Wie bekommt man eigentlich Forschungsgelder? Wer bestimmt, welche Forschung wie finanziert wird? Die Forschungslandschaft ist natürlich ziemlich kompliziert, aber ich will versuchen, hier beispielhaft an der Forschungsförderung der DFG zu erläutern, was ihr tun müsst, um an Forschungsgelder zu kommen.

Anlass für diesen Post ist ein Kommentar neulich bei Astrodicticum Simplex. Dort schrieb ein Kommentator, der der Meinung war, Wissenschaft gehöre stark gebremst:

konkrete Ziele der Forschung müssen definiert werden.
Die Menschen haben ein Recht zu wissen, was mit ihrem Geld geschieht.
Bei Nichterreichen in angemessener Zeit muss es möglich sein, dass Projekt abzustellen.

Genau! Es geht ja auch nicht an, dass ihr als Forscher einfach einen Haufen Staatsknete in einem freundlich verschnürten Säckchen bekommt mit der Aufschrift “Zur freien Verfügung”. Denn so ist es ja anscheinend, oder?

“Leider” nein. Wenn ihr irgendwo Professorin seid und ein eigenes Institut leitet, dann habt ihr natürlich einen gewissen Etat – je nach Fachgebiet und Finanzausstattung ein paar Wissenschaftlerstellen, die von der jeweiligen Uni finanziert werden. Die Leute, die auf diesen Stellen sitzen, müssen über ihre Forschungstätigkeit zunächst tatsächlich keine weitere Rechenschaft ablegen – allerdings können auch die nicht einfach Däumchen drehen, denn euer Institut wird nach seinem Output bewertet, dazu zählen neben Dingen wie Lehre auch geschriebene wissenschaftliche Veröffentlichungen und “eingeworbene Drittmittel”, also Forschungsgelder, die eben nicht von der Uni kommen. Wenn’s da hapert, dann gibt es weniger Haushaltsmittel – am Ende habt ihr zwar Leute, aber kein Geld, um denen nen Computer auf den Schreibtisch zu stellen (oder auch nur den Schreibtisch zu finanzieren).

Aber nehmen wir an, ihr seid einfach ein irgendwo angestellter Wissenschaftler (so wie ich) und hättet auch gern mal einen Doktoranden, der euch beim Forschen unterstützt. Dann müsst ihr euch auf die Suche nach einem Geldgeber machen.

Bei mir ist das typischerweise die Deutsche Forschungsgemeinschaft DFG. Bei der kann man Forschungsanträge stellen.

So ein Antrag ist ein Dokument von theoretisch 20 Seiten – praktisch werden die Dinger meist länger. Diese Anträge sind immer gleich aufgebaut, und wenn man sich das anguckt, dann bekommt man eine ganz gute Idee, was man tun muss, um an Forschungsgelder zu kommen. Bei anderen Förderinstitutionen sind die Spielregeln ähnlich.

Also stellt euch vor, ihr wollt einen Forschungsantrag schreiben. Schauen wir doch mal, wie das geht.

Alles fängt ganz harmlos an: Mit allgemeinen Angaben – wer ist Antragsteller, was ist das Fachgebiet etc.. Das einzige was hier nicht so ganz einfach ist, ist der Titel – auf der eine Seite soll er natürlich prägnant sein, auf der anderen aber auch alles wichtige drinstecken. Da können am Ende ganz unterschiedliche Dinge herauskommen – ich hatte schon alles zwischen drei Worten und knapp drei Zeilen…

Dann kommt das große Kapitel 2. Dort müsst ihr zunächst mal den Stand der Technik darlegen, also all das, was zu dem, was ihr erforschen wollt, schon bekannt ist. Damit zeigt ihr zum einen, dass ihr wisst, wovon ihr redet (und wenn ihr da die wichtige Arbeit von Smith&Jones nicht zitiert, die in dem Fachgebiet jeder immer zitiert, dann ist das schon mal ein Minuspunkt). Um sicherzugehen, macht ihr also eine ausgiebige Literaturrecherche – meist ist die auch tatsächlich nützlich, weil man immer noch etwas findet, was man nicht wusste, und es wäre ja auch ziemlich ärgerlich, wenn ihr ein paar Jahre auf einem Gebiet forscht, um dann festzustellen, dass jemand anders dasselbe auch schon mal gemacht hat.

