Verfall des Orbits eines Satelliten durch den Luftwiderstand ("orbital drag"). Bild: NASA, gemeinfrei.
Verfall des Orbits eines Satelliten durch den Luftwiderstand ("orbital drag"). Bild: NASA, gemeinfrei.

UMA fragte am 23. April 2018:

Was passiert langfristig mit den Satelliten?
Die in niedrigen Orbits werden durch die Erdatmosphäre abgebremst und verglühen. Aber die in größeren Höhen?

Störungen durch Mond, Sonne, Magnetfelder, Strahlung …? Kollidieren sie und bilden einen Ring?
Wäre nach einer oder hundert Millionen Jahren noch etwas übrig?
In welcher Höhe ist die Lebensdauer am höchsten? Geostationär oder niedriger?

Dazu habe ich ein wenig recherchiert. Zunächst, der Vollständigkeit halber, der einfache Fall, den UMa sich schon selbst beantwortet hat:

 

Luftwiderstand

Niedrige Erdorbits (engl. low Earth orbit, LEO) führen noch durch die äußere Erdatmosphäre. Zum Beispiel bewegt sich die ISS auf ihrer ca. 350 km hohen Umlaufbahn in dem Bereich, in dem die Atmosphäre durch Kollision von geladenen Teilchen des Sonnenwinds mit Atomen in der Hochatmosphäre zum Leuchten angeregt wird; Stickstoff leuchtet zwischen 150 und 600 km Höhe in roter oder blauer Farbe, während das Grün des Sauerstoffs in 80 bis 200 km Höhe entsteht. Die Atmosphärenschicht von ca. 100 bis ca. 600 km Höhe heißt Thermosphäre, darüber liegt die Exosphäre, die sich in 1000-2000 km Höhe im Raum verliert.

Deswegen sind LEO-Satelliten einem permanenten, wenn auch geringen Luftwiderstand ausgesetzt, der mit der Höhe und der dünner werdenden Atmosphäre rasch abnimmt. Dies betrifft auch Satelliten auf elliptischen Bahnen, deren erdnächster Punkt (Perigäum, sprich “Perigä-um”) in entsprechend niedriger Höhe verläuft. Beispielsweise betreibt Russland Kommunikationssatelliten, die auf einer Bahn kreisen, die sie bis 40000 km hoch über Russland tragen (das zum Teil zu weit nördlich liegt, um von der geostationären Bahn aus versorgt zu werden), und die ein Perigäum von nur ca. 500 km haben. Damit stehen sie 8 Stunden lang über der Nordhalbkugel und nur 4 Stunden lang südlich des Äquators.

Der im Perigäum stärkste Luftwiderstand sorgt dafür, dass das Apogäum (also der erdfernste Punkt) abgesenkt wird und die Bahn somit kreisförmiger wird. Satelliten im Betrieb müssen zur Einhaltung ihrer Bahnen daher regelmäßig Bahnkorrekturen vornehmen, und ihre Lebenszeit wird durch den Treibstoffvorrat begrenzt. Die ISS wird regelmäßig von den sie besuchenden Frachtschiffen auf eine höhere Bahn befördert.

Wenn dies nicht geschieht, geht es unweigerlich abwärts. Wie lange das dauert, ist schwer zu sagen, da die Exosphärenausdehnung unter dem Einfluss der Sonnenaktivität stark schwanken kann, was sich bei höheren Umlaufbahnen jedoch ausmittelt, die Atmosphärenausdehnung auch mit dem Breitengrad variiert und der Luftwiderstand auch von der Form des Objekts abhängt, während für dessen Beharrungsvermögen sein Verhältnis von Oberfläche zu Masse eine Rolle spielt. Aber als Faustformel kann man diese Tabelle verwenden, um wenigstens eine grobe Idee zu bekommen, wie die Orbit-Verfalldauer von der Höhe abhängt [1]:

Orbithöhe Lebensdauer
180 km Stunden
200 km 1 Tag
300 km 1 Monat
400 km 1 Jahr
500 km 10 Jahre
700 km 100 Jahre
900 km 1000 Jahre

Über 2000 km hinaus spielt der Luftwiderstand dann keine Rolle mehr.

