Krater die durch den Einschlag von Asteroiden entstanden sind, kann man auf dem Mond, dem Mars und vielen anderen Himmelskörpern des Sonnensystems beobachten. Auf der Erde ist es schwieriger, da die geologischen und meteorologischen Prozesse sie im Laufe der Zeit wieder auslöschen. Aber mitten in Deutschland hat man die einzigartige Möglichkeit, den am besten erhaltenen der großen Einschlagskrater unseres Planeten zu besuchen. Man kann sogar mitten darin wohnen und Urlaub machen. Und genau das habe ich getan, als ich während meines Kurzurlaubs in der letzten Woche die Stadt Nördlingen besucht habe.

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Den Krater findet man allerdings nicht in der kleinen schwäbischen Stadt. Es ist umgekehrt: Nördlingen befindet sich im Krater. Denn der ist mit einem Durchmesser von knapp 24 Kilometer wirklich groß! Und ein Besuch lohnt sich auf jeden Fall…

Ich habe in Nördlingen im “Kaiserhof Hotel Sonne” gewohnt – und dort fing die Astronomie schon an.

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Nicht nur beim Namen; auch bei den Gästen, die dort in den vergangenen Jahrzehnten zu Gast waren. In den 1960er und 1970er Jahren waren dort immer wieder Geologen zu Besuch um die Gegend zu untersuchen. Denn es war lange Zeit nicht klar, wieso das sogenannte Nördlinger Ries so aussieht, wie es aussieht.

Zuerst dachte man, es handle sich um die Reste eines großen Vulkans, der sich dort früher befunden hat und der für die kraterförmige Landschaft verantwortlich war. Das war bis zur Mitte des letzten Jahrhunderts auch im Wesentlichen der Stand der Wissenschaft. Man ging damals ganz allgemein davon aus, dass auf der Erde keine großen Asteroidenkrater existieren und das Asteroideneinschläge zwar in der fernen Vergangenheit unseres Planeten stattgefunden haben, in der Gegenwart aber keine Rolle mehr spielen. Das lag am Unbehagen, das man von Seiten der Geologie dem durch die Einschläge symbolisierten “Katastrophismus” gegenüber empfand. Er ähnelte zu sehr der vorwissenschaftlichen biblischen Weltanschauung bei der “Gott” durch verschiedene singuläre Ereignisse (zum Beispiel die Sintflut) in die Entwicklung des Planeten eingegriffen haben soll und man war froh, dass durch die Entwicklung des Aktualismus seit dem 19. Jahrhundert eine vernünftige und wissenschaftliche Alternative vorhanden war, die die geologischen Vorgänge durch eine “Gleichförmigkeit der Prozesse” beschrieb. Kurz gesagt: All die meteorologischen und geologischen Prozesse, die man heute beobachten kann, haben auch in der Vergangenheit stattgefunden und die langen, langsamen und kleinen Veränderungen erzeugen in Summe über die Jahrmilliarden hinweg die Geologie, die unseren Planeten formt (Ich habe mehr dazu in meinem Buch “Asteroid now!” geschrieben).

Erst in der Mitte des letzten Jahrhunderts sorgten einige Geologen dafür, dass sich das Bild ein wenig änderte. Es war vor allem Eugene Shoemaker, der nachweisen konnte, das viele der “Vulkankrater” der Erde in Wahrheit Einschlagskrater von Asteroiden waren. Und einer dieser Krater bei denen er das mit seinen Kollegen als erstes zweifelsfrei nachweisen konnte, war das Nördlinger Ries. Shoemaker und Edward Chao untersuchten Gesteinsproben aus dem Ries und fanden dort unter anderem sogenanntes “Coesit”, eine Modifikation des Gesteins die nur durch enorm hohen Druck entstehen kann. So hoch, das die Bedingungen dafür nur während eines Einschlags gegeben sind.

Shoemaker ist übrigens auch derjenige, der gemeinsam mit dem Astronom David Levy den berühmten Kometen Shoemaker-Levy 9 entdeckte, der im Sommer 1994 eindrucksvoll mit Jupiter kollidiert ist. Wer mehr über das (wirklich!) spannende Leben von Shoemaker und seine Erforschung der Einschlagskrater erfahren will, sollte das Buch Shoemaker by Levy: The Man Who Made an Impact* lesen, das von David Levy geschrieben wurde.

