellschaft weiter gären? Aufklärung hat eindeutig ihre Grenzen!

    > “Solche … Gremien wären der Tod der Freiheit der Wissenschaft”

    Das betrachte ich jetzt aber als eine ideologisch bedingte Übertreibung 😉

    Ich denke, dass du die Diskussion etwas zu ideologisch siehst und zu sehr auf den konkreten und rein wissenschaftlichen Betrieb beschränkst. Die langfristigen und eher abstrakten Prozesse scheinen mir hier gedanklich zu sehr ausgeklammert zu werden.

    PS: Für einen kleinen Hinweis (Link?) zur Syntax in den Kommentaren wäre ich dankbar. Hab hierzu leider momentan noch nichts gefunden. Danke im Voraus.

  43. #43 uwe hauptschueler
    23. Oktober 2018

    @Reinhardt

    [http://scienceblogs.de/alpha-cephei/scienceblogs-kommentierungs-faq/

  44. #44 Captain E.
    24. Oktober 2018

    @PDP10:

    Doch. Genau das hätte es.

    Nein, es tut mir leid, aber du liegst da einfach falsch. Eine “politisch korrekte” Wissenschaft gibt es, wenn die Staatsführung irgendeine Hypothese für “richtig” und “wichtig” erklärt und sie fördert und zugleich konkurrierende Hypothesen abwürgt, wie es beim Lyssenkoismus geschehen ist, nur weil der verantwortliche Mensch sich einzuschmeicheln weiß. (Wissenschaftlich sauber durchgeführt, müsste der übrigens viel früher zur Epigenetik geführt haben, aber das nur nebenbei.) Möglich ist es auch, dass die Regierung sich einmischt, weil eine große Bevölkerungsgruppe oder ein Lobbyverband (z.B. Kirche) das so wünscht. Und man kann natürlich eine politisch korrekte Wissenschaft darin sehen, dass in einem breiten gesellschaftlichen Konsens Forschung wie in Deutschland die embryonale Stammzellenforschung verboten wurde.

    Nichts davon liegt jedoch vor, wenn Wissenschaftler nur noch Pseudowissenschaft betreiben.

    Nochmal eins nach dem Anderen:

    – Wissenschaftler haben keine “Stände”. Weil sie nicht mit der Gesellschaft interagieren wie Ärzte oder Juristen das tun. Sie haben zB. keine Mandanten oder Patienten. Abgesehen von Wissenschatlern, die an der Schnittstelle arbeiten. Forschende Ärztinne oder Juristen zB. Die müssen sich an beides halten. An die Regeln ihrer “Stände” und an die Regeln guter wissenschaftlicher Arbeit.

    Willst du damit zugleich behaupten, dass das Standesrecht der Ärzte und Juristen auch nur das Ziel einer politisch korrekten Medizin und Jurisprudenz zum Ziel hat? Meines Erachtens geht es dabei nämlich vor allem um die Aufrechthaltung von Qualitätsstandards. Das Verfehlen diese Standards schadet nämlich allen, wenn Scharlatane und Winkeladvokaten ihren Berufsstand letztlich verunglimpfen.

    Außerdem geht es ja nicht darum, dass ein Wissenschaftler merkwürdige Ideen aufstellt. Wie du schon sagtest, könnten sie trotzdem korrekt sein. Außerdem, solange er in seinem Unibüro oder seinem privaten Studierzimmer darüber brütet, ist ja noch alles in Orndung. Selbst wenn er Artikel in Fachmagazinen einreicht oder auf wissenschaftlichen Konferenzen darüber referiert, ist das kein Problem. Die Kollegen werden ihm schon nicht glauben oder sogar seine Fehler nachweisen, wenn er unsauber gearbeitet hat.

    Das Problem ist, wenn er mit unausgegorenen oder sogar falschen Ideen die Öffentlichkeit sucht, indem er Interviews gibt, Bücher verkauft und in Talkshows sitzt. Und genau dort hast du doch die von dir angemahnte “Kundschaft”.

    – Keine wissenschaftliche Hypothese ist Unsinn. Sie muss sich allerdings einer Überprüfung stellen. In der Mathematik der Logik, in den Naturwissenschaften Experiment und Deduktion, in den Geistes- und Sozial-Wissenschaften einer Mischung aus beidem oder nur innerer Logik und Konsistenz etc.

    Richtig, aber das führt am Thema vorbei. Ein wissenschaftlicher Scharlatan wird sich dieser Überprüfung gerade tunlichst nicht (mehr) stellen.

    – Darum kann man über Hypothesen – auch wenn sie hanebüchener Blödsinn sind – keine “Scherbengerichte” abhalten. Ob eine Hypothese brauchbar ist wird nicht demokratisch oder nach irgendwelchen Standards irgendwelcher “Stände” entschieden. Sondern allein nach oben genannten Kriterien.