 

Strahlungsdruck

Bereits in der Exosphäre übertrifft eine andere Kraft den Luftwiderstand, und zwar der Strahlungsdruck des Lichts aus verschiedenen Quellen. Hauptquelle ist das Sonnenlicht (in Erdnähe ca. 1370 W/m² Strahlungsleistung), weitere Quellen sind sortiert nach Größe das von der beleuchteten Seite der Erde reflektierte Sonnenlicht, von der gesamten Erde ausgehende Infrarotstrahlung und Infrarotstrahlung, die der im Licht aufgeheizte Satellit selbst abstrahlt (sogenannter thermaler Schub). Jedes Photon, das den Satelliten trifft oder von ihm ausgesendet wird, hat einen kleinen Impuls h·ν . h ist hierbei das Plancksche Wirkungsquantum 6,625·10-34 Js und ν die Frequenz des Lichts.

Der Satellit erhält nun auf der einen Seite des Orbits einen beschleunigenden Schub und auf der gegenüberliegenden Seite einen abbremsenden Schub vom Sonnenlicht. Dies führt dazu, dass eine ursprünglich kreisförmige Bahn exzentrisch wird. Bei einer Satellitenbahn wird ja beispielsweise das Apogäum angehoben, wenn man im Perigäum in Flugrichtung beschleunigt. Das Perigäum wird wiederum abgesenkt, wenn man im Apogäum gegen die Flugrichtung abbremst. Genau das passiert nun durch den Druck des Sonnenlichts: auf derjenigen Seite, auf welcher der Satellit vom Sonnenlicht angeschoben wird, gewinnt er Schwung, um auf der gegenüberliegenden Seite mehr Abstand von der Sonne zu gewinnen. Dort verliert er wiederum Geschwindigkeit, die ihn danach näher an die Erde heran bringt. Allerdings kann sich der Effekt nicht langfristig akkumulieren, denn während die Erde mit dem Satelliten die Sonne umkreist, ändert sich permanent die Richtung der Einstrahlung des Sonnenlichts relativ zur Apsidenlinie, der Linie zwischen Perigäum und Apogäum. Zwar sorgt der Effekt dafür, dass beispielsweise ein geostationärer Satellit seine Bahn nicht exakt einhält, aber er führt nicht langfristig zum Absturz. Dies ist nur möglich, wenn die Verfallszeit des Orbits sehr kurz ist. Beispielsweise wird in dieser Arbeit vorgeschlagen, kleine CubeSats, das sind Satelliten, die aus einem oder mehreren modularen 10 x 10 x 10 cm-Würfeln zusammengesteckt werden, aus bis zu 15000 km Perigäumsabstand binnen zwei Jahren herunter zu holen, indem man sie mit einem 4 m durchmessenden aufblasbaren Ballon ausstattet, der sich am Missionsende aufbläht und das Verhältnis von Oberfläche zu Masse um einen Faktor ca. 1000 erhöht. Dies sorgt für ein schnelles Absinken des Perigäums in die Exosphäre, wo der Ballon dann schnell vom Luftwiderstand zum Absturz gebracht wird.