Der zweite Teil von Kapitel 2 enthält die eigenen Vorarbeiten. Forschungsgelder für ein Gebiet zu bekommen, auf dem ihr noch gar nicht gearbeitet habt, ist nicht so einfach. Wenn ihr euch also auf einem neuen Fachgebiet umtun wollt, dann ist es eventuell nützlich, erstmal ein bisschen vorzuforschen, bevor ihr den Antrag schreibt. Bei mir als Simulanten heißt das meist, dass ich zumindest ein paar Simulationen zum Thema oder ein einfaches Modell vorbereite, das schon mal demonstriert, dass ich weiß, was ich tue.

Wenn auch das nicht geht, dann müsst ihr hier zumindest deutlich machen, warum ihr die nötige Fachkenntnis besitzt, um das Projekt erfolgreich zum Abschluss zu bringen. Wenn ihr also wie ich viel am Computer simuliert, und jetzt im Antrag ein Verfahren anwenden wollt, das ihr noch nie benutzt habt, dann solltet ihr hier zumindest deutlich machen, dass ihr so viele Simulationsmethoden kennt, dass diese eine euch auch nicht schreckt. Trotzdem ist es immer besser, wenn man wirkliche Vorarbeiten vorzeigen kann, möglichst solche, die auch veröffentlicht sind. (Allerdings hat die DFG gerade neue Regeln eingeführt, die die Zahl der eigenen Veröffentlichungen, die man in einem Antrag zitieren darf, begrenzt. Damit will man dem Zerhacken von Forschungsarbeiten in möglichst kleine Einzelveröffentlichungen (die berühmte “least publishable unit”) ein bisschen entgegentreten und auch verhindern, dass arme Gutachterinnen mit Sekundärliteratur erschlagen werden. Hintergründe findet man hier.)

Und dann kommt das Herzstück des Antrages: Kapitel 3 – Ziele und Arbeitsprogramm. Hier solltet ihr zunächst mal genau sagen, was ihr am Ende herausbekommen wollt und warum das wichtig ist – je konkreter und klarer die Ziele sind, desto besser. Einfach so ins Blaue hineinforschen reicht da nicht. Ihr solltet klar sagen können: Ich möchte gern dieses und jenes erforschen, und zwar indem ich folgende Methoden benutze. Typischerweise braucht man so ein oder zwei Seiten, um genau klarzumachen, was man will. Ich gebe mir dabei immer Mühe, hier einen Satz zu haben, der sinngemäß lautet “Das Projektziel ist erreicht, wenn…” Dann kann jede Gutachterin sehen, dass ich weiß, was ich will.

Beispielsweise habe ich mal einen Antrag geschrieben, in dem es darum ging, eine neue Legierung mit besserer Bearbeitbarkeit zu entwickeln. Da stand im Erstantrag dann “Das Projektziel ist in vollem Umfang erreicht, wenn es gelingt, die bessere Bearbeitbarkeit der neuen Legierung im Labormaßstab nachzuweisen.” Erfreulicherweise hat das übrigens am Ende auch geklappt, wobei wir allerdings auch eine Menge Glück hatten, aber das ist eine andere Geschichte, die ich ein andermal erzähle.

Im Anschluss daran folgt im Antrag das Arbeitsprogramm: Ihr gliedert all die zu erledigenden Arbeiten in übersichtliche Pakete, wie zum Beispiel “Aufbau eines Messstandes für XY” oder “Programmierung des Simulationsmodells mit der Z-Methode”. Bei jedem Arbeitspaket erklärt ihr möglichst konkret, was zu tun ist und wie ihr es machen wollt. Auch hier gilt: Je genauere Vorstellungen man hat, desto besser. Die Arbeitspakete sollten schön aufeinander aufbauen und es sollte für die Gutachterin nachvollziehbar sein, warum diese Methode wie zum gewünschten Ergebnis führt. Ihr braucht also schon eine ziemlich gute Idee, was ihr tun wollt.

Natürlich wisst ihr nicht schon vorher, was am Ende rauskommt (sonst wär’s ja auch keine Forschung). Wenn es von den Ergebnissen abhängt, wie das Projekt weiterläuft (Ihr müsst z.B. erforschen, ob Effekt X eine Rolle spielt), dann müsst ihr das entsprechend im Antrag erläutern (Falls X relevant ist, tun wir dies und das, ansonsten jenes und welches).