    Genau das soll ja auch nicht geschehen. Wenn du recht hättest, müsste das Peer Review-Verfahren für die Veröffentlichung von Artikeln in seriösen Fachmagazinen auf der Stelle eingestellt werden. Die Raubverlage hätten also völlig recht mit ihrer Methodik. Die Ablehnung eines Artikels nach Begutachtung durch Kollegen wäre dann ja auch so ein “Scherbengericht”.

    – “Standesgerichte” wären natürlich ideologisch beeinflusst. Auch in der Wissenschaft – sogar in der Naturwissenschaft – gibt es Ideologien, Moden, Hypes. Und diese Standesgerichte würden aus Menschen bestehen, die solchen Ideologien, Methoden, Hypes folgen.

    Das könnte man so einrichten, aber es wäre ein schwerer Fehler. Ein Standesgericht wie von mir vorgeschlagen, sollte Ideologien, Methoden, Hypes natürlich möglichst vermeiden. Völlig vermeiden lässt sich so etwas natürlich nicht. So manche gute Idee dürfte schon im ersten Anlauf als Artikel abgelehnt worden sein, weil sie den begutachtenden Kollegen zu bizarr vorgekommen ist.

    – Solche “Gerichte” oder “Gremien” wären der Tod der Freiheit der Wissenschaft.

    Nicht mehr als das heutige Peer Review-Verfahren auch, und das gilt nach wie vor als absolut notwendig. Stattdessen geht es um die Aufrechthaltung wissenschaftlicher Standards, die in letzter Zeit doch ein wenig gelitten haben.

    – Peer Review und Reputation in der wissenschaftlichen Gemeinschaft sind hinreichend um Schwachsinn als Schwachsinn zu bezeichnen.

    Das bisherige Peer Review gilt aber nur für Artikel, die bei seriösen Verlagen eingereicht wurden, und die Reputation eines Wissenschaftlers ist der breiten Öffentlichkeit zumeist eher unbekannt.

    Wer es aufgibt, hanebüchene oder zumindest unausgegorene Ideen den Kollegen vorzulegen, sondern stattdessen damit an die Öffentlichkeit geht, ruiniert damit zwar seine Reputation, aber das bekommt die doch überhaupt nicht mit.

    – Und Aufklärung der Öffentlichkeit.

    Ende der Geschichte.

    Wieso “Ende der Geschichte”? Genau da hapert es doch, und irgendeinen Mechanismus muss die Wissenschaft dafür entwickeln. Sieh doch ein Standesgericht einfach als nächste Instanz des Peer Reviews an, um Pseudowisschaftler einfangen zu können, die sich der normalen Kontrolle durch eine Flucht in die Öffentlichkeit entziehen.

    Stell dir doch einmal vor, ein Typ wie Lyssenko würde, statt sich beim Regierungschef lieb Kind zu machen, seine Ideen in immer neuen populärwissenschaftlichen Büchern unters Volk zu werfen. Außerdem hätte er vielleicht Zeitungsrubriken, Interviews und Fernsehauftritte, in denen er immer seine Meinung verbreiten könnte. Würde so etwas nicht genau zu der Art politisch korrekter Wissenschaft führen, die du vermeiden willst? Ein in der Öffentlichkeit bekannter und anerkannter (Pseudo-) Wissenschaftler könnte die Diskussion dahin lenken, dass seine Konkurrenz als unglaubwürdig angesehen würde, keine Forschungsgelder mehr bekäme und womöglich sogar ihre Posten verlören.

  45. #45 PDP10
    24. Oktober 2018

    @Captain E.:

    Hast du eigentlich aus den ganzen Diskussionen, die wir hier über die Jahre mit irgendwelchen Eso-Honks geführt haben, nichts gelernt?

  46. #46 PDP10
    24. Oktober 2018

    @Rainhardt, Captain E.:

    Ihr seid immer noch einen Vorschlag schuldig, wie man so ein Gremium zur Aburteilung des wissenschaftlichen Renommees einzelner denn nun einrichten soll, für das gelten müsste:

    – Dass es international tätig ist und respektiert wird

    – sich nicht instrumentalisieren und korrumpieren läßt

    – wer die Mitglieder dieses “Gremiums” bestimmen soll

    etc. pp.

  47. #47 PDP10
    24. Oktober 2018

    UND:

    Was die Konsequenzen einer Entscheidung eines solches Gremiums sein sollen …

    Spricht man jemand die wissenschaftliche Reputation ab, finden sich um so mehr Leute, die sagen, dass dessen Unsinn ja was bedeuten muss!
    Sonst würde man das “Wissen” ja nicht unterdrücken müssen! EINS11!!

