Gleich zwei fantastische Dino-Fossilien sorgten diese Woche für Aufsehen: Am Montag ein Mini-Tyrannosaurier, am Donnerstag dann ein enger Verwandter von Yi qi, der “Dino-Bat out of hell“. (Achtung, der Ausruck “Dino-Bat” ist anscheinend von mir, jedenfalls habe ich ihn sonst nirgends gefunden…)

Der neue Taschen-T.rex heißt Suskityrannus hazelae. “Suski” ist das Zuni-Wort für Koyote, “tyrannus” ist wohl selbsterklärend, und “hazelae” ist der Vorname von Hazel Wolfe, die sich um die Fundstelle verdient gemacht hat. Das Fossil von Suskityrannus ist tatsächlich schon recht alt, es wurde bereits Ende der 90er Jahre gefunden und damals als Dromaeosaurier eingestuft (also ein enger Verwandter von Velociraptor, Deinonychus et al.), aber nicht detailliert beschrieben, das ist erst jetzt passiert. Hier ein schönes Skelettbild von Wikipedia:

Zuni Tyrannosaur.jpg
By ★Kumiko★ from Tokyo, Japan – Zuni Tyrannosaur, CC BY-SA 2.0, Link

Suskityrannus lebte vor 92 Millionen Jahren, also weit vor T. rex (68-66 Mio. Jahre). Das Tier war zum Todeszeitpuntk noch nicht ausgewachsen, wie man an der Knochenstruktur sehen kann, aber eine Analyse der Knochenstruktur zeigt, dass es vermutlich nicht sehr viel größer werden würde und nicht wie T. rex im Alter von etwa 10 Jahren einen gigantischen Wachstsumsschub bekommen würde.

Tyrannosaurus und seine Verwandten sind natürlich zunächst mal einfach deshalb interessant, weil T. rex der Dinosaurier schlechthin ist – deswegen muss ja auch jeder Zeitungsartikel zum Thema Dinos irgendwie “T. rex” im Titel haben, egal um welche Dinos es geht. Aber evolutionär sind Tyrannosaurier auch ziemlich interessant: Sie sind ja eng verwandt mit anderen sogenannten “Coelurosauriern”, also eher kleinen und grazilen Raubsauriern, wie beispielsweise auch Velociraptor. Die Gruppe der Tyrannosaurier gab es schon in der Jurazeit, aber sie warten eben sehr lange zeit klein und wurden dann erst in der Mitte und zum Ende der Kreidezeit hin zu den beliebten Riesen-Raubsauriern wie Gorgosaurus, Daspletosaurus und Tyrannosaurus. Es ist also durchaus interessant zu sehen, wie genau der Wechsel von den kleinen Mini-Tyrannen zu den späteren Riesen eigentlich passiert. Und in diese Lücke passt Suskityrannus

Suskityrannus selbst ist noch eher klein – eben ungefähr so groß wie ein Koyote (aber natürlich wesentlich interessanter als so ein langweiliges Säugetier – pffft). Er hatte aber schon einige Merkmale entwickelt, die man auch bei den späteren Tyrannosauridae (um mal einen fachausdruck zu verwenden, statt immer plakativ von “Riesen” zu schreiben) finden konnte. Dazu gehört beispielsweise die spezielle Struktur der Mittelfußknochen. Beim T. rex waren der mittlere der drei Mittelfußknochen zwischen den beiden äußeren sozusagen “eingeklemmt”. Das Bild hier zeigt links den Fuß eines T. rex im Vergleich mit einem Allosaurus-Fuß rechts.

T. rex versus A. atrox feet.JPG
By Ballista & James St. JohnFile:T. rex right hind foot (lat).JPG & File:Allosaurus atrox Cleveland-Lloyd Quarry.jpg, CC BY-SA 2.0, Link

Ihr könnt deutlich sehen, dass der mittlere der drei Knochen beim T. rex zusammengedrückt erscheint. Man geht davon aus, dass beim Laufen die Hauptlast auf dem mittleren (dritten) Zeh liegt, und der zusammengpresste Mittelfußknochen könnte dann zwischen den anderen quasi als “Schockabsorber” eingeklemmt gewesen sein, um die Kräfte gleichmäßiger zu verteilen (da muss man sich natürlich stabilisierende Bänder usw. dazudenken, die man an den Knochen nicht sieht). Diese Struktur findet man bei vielen Coelurosauriern, sie hat sich aber vermutlich mehrfach entwickelt. Bei den Tyrannosauriern hat jedenfalls Suskityrannus auch einen solchen Mittelfußknochen, während frühere Formen wie Dilong so etwas nicht hatten

Eine andere Eigenschaft der großen Tyrannos, die man auch bei Syskityrannus findet, ist die Schnauzenform. Die ist Beim T. rex ja eher u-förmig, so dass es vorne eine Reihe von nebeneinanderstehenden Zähnen gibt, mit denen der T. rex vermutlich Fleisch gut vom Knochen abknabbern konnte:

Sue TRex Skull Full Frontal.JPG
By ScottRobertAnselmoOwn work, CC BY-SA 3.0, Link

Auch diese Form findet sich schon bei Suskityrannus. Wenn man annimmt, dass Entwicklungen wie der besondere Mittelfußknochen es den Tyrannosauriern leichter machten, groß zu werden, dann zeigt Suskityrannus also, dass zumindest einige dieser Strukturen evolutionär schon vorhanden waren, bevor die Größenzunahme anfing.

