Bild: Wikimedia Commons, Christian Schirm, gemeinfrei.

In der seltsamen Welt der Quantenmechanik können Teilchen an mehreren Orten zugleich sein, sie befinden sich in einer Überlagerung verschiedener Orte (oder anderer Zustände), beschrieben durch eine Wellenfunktion. Erst wenn jemand den Ort nachmisst, soll die Wellenfunktion zu dem Ort hin “kollabieren”, an dem das Teilchen auftaucht. Eine Theorie für diesen Kollaps gibt es nicht – die “Kopenhagener Deutung” der Quantenmechanik nach Bohr und Heisenberg postuliert dies einfach und trennt damit die Quantenwelt von der uns vertrauten makroskopischen Welt. Dabei gibt es eine ganz einfache Möglichkeit, die Quantenwelt zwanglos mit der unsrigen in Einklang zu bringen: die Viele-Welten-Theorie von Hugh Everett III. Behauptet jedenfalls Sean Carroll in seinem neuen Buch “Something Deeply Hidden“. Ich habe mir das Buch besorgt und möchte im folgenden Artikel darüber berichten, warum Carroll Everetts Theorie für die plausibelste Erklärung Quanten-, aber auch der makroskopischen Physik hält.

 

Ein Quäntchen Licht

Die Quantenmechanik hat ihren Ursprung in der Beobachtung, dass Elektronen in Atomen keine beliebigen Energien annehmen können, sondern nur bestimmte diskrete Energieniveaus. Springen sie von einem Energieniveau auf ein anderes, dann geben sie ein Lichtquant ab, also eine gewisse Menge, lateinisch Quantum, von Licht. Dieses hat dann eine ganz bestimmte Frequenz f, die über die Plancksche Formel E=h·f die Energie des Quants bestimmt, wobei das Plancksche Wirkungsquantum h eine Naturkonstante ist. Ein anderes Wort für Lichtquanten sind Photonen.

Umgekehrt gilt, nur Licht oberhalb einer bestimmten Frequenz f kann etwa Elektronen aus einer Metallplatte lösen (in diesem Fall im Ultravioletten). Man kann noch soviel Licht geringerer Wellenlänge auf das Metall schießen, ohne großen Effekt. Nur wenn die Lichtquanten die Energie passend portioniert abliefern, können die Elektronen die Metallplatte verlassen. Für die Erklärung dieses Photoelektrischen Effekts (und nicht etwa für seine Relativitätstheorien) durch die Quantennatur des Lichts erhielt Albert Einstein 1921 den Nobelpreis. Damit hat Licht, dessen Wellennatur aus Versuchen mit engen Spalten längst bekannt war, auch einen Teilchencharakter.

Denn schickt man Licht einer bestimmten Frequenz durch zwei eng benachbarte Spalten, so entsteht auf einem Schirm dahinter ein Streifenmuster: Genau in der Mitte zwischen den Spalten haben die Lichtwellen aus beiden Spalten den gleichen Weg zurückgelegt und sie verstärken sich, weil stets Wellenberg mit Wellenberg und Wellental mit Wellental zusammentrifft. Links und rechts davon sind die Wege zu den Spalten nicht gleich lang, weil die Ebene der Spalten ein wenig verkippt erscheint, und dann treffen die Wellen gegeneinander versetzt ein – bei einer halben Wellenlänge Versatz treffen Wellenberge auf Wellentäler und löschen sich genau aus. Noch weiter von der Mitte entfernt treffen die Wellen dann wieder im Gleichtakt aufeinander und es gibt wieder einen hellen Streifen. Das Phänomen nennt sich Interferenz.

Ebene Lichtwellen laufen durch einen Doppelspalt und interferieren dahinter. Die Spalten erzeugen kreisförmige Wellen, die sich überlagern und dabei an solchen Orten verstärken, wo Wellenberge auf Wellenberge und -täler auf -täler treffen. Dazwischen treffen Wellenberge auf -täler und löschen sich aus. Die ortsabhängigen Verschiebungen ergeben sich aus den verschiedenen Abständen der beiden Spalte zum jeweiligen Ort auf dem Schirm. In der Mitte ist immer ein Maximum, weil beide Spalte dort gleich weit entfernt sind. Bild: Wikimedia Commons, Lookang, CC BY-SA 3.0.

Umgekehrt haben auch Teilchen Wellencharakter. Man kann Elektronen ebenfalls durch einen Doppelspalt schicken und erhält genau so ein Streifenmuster auf einem Leuchtschirm wie bei Lichtwellen. Versperrt man hingegen einen der Spalte, dann verschwindet das Streifenmuster und es landen einfach die meisten Elektronen in der Mitte und nach außen hin klingt die Anzahl allmählich ab. Gut, dann interferieren vielleicht Elektronen miteinander, die gleichzeitig nebeneinander durch die beiden Spalte gehen, könnte man annehmen. Dem ist aber nicht so: man kann den Versuch so abändern, dass immer nur ein einzelnes Elektron gleichzeitig auf den Doppelspalt abgefeuert wird. Wenn man die auf dem Schirm dahinter entstehenden Leuchtpunkte aufsummiert, kommt wieder das Streifenmuster heraus. Jedes Elektron geht irgendwie durch beide Spalte. Wie Lichtwellen.

Die Verteilung von Elektronen, die man durch einen Doppelspalt auf einen Leuchtschirm geschossen hat, zeigt ebenfalls ein Interferenzmuster. Die Einzelbilder zeigen die Spuren von 200, 6.000, 40.000 und 140.000 Elektronen. Bild: Wikimedia Commons, Dr. Tonomura and Belsazar, CC BY-SA 3.0.

Aber was passiert da genau? Wenn man näher hinschaut? Wenn man nachschaut, durch welchen Spalt das Elektron geht? Auch das lässt sich messen. Aber wenn man nachweist, durch welchen Spalt jedes Elektron geht, dann verschwindet das Streifenmuster und man erhält nur das Bild, das sich aus der Überlagerung von zwei Elektronenverteilungen durch zwei Einzelspalte ergibt.

Was ist das los? In der Quantenphysik erklärt man sich das so: mit dem Elektron verbunden ist eine Wellenfunktion Ψ (Psi). Die Welle, genauer gesagt, das Quadrat ihrer Amplitude Ψ², gibt an, wie wahrscheinlich man ein Elektron an einem bestimmten Ort misst, z.B. auf dem Schirm. Und diese Welle ist es, die durch den Doppelspalt geht und mit sich selbst interferiert. Nun ist das Elektron aber kein von der Welle separates Ding, es ist ja gerade nicht so, dass das Elektron gemäß der Wellenwahrscheinlichkeit abwechselnd mal durch den einen und mal durch den anderen Spalt geht, auch einzelne Elektronen gehen durch beide Spalte. Das Elektron ist die Welle. Aber wenn wir es messen, dann messen wir stets ein Teilchen an einem bestimmten Ort. Warum? Was passiert bei der Messung?