    Seht euch einfach mal als Beispiel die Fälle Hamer und Rath an.

    Approbation entzogen, mehrfach verurteilt wegen Betrug und Körperverletzung etc.

    Und trotzdem glänzende Geschäfte gemacht.

    Oder vielleicht gerade deswegen?

  48. #48 Captain E.
    25. Oktober 2018

    @PDP10:

    Hast du eigentlich aus den ganzen Diskussionen, die wir hier über die Jahre mit irgendwelchen Eso-Honks geführt haben, nichts gelernt?

    Klar, manche sind unbelehrbar. Die wollen an ihren Quatsch glauben, und wenn man ihnen mit Fakten kommt, dann ignorieren sie diese schlichtweg.

    Ihr seid immer noch einen Vorschlag schuldig, wie man so ein Gremium zur Aburteilung des wissenschaftlichen Renommees einzelner denn nun einrichten soll, für das gelten müsste:

    – Dass es international tätig ist und respektiert wird

    – sich nicht instrumentalisieren und korrumpieren läßt

    – wer die Mitglieder dieses “Gremiums” bestimmen soll

    etc. pp.

    Streng genommen sind wir das nicht. Wie werden denn die Wissenschaftler bestimmt, die über die wissenschaftliche Güte von Fachartikeln urteilen sollen? “Selbstkontrolle” ist das Stichwort. Die Wissenschaften brauchen mehr Selbstkontrolle, um pseudowissenschaftliche Amokläufer (vor allem die mit echten Diplomen sowie Doktor- und Professortiteln!) eindämmen zu können. Wer in den Verdacht gerät, korrupt zu sein und sich instrumentalisieren zu lassen, darf nicht in dieses Gremium hinein oder muss schleunigst hinaus geworfen werden.

    Oder anders gefragt: Seriöse Fachverlage legen eingereichte Artikel immer anderen Wissenschaftlern zur Prüfung vor. Wie lässt sich denn heutzutage sicherstellen, dass diese Peer Review-Wissenschaftler

    – international tätig sind?
    – respektiert werden?
    – sich nicht instrumentalisieren lassen?
    – sich nicht korrumpieren lassen?

    und wer bestimmt sie überhaupt?

    Das klassische Problem “Quis custodiet ipsos custodes?” gilt natürlich auch hier, und das schon heute.

  49. #49 Reinhardt
    25. Oktober 2018

    @PDP10, #46

    Nur mal so am Rande: Mit den von dir genannten Kriterien setzt du die Messlatte schon wieder derart hoch an, dass du jeden Vorschlag abschmettern kannst weil dieses oder jenes Kriterium noch nicht erfüllt ist. Bis zu einem gewissen Grad ist das nachvollziehbar. Eine solche Erwartungshaltung lässt sich aber auch wunderbar dazu verwenden jeglicher Verantwortung auszuweichen.

    Im Grunde muß man denke ich irgendwann akzeptieren, dass es schlicht keine perfekte Lösung geben kann.

    immer noch einen Vorschlag schuldig

    Initial wäre wohl eher die Frage, auf welcher Grundlage ein solches Gremium überhaupt seine Urteile treffen könnte:

    – Ein vertragliches Fundament

    Ich denke man muß hier ganz unten anfangen, indem man den Erhalt eines Titels zukünftig “durchsetzbar” mit der Verpflichtung verknüpft den wissenschaftlichen Grundprinzipien auch weiterhin treu zu bleiben. Das würde dann zumindest schon einmal formal dem Rechnung tragen, dass ein Titel mehr ist als nur ein offizielles “Dankeschön”.

    Wenn eine Auszeichnung derart mit einer Verpflichtung verknüpft ist, dann muss auch die Möglichkeit bestehen die Annahme zu verweigern, oder den Titel jederzeit, womöglich Jahre nach der Auszeichnung, freiwillig wieder abgeben zu können. Rein formal muß es diese Möglichkeit prinzipiell immer geben.

    Hier geht es im Wesentlichen darum, dass grundsätzlich keiner dazu gezwungen werden kann den wissenschaftlichen Grundprinzipien (auch weiterhin) zu folgen. Derartig miteinander gekoppelt würde eine Auszeichnung aber dann im Wesentlichen einen beiderseitig aufkündbaren Vertrag zwischen der wissenschaftlichen Gemeinschaft und dem Ausgezeichneten darstellen und könnte so das Fundament bilden, auf dem man solche Gremien, inklusive eines abgestuften Maßnahmenkatalogs, aufsetzen könnte.