Neben dem direkten Strahlungsdruck wirkt sich bei rotierenden Satelliten der Effekt der abgestrahlten Wärmestrahlung aus. Rotiert der Satellit nicht zu schnell und nicht zu langsam, dann erhitzt er sich auf der sonnenzugewandten Seite (am stärksten dort, wo die Sonne senkrecht auf ihn scheint, sozusagen bei “12:00 Uhr”), strahlt seine Wärme aber größtenteils etwas verzögert und durch die Rotation versetzt in eine andere Richtung aus (z.B. “14:00 Uhr”). Dieser sogenannte Jarkowski-Effekt führt bei prograder Rotation (Drehung in gleichem Sinn wie der Umlauf um die Erde) zu einer langsamen Drift nach außen, bei einer retrograden Rotation hingegen zu einem Absinken der Bahn. Der Effekt ist allerdings winzig. 1976 und 1992 wurden zwei LAGEOS-Satelliten gestartet, die nichts anderes als Metallkugeln bestückt mit Laser-Retroreflektoren sind, und die dazu verwendet werden, Positionen auf der Erde relativ zu den Satelliten mit Hilfe von Laser-Entfernungsmessung zu bestimmen. Sie befinden sich auf Bahnen in 5900 km Höhe und rotieren in der Ebene ihrer Bahn. Es wurde beobachtet, dass die Bahn in der Größenordnung von 1-10 cm pro Jahr an Höhe verliert, was hauptsächlich auf den Jarkowski-Effekt zurückgeführt wird. Die Verweildauer von LAGEOS 1 im Orbit wurde auf 8, 4 Millionen Jahre geschätzt.

Satelliten werden sich langfristig gebunden mit der Erde drehen – schnelle oder retrograde Rotation werden langfristig durch Induktionseffekte (“Wirbelstrombremse”) im Magnetfeld der Erde gestoppt werden, bis der Satellit der Erde stets die gleiche Seite zu dreht. Dann ist der Jarkowski-Effekt klein, aber er wirkt nach außen, von der Erde weg.

 

Andere Effekte

Die bei weitem stärkste Kraft auf einen außerhalb der Exosphäre umlaufenden Satelliten geht von der abgeplatteten Form der Erde aus; sie ist etwa 100-mal größer als die zuvor beschriebenen Kräfte durch den Strahlungsdruck. Diese verursacht Störungen der Bahn in einer komplexen Weise, die über Besselfunktionen ausgedrückt werden kann. Der wichtigste Term ist eine “Besselfunktion erster Gattung und zweiter Ordnung”, in der Literatur meist einfach als J2-Term bezeichnet. Der J2-Term beeinflusst mehrere Parameter der Umlaufbahn, unter anderem verursacht er eine Perigäumsdrehung, aber er wirkt sich langfristig (säkular) nicht auf die Umlaufzeit bzw. Bahnhalbachse aus.

Ähnliches gilt für die Kräfte dritter Körper wie Sonne und Mond. Sie beeinflussen die Form der Bahn, verändern aber nicht langfristig die Energie (Lage- und Bewegungsenergie) des kreisenden Satelliten.  Sie ärgern nur die Betreiber von Kommunikationssatelliten, weil sie deren Bahnen ständig verändern, so dass permanent mit Düsenkraft dagegen gehalten werden muss. Ohne diese Korrekturen würden sie von ihren Positionen, etwa auf der geostationären Bahn, wegdriften, aber nicht abstürzen. Das gilt jedenfalls für Satelliten, die sich in relativer Nähe zur Erde bewegen (mit Sicherheit bis ca. zur geostationären Bahn); Raumsonden, die sich in der Nähe der Lagrangepunkte oder im Umfeld des Mondes aufhalten, sind nur schwach an die Erde gebunden und können durch die Kräfte von Sonne und Mond langfristig entkommen. Die Punkte L1 und L2 in Bezug zur Sonne vor und hinter der Erde sind ohnehin instabil.

Der Sonnenwind übt eine Kraft vergleichbar dem Strahlungsdruck aus. Diese ist allerdings im Vergleich zum Strahlungsdruck durch das Sonnenlicht um einen Faktor ∼1000 kleiner.

Unser Mond entfernt sich von der Erde, weil er mit seiner Schwerkraft auf diese zurück wirkt und in ihr Flutberge verursacht, die ihm durch die Erdrotation voraus eilen und ihn gewissermaßen im “Gravitationsstraktorfeld” mitziehen – Gezeitenkräfte. So entfernt sich der Mond jedes Jahr um 4 cm von der Erde. Da künstliche Erdsatelliten viel zu klein sind, um die Form der Erde zu beeinflussen, wirkt dieser Effekt sich nicht auf sie aus. Die Flutberge des Mondes sind mit ihren Umlaufzeiten nicht synchronisiert, wie sie es mit dem Mond sind, und ihr Effekt mittelt sich für die Satelliten somit wirkungslos weg.

