Fast jeder kennt vermutlich den Dreihornsaurier Triceratops mit seinem charakteristischen Knochenschild, dem Nasenhorn und den beiden langen Hörnern über den Augen. Noch beeindruckender fand ich immer den Torosaurus, der Triceratops recht ähnlich sah, aber einen wesentlich beeindruckenderen Knochenschild hatte.

Hier ein Vergleich der Schädel, oben Triceratops, unten Torosaurus.

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Wie ihr seht, sind sich die beiden recht ähnlich, aber der Knochenschild des Torosaurus ist deutlich länger und hat zwei Öffnungen, während der des Triceratops geschlossen ist.

Torosaurus und Triceratops lebten auch zur selben Zeit am selben Ort, nämlich in der Oberkreide von Nordamerika. Bisher ging man davon aus, dass ein Grund für den Unterschied im Knochenschild darin liegt, dass sich so die beiden Arten besser auseinander halten konnten. Die genau Funktion des Knochenschilds ist nach wie vor umstritten, aber man geht davon aus, dass er auf jeden Fall als Signal diente. Ob er zusätzlich auch Schutz vor dem Biss von Tyrannosauriern lieferte, ist zweifelhaft – die Knochenstruktur des Schildes ist zwar beim Triceratops recht dick, beim Torosaurus aber eher dünn, und die Knochen waren auch reich durchblutet.

Eine detaillierte Analyse der Knochenschilde führte letztes Jahr zu einer ganz anderen Hypothese: Vielleicht waren Torosaurus und Triceratops ein und dieselbe Art und der Knochenschild wandelte sich im Laufe des Lebens von der kurzen, massiven Form beim Triceratops in die längere und dünnere des Torosaurus um?

Für diese These sprechen einige Indizien. Genau an den Stellen, an denen sich beim Torosaurus die Öffnungen im Kragen befinden, findet man beim Triceratops eine etwas andere Knochenstruktur als in den umliegenden Bereichen: Während die Knochen sonst eher längliche Rillen auf der Oberfläche haben, haben sie genau an diesen Stellen ein eher körniges Aussehen (hier mit einem weißen Pfeil markiert):

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Ein weiteres Indiz liefert die Analyse der Knochen am Hornansatz: Entnimmt man hier Proben und betrachtet die Mikrostruktur, so stellt man fest, dass auch bei den Triceratops, die man bisher für die erwachsenen Tiere hielt, die Knochen eher aussehen wie bei jüngeren Tieren. Knochen baut sich ja ständig um – dabei tunneln Knochenfresszellen (Osteoclasten) durch den Knochen und bauen ihn ab, wonach Knochenbauzellen (Osteblasten) ihn wieder aufbauen. (Der Verbund aus Osteoclasten und Osteoblasten trägt den enorm kreativen Namen BMU=basic multicellular unit.) Im Querschnitt entstehen ringförmige Strukturen. Je älter ein Tier ist, desto mehr dieser Strukturen (Osteonen oder Haverssche Systeme genannt) findet man, und weil die BMUs sich wenig darum kümmern, wo der Knochen schon mal umgebaut wurde, überlappen sich die Osteonen teilweise. Dabei bleiben von den teilweise abgebauten Osteonen sogenannte “Schaltlamellen” übrig. Dieses Bild von der Uni Freiburg zeigt das in einer Skizze:

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Interessanterweise findet man solche Strukturen beim Triceratops eher selten, häufig aber beim Torosaurus. Hinzu kommt, dass man vom Torosaurus keine Jungtiere kennt.