    Obige Gremien könnten somit nur noch Vertragsverletzungsverfahren durchführen. Und damit wären den Auswirkungen externer Eingriffe schon einmal weitestgehend Grenzen gesetzt, denn die Festlegung des wissenschaftlichen Mindeststandards ist hier von der Beurteilung soweit möglich getrennt. Ich würde allerdings tunlichst darauf verzichten derartige, scheinbar einfache Verfahren an rechtsstaatliche Gerichte abzutreten. Warum, das sollte denke ich leicht zu erraten sein.

    Wie man einen wissenschaftlichen Mindeststandard genau festlegt und im Detail verankert, ist natürlich wieder ein ganz anderes Thema. Ich würde mich hier also nicht zu sehr auf die Gremien konzentrieren, da die genaue Definition des Mindeststandards mögliche und mutwillige Fehlinterpretationen möglichst ausschließen muß.

    Und damit sollte sich doch ein internationales System durch gegenseitige Anerkennung und Verpflichtungen umsetzen lassen …

    – Mögliche Kritikpunkte hier

    Das Ganze stellt natürlich fast schon prinzipbedingt einen Eingriff in die Redefreiheit dar. Dazu aber folgendes: Selbst nach einer vollständigen “unehrenhaften Entlassung” kann man, soweit der jeweilige Staat es denn überhaupt zulässt, seine Gedankengänge auch weiterhin noch frei äußern. Das geht aber auch ohne ein “Gütesiegel der Wissenschaft”.

    Man kann natürlich sagen, dass so ein Vertrag auf ein für den Ausgezeichneten ungünstigen Machtgefälle (Gemeinschaft vs. Einzelperson) beruht und sich somit die Verpflichtung nicht durchsetzen läßt. Dem kann man aber entgegnen, dass ein solches Ungleichgewicht jetzt ohnehin schon besteht: Die Vorteile, die eine Auszeichnung mit sich bringt, lassen sich im Moment als Einzelperson unter Missachtung der wissenschaftlichen Grundprinzipien weitestgehend folgenlos ausnutzen. Es geht hier darum dieses Ungleichgewicht zum (langfristigen) Wohle aller zu glätten.

    Dann könnte man sagen, dass sich eine wissenschaftliche Ausbildung/Leistung nicht rückgängig machen lässt. Nun gut, meiner Meinung nach besteht aber keine Verpflichtung jemandem, der die Grundprinzipien danach grob mit Füßen tritt, auch weiterhin noch in den Genuß der Vorteile kommen zu lassen. Auf eine derartige innerliche Kündigung sollte man in extremen Fällen entsprechend reagieren dürfen.

  50. #50 Reinhardt
    26. Oktober 2018

    @PDP10

    Spricht man jemand die wissenschaftliche Reputation ab, …
    Sonst würde man das “Wissen” ja nicht unterdrücken müssen!

    Und deswegen ist es eben enorm wichtig bei einem solchen Vorgang öffentlich klarzustellen (1) Welche Äußerungen genau betroffen sind, (2) warum diese Äußerungen aus wissenschaftlicher sicht Blödsinn sind, und (3) dass die vorangegangenen mehrfachen Verwarnungen ignoriert wurden.

    Es geht hier auch nicht mehr darum die Mitglieder der Aluhutträger-Fraktion zu überzeugen. Das ist unsinnig weil die sich einer sachlichen Auseinandersetzung entziehen. Der gemachte Schlußstrich zielt eher darauf ab den Schaden einzudämmen, der unter dem Deckmantel der Wissenschaft mit den Aussagen noch weiter angerichtet werden kann.

    Seht euch einfach mal als Beispiel die Fälle Hamer und Rath an.

    Das Ganze hat natürlich seine Grenzen denn man kann solche Leute nicht das Reden verbieten. Dazu müsste man sie für den Rest ihres Lebens in Isolationshaft werfen. Das hätte mit Rechtsstaatlichkeit dann aber auch nichts mehr zu tun.

    Du scheinst hier zu erwarten, dass es ein Rundum-Sorglos-Paket geben würde. Das gibt es aber nicht. Einerseits weil “beeinflußbare” Menschen eine Beurteilung vornehmen müssen. Und andererseits weil die wissenschaftliche Gemeinschaft am Ende auch nur gemeinsam öffentlich zum Ausdruck bringen kann, dass die gemachten Äußerungen bereits zur Genüge widerlegt wurden.

    Wirfst du der UNO oder dem internationalen Gerichtshof denn auch vor, dass immer noch Kriegsverbrechen begangen werden können?

    Oder vielleicht gerade deswegen?

    Hier mal eine gewagte These: Vielleicht hat die heutige Wissenschaftsfeindlichkeit auch damit etwas zu tun dass jeder jeden belieben Blödsinn erzählen kann und hier nur unzureichend entgegengewirkt wird?