 

Die spinnen, die Elektronen…

Und noch ein Beispiel für die Merkwürdigkeit der Quantenmechanik: Elektronen haben ein magnetisches Moment, sie sind wie kleine Magneten mit Nord- und Südpol. Ein kreisender Strom (und Strom sind bekanntlich bewegte Elektronen) hat ebenfalls ein magnetisches Dipolmoment (wenn man mit den Fingern der rechten Hand in Richtung der Windung zeigt, dann zeigt der ausgestreckte Daumen in Richtung des magnetischen Nordpols) und daher nennt man das magnetische Moment der Elektronen “Spin”, also “Drehung”, so als ob  das Elektron rotierte und so einen kreisenden Strom darstellte, der ein Magnetfeld hervorbrächte. Aber Elektronenspins nehmen keine beliebigen Werte an, sie sind gequantelt, wie ihre Energien im Atom. Im Experiment nach Stern und Gerlach (1922) schickt man neutrale Silberatome durch ein (inhomogenes) Magnetfeld, siehe Video. Silber hat die Eigenschaft, dass ein einzelnes Elektron das magnetische Moment des gesamten Atoms bestimmt, die Spins der anderen Elektronen heben sich gegenseitig auf. Aufgrund dieses überzähligen Elektronenspins wird die Hälfte der Atome in Richtung des Magnetfelds abgelenkt, die andere Hälfte in Gegenrichtung. Niemals in einem schrägen Winkel oder geradeaus, wie es bei zufällig ausgerichteten Drehachsen klassischer Magnete der Fall wäre (erster Teil des Videos). Dabei ist es völlig egal, in welcher Richtung das Magnetfeld ausgerichtet ist, die Ablenkung erfolgt immer zur Hälfte in der Richtung bzw. Gegenrichtung der Magnetfeldlinien. Der Spin ist gequantelt, aber offenbar nicht gemäß einer ursprünglichen Ausrichtung der Elektronenspins, sondern gemäß der Messung.

Dreht denn etwa das äußere Magnetfeld den Spin in seine Richtung? Lässt man die nach oben abgelenkten Atome noch einmal durch ein gleichartig ausgerichtetes Magnetfeld gehen (hier mit allerlei Bildern erläutert) , werden sie zu 100% wieder in die gleiche Richtung wie vorher abgelenkt, also die nach oben abgelenkten gehen nochmals nach oben (Fig. 9 im verlinkten Artikel), die nach unten abgelenkten in die Gegenrichtung. Wählt man hingegen für das zweite Feld eine um 90° gegen das erste verdrehte Ausrichtung, also von rechts nach links (Fig. 11), dann werden 50% der zuvor nach oben abgelenkten Atome nach links und 50% nach rechts abgelenkt (entsprechendes gilt für die zuvor nach unten abgelenkten Elektronen). Bei einem kleineren Winkel, etwa einer Ausrichtung des Feldes von links unten nach rechts oben, werden mehr Atome nach rechts oben abgelenkt als nach links unten (Fig. 13), und das Verhältnis wächst gegen 100%, je mehr man das zweite Feld in Richtung des ersten verdreht. Das äußere Magnetfeld dreht die Richtung also offenbar nicht nach Belieben, denn sonst müssten ja bei jeder Ausrichtung 50% der Atome nach oben und 50% nach unten abgelenkt werden.

Die Quantenmechanik besagt, dass die Elektronen sich in einem Überlagerungszustand befinden, aus dem sie durch die Messung befreit werden. Bevor sie in das Magnetfeld eintreten, sind sie zu 50% im Zustand Spin aufwärts und zu 50% im Zustand Spin abwärts. Das Magnetfeld erzwingt eine Entscheidung, wobei ein Elektron dann zufällig nach oben oder unten abgelenkt wird, mit 50% Wahrscheinlichkeit. Nach der Messung weiß man die Spinrichtung. Misst man noch einmal auf die gleiche Weise, bekommt man erwartungsgemäß das gleiche Ergebnis. Misst man aber um 90° verkippt, dann ist der zuvor eindeutig bestimmte Spin wieder völlig offen: die Ablenkung kann nur in Richtung oder Gegenrichtung des Magnetfelds erfolgen, das mit dem vorherigen keinen gemeinsamen Richtungsanteil teilt. Die Messung fragt jetzt eine andere Quantelung ab. Bei weniger als 90° Verkippung ist hingegen noch ein Anteil der ursprünglichen Richtung vorhanden und der beeinflusst die Statistik der Messung.

 

Kopenhagener Merkwürdigkeiten

Auch das zweite Experiment kann durch eine Wellenfunktion beschrieben werden, die die Unsicherheit des Spins mathematisch ausdrückt. Der Zustand des Spins ist vor der Messung unbestimmt, die Wellenfunktion weist jeder möglichen Richtung eine Wahrscheinlichkeit zu. Führt man jedoch eine Messung durch, dann sind auf einen Schlag alle vorher offenen Möglichkeiten bis auf eine verboten. Das Elektron taucht im Doppelspaltversuch an einer Stelle auf dem Schirm auf, obwohl es vorher durch zwei Spalte ging. Es hat einen bestimmten Spin, obwohl die Richtung vorher unbestimmt war (und die Messung erzwingt eine Entscheidung zwischen zwei Richtungen). Die Wellenfunktion verwandelt sich von einer breit über alle Möglichkeiten verteilten Funktion in eine scharfe Spitze an der Stelle des gemessenen Zustands und 0 überall sonst. Erwin Schrödinger stellte eine Gleichung auf, die das Verhalten der Wellenfunktion und ihre Entwicklung beschreibt. Er hatte die Hoffnung, dass aus der Gleichung folgen würde, warum sie sich bei einer Messung auf einen Punkt zusammenzieht, aber das tat sie nicht.

Kluge Köpfe wie Werner Heisenberg, Niels Bohr, und Wolfgang Pauli konnten sich darauf keinen besseren Reim machen als die “Kopenhagener Deutung”, die sie 1927 in Kopenhagen als Kompromisslösung formulierten, die sich allmählich etablierte und die heute allen Physikstudenten eingetrichtert wird. In der klassischen Mechanik gilt: kennt man den Anfangszustand eines Körpers (Masse, Geschwindigkeit mit Richtung) und die auf ihn wirkenden Kräfte, dann kann man genau berechnen, wie er sich weiter bewegen wird. In der Quantenmechanik kann man ebenso mit Hilfe von Schrödingers Gleichung berechnen, wie sich die Wellenfunktion ausgehend von einem Startzustand entwickeln wird. Die Wellenfunktion schließt dabei streng genommen die ganze Welt mit ein, nicht nur ein einzelnes Teilchen; wenn Quantenteilchen miteinander interagieren dann ist ihr Verhalten miteinander verknüpft; das berühmteste Beispiel sind verschränkte Teilchen, bei denen zwei zusammen entstandene, aber danach räumlich getrennte Teilchen voneinander “wissen”, wie der Zustand des jeweils anderen bei einer Messung ausfällt, und man kann zeigen, dass diese Information nicht schon bei der Trennung der beiden vorhanden war. Aber auch bei Teilchenkollisionen kann das Ergebnis nicht durch separate Wellenfunktionen der beteiligten Kollisionspartner beschrieben werden. Wenn ein Teilchen jedoch isoliert von Interaktionen mit der Umwelt ist, dann kann man seinen Teil der universalen Wellenfunktion näherungsweise für sich alleine betrachten.