ResearchBlogging.orgEine neuere Analyse bezieht nun ein weiteres Fossil mit in die Betrachtung ein: Einen Schädel, der ursprünglich als “Diceratops” (Zweihorngesicht, weil das Nasenhorn fehlt) bezeichnet wurde, dann als eigene Art des Triceratops betrachtet wurde und schließlich den Namen Nedoceratops (Unzureichendes Horngesicht) bekam. Nedoceratops sieht dem Triceratops ziemlich ähnlich:

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Das Bild zeigt denselben Schädel von beiden Seiten. Besonders zu beachten ist die kleine Öffnung oben im Kragen, die nur auf der rechten Seite zu sehen ist. Sie sitzt genau da, wo beim Triceratops die Knochenstruktur im Kragen eher “körnig” ist und wo sich beim Torosaurus große Öffnungen befinden. Eine Detailaufnahme zeigt, dass der Knochenkragen um diese Öffnung herum etwas dünner ist und auch wieder eine andere Oberflächenstruktur besitzt:

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Der Verdacht liegt also nahe, dass Nedoceratops sozusagen genau die Zwischenstufe zwischen dem halbstarken Triceratops und dem erwachsenen Torosaurus darstellt. Eine Analyse der Knochenstruktur zeigt, dass Nedoceratops bereits voll entwickelte Osteonen hatte, also schon ein fast oder ganz erwachsenes Tier war:

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Ihr könnt deutlich die vielen Osteonen erkennen, die sich auch zum Teil überlappen, wenn BMUs durch bereits vorhandene Osteonen hindurchtunneln.

Nach dieser Theorie waren also Triceratops, Nedoceratops und Torosaurus in Wahrheit ein und dieselbe Art in verschiedenen Altersstufen.

Diese Ansicht wird allerdings nicht von allen Paläontologinnen akzeptiert: Beispielsweise unterscheiden sich Triceratops und Torosaurus in der Anzahl der Episquamosale, der kleinen Fortsätze am Rand des Knochenschilds, beim Triceratops findet man 5-7, beim Torosaurus immer 7 davon. Ob das allerdings ausreicht, um den Torosaurus zu einer eigenen Art zu erklären (dann müsste man ja auch Triceratops in drei Arten teilen, je nachdem ob er 5, 6 oder 7 Episquamosale hatte), ist fraglich. Auch die Form und Krümmung der Hörner unterscheidet sich zwischen Triceratops und Torosaurus etwas, aber das tut sie auch zwischen recht jungen und älteren Triceratops, die man bisher ja auch zur selben Art zählt.

Das letzte Wort ist also noch nicht gesprochen, aber es ist durchaus möglich, dass die Art Torosaurus aus den Dinobüchern für immer verschwinden wird – dafür gewinnt der Triceratops aber zusätzlich an Faszination.


Scannella JB, & Horner JR (2011). ‘Nedoceratops’: an example of a transitional morphology. PloS one, 6 (12) PMID: 22194891

J. B. Scanella, J. R. Horner
Torosaurus Marsh, 1891, is Triceratops Marsh, 1889 (Ceratopsidae: Chasmosaurinae): synonymy through ontogeny
Journal of Vertebrate Paleontology, 30: 4, 1157 — 1168

Kommentare (37)

  1. #1 helduel
    30. Dezember 2011

    Moin. Interessanter Artikel, auch wenn ich von den hier genannten Dinos nur den Triceratops kannte. Was mich aber stutzig macht: Wie kann der Nedoceratops die Zwischenstufe der anderen beiden sein, wenn dieser gar kein Nasenhorn hatte?

  2. #2 MartinB
    30. Dezember 2011

    @helduel
    Das hätte ich vielleicht dazusagen sollen, es wird in dem Artikel ausführlich diskutiert: Zum einen gibt es einige Triceratops-Fossilien, die ebenfalls kein sichtbares Nasenhorn aufweisen, aber ansonsten eindeutig wie Triceratopse aussehen. Zum anderen kann das Nasenhorn auf verschiedene Weise verloren gegangen sein – entweder bei der Fossilisation oder durch eine Krankheit. Nicht immer verwächst das Nasenhorn fest mit dem Schädel, das passiert bei einigen Triceratopsen erst spät im Leben. Erschwerend kommt noch hinzu, dass der Präparator des Schädels an dieser Stelle wohl etwas viel rekonstruiert (sprich: Material draufgepappt, damit es schöner aussieht). Es gibt aber wohl auch andere Paläontologen, ide davon ausgehen, dass Nedoceratops tatsächlich kein Nasenhorn hatte (und die generell die Zusammenlegung von Torosaurus und Triceratops nicht akzeptieren).

