In der oberen Jura-Zeit war Niedersachsen von einem Meer mit zahlreichen kleinen Inseln bedeckt. Da, wo heute der Harz liegt, lebte damals ein Zwerg-Dino namens Europasaurus. Europasaurus war ein Verwandter des gigantischen Brachiosaurus, war aber mit einer Körperlänge von so etwa 6 Metern eigentlich eher ein Zwerg – hier ein Vergleich der beiden Schädel:

Europasaurus und Giraffatitan skulls.jpg
Europasaurus und Giraffatitan skulls“ von Nils Knötschke – Nils Knötschke. Lizenziert unter CC BY-SA 2.5 über Wikimedia Commons.

Dass sich auf Inseln Zwergformen von eigentlich größeren Tierarten ausbilden, ist nichts ungewöhnliches – man kennt Zwergelefanten, die zum Beispiel auf Sizilien und Malta lebten, und nur eine Schulterhöhe von einem Meter erreichten, oder auch Zwergflusspferde oder den berühmten “Hobbit” Homo floresiensis.

Nur wenige Meter oberhalb der Ablagerungen, in denen man Europasaurus gefunden hat, findet man einige fossile Fußspuren. Diese Spuren sind vergleichsweise groß –  die einzelnen Fußabdrücke haben Längen von etwa 50 Zentimetern. Einige dieser Fußspuren sind im Dinopark Münchehagen zu sehen, von anderen dagegen gibt es nur Fotos, da anscheinend der entsprechende Steinbruch immer noch verwendet wird und die Spuren inzwischen verloren sind.

Mithilfe moderner Foto-Rekonstruktionstechniken ist es aber möglich, die Spuren aus Fotos detailliert zu rekonstruieren. (Als ich vor ein paar Jahren auf der Dino-Spuren-Konferenz war, hat mir Peter Falkingham diese Technik gezeigt, mit der aus ein paar Bilde, die aus unterschiedlichen Winkeln aufgenommen wurden, sogar dreidimensionale Rekonstruktionen möglich sind.Ziemlich cool…) Dieses Bild hier zeigt links drei Fotos, aus denen die Rekonstruktion rechts oben berechnet wurde (rechts unten ein noch schlechter aufgelöstes Bild eines anderen Abdrucks):

langenberg1

Aus Lallensack et al., s.u.

Wie ihr sehen könnt, gehören die Fußspuren zu einem dreizehigen Dinosaurier – so etwas ist entweder ein Raubsaurier oder ein Ornithopode (also Dinos wie der berühmte Iguanodon uns seine Verwandten). Um zwischen diesen beiden Möglichkeiten zu unterscheiden, muss man die Spuren im Detail analysieren (wie man das tut, habe ich im Zusammenhang mit besagter Konferenz ein bisschen erklärt).Dabei zeigt sich ziemlich eindeutig, dass es sich um die Spuren von Raubsauriern gehandelt hat.

Ein Raubsaurier mit einer Fußlänge von etwa 50cm dürfte allerdings nicht zu den Zwergdinos zählen – als Faustformel für die Hüfthöhe eines Dinos gilt “Fußlänge mal vier” – ein solcher Raubsaurier hatte also eine Hüfthöhe von etwa 2 Metern und dürfte damit etwa 8 Meter lang gewesen sein.

Wie gesagt finden sich diese Fußspuren oberhalb der Europasaurus-Fossilien, sie sind also jünger (und zwar um etwa 35000 Jahre, wie man anhand der Schichtdicken und der Raten, mit denen sich entsprechende Sedimente ablagern, berecnen kann). Und in Schichten, die noch weiter oben liegen, findet man auch keine Knochen oder sonstigen Fossilien des Europasaurus mehr. Es liegt also nahe, anzunehmen, dass – beispielsweise durch eine Änderung des Meeresspiegels – große Raubsaurier plötzlich Zugang zu den Inseln gefunden haben, auf denen vorher der kleine Europasaurus lebte, und dass diese Raubsaurier mit dem Europasaurus halbwegs kurzen Prozess gemacht haben. Wie ihr seht ist der etwas reißerisch klingende Titel des Textes hier gerechtfertigt – in Wissenschaftsprosa liest sich das Ganze natürlich etwas trockener: “It is plausible that such a faunal interchange would have eliminated a specialized dwarfed island fauna. ”

Entsprechend nimmt diese Überlegung auch nur einen sehr kleinen Teil der Veröffentlichugn ein, über die ich hier schreibe. Ein guter Teil beschäftigt sich mit der Technik der Spuren-Rekonstruktion aus den Fotos und mit einer detaillierten Beschreibung und Analyse der einzelnen Spuren, die aus 20 einzelnen Abdrücken bestand, so wie es sich für ein echtes Dino-paper gehört: viele Fakten und Messdaten, und ein kleines bisschen gut begründete Spekulation.