Wenn man nun eine Messung des aktuellen Zustands der Wellenfunktion eines Teilchens durchführt, dann gelten laut Kopenhagener Deutung einige Zusatzbedingungen:

  • Man kann sich aus einer Reihe von beobachtbaren Parametern einige wenige aussuchen, die man messen möchte (z.B. die Spinrichtung in Bezug auf eine frei wählbare Achse; bei Impuls und Ort muss man sich für eine der beiden Größen entscheiden, man kann nicht beide zusammen mit beliebiger Genauigkeit bestimmen).
  • Die Wahrscheinlichkeit, ein bestimmtes Ergebnis zu messen, errechnet sich aus dem Quadrat der Wellenfunktion für dieses Ergebnis.
  • Wenn die Messung durchgeführt wird, kollabiert die Wellenfunktion zum gemessenen Wert hin, egal wie weit gestreut sie vor der Messung war.

Einen Grund für diesen Kollaps kann die Quantenmechanik nicht nennen – ist eben so. Kann man nicht verstehen. Carroll kritisiert heftig, dass alle Versuche, eine sinnigere Interpretation zu entwickeln, bei den Physikern verpönt war und zum Karrierekiller mutieren konnten.

Kollaps der Wellenfunktion nach der Kopenhagener Deutung. Vor der Messung ist Wellenfunktion Ψ (Psi) räumlich (oder im Parameterraum, wie beim Spin) unbestimmt, es gibt lediglich Aufenthaltswahrscheinlichkeiten für ein Quantenteilchen. Nach der Messung der Position kollabiert die Wellenfunktion aus nicht nachvollziehbarem Grund auf den Ort, an dem das Teilchen (oder sein Zustand, z.B. der Spin) gemessen wurde. Bild: Quora.

 

Die Physik kann auch nicht erklären, was denn nun eigentlich die Messung ausmacht, das sogenannte Messproblem der Quantenmechanik. Die Absurdität der Situation versuchte Schrödinger mit seiner berühmten Katze zu verdeutlichen: in einer verschlossenen Kiste befinde sich eine Katze, ein Geigerzähler, der radioaktive Zerfälle misst, und ein radioaktives Atom. Der Geigerzähler löse bei einem radioaktiven Zerfall einen Mechanismus aus, der Gift aus einer Flasche entlässt, das die Katze sofort tötet. Nach der Kopenhagener Deutung befindet sich der radioaktive Atomkern in einem Zustand der Überlagerung aus Zerfall und stabilem Zustand, solange niemand ihn misst. Beim Zerfall wird die Katze getötet, ansonsten bleibt sie am Leben. Wenn das Atom in einem überlagerten Zustand ist, dann müsste es auch die Katze sein, in einer Überlagerung von tot und lebendig – solange niemand nachschaut, die Kiste öffnet und die Wellenfunktion zum Kollaps bringt. Schrödinger meinte nicht ernsthaft, dass die Katze tot und lebendig zugleich sei, er wollte damit nur zum Ausdruck bringen, wie absurd das Messproblem ist.

Das Gedankenexperiment zu Schrödingers Katze: ein radioaktiver Zerfall löst über einen Mechanismus die Zerstörung einer Giftflasche aus, deren Inhalt die Katze tötet. Wenn das radioaktive Atom im Überlagerungszustand von Zerfall und Stabilität wäre, wäre dann auch die Katze im Überlagerungszustand von lebendig und tot? Solange niemand nachschaut und den Zustand misst? Bild: Wikimedia Commons, Dhatfield, CC BY-SA 3.0.

Das Standardargument ist, es brauche niemand in die Kiste hinein zu schauen, der Geigerzähler führe ja schon eine Messung aus. Es reiche aus, dass das radioaktive Atom in Kontakt mit hinreichend viel Materie der makroskopischen Welt käme, dann dekohäriere der überlagerte Zustand und entscheide sich für ein Ergebnis. Kohärent nennt man in der Quantenmechanik vereinfacht gesagt einen Zustand, in dem die Wellenfunktion weit ausgebreitet und maximal unbestimmt ist. Dekohärieren ist dann ein anderes Wort für das Kollabieren der Wellenfunktion zu einem bestimmten Wert. Aber was ist “hinreichend viel” Materie und warum macht das einen Unterschied? Was da genau passiert und warum, das kann die Quantenphysik nicht erklären.

 

Alles Quatsch!

“Nichts”, war die Antwort eines jungen Physikers namens Hugh Everett (dem Dritten), der darüber 1956 seine Doktorarbeit schrieb. Oder auch “alles”, je nach Standpunkt. Everetts Standpunkt war, man könne die oben genannten Zusatzbedingungen einfach vergessen. Die Wellenfunktion kollabiere nicht. Wenn der Zustand eines Teilchens dekohäriere, dann verschränke es sich lediglich mit seiner Umgebung, die dann mit in den Überlagerungszustand überginge. Es entstünden dann zwei (oder mehr) überlagerte Zustände der universalen (also die ganze Welt einschließenden) Wellenfunktion, einmal mit dem Teilchen in dem einen der überlagerten Zustände und einmal in dem anderen. Die Welt habe sich gewissermaßen in zwei überlagerte Zustände aufgeteilt. Schrödingers Katze existiere in zwei Kopien, die eine sei tot und die andere zugleich lebendig (siehe Titelbild). Das gelte dann aber eben auch für den Messapparat. Es gebe damit auch zwei Beobachter, die die Kiste öffneten, der eine sehe eine tote Katze und der andere eine lebendige. Jedesmal, wenn ein Teilchen (und davon gibt es verdammt viele, so um die 1088 im beobachtbaren Universum) in einen überlagerten Zustand übergehe, teile sich die globale Wellenfunktion auf. Gehe ein Elektron durch einen Doppelspalt, so teile sich die Welt in zahlreiche mögliche Pfade auf, die jeweils einem Endpunkt auf dem Schirm entsprächen. Es gebe nicht nur eine Welt, sondern eine gigantische Zahl sich ständig weiter teilender Pfade, in denen alles, was quantenmechanisch möglich ist, auch tatsächlich passiere.

Hugh Everett III. Bild: Wikimedia Commons, Fair Use.