  3. #3 roel
    30. Dezember 2011

    @MartinB Kann es sein, dass die männlichen Triceratops Nasenhörner bildeten und die weiblichen nicht?

  4. #4 MartinB
    30. Dezember 2011

    @roel
    Das ist soweit ich weiß unwahrscheinlich, weil nur wenige Fossilien keine Nasenhörner haben; eine Statistik habe ich aber nicht.

  5. #5 Theres
    30. Dezember 2011

    Wenn man bedenkt, wie unterschiedlich schon Rinderrassen aussehen, d.h.ein paar sehr alte Rinderknochen wird man auch gefunden haben, die arg verschieden aussehen, obwohl sie zur gleichen Art gehören … jedenfalls käme auch das Abwerfen der Hörner infrage, oder? Ich halte die Zusammenlegung für gut begründbar.

  6. #6 BreitSide
    30. Dezember 2011

    xxx

  7. #7 BreitSide
    30. Dezember 2011

    Zweiter Versuch: ABO!

  8. #8 MartinB
    30. Dezember 2011

    @Theres
    Abwerfen der Hörner – meinst du beim Nasenhorn? Die Stirnhörner jedenfalls wachsen zu langsam und es gibt keine Exemplare ohne oder mit kurzen Stirnhörnern. Beim Nasenhorn weiß ich es nicht, aber generell denke ich, man sollte in ein paar Schädel ohne Nasenhorn nicht zu viel hineininterpretieren.

  9. #9 Gustav
    30. Dezember 2011

    Meines Wissens nach, wurden vom Torosaurus nur der Schädel gefunden, demnach ist nicht einmal bekannt, ob er sich wie Triceratops auf allen Vieren bewegte. Auch wenn es wohl sehr unwahrscheinlich ist, dass sich Torosaurus auf zwei Beinen bewegte (darauf will ich eigentlich nciht raus), weil zumindestens der Schädel von Torosaurus sehr den Schädeln von den restlichen Ceratopsidaen ähnelte, von denen die Körperform bekannt ist, ist es doch immer wieder erstaunlich wie wenig uns bekannt ist.

    Sagt die Hypothese etwas über die restlichen Ceratopsidaen aus? Manche (die Artenvielfalt in dieser Gruppe dürfte ja sehr groß gewesen sein) ähneln doch auch sehr oft sowohl Torosaurus und Triceratops. Einige sind komplett anders gestaltet, wie Styracosaurus oder Achelousaurus, manche einfach zwei dutzend Millionen Jahre älter, aber Eotriceratops oder die Coronosauria wirkt doch vom Erscheinungsbild sehr ähnlich.

  10. #10 MartinB
    30. Dezember 2011

    @Gustav
    Soweit ich weiß, verfolgt Horner ähnliche Ideen auch für andere Arten, z.B. Pachycephalosaurier. Ob das auch bei anderen Ceratopsiern so war, weiß ich im Moment nicht – gibt es andere Arten, die zur selben zeit am selben Ort lebten und sich nur so wenig unterschieden wie Triceratops und Torosaurus?

  11. #11 Gustav
    30. Dezember 2011

    @MartinB: Also wenn ich mir mein großes Dino-Buch so ansehe 😉 (bin da ja kein Experte), dann würde ich sagen: Eotriceratops (bis vor 67 millionen jahren) und Arrhinoceratops (bis vor 66 Millionen Jahre) Sind zwar ein bis zwei millionen Jahre Abstand, allerdings sind bei einigen Arten auch die Funde nicht so umfangreich. Und vielleicht noch Titanoceratops (bis vor 65 Millionen Jahre). Wobei letzterer nochmals “Hörner” auf seinen Schild hatte, da gibts aber vielleicht eine Ähnlichkeit zu einer anderen Art: Pentaceratops, die beiden sehen fast gleich aus.

