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Sternengeschichten Folge 369: Weihnachten und andere Feste – Astronomie und die Feiertage

Astronomie wird oft als etwas betrachtet, was fern von unserem Alltag stattfindet. Und auf den ersten Blick haben all die Galaxien, Sterne, Planeten und so weiter ja wirklich wenig mit dem zu tun, was wir Tag für Tag in unserem normalen Leben treiben. Auf den zweiten Blick aber sehr wohl und ganz besonders dann, wenn es ans Feiern geht! Die großen Feiertage haben auf die eine oder andere Art so gut wie immer einen astronomischen Hintergrund.

Wenn man ein wenig darüber nachdenkt, dann ist das auch nicht verwunderlich. Die Feiertage sind ja meistens dazu da, spezielle Zeitpunkte im Jahr zu markieren. Und wenn es um Jahreszeiten und den Kalender geht, dann stecken wir schon mitten in der Astronomie! Der Kalender selbst ist ohne Beobachtung des Himmels nicht denkbar. Wie die Astronomie an der Erstellung der Kalender beteiligt ist, habe ich ja schon ausführlich in den Folgen 5 und 101 der Sternengeschichten erzählt. Aber natürlich spielen dabei die zwei großen Perioden die Hauptrolle, die unser Planet im Sonnensystem absolviert. Einmal die Umkreisung der Sonne, also das Jahr. Und dann die tägliche Umdrehung der Erde um ihre Achse, also ein Tag. Der Tag dauert 24 Stunden, das Jahr 365 Tage und knapp 6 Stunden. Diese beiden Perioden in Einklang zu bringen ist eine knifflige Aufgabe; es braucht dafür Schalttage und so weiter.

Aber auch lange vor den modernen Kalendern haben die Menschen schon ein bisschen grundlegendes Wissen über den Lauf der Himmelskörper gehabt. Man braucht keine extrem komplizierte Mathematik, keine Teleskope und keine Modelle der Planetenbewegung um etwa festzustellen, dass Tage und Nächte nicht immer gleich lang dauern (zumindest in den gemäßigten Breiten wo die meisten Menschen leben). Im Winter sind die Tage kurz und die Nächte lang; im Sommer ist es umgekehrt. Und mitten im tiefsten Winter gibt es immer einen Tag, der der kürzeste des ganzen Jahres ist; genau so wie es im Sommer einen längsten Tag des Jahres gibt. Dazwischen findet man dann auch jeweils einen Tag an dem die dunkle Nacht genau so lang ist wie der helle Tag.

Jahreszeiten (Bild: gemeinfrei)

Diese speziellen Tage im Jahreslauf werden Sonnenwenden und Äquinoktien genannte und waren den Menschen schon vor Jahrtausenden bekannt. Sie treten deshalb auf, weil die Achse der Erde um 23.5 Grad gegenüber der Ebene geneigt ist, in der sie sich um die Sonne bewegt. Das führt dazu, dass auch der Himmelsäquator gegenüber der Ekliptik geneigt ist. Mit “Himmelsäquator” ist nichts anderes gemeint als der auf den Himmel projizierte Äquator der Erde; die Ekliptik ist die Ebene der Erdbahn bzw. wenn wir die ganze Sache von der Erde aus betrachten, dann ist sie die scheinbare Bahn die die Sonne im Laufe eines Jahres am Himmel zieht.

Kurz gesagt: Die Sonne ist im Laufe eines Jahres mal weiter und mal weniger weit vom Himmelsäquator entfernt. Steht sie am höchsten über dem Äquator, dann dauert der Tag auch am längsten und dieser Zeitpunkt wird “Sommersonnenwende” genannt. Umgekehrt steht die Sonne ein halbes Jahr später am tiefsten unter dem Himmelsäquator und wir haben die “Wintersonnenwende”. Dazwischen gibt es noch die zwei Punkte, an denen die Sonne genau im Schnittpunkt zwischen Himmelsäquator und Ekliptik steht und das sind die Frühlings- bzw.- Herbst-Tag-Und-Nacht-Gleiche oder die Äquinoktien.

