Die Kriminaltechniker der Polizei brauchen jedenfalls kein Vakuum in ihren Labors; ihre Fingerabdrücke können sie bei Normaldruck nehmen. Und die zeigen, dass ein junges Mädchen am Tatort war: Sarah, noch keine 14 Jahre alt. Die Fingerabdrücke sind auf dem Toilettensitz; sie war zur angegeben Zeit am angegeben Ort und sie behauptet, vom Sozialarbeiter sexuell belästigt worden zu sein. Außerdem stammt sie aus einer maximal kaputten Familie, mit psychisch kranker Mutter, inhaftiertem Vater, einem Bruder auf der Flucht und einer vorbestraften Schwester deren Freund dumm, tätowiert und Kampfhundbesitzer ist. Ideale Voraussetzungen also für eine frühe Karriere als Mörderin; selbst wenn es nur Notwehr gewesen sein sollte. Was aber eh egal ist, weil Sarah mit 13 Jahren noch nicht strafmündig ist (das mit dem strafunfähigen Mörderkind hatten wir kürzlich erst im Wiener Tatort).

In Stuttgart hat man Erfahrung mit der Leere - da baut man sich gerne auch mal jeder Menge leere Plätze mitten in die Stadt (Bild; Mussklprozz, CC-BY-SA 3.0)

In Stuttgart hat man Erfahrung mit der Leere – da baut man sich gerne auch mal jeder Menge leere Plätze mitten in die Stadt (Bild; Mussklprozz, CC-BY-SA 3.0)

Die Kommissare sind aber trotzdem nicht ganz überzeugt von Sarahs Tat. Wie soll ein 13jähriges Mädchen einen ausgewachsenen Mann umbringen, durch die Gegend schleifen und in die Toilette stopfen? Beim Verhör am Kommissariat wird sie gebeten, ihre Kräfte doch einmal zu demonstrieren und Kommissar Bootz durch den Raum zu transportieren. Sarah schafft es problemlos und hat damit nicht nur vorgeführt, dass sie körperlich durchaus in der Lage gewesen wäre, die Tat zu begehen sondern auch, wie sich die Unmöglichkeit eines echten Vakuums auf unseren Alltag auswirkt.

Denn die moderne Physik sagt uns, dass man den Raum niemals komplett leer bekommt. Selbst wenn man sämtliche Moleküle, Atome und andere Teilchen aus einem Volumen entfernt, ist das was bleibt nicht leer. Da sind immer noch die Felder. Es gibt klassische Felder wie das elektromagnetische Feld, dass dann immer noch und definitiv “etwas” ist. Aber auch in komplett abgeschirmten Räumen gibt es immer noch die Quantenfelder. In der modernen Quantenfeldtheorie werden sowohl Materie als auch Felder einheitlich beschrieben. Auch die Teilchen sind hier Felder, wie das elektromagentische Feld. Für jedes Teilchen gibt es ein entsprechendes Feld das sich durch den ganzen Raum zieht und die Teilchen selbst “entstehen” dann, wenn man das Feld ausreichend stark anregt. Die Details der Quantenfeldtheorie sind ein klein wenig kompliziert – aber sie beschreibt die Realität äußerst gut. Sogar einige der seltsameren Konsequenzen dieser Theorie wurden schon experimentell bestätigt: Zum Beispiel der Casimir-Effekt, der besagt, dass zwei Platten die man einfach in ein Vakuum hängt, nicht regunslos verharren, sondern sich aufeinander zu bewegen. Und das hat nichts mit der Gravitationskraft zwischen ihnen zu tun sondern der Tatsache, dass das Vakuum eben nie komplett leer ist. Überall sind Quantenfelder und die erzeugen ständig virtuelle Teilchen, die gleich wieder verschwinden. Wie viele und welche Teilchen so erzeugt werden können, hängt aber vom Platz ab, der zur Verfügung steht. Ein Teilchen ist ja nur so lange ein Teilchen, so lange wir es als Teilchen betrachten und beschreiben – es kann genau so gut als Welle mit einer bestimmten Wellenlänge beschrieben werden. Und wenn diese Wellenlänge nicht genug Platz hat, entsteht das Teilchen nicht. Im engen Raum zwischen den Platten können also weniger virtuelle Teilchen entstehen als draußen und deswegen ist das Vakuum zwischen den Platten reiner als darum herum: Die Platten werden zusammengedrückt.

