Bei den meisten Fragen aus meiner Serie “Fragen zur Astronomie” geht es um die eher “spektakuläreren” Themen wie schwarze Löcher oder den Urknall. Aber kürzlich habe ich eine Frage gestellt bekommen, die sich mit simplen Sternen beschäftigt und trotzdem sehr interessant ist. Es geht darum, wie weit wir eigentlich blicken können: Wie heißt der fernste Stern, den wir ohne technische Hilfsmittel und nur mit dem nackten Auge gerade noch sehen können?.
Klingt eigentlich ziemlich simpel. Immerhin gibt es ja jede Menge Sternkataloge und da müsste man sich dann halt einfach nur den entsprechenden Stern raus suchen, oder? Theoretisch ist das so – aber in der Realität ist das, wie so oft, ein wenig komplizierter.

Zuerst muss man mal definieren, was man mit “fernster Stern” eigentlich meint. Am nächtlichen Himmel sind zwar tatsächlich hauptsächlich Sterne zu sehen. Aber eben nicht nur… neben Planeten und Satelliten (die uns im Rahmen dieser Frage nicht interessieren) sind da auch noch die Galaxien. Auf der Südhalbkugel der Erde kann man die beiden Magellanschen Wolken mit freiem Auge beobachten. Das sind zwei kleine Zwerggalaxien in einer Entfernung von etwa 170.000 beziehungsweise 200.000 Lichtjahren. Auf der Nordhalbkugel können wir unter guten Bedingungen die 2,5 Millionen Lichtjahre entfernte Andromedagalaxie sehen und auch den 2,8 Millionen Lichtjahren entfernten Dreiecksnebel, bei dem es sich ebenfalls um eine Galaxie handelt. Und wenn man ein sehr guter und erfahrener Beobachter ist und extrem gute Beobachtungsbedingungen hat, kann man eventuell auch noch andere Galaxie mit bloßem Auge erkennen, zum Beispiel die 12 Millionen Lichtjahre entfernte Galaxie Centaurus A oder Messier 83 mit einer Entfernung von 15 Millionen Lichtjahre. Und das, was wir sehen, wenn wir diese Galaxien sehen, sind natürlich die Sterne, die in ihnen leuchten. Natürlich können wir mit unseren Augen diese Sterne nicht in einzelne Objekte auflösen und wir sehen auch nur den Gesamteindruck aller Sterne, die normalerweise auch keine eigenen Namen oder Katalogbezeichnungen haben.

Messier 83 (Bild: ESO

Messier 83 (Bild: ESO

Bei der Frage nach dem fernsten, noch sichtbaren Stern geht es aber meistens nicht um ferne Galaxien, sondern echte Sterne die als einzelne Objekte gesehen werden können und die einen halbwegs vernünftigen Namen oder zumindest eine brauchbare Bezeichnung haben. Diese Sterne befinden sich dann auch alle innerhalb unserer eigenen Galaxie – aber kompliziert bleibt die Sache trotzdem. Denn viele Sterne, die wir am Himmel als einzelnen Lichtpunkt sehen können, sind in Wahrheit Doppel- oder Mehrfachsternsysteme die wir mit unseren Augen nicht auflösen können. Es gibt auch viele veränderliche Sterne, die ihre Helligkeit stark ändern können. Aber einigen wir uns mal darauf, das alles zu ignorieren. Dann brauchen wir erst Mal einen passenden Katalog. Den findet man bei Simbad, dem Service des Centre de Données astronomiques de Strasbourg (CDS), einer der Standardquellen für astronomische Daten (und das trotz des grauenhaften User-Interface).