Heute markieren diese vier Tage den – astronomischen – Beginn unserer Jahreszeiten. Es wäre aber durchaus auch sinnvoll, das anders zu organisieren. Man könnte auch die Tage nehmen, die zwischen den Sonnenwenden und Äquinoktien liegen. Also nicht den Anfang bzw. das Ende einer Jahreszeit zu begehen sondern ihren Höhepunkt. Das ist auch geschehen; viele Kulturen haben diese “Kreuz-Viertel-Tage” entsprechend gefeiert und wenn man genau schaut, dann tun wir das immer noch. Zwischen Herbst und Winter, um den 31. Oktober herum feiern wir Feste wie Halloween oder Allerheiligen. Zwischen Frühling und Sommer liegt der 1. Mai, der im alten irischen Kalender der Beginn des Sommers war zu dessen Anlass das Beltane-Fest gefeiert wurde – und auch heute gibt es an diesem Tag jede Menge Maifeiern und natürlich die Walpurgisnacht am Tag davor. Anfang Februar dagegen, zwischen Winter und Frühling, gibt es heute noch das christliche “Mariä Lichtmess”-Fest und diverse andere ähnliche Lichterfeste in anderen Kulturen. Der letzte Kreuz-Viertel-Tag wird Anfang August gefeiert; in der irischen Tradition war das Lughnasadh und markiert den Beginn der Erntezeit und an vielen Orten findet man auch heute noch entsprechende Erntefeste.

Auch im vermutlich bedeutendsten Fest unseres Kulturkreises steckt jede Menge Astronomie. Am 24. Dezember und/oder am 25. Dezember, je nach Tradition, feiern wir Weihnachten. Offiziell begehen wir an diesen Tagen laut den christlichen Kirchen die Geburt von Jesus. Die Wurzeln und vor allem die astronomischen Fundamente dieses Festes liegen aber tiefer. Wann Jesus tatsächlich geboren wurde, sofern das überhaupt in der Realität passiert ist, ist nicht überliefert. Definitiv überliefert ist aber, dass die Tage am Ende des Dezembers schon immer eine große Bedeutung für die Menschen gehabt haben. Das ist auch verständlich: Man konnte ja beobachten, wie die Nächte immer länger und länger wurden; wie es draußen immer kälter wurde; wie die Natur starb und sich zurück zog. Ohne Wissen über die astronomischen Grundlagen der Jahreszeiten konnte man auch nicht ohne jeden Zweifel davon ausgehen, dass das irgendwann wieder aufhört. Man wusste zwar aus Erfahrung das auf jeden Winter ein neuer Frühling folgt. Aber absolut sicher war man sich nicht. Wenn die Götter was dagegen hatten, dann wären sie ja problemlos in der Lage gewesen, den Winter einfach ewig dauern zu lassen. Und deswegen freute man sich um so mehr, wenn der Tag der Wintersonnenwende dann wirklich gekommen war und die Tage wieder länger wurden. Und feierte entsprechende Feste. Und selbst ohne diese astronomische Verbindung: Wann sonst soll man große Feste feiern, wenn nicht gerade mitten im Winter? In landwirtschaftlich geprägten Gesellschaften ist da eh nicht so viel zu tun; weniger auf jeden Fall als in den anderen drei Jahreszeiten. Man hat die Lager voll mit Vorräten aus dem Sommer und dem Herbst und in der andauernden Dunkelheit des Winters sicher auch nichts dagegen, ein wenig ausgelassen zu feiern.

Weihnachtszeit ist Essenszeit. Auf ins Kekskoma!

Es ist also kein Wunder, wenn die Menschen zu allen Zeiten gerade zur Wintersonnenwende besonders in Feierlaune waren. Und dann richten sich natürlich auch die Religionen entsprechend ein. In der antiken römischen Mythologie gab es zum Beispiel “Sol” bzw. “Sol invictus”, der “unbesiegte Sonnengott”. Im 3. Jahrhundert wurde der unter Kaiser Aurelian zum Schutzgott des gesamten Reichs ernannt und sein Geburts- und Feiertag auf den 25. Dezember festgelegt. Dieser Tag war schon immer von Bedeutung; als Julius Cäsar 300 Jahre zuvor den Kalender reformierte legte er den kürzesten Tag des Jahres genau auf dieses Datum. Und welchen besseren Feiertag für einen Sonnengott kann es geben, als den Tag an dem die Sonne die Finsternis “besiegt” und die Tage wieder länger werden. Allerdings war Cäsars Kalender etwas ungenau und im Laufe der Jahrhunderte hat sich das Datum der Wintersonnenwende etwas verschoben. Mittlerweile fand die längste Nacht schon um den 22. Dezember statt – was man aber bei der Einführung der Feierlichkeiten zu Ehren von Sol invictus ignorierte.