Und auch die Masse, die Sarah so beeindruckend bewältigt hat, ist einem Feld zu verdanken. Das Higgs-Feld ist auch überall und seine Wechselwirkung mit den anderen Teilchen/Feldern sorgt am Ende dafür, dass die Dinge ein Masse haben (der genaue Prozess ist ein wenig komplexer: lest euch am besten dazu die hier verlinkten Artikel durch). Gäbe es also tatsächlich ein echtes Vakuum in dem gar nicht mehr ist, dann gäbe es auch keine Masse… Und weil es dieses “Nichts” eben nicht gibt, bezeichnet man in der modernen als Vakuum den Raum, in dem alle Felder ihre niedrigste Energie haben. Das ist in vielen aber eben nicht allen Fällen gleichbedeutend mit der Nichtexistenz der jeweiligen Felder in diesem Raum. Das Higgsfeld ist ein Beispiel für ein Feld, das nicht verschwindet, wenn es seinen niedrigsten Energiewert erreicht.

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Kommentare (13)

  1. #1 Mr. M
    2. Dezember 2013

    Hach, ich liebe dein Tatortgebashe 😀

    Erinnert mich immer wieder dran, warum ichs nicht gucke.

  2. #2 Stefan K.
    2. Dezember 2013

    Ich find auch die Erklärungen toll ,nut nur das Gebashe 😉 Und außerdem möchte ich anmerken, dass Florian mMn nicht bashing betreibt, sondern rezensiert (in anderen Worten: Sollte ein Tatort wider Erwarten mal gut sein, schreibt er das auch, was ein Basher niemals tun würde)

  3. #3 Stefan
    Augsburg
    2. Dezember 2013

    Ich fand den Tatort gestern klasse. Was mich am Phänomen Tatort immer sehr verwirrt ist, dass alle ihn schauen aber jeder über ihn schimpft. Ich glaube das sagt sehr viel über uns Deutsche und Österreicher, oder? So diese Lust am nörgeln und unsere Leidenschaft für schlechte Laune.

    Dass Stuttgart viele freie Flächen hat (und nach dem Bau von S21 kommen sogar noch mehr Grünanlagen dazu), könnte daran liegen, dass die Stadt ursprünglich als Gestüt (Stutengarten) gegründet wurde.
    Bemerkenswerter als die Baustelle an dem Foto oben ist das sehr besuchenswerte Carl-Zeiss-Planetarium.

  4. #4 Florian Freistetter
    2. Dezember 2013

    @Stefan: “Was mich am Phänomen Tatort immer sehr verwirrt ist, dass alle ihn schauen aber jeder über ihn schimpft.”

    Ich fand den gestrigen Tatort eigentlich auch nicht schlecht (kam das im Artikel anders rüber?); zumindest im Vergleich mit vielen anderen die ich gesehen habe. Aber ich schau ja den Tatort nicht, weil ich Tatort gerne schaue – sondern weil so viele andere das gerne schauen und ich diese Aufmerksamkeit klauen und auf Astronomie/Physik lenken will – Insofern darf ich schimpfen 😉

  5. #5 tcb
    2. Dezember 2013

    Danke für die Rezension und die Interessanten Extras 🙂
    Eines stößt mir allerdings etwas auf. Der Hund im Tatort war ein Rottweiler. Dieser ist mit dem Sennenhund verwand und wurde überwiegend zum Treiben und Bewachen von Vieh eingesetzt (siehe Wikipedia) und ist mitnichten ein Kampfhund.
    In einigen (wenigen) Bundesländern in Deutschland, wird er zwar tatsächlich als Listenhund geführt, allerdings sind diese Listen völlig lachhaft.
    Die Beißstatistik wird nach wie vor vom Schäferhund angeführt. Komisch nur, dass dieser bisher nie auf einer Liste gelandet ist. Woran das wohl liegen mag, darüber darf sich jeder mal selbst den Kopf zerbrechen.

  6. #6 Silava
    2. Dezember 2013

    Ich fand den Tatort gestern gut. Am besten hat mir gefallen dass man der Handlung folgen konnte. Bei anderen Tatort-Folgen steige ich gerne aus weil es mir zu abgedreht, kompliziert, gestellt oder gleich alles drei auf einmal wird. Solche Folgen sind dann eher was für Leute die auch das Astrodicticum Simplex Adventsrätsel lösen können.