Ziele und Arbeitsprogramm sind sicher das wichtigste an einem Forschungsantrag. Wenn ihr hier schlampt (und zum Beispiel nicht erklärt, wie ihr ein kniffliges Experiment aufbauen oder ein kompliziertes Modell verifizieren wollt), dann sieht es mit der Genehmigung eher düster aus.

Ach ja, falls ihr Versuche an Menschen, Tieren oder sonstwie ethisch problematische Sachen machen wollt, müsst ihr das hier auch genau darlegen – damit kenne ich mich aber nicht aus, weil Ethikkommissionen nichts gegen noch so brutale Verhackstückung von Werkstoffen einzuwenden haben.

Das 4. Kapitel enthält schließlich die finanzielle Seite: Hier muss aufgeführt werden, welche Gelder ihr für das Projekt benötigt. Na klar braucht ihr jemanden, der die Arbeit macht, dazu muss man nur ein paar Zeilen schreiben. Wenn ihr aber vielleicht noch einen Extra-Techniker finanzieren wollt, dann müsst ihr entsprechend begründen, was der tun soll und warum das die eingestellte Wissenschaftlerin nicht alleine wuppen kann. Auch studentische Hilfskräfte sind immer nützlich – falls man mal langwierige Parameterstudien und endlos viele Auswertungen machen lassen will.

Und neben dem Personal braucht ihr vielleicht auch noch anderes Geld. Vielleicht muss ein Versuchsstand aufgebaut werden, oder ihr braucht Material. Hier gilt: Je teurer, desto besser begründet muss es sein. Außerdem will und soll man natürlich auch mal auf eine Konferenz fahren – Reisemittel müssen also auch drin sein. (Aber macht euch keine Hoffnung auf Luxusreisen – abgerechnet wird nach dem Bundesreisekostengesetz; mit der 5-Sterne Suite wird’s also nichts und selbst, wenn ihr nur mit der Taxe zum Bahnhof gefahren seid, dann müsst ihr begründen, warum ihr nicht den Bus nehmen konntet.) Fairerweise solltet ihr am Ende natürlich auch euren Doktoranden mal nett verreisen lassen (und Spaß machen Konferenzreisen meistens schon).

Und zum Abschluss kommen noch ein paar weitere einfache Angaben, beispielsweise über die bereits vorhandene Ausstattung, damit man bei der DFG sieht, dass ihr (wie man neudeutsch sagt) auch apparativ gut aufgestellt seid. (Entsprechend könnt ihr einen Antrag nur stellen, wenn ihr zu einer Uni oder einem Forschungsinstitut gehört.) Und schließlich folgt noch eine Erklärung, dass man die wissenschaftlichen Spielregeln einhalten wird und dass man nicht den gleichen Antrag schon dreimal anderweitig finanziert bekommen hat. Am Ende tackert ihr noch ein paar Anlagen dran – Lebenslauf, eventuell eine wichtige Veröffentlichung, falls ihr ein teures Gerät kaufen wollt Angebote diverser Firmen.

Jetzt den Antrag noch selbst lesen, von anderen gegenlesen lassen, nochmal lesen, ne Nacht drüber schlafen, und dann ab an die DFG – meist in doppelter Ausfertigung und mit einer CD, auf der alle Dokumente drauf sind.

Ihr seht, es ist eine Menge Arbeit, aber wenn ihr einen Forschungsknecht Doktoranden wollt, dann müsst ihr da durch. Je nachdem, wie tief ihr im Fachgebiet drinsteckt, dauert das Antragsschreiben einige Wochen (wenn ihr sonst wirklich nicht viel zu tun habt) oder auch länger – wenn ihr ein Projekt mit mehreren Partnern koordinieren wollt, dann kann es auch noch länger dauern – wenn ich mich recht entsinne, lag mein persönlicher Rekord mal bei weit über einem Jahr von der Idee bis zur Einreichung.

Und was passiert dann?

Die DFG schickt den Antrag an typischerweise zwei Fachgutachterinnen. Dass sind Leute aus eurem Arbeitsgebiet, die genügend Ahnung haben, damit sie sehen können, ob das, was ihr macht, auch Hand und Fuß hat (und ob ihr auch das Paper von Smith&Jones zitiert habt, ihr erinnert euch), oder ob das alles so vage und schwammig ist, dass man eher Zweifel bekommt, dass ihr wisst, was ihr tut. Die Gutachterinnen schätzen auch die Erfolgsaussichten ein – ist das, was ihr erreichen wollt, realistisch? Ist euer Arbeitsprogramm in sich stimmig oder fehlt was? Geht das in der Zeit und mit den beantragten Mitteln? Wollt ihr womöglich viel mehr Geld, als man bräuchte?