Die mittlerweile älteren Recken der Kopenhagener Runde hielten das für ausgemachten Unsinn. Es sei ja offensichtlich, dass die makroskopische Welt sich in keiner Überlagerung befinde, alle makroskopischen Dinge hätten eindeutige Orte, seien entweder tot oder lebendig, das sehe man doch! Einer Anekdote gemäß wurde eine junge Physikerin von ihrem Professor einmal gefragt, warum man sage, es sei natürlich gewesen, davon auszugehen, dass die Sonne um die Erde kreise und nicht umgekehrt. Weil es so aussehe, antwortete sie. Ja schon, entgegnete er, aber wie hätte es denn anders herum ausgesehen?

Fühlt es sich irgendwie anders an, wenn sich die universale Wellenfunktion aufspaltet? Tatsächlich zeigte Everett, dass jeder Beobachter in einer der aufgespaltenen Welten genau dasselbe beobachten würde, wie bei der Kopenhagener Deutung. Die lässt jeweils nur ein Ergebnis eines Quantenexperiments zu, das vorher potenziell sehr viele mögliche Ausgänge hatte, und jeder Ausgang ist mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit möglich. Bei Everett spalten sich die Welten so auf, dass die wahrscheinlicheren Ergebnisse häufiger auftreten und somit ein höheres Gewicht haben. Als Beobachter weiß man selbst nicht, in welchem Zweig man sich befindet, aber die Wahrscheinlichkeit ist am größten, dass man sich auf einem breiten Bündel mit wahrscheinlichen Ergebnissen befindet. 500mal eine 6 hintereinander würfeln? Passiert in irgendeiner Welt und irgendein Beobachter wird sich dort am Kopf kratzen und darüber grübeln, ob die Physik bei ihm verrückt spiele (und dann vermutlich die Schlussfolgerung ziehen, dass er zufällig Zeuge einer extrem seltenen statistischen Schwankung geworden sei). Eine überwältigende Zahl von Beobachtern wird hingegen eine mehr oder weniger gleichverteilt streuende Augenzahl der Würfelwürfe beobachten.

Dieser erste Teil war nur das Aufwärmprogramm mit der notwendigen Einführung in das Thema. Im zweiten Teil des Artikels will ich die Implikationen der Everettschen Idee gemäß Carrolls Buch erläutern. Ist die Idee wirklich so absurd? Wie genau erklärt die Viele-Welten-Theorie die Probleme der Quantenphysik? Wo sollen die ganzen Welten eigentlich Platz finden? Wie viele davon soll es überhaupt geben? Wie real sind sie? Kann man andere Welten nachweisen? Wenn sowieso alles eintritt, macht es dann noch Sinn, sich moralisch zu verhalten? Und ist das alles überhaupt noch Physik?

Mehr dazu im zweiten Teil.

 

Referenzen

[1] Sean Carroll, “Something Deeply Hidden: Quantum Worlds and the Emergence of Spacetime“, ISBN-13: 978-1524743017, 2019.

Kommentare (60)

  1. #1 bote
    21. September 2019

    Eine einfache Form der Wellenfunktion findet man bei der Seifenblase. Die ist ja innen hohl.Wo ist das Wasser ? Erst wenn sie platzt, findet man ihren Wassertropfen an einem bestimmten Ort.

  2. #2 Bernhard Schmalhofer
    München
    21. September 2019

    Beim photoelektrischen Effekt sollte man wohl statt “Umgekehrt gilt nur Licht einer bestimmten Frequenz ” besser “Umgekehrt gilt, nur Licht ab einer bestimmten Frequenz”. Die herausgelösten Elektronen können ja beliebige kinetische Energie haben.

  3. #3 tomtoo
    21. September 2019

    Ich bin schon gespannt auf den zweiten Teil.

    Dem Motl hat das Buch ja nicht so gefallen. ; )

  4. #4 Alderamin
    21. September 2019

    @Bernhard Schmalhofer

    Ja, stimmt, ich hab’s geändert.

    @tomtoo

    Den Motl nimmt aber auch keiner mehr Ernst…

  5. #5 Alderamin
    21. September 2019

    @tomtoo

    Und zurecht. Ist das eine sachliche Kritik an Carrolls Buch?

    What do the comrades who uncritically promote Carroll’s absurdly unscientific ideas about quantum mechanics have in common? Oh yeah, what they have in common is that they are comrades – left-wing activists masquerading themselves as journalists.

    Außerdem wettert Motl gegen Fridays for Future und Greta Thunberg (“eine Gefahr für die Demokratie”). Wünschte ihr einen Hurrican auf dem Weg in die USA. Geht’s noch?

  6. #6 Karl-Heinz
    21. September 2019

    @Alderamin

    Gibt es auch einen Zweig in der Viele-Welten-Theorie bei der du dich von der Astronomie abgewandt hast? Für mich jetzt nicht so ganz vorstellbar.

  7. #7 tomtoo
    21. September 2019

    @Alderamin
    “..Geht’s noch?…”

    Also wenn du mich fragst, denke ich bei dem Typ schon lange nicht mehr. Ich fands nur ganz spannend weil ja auch Sabiene Hossenfelder zeitnah über das Buch geschrieben hatte.

  8. #8 Alderamin
    21. September 2019

    @Karl-Heinz

    Selbstverständlich. In diesem hier aber nicht. Aber warum sollte ich ein One-Trick-Pony sein wollen? 😉

  9. #9 Alderamin
    21. September 2019

    @tomtoo

    Frau Hossenfelders Review hatte ich noch gar nicht gesehen. Ziemlich positiv. Natürlich mit etwas Luft nach oben.

  10. #10 tomtoo
    21. September 2019

    Hier noch mal unterschiedliche Interpretationen
    der QM diskutiert. Zufällig ist Sean Carroll auch anwesend. ; )
    https://m.youtube.com/watch?v=GdqC2bVLesQ&feature=youtu.be

    @Alderamin
    In Modls Weltbild gehört Frau Hossenfeld ja auch ganz besonders zur Verschwörung.

  11. #11 rolak
    21. September 2019

    Sean Carroll

    Bei allem Respekt und <MegaOT>, Lewis Carrol ist mir lieber. UnterhaltungsTechnisch.

    ManyWorlds ist unabhängig davon allerdings die Interpretation der QM-(Meß)Problematik, die zwar keineswegs intuitiver als die anderen Interpretationen ist (Kopenhagen zB, insbesondere mit Christiana, ist eine schöne Stadt), aber irgendwie sich deutlich besser anfühlt als der Rest.

    Modls Weltbild

    Tres chique, tomtoo, der versucht ja an einigen Weltbildern restriktiv herumzumodellieren…

  12. #12 tomtoo
    21. September 2019

    @rolak
    “..aber irgendwie sich deutlich besser anfühlt als der Rest…”

    Warum? Verschiebe ich die Problematik nicht einfach nur in eine andere Welt? Die zudem nicht mal greifbar ist? Irgentwie beinahe religiös oder?