    Die Frage ist aber nun, ob es vielleicht Unterschiede in anderen Bereichen gab, die eine Einteilung in unterschiedliche Arten rechtfertigen.
    Beim Torosaurus können eben keine anderen Knochen zum Vergleich herangezogen werden, da ja bei Torosaurus nur Schädeln gefunden wurden.

    Aber schöner Artikel und interessante These, fast eine kleine Revolution, vor allem weil ich als Kind noch brav die unterschiedlichen Arten und ihre besonderen Merkmale gelernt habe (bzw mittels spielen mit Plastikdinos erfahren habe ;-)).

  12. #12 MartinB
    30. Dezember 2011

    @Gustav
    Tja, das ist natürlich ziemlich schwer zu sagen: Beide (Eo und Arrhino) lebten am selben Ort, nicht ganz zur selben zeit und man hat jeweils nur einen Schädel gefunden. Könnte also dieselbe Art sein, oder die eine hat sich aus der anderen entwickelt, oder die eine hat die andere verdrängt.

    Man darf auch nicht vergessen, dass wir nur die Knochen haben – an Hand der Knochen wäre es nicht besonders leicht, Löwen und Tiger auseinander zu halten und als Fossilien ist es nicht unwahrscheinlich, dass man die für dieselbe Art halten würde, insbesondere, wenn man nur wenige Funde hat. Bei wenig bekannten Arten sind deswegen Spekulationen dieser Art schwer wissenschaftlich zu begründen – bei Triceratops dagegen, von dem man viele Fossilien hat, kann man systematischer untersuchen.

  13. #13 Theres
    30. Dezember 2011

    @MartinB
    Ich dachte tatsächlich ans Nasenhorn, denn warum nicht? Allerdings kann es genauso gut postmortem so im Laufe der Jahre abgebrochen sein, und generell sagt es wenig, du hast Recht. Nun, Spekulieren macht Spaß. Sehen sich Löwen- und Tigerknochen wirklich so ähnlich? Dino- Skelette habe ich etliche gesehen und bewundert, Löwen oder Tiger jedoch noch nicht.

  14. #14 MartinB
    31. Dezember 2011

    @Theres
    Soweit ich weiß unterscheiden die sich nur in einigen Details von Schädel und Schulter – wenn man jetzt nur ne Handvoll unvollständige Skelette hätte, würde man diese Unterschiede mt hoher Wahrscheinlichkeit auf individuelle Variation zurückführen, denke ich.
    Ich habe die Frage mal auf der vertpaleo-Liste gestellt, mal gucken, was da für ne Antwort kommt.

  15. #15 Theres
    31. Dezember 2011

    Danke Martin und eine gute Idee.
    Das wird wohl etwas dauern, mit der Antwort, schließlich muss heute gerutscht werden und danach erholt 😉

  16. #16 MartinB
    1. Januar 2012

    So, ein paar Antworten habe ich bekommen – anscheinend unterscheiden sich Tiger- und Löwenschädel in einigen Details, wie die Venen verlaufen und ein wenig in der Form. Wenn man beide Schädel mit dem Schädeldach nach unten auf eine flache Unterlage legt, dann liegt der eine Schädel fest auf, der andere wackelt hin und her. (Leider habe ich gerade in einem Anfall von Dämlichkeit den delete-Knopf meines Mail-Programms gelöscht, deswegen kann ich nicht mehr sagen, welcher welcher ist – und die vrtpaleo-Liste hat keine Online-Archive, grummel…)

    Tom Holtz (Tyrannosaurier-Experte au Maryland) meinte aber auch, dass man, wenn es Fossilien wären, die beiden Arten vermutlich nicht auseinander halten könnte.

  17. #17 Theres
    1. Januar 2012

    @MartinB
    Deleteknopf betätigt …? *grins*
    Huch, ging ja schnell … und dabei sehen Löwen und Tiger von außen so anders aus. Ich würde annehmen, dass der Tigerschädel wackelt, wegen des unruhigen Musters im Fell 😉 Es verblüfft mich aber immer wieder, wie die entsprechenden Experten aus so wenigen Knochen oder Versteinerungen so wenig so viel Wissen herausholen können. Faszinierend und noch besser ist, dass du uns das entsprechend vermittelst. Noch ein schönes Silvester (so heißt das hoffentlich auch).