Bevor wir uns dort aber auf die Suche machen, müssen wir noch klären, wie hell ein Stern eigentlich sein muss, damit er noch mit freiem Auge zu sehen ist. Auch hier gibt es keine eindeutige Antwort. Die Grenzgröße hängt stark von der individuellen Sehfähigkeit ab und natürlich auch von den Beobachtungsbedingungen und dem Ausmaß der Lichtverschmutzung. An extrem dunklen Orten ist es unter Umständen möglich, Sterne bis zur achten Größenklasse (zur Definition der Größenklassen siehe hier) mit freiem Auge zu sehen; typischerweise geht man aber davon aus, dass Sterne ohne technische Hilfsmittel nur bis zur sechsten Größenklasse (je kleiner die Größenklasse, desto heller der Stern) freiäugig sichtbar sind. Ich habe daher in der Simbad-Datenbank nach allen Sternen mit mindestens 6. Größenklasse gesucht (hier ist ein Link mit der entsprechenden Abfrage). Dann bekommt man eine lange Liste mit jeder Menge Daten (die man sich über ein weiteres kompliziertes und benutzerunfreundliches Formular organisieren kann) – uns interessiert aber nur der Abstand. Der ist hier nicht in Form von Lichtjahren angegeben, sondern als “Parallaxe” in Millibogensekunden. Die Parallaxe ist die scheinbare Verschiebung der Sterne vor dem Hintergrund, die durch die Bewegung der Erde und den damit verbundenen Wechsel in der Blickrichtung (siehe hier) verursacht wird. Je größer die Parallaxe, desto näher der Stern und für vergleichsweise nahe Sterne (also die innerhalb unserer eigenen Galaxie) ist die Parallaxe die genauste und beste Methode der Entfernungsbestimmung. So sieht meine Liste mit den Sternen aus:

sterntabelle1

Die kleinste Parallaxe und damit die größte Entfernung hat hier der Stern mit dem Namen chi Aur. Das steht für Chi Aurigae, ein Stern im Sternbild “Fuhrmann” (Auriga). Er ist tatsächlich mit freiem Auge sichtbar und ungefähr 3000 Lichtjahre weit weg. Und das “ungefähr” ist das Problem: Sieht man sich den Katalogeintrag des Sterns im Detail an, dann findet man dort auch die Fehlergrenzen für die Parallaxenmessung. Bei chi Aur beträgt der Fehler 0,23 Millibogensekunden und das bei einem Messwert von 0,01 Millibogensekunden. Im wesentlichen heißt das nichts anderes als dass die Messung der Parallaxe hier unbrauchbar ist und eine exakte Entfernung unbekannt. Das gleiche Problem trifft man auch bei den meisten anderen Sternen am Anfang dieser Liste. Da wäre zum Beispiel V* R CrB: Das ist R Coronae Borealis, ein gelber veränderlicher Riesenstern der mit freiem Auge sichtbar und etwa 6200 Lichtjahre weit weg ist. Oder auch nicht, denn auch hier beträgt der Fehler der Parallaxenmessung ein Vielfaches des eigentlichen Messwerts. In der Liste kann man auch noch Sterne mit größeren Entfernungen finden. Rho Cassiopeiae (rho Cas) zum Beispiel, mit einer Entfernung von ungefähr 10.000 Lichtjahren und einem Fehler in der Parallaxenmessung von 0,28 Millibogensekunden bei einem Messwert von 0,21 Millibogensekunden…

Der erste Stern in dieser Liste, der eine halbwegs genau gemessene Parallaxe hat, ist P Cygni. Mit einer Helligkeit von 4,8 Größenklasse ist dieser blaue, veränderliche Stern mit freiem Auge sichtbar und er liegt zwischen 6000 und 7000 Lichtjahren entfernt. Ein weiterer Kandidat für unsere Antwort ist Nu Cephei, ein Mehrfachsternsystem in ungefähr 7000 Lichtjahren Entfernung. Aber wie schon gesagt: Eine eindeutige Antwort werden wir sowieso nicht finden. Wenn wir zum Beispiel doch über das Limit der 6. Größenklasse hinaus gehen, dann wäre da noch der Pistolenstern, ein Hyperriese mit 7. Größenklasse in 25.000 Lichtjahre Entfernung. Und was ist eigentlich mit Supernova-Explosionen? Auch das sind Sterne, die zumindest sehr kurz freiäugig sichtbar sind und das sogar in fernen Galaxien. Den Gammablitz GRB 080319B konnte man kurzfristig mit freiem Auge sehen und das obwohl der explodierende Stern 7,5 Milliarden Lichtjahre weit weg war…

P Cygni auf einer Aufnahme aus dem Digital Sky Survey (DSS), via Simbad, CDS)

P Cygni auf einer Aufnahme aus dem Digital Sky Survey (DSS), via Simbad, CDS)

Um am Ende aber doch noch eine Antwort zu geben, entscheide ich mich hier für den Stern P Cygni. Der befindet sich im Sternbild Schwan, das man am Himmel leicht finden kann; hat eine interessante Geschichte; gehört zu den seltenen Leuchtkräftigen Blauen Veränderlichen Sternen und hat sogar einem astrophysikalischen Phänomen einen Namen gegeben (den P-Cygni-Profilen von Spektrallinien). Ein interessanter Stern also über den man viel erzählen kann, während man in der Nacht den Himmel beobachtet. Und da gibt es so viele schöne Sachen zu sehen, dass es eigentlich gar keine Rolle mehr spielt, wie weit sie entfernt sind…

Mehr Antworten findet ihr auf der Übersichtsseite zu den Fragen, wo ihr selbst auch Fragen stellen könnt.