Wie alle umeinander kreisenden Körper strahlen Satelliten nach der Allgemeinen Relativitätstheorie Gravitationswellen aus. Diese sind aber bei den winzigen Satelliten so exorbitant gering, dass sie überhaupt keine Rolle gegenüber den zuvor beschriebenen Effekten spielen. Ehe auf diese Weise ein Satellit zum Absturz auf die Erde kommt, ist diese längst vom Roten Riesen Sonne verschluckt oder verdampft worden.

Der ständige Beschuss durch Mikrometeoriten, geladene Teilchen von der Sonne, ihr UV-Licht, der Temperaturstress zwischen beleuchteter und unbeleuchteter Seite des Satelliten und über lange Zeiten wahrscheinlicher werdende Kollisionen wird solche Objekte, die nicht in wenigen 1000 Jahren von der äußersten Atmosphäre oder dem Jarkowski-Effekt zum Absturz gebracht wurden, ohnehin den Garaus machen, sie wegerodieren, auseinander fallen lassen und zertrümmern. Kleine Objekte sind dann wieder leichter von Strahlung beeinflussbar. Ganz kleine verlieren Energie durch den Poynting-Robertson-Effekt (ein dem Jarkowski-Effekt verwandter Effekt), was dann möglicherweise zu ihrem vorzeitigen Absturz führen wird.

 

Alles nicht so einfach…

Leider gibt’s keine einfache Antwort auf diese Frage. Sie wurde unter anderem auf space.stackexchange.com gestellt und ein erfahrener Raumfahrtingenieur antwortete darauf:

This is an interesting question to ask but unfortunately is one with:

a) a complex answer requiring much study to explore the variables and

b) many different regimes according to altitude and the various perturbations that apply

A million years is a long time, perhaps a lot comes down to how much of an orbit disturbance is significant to you over that time. I don’t wish to put you off but this could be several weeks study with a good orbit propagator.

Also sinngemäß, interessante Frage, aber es gibt zu viele Freiheitsgrade und man müsste so was über Wochen für viele Einzelfälle simulieren.

 

Referenzen

[1] Satellite Orbital Lifetimes

[2] Charlotte Lücking, “A Passive High Altitude Deorbiting Strategy“, 25th Annual IAA/USU Conference on Small satellites, 2011-08-08 – 2011-08-11.

[3] Wikipedia, Orbital Decay

[4] Lorenzo Iorio, “The impact of the orbital decay of theLAGEOS satellites on the frame-dragging tests“, Advances in Space Research 57(1):493-498 · January 2016, arXiv:1510:08585

[5] Paolo Farinella and David Vokrouhlicky, ” Thermal force effects on slowly rotating, spherical artificial satellites – I. Solar heating“, Planet. Space Science,Vol. 44, No. 12, pp. 1551 -1561. 1996

[6] How Spacecraft Fly without Formulae, Kapitel 3, Real Orbits

Kommentare (28)

  1. #1 Andreas
    27. April 2018

    Schöner Artikel. Dabei fällt mir eine verwandte Frage ein: wie lange kann man eigentlich die Hinterlassenschaften der (Apollo -) Missionen auf dem Mond noch entdecken/sehen?

  2. #2 Matthias
    27. April 2018

    Wie schon geschrieben: Ein toller Artikel. Verständlich und auf den Punkt.
    Danke dafür!