  18. #18 MartinB
    2. Januar 2012

    @Theres
    Ja, normalerweise ist es ja richtig, die mail nach dem Lesen zu löschen.

    Habe aber heute noch ein paar Antworten bekommen, es ist also der Löwe, der wackelt, nicht der Tiger. Ich hatte mich übrigens geirrt: Man muss ihn mit der Unterseite nach unten hinlegen, “the ventral margin has a slight convexity”.

    Es gibt sogar ein paper zur Unterscheidung:
    Christiansen, P. (2008). “Distinguishing skulls of
    lions (Panthera leo) and tigers (Panthera tigris).” Mammalian
    Biology-Zeitschrift fur Saugetierkunde 73(6): 451-456
    Dort wird anscheinend gezeigt, dass das “Wackelkriterium” nicht ganz eindeutig ist.

  19. #19 Boron
    2. Januar 2012

    … und dabei sehen Löwen und Tiger von außen so anders aus.

    Das macht aber nichts, denn beide gehören ja zur gleichen Gattung – wie jetzt auch Torosaurus, Nedoceratops und Triceratops zur gleichen Gattung gehören. Unterscheidung auf Spezies-Level hingegen ist in der Paläontologie tatsächlich nur sehr schwierig nachzuweisen zumal es, wie bereits erwähnt, auch noch Dinge wie Sexualdimorphismus sowie ontogenetische und andere intraspezifische Variation gibt, die eine spezifische Variation überlagern/verschleiern können.

    Die Ergebnisse der knochenhistologischen Untersuchungen bei den o.g. drei Ceratopsier-Taxa finde ich aber durchaus beachtenswert und einleuchtend. Und klar, sobald man einen juvenilen Torosaurus findet kracht die ganze Hypothese zusammen wie ein Kartenhaus. Würde mich aber nach dem derzeitigen Kenntnisstand eher überraschen.

  20. #20 MartinB
    2. Januar 2012

    @Boron
    “Unterscheidung auf Spezies-Level hingegen ist in der Paläontologie tatsächlich nur sehr schwierig nachzuweisen”
    Nun ja, dieses Statement ist mit viel Vorsicht zu genießen: Der Begriff “Gattung” ist ja kein wissenschaftlich sauber definierter. Ob nun Brachiosaurus brancai und B. altithorax zwei Arten oder zwei Gattungen (Giraffatitan) sind, ist letztlich nur eine Frage der Konvention. Biologische Bedeutung haben nur Arten und Kladen. Schönes aktuelles Beispiel: Das Problem der Taufliege Drosophila.

    “Und klar, sobald man einen juvenilen Torosaurus findet kracht die ganze Hypothese zusammen wie ein Kartenhaus.”
    Das ist ja mal das Schöne hier – diese These ist eindeutig falsifizierbar.

  21. #21 Theres
    2. Januar 2012

    @MartinB
    Habe mir die zwei freien Seiten des Papers mal durchgelesen, und schon schön, wie oft die Unterscheidung klappte. Bei Weibchen klappt es nicht so gut, und individuelle Unterschiede können anscheinend groß sein. Und gut, wackelt der Löwenschädel … war nur geraten … Der Gattungsbegriff ist überholt, dachte ich.

  22. #22 MartinB
    2. Januar 2012

    @Theres
    Der Gattungsbegriff wird schon noch verwendet – er ist nur insofern überholt, als man sich darüber im Klaren sein muss, dass “Gattung” nicht sauber wissenschaftlich definiert werden kann.