Kommentare (41)

  1. #1 krypto
    20. Oktober 2014

    Eine schöne Antwort zu einer interessanten Frage!
    “aber kompliziert bei die Sache trotzdem”: “bleibt”?
    Vielleicht wäre ein Hinweis auf die GAIA-Mission noch sinnvoll.

  2. #2 Florian Freistetter
    20. Oktober 2014

    Danke

  3. #3 Ralf Bülow
    Berlin
    20. Oktober 2014

    Um es noch komplizierter zu machen: Wie steht es eigentlich mit Supernovae ? Die von 1604 müsste weiter weg gewesen sein als PCygni: http://de.wikipedia.org/wiki/Supernova_1604

  4. #4 schlappohr
    20. Oktober 2014

    Warum ist die Parallaxenmessung mit so einem großen Fehler behaftet? Bzw. gibt es keine anderen Methoden, um die Entfernung “naher” Sterne zu bestimmen?

    Ist jetzt ein bisschen off-topic, aber fällt mir gerade ein: Ich meine, ich hätte einmal gelesen, dass man den Rand der Andromea-Galaxie schon in einzelne Stern aufgelöst hat. Stimmt das?

  5. #5 McPomm
    20. Oktober 2014

    Tja, manchmal sind einfachste Fragen nur kompliziert zu beantworten. Heute nacht konnte ich nicht schlafen und habe auf meinem Handy in der ZDF-Mediathek “Frag den Lesch” mit der Folge “Magnetismus” gesehen (weil das nur eine Viertelstunde dauerte). Ein Junge hat wohl gefragt, wie Materialien magnetisch werden, warum “Magneten” magentisch sind. Der Harald Lesch “eierte” zu anfang ziemlich herum und erklärte den Elektromagnetismus. Um dann zum Schluss quasi zu kapitulieren, weil das mit Heisenberg und nur komplex zu erklärenden Quanteneffekten zu tun hat. Er riet dann dazu, Physik zu studieren, um diese Frage zu beantworten :-)

  6. #6 Alderamin
    20. Oktober 2014

    @Florian

    Den GRB hast Du schon genannt, und bei den Supernovae müsste (nach der SN 1987A) S Andromedae in der Andromeda-Galaxie der Rekordhalter mit etwa 2,5 Millionen Lichtjahren sein. Die war sogar vom hellen Typ Ia. Viel weiter wird das bloße Auge gewöhnliche Supernovae (also keine Hypernovae) nicht sehen können.

  7. #7 Alderamin
    20. Oktober 2014

    @schlappohr

    Hipparcos hat die bisher genauesten Parallaxenmessungen mit einer Genauigkeit von ca. 1 Millibogensekunde durchgeführt (Gaia, die vor kurzem ihren Dienst aufgenommen hat, soll das für helle Sterne etwa um einen Faktor 40 verbessern). Wenn man einen Fehler von höchstens 10% zulässt, kann man also Sterne bis 10 Millibogensekunden vermessen, entsprechend 100 Parsec Entfernung (etwas über 300 Lichtjahre). Alles darüber hinaus muss ohnehin anders gemessen werden.

    Gängig ist die Bestimmung der Spektralklasse des Sterns, die kann man aus seinem Licht ablesen (Art und Breite der Spektrallinien). Dann schaut man an der Y-Achse im Hertzsprung-Russell-Diagramm nach, welche absolute Helligkeit der Stern hat und berechnet zusammen mit der scheinbaren Helligkeit daraus die Entfernung.

    Wenn das Objekt sich in einem Sternhaufen/Galaxie befindet, kann man noch andere Verfahren (z.B. Veränderliche Sterne mit bekannten absoluten Helligkeiten, Supernovae) zur Entfernungsmessung benutzen.