  3. #3 Mars
    27. April 2018

    der einfluss der eigenwärme war ja bei den beiden ‘Pionier’-sonden anlass zu grosser arbeit.
    die abweichungen auf dieser langen reise waren anfangs schwer zu erklären und führte zu vielen denkanstössen, die dann doch irgendewann dahingehend gelöst werden konnten – dass es eben die thermische strahlung war, die dies bewirkte.

    aber hier sieht man, wie lange und weit man fliegen muss, um den effekt festzustellen – im vergleich zu den anderen störgrössen, die sich im ‘leeren’ raum noch finden können

    wenn ich mich recht entsinne, hat hier im SB mal einer drüber geschrieben …. vermutlich sogar der @FF

  4. #4 UMa
    27. April 2018

    Danke Alderamin!
    Ich werde darüber nachdenken und dann noch einige Fragen stellen.

  5. #5 Alderamin
    27. April 2018

    Geschätzte 100 Millionen Jahre (maximal). Sagt dieser Artikel jedenfalls.

  6. #6 Karl Mistelberger
    27. April 2018

    > #2 Alderamin, 27. April 2018
    > Geschätzte 100 Millionen Jahre (maximal). Sagt dieser Artikel jedenfalls.

    Angesichts dieser enormen Lebensdauer ist es jammerschade, dass es auf dem Mond von den Astronauten keine Hinterlassenschaften im eigentliche Sinn gibt. Da hat die NASA wohl geschlafen.

  7. #7 Captain E.
    27. April 2018

    @Karl Mistelberger:

    Du sprichst in Rätseln! Von welchen “Hinterlassenschaften” redest du eigentlich?

  8. #8 tomtoo
    27. April 2018

    @Alderamin
    Danke! Sehr spannend. Uuund kompliziert.

  9. #9 Alderamin
    27. April 2018

    Frag’ mir Löcher in den Bauch, wenn Du Fragen hast!

  10. #10 fherb
    27. April 2018

    Bildlich vorstellen, wo der Einfluss der Erdatmosphäre zuende ist:

    Bei einem Globus mit 30 cm Durchmesser liegt die 1000km-Höhe, ab der der Lufteinfluss keine nennenswerte Rolle spielt, bei 2,35 cm.

    Die ISS mit einer durchschnittlichen Orbitalhöhe von 400km fliegt mit knapp 1cm über dem Globus.

    Der “Weltraum” beginnt definitionsgemäß bei 100km Höhe. Also 2,35 mm über diesem 30 cm-Globus.

    Und die Reiseflughöhe von Flugzeugen bei rund 10 km entsprechen 235 μm über dem Globus. Entsprechend sind die Himalaya-Berger eher fühl- als sichtbar: Der Mount Everest eine nur 0,2mm-Spitze auf dem 30 cm Globus.

    Die geostationären Satelliten in 36000 km Höhe fliegen mit einem Abstand von 85 cm über dem Globus-Äquator. Und der Mond, der ist ganze 9 Meter von unserem 30cm-Globus entfernt.

  11. #11 hmann
    28. April 2018

    Wäre es nicht sinnvoll, jeden Satelliten nach seiner Lebenszeit in einen Lagrangepunkt zu lenken, als Müllplatz für ausgediente Himmelskörper.
    In 100 Jahren würde man froh sein, auf solche Lager zurückgreifen zu können, bei einer Verknappung von Rohstoffen.

  12. #12 Alderamin
    28. April 2018

    Nein, das funktioniert nicht. Um zu den stabilen L3 L5 und L4 zu gelangen, muss man die Fluchtgeschwindigkeit der Erde überwinden, das geht schon mit vollen Tanks bei LEO/GEO-Satelliten nicht, geschweige denn, wenn am Ende der Lebenszeit die Tanks fast leer sind. Üblicherweise versucht man erdnahe Satelliten gezielt zum Absturz zu bringen und GEO-Satelliten in einer Bahn etwas oberhalb der geostationären zu parken. Das verringert die Gefahr von Weltraummüll und hat Vorrang vor einer sehr hypothetischen Wiederverwertung. Vielleicht holt man sich die Metalle wie seltene Erden zukünftig von Asteroiden.