Sie schreiben dann ein Gutachten, in dem sie euer Vorhaben nach diesen Überlegungen bewerten. Diese Gutachten werden dann in einem sogenannten Fachkollegium analysiert – das ist ein Gremium für das jeweilige Fachgebiet, in dem eine Handvoll Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sitzen. Diese werden übrigens nicht per Dekret vom Bundespräsidenten ernannt, sondern demokratisch von den Antragstellern der DFG gewählt. Je nach Antragsverfahren geben die Fachkollegiumsmitglieder mündliche oder schriftliche Stellungnahmen ab, die dann zur endgültigen Entscheidung über den Antrag führen.

Wenn ihr also Glück habt, dann trudelt euch so 6-7 Monate, nachdem ihr den Antrag gestellt habt, ein freundlicher Brief der DFG ins Postfach, in dem ihr erfahrt, dass Euer Antrag genehmigt wurde. (Die Chancen im sogenannten Normalverfahren, das ich hier beschreibe, liegen im Moment wohl so bei grob 50% laut DFG Jahresbericht 2009.) Meist bekommt ihr ein paar der beantragten Mittel gekürzt, aber das absolut Notwendige ist eigentlich immer drin. Und? Seid ihr jetzt aller Sorgen ledig, euer Projekt ist stressfrei finanziert und ihr könnt auch auf die faule Bärenhaut legen?

Nope.

Forschungsgelder bewilligt die DFG nur für zwei Jahre am Stück. Wenn euer Projekt länger dauert (und das tun sie eigentlich immer, schon allein, weil die Zeit ja auch möglichst für einen Doktoranden reichen soll), dann müsst ihr spätestens ein halbes Jahr, bevor euch die Knete ausgeht, einen Fortsetzungsantrag stellen. Der sieht fast so aus wie der erste Antrag, lediglich Kapitel 2 (mit dem Stand der Technik und den Vorarbeiten) fällt weg. Stattdessen müsst ihr einen Zwischenbericht schreiben. Da müsst ihr genau erläutern, was ihr getan habt, wo ihr vielleicht vom Arbeitsprogramm abgewichen seid, warum alles wieder mal viel länger gedauert hat als erwartet etc. Möglichst sollten an dem Bericht auch ein paar wissenschaftliche Veröffentlichungen dranhängen, die eure Arbeit auch belegen.

Ach ja, falls die Gutachterinnen etwas an eurem Antrag kritisiert haben, bekommt ihr von den entsprechenden Stellen eine Kopie zusammen mit der Bewilligung (da steht dann z.B. “Es sollte unbedingt das AB-Phänomen berücksichtigt werden, weil…”). Darauf solltet ihr im Zwischenbericht unbedingt eingehen – falls ihr das AB-Phänomen nicht berücksichtigt habt (weil das eurer Ansicht nach auch gar nicht sein muss), dann solltet ihr das gut begründen können.

Bericht und Fortsetzungsantrag durchlaufen dasselbe Begutachtungsverfahren. Wenn ihr also nichts getan habt (und der Doktorand auch nicht), dann muss der sich nach zwei Jahren nach einer neuen Stelle umsehen. Wenn ihr schon einigermaßen fleißig wart, die Gutachterinnen aber trotzdem nicht völlig begeistert sind, dann wird euch das Projekt vielleicht auch gekürzt – wenn ihr nochmal 24 Monate beantragt habt, bekommt ihr vielleicht nur 18.

Und auch wenn alles klappt, seit ihr immer noch nicht aus dem Schneider. Denn nach Ablauf des Projektes erwartet die DFG einen Abschlussbericht. Dort wird – knapp und prägnant – nochmal aufgeführt, was ihr wie getan habt und in wie weit ihr eure ursprünglichen Ziele erreicht habt. Und hier kommt die böse Überraschung: Wenn ihr in der letzten Projektphase nicht genügend fleißig wart, dann kann die DFG noch Nachforderungen stellen: “Sie haben dies und das nicht erforscht, bitte tun sie das noch, bevor wir das Projekt für beendet erklären können.” Das kann ziemlich ärgerlich sein, besonders, wenn der Doktorand längst fertig und anderswo tätig ist. Ist mir zum Glück bisher nicht passiert (ich kenne aber solche Fälle…).