Eigentlich könnte die Arbeit damit zu Ende sein, aber stattdessen werden die Visiere heruntergeklappt und es fliegen die Fetzen – die letzten 5 Seiten des papers sind eine Abrechnung mit einer Veröffentlichung aus dem Jahr 2011, in der anscheinend versucht wurde zu argumentieren, dass die vielen Dinospuren, die man in Norddeutschland findet, von Dinos stammen, die extrem eng mit denen aus Nordamerika verwandt sind und dass es damals deswegen Wanderbewegungen zwischen Nordamerika und Europa gegeben haben muss.

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Kommentare (6)

  1. #1 RainerM
    29. Juni 2015

    Die Theropodenfährten ähneln ja sehr denen in Barkhausen, ebenfalls aus dem mittleren Kimmeridgium, nur dass die noch grösser sind (angeblich 63 cm Durchmesser). Wäre es eigentlich vermessen, anzunehmen, dass die zur selben Art gehören?

  2. #2 MartinB
    29. Juni 2015

    @RainerM
    Im paper steht:
    ” In conclusion, the Langenberg tracks are more similar to the tridactyl tracks from Barkhausen than to Megalosauripus as defined by Lockley et al. (1998a). However, DFMMh/FV 645 from the Langenberg also closely resembles tracks from Portugal and Spain identified by Lockley et al. (1998a) in showing an elongated, distally tapering heel impression and irregular digit impressions.”
    Wenn ich es richtig sehe, hält sich das paper sehr darin zurück, die neuen Spuren eindeutig einer existierenden Spurenart zuzuordnen.
    So oder so dürfte der Dino, der die Spuren gemacht hat, aber dem aus Barkhausen ähnlich gewesen sein.

  3. #3 RainerM
    29. Juni 2015

    Danke für die Info! Ich hab mir dann doch mal das paper von Langensack et al. durchgesehen. Hab zwar eher wenig mit Paläontologie am Hut, aber ich stamme aus der Nähe von Barkhausen und kenne die dortigen Fährten ziemlich gut. Da bringe ich mich gerne mal auf den neuesten Stand.

  4. #4 Artur57
    2. Juli 2015

    Nun ist es ja so, dass das wechselwarme Tier in verschiedenen Temperaturzonen verschieden groß wird. In den Tropen beispielsweise sind Schmetterlinge, die bei uns Mokkatassengröße haben, so eine Art fliegende Zeitungen.

    Insbesondere bei der unlängst gefundenen Titanboa kam der Einfluss der Temperatur wieder ins Spiel:

    http://www.spektrum.de/news/monster-im-treibhaus/980718

    Dieses Tier ist quasi identisch mit der heute noch lebenden Anaconda und damit es diese riesigen Ausmaße erreichen konnte, hat man errechnet, dass die Temperaturen damals um sechs Grad über der heutigen gelegen haben muss.

    Es könnte sich also auch hier um eine identische Tierart handeln, die in verschiedenen Klimazonen verschieden groß wird. Was allerdings nirgends erklärt wird: warum braucht denn das größere Tier eine höhere Körpertemperatur?

  5. #5 MartinB
    2. Juli 2015

    @Artur57
    Zunächst mal gehen die meisten Forscherinnen heute davon aus, dass Dinos nicht wechselwarm waren, sondern eher gleichwarm.
    Den genauen Hintergrund der im Artikel zitierten Faustformel kenne ich nicht, laut Wikipedia soll sich das dadurch ergeben, dass große Tiere schneller wachsen und deswegen auch eine höhere Körpertemperatur haben. Ich bin da etwas skeptisch, und die englische Wiki-Seite auch:
    https://en.wikipedia.org/wiki/Titanoboa#Climate

  6. […] etwas über das Verhalten der Dinos ablesen. (Mehr über Dinospuren findet ihr auch hier, hier, hier, hier, hier und meinen eigenen kleinen Forschungsbeitrag hier – hmm, anscheinend finde ich […]