Falschfarben-Aufnahmen des Kometen vom 2. und 5. April mit dem 0.6-m Ningbo Education Xinjiang Telescope (NEXT). Die Aufnahmen wurden durch Rotfilter aufgenommen und sind im Original schwarz-weiß, die Farben entsprechen den Helligkeitswerten der einzelnen Pixel. Die zentrale Kondensation (Pseudonukleus) wird lichtschwächer und verlängert sich in Richtung des Schweifs - Hinweise auf ein Zerbrechen des Kerns. Bild: © Quanzhi Ye und Qicheng Zhang [1], mit freundlicher Genehmigung.

Ihr müsst jetzt ganz tapfer sein: entgegen der Hoffnung, die ich im letzten Artikel geweckt habe, wird C/2019 Y4 (ATLAS) wohl kein Großer Komet. Er hat seine beste Sichtbarkeit offenbar schon hinter sich. Dieser Komet ist quasi tot. Er ist erledigt. Dies ist ein Ex-Komet.

 

Katziger Komet

Komet Atlas passt voll ins Katzen-Klischee: er hat einen Schweif und macht, was er will. Zuerst eine dramatische Helligkeitsteigerung, die Hoffnung auf einen längst überfälligen Großen Kometen schürte, dann flachte sich die Lichtkurve etwas ab, und nun, nachdem er endlich die große Publicity in der Presse bekam, zeigt er uns den Stinkefinger.

Mittlerweile hat die Helligkeit nicht nur nicht weiter zugenommen – obwohl der Sonne und der Erde näher kommt, verliert er sogar an Helligkeit:

Lichtkurve des Kometen bis zum 06. April 2020. Es geht abwärts mit der Helligkeit, die nur 7,5m erreichte und mittlerweile eine Größenklasse darunter liegt. Bild: © José J. Chambó, mit freundlicher Genehmigung.

Auf den folgenden Aufnahmen sieht man die dramatische Helligkeitsabnahme zwischen dem 3. und 6. April:

Ein Komet verblasst. Die Aufnahmen von A. Davis vom 3., 4. und 6. April zeigen die dramatische Helligkeitsabnahme des Kometen binnen weniger Tage. Bilder: © @weatherade2 (A. Davis), mit freundlicher Genehmigung.

Zerbrechende Hoffnung

Am 6. April meldeten die Astronomen Quanzhi Ye (University of Maryland) und Qicheng Zhang (California Institute of Technology) in einem astronomischen Telegramm [1], dass der Kometenkern möglicherweise zerbrochen sein könnte. Sie hatten ihn mit dem 0,6-m-NEXT-Reflektor des Xingming-Observatoriums, einer Amateur-Sternwarte auf einem Berg in der Region Xinjang im Nordwesten von China, aufgenommen. Die Aufnahmen vom 2. und 5. April zeigen, dass die zentrale Kondensation, also die Gegend um den selbst nicht sichtbaren Kometenkern, wo das Gas am dichtesten ist (auch als Pseudonukleus bezeichnet – der tatsächliche Nukleus, also Kometenkern, ist zu klein und lichtschwach, um gesehen zu werden), sich im späteren Bild zu 3 Bogensekunden Länge in Richtung des Schweifs aufgeweitet und insgesamt an Helligkeit verloren hatte (Titelbild).

Dieses Verhalten erwartet man, wenn der Kometenkern auseinander bricht und die Einzelteile sich voneinander entfernen. Gleichzeitig hat die Staubproduktion offenbar stark nachgelassen, auch das würde man bei einem Zerbrechen erwarten. Ähnlich erging es dem Kometen C/2010 X1 (Elenin), der kurz vor seiner Perihel-Passage im September 2011 zerbrach und sich danach schnell auflöste.

Für ein Zerbrechen spricht außerdem, dass der Komet mit ca. 5-10 m/s von seiner voraus berechneten Bahn abweicht – Ye und Zhang sprechen von “nicht-gravitativen Kräften”. Gemeint ist, dass durch das Zerbrechen gefrorene Gase aus dem Inneren ans Sonnenlicht gelangen, die sofort verdampfen und sich ausdehnen, was dem Kometen einen natürlichen Düsenantrieb verschafft, der ihn von seiner Bahn ablenkt.

Neuere Aufnahmen von Amateuren zeigen bereits erkennbar mehrere Fragmente, in die der Kometenkern zerbrochen sein dürfte.