Machen wir zum Schluss nochmal den Test. Das hier waren die Anforderungen, die der Kommentator drüben bei Florian stellte:

konkrete Ziele der Forschung müssen definiert werden.

Check. Ohne Ziele und Arbeitsprogramm kein Geld

Die Menschen haben ein Recht zu wissen, was mit ihrem Geld geschieht.

Check. Die DFG drängt auf die Veröffentlichung der Ergebnisse. Jeder kann übrigens bei der DFG nach geförderten Projekten suchen.

Bei Nichterreichen in angemessener Zeit muss es möglich sein, dass Projekt abzustellen.

Check. Zwischenberichte müssen abgegeben werden, dabei wird auch auf Veröffentlichungen in Fachzeitschriften geachtet. Und am Ende muss ein Abschlussbericht geschrieben und ggf. nachgebessert werden.

Ihr seht also, ganz so simpel, wie manche sich das vorstellen, ist das Forscherdasein nicht. Trotzdem ist es natürlich der coolste Beruf der Welt, aber das ist ja klar, oder?

Kommentare (18)

  1. #1 WeiterGen
    3. November 2010

    50% ist gar keine so schlechte Quote.
    Hier ein kleines Video einer virtuellen Konversation nach einer Ablehnung.
    http://physioprof.wordpress.com/2010/10/30/revise-and-resubmit/
    Revise and resubmit the motherfucker

  2. #2 Sebastian
    3. November 2010

    Ein sehr informativer Artikel! Danke dafür! Mir wird dieses hin und her mit dem Forschungsantrag auch irgendwann mal bevorstehen, da freue ich mich jetzt schon drauf! Bei dem Kommentar über Hiwis für die endlosen langweiligen Auswertungen und die Doktoranden als Forschungsknechte musste ich schmunzeln, es ist wirklich so! Hiwi-Jobs können eeeecht ätzend sein…und Doktoranden werden eben geknechtet 😀
    Aber jetzt noch zu einem anderen Thema: Ich ärgere mich immer wenn solche Kommentare kommen wie “kürzt denen das Geld, die schmeißen das zum Fenster raus” oder “die machen sich damit ´nen Lenz”, da es (wie man ja durch den Artikel hier sieht) garnicht der Fall ist! Also bitte damit aufhören!
    Wie schaut es aus (ich komme ja aus der Bio-Richtung), wenn man bei seiner Forschung unerwartete Nebeneffekte hat, z.B. mein Protein macht was völlig anderes als ich erwartet habe. Schreibe ich da die DFG an und sage “Hey Leute, da ist mir jetzt mal was passiert…wat nun?” Sprich, muss man dann seinen Forschungsschwerpunkt ändern, da die angegeben Ziele nicht mehr erreichbar sind? Oder wie schaut das ungefähr aus? Ich meine, in der Forschung kann alles passieren, daher ist es doch sehr tricky überhaupt ein konkretes Ziel anzugeben?

  3. #3 MartinB
    4. November 2010

    @Sebastian
    Wenn du während des Projektes plötzlich etwas ganz Neues entdeckst, das deine ganze Planung über den Haufen schmeißt, dann ist das natürlich zunächst ein Problem. Prinzipiell kann man bei einem Fortsetzungsantrag die Zielrichtung des Projekts ändern, wenn irgendetwas nicht so geklappt hat, wie man es sich vorgestellt hat – ich habe aber keine Erfahrung damit, was passiert, wenn sich wirklich alles ändert. Generell ist es aber so, dass auch die DFG-Gutachterinnen ja wissen, wie Forschung läuft, und Probleme etc. auch richtig einordnen können.

    Ein Projektleiter sagte mal vor langer Zeit, als wir beschlossen, vom Forschungsprogramm abzuweichen und ich mir deshalb Sorgen machte: “Ach, das ist der DFG doch egal, hauptsache am Ende kommt gute Wissenschaft dabei heraus.” Ich bin aber nicht sicher, ob das immer so einfach ist.

  4. #4 Basilius
    4. November 2010

    Sehr schöner Artikel. War mir so ungefähr ziemlich diffus schon klar, aber es ist einfach schön, das nochmals so übersichtlich gegliedert zu lesen. Genau diesen Sachverhalt versuche ich immer wieder den angesprochenen lieben Mitmenschen klar zu machen, aber das ist oft sehr schwierig..
    Mach’ bitte weiter so.