Das Nördlinger Ries wurde in 1970er Jahren auch zum Trainingsgelände der Astronauten der Apollo-Mondmissionen, die dort unter Anleitung von Shoemaker (der selbst fast zum Mond geflogen wäre) lernten, wie man durch Impakte verändertes Gestein erkennen kann. Und gewohnt haben die Astronauten im Hotel zur Sonne…

Heute weiß man auf jeden Fall, das vor ungefähr 14 Millionen Jahren ein etwa 1,5 Kilometer großer Asteroid im Ries eingeschlagen ist und dabei den Krater erzeugt hat, dessen Reste man immer noch gut erkennen kann.

Wer mehr über dieses Ereignis erfahren will, der sollte sich nach Nördlingen und dort zum “Eugene-Shoemaker-Platz” begeben:

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Dort findet man das RiesKraterMuseum. Ich war dort und kann den Besuch nur empfehlen, auch wenn ich mir ein klein wenig mehr Exponate erhofft hatte. Aber es gibt trotzdem noch genug zu sehen!

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Echte Meteoriten natürlich; den kleinen Brocken zum Beispiel, der am 6. April 2002 bei Füssen in der Nähe des Schloss Neuschwanstein zur Erde gefallen ist:

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Aber auch vielen andere (zum Beispiel einen kleinen Meteorit vom Mars) sind dort ausgestellt, so das man einen guten Überblick über die verschiedenen Typen der Meteoriten bekommt. Das Hauptaugenmerk der Ausstellung liegt aber auf der Geologie.

Man bekommt genau erklärt, welche Prozesse bei einem Einschlag ablaufen, wie sich ein Krater bildet und welche verschiedenen Gesteinsarten dabei entstehen:

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Und da sich das Museum ja mitten in einem solchen Krater befindet, sind im Museum natürlich auch entsprechende Exponate ausgestellt, die direkt aus der Region stammen und das alles sehr schön demonstrieren:

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Das Museum ist eher akademisch gehalten; es gibt viel zu lesen und viel anzusehen und wenig interaktives Material. Aber ein paar nette Ideen hat man doch gehabt. Zum Beispiel eine Zeitleiste, die sich durch einen ganzen Raum am Boden entlang zieht und die demonstriert, wie sich die Zahl der Einschläge zwischen der Gegenwart und der Entstehung der Erde verändert hat. Wo es heute nur wenige große Impakte gibt:

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War die Erde früher einem regelrechten Bombardement ausgesetzt:

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Ein echtes Stück Mondgestein das die Apollo-Astronauten zur Erde gebracht haben ist im Museum auch zu sehen. Obwohl manche das ja bezweifeln, wie man in der gerade stattfindenden Sonderausstellung zur Geschichte des Museums sehen kann. In einem Extraraum wird gezeigt, wie das Museum in den 1980er Jahren gegründet wurde und wie es sich seitdem entwickelt hat.

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Und neben vielen interessanten alten Zeitungsberichten und Dokumenten findet man dort zum Beispiel auch das hier 😉

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Wie gesagt: Das Museum ist klein, aber sehenswert. Noch sehenswerter ist der Krater aber natürlich in der Realität. Um einen Überblick zu bekommen bietet es sich an, auf den 90 Meter hohen Turm der St.Georgs-Kirche mitten in der Stadt zu steigen:

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Von dort oben hat man einen wunderbaren Blick auf das Ries und kann die Wände des äußeren Kraterrings in der Ferne gut erkennen (und in echt sieht das noch besser aus als auf meinen Fotos)

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Aber auch die Stadt selbst ist sehenswert und vom Turm gut zu betrachten. Ihre Stadtmauer zeichnet den Verlauf des kleineren inneren Kraters nach.

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Und die Stadtmauer sollte man sich ebenfalls ansehen! Es ist die einzige in ganz Deutschland, die noch komplett erhalten ist und wer Lust hat, kann auf ihr einmal um ganz Nördlingen herum laufen (was nicht mal Eintritt kostet…):

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Ich habe den zweiten Tag meines Aufenthalts in Nördlingen dann noch genutzt, um auch außerhalb der Stadtmauern ein bisschen durch das Ries zu laufen. Dort gibt es jede Menge interessante Geologie zu sehen. Und damit niemand sie verpasst, gibt es nette Schilder:

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Die “Geologie” auf dem Bild oben bezieht sich auf die Ofnethöhlen, wo man auch archäologische Entdeckungen gemacht hat. Die findet man auch anderswo – zum Beispiel auf dem Ipf (den ich aber leider nur von unten gesehen habe).