  8. #8 MartinB
    20. Oktober 2014

    Irgendwie habe ich gerade nen Hänger – ChiAurigae ist am Anfang am weitesten entfernt auf deiner Liste (mit 3000Lj), dann eliminierst du ihn und übrig bleibt ein Stern mit 6000Lj?
    Hab da irgendwas falsch verstanden, glaube ich.

  9. #9 klauszwingenberger
    20. Oktober 2014

    @ schlappohr:

    Betrachte mal die Größenordnung der Messfehler: die schwankt so um die 20 Mikrobogensekunden herum und dürfte messtechnisch begrenzt sein. So ein Fehler wirkt sich bei Objekten, deren Parallaxe selbst im Mikrobogensekundenbereich liegt, natürlich viel größer aus als bei näher gelegenen Objekten. Man bedenke einmal, dass die Basislinie der Messung maximal zwei AE beträgt – und die Messwerte bis auf tausende von Lichtjahren hinaus reichen sollen.

    An sich ist die Parallaxenmethode sehr präzise, sie ist die unterste Stufe der Entfernungsleiter, mit der zum Beispiel die Cepheiden-Methode geeicht werden kann, und mit der reicht man schon bis in die nächsten Galaxien hinein. Z.B. mit Polaris, einem Cepheiden, in der Reichweite einer verlässlichen Paralaxenmessung, hat man einen Riesenfortschritt erreicht. Nur hat die Methode eben ihre Grenzen, wenn die technischen Fehler verhältnismäßig so große Werte annehmen.

    Ich könnte mir auch denken, dass bei sehr großen Entfernungen die Unsicherheit wächst, ob das vermessene Objekt nicht schon Bestandteil desjenigen Hintergrundes ist, gegenüber dem die Parallaxe gemessen werden soll. Bei rho Cas mit angeblich 10.000 Lichtjahren komme ich da ins Grübeln.

    Einzelne Stene in Nachbargalaxien konnte schon Edwin Hubble auflösen: wiederum Cepheiden. Mit dem Teleskop natürlich. Was er noch nicht wissen konnte, waren feinsinnige Differenzierungen in dieser Sternenklasse – seine Abschätzung der Entfernung lag um einen Faktor 10 zu kurz. Abgesehen davon kann man heute selbst in Galaxien wie Messier 81 jedenfalls die leuchtkräftigsten Riesensterne teleskopisch auflösen. Und das sind gut 12 Mio Lichtjahre. Mit bloßem Auge muss man sich anstrengen, die ganze Andromeda-Galaxie auf etwa 2,5 Mio. LJ Distanz überhaupt zu sehen.

  10. #10 turtle of doom
    20. Oktober 2014

    Eine sehr faszinierende Frage, gerade weil ich mit einem 10X50-Fernglas herumsumpfe und daran bin, den Himmel überhaupt mal kennenzulernen.

  11. #11 Alderamin
    20. Oktober 2014

    @MartinB

    Florian sagt, Chi Aurigae habe in der Liste die kleinste Parallaxe, aber eine, die nicht zu gebrauchen sei… 3000 LJ entspricht ja ungefähr 1000 pc, das wäre eine Parallaxe von 1 Millibogensekunde, aber ein Wert von 0,01 +/-0,23 ist angegeben (ich bin mir ziemlich sicher, Florian meint Milli-, nicht Mikrobogensekunden). Das wäre ja dann 100-mal weiter, also 100000 pc oder 300000 LJ (wäre schon in der Magellanschen Wolke, die ist aber leider nicht im Fuhrmann/Auriga). Wenn man den eliminiert, kann ein 7000 LJ entfernter Stern als entferntester übrig bleiben.

    Ich hab’ eben auch mal nach Kandidaten gesucht (schönes Spielzeug, dieses Simbad), kam aber nur auf nicht einmal 3000 LJ Entfernung für O- und B-Überriesen. Allerdings hatte ich die Helligkeit nach oben hin beschränkt, um eine kleinere Liste zu erhalten, und da fiel Florians Sieger raus. Bis 6,5 mag scheint es tatsächlich keinen entfernteren Stern zu geben. Überriesen sind halt sehr selten.

  12. #12 Florian Freistetter
    20. Oktober 2014

    @Ralf Bülow: “Um es noch komplizierter zu machen: Wie steht es eigentlich mit Supernovae ? “

    Supernovae habe ich im Text erwähnt.