  5. #5 Sven Türpe
    4. November 2010

    Dann schreiben Leute den Antrag, die Erfahrung darin haben, alles möglichst wage zu lassen und gleichzeitig den Eindruck zu erwecken, dass die tollsten Dinge gemacht werden.

    Die Alternative wäre, sich den Bürokraten vollständig zu unterwerfen und ausschließlich Planforschung zu betreiben, bei der man am Anfang schon hunderprozentig weiß, was am Ende herauskommen wird. Der Druck in diese Richtung ist groß und die Ergebnisse regelmäßig bescheiden.

  6. #6 Sven Türpe
    4. November 2010

    Dann schreiben Leute den Antrag, die Erfahrung darin haben, alles möglichst wage zu lassen und gleichzeitig den Eindruck zu erwecken, dass die tollsten Dinge gemacht werden.

    Die Alternative wäre, sich den Bürokraten vollständig zu unterwerfen und ausschließlich Planforschung zu betreiben, bei der man am Anfang schon hunderprozentig weiß, was am Ende herauskommen wird. Der Druck in diese Richtung ist groß und die Ergebnisse regelmäßig bescheiden.

  7. #7 AndreasM
    4. November 2010

    Im Idealfall mag das so funktionieren. Leider ist das aber nicht immer so.
    Ich habe jetzt keine direkten Erfahrungen mit kleinen Projekten bei der DFG, aber mit europäischen Grossprojekten.

    Der erste Punkt, der da reinspielt, ist Vitamin B und Politik. Mit Vitamin B kann man zum Beispiel erreichen, dass ein Forschungs-Call auf genau das Projekt, das man machen will, ausgerichtet wird oder dafür sorgen, dass gewogene Gutachter eingesetzt werden.
    Politisch muss das Projekt auf die momentanen In-Themen hingeschrieben sein und im Antrag möglichst viele aktuelle Buzz-Wörter verwenden.

    Dann schreiben Leute den Antrag, die Erfahrung darin haben, alles möglichst wage zu lassen und gleichzeitig den Eindruck zu erwecken, dass die tollsten Dinge gemacht werden.

    Man hat ein grosses Konsortium an Firmen dabei, die zum Grossteil eigentlich nur Gelder für etwas abgreifen wollen, das sie sowieso gemacht hätten. Und dann stehen im Antrag deutlich mehr Mannmonate, als dann wirklich auf dem Projekt gearbeitet wird. Als Fassade wird schon existierende Arbeit kreativ in das Projekt hineindefiniert.

    Nun sollte man annehmen, dass das in den Reviews auffällt, aber da sind wieder die gleichen Schreibspezialisten am Werk und aus politischen Gründen (und Vitamin B) sagen die Reviewer dann nichts.
    Und etwas wird ja geforscht, sobald man sich nach ein paar Quartalen Projektlaufzeit endlich darauf geeinigt hat, was man eigentlich machen will und nicht mehr jeder für sich hinwerkelt.

    Ja, es gibt sie, die ehrlichen Antragsschreiber und guten Forschungsprojekte. Aber es gibt auch die Absahnermentalität, die verdeckte Subvention und die Seilschaften, die sich gegenseitig Projektgeld zuschustern.

  8. #8 Ulfi
    4. November 2010

    >Die Gutachterinnen schätzen auch die Erfolgsaussichten ein – ist das, was ihr erreichen >wollt, realistisch?
    An meinem Institut wurde zu dem Thema letztens eine nette Annekdote erzählt. Es gab da wohl mal einen Prof, der die Spielregeln etwas…gedehnt hat. Er hat immer zuerst geforscht und DANN den Antrag dafür gestellt, sobald er seine Ziele erreicht hat. Das hat immer wunderbar funktioniert, bis ihm einmal ein Antrag mit folgender Begründung abgelehnt wurde: “das ist unrealistisch und kann gar nicht funktionieren”.

    Ich glaube, sein Gesicht hätte ich in dem Moment gerne gesehen.

  9. #9 Sven Türpe
    4. November 2010

    Dann schreiben Leute den Antrag, die Erfahrung darin haben, alles möglichst wage zu lassen und gleichzeitig den Eindruck zu erwecken, dass die tollsten Dinge gemacht werden.

    Die Alternative wäre, sich den Bürokraten vollständig zu unterwerfen und ausschließlich Planforschung zu betreiben, bei der man am Anfang schon hunderprozentig weiß, was am Ende herauskommen wird. Der Druck in diese Richtung ist groß und die Ergebnisse regelmäßig bescheiden.