Das junge Christentum diskutierte natürlich ebenfalls über den Tag, an dem man die Geburt von Jesus feiern sollte. Überliefert war kein exaktes Datum, also spekulierte man. Viele dachten damals, dass religiös bedeutsame Menschen immer an dem Tag sterben, an dem sie geboren wurden. Jesus Todestag hatte man auf Ende März bestimmt (wie ich in Folge 18 der Sternengeschichten erzählt habe, als es um das Datum des Osterfestes ging); den 25. März um ganz genau zu sein. Also hätte er auch am 25. März geboren werden müssen. Aber eigentlich, so die Argumentation, wäre Jesus an diesem Tag gezeugt geworden und 9 Monate später, am 25. Dezember geboren. Das klingt sehr konstruiert, und es ist es natürlich auch und es ist vermutlich kein Zufall, dass man am Ende ein Datum kriegt das mit dem Fest des Sol invictus übereinstimmt bzw. genau in der Zeit liegt, zu der sowieso schon jede Menge Feste gefeiert werden.

Das junge Christentum musste sich in einer Welt voll mit anderen bedeutenden Religionen durchsetzen. Und wenn man ein wichtigstes Fest dann stattfinden lässt, wenn die Menschen sowieso schon gewöhnt und bereit sind zu feiern, dann tut man sich leichter akzeptiert zu werden. Es gibt tatsächlich eine Quelle, in der genau das geschrieben steht: “Die Heiden pflegen nämlich am 25. Dezember das Fest des Geburtstages der Sonne zu feiern und zu ihren Ehren Lichter zu entzünden. Zu diesen Riten luden sie oft auch Christen ein. Da nun die Lehrer der Kirche sahen, dass sich viele Christen zur Teilnahme an diesen Festen verleiten ließen, beschlossen sie, fortan am selben Tag das Fest der wahren Geburt zu begehen.” Aber auch das stammt erst aus dem 12. Jahrhundert und noch dazu von einem namentlich unbekannten Autor.

Ganz genau wissen werden wir also vermutlich nie, warum Weihnachten gerade auf den 25. Dezember fällt. Aber es wäre schon ein sehr, sehr großer Zufall, wenn das alles nichts mit der Wintersonnenwende zu tun hat. Götter kommen und gehen. Aber der Lauf der Himmelskörper bleibt. Und auch wenn wir heute keine Angst mehr vor göttlichen Zorn und ewiger Dunkelheit haben freuen wir uns dennoch, wenn die Tage wieder länger werden und der dunkle kalte Winter vorüber ist. Wer Weihnachten die Geburt des christlichen Gottes feiern möchte, kann das gerne tun. Und alle anderen feiern einfach mit, denn die Wintersonnenwende haben wir Menschen immer schon gefeiert!

Kommentare (2)

  1. #1 Bens
    20. Dezember 2019

    hehe, sehr cool: “Götter kommen und gehen. Aber der Lauf der Himmelskörper bleibt.” … andererseits habe ich auch mal irgendwo gehört dass Himmelskörper chaotische Systeme bilden 😛

  2. #2 orinoco
    20. Dezember 2019

    In seiner Weihnachtsfolge von “Geist und Gehirn” meint Manfred Spitzer die Menschen würden Weihnachten bzw. die Wintersonnenwende erst am bzw. ab dem 24.12. feiern, weil dummerweise immer um die Sonnenwende herum die Tageslängen sich am wenigsten verändern. Bis man sich mit menschlicher Sehkraft sicher war, dass die Tage wieder länger wurden, dauerte es einige Tage nach der eigentlichen Sonnenwende. Ein Adler würde Weihnachten wohl aufgrund seiner deutlich besseren Sehkraft schon zwei Tage früher feiern, meinte Spitzer.