 

Ein Komet fliegt so lange um die Sonne, bis er (zer)bricht

Warum zerbrechen Kometen? Die Ursache ist noch nicht eindeutig geklärt, aber man nimmt an [2], dass die Fontänen von verdampfenden Gasen, die der Komet in Sonnennähe produziert, seine Rotation beschleunigen können, denn sie werden den Kometenkern in der Regel nicht direkt in Richtung des Schwerpunkts beschleunigen, sondern tangential zum Schwerpunkt mit einem Hebelarm, was die Rotation des Kometenkerns verändert. Da Kometenkerne nur aus lose verbundenem Material bestehen (Komet Tschurjumow-Gerrassimenko hatte eine Dichte von etwa 0,3 g/cm³ – 1/3 der Dichte von Wasser), können sie unter der Fliehkraft einer schnellen Rotation leicht in Stücke zerfallen. Und genau das könnte ATLAS auch passiert sein.

Es wird also wohl leider nichts mit der großen Show im Mai und wir müssen weiter auf den nächsten Großen Kometen warten. So sind sie halt, die himmlischen Katzen. Seufz.

 

Referenzen

[1] Quanzhi Ye und Qicheng Zhang, “Possible Disintegration of Comet C/2019 Y4 (ATLAS)“, The Astronomer’s Telegram #13620, 6. April 2020, 17:12 UT.

[2] Bob King, “Oh No! Comet Atlas is Fragmenting“, Explore the Night with Bob King, Sky & Telescope, Update April 7 2020 – Possible Breakup.

[3] Eddie Irizarry, “Is bright Comet ATLAS disintegrating?“, EarthSky, 6. April 2020.

Kommentare (13)

  1. #1 Leser
    11. April 2020

    In der Überschrift sind 0 und 1 vertauscht.

  2. #2 Leser
    11. April 2020

    Doch noch eine Frage : Warum nimmt nach dem Zerbrechen des Kometenkerns die Helligkeit ab ? Durch das Auseinanderbrechen nimmt doch die Fläche der Energieeinstrahlung zu. Und das Ausgasen ist auch leichter möglich. Kann es sein, daß die Menge der sehr leicht flüchtigen Gase schon erschöpft ist ?

  3. #3 Stefan N
    Stutensee
    11. April 2020

    ” dann flachte sich die Lichtkurve etwas ab” ==> #flatteningthecurve!!! 🙂
    Der Komet geht nur mit der Zeit 🙂

  4. #4 Alderamin
    11. April 2020

    @Leser

    #1: Danke, korrigiert.
    #2: wenn ich’s wüsste, hätte ich’s im Artikel beschrieben. Habe gerade nochmal gegoogelt, es ist immer die Rede davon, dass ein zerbrechender Komet dunkler wird, aber erklärt wird es nie – man weiß es anscheinend nicht. Vielleicht war die extreme Helligkeitssteigerung im Februar schon auf das Auseinanderbrechen zurück zu führen, und erst jetzt entfernen sich die Bruchstücke sichtbar voneinander und der Staub wurde vom explosionsartig sublimierenden Gas auseinander getrieben.

    Aber ich frage mal bei Quanzhi Ye nach, vielleicht kann der es erklären.

    Wer übrigens auch kürzlich zerbrochen ist, ist der interstellare Komet Borisov. Hätte ich im Artikel noch erwähnen sollen.

  5. #5 Herr Senf
    11. April 2020

    FF schrub 2013 zu ISON
    “Der Komet nähert sich der Sonne, die hohen Temperaturen lassen das Eis verdampfen das den Kometen zusammenhalt und die starken Gezeitenkräfte reißen ihn auseinander. Der Komet verwandelt sich in eine Trümmerwolke und die reflektiert erst mal wieder mehr Licht, bevor der Kometenkern sich dann ganz auflöst.”
    http://scienceblogs.de/astrodicticum-simplex/2013/11/27/ist-der-komet-ison-schon-zerbrochen/

  6. #6 Alderamin
    12. April 2020

    @Herr Senf

    ATLAS ist aber weder in Sonnennähe, noch wurde er zunächst heller. Er hat sich zerlegt und wurde dabei einfach nur dunkler. Wie auch viele andere zerbrochene Kometen.