  10. #10 Basilius
    4. November 2010

    @AndreasM
    Hast schon recht.
    Natürlich beschreibt Martin hier den nicht immer real so ablaufenden Idealfall. Und natürlich gibt es je nach Größe des Forschungsprojektes und Anzahl der Teilnehmer (Industrie: Ja/Nein) schon noch Unterschiede in den Ausprägungen. Daß das ganze dann auch leicht ein politisches Thema wird darf man freilich auch nicht verschweigen. Gerade wenn das Forschungsobjekt evtl. ein etwas brisanteres Thema hat (Stammzellenforschung z.B.?), oder wenn ein oder mehrere Beteiligte Parteien (verständlicherweise) auch wirtschaftliche Faktoren (ja, meist die eigenen!) einbringen. Spätestens dann beginnt das, was viele Menschen nicht mögen, aber im realen Leben sich praktisch nie vermeiden läßt: Lobby-Arbeit und Kompromissfindung zwischen verschiedenen Interessengruppen. Da zerrt erst mal jeder ganz egoistisch in seine Richtung. Halt eben das, was man gemeinhin unter “Politik” versteht. Ist in der Industrie normales täglich Brot, warum sollte das also im akademischen Forschungshimmel anders sein?

    @Basilius: Entschuldigung, dieser Kommentar landete von mir unbemerkt im Spam-Filter, warum auch immer.

  11. #11 Manea-K
    4. November 2010

    @Martin:
    Ziemlich Offtopic, aber irgendwo muss ich es mal schreiben:
    Danke! Dein Blog hat sich zu meinem Lieblings(science)blog entwickelt. Deine Artikel sind toll geschrieben, befassen sich mit interessanten Themen und auch die Diskussionen in den Kommentaren sind i.A. recht hilfreich. Es macht viel Spass hier zu lesen.
    Nochmals vielen Dank. Keep up the good work!

  12. #12 MartinB
    4. November 2010

    @AndreasM
    Ich habe mit EU-Projekten nicht soo viel Erfahrung (bin zwar an einem beteiligt, hatte aber mit der Beantragung wenig zu tun), insofern kann ich dazu nicht viel sagen.

    Gerade bei größeren Verbünden muss natürlich auch immer der Proporz gewahrt werden – wenn da Professor X was bekommt, dann auch professor Y – solche Mechanismen wird es vermutlich immer geben.

    Sicherlich spielt in alle Antragsverfahren auch Politik hinein – wenn man denselben Antrag, der bei mir abgelehnt wurde, mit dem Namen eines zehnmal berühmteren Wissenschaftlers einreichen würde, wären die Erfolgsaussichten sicherlich höher.

    Bisher muss ich aber sagen, dass nach meiner persönlichen Erfahrung gerade das DFG-Normalverfahren relativ gut funktioniert.

    @Ulffi
    Das scheint mir auch gefährlich, wenn man auf einem Gebiet arbeitet, wo man schnell publizieren will – was tue ich denn, wenn die DFG-Gutachterin zufällig auf der Konferenz ist, wo ich die Ergebnisse vorstelle, die ich eigentlich erst erforschen will.
    Was natürlich legitim ist, ist, schonmal loszuforschen, auch wenn der Antrag noch nicht bewilligt ist, in der Hoffnung, dass er dann kommt.

    @SvenTürpe
    Ja, das ist zumindest bei DFG-Verfahren nicht so. Dadurch dass da andere Wissenschaftlerinnen begutachten und die Empfehlungen für die Entscheidungen vorbereiten, sind da schon Leute am Werk, die auch wissen, wie Forschung funktioniert.

    @Manea-K
    Danke :-)

  13. #13 Sven Türpe
    4. November 2010

    Ja, das ist zumindest bei DFG-Verfahren nicht so. Dadurch dass da andere Wissenschaftlerinnen begutachten und die Empfehlungen für die Entscheidungen vorbereiten, sind da schon Leute am Werk, die auch wissen, wie Forschung funktioniert.

    Mit der DFG hatte ich noch nicht zu tun, nur mit EU und BMBF. Mein Eindruck ist, dass es da auf beiden Seiten eine gewisse Risikoaversion gibt, die sich hochschaukelt. Die Bürokraten möchten die verfügbaren Mittel möglichst erfolgversprechend anlegen und ihre Verwendung kontrollieren, was im Grundsatz ja nicht verkehrt ist. Die Antragsteller wiederum haben kein Interesse, mit einem inhaltlich guten Projekt an dieser Hürde zu scheitern. Wenn es gut läuft, bekommen die Bürokraten ihre Beruhigung und die Forscher trotzdem noch Freiraum. Oft läuft es aber weniger gut und die Planung und Versicherung schießt übers Ziel hinaus.