  13. #13 Captain E.
    28. April 2018

    @Alderamin:

    Psst! L3 ist nicht stabil, sondern L5. :-)

  14. #14 UMa
    28. April 2018

    Hallo Alderamin,
    wenn ich mir die Grafik im ersten Link ansehe, ist die Lebensdauer mal Fläche durch Masse in 2000 km Höhe 900 Jahre m^2 / kg. Wenn die Dichte wegen der niedrigen Molekularmasse nach oben nur langsam abnimmt, dürfte die Lebensdauer auch in 10000 km Höhe noch deutlich unter 1 Mrd Jahren liegen. Wie ist die Luftdichte in dieser Höhe?
    Bei der heutigen Dichte an Satelliten zwischen 800 und 1200 km Höhe dürfte es durch Kollisionen in den nächsten Jahrzehnten bis Jahrhunderten (Kessler) zur Umwandlung Schrott kommen, der noch schneller abstürzt. Ob das, wenn auch langsamer, in höheren Bahnen passiert?

  15. #15 Alderamin
    28. April 2018

    Nach dem, was ich gelesen habe, macht es oberhalb 2000 km keinen Sinn mehr, von der Atmosphäre zu reden, weil die Teilchendichte dann vom Sonnenwind dominiert wird und die Kräfte durch den Strahlungsdruck dominiert werden. Neben der Abbremsung durch Widerstand gibt‘s aber auch den Jarkowski-Effekt. Ist dann die Frage, was stärker wirkt, für manche Satelliten geht‘s vielleicht doch eher nach außen.

    Auch auf höheren Bahnen dürfte es zu Kollisionen kommen, nur ist da mehr Platz und weniger los, Kollisionen sind seltener. Die Parkbahn jenseits der geostationären Bahn wird ja durch die verschiedenen beschriebenen Kräfte gestört, die Satelliten ändern ihre Inklination, das Perigäum und die Knotenlinie driften und die ursprünglich parallelen Bahnen werden dann irgendwann gegeneinander verkippt werden. Dann wird es auch irgendwann einmal zu Kollisionen kommen.

  16. #16 UMa
    29. April 2018

    Ja über 2000 km Höhe wird es interessant.
    Man wird sowohl die Atmosphäre als auch den Strahlungsgürtel berücksichtigen müssen, und den Sonnenwind.
    Der Strahlungsdruck ist beim auf die Sonne zufliegen größer, auch aber nicht nur wegen der Zeitverschiebung, als wenn man sich von der Sonne entfernt. Fällt das noch unter Poynting Robertson Effekt?!

  17. #17 Alderamin
    29. April 2018

    Der Strahlungsdruck ist beim auf die Sonne zufliegen größer, auch aber nicht nur wegen der Zeitverschiebung, als wenn man sich von der Sonne entfernt.

    Das soll sich eigentlich aufheben, bis auf einen Anstieg der Exzentrizität der Bahn, siehe Text. Wenn die Richtung der Sonne sich nicht im Laufe des Jahres ändern würde, hätte es einen säkularen Effekt (die Seite, wo sich der Satellit entfernt, würde immer mehr sinken und immer kürzer dauern, die andere Seite mit Gegendruck länger dauern und so die Bahn verfallen), aber durch die Bewegung der Erde um die Sonne kann er sich nicht akkumulieren. Dazu müsste die Apsidenlinie der Bahn synchron mit dem Umlauf um die Sonne präzedieren. Ich denke nicht, dass sie das irgendwann tut, also wird die Bahn ständig ihre Form ändern. Dass das irgendwann zum Absturz führt, habe ich in den Quellen nicht gefunden. Die beschäftigen sich aber auch eher mit kurzfristigen Effekten, die für die Lebensdauer und die Bestimmung des nötigen Treibstoffvorrats relevant sind.

    Fällt das noch unter Poynting Robertson Effekt?!