Ambopteryx longibrachium heißt der neu entdeckte Cousin von Yi qi. Auf deutsch bedeutet der Name so etwa “langarmiger Zweiflügler”, was auch ganz gut passt. Der Arm ist tatsächlich vergleichsweise lang (im paper steht in typischer Wissenschaftsschreibe “The forelimb is gracile and markedly elongate … with an intermembral index ((humerus + ulna)/ (femur + tibia)) of about 1.3”, Ober- und Unterarm zusammen sind also deutlich länger als Ober- und Unterschenkel.). Genau wie bei Yi qi hat auch Ambopteryx ein “styliform element” – einen Knochenfortsatz am Handgelenk, der eine Membran stütze, die im Fossil auch zu sehen ist. Federn hatte Ambopteryx aber auch, auch die sind fossil gut erhalten.

Hier mal ein Blick auf eine Rekonstruktion des Fundes (im paper ist das Bild seltsamerweise um 90 Grad gedreht…)

Bild aus dem supplemental material zu Wang et al. (s.u.)

Ambopteryx ist klein, das Gewicht wird auf etwa 300 Gramm geschätzt.

Anders als Yi qi hat Ambopteryx keinen ganz richtigen Schwanz mehr (der war bei Yi qi auch schon kurz), denn die letzten Schwanzwirbel sind zu einem “Knubbel” verschmolzen (vornehm heißt das “Pygostyl”), so ähnlich wie auch bei heutigen Vögeln. Damit dürfte (das steht nicht im paper, halte ich aber für zwingend) der Schwerpunkt ziemlich weit vorn gelegen haben. In der Skelettrekonstruktion sieht es so aus, als würde Ambopteryx sich auf seinen langen dritten Finger stützen, aber das erscheint mir nicht so plausibel. Ich würde eher annehmen, dass Ambopteryx, so wie es auch heutige Vögel tun, den Oberschenkel eher horizontal hielt (so 30-45° geneigt) und damit den Fuß nach vorn unter den Schwerpunkt brachte.

Hier (da ich keine Ahnung habe, wie Urheberrecht beim Einbinden von Twitter-Bildern geht, setze ich nur nen link…) findet ihr eine schöne Rekonstruktion von Ambopteryx, wo das Tier auch wesentlich vogelartiger aussieht als in den meisten anderen Bildern, die in den Medien kursieren, da sitzt der hintere Ambopteryx auch wie ein Vogel. (Die meisten anderen Bilder zeigen das Tier im Flug, beim Abspringen oder schnellen Laufen wo das mit dem Schwerpunkt nicht so auffällt…)

Was lernen wir noch von Ambopteryx? Er gehört zur Gruppe der Scansoriopterygidae, zusammen mit Yi qi, Epidexipteryx, Scansoriopteryx. Bisher hatte man bei Scansoriopteryx angenommen, dass die langen Finger dazu dienen, Larven aus Löchern in Bäumen herauszufingern (so wie es das “Fingertier” Aye-Aye macht), aber wenn Yi qi und Ambopteryx beide eine Membran an den Fingern sitzen hatten, dann möglicherweise auch die anderen nahen Verwandten aus dieser Gruppe. Die Scansoriopterygidae zeichen sich – wie eine detaillierte Analyse zeigt – auch dadurch aus, dass sie zwar sehr lange Vorderbeine hatten, aber vergleichsweise kurze Handwurzelknochen. Dafür sind die Finger – insbesondere Finger 3 – besonders lang. Vermutlich liegt das an der Membran, die eine andere Flügelgeometrie erfordert. Wie genau die Flügel funktionierten, wie gut Ambopteryx oder Yi qi fliegen oder gleiten konnten, ist aber noch unklar.

Quellen

Nesbitt et al. , Nature ecology&evolution, 2019, https://doi.org/10.1038/s41559-019-0888-0

Wang et al., Nature vol 569, 9 May 2019, p. 256ff + suppl. material

Kommentare (13)

  1. #1 RPGNo1
    12. Mai 2019

    Was die Dinofledermaus angeht, wiederhole ich gerne meinen Kommentar, den ich drüben bei Bettina gebracht habe. SÜSS! 😀

    https://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/forscher-finden-bizarren-fledermausfluegel-saurier-a-1266124.html

  2. #2 RPGNo1
    14. Mai 2019

    Die spannenden Entdeckungen gehen weiter. Im Altmühltal bei Regensburg wurde ein Zeitgenosse des Archaeopteryx entdeckt.
    https://elifesciences.org/articles/43789

  3. #3 MartinB
    http://scienceblogs.de/hier-wohnen-drachen
    14. Mai 2019

    Interessant. Ob die kleinen Unterschiede das Errichten eines neuen Gattungsnamen wirklich rechtfertigen, scheint mir aber zumindest fraglich.

  4. #4 Der seltsame Quark
    14. Mai 2019

    Dazu heute in der Bilderstrecke auf tagesschau.de folgende Bildunterschrift:

    Bisher ist man davon ausgegangen, dass der Archaeopteryx der einzige flugfähige Urvogel ist.

    Wir brauchen mehr Dino-Blogbeiträge fürs Allgemeinwissen der Allgemeinheit 😉

  5. #5 MartinB
    http://scienceblogs.de/hier-wohnen-drachen
    14. Mai 2019

    @Der seltsame Quark
    Tja, die tagesschau-Leute sollten mal meinen Blog lesen, dann hätten sie auch von Anchiornis, Xiaotingia etc. gehört. Wobei nach dem Kladogramm natürlich Archaeopteryx (und jetzt Alcmonavis) die nächsten Verwandten von (Confuciusornis + Sapeorns) sind; je nachdem, wie genau man “Urvogel” definieren will, haben sie also vielleicht sogar recht…

  6. #6 Der seltsame Quark
    15. Mai 2019

    sollten mal meinen Blog lesen

    genau dass hab ich ja mit meinem Post gemeint 😉

    Wobei nach dem Kladogramm […] je nachdem, wie genau man “Urvogel” definieren will, haben sie also vielleicht sogar recht…

    Da hast du natürlich recht und nachdem ich in @RPGNo1 Link reingeschaut hatte ist mir auch aufgefallen dass man das so sehen kann, aber du kannst dem durchschnittlichen tageschau.de Leser nicht mit sowas komischem wie Kladogrammen kommen (wenn ich böse sein wollte würde ich sagen dass das Bildungsniveau dort seit Jahren exponentiell sinkt (obwohl, wenn man in die Kommentarspalten reinschaut ist es wohl eher traurige Wahrheit als böse)) und da klingt so ein Satz dann schon so als wäre Archaeopteryx das Einzige gewesen dass bis zur Erfindung der Brieftaube (oder -eule) durch die Lüfte geflogen ist.

  7. #7 MartinB
    15. Mai 2019

    @SeltsamerQuark
    Ja, klar, solche technisch halbwegs korrekten aber für Laien total irreführenden Erklärungen taugen in so einem Medium nichts. Aber es ist natürlich problematisch, wenn man einerseits eine Sensation verkaufen will, aber andererseits gar nicht das Wissen voraussetzen kann, dass man braucht, um zu verstehen, warum der neue Fund interessant ist. Ein typisches Problem des Wissenschaftsjournalismus’.

  8. #8 Der Seltsame Quark
    16. Mai 2019

    Genau da liegt meiner Meinung nach das Problem. Man muss nicht immer alles als Sensation verkaufen.
    Die Meldung “neuer fliegender Dinosaurier entdeckt” ist doch schon für sich interessant genug.
    Selbst wenn es wirklich so wäre dass wir außer Archaeopteryx noch keinen anderen gefiederten/flugfähigen Dino gefunden hätten, wäre doch klar dass es weitere gegeben haben muss (außer vlt. für Kreationisten ;-)). Daher ist vielleicht der Fund eines weiteren sensationell (für mich eher nur eine Frage der Zeit) aber sicher nicht die Existenz. Ich glaube dass war es was mir an dem Satz so aufgestoßen ist.

  9. #9 MartinB
    16. Mai 2019

    @DerSeltsameQuark
    Ich gebe dir völlig recht, aber ich fürchte, die journalistische Realität sieht anders aus. Angesichts der Unmenge verfügbarer Informationen werden Schlagzeilen eben übertrieben formuliert, in der Hoffnung, Aufmerksamkeit zu erregen.

  10. #10 Ursula
    22. Mai 2019

    Vielleicht auch interessant?
    https://science.orf.at/stories/2982922/ – neue Saurierart in Wiener Museum
    Falls nicht interessant genug, dann bitte als Bemühung meinerseits werten, mal irgendeine positive Nachricht aus Österreich zu bringen. 😉

  11. #11 MartinB
    22. Mai 2019

    @Ursula
    Phytosaurier sind auf jeden Fall cool.
    War irgendwas besonderes in Österreich?

  12. #12 RPGNo1
    22. Mai 2019

    @MartinB
    Ibiza-Affäre? 😉

  13. #13 MartinB
    23. Mai 2019

    @RPGNo1
    Hätte ich nen Smiley dazumalen sollen?