    Schön wäre es, wenn man einfach mal beantragen könnte: “Ich beabsichtige, bei folgendem Vorhaben zu scheitern … Erwartete Projektergebnisse sind eine Analyse des Scheiterns und daraus gewonnene Einsichten.”

  14. #14 Sven Türpe
    4. November 2010

    Ja, das ist zumindest bei DFG-Verfahren nicht so. Dadurch dass da andere Wissenschaftlerinnen begutachten und die Empfehlungen für die Entscheidungen vorbereiten, sind da schon Leute am Werk, die auch wissen, wie Forschung funktioniert.

    Mit der DFG hatte ich noch nicht zu tun, nur mit EU und BMBF. Mein Eindruck ist, dass es da auf beiden Seiten eine gewisse Risikoaversion gibt, die sich hochschaukelt. Die Bürokraten möchten die verfügbaren Mittel möglichst erfolgversprechend anlegen und ihre Verwendung kontrollieren, was im Grundsatz ja nicht verkehrt ist. Die Antragsteller wiederum haben kein Interesse, mit einem inhaltlich guten Projekt an dieser Hürde zu scheitern. Wenn es gut läuft, bekommen die Bürokraten ihre Beruhigung und die Forscher trotzdem noch Freiraum. Oft läuft es aber weniger gut und die Planung und Versicherung schießt übers Ziel hinaus.

    Schön wäre es, wenn man einfach mal beantragen könnte: “Ich beabsichtige, bei folgendem Vorhaben zu scheitern … Erwartete Projektergebnisse sind eine Analyse des Scheiterns und daraus gewonnene Einsichten.”

  15. #15 Sven Türpe
    4. November 2010

    Ja, das ist zumindest bei DFG-Verfahren nicht so. Dadurch dass da andere Wissenschaftlerinnen begutachten und die Empfehlungen für die Entscheidungen vorbereiten, sind da schon Leute am Werk, die auch wissen, wie Forschung funktioniert.

    Mit der DFG hatte ich noch nicht zu tun, nur mit EU und BMBF. Mein Eindruck ist, dass es da auf beiden Seiten eine gewisse Risikoaversion gibt, die sich hochschaukelt. Die Bürokraten möchten die verfügbaren Mittel möglichst erfolgversprechend anlegen und ihre Verwendung kontrollieren, was im Grundsatz ja nicht verkehrt ist. Die Antragsteller wiederum haben kein Interesse, mit einem inhaltlich guten Projekt an dieser Hürde zu scheitern. Wenn es gut läuft, bekommen die Bürokraten ihre Beruhigung und die Forscher trotzdem noch Freiraum. Oft läuft es aber weniger gut und die Planung und Versicherung schießt übers Ziel hinaus.

    Schön wäre es, wenn man einfach mal beantragen könnte: “Ich beabsichtige, bei folgendem Vorhaben zu scheitern … Erwartete Projektergebnisse sind eine Analyse des Scheiterns und daraus gewonnene Einsichten.”

  16. #16 threepoints...
    5. November 2010

    “Auch studentische Hilfskräfte sind immer nützlich – falls man mal langwierige Parameterstudien und endlos viele Auswertungen machen lassen will.”

    Jaja, köstlich – da steht mehr zwischen den Zeilen, als darin!

    Nicht, dass man diese Auswertungen machen will – die werden wohl oft gemahct werden müssen. Irgendwie muß man dem “Ding” doch auf die Schliche kommen.

  17. #17 Rainer Franke
    12. Januar 2012

    Sehr geehrter Herr Bäker.
    Ich bin Privatman der eine Idee hat. Bevor ich diese Idee zum Patent anmelde, muss ich sie testen. Dafür benötige ich ca. 10.000 €.
    Können Sie mir vieleicht einen Tip geben, ob ich als Privatperson auch Födergelder bekomme ?
    Mit freundlichem Gruss
    R.Franke

  18. #18 MartinB
    12. Januar 2012

    @RainerFranke
    Nein, das glaube ich kaum, aber schauen Sie doch vorsichtshalber mal auf der DFG-Seite oder auf den entsprechenden Projektseiten beim BMBF.