    Nein, der hat was mit der Aberration des Lichts zu tun. Einem bewegten Teilchen scheint das Licht mehr von vorne her zu kommen, als wenn es ruht (so wie einem der Regen beim Laufen/Fahren entgegen zu kommen scheint). Das bremst dann ein wenig. Ist aber für größere Objekte irrelevant, nur für die kleinsten mit der im Vergleich zum Volumen größten Oberfläche.

  18. #18 UMa
    29. April 2018

    Ich habe den Effekt durch die Sonnenstrahlen und die Bewegung des Satelliten im Kopf überschlagen. C.a. 300 Millionen Jahre Lebensdauer bei 100 kg/m^2.
    Müsste man aber nochmal nachrechnen. Das Problem ist das sich bisher kaum jemand für Effekte bei Lebensdauern über 10000 Jahren interessiert zu haben scheint.

  19. #19 neand
    LOB
    29. April 2018

    Grosses Lob !

  20. #20 UMa
    29. April 2018

    Zusätzlich ergibt sich nach dem Link in #2 eine Erosion von 1mm pro Millionen Jahren am Mondgestein durch Einschläge von Staub, wenn das bei den Satelliten vergleichbar ist, dann sind die auch nicht ewig.

  21. #21 Karl Mistelberger
    30. April 2018

    > #7 Captain E., 27. April 2018
    > Du sprichst in Rätseln! Von welchen “Hinterlassenschaften” redest du eigentlich?
    💩

    Spektrum der Wissenschaft hat mich darauf gebracht.

  22. #22 Alderamin
    30. April 2018

    Ist doch schön, dass die Astronauten ihre Häufchen in Beutelchen gesammelt und den Mond sauber gehalten haben. So viel ich weiß, wurden die Abfälle später in den Weltraum entlassen. Bei der ISS lässt man sie, soviel ich weiß, in den abgedockten Frachtschiffen beim Wiedereintritt in die Atmosphäre verglühen. Saubere Sache. Was stand denn noch im Spektrum-Artikel? Weißt Du noch die Ausgabe?

  23. #23 Captain E.
    30. April 2018

    @Karl Mistelberger:

    Spektrum der Wissenschaft hat mich darauf gebracht.

    Ach, diese Hinterlassenschaften! Ob man da an die Kontamination gedacht hat? Schließlich besteht die optisch illustrierte Komponente zu einem großen Teil aus Bakterien.

  24. #24 tomtoo
    30. April 2018

    Ist ja auch garnicht so einfach beim Mondspaziergang mal eben ein Häufchen zu hinterlassen. Selbst ein Stängchen Wasser, ist wohl nicht unkomplex. ; )

  25. #25 Captain E.
    30. April 2018

    @tomtoo:

    Ist ja auch garnicht so einfach beim Mondspaziergang mal eben ein Häufchen zu hinterlassen. Selbst ein Stängchen Wasser, ist wohl nicht unkomplex. ; )

    Sag das nicht! Zur Gewichtseinsparung haben die Astronauten vor dem endgültigen Schließen der Luken überflüssiges nach draußen geworfen, etwa die “Moonboots”, also die (nicht druckdichten) Überschuhe der Raumanzüge. Volle Beutel und Windeln hätte man da genausogut außenbords befördern können.

  26. #26 tomtoo
    30. April 2018

    @Captain E.

    Ob man sich zu dem Zeitpunkt wirklich viele Gedanken bzgl. Vorwärtskontamination gemacht hat ? Evtl. wollte man das ganze ja auch nur genauer untersuchen ?

  27. #27 stone1
    30. April 2018

    Jetzt bin ich auch endlich zur Lektüre dieses interessanten Artikels gekommen, schon erstaunlich was für teils winzige Effekte man bei solch langfristigen Überlegungen zu Satelliten berücksichtigen muss.

  28. #28 UMa
    5. Juni 2018

    Ich habe noch etwas zu der Stabilität von Satellitenorbits gefunden. Mir sind die Konsequenzen für die Lebensdauer aber noch nicht klar.
    https://arxiv.org/abs/1309.5244