  13. #13 Florian Freistetter
    20. Oktober 2014

    @Alderamin: Ja, Milli nicht Mikro! Danke.

    @MartinB: Bei diesen weit entfernten Sternen ist halt die Genauigkeit nicht immer brauchbar. (Wenn man einfach nur nach Helligkeit sucht und bei der Abfrage das “plx > 0” weglässt kriegt man auch Sterne mit negativer Parallaxe, was offensichtlich auch Unsinn und ein Zeichen unbrauchbarer Werte ist).

  14. #14 schlappohr
    20. Oktober 2014

    @Alderamin, klauszwingenberger:

    Danke für Eure Antworten. Ich habe mich nur über die großen Toleranzen gewundert, weil z.B. beim Nachweis von Exoplaneten ohne Bedeckung die “Wackelbewegung” des Sterns vermessen wird, und deren Auslenkung ist ja wirklich extrem gering. Trotzdem ist die Messung genau genug, um zumindest eine Näherung für die Masse des Exoplaneten zu bekommen. Und das Verfahren ist ähnlich wie bei der Parallaxenmethode: man misst die (scheinbare oder tatsächliche) Bewegung eines Sterns.

  15. #15 Bullet
    20. Oktober 2014

    @Florian:

    Der erste Stern in dieser Liste, der eine halbwegs genau gemessene Parallaxe hat, ist P Cygni.

    Hm, irgendwie versagt da mein Verständnis. Der Wikipedia-Link erzählt mir etwas über einen LBV-Stern in 6500 ± 500 LJ Entfernung. Wäre okay, aber ein nicht weit entfernt davon sichtbarer Stern mit einigem Superlativpotential – Deneb – ist laut derselben Wikipedia 3000 ± 2000 Lj entfernt. Wirkt sich die scheinbare Helligkeit eines Sterns (und Deneb ist ja mit etwa mag 1,25 schon ziemlich hell) so sehr auf die Genauigkeit der Parallaxenmessung aus?

  16. #16 Alderamin
    20. Oktober 2014

    @Schlappohr

    Trotzdem ist die Messung genau genug, um zumindest eine Näherung für die Masse des Exoplaneten zu bekommen. Und das Verfahren ist ähnlich wie bei der Parallaxenmethode: man misst die (scheinbare oder tatsächliche) Bewegung eines Sterns.

    Vorsicht, bei der Planetensuche misst man das Wackeln des Sterns entlang der Sichtlinie (zu uns hin bzw. von uns weg) mit Hilfe des Dopplereffekts, was sehr genau geht (man kann Verschiebungen viel kleiner als einen Sterndurchmesser messen; man misst aber tatsächlich nur die Geschwindigkeit der Sternbewegung, keine Strecken, und ist da schon runter auf Werte um 30 cm/s).

    Bei der Parallaxenmessung misst man, wie weit der Stern senkrecht zur Sichtlinie vor dem Hintergrund hin- und herwackelt, weil die Erde sich um die Sonne bewegt (+/- 1AE oder mehr als 100 Sonnendurchmesser). Das ist wesentlich schwieriger. Da ist Gaia jetzt das Maß der Dinge mit ihren 25 Millibogensekunden Messgenauigkeit.

    Da alle Messmethoden auf den Parallaxen aufbauen, wird uns Gaia auch viel genauere Werte für die Entfernung von Galaxien und die Größe des beobachtbaren Universum liefern. Mal schauen, wie letzterer dann mit den Werten von Planck zusammenpasst.

  17. #17 Florian Freistetter
    20. Oktober 2014

    @Bullet: Entfernungsmessung ist halt immer noch nicht trivial; ganz im Gegenteil. Richtig genau ist die Parallaxenmessung nur bei nahen Sternen. Und man darf nicht vergessen, dass es VIELE Sterne gibt. “Interessante” Sterne wie P Cygni werden oft beobachtet und man kann die Entfernung mit vielen Methoden verfeinern. Andere werden nur ein paar mal gemessen und wenn die weit weg sind, ist auch der Fehler entsprechend hoch…

  18. #18 MartinB
    20. Oktober 2014

    @Alderamin, Florian
    Ja, was ich aber nach wie vor nicht verstehe ist, warum nicht von vornherein P Cygni ganz oben auf der Liste stand, wenn der weiter weg ist und beide Sterne mit Parallaxen ausgemessen wurden.