  13. #13 rolak
    21. September 2019

    beinahe religiös oder?

    Bei Gefühlsentscheidungen generell kaum vermeidbar.

  14. #14 tomtoo
    21. September 2019

    @rolak
    “..Gefühlsentscheidungen,.”

    Oh, die Physik versagt.

    Physiklehrer: Warum lesen Sie die Bravo im Physikunterricht ?
    Schüler: Letzendlich werden auch Sie verstehen das selbst Physik eine reine Gefühlsentscheidung ist. ; )

  15. #15 rolak
    21. September 2019

    die Physik versagt

    Nö, tomtoo, ganz im Gegenteil: sie ist zu gut. Nämlich derart gut, daß sie funktional gleichwertige Interpretationen bzw Modellbeschreibungen anbietet, die bis zur Widerlegung der einen oder anderen gefühlt gewählt werden können.

    Ist ja beim Bäcker ähnlich, sogar bis runter zu den beteiligten Städten ;•)

  16. #16 tomtoo
    21. September 2019

    @rolal
    Schön das ich kein Philosoph bin. Ich nehm das Teilchen mit Erdbeermarmelade. Warum? So halt. ; )

  17. #17 tomtoo
    21. September 2019

    @rolak
    Unabhängig davon mag ich keine Erklärungen die Probleme in andere Welten verschiebt. Ich sehe nämlich nicht wie sie zu Problemlösungen in dieser Welt beitragen sollten? Das scheint halt mein persönlicher Geschmack zu sein. Will sagen ich verstehe nicht was damit gewonnen sein soll?

  18. #18 tomtoo
    21. September 2019

    Ich wäre ja froh jemand würde mir helfen. Auch wenn der Kolaps der Wellenfunktion schräg ist, verstehe ich nicht warum die Erschaffung multibler Universen die Sache vereinfachen sollte? Wellenfunktion bleibt erhalten, neues Universum? Für mich ist sowas nur ein Verlagern des eigentlichen Problems. Wer wars? Gott!

  19. #19 tomtoo
    21. September 2019

    Sry das ich alles zuspamme, aber ist halt spannend.

    Aber was erklärt die MWT?
    Das habe ich nicht verstanden. Imo verlagert sie den Kolaps doch nur, der ist nicht, dafür ist ein neues Universum entstanden. Der Kolaps ist genauso schwer fassbar wie das neue Universum. Was ist also gewonnen?

  20. #20 Herr Senf
    21. September 2019

    Na beim Kollaps geht halt immer was kaputt, iwie schade drum.
    Bei der MWT haben wir den Goldesel, alles wird mehr.
    Ich hab ich auch 2 Geldbörsen, nehm ich aus 1 was raus, gucke ich in 2.

  21. #21 tomtoo
    21. September 2019

    @Herr Senf
    Keine Scherze! Das ist kein Quark ,Herr Dip. ; )

  22. #22 Alderamin
    21. September 2019

    @tomtoo

    Ich könnte dazu jetzt eine Menge antworten… das soll aber eigentlich das Thema von Teil 2 sein. Jetzt muss ich aber zuerst mal das Buch zu Ende lesen. 😉

  23. #23 Alderamin
    22. September 2019

    @rolak

    Bei allem Respekt und , Lewis Carrol ist mir lieber. UnterhaltungsTechnisch.

    Da kann ich Dir nur Sean Carrolls Mindscape-Podcast empfehlen, den ich derzeit gerne beim Laufen höre. Er hat immer tolle Gäste (Penrose war da und Brian Greene!) und ist ein sehr einfühlsamer Gastgeber und Interviewer. Ist auch sehr gut sprachlich verständlich. Über den Podcast kam ich auf das Buch und neulich auf die Boltzmann-Hirne. Er lässt stets seine Gäste über deren Themen reden und widerspricht ihnen nicht (vehement), auch wenn er andere Meinung vertritt, die er bisweilen erwähnt.

  24. #24 rolak
    22. September 2019

    Podcast empfehlen

    Sehr entgegenkommend, Alderamin, doch Format P. und ich leben aneinander vorbei. Ein bißchen Fummeln, sonst war bisher nichts. Mag sein, daß irgendwann auch dort der Blitz einschlägt (gibt ja keine formalen Gegenargumente wie zB bei WhatsApp), doch bis aktuell bin ich noch nicht fasziniert bezaubert gefangen.
    Abgesehen davon war →LC/AAiW nun tatsächlich eher Brabbeln bis Bonmot.

    zu Ende lesen

    ^^hey, ne LiveRezension, eben erst (emp|ge)funden, schon jetzt im blog…

  25. #25 H.M.Voynich
    Nordrhein-Westfalen - Hilden
    22. September 2019

    Ich würde die MWI nicht so interpretieren, dass beim Messprozess neue Welten entstehen, sondern sie sind die ganze Zeit schon da, nur bis zum Messprozess eben nicht unterscheidbar, und das, was ich als “ich” bezeichne, lebt in allen diesen für mich ununterscheidbaren Welten gleichzeitig.
    Was sich dann gabelt ist das “ich”, vergleichbar mit der Situation, wenn ein Star-Trek-Transporter eine exakte Kopie von mir erzeugt, ohne das Original zu zerstören.

  26. #26 hto
    22. September 2019

    Also ich habe ja nie geglaubt, dass Mensch die Realität der Gegenwart verändert, wenn er in die Vergangenheit reisen könnte und dort Mist baut – der Mist wird einfach eine weitere Realität

  27. #27 Karl-Heinz
    22. September 2019

    @Alderamin

    Ich bin schon gespannt wie der Quantenradierer mit verzögerter Auswahl in der VWT interpretiert wird. 😉

    https://en.wikipedia.org/wiki/Delayed-choice_quantum_eraser

  28. #29 hto
    22. September 2019

    Realitäten die den Illusionen menschlicher Spaltungen in gleichermaßen Bewusstseinsschwäche von Angst, Gewalt, “Individualbewusstsein” und geistigem Stillstand seit … entsprechen – Erst die Fusion von menschlichem und letztendlich ursprünglichem Geist, vielleicht / höchstwahrscheinlich aber mit einer oder mehreren “Defragmentierungs…” dazwischen, wird …!? :))

  29. #30 Alderamin
    22. September 2019

    @Karl-Heinz

    Ich bin schon gespannt wie der Quantenradierer mit verzögerter Auswahl in der VWT interpretiert wird.

    So. Wo ist das Problem?

    Kommt in Carrolls Buch nicht vor. Aber man lässt halt die Wellenfunktion einfach ihre Arbeit tun. Kopenhagen ist hier auch nicht schlauer.

  30. #31 Alderamin
    22. September 2019

    @rolak

    Podcast bietet sich mir immer dann an, wenn ich alleine unterwegs bin (zu Fuß, Auto, Bahn…). Alternativ zum Lesen.