  23. #23 Theres
    2. Januar 2012

    Okay, wieder was exakt gelernt.
    Aber eine Frage habe ich noch, äh, minimal offtopic und von meiner neugierigen Nichte, die sowieso alles über Dinos besser weiß als ich: Gibt es eine Dinoart, die man von klein bis erwachsen kennt, also von der man ziemlich sicher aus jeder Altersstufe wenigstens einige bezeichnende Knochen oder Versteinerungen hat?
    Das würde mich ebenfalls interessieren, gefunden habe ich auf die Schnelle nichts – und im Voraus ganz herzlichen Dank für die “Rettung” 😉
    (P.S.: Wo endet das Universum war die Herausforderung im letzten Jahr :)

  24. #24 MartinB
    3. Januar 2012

    @Theres
    Musterbeispiel dafür ist meines Wissens Protoceratops, siehe zum Beispiel dieses Bild:
    http://en.wikipedia.org/wiki/File:Protoceratops_growth_series.jpg
    oder hier:
    http://www.jstor.org/pss/1303590
    Die Eier, die man ursprünglich für Protoceratopseier hielt, stammten allerdings in Wahrheit vom Oviraptor – letztes Jahr hat man aber ein echtes Protoceratops-Nest gefunden (wollte ich auch mal drüber bloggen).

    Wenn du mehr Details brauchst, dann kann ich bei der Dino-mailing-Liste anfragen, oder du meldest dich dort kurz selbst an – dann bekommst du mit ziemlicher Sicherheit sehr ausführliche Antworten/Abhandlungen inklusive Literaturliste und allem…

  25. #25 MartinB
    3. Januar 2012

    Ach ja, den Psittacosaurs gibt’s natürlich auch:
    http://en.wikipedia.org/wiki/Psittacosaurus
    “Most different age classes are represented, from hatchling through to adult, which has allowed several detailed studies of Psittacosaurus growth rates and reproductive biology”

  26. #26 Theres
    3. Januar 2012

    Die Rettung!
    Super, ich danke dir herzlich, Martin. An die englische Wikipedia hätte ich selbst denken müssen, wobei ohne die Namen zu kennen zu suchen … und das reicht aus, auch für mich, wegen der Fachworte.

  27. #27 MartinB
    3. Januar 2012

    @Theres
    Null Problemo. Ist das irgendwie ein knobelspiel – jedes Jahr gibt’s ne fiese “Na, kann Theres das beantworten”-Frage?

    Es gibt auch einige Fossilien vom T. rex, allerdings keine ganz jungen, Reicht aber, um eine Wachstumskurve aufzustellen – etwa 10 Jahre wächst er langsam, bis er so etwa eine Tonne schwer ist, dann geht’s schneller, mit 20 ist er etwa ausgewachsen. Ist deswegen interessant, weil es zeigt, dass jugendliche T rexe vielleicht eine eigene ökologische Nische ausfüllten.

  28. #28 Theres
    3. Januar 2012

    @MartinB
    Kein Knobelspiel, eher so ein: Mal sehen, was sie jetzt wieder nicht wissen und ich weiß es – Spiel. (Mein Mann ist auch dran.) Es begann mit endlosen Warum-Fragen und jetzt sind immerhin bei gleich zwei Nenn-Nichten (Tante bin ich nur, wenn ich zu wenig weiß 😉 Naturwissenschaften angesagt. Dinosaurier bei einer – und T- Rex ist ja langweilig, sagte sie. Das mit der eigenen ökologischen Nische halte ich für logisch, allein wegen der Größenunterschiede – außerdem habe ich, wenn ich an T- Rex denke immer Krokodile/Alligatoren im Sinn, und da tun die Jungtiere gut daran, den Großen aus dem Weg zu gehen.
    Jetzt nutze ich deine Geduld aber aus … Stimmt es eigentlich, dass in China die besten “Fanggründe” für Skelette liegen, in der dortigen Wüste? Die letzten großen Funde kamen ja von dort. Und irgendwo und irgendwann, vermutlich während der fernen Schulzeit, hörte ich mal (von einem Chinesen aus dieser Gegend), dass dort sogar Hügel Skelettansammlungen sein könnten. Bin mir nicht mehr sicher, ob die Taklamakan gemeint war.