  7. #7 Hans
    2. Dezember 2013

    Ohne eine spezielle Diskussion hier jetzt wieder anfachen zu wollen, muss ich doch mal kurz anmerken, dass Sachverhalte wie dieser:

    Selbst wenn man sämtliche Moleküle, Atome und andere Teilchen aus einem Volumen entfernt, ist das was bleibt nicht leer. Da sind immer noch die Felder. Es gibt klassische Felder wie das elektromagnetische Feld, dass dann immer noch und definitiv “etwas” ist. Aber auch in komplett abgeschirmten Räumen gibt es immer noch die Quantenfelder.

    für diverse Esoteriker geradezu eine Einladung dazu darstellen, sich dazu irgendwas zusammen zu spinnen, was dann mit der Physik nichts mehr zu tun hat. Vor allem dann, wenn sie letztere eh nur begrenzt verstehen. Ach ja und so wie ich ticke, sind die Lücken und offenen Fragen der Physik an Stellen wie dieser, für mich die Hinweise auf die Engel, etc. – Schon möglich, dass ich mich da irre (ja ich weiss, dass Ihr mir genau dass gleich wieder erklären wollt… – Ihr könnt es Euch sparen.) aber was die tatsächlichen Antworten auf diese Fragen sein werden, wird sich sicher noch heraus stellen.

    Ansonsten wäre noch anzumerken, dass die Ausführungen zum Vakuum sehr interessant sind, und ich damit (und dem entsprechenden Wikiartikel) endlich eine Frage für mich klären konnte, die mich schon länger beschäftigte. Nämlich die, ob es praktisch möglich wäre, so eine Startröhre, wie man sie bei Battlestar Galactica sieht, innerhalb von 5 Sekunden leer zu pumpen?
    Die Antwort ist Nein, so einen grossen Raum, bzw. so ein grosses Volumen kann man in so kurzer Zeit nicht evakuieren. Dabei ist es erst mal egal, ob man die alte oder die neue Serie her nimmt. Bei der alten Serie dürfte aber wahrscheinlich noch das universelle Kraftfeld im Spiel sein, das die Luft im Tunnel (und damit im Raumschiff) hält, wärend der Jagdflieger (Viper) ungehindet passieren kann.
    In der neuen Serie ist ein Luft-/druckschleusensystem mit drei Toren zu sehen, was zumindest bei oberflächlicher Betrachtung die Wahrscheinlichkeit erhöht, das es möglich sein könnte, die Startröhre leer zu pumpen, ohne das Luft in den Weltraum verloren geht. Oder man lässt die Startröhre komplett leer und pumpt nur die Vordere Kammer leer, bevor das mittlere Tor geöffnet wird. Dann erfolgt ja auch schon der Start, während das Aussentor geöffnet wird und dann könnte es ja sein, dass die Viper schneller draussen ist, als die restliche Luft sich ausbreiten kann. Dann kommen noch die Ausstossprodukte der Triebwerke dazu und wenn das Aussentor gleich wieder geschlossen wird, nachdem die Viper durch ist, könnte ein Teil der Restatmosphäre im Schiff zurück bleiben, was sie ja auch soll. Aber das ist doch alles sehr spekulativ und es scheint mir eher so, dass es nicht funktioniert, und bei so einem Viperstart doch einiges an Luft verloren gehen würde. Wenn man sich dann noch überlegt, dass die Galactica aus der neuen Serie bis zu 80 Viper gleichzeitig starten kann… – Da geht ‘ne Menge Luft verloren.

  8. #8 rolak
    2. Dezember 2013

    [Hier .. einfügen]

    🙂

  9. #9 Florian Freistetter
    8. Dezember 2013

    Heute Abend werd ich den Tatorrt übrigens mal auslassen. Was man in den Zeitungen dazu schon lesen konnte, stimmt mich nicht sehr optimistisch, dass er mir gefallen wird. Außerdem muss ich meine Vorträge für Mittwoch/Donnerstag vorbereiten und ne Erkältung hab ich auch grad bekommen…

  10. #10 rolak
    8. Dezember 2013

    mal auslassen

    Schade, Florian, aber mehr als verständlich. Gute Besserung!

  11. #11 mafl
    8. Dezember 2013

    Die Zirkusnummern hätten sich heute ja angeboten…aber stimmt, so toll war er nicht…

  12. #12 PDP10
    8. Dezember 2013

    @Florian:

    “[Hier dumme Überleitung über zerstörte Kometen und zerstörte Familien einfügen]”

    Pffff … 🙂

    Obwohl ich eigentlich seit seligen Schimanski Zeiten gar kein so grosser Tatortgucker mehr bin, werde ich so langsam wirklich ein Fan von deinen Tatort “Rezensionen” 🙂

  13. […] immer wieder interessante Frage. Florian Freistetter hat es hier in seinem Blog astrodicticum simplex gut […]