  19. #19 Alderamin
    20. Oktober 2014

    @Bullet

    Wirkt sich die scheinbare Helligkeit eines Sterns (und Deneb ist ja mit etwa mag 1,25 schon ziemlich hell) so sehr auf die Genauigkeit der Parallaxenmessung aus?

    4.8 mag ist für Profi-Sternwarten ja auch noch ein Scheinwerfer, daran liegt es sicher nicht. Eher an der Wikipedia.

    Die Entfernungsangabe von Deneb im Wiki-Artikel stützt sich alleine auf Hipparcos, der aber, wie ich oben schon sagte, für Entfernungen jenseits 300 Lichtjahren schon recht ungenau wird. Ich hab’ mal P Cyg (=HD193237) in der Hipparcos-Datenbank gesucht und einen Wert von 0,52 mas (+/- 0,5 mas) gefunden, entsprechend im Mittel 2000 pc = 6500 LJ, aber mit was für einer riesigen Ungenauigkeit, es kann auch die Hälfte sein oder fast unendlich, also noch schlimmer als bei Deneb. Ich denke mal, die Entfernung von P Cyg in der Simbad-Datenbank hat man per “spektroskopischer Parallaxe” (die Methode aus #7 mit dem HRD) abgesichert. Leider verliert sich die Referenz aus Wikipedia in irgendeinem Buch aus 2002 (James B. Kaler, The Greatest 100 Stars), kann ich also nicht nachprüfen.

  20. #20 Alderamin
    20. Oktober 2014

    @MartinB

    Bei Chi Aurigae ist der Messwert 0,01 +/-0,23 mas, bei P Cygni 0,32 +/-0,16 mas (eben in Simbad mit Florians Link nachgeschaut), also ist Chi Aurigae dem Mittelwert nach viel weiter weg (je kleiner der Wert, desto weiter entfernt; der Kehrwert der Parallaxe in mas gibt die Entfernung in kpc an, 1 kpc = 3260 LJ), aber mit großer Ungenauigkeit des Werts.

    Wenn ich die Spektralklassen und scheinbaren Helligkeiten der beiden vergleiche (Chi Aur: B4 Ib / 4,79 mag., P Cyg: B1 0 bis B2 Ia / 4,82 mag.) dann müsste P Cyg locker der absolut hellere sein, und da beide scheinbar fast genau gleich hell sind, ist P Cyg dann auch mit Sichereheit ein gutes Stück weiter weg.

  21. #21 schlappohr
    20. Oktober 2014

    @Alderamin:

    Die Umkreisung eines Planeten um den Stern dauert mitunter Monate, und den Dopplereffekt der daraus resultierenden Eigenbewegung des Sterns können wir mit solcher Präzision messen? Das haut mich jetzt aber echt um. ich dachte immer, da würde auch die (von uns aus gesehen) longitudinale Auslenkung gemessen (und habe mich gerade gefragt, vor welchem Hintergrund eigentlich).

    (Und warum um Alles in der Welt verlinkt Google bei gaia zuerst auf einen Esoterik-Laden und dann auf die ESA?)

  22. #22 MartinB
    20. Oktober 2014

    @Alderamin
    Das heißt, die 3000Lj folgen nicht aus der Parallaxe, sondern aus einer anderen Messung?

  23. #23 Alderamin
    20. Oktober 2014

    @schlappohr

    den Dopplereffekt der daraus resultierenden Eigenbewegung des Sterns können wir mit solcher Präzision messen?

    Yep. Aus dem Text:

    After digging through all the data, the team came up with a whiff of a planet signal — a mere 0.51-meter-per-second wobble (20 inches/second) in the star’s light. My colleague Monica says that field tests suggest her infant son crawls slightly slower, about 0.3 m/s.

    Dass sich der dort vermeldete Planet inzwischen in Luft aufgelöst hat – never mind, ist halt am Rande der Messgenauigkeit. Irgendwo las ich die Tage, dass die Werte von HARPS demnächst von einem anderen Gerät (oder Upgrade bei HARPS?) noch übertroffen werden sollen, ca. 10 cm/s oder so etwas.

    ich dachte immer, da würde auch die (von uns aus gesehen) longitudinale Auslenkung gemessen

    Nope.

  24. #24 Alderamin
    20. Oktober 2014

    @MartinB

    Das heißt, die 3000Lj folgen nicht aus der Parallaxe, sondern aus einer anderen Messung?

    Das würde ich annehmen, z.B. “spektroskopische Parallaxe”, siehe #7. Aus den in Simbad angegebenen Messwerten der trigonometrischen Parallaxe folgen sie ja gerade nicht.

    Wikipedia listet 3000 LJ mit Referenz auf dieses Papier, wo es heißt, der Stern sei Mitglied einer OB-Assoziation, das ist so etwas wie ein loser Sternhaufen sehr junger Sterne, und bei Sternhaufen gibt’s diverse Methoden zur Entfernungsbestimmung; neben dem Mittelwert der spektroskopischen Parallaxen findet man vielleicht einen geeigneten veränderlichen Stern (Standardkerze) in der Gegend, dann hat man eine ziemlich genaue Entfernung.

  25. #25 Pilot Pirx
    20. Oktober 2014

    Interessant. Aber als Stadtbewohner… Na ja.
    Der Sternhimmel an der polnischen Ostseeküste ist immer wieder ein Höhepunkt wenn ich mich abseits großer Siedlungen aufhalte(möglichst oft). Eigentlich denkt man viel zu wenig nach über das, was man sieht.
    Bei den Magellanschen Wolken, meintest Du da nicht eher Parsec?

  26. #26 wereatheist
    20. Oktober 2014

    @Alderamin, #16:

    Gaia [ist] jetzt das Maß der Dinge mit ihren 25 Millibogensekunden Messgenauigkeit.

    Bei der ESA las ich gerade, und kann es kaum glauben ob der geringen Größe von Gaia, dass die Genauigkeit 25 µas betragen soll, für Sterne mit +15mag. Für hellere sogar <7 µas!
    Damit werden wir bald ganz genau wissen, wie weit χ Aur und so entfernt sind (mein Lieblingsstern ist eh Deneb; wenn schon Naturgötter verehren, dann DEN).
    Dann sind auch die Standardkerzen super kalibriert.

  27. #27 Alderamin
    20. Oktober 2014

    @whereatheist

    Ups, da habe ich Milli und Mikro verwechselt… ich schrieb ja schon in #7, dass Hipparcos 1 Millibogensekunde präzise war und Gaia das um den Faktor 40 toppen wird – das wären dann 25 Mikrobogensekunden.

    Danke für die Korrektur.

  28. #28 Alderamin
    20. Oktober 2014

    @myself

    Bis 6,5 mag scheint es tatsächlich keinen entfernteren Stern zu geben.

    Doch, einen gibt’s, und der könnte P Cygni in der Entfernung knapp übertreffen: Eta Carinae. Der war Ende des vorletzten Jahrhunderts sogar mal heller als Sirius, wurde dann dunkler bis zur Unsichtbarkeit und krebst heute mit 6,21 mag. an der Grenze der Sichtbarkeit herum (die wird heute meistens bei 6,5 mag. angesetzt; laut NASA ist er mit bloßem Auge sichtbar; ich kann da nicht mitreden, weil ich noch nie so weit südlich war, dass ich eine Chance gehabt hätte ihn zu sehen).

    Die meisten Links (WIkipedia, NASA) verorten Eta Carinae bei 7500 LJ.

  29. #29 Dr.Chipmunk
    20. Oktober 2014

    “Die Magellanschen Wolken sind zwei irreguläre Zwerggalaxien in nächster Nachbarschaft zur Milchstraße und damit Teil der Lokalen Gruppe. Sie werden mit GMW und KMW (Große/Kleine Magellansche Wolke) bzw. englisch mit LMC und SMC (Large/Small Magellanic Cloud) abgekürzt. Die Große Magellansche Wolke in rund 170.000 Lichtjahren Entfernung enthält ungefähr 15 Milliarden Sterne, die kleine Magellansche Wolke in rund 200.000 Lichtjahren Entfernung 5 Milliarden Sterne.”

    Quelle: Wikipedia

    Du schreibst im Artikel:”Das sind zwei kleine Zwerggalaxien in einer Entfernung von etwa 50.000 beziehungsweise 64.000 Lichtjahren.”

  30. #30 Ben
    20. Oktober 2014

    Und wie weit ist der entfernteste Stern weg (der nicht eine Supernova ist), den man mit Teleskopen auflösen kann?

  31. #31 Florian Freistetter
    20. Oktober 2014

    @Chipmunk: Ups – sorry. Da hab ich parsec mit Lichtjahren verwechselt…

  32. #32 Florian Freistetter
    20. Oktober 2014

    @Ben: “Und wie weit ist der entfernteste Stern weg (der nicht eine Supernova ist), den man mit Teleskopen auflösen kann?”

    Einzelstern? Oder Galaxie? Wenns ein Einzelstern sein soll, wirds wohl irgendeiner in einer Galaxie der Lokalen Gruppe sein. Ein paar Dutzend Millionen Lichtjahre wahrscheinlich.

  33. #33 Ben
    20. Oktober 2014

    Was meinst du mit Einzelstern vs Galaxie?
    Ich meine schon einen richtigen Stern, den man noch irgendwie bestimmen/benennen kann in irgendeiner Galaxie – nicht die komplette Galaxie an sich.

  34. #34 Thomas
    21. Oktober 2014

    @Ben:
    Im Zweifel hältst du auch mit einem Teleskop eine Galaxie für einen Einzelstern, einfach weil er zu weit weg ist und nicht mehr aufgelöst werden kann.

  35. #35 Thomas
    21. Oktober 2014

    …und dann gibts ja auch noch verdammt viele Doppelsternsysteme. Glaube ich habe irgendwo mal bei Florian gelesen dass diese sogar eher die Regel sind.

  36. #36 Alderamin
    21. Oktober 2014

    @Ben

    Die allerhellsten Sterne sind die Luminous Blue Variables (LBV), blaue veränderliche Hyperriesen. Die werden bis über -10 mag. Absolute Helligkeit hell (das wäre etwa die Helligkeit des Halbmonds, wenn der Stern 10 pc = 32,6 Lichtjahre entfernt wäre!). Heutige Teleskope erreichen fotografisch bis zu 30. Größenklasse, so dass rein theoretisch ein Entfernungsmodul von m-M = 30 – (-10) = 40 mag. erreicht wird. Das entspräche einer Entfernung von 10^((40+5)/5) pc = 1 Milliarde pc = 3,26 Milliarden LJ. Das ist aber ein sehr theoretischer Wert, der voraussetzt, dass sich der Stern einsam vor schwarzem Hintergrund befindet und nicht in einer Galaxie, umgeben von Milliarden anderen Sternen.

    Tatsächlich kann man solche Sterne nur ein paar zehn Millionen pc weit auflösen (wie Florian schon sagte). Siehe in diesem Artikel, letzter Absatz (die eigentliche im Artikel beschriebene Methode reicht zwar weiter, löst aber den Stern nicht auf). Hier ein Beispiel für einen besonders hellen LBV, den man als Vorläuferstern einer Supernova in 66 Mpc = 215 Millionen LJ Entfernung identifizierte, als Hausnummer.

  37. #37 Ben
    21. Oktober 2014

    Danke dir für die Antwort.

  38. #38 Alderamin
    21. Oktober 2014

    Gerade fand ich zufällig noch eine Liste der (absolut) hellsten Sterne in Wikipedia. Diejenigen, die noch mit bloßem Auge sichtbar sind, haben die scheinbare Helligkeit rechts in der Spalte blau unterlegt (wobei hier 6,52 gerade noch durchgeht, kann man drüber streiten). Demnach wäre Rho Cassiopeiae noch deutlich weiter als Eta Carinae und P Cygni entfernt, 12000 Lichtjahre, dicht gefolgt von RW Cas mit 11500 LJ. Also drei Schwergewichte auf der nördlichen Himmelhalbkugel und nur eines auf der Südhalbkugel. Northern sky rulez.

  39. #39 Kosmos
    Jena
    15. Oktober 2015

    Da reicht das Leben aller Menschen nicht aus,
    um dorthin zu kommen.
    Das wäre ein Abschied von unseren Verwandten und Bekannten für immer, ohne Wiederkehr, wie das Leben.
    Oder auch Projekt Erde2

  40. #40 Dunja Götze
    Zürchau
    25. März 2017

    Es gibt ab 2017 kein Bauer sucht Frau mehr
    RTL hat Sendung für immer eingestellt!

  41. #41 PDP10
    25. März 2017

    @Dunja Götze:

    Danke für diesen Post!

    Das ist die beste Nachricht des Tages!