  7. #7 Alderamin
    13. April 2020

    @Leser

    Ich habe eben Antwort von Quanzhi Ye bekommen und auch er vertritt die Ansicht, dass das Zerbrechen des Kometen schon im Februar-März passiert sei, als er so viel heller wurde. Nach dem Zerbrechen dauere es bei den wenigen m/s, mit denen die Bruchteile auseinander drifteten, wenigstens eine Woche, bis sich der Pseudonukleus auf 500 km (ca. 1″) aufgeweitet habe, so dass man die Verlängerung des Kerns würde sehen können. Der umjubelte Helligkeitsanstieg wäre demnach bereits der Anfang vom Ende des Kometen gewesen.

  8. #8 Coffebreakblog
    Austria
    13. April 2020

    Um ihn zu beobachten, sollten Sie einen moglichst dunklen Standort aufsuchen, wo die Lichter der Stadt nicht storen. Ein freier Blick nach Norden bietet sich an. Suchen Sie zur Orientierung nach den Sternen des Gro?en Wagens. Die kostenlose App Celestron SkyPortal hilft Ihnen bei der Orientierung am Himmel. Unsere Aufsuchkarte zeigt Ihnen, wo Sie dann nach dem Komet suchen mussen. Solange er noch weit von der Sonne entfernt ist, zeigt er keinen ausgepragten Schweif. Suchen Sie vielmehr nach einem verwaschenen, gro?eren Stern oder Nebel. Wie gro? und hell Atlas erscheint, kann sich fast taglich andern. Vergessen Sie nicht, dass Sie einen mehrere Millionen Kilometer entfernten, nur wenige Kilometer gro?en Brocken aus Eis und Gestein beobachten, der von einer (Mitte Marz) rund 300.000 km gro?en Gaswolke umgeben ist – doppelt so gro? wie Jupiter, aber noch weit entfernt.

  9. #9 Alderamin
    14. April 2020

    @Coffeebreakblog

    Nur wird der Komet leider nicht zu sehen sein, wie ich im obigen Artikel geschrieben habe.

  10. #10 Bullet
    15. April 2020

    Liest sich auch wie Werbespam.

  11. #11 Zhar
    17. April 2020

    hier ein Bild, aufgenommen am 12.4., wo man das Verteilen sehen kann:
    https://www.starobserver.org/image/2004/C2019Y4_20.04.13_1100px.jpg

  12. #12 Jules
    Gummersbach
    18. April 2020

    Hallo zusammen,

    Ich denke ich habe Teile von Atlas verglühen sehen! Mich beschäftigt schon seit zwei Wochen das Thema aber ich habe im Netz kaum Seiten gesehen auf denen man seriöse Meinungen oder Einschätzungen dazu findet.

    Am 04.04. gegen 23:50 Uhr habe ich durch Zufall aus dem Fenster gesehen und einen grünen Lichtstreif gesehen. Er sah aus wie ein Feuerwerkskörper aber flog von oben nach unten. Die Himmelsrichtung war Norden. Ich wohne in Gummersbach in NRW. Ich habe lange nach einer Erklärung gesucht und jetzt ja vermutlich auch eine gefunden zu dem, was ich da gesehen habe.. kann es sein dass es ein Stück „Atlas“ war?

    Hat noch jemand dies beobachtet? Ich bin nach wie vor beeindruckt und fühle mich fast schon gesegnet so zufällig eine so faszinierende Beobachtung gemacht zu haben.

    Vllt meldet sich ja jemand auf den Eintrag 🙂

  13. #13 Alderamin
    19. April 2020

    @Jules

    Den Kometen kannst Du ohne Teleskop nicht sehen, der ist zu lichtschwach. Was Du gesehen hast, war eine Feuerkugel (auch Bolide genannt), das ist eine besonders helle Sternschnuppe. Ein vielleicht kieselsteingroßer Meteoroid, der in der Atmosphäre verglüht ist. Hier gibt es einen Bericht dazu.

    Das passiert gar nicht mal so selten, mehrmals im Jahr. Meistens in tiefster Nacht, wo nur wenige Menschen draußen sind. Seltener sind noch hellere Boliden, die man sogar am hellen Tag sehen kann. Zufällig gab es am 6. April über Österreich und Süddeutschland eine solche Feuerkugel. Einmal im Leben hatte ich das Glück, so was selbst zu sehen.