    ^^hey, ne LiveRezension, eben erst (emp|ge)funden, schon jetzt im blog…

    Dann brauche ich mir weniger zu merken und finde die Stelle leichter wieder 😉

    Bin aber eh’ schon bei 2/3…

  31. #32 Karl-Heinz
    22. September 2019

    @Alderamin

    Ok, ok …

    Vielleicht kannst du uns das Prinzip des Quantenradierer mit verzögerter Wahl nochmals mit einfachen Worten erklären. Hat vielleicht noch nicht jeder davon gehört.

    Ich persönlich vertrete „Halt den Mund und berechne Interpretation“. 😉

  32. #33 Alderamin
    22. September 2019

    @Karl-Heinz

    Dazu braucht es deutlich mehr als einen Kommentar. Kann ja mal einen Artikel planen, obwohl das ein wenig abseits meines Themas liegt. Hatte irgendwann mal einen bei Martin angeregt, der sich aber anscheinend nicht auf das dünne Eis getraut hat 😉 😉 😉 (jedenfalls finde ich keinen, aber Google ist mittlerweile auch ziemlich vergesslich geworden).

  33. #34 Karl-Heinz
    22. September 2019

    @Alderamin

    Ok, danke. Freue mich schon darauf. 🙂

  34. #35 tomtoo
    22. September 2019

    @Alderamin
    Wie gesagt ich freu mich schon auf Teil 2.

    @Karl-Heinz
    „Halt den Mund und berechne Interpretation“.

    Wohl die produktievste. Aber irgentwie schrecklich. Denn sie wussten nicht was sie tun. Aber sie rechneten. ; )

  35. #36 Alderamin
    22. September 2019

    @Karl-Heinz

    Ich persönlich vertrete „Halt den Mund und berechne Interpretation“.

    Ich nicht, ich finde, man muss ein intuitives Verständnis für ein Problem entwickeln, damit man überhaupt nachvollziehen kann, was man da rechnet. Mir hat zum Beispiel das Wasserfallmodell der Gravitation unglaublich dabei geholfen, Schwarze Löcher zu verstehen.

    Und genau das ist auch der Sinn der verschiedenen Interpretationen der Quantenmechanik, die am Ende alle gleichwertig sind (sein müssen, sonst wären sie vornherein falsch), aber eben nicht alle gleich nachvollziehbar. Selbstverständlich hat jeder da seine eigene Präferenz. Für verschiedene Probleme mögen auch manchmal verschiedene Interpretationen die jeweils geeignetste sein.

  36. #37 Karl-Heinz
    22. September 2019

    @tomtoo

    Du hast recht. Sie wussten jetzt nicht genau, was sie da machten, aber das Ergebnis stimmt mit dem Experiment überein. 😉

  37. #38 Alderamin
    22. September 2019

    @Karl-Heinz

    Ist dann wie bei der KI: sie kommt auf ein richtiges/tolles Ergebnis, nur weiß keiner genau, warum. Suboptimal.

  38. #39 MartinB
    22. September 2019

    @Alderamin
    Quantenradierer mit verzögerter Messung (delayed choice). Ja, möglichweise schreibe ich dazu demnächst was, allerdings nicht unbedingt auf meinem Blog.

    Ansonsten empfehle ich für ein Buch mit ziemlich deutlicher Kritik an der MWI das Buch “Beyond Weird” – über den physikjhistorischen Teil hab ich mich ja neulich aufgeregt
    http://scienceblogs.de/hier-wohnen-drachen/2019/07/21/schluss-mit-den-physik-maerchen/
    aber die Diskussion der Interpretationen der Qm ist in meinen Augen sehr gelungen, und MWI kommt dabei nicht so sehr gut weg…

    Was die Interpretationen angeht, glaube ich, dass die meisten ja einfach mehrere Bilder im Kopf haben und jeweils je nach Situation das passendste nehmen…

  39. #40 Karl-Heinz
    23. September 2019

    @MartinB

    Quantenradierer mit verzögerter Messung. Erfolgt hier eine Verschränkung über die Zeit? Kann man das so sehen?

  40. #41 MartinB
    http://scienceblogs.de/hier-wohnen-drachen
    23. September 2019

    @Karl-Heinz
    Würde ich so nicht unbedingt sehen, aber ich finde in solchen Fällen das saubere sprachliche Umschreiben oft schwerer als den Sachverhalt selbst. Für mich ist es einfach Verschränkung.

  41. #42 Alderamin
    23. September 2019

    @MartinB

    Quantenradierer mit verzögerter Messung (delayed choice). Ja, möglichweise schreibe ich dazu demnächst was

    Prima 😀

    allerdings nicht unbedingt auf meinem Blog.

    Oh, schade. 🙁

    Ansonsten empfehle ich für ein Buch mit ziemlich deutlicher Kritik an der MWI das Buch “Beyond Weird”

    Na ja, ich wollte halt mal mehr darüber erfahren und Carroll ist ja auch Profi-Physiker und arbeitet in diesem Bereich, also kein Crank. Ich stelle die MWI hier ungefähr so vor, wie er sie im Buch beschreibt bzw. wie ich sie daraus verstanden habe (analog zum Penrose-Universum neulich, das mich persönlich nicht überzeugt hat). Da kann dann jeder daraus machen, was er mag.

    Ich habe aber jedenfalls schon einmal mitgenommen, dass Everett in seiner Arbeit an keiner Stelle jemals von “vielen Welten” geredet hat, sondern immer nur davon, dass die makroskopische Welt mit in die Schrödingergleichung [Wellenfunktion] einbezogen werde und als Überlagerung vorliege; Wheeler war es, der die Arbeit unter dem Namen “viele Welten” populär machte. Die vielen Welten sind gewissermaßen in der Quantenwelt per se schon existent, es wird nur behauptet, dass sie nicht verschwinden, wenn man auf größere Skalen wechselt, man ist als Beobachter dann Teil der Überlagerung und hat damit eine eingeschränkte Sicht.

    Wenn dies konsistent mit der Beobachtung ist, dann wäre dies eine nach Ockham einfachere Erklärung als der Kollaps der Wellenfunktion (Carroll erwähnt auch, eher kurz, die seiner Meinung nach wichtigsten Vertreter altervativer Theorien, Bohmsche Mechanik, GRW und QBism, die alle noch komplexer seien). Ich denke, dagegen ist schwer zu argumentieren.

    Aber das ist jetzt schon ein Vorgriff auf Teil 2…

  42. #43 wolfhard
    23. September 2019

    @Alderamin
    Danke für die interresanten Artikel .

    Als Beobachter weiß man selbst nicht, in welchem Zweig man sich befindet, aber die Wahrscheinlichkeit ist am größten, dass man sich auf einem breiten Bündel mit wahrscheinlichen Ergebnissen befindet. 500mal eine 6 hintereinander würfeln? Passiert in irgendeiner Welt und irgendein Beobachter wird sich dort am Kopf kratzen und darüber grübeln, ob die Physik bei ihm verrückt spiele.

    Ist es nicht so das bei den identischen Anfangszuständen eines Körpers (Masse, Geschwindigkeit mit Richtung) und die auf ihn wirkenden Kräfte, dann kann man genau berechnen, wie er sich weiter bewegen wird, man eigentlich immer eine 6 würfeln würde ,bei sichveränderten Ausgangszuständen andere Endzustände eintreten ,u.a. auch 6sen.Man müsste Sie nur neu berechnen.

  43. #44 Alderamin
    23. September 2019

    @wolfhard

    Ist es nicht so das bei den identischen Anfangszuständen eines Körpers (Masse, Geschwindigkeit mit Richtung) und die auf ihn wirkenden Kräfte, dann kann man genau berechnen, wie er sich weiter bewegen wird, man eigentlich immer eine 6 würfeln würde ,bei sichveränderten Ausgangszuständen andere Endzustände eintreten ,u.a. auch 6sen.Man müsste Sie nur neu berechnen.

    Streng genommen ja, das galt mehr zur Versinnbildlichung unwahrscheinlicher Vorgänge, wobei man sich jedoch vorstellen könnte, das zufällige Quantenereignisse sich nach mehrmaligem Kaskadieren auf die makroskopische Welt auswirken können (habe mal gelesen, dass man beim Billard wegen der Quantenunsicherheit nicht mehr als 6 Kugeln in Folge anstoßen könnte, egal wie exakt man Kraft und Richtung treffen würde – bei Kugel Nr. 7 wäre der Fehler größer als ein Kugeldurchmesser).

    Aber gut – eine bessere Wahl wäre (wie in Carrolls Buch) 500mal Spin-Up im Stern-Gerlach-Versuch gewesen.

  44. #45 tomtoo
    23. September 2019

    “..500mal eine 6 hintereinander würfeln? Passiert in irgendeiner Welt und irgendein Beobachter wird sich dort am Kopf kratzen und darüber grübeln, ob die Physik bei ihm verrückt spiele…”

    Oder Würden sich die Physiker darüber wundern, wie ein fairer Würfel eine 1 bringen kann und nicht wie gewohnt eine 6? Bild( paralellwelt): Physik rätselt über Wunder. Das erste mal gelang es bei einem fairen Würfel eine 1 zu generieren. ; )

  45. #46 tomtoo
    23. September 2019

    @aldemarin
    Es geht weiter:
    “…With the help of the omnipresent corrupt journalistic biomass, Sean Carroll’s incorrect, unimaginative, unoriginal book successfully sells the ideology of the “Many Worlds Interpretation” to the uninformed, unintelligent laymen (if I avoid the overly technical term “imbeciles”) …”

    Du weist wo sowas zu finden ist. ; )

  46. #47 Karl-Heinz
    23. September 2019

    Mein Gott
    In einem weiteren Universum wird man gerade von einem Lastwagen überfahren. 🙁

  47. #48 tomtoo
    23. September 2019

    @K-H
    Nun dass kam von der unweisen Entscheidung nicht in den Weinkeller zu gehen. ; )

  48. #49 Karl-Heinz
    23. September 2019

    @tomtoo

    Ich glaub Alderamin hat in diesem Universum mit dieser Serie zu tief ins Weinglas geguckt. Und wenn’s nicht ganz der Wahrheit entspricht, irgendwo find ich schon ein Universum, wo es dann so ist. 😉

  49. #50 Bbr
    Niedersachsen
    23. September 2019

    Nach der Viele-Welten-Interpretation, so wie David Deutsch sie vertritt, werde ich ja gleich sterben. Etwa indem alle radioaktiven Isotope in meinem Körper gleichzeitig zerfallen. Oder weil sich alle Sauerstoffmoleküle in der falschen Hälfte des Zimmers versammeln. Oder durch irgendeine andere äußerst unwahrscheinliche aber physikalisch mögliche Weise.

    Das wird zwar nur in einem verschwindend kleinen Bruchteil aller möglichen Welten passieren, aber es passiert. Und diesen Gedanken finde ich dann doch etwas befremdlich.

    David Deutsch sprach ja auch noch von den Harry-Potter-Universen, in denen solchen Sachen immer genau dann passiert sind, wenn jemand mit dem Zauberstab rumfuchtelte. Dort glaubt man daher, Magie funktioniert. Dabei gelten dort natürlich dieselben physikalischen Gesetze wie bei uns, und beim nächsten Fuchteln mit dem Zauberstab wird gar nichts passieren, und auch später nie wieder. Außer natürlich wiederum in einem verschwindend kleinen Bruchteil aller Welten.

    Sehr schräg das ganze.

  50. #51 Alderamin
    24. September 2019

    @Karl-Heinz

    Was sich die Leute heutzutage alles an den Kopf schmeißen…. *kopfschüttel*

  51. #52 Karl-Heinz
    24. September 2019

    @Alderamin

    Nein, nicht an den Kopf schmeißen. In Wirklichkeit gucke ich ja schon, ob nicht eine Fortsetzung schon da ist. Verrückte Quantenwelt. 😉

  52. #53 jyou
    24. September 2019

    Ich komm mit dem Satz :
    “Die Wellenfunktion schließt dabei streng genommen die ganze Welt mit ein, nicht nur ein einzelnes Teilchen; wenn Quantenteilchen miteinander interagieren dann ist ihr Verhalten miteinander verknüpft; das berühmteste Beispiel sind verschränkte Teilchen, bei denen zwei zusammen entstandene, aber danach räumlich getrennte Teilchen voneinander “wissen”, wie der Zustand des jeweils anderen bei einer Messung ausfällt, und man kann zeigen, dass diese Information nicht schon bei der Trennung der beiden vorhanden war.” nicht ganz klar ?

    Ich dachte immer die Teilchen werden irgendwie verschränkt, und das “Wissen/Information” “ist in den Teilchen”. Misst man das eine, weiß man gleichzeitig auch wie es um das andere Teilchen steht. Die Teilchen sind also sozusagen über eine Funktion (Wellenfunktion?) miteinander verbunden. Laienhaft : Messe ich Teilchen a und es zeigt nach oben, weiß ich Teilchen b zeigt nach unten, zeigt Teilchen a aber bei meiner Messung nach links, weiß ich Teilchen b zeigt nach rechts.

    Welche Information war also bei der Trennung noch nicht da und wie ist die da hingekommen wo sie gebraucht wird ?

  53. #54 Alderamin
    24. September 2019

    @jyou

    Ich dachte immer die Teilchen werden irgendwie verschränkt, und das “Wissen/Information” “ist in den Teilchen”.