Zwischen äußerem und inneren Krater findet man auch immer wieder sogenannte “Megablöcke”, also große Gesteinspakete, die durch die geologischen Vorgänge während und nach dem Einschlag durcheinander gewirbelt worden sind und sich heute nicht da befinden, wo sie es geologisch eigentlich tun sollte. Das sieht dann zum Beispiel so aus wie beim Rollenberg:

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Aber die Landschaft ist dort auch abseits von Geologie und Archäologie meistens einfach nur schön:

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Ich war froh, dass ich endlich die Gelegenheit hatte, diese astronomisch und geologisch so interessante Gegend zu besuchen! Nördlingen ist ein Ort, an dem man definitiv mehr als nur die zwei Tage verbringen kann, die ich dort verbracht habe. Ich hoffe, ich werde in Zukunft noch einmal länger dort zu Besuch sein können. Und bis dahin habe ich dann hoffentlich auch ein bisschen mehr über die Geologie gelernt…
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Kommentare (16)

  1. #1 Crazee
    3. September 2015

    Sehr schöner Ort, Bericht, Krater…

  2. #2 Christian Thiele
    Regensburg
    3. September 2015

    Die Entstehung des Nördlinger Ries war auch mal Thema bei Terra X: https://www.youtube.com/watch?v=6dTRCtjgvzY

  3. #3 Holger
    3. September 2015

    und nicht übersehen:
    in der Nähe liegt dann noch das Steinheimer Becken… auch ein Krater. der ist kleiner und deswegen besser überschaubar.

  4. #4 JoselB
    3. September 2015

    Danke für den schönen Bericht. Ich kannte Nördlingen bisher nur vom vorbei Fahren und während meiner Kindheit einem Lager in der Nähe. Ich muss mir bei Gelegenheit mal etwas mehr davon ansehen.

  5. #5 Folke Kelm
    3. September 2015

    Etwas ausserhalb Nördlingens, am Kraterrand gelegen , gab es früher die Waldgaststätte “Alte Bürg”.
    Ich war als Student mehrfach in Nördlingen und hab die damalige Gastfreundschaft des Wirtes geniessen dürfen. Wir waren meistens drei Tage in Nördlingen, am ersten Abend waren wir dort, der Wirt gab uns freie Hand beim ausschenken und hielt einen langen Plausch mit unserem Professor, dann schlachtete er am nächsten Tag ein Schwein für uns und das gab es dann am letzen Abend in Nördlingen.
    Im und in der Umgebung des Rieses gibt es fantastische Beispiele von Gesteinen die typisch sind für Einschläge. Das am meisten ins Auge fallende Material sind natürlich die Impaktbrekkzien am und ausserhalb des Kraterrandes, interessant aber auch die in den Auswurfmassen nachzuweisenden Hochdruckmineralien, die sich nur bilden können, wenn so ein Stein einschlägt. Die in Süddeutschland und Tschechien zu findenden Moldavite (Erstarrte Tropfen aus grünlichem Glas) sind geochemisch auch mit dem Ries in verbindung zu bringen.

    Im Ries selber finden sich Sedimente mit einer Fossilfauna typisch für tertiäre Süsswasserseen. Das Steinheimer Becken hat übrigens ein identisches Alter. Man nimmt an, dass der Weltraumstein sich vor dem Aufschlag geteilt hat.
    Wenn am Friedhof in Steinheim neue Gräber ausgehoben werden, findet man im Aushub fantastische Fossilien von Fischen, der grösste den ein Komillitone mal mitnahm hatte eine Länge von 70 cm.
    In Steinheim gab es auch eine kulinarische Lustigkeit, in einem Restaurant gab es nicht nur den Kinderteller (halbe Portion) sondern auch den Geologenteller (doppelte Portion).

  6. #6 klauszwingenberger
    3. September 2015

    Kommt man von Süden über Donauwörth auf der B 25 herein, fällt in der Umgebung von Harburg der Verlauf des Kraterrandes schon an Topografie und Bewuchs auf: wie eine mit grünen Matten bewachsene Mondlandschaft, so gar nicht passend zur Alblandschaft, aus der man kommt. Das Bild vom Rollenberg zeigt das recht gut. Leider hatte ich in Nördlingen damals nicht die Zeit für einen Museumsbesuch, das muss ich bei Gelegenheit einmal nachholen.