  29. #29 MartinB
    3. Januar 2012

    @Theres
    “Beste Fanggründe” ist sicher relativ. Liaoning zeichnet sich – ähnlich wie bei uns Eichstätt und Umgebung – dadurch aus, dass die Fossilien dort sehr gut erhalten sind, mit Abdrücken von Federn und allem.
    Was die schiere Menge angeht, weiß ich nicht, ob die mit den amerikanischen mithalten können, da gibt es zum Beispiel das hier:
    http://www.geekosystem.com/largest-dinosaur-bone-bed/
    Ist also wohl ein bisschen eine Frage, was man sucht.

    Von ganzen “Skeletthügeln” habe ich so noch nicht gehört.

  30. #30 Boron
    4. Januar 2012

    @MartinB:

    @Boron
    “Unterscheidung auf Spezies-Level hingegen ist in der Paläontologie tatsächlich nur sehr schwierig nachzuweisen”
    Nun ja, dieses Statement ist mit viel Vorsicht zu genießen: Der Begriff “Gattung” ist ja kein wissenschaftlich sauber definierter. Ob nun Brachiosaurus brancai und B. altithorax zwei Arten oder zwei Gattungen (Giraffatitan) sind, ist letztlich nur eine Frage der Konvention. Biologische Bedeutung haben nur Arten und Kladen. Schönes aktuelles Beispiel: Das Problem der Taufliege Drosophila.

    OK, einigen wir uns darauf, dass in der Paläontologie Art und Gattung gleichermaßen konventionsabhängig sind, wie die Gattung in der Biologie. Ich hab mich oben etwas unklar ausgedrückt und wollte eigentlich auch nur darauf hinaus, dass morphologische Unterschiede, die rezent auf Art-Level klar erkennbar sind, im Fossilbericht meist erhaltungsbedingt fehlen. Was der Paläontologe taxonomisch draus macht, wenn sie doch mal überliefert sind, bleibt natürlich ihm überlassen :-)

    Und richtig, das Brachiosaurus/Giraffatitan-Problem ist ein schönes Beispiel für die quasi-Willkürlichkeit der paläontologischen Low-Level-Systematik: Die Autoren begründen ja ihr Splitting damit, dass die Anzahl der osteologischen Unterschiede zwischen den beiden Brachiosaurus-Arten (wobei ich mir nicht sicher bin, wieviele dieser Unterschiede erhaltungsbedingt sind) in etwa so groß ist, wie die zwischen den beiden Schwestergattungen Barosaurus und Diplodocus. Jetzt könnte ich eigentlich genausogut hergeh’n und sagen: “Tja, dann ist Barosaurus wohl ganz eindeutig ein junior-Synonym von Diplodocus!”

    Zu Dropsophila: Jepp, sowas kommt auch immer wieder vor, dass kladistische Analysen das traditionelle Konzept eines Taxons kippen. Im Falle “Dropsophila” würde ich übrigens die Lösung bevorzugen, die alle Angehörigen jenes Kladums, welches durch den jüngsten gemeinsamen Vorfahren aller Arten der traditionellen Gattung Dropsophila definiert ist, auch als Angehörige dieser Gattung betrachtet (Lösung A in Fig.2 in diesem Artikel).

    @Theres:
    Eine äußerst ergiebige Fundstätte in China scheint auch Zhucheng in der Shandong-Provinz zu sein. Die ist allerdings im Osten des Landes, weit weg von jeder Wüste. Aber auch die Wüsten- und Halbwüstenregionen in China verfügen über Wirbeltierfossillagerstätten (nicht nur Dinos), z.B. die südliche Gobi oder das Ordos-Becken in Nei Mongol oder das Junggar-Becken in Xinjiang. Die Taklamakan im Tarim-Becken (ebenfalls Xinjiang) ist aber offenbar eher ein Mekka für Archäologen.

    Zum “Skeletthügel”: Wirbeltierfossillagerstätten sind i.d.R. entweder lagig (wenn in stehenden Gewässern entstanden) oder linsig (wenn in Fließgewässern entstanden) und solche Horizonte in der Gesteinsabfolge sind i.d.R. nur wenige cm bis dm mächtig. Nun kann es durchaus sein, dass eine solche Lage oder Linse sich zufälligerweise heute dort befindet, wo die landschaftsformenden Prozesse einen Hügel haben (ent-)stehen lassen. Aber dass ein ganzer Hügel aus Wirbeltierfossilien besteht, halte ich aus besagten Gründen für sehr unwahrscheinlich.