    Nicht in dem Sinne, dass etwa zwei Teilchen mit umgekehrtem Spin entstehen, so dass das eine bei der Messung das Gegenteil des anderen tun wird.

    Dann wäre die Bellsche Ungleichung erfüllt, ein statistisches Argument über die Korrelation der Messungen, wenn man z.B. mit Stern-Gerlach-Magneten die Spins von Elektronen der verschränkten Teilchen unter verschiedenen Winkeln misst. Die Entscheidung, ob das erste Teilchen in die eine Richtung geht, entsteht spontan erst bei der Messung und beeinflusst dann erst, wie sich das andere verhält.

    Ich tue mich etwas schwer damit, die mit einem Kommentar zu erklären und verweise mal auf diese Seite, die das Problem halbwegs anschaulich erklärt.

    Kurz gesagt erwartet man bei Messungen der Korrelationen von Messungen der Spins zweier verschränkter Teilchen unter 3 verschiedenen Winkeln ein anderes Ergebnis, wenn schon von vornherein feststeht, was herauskommen wird, als wenn erst zur Zeit der Messung die Information des Ergebnisses beim anderen Teilchen verfügbar ist.

    Welche Information war also bei der Trennung noch nicht da und wie ist die da hingekommen wo sie gebraucht wird ?

    Die Information darüber, wie sich das eine Teilchen bei der Messung “entscheidet”, welcher Spin herauskommt. Die wird instantan bei der Messung des einen Teilchens für das andere verfügbar.

    Wobei das keine Informationsübertragung ist, die man zum Versenden von Nachrichten verwenden könnte. Man kann kein 1- oder 0-Bit per Verschränkung von 2 Teilchen instantan übertragen.

  54. #55 bote
    25. September 2019

    Karl -Heinz, #47
    das sieht nur so aus , als ob da einer überfahren wird.
    Begreife doch endlich. Das Universum besteht nur aus Atomkernen und leerem Raum dazwischen.
    Wenn du einen Schritt weiter nach rechts gehst, dann sieht du keinen LKW mehr, sondern das rechte Vorderrad ist ein Holzkohlegrill von Weber, das Lenkrad des LKW ist ein Kronleuchter und der Fahrer ist eine Fahrerin, nämlich Marily Monroe. Du kennst doch die Vexierbilder von Archim Boldo – Alles ist schon da, du musst dich nur woanders hinstellen.

  55. #56 demolog
    26. September 2019

    Was sind Welten?

  56. #57 Karl Mistelberger
    mistelberger.net
    10. Oktober 2019

    > #9 Alderamin, 21. September 2019
    > Frau Hossenfelders Review hatte ich noch gar nicht gesehen. Ziemlich positiv. Natürlich mit etwas Luft nach oben.

    Mehr von Bine:

    In today’s video I want to tell you why I am not a fan of the many worlds interpretation of quantum mechanics. It’s not the many worlds. I don’t a priori have a problem with those. It’s that I think you do not gain anything from this reinterpretation.

  57. #58 Alderamin
    12. Oktober 2019

    @Karl Mistelberger

    Sie erzählt dasselbe wie in ihrem Blogartikel und ich verstehe es immer noch nicht – bei Ihrer Schlussfolgerung lässt sie mich ratlos zurück; es scheint mir, als ob sie a-priori und a-posteriori-Wahrscheinlichkeiten durcheinander wirft.

    Ja, in jedem Zweig sehen wir eine 100%iges Ergebnis – was sonst?, das ist ja gerade die Beobachtung der Messung. Aber nicht jeder Zweig hat 100% Wahrscheinlichkeit unserer Selbstlokalisierung, sondern in ihrem Beispiel nur 50%. Es verzweigt sich nicht nur der Detektor, sondern auch der Beobachter. Und da jeder Beobachter nur seine eigene Beobachtung wahrnimmt, sieht jeder ein 100%-Ergebnis (a-posteriori), aber es sieht eben nicht jeder Beobachter dasselbe (a-priori). Die Wahrscheinlichkeit verlagert sich vom Wellenkollaps auf die Selbstlokalisierung – wie wahrscheinlich bin ich derjenige, der von zwei Beobachtern mit verschiedenen Ergebnissen genau ein bestimmtes Ergebnis beobachtet? Und das ist in ihrem Beispiel 50%.

    Das ist wie beim Losen: jeder kriegt ein Los, einer den Hauptgewinn, es steht schon vorher fest, dass genau einer ihn gewinnt und die anderen nicht. Wie wahrscheinlich ist es, dass gerade ich derjenige bin, der das Hauptlos gezogen hat?

    Da sie auf die für die VWI absolut wesentliche Selbstlokalisierung mit keinem Wort eingeht, kommt es mir vor, als wenn sie in der Argumentation vorher falsch abbiegt. Oder ich bin zu blöde, sie zu verstehen. Das ist zwar angesichts ihrer Verdienste und Kenntnisse sogar sehr wahrscheinlich, hilft meinem Verständnis aber auch nicht weiter…

  58. #59 Karl Mistelberger
    mistelberger.net
    14. Oktober 2019

    > Da sie auf die für die VWI absolut wesentliche Selbstlokalisierung mit keinem Wort eingeht, kommt es mir vor, als wenn sie in der Argumentation vorher falsch abbiegt.

    In den zahlreichen Kommentaren zu Bines Blogartikel hat niemand in ähnlicher Weise geäußert.

    Meine Probleme fangen schon vorher an: Was bringt es letzlich, wenn ich mich mit einem Boltzmannhirn unterhalte?

  59. #60 Quanteder
    15. Oktober 2019

    #59 @Karl Mistelberger

    Was bringt es letzlich, wenn ich mich mit einem Boltzmannhirn unterhalte?

    Vielleicht erhalten sie die Erkenntnis, warum Atome, Moleküle eine Evolution hervorbringen, um soziale Bindungen einzugehen? Und sie verstehen vielleicht ihre eigene Rolle, Aufgabe und eine Sinn im Leben (gewissermassen eine Selbstlokalisierung), welche mit einem GrossenGanzen im Universum verbunden ist. Dann verstehen sie vielleicht auch, das jeder Mensch auf der Erde, egal ob Physikerin oder Obdachloser genau ihre Rolle, Aufgabe und Sinn im Leben tragen.

    Eine solche Erkenntnis wäre schrecklich und politisch falsch, da sie vielleicht als klassenlose Gesellschaft verstanden werden könnte. Es wäre nahezu unvorstellbar, das Naturwissenschaft das Wirken von Religion nicht nur beschreiben, sondern erklären könnte.
    . . . ..
    Ich bin ein wenig von dem hier inspiriert:

    Physik ist keine Mathematik und Mathematik ist keine Physik. Einer hilft dem anderen. Aber in der Physik muss man die Verbindung von Wörtern mit der realen Welt verstehen.}

    Richard Feynman

    Aus http://scienceblogs.de/mathlog/2019/09/21/physik-und-mathematik/