ScienceBlogs-Leserin “Vogel” hat eine besorgte Frage, die sie seit ein paar Tagen beschäftigt:

Mein Partner und ich waren vor ein paar Tagen gemeinsam mit unserer kleinen Tochter (7 Monate alt) in der Nähe (ca 500m – 1km entfernt) eines Atomkraftwerks spazieren und haben uns dort in der unmittelbaren Nähe für ca. 2 Stunden aufgehalten. Nun habe ich gelesen, dass die Strahlung vor allem bei kleinen Kindern das Krebs-/Leukämie Risiko erhöht. Da von den Atomkraftwerken ständig Strahlung abgegeben wird, frage ich mich, ob das jetzt schon zu viel Strahlung war und ob von diesem einmaligen Aufenthalt eine Gefahr ausgehen könnte? Oder wie stark ist die Strahlenbelastung in unmittelbarer Nähe und wie lange geht es, bis die jetzt vorhandene Strahlung im Körper wieder abgebaut wird?

Ich bin gespannt auf Ihre Antwort!

Kommentare (22)

  1. #1 der Holger
    6. Januar 2020

    hier (ist aber nur wikipedia) eine Übersicht:

    https://de.wikipedia.org/wiki/Strahlenexposition

    es ist wohl gefährlicher sich in bestimmten Orten einfach so in der natürlichen Umwelt aufzuhalten durch die natürliche Strahlung.

    aber noch gefährlicher ist es aus diesem Grund Panikattaken zu kriegen.

  2. #2 Christian Berger
    6. Januar 2020

    Aus dem hohlen Kopf heraus würde ich sagen, dass das nicht wirklich was ausmachen sollte. Allerdings geht hier Messen vor Raten.

    Man könnte aber auch die Grenzwerte für Strahlungsexposition von Arbeitern in solchen Anlagen als Orientierung hinzu ziehen.
    https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%84quivalentdosis#Gr%C3%B6%C3%9Fenordnung_der_Ortsdosisleistung
    Sprich da wo sich noch Leute regelmäßig aufhalten dürfen herrscht maximal 3µSv/h somit 6µSv bei diesem Ausflug.

    Zur Einordnung gibts das hier:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Gr%C3%B6%C3%9Fenordnung_(%C3%84quivalentdosis)

  3. #3 Dirk Hartmann
    6. Januar 2020

    Ich ziehe mal diesen Chart zu Rat

    https://xkcd.com/radiation/

    Entscheidend für nur kurzzeitiges Verweilen in der Nähe eines Kraftwerks sollte hauptsächlich nur die Emission durch die Abluft sein.
    Laut den Messwerten etwa des AKW Grohnde 2016 liegt die für Kinder bei 2 µSv per Jahr

    https://www.umwelt.niedersachsen.de/startseite/themen/atomaufsicht_amp_strahlenschutz/radioaktivitat_strahlung/uberwachung_kerntechnischer_anlagen/emissionsuberwachung_abluft/emissionsueberwachung-abluft-89432.html

    Das wiederum bedeutet selbst wenn das Kind in den zwei Stunden die komplette Jahresdosis bekommen hätte, entspräche dies einer Belastung im Äquivalent von 20 Bananen.

  4. #4 Herr Senf
    6. Januar 2020

    Ein Spaziergang um ein Kohlekraftwerk drumrum wäre eher ungemütlicher.
    Nach Abschaltung der Atomkraftwerke in Deutschland hat sich die “Krankheitsrate”
    durch Steinkohle deutlich erhöht, weil deren Emissionen wieder mehr wurden.

  5. #5 tohuwabohu
    6. Januar 2020

    Jede (auch geringe) Strahlenbelastung kann eine Schädigung nach sich ziehen.  Allerdings kann man später keinen Nachweis führen was z.B. der tatsächliche Auslöser einer Krebserkrankung war.  Da der Organismus auch über ein “Reparatursystem” verfügt, könnte es auch sein, dass eine Schädigung folgenlos bleibt, während eine andere eine Erkrankung auslöst.  So kann man nur folgern, dass jede Mehrbelastung auch zu einer höheren Wahrscheinlichkeit führt, später zu erkanken.
    Grundsätzlich kann man aber vielen Belastungen kaum ausweichen.  Genausogut kann z.B. ein winziger eingeatmeter Asbest-Partikel erst nach vielen Jahren einen Lungenkrebs auslösen.  Wer aus Angst vor kosmischer Höhenstrahlung in den Keller geht, läuft dort Gefahr mit radioaktiven Radon in Kontakt zu kommen.
    Es bleibst dabei: Das Leben ansich ist gefährlich und endet immer mit dem Tod.  Wer deshalb z.B. nicht spazieren geht, kann dabei nicht stürzen und sich den Arm brechen – er kann stattdessen zu Hause stolpern und sich so den Arm brechen.
    Ein Kernkraftwerk gibt nur wenig Strahlung in die Umwelt ab und sollte auch kaum radioaktiven Partikel emittieren.  Gefährlich sind vor allem radioaktive Partikel, wenn diese vom Organismus aufgenommen´und eingelagert werden, da sie dann durch die Strahlung das unmittelbar benachbarte Gewebe schädigen.  Beim Spaziergang ist die UV-Strahlung (neben der Möglichkeit einen Unfall zu erleiden) eine weitere Gefahr, die (erst nach Jahrzehnten) zu Hautkrebs führen kann.  Auf der anderen Seite ist Bewegungsarmut ungesund, also doch lieber ‘raus an die Luft.

  6. #6 wereatheist
    Berlin
    6. Januar 2020

    wie lange geht es, bis die jetzt vorhandene Strahlung im Körper wieder abgebaut wird?

    Das ist sofort weg, weil es sich nicht um transmutierende Strahlung handelt.

  7. #7 bote
    7. Januar 2020

    Erstmal, Strahlung kann nicht abgebaut werden. Die Strahlung hat als Ursache eine rad. Substanz z.B. rad. Jod.131. Erst wenn das aus dem Körper ausgeschieden ist, verringert sich die Strahlung.
    Bei Schilddrüsenerkrankungen wird das verabreicht, damit man auf dem Röntgenbild sieht, wie die Schildrüse arbeitet.Dieses Jod hat eine Halbwertzeit von 8 Tagen. Wenn so ein Patient einen Raum betritt, dann schlägt der Geigerzähler Alarm, weil die Atemluft des Patienten radioaktiv ist. Jede andere Person im Raum atmet dies ein. Deshalb sind hier Grenzwerte zu beachten.
    Was hat das jetzt mit dem KKW zu tun ? Das KKW arbeitet nicht 100 % emmisionsfrei, es gibt rad. Nuklide an die Umwelt ab. Die sind allerdings sehr gering, aber ausschließen lässt es sich nicht, dass gerade ein Besucher geringe Mengen rad. Nuklide aufnimmt.
    Wer sicher gehen will, der sollte einen Geigerzähler bei sich führen, kleine Geräte gibt es ab 500 €.
    KKW-Tourismus ist also nicht ratsam.

  8. #8 Ingo
    7. Januar 2020

    Gegenfrage:
    Was ist wahrscheinlicher:

    1) Es gibt eine bekante Gesundheitsgefährdung von AKKs im Normalbetrieb, und alle Behoerden, Techniker, Wissenschaftler und Verantwortlichen haben sich verschworen. Alle von den mehreren tausend Leuten halten Dicht, und niemand hat jemals etwas gesagt, und niemand hat sich jemals ausversehn verplappert. Und mehrere hunderttausend Leute wohnen unwissend unter ständigen Krebsrisiko um die AKKs.

    oder

    2) Es gibt im Normalbetrieb tatsaechlich keine bekannte gesundheitsgefährliche Strahlung

    Nicht falschverstehen: Wir sollten trotzdem mit AKKs aufhoren,- aber aus anderen Gruenden.
    1) Wir wissen nicht wohin mit dem Muell
    2) Wenns Kracht, dann krachts richtig. (Das haette man dann aber nach dem Spaziergang erfahren)

  9. #9 bote
    7. Januar 2020

    Ingo,
    so einfach geht es nicht. Der Begriff “gesundheitsgefährlich” ist nur über Grenzwerte zu definieren. Radiaktiv oder nicht radioaktiv , das gibt es nicht. Unsere Umwelt gibt radioaktive Strahlung ab, man nennt das beim Geigerzähler den Nulleffekt.
    Bei uns hier in S tickt der Geigerzähler etwa 16x pro Minute. Dem kann man nicht entkommen.
    Wenn du auf den Katzenbuckel bei Eberbach ziehst, dann ist die natürliche Strahlenbelastung doppelt so hoch. Wenn du Rekorde magst, da ziehe nach Jersey im Ärmelkanal. Pikanterweise ist das ein Steuerparadies, dort wohnen hauptsächlich Millionäre. Ein Haus unter 4 Millionen € wirst du kaum finden.
    Eine weitere Entscheidungshilfe:
    Mitarbeiter eines KKWs tragen Dosimeterplaketten. Warum wohl?

  10. #10 Ingo
    7. Januar 2020

    @bote #9
    Natuerlich ist klar, dass es hier um einen verlauf geht,- und nicht um ein sprunghaftes “hier ist es total harmlos,- und “hier ist es ploetzlich lebensgefaehrlich”

    Die urspruengliche Frage bezog sich aber ja nur auf einen 2h-Aufenthalt in der Umgebung eines Krenkraftweks.
    Also nicht direkt am Reaktor,- und auch nicht ein Leben lang,- sondern nur 2h in einer Entfernung von 1/2km.
    Ich denke da kann man dann schon von “harmlos” sprechen. Unterscheidungen zwischen 2/3harmlos und 2.5/3harmlos gehen dann wirklich im Rauschen unter.

    Vermutlich waere ein Aufenthalt im Schwarzwald (=Region mit hoher natuerlicher Strahlung) da schon problematischer,- und selbst dort sollte es harmlos sein.

    Wo bleiben eigentlich die Leute die in solchen zusammenhaengen gerne in Bananeneinheiten umrechnen? (Banannen reichern im geringen Massen natuerliche strahlende Substanzen an,- und dort bekommt auch niemand Angst, wenn ein Bananenlaster vorbei fährt)

  11. #11 tomtoo
    7. Januar 2020

    @bote
    “…Mitarbeiter eines KKWs tragen Dosimeterplaketten. Warum wohl?…”

    Weil die sich innerhalb einer Meterdicken Schutzwand befinden, und nicht auserhalb??
    Weil die Bereiche betreten in denen es erhöhte Strahlung gibt?

  12. #12 bote
    7. Januar 2020

    Ingo,
    ein kurzzeitiger Besuch eines KKW erhöht sicher nicht die jährliche Stralenbelastung.
    Im Umkreis von 1,5 km hätte ich auch keine Bedenken.

    Immer dort wohnen, das ist wie das Wohnen in der Nähe eines Vulkanes. Am Ätna z.B. hat sich die Besiedelung schon auf das Lavafeld ausgedehnt.
    Die Leute haben alle Gottvertrauen.

  13. #13 Karl-Heinz
    7. Januar 2020

    @tomtoo

    Du argumentierst viel besser als bote. 😉

  14. #14 bote
    7. Januar 2020

    Karl_Heinz
    der Daimler Konzern wird gerade von etwa 250 Aktionären verklagt, weil er eine falsche Risikoabschätzung vorgenommen hat.
    Es ist also fast immer richtig ein Risiko anzunehmen.
    tomtoo ist ein Sorglosvogel, der glaubt erst an ein Risiko im Innern.

  15. #15 tomtoo
    7. Januar 2020

    @K-H
    Ich will garnicht argumentieren. Ich bin fürwahr kein großer Freund von AKW’s. Aber ich bin ein freund von rationaler Betrachtung. Die Frage “muss ich mir Sorgen machen weil ich zwei Stunden neben einem AKW im normalbetrieb war” würde ich mal mit einem klaren “Nein” beantworten. Die Frage müsste ich mir sorgen machen weil ich zwei Stunden den Dachlöscharbeiten in Tschernobyl zugeschaut habe, würde ich mit einem klaren “Ja” beantworten. Zu einer allgemeinen irrationalen Verunsicherung beizutragen halte ich nicht für Sinnvoll. ; )

  16. #16 Gerhard
    Uppsala
    7. Januar 2020

    Gemäß der deutschen Strahlenschutzverordnung darf die Strahlenbelastung aus nicht natürlichen Quellen für die allgemeine Bevölkerung 1 mSv (Millisievert) pro Jahr nicht überschreiten. Da die allgemeine Bevölkerung üblicherweise ungehindert bis an den Zaun des KKW herangehen kann, darf dieser Wert dort nicht überschritten werden.
    Bei einem zweistündigen Aufenthalt direkt am Zaun des KKW dürftet ihr also maximal einer Dosis von ca. 0,2 µSv (Mikrosievert) ausgesetzt gewesen sein. Dies entspricht in etwa der Dosis, die man während einer Flugreise in einem Verkehrsflugzeug in 10 km Höhe innerhalb von 3 Minuten abbekommt.

  17. #17 bote
    7. Januar 2020

    Bei Risikoabschätzungen kann man von Grenzwerten ausgehen, man kann von statistischen Werten ausgehen, man muss aber auch von menschlichem Versagen ausgehen.
    Was den Spaziergang der Frau Vogel ausgeht, da wäre Entwarnung angesagt. Der Vergleich von Flugreisen mit der Strahlenbelastung am Zaun eines KKW geht eindeutig in Richtung Entwarnung.
    Wie gesagt, die Schwachstelle bei allen technischen Geräten ist der Mensch. Wie der Dieselskandal gezeigt hat, wurde die Software manipuliert um ein paar Euros zu sparen und um sich Wettbewerbsvorteile zu sichern. Ganz konkret gilt das für KKWs, die in absehbarer Zeit abgeschaltet werden, dass auch hier bei größeren Reparaturen gespart werden wird, weil das KKW, die Restjahre noch aushält.
    Unser Nachbar repariert sein Dach nicht, weil “ihn das noch aushält”.

  18. #18 Karl-Heinz
    7. Januar 2020

    @bote

    Unser Nachbar repariert sein Dach nicht, weil “ihn das noch aushält”.

    Vielleicht bricht das Dach noch dieses oder nächstes Jahr unter der Schneelast zusammen und begräbt ihn unter sich. Der Vorteil liegt klar auf der Hand. Er selbst braucht sich anschließend nicht mehr um das Dach zu kümmern. 😉

  19. #19 bote
    7. Januar 2020

    Karl-Heinz,
    genau das ist gemeint. In die Atomwirtschaft wird nicht mehr investiert, es werden keine Ersatzteile mehr hergestellt, der berufliche Nachwuchs fehlt.
    darin steckt ein Problem, das noch nicht ausgesprochen wurde.

  20. #20 Pascal
    9. Januar 2020

    Vielleicht schaust du auf die falsche Gefahrenquelle.
    “Kontaminierte Kühltürme können im Radius von über 10 km Entfernung Infektionen mit Legionella pneumophila verursachen.”[1]
    LG Pascal

    [1] https://de.wikipedia.org/wiki/K%C3%BChlturm#Gesundheitsgefahren_durch_Verkeimung_der_Umgebung

  21. #21 Heggy
    Perl
    24. Januar 2020

    Ingo: Zu deiner Gegenfrage: Ich bin keine Wissenschaftlerin. Aber ich wohne Luftline 15km von einem AKW entfernt. Ich sehe es jedoch nicht. Es ist ein kleiner Berg davor. Der Fluss aus dem das Kühlwasser genommen wird, fließt so nah an meiner Wohnung vorbei, dass ich ihn sehen kann. Außerdem liegt eine Bahnlinie in 40m Entfernung, auf der auch schon Castortransporte gemacht wurden. Die Gegend hier ist wunderschön und wir haben viel Tourismus. Seit Jahrzehnten ist jedoch bekannt, dass die Krebsrate, laut Studien, hier in der Gemeinde um 20% höher ist als 100km weiter, in Gegenden wo das alles nicht vorhanden ist. Reden tut darüber aber niemand. Es ist ein Tabuthema. Im Grunde genommen tuen alle so, als wäre es nicht so. Die Leute schweigen es wirklich tot. Alle. Sie haben mehr Angst davor ihr Haus, ihre Arbeit und ihre Heimat zu verlieren, als vor Krebs. Und jeder hofft und denkt: Mich wird es schon nicht treffen.

  22. #22 Tobias Cronert
    29. Januar 2020

    Ich bin der Strahlenphysiker mit der Leukämie … und habe diese Frage total übersehen. Asche über mein Haupt.

    Grundsätzlich ist alles Wichtige schon gesagt worden, aber ich habe eine ganze Reihe an Artikeln genau zu dem Thema geschrieben, die ich einfach noch mal ins Rennen werfen möchte.

    http://scienceblogs.de/nucular/2018/06/18/die-sache-mit-der-leukaemie-und-den-atomkraftwerken-teil-1-die-oeffentlichkeit/

    http://scienceblogs.de/nucular/2019/08/09/strahlung-verursacht-leukaemie-der-ganze-zusammenhang/