Anschließend ging es um die Nasen von Ankylosauriern (den Panzerdinos der Kreidezeit). Die hatten sehr komplizierte und lange Luftwege in der Nase. Mit Hilfe von Computermodellen wurde simuliert, dass solche Luftwege sich gut dazu eignen, um die Luft beim Einatmen anzuwärmen (und beim Ausatmen abzukühlen) und auch, um Wasser zurückzuhalten. Was in meinen Augen fehlte, war die Gegensimulation: Wie viel schlechter wären die Verhältnisse gewesen, wenn die Wege für die Luft kürzer und weniger verschlungen gewesen wären (wie es ja auch bei anderen Dinos der Fall war)? Ohne eine solche Gegenprobe ist ja schwer zu sagen, ob die langen Wege wirklich aus diesem Grund entwickelt wurden oder ob sie nicht zu etwas anderem gut waren (zum Beispiel, um den Geruchssinn durch große Oberfläche zu verbessern?).

Dann gab es einen Vortrag, in dem Fossilien unter dem Elektronenmikroskop analysiert und eine überraschende Vielzahl von biologischen Strukturen gefunden wurden – rote Blutkörperchen, weiße Blutkörperchen, Kollagenfasern. Ziemlich überraschend – und ich bin nicht so ganz überzeugt. Da in dem Vortrag aber explizit gebeten wurde, die Ergebnisse nicht zu verbreiten, da sie kurz vor der Publikation stehen, schreibe ich hier lieber nichts, das nicht auch im Abstract steht.

Für mich als jemand, der sich für biologische Materialien interessiert, war der Vortrag über die Zähne von Horndinosauriern besonders interessant. Die hatten ja ein richtiges Scherengebiss, bei dem die Zähne im Ober- und Unterkiefer senkrecht aneinander vorbeischnitten und dabei die Pflanzen kleinschnipselten. Die meisten Reptilien müssen ja mit ziemlich simplen Zähnen auskommen – außen herum der hoch keramikhaltige Zahnschmelz, drinnen das knochenähnliche Dentin (oder Orthodentin), also Zahnbein, während Säugetiere zusätzlich auch noch Zement (der hauptsächlich aus Kollagen besteht) haben – hmmm, die vierte im Vortrag erwähnte Zahnkomponente will mir gerade nicht einfallen. Einige Dinos aber konnten das noch toppen – von Entenschnabeldinos kennt man 6 unterschiedliche Materialien im Zahn, bei den Horndinos sind es immerhin 5. (Dass Dinos hier mehr Komponenten haben als Säugetiere, war der “running gag” des Vortrags – Sprüche der Art “Hadrosaurs have more components – not that we are counting, but six is larger than four” gab es einige Male zur großen Freude des Auditoriums.) Die Horndinosaurier ordneten diese Materialien so an, dass an der jeweiligen Innenseite des Scherengebisses, da, wo die Zähne direkt aneinander abgleiten, die Zahnfläche selbst aus weicherem Material war, während außen herum härteres Material lag. Dadurch wurden die Zähne innen ein wenig stärker abgenutzt und eine scharfe Schneidkante blieb jeweils stehen.

Eher kritisch sehe ich den Vortrag, in dem es um die Wirbel der ganz großen Sauropoden (der Langhals-Langschwanz-Dinos) ging. Die sind typischerweise an einem Ende konvex, am anderen konkav (ein bisschen wie bei einem Kugelgelenk, wenn auch nicht so ausgeprägt). Um herauszufinden, ob diese Anordnung eher für hohe Stabilität oder für hohe Flexibilität sorgt, wurden Krokodilkadaver untersucht. Krokodile haben solche Wirbel nämlich auch im Rückgrat, aber nicht im Schwanz. Beim Manipulieren der Kadaver stellte sich nun heraus, dass der Schwanz von Krokodilen viel beweglicher ist als der Brustbereich – und daraus wurde geschlossen, dass diese Wirbelform eher für Stabilität sorgt. Nun ja – anzunehmen, dass alle Untersciede in der Beweglichkeit zwischen Schwanz und Körper nur an der Wirbelform liegen (und nicht etwa an Rippen, Knorpeln, dem umliegenden Krokodilpanzer etc.) ist schon etwas gewagt, um es vorsichtig auszudrücken.

Nachmittags ging es dann noch einmal um diverse Vierfüßer aus der Zeit vor den Dinos. Vielleicht lag es daran, dass ich nach so vielen Konferenztagen etwas abgestumpft war, aber die meisten dieser Vorträge fand ich etwas trocken. Es wurde versucht, urzeitliche Nahrungsketten zu rekonstruieren und zu sehen, wie empfindlich sie auf Störungen reagieren (das war ganz interessant, aber es gingen doch ziemlich viele Annahmen in die Überlegungen ein), diverse neue Fossilien wurden vorgestellt und einiges mehr.

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Kommentare (6)

  1. #1 dilopho
    10. November 2014

    Danke für diese sehr ausführliche Zusammenfassung. Wäre selbst gern da gewesen, aber die Zeit und das Geld braucht man halt auch.
    Jedenfalls sind viele interessante Dinge dabei und bei einigen freu ich mich schon drauf, dass sie publiziert werden. Gibts eigentlich so eine Art Faustformel, wann die Paper zu solchen Vorträgen spätestens draußen sind?

  2. #2 MartinB
    10. November 2014

    @dilopho
    “die Zeit und das Geld braucht man halt auch”
    Jupp, aber zum Glück konnte ich’s mir dieses Jahr leisten.
    Nein, es gibt keine Faustformel – das Datum kann zwischen “heute” (so war es bei dem Eunotosaurus-Vortrag) und “nie” beliebig schwanken.

  3. […] Tom Holtz – mit dem ich letztes Jahr bei der SVP-Tagung schnacken konnte, das war schon […]

  4. […] – am Schrank seht ihr das Plakat vom Dino-Spuren-Symposium, und passenderweise hatte ich mein SVP-T-Shirt […]

  5. […] sitzen. Dass Schildkröten Diapsiden sind, weiß man auch noch nicht so lange, ich habe darüber kurz hier berichtet.) Dann seht ihr Eunotosaurus – die erste Urschildkröte, die wir kennen, allerdings noch ohne […]

  6. […] das Melanin steckt, prinzipiell auch in Fossilien nachgewiesen werden können. (Kurz habe ich dazu in diesem Artikel was erzählt, war schon ne coole […]