  7. #7 Roland B.
    3. September 2015

    “Kurz gesagt: All die meteorologischen und geologischen Prozesse, die man heute beobachten kann, haben auch in der Vergangenheit stattgefunden ”
    Mit ein paar kleinen Einschränkungen, denn die Rahmenbedingungen haben sich doch gelegentlich ein wenig geändert: so könnten die Gebänderten Eisenerze heute nicht mehr entstehen – durch den Sauerstoff würden sie sofort oxidieren.Und den gab es zu ihrer Entstehungszeit noch nicht, der wurde erst durch die Entwicklung der Pflanzen der Atmosphäre beigefügt.

  8. #8 dgbrt
    3. September 2015

    @Roland B:
    Du bringst da wohl etwas durcheinander: “Bändererz ist ein eisenhaltiges, marines Sedimentgestein, das hauptsächlich im Präkambrium abgelagert wurde”. Das war zwar der größte Teil unserer Erdgeschichte (0,5 – 4,6 Milliarden Jahre zurück) aber der Meteoriteneinschlag im Ries hat erst vor 14 Millionen Jahren stattgefunden. Da gab es schon lange keine Dinosaurier mehr (ausgestorben vor 65 Mio. Jahren).

  9. #9 dgbrt
    3. September 2015

    @Florian:
    Toller Bericht, da muss ich auch auf jeden Fall mal hin.

    Mitte der Achzigerjahre bin ich da immer auf der Bundesstraße durchgefahren weil die A7 noch nicht fertig war. War immer sehr ermüdend, wenn man nach 700km Autobahn dann 80km über die Dörfer kriechen musste. Durch Nördlingen ging die Strecke aber nicht. Und das schlimme ist, damals wusste ich von dem Meteoriteneinschlag noch nichts. Aber ich hätte vermutlich auch nicht viel sehen können, das Museum gab es ja auch noch nicht.

  10. #10 Spritkopf
    4. September 2015

    @dgbrt

    @Roland B:
    Du bringst da wohl etwas durcheinander: “Bändererz ist ein eisenhaltiges, marines Sedimentgestein, das hauptsächlich im Präkambrium abgelagert wurde”. Das war zwar der größte Teil unserer Erdgeschichte (0,5 – 4,6 Milliarden Jahre zurück) aber der Meteoriteneinschlag im Ries hat erst vor 14 Millionen Jahren stattgefunden. Da gab es schon lange keine Dinosaurier mehr (ausgestorben vor 65 Mio. Jahren).

    So richtig verstehe ich deinen Kommentar nicht. Roland B. hat lediglich darauf hingewiesen, dass das Aktualismusprinzip, welches Florian im Artikel angesprochen hatte, nur mit Einschränkungen gilt. Und diese Tatsache hat ja weder mit dem Ries-Impakt noch mit den Dinosauriern zu tun.

  11. #11 Markus
    Kiel
    4. September 2015

    @Florian
    Schöner kurzweiliger Bericht und prima Fotos.
    Es freut mich, dass Du Glück mit dem Wetter hattest!

  12. #12 Holger
    5. September 2015

    ich weiss nicht ob das Meterial in den mediatheken landen wird.

    http://programm.ard.de/TV/Programm/Alle-Sender/?sendung=2811315404522006

    eine doku dazu.

    btw: Ries und Steinheim waren nicht ein einziger und zerbrochener sondern zwei verschiedene Einschläge

  13. #13 Florian Freistetter
    5. September 2015

    @Holger: Vielen Dank! Hab ich knapp verpasst – aber vielleicht gibts ja ne Wiederholung

  14. #14 Karl Mistelberger
    7. September 2015

    Zu erwähnen sind auch Oettingen, die ehemalige Residenz der Oettinger, deren Kerngebiet das Ries bildet sowie Wallerstein. Beide Orte besitzen ansehnliche Brauereien. Eindrücke einer Wanderung von Gunzenhausen, exakt auf der Grenze des Barbaricums gelegen, nach Nördlingen gibt es hier.

  15. #15 Richard
    7. September 2015

    @Holger (#12): Ich hab eben mal nachgeschaut, das ist in der Mediathek. Danke für den Tipp, das schau ich mir heute Abend mal an.

  16. #16 Rosamond Lanman
    4. Dezember 2015

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