  31. #31 MartinB
    4. Januar 2012

    @Boron
    Danke für die Erläuterungen, ich stimme absolut zu. Und danke für die Erklärung zum “Skeletthügel”, das war mir so nicht klar.

  32. #32 Theres
    4. Januar 2012

    Mal gucken, ob ich lange genug Internet habe um einen Kommentar abzusenden …
    @Boron
    Vielen Dank für die Erläuterungen, ganz besonders für die des Skeletthügels, und ich verspreche auch, alle erwähnten Fachworte zu lernen und, falls das klappt, auch anzuwenden. Ich hatte das damals, als zwei chinesische Studenten im Unterricht von ihrem Land erzählten, so verstanden, dass große Skelette die Hügel bildeten (ja, nach Erosion des umliegenden Gesteins oder ähnlichem) und er sprach von Sandhügeln … aber auch davon, dass Paläontologen oder sonstige Wissenschaftler aus dem Westen wohl nie die Erlaubnis zu graben erhalten würden. Möglich klang es, aber es kann genauso gut eine Legende gewesen sein. “Deine” Hügelentstehungsbeschreibung klingt jedenfalls realitätsnäher. Ich forsche morgen noch mal nach (nach diesen Hügeln tue ich das so einmal im Jahr).

  33. #33 Boron
    5. Januar 2012

    @Theres:
    Ah, OK, das ist ja mal was ganz konkretes. Also so ein großes Sauropodenskelett kann schon durchaus als “Erosionsbremse” wirken. Das Skelett selbst nimmt zwar wiederum nur wenige dm in der vertikalen Gesteinsabfolge ein, aber wenn es aus einer relativ ebenen Geländeoberfläche herauswittert, kann das durchaus dazu führen, dass das Material drumherum geringfügig stärker abgetragen wird und das halb herausgewitterte Sauropodenskelett die Kuppe eines ziemlich flachen Hügels bildet. Sobald das Skelett irgendwann mal komplett herausgewittert und erodiert ist, wird der Hügel dann relativ schnell wieder eingeebnet. So oder so ähnlich könnten die chinesischen Studenten das gemeint haben.

    Das mit der Grabungserlaubnis in China ist tatsächlich schwierig, wenn auch nicht unmöglich. Ich meine mich zu entsinnen, dass Oliver Rauhut aus München zu den wenigen glücklichen nicht-chinesichen Paläontologen gehört, die in China selbst graben dürfen/durften.

  34. #34 Theres
    5. Januar 2012

    @Boron
    Rauhut habe ich auch zuerst gefunden, aber er war nicht der einzige, außerdem sieht es so aus, als wären die chinesischen Paläontologen äußerst erfolgreich. Sie veröffentlichen viel, und haben schließlich ein riesiges Land, in dem es jede Menge Fossilien geben muss, wenn man nur danach sucht (an den richtigen Stellen). Zhucheng, das Foto sieht wirklich umwerfend aus!
    Ich fand noch etwas, aus der Wüste Gobi, http://www.g-o.de/wissen-aktuell-9641-2009-03-16.html – und lese mich noch durch ein paar Quellen, soweit ich die Zeit dazu finde. Herzlichen Dank für die Erklärung, wie solche Hügel zustande kommen können. Klingt logisch, und sieht wahrscheinlich umwerfend aus.
    So wie es aussieht, wurde aber auch in der Sahara etwas Spektakuläres gefunden … und das muss ich jetzt durchlesen 😉

  35. #35 MartinB
    5. Januar 2012

    @Theres
    Du solltest dich vielleicht wirklich mal auf der Dino-Mailing-Liste anmelden, da kannst du Fragen dieser Art direkt von Experten beantwortet bekommen.

  36. #36 Theres
    5. Januar 2012

    @MartinB
    Ja, werde ich machen.

  37. #37 Ben
    14. Februar 2012

    TedTalk dazu: