Das Seismometer steht auf dem Mars. Aufnahme vom 20. Dezember 2018. Bild: NASA/JPL-Caltech.

Gestern unterwegs im Zug las ich auf Twitter, dass das Aussetzen des Seismometers SEIS der Mars-Sonde InSight auf den Marsboden unmittelbar bevorstehe.

Der Greifer (Grapple) am Instrument Deployment Arm IDA, dem Roboterarm der Sonde, hatte bereits seit Montag die halbkugelförmige Haltevorrichtung von SEIS fest im Griff. Der Mechanismus arbeitet mechanisch mit Wachs: Paraffinwachs wird erwärmt und dehnt sich aus. Dabei wird ein Kolben bewegt, der die 5 Finger des Grapple auseinander drückt, bis sie in ihrer äußersten Position durch einen Mikroschalter die Heizung selbsttätig unterbrechen, das dauert auf dem kalten Mars ca. 15 Minuten. Dann zieht sich bei Abkühlung des Wachses der Kolben wieder zurück und die Finger schließen sich fest. So fest, dass sie sich nur unter Gewalteinwirkung mittels Werkzeug öffnen ließen. Sollte der IDA also einen Stromausfall erleiden, würde er keinesfalls die kostbare Fracht fallen lassen.

Grapple schnappt sich das Seismometer. Die Aufnahmen entstanden zwischen dem 15. und dem 17. Dezember. Originalbilder: NASA/JPL-Caltech, gemeinfrei. Animation: Autor, gemeinfrei.

Das Aussetzen war zwischen dem 19. und 31. Marstag (Sol) nach der Marslandung geplant; Sol 19 war am vergangenen Sonntag, dem 16. Dezember. Man ist also noch früh im vorgesehenen Plan. Die Bewegungssequenz des Roboterarms war nach der Festlegung der genauen Position zum Aussetzen zunächst an einem Klon der Sonde getestet worden, der sich in einem Labor beim JPL in einem der Landestelle nachempfundenen Sandkasten befindet. Nach erfolgreicher Verifizierung der Bewegungssequenz wurden die Befehle zum Bewegen des Arms am Dienstag den 18.12.2018 zur Sonde hoch geschickt. Am frühen Donnerstagmorgen war es dann soweit: Das Seismometer wurde angehoben und auf den Marsboden gesetzt, direkt vor den Lander in maximale Distanz, die der Instrument Deployment Arm noch erreichen konnte (1,6 m).

Dabei liefen beide Kameras, die Instrument Deployment Camera (IDC) am Roboterarm und die Instrument Context Camera (ICC), die an der Plattform fest montiert ist und starr den Aussetzbereich der Instrumente vor dem Lander im Blickfeld hat. Aus den Aufnahmen habe ich eigene Animationen in voller Auflösung gebastelt; im Netz kursieren einige miniaturisierte GIFs.

Zunächst aus der Perspektive der Instrument Deployment Camera am Roboterarm:

Aussetzen des Seismometers. Die Aufnahmen entstanden am 19. und 20. Dezember. Originalbilder: NASA/JPL-Caltech, gemeinfrei. Animation: Autor, gemeinfrei.

Hier die Sicht der Instrument Context Camera auf den Aussetzvorgang:

Das Aussetzen aus Sicht der Instrument Context Camera. Die Aufnahmen entstanden am 19. Dezember binnen 24 Minuten. Originalbilder: NASA/JPL-Caltech, gemeinfrei. Animation: Autor, gemeinfrei.

SEIS wird sich als nächstes exakt horizontal nivellieren und testen, ob die gewählte Position geeignet ist. Gefordert ist, dass der Boden weniger als 15° Neigung hat, das Seismometer sicher trägt und exzellenten Kontakt zwischen den Seismometerbeinen und dem Boden bietet. Ansonsten kann der Roboterarm SEIS noch einmal versetzen, der Grapple wird deswegen vorerst noch nicht wieder gelöst. Man hat einen sehr schön glatten Boden vorgefunden, der nur um 2°-3° gegen die Horizontale geneigt ist, von daher sind also keine Probleme zu erwarten. Das Seismometer wird sich selbstständig auf weniger als 0,3° Neigung nivellieren und dann über einen Marstag lang in einer Art “Ingenieursmodus” die Qualität des Bodenkontakts testen, aufgrund dessen dann entschieden wird, ob es dort bleiben soll.

Wird der Standort für gut befunden, so wird IDA im Anschluss das silberfarbene Wind- und Thermal Shield von der Sonde nehmen und wie eine Tortenhaube über das Seismometer setzen, damit es nicht durch Windböen erschüttert werden kann und seine Temperatur über den Marstag nicht zu sehr schwankt.

SEIS ist das wichtigste Instrument der Mission. 3/4 aller wissenschaftlichen Aufgaben obliegen dem Seismometer. Deswegen wurde es mit höchster Priorität ausgesetzt. Es ist das erste Seismometer, das direkt auf der Oberfläche eines anderen Planeten abgesetzt wurde; es gab zwar Seismometer auf dem Mond, der jedoch kein Planet ist, und auf den Mars-Viking-Landern, dort waren sie jedoch in den Landern integriert und deswegen nicht so präzise wie SEIS.

SEIS enthält drei kleine (5,2×1,8 cm) elektronische Pendel (eines für jede Hauptachse) in einer Vakuumkammer, bei denen jeweils ein bewegliches Teil gegenüber einem fest montierten ausschlagen kann. Die beiden Teile sind über 20 kleine Lamellen miteinander verbunden, deren Verbiegung gemessen wird. Der Maximalausschlag des Pendels beträgt dabei gerade einmal 50 µm, das ist 1/20 mm. Und sie können Ausschläge vom Durchmesser eines Wasserstoffatoms messen! Die Pendel verfügen über einen Mechanismus, der Temperaturschwankungen mechanisch kompensiert (Thermal Compensation Device Mechanism, TCDM). Dieser wird unter dem WTS durch Versuche zunächst optimal justiert. Erst nach dieser Kalibrierung beginnen die wissenschaftlichen Messungen.

Nach dem Seismometer wird bald der Wärmeflusssensor HP³ ausgesetzt werden. Bereits in Betrieb ist das Rotation and Interior Structure Experiment (RISE), das ein gerichtetes Funksignal im X-Band zur Ende sendet, mit dessen Hilfe die Rotation des Mars genau gemessen werden kann und kleinste Schwankungen von der Erde aus beobachtet werden können. Auch auf diese Weise kann man etwas über das Innenleben des Mars erfahren, ob sich da beispielsweise ein noch flüssiger Kern mit Konvektionsströmungen befindet.

So hat sich das JPL mit dem Aussetzen des Seismometers schon einmal ein schönes Weihnachtsgeschenk gemacht. Wir sind gespannt, ob SEIS am Platz bleiben darf und wie es mit HP³ weitergeht. Schön, dass wir dank der frei verfügbaren Bilder einen Logenplatz am Bildschirm haben.

 

Referenzen

Kommentare (17)

  1. #1 Spritkopf
    21. Dezember 2018

    Der Maximalausschlag des Pendels beträgt dabei gerade einmal 50 µm, das ist 1/20 mm!

    Bis zu welchen minimalen Ausschlägen des Pendels können denn diese gemessen werden?

  2. #2 Spritkopf
    21. Dezember 2018

    @Alderamin

    Hm, habe gerade eine simple Frage nach dem geringsten messbaren Pendelausschlag gestellt (ohne böse Wörter und ohne Links) und trotzdem hat der Spamfilter diese gleich ins Nirwana befördert. Könntest du mal bitte nachsehen?

  3. #3 jere
    21. Dezember 2018

    Läuft das Seismometer dann schon, wenn sich HP³ eingräbt? Ich stelle mir vor, dass ein so präzises Instrument etwas eigenartige Daten liefert, wenn ein par Meter daneben das Mars-Äquivalent zu einem Presslufthammer arbeitet 😀

  4. #4 anders
    21. Dezember 2018

    Sehr schöne Berichterstattung und “Bilderbasteleien”, muss ich unbedingt loben 🙂

    @spritkopf: Hängt eher mit Scienceblogs zusammen die gerade etwas langsam sind. Nach fünf Minuten ist der Beitrag dann meist zu sehen. Vielleicht ein neuer Spamfilter oder vermehrte Zugriffe.

    Minimalauslenkung: Steht hier: https://mars.nasa.gov/insight/spacecraft/instruments/seis/ also von geringerer Größe eines Wasserstoffatoms ….
    Zitat: “SEIS can tune in to tremors smaller than a hydrogen atom! ”

    @jere: Es handelt sich um ein passives Seismometer. Vermutlich ist die Sonde so ausgestattet, dass Eigenvibrationen herausgefiltert werden können. Ansonsten gilt ersatzweise: Man kann nicht alles haben, jedenfalls nicht zur gleichen Zeit.

  5. #5 Alderamin
    21. Dezember 2018

    @anders

    Danke, dass Du die Fragen schon beantwortet hast.

    Und bestimmt wird das Seismometer laufen, während sich der Maulwurf eingräbt, aber man weiß ja genau, wann er hämmert, das Signal wird auch ganz anders als bei Marsbeben aussehen, und man wird diese Zeiten aus den wissenschaftlichen Daten herausnehmen. Vermutlich nutzt man sie als Test (ist ja auch wiederum ein Nachweis dafür, dass der Maulwurf gräbt; wenn er an einem Stein stecken bleiben sollte, wird das Kabel nicht abgewickelt und dann wüsste man anonsten möglicherweise nicht, ob der Mechanismus gar nicht geht oder ob nur ein Hindernis im Wege ist).

    Ich mach’ mich aber noch schlau, bis HP³ ausgesetzt wird. Da gibt’s dann wieder GIFs, wo ich jetzt schon mal weiß, wie man die generiert (das Schöne am Bloggen ist, dass der Blogger auch immer was dabei lernt 😉 ).

  6. #6 Alderamin
    21. Dezember 2018

    @Spritkopf

    Es gab kürzlich einen Serverumzug der Scienceblogs-Plattform, vielleicht hakt es deshalb, habe ich auch in anderen Blogs gelesen. Dein Artikel kam ja dann doch noch von alleine an. Im Spam war ansonsten nur Spam, und im Trash war nichts.

  7. #7 Alderamin
    21. Dezember 2018

    @anders

    Das mit dem Wasserstoffatom habe ich oben mal nachgetragen (und wie immer noch zwei, drei Tippfehler gefunden, die mir und dem WordPress-Spellchecker abends durchgegangen sind).

  8. #8 UMa
    21. Dezember 2018

    Könnte nicht das Seismometer gerade während der Bohrung besonders wertvolle Daten liefern? Auf der Erde werden Untersuchungen des Grundes ja auch so gemacht, dass ein einer Stelle gehämmert wird, während Geophone an anderen Stellen messen.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Seismik

  9. #9 Alderamin
    21. Dezember 2018

    @UMa

    Auf der Erde verwendet man, soviel ich weiß (bin kein Geologe…) Sprengungen und lauscht dann auf das Echo aus der Tiefe. Ob der kleine Maulwurf genug Rumms macht, dass SEIS davon aus mehr als ein paar hundert Metern Entfernung noch ein Echo hört, scheint mir recht unwahrscheinlich.

    Zum Test des Seismometers wird das sicherlich reichen, zur Erlangung wissenschaftlich wertvoller Ergebnisse vermutlich nicht.

  10. #10 flow
    Ja Sprengungen
    21. Dezember 2018

    Oder man benutzt Pulsgeberfahrzeuge zur Schwingungserzeugung.
    https://www.omv.at/de-at/aktivitaeten/exploration-und-produktion/versorgung-fuer-oesterreich

  11. #11 Alderamin
    21. Dezember 2018

    @flow

    Danke. Die Fahrzeuge haben definitiv mehr Wumms als der kleine HP³-Maulwurf und reichen ein paar Kilometer tief.

    Evtl. könnte es interessant sein, zu erfahren, ob es Eis oder Gestein ein paar dutzend Meter unter der Marsoberfläche gibt, aber SEIS sucht m.W.n. hauptsächlich nach Signalen, die bis in Innere des Mars vorgedrungen sind, deswegen lauscht man auf Meteoriteneinschläge und mögliche tektonische Beben.

    Das Gute an den SEIS-Sensoren ist, dass sie sehr breibandig sind (VBB = Very BroadBand). Damit “hören” sie sowohl die niederfrequenten, massiven Ereignisse als auch kleine lokale Erschütterungen.

    Bin gespannt, welche Arbeiten aus den Beobachtungen resultieren.

  12. #12 Spritkopf
    22. Dezember 2018

    @anders

    Minimalauslenkung: Steht hier: https://mars.nasa.gov/insight/spacecraft/instruments/seis/ also von geringerer Größe eines Wasserstoffatoms ….
    Zitat: “SEIS can tune in to tremors smaller than a hydrogen atom! ”

    Danke, sehr beeindruckend.

    Im Rahmen eines Projekts hatte ich mal mit einer Kamera mit einem langen Mikroskopobjektiv (ca. 20 cm) gearbeitet und anfangs hatte ich das ganze System nicht am Montageblock des Objektivs befestigt, sondern nur an der Kamera selbst. Das war natürlich nicht besonders stabil und wirkte durch das lange Objektiv wie ein Pendel, mit dem ich – ungewollt – jeden Bus und jeden Lastwagen detektieren konnte, der vor unserem Gebäude vorbeifuhr. Gab jedesmal im Bild einen Ausschlag von ca. 2 – 3 Mikrometern.

  13. #13 Alderamin
    22. Dezember 2018

    Neueste Bilder:


     

    Der Grapple ist los, der Platz wurde also für gut befunden!

  14. #14 Spritkopf
    23. Dezember 2018

    Hm, ich sehe nur einen Vierhundertvierer.

  15. #15 Alderamin
    23. Dezember 2018

    Hmm, gestern waren die Bilder unter dem Link noch da.

    [Edit]Frische, funktionierende Links.[/Edit]

  16. #16 M
    Bolivien
    23. Dezember 2018

    Danke für den sehr informativen Beitrag! Wie weit kann diese ‘Wachsomatik’ denn den Greifer auseinanderdrücken? Auf den NASA-Seiten finde ich überhaupt nix zum grappler.

  17. #17 Karl Mistelberger
    23. Dezember 2018

    ForeSight, a fully functional, full-size model of NASA’s InSight, grasps a model of the lander’s Wind and Thermal Shield while engineer Maggie Williams looks on. This testing was done at NASA’s Jet Propulsion Laboratory in Pasadena, California.

    https://mars.nasa.gov/resources/22232/foresights-grapple/

    Was man mit dem Ding alles anstellen kann überlasse ich der Fantasie der Leser.