Die angebliche Entdeckung eines neuen Planeten im äußeren Sonnensystem hat in den letzten Tagen für viel Aufsehen gesorgt. Dabei sind die Menschen schon seit mehr als 200 Jahren damit beschäftigt, neue Planeten im äußeren Sonnensystem zu vermuten, zu suchen und auch zu finden. In einer kurzen vierteiligen Artikel-Serie möchte ich diese lange Geschichte ein wenig ausführlicher darstellen um am Ende die aktuellen Ergebnisse vernünftig darstellen und einordnen zu können.
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Wie ist das jetzt also mit diesem “Planet X”? Gibt es das Ding oder nicht? Und was ist mit dem “Planet 9”, der ja angeblich schon so gut wie entdeckt ist, wie Medienberichte der letzten Woche nahe legen? In den letzten drei Teilen dieser Serie habe ich ausführlich über die lange Geschichte der Suche nach unbekannten Planeten im Sonnensystem berichtet. Über die Anfänge im 18. und 19. Jahrhundert und die konkreten Erfolge der damaligen Astronomen; über die Verwirrungen gegen Ende des 20. Jahrhunderts, nach denen das Sonnensystem mit weniger Planeten als vorher da stand und über die vielversprechenden Hinweise die in den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts gefunden wurde und die Suche nach einem unbekannten Planeten doch wieder hoffnungsvoll erscheinen ließen.

Und jetzt auf einmal der “Planet 9”. Am 20. Januar 2016 verkündeten die Astronomen Mike Brown und Konstantin Batygin, dass im äußeren Sonnensystem ein weiterer, großer Planet existieren müsse. Ihre Analyse der Umlaufbahnen von einigen Asteroiden (“Evidence for a distant giant planet in the solar system”) lasse das sehr wahrscheinlich erscheinen. Im Gegensatz zu all den wissenschaftlichen Arbeiten über unbekannte Planeten im äußeren Sonnensystem der letzten Jahre über die ich in den vorigen Teilen dieser Serie berichtet habe, hat diese Nachricht medial wirklich große Wellen geschlagen. Grund genug, sich dieser Forschungsarbeit ganz genau zu widmen.

So soll "Planet 9" aussehen... Bild: Caltech/R.Hurt(IPAC)

So soll “Planet 9” aussehen… Bild: Caltech/R.Hurt(IPAC)

Fangen wir noch einmal mit einer erweiterten Zusammenfassung des Status Quo an. 2014 entdeckten Chad Trujillo und Scott Sheppard einen Asteroid, der sich weiter von der Sonne entfernt befindet als alle damals bekannten. An ihm und 12 weiteren ähnlich fernen Objekten stellten sie seltsame Auffälligkeiten fest: Das Argument des Perihels ihrer Umlaufbahnen lag bei allen in der Nähe von 0 Grad. Das bedeutet, dass diese Asteroiden ihren sonnennächsten Punkt immer dann erreichen, wenn sie die Ebene der Erdbahn kreuzen und das das immer der Fall ist, wenn sie diese Ebene von Süden nach Norden kreuzen.

Das ist deswegen seltsam, weil der Einfluss der anderen großen Planeten des Sonnensystems eigentlich dafür sorgen sollte, dass der Wert des Argument des Perihels sich bei diesen Asteroiden ständig ändert und die Verteilung daher zufällig sein müsste. Wenn bei dieser Gruppe von Asteroiden das nun nicht so ist, muss es einen Grund dafür geben.

Trujillo und Sheppard vermuteten die gravitativen Störungen eines noch unbekannten Planeten, der über den sogenannten “Kozai-Mechanismus” (dabei geht es um “Resonanzen”, die ich hier genauer beschrieben habe) für die Häufung bei 0 Grad sorgt. Ein interessanter Gedanke, aber auch nicht ohne Probleme. Dieser Mechanismus sollte eigentlich für eine Häufung bei 0 und 180 Grad sorgen – was man aber nicht beobachtet. Damit ihre Hypothese trotzdem klappt, mussten die beiden zusätzlich noch voraussetzen, dass die Asteroiden im äußeren Sonnensystem irgendwann vor langer Zeit einmal durch die nahe Begegung mit einem anderen Stern gestört worden waren. Diese Störung hatte sie – vereinfacht gesagt – bei 0 Grad versammelt und die Resonanz mit dem noch unbekannten Planeten sie dann dort gehalten.

Ein paar Asteroiden bilden eine komische Gruppe Bild: Trujillo & Sheppard, 2014

Ein paar Asteroiden bilden eine komische Gruppe Bild: Trujillo & Sheppard, 2014

Ein vergleichsweise komplizierter Mechanismus und vielleicht noch nicht einmal ausreichend. Eine weitere Analyse anderer Astronomen kam zu dem Schluss, dass man vermutlich nicht einen sondern zwei Planeten benötigt um die Beobachtungen zu erklären. Oder gar keine, wie eine wieder andere Arbeit aus dem Jahr 2015 vorschlug (“A new inclination instability reshapes Keplerian disks into cones: application to the outer Solar System”). Demnach könnten die gravitativen Störungen zwischen all den Asteroiden im Kuipergürtel in einer Art Kettenreaktion dafür gesorgt haben, dass sich die heute beobachteten Anomalien einstellen. Das geht aber nur, wenn die Gesamtmasse der beteiligten Objekte groß genug ist und ob das der Fall ist, ist eher zweifelhaft.

Das ist also die Ausgangslage: Einige Asteroiden im äußeren Sonnensystem verhalten sich seltsam. Diese Seltsamkeiten lassen sich durch die Existenz eines oder mehrerer unbekannter Planeten erklären; unter Umständen in Kombination mit einer nahen Sternbegegnung in der Frühzeit des Sonnensystems oder alternativ auch durch eine spezielle dynamische Phase im Kuipergürtel für die kein zusätzlicher Planet nötig war. Eine relative unklare Angelegenheit also und die Arbeit, die Mike Brown und Konstantin Batygin veröffentlichten, sollte Aufklärung schaffen.

Sie machten sich zuerst daran, die Daten ein wenig zu säubern. Alle Hypothesen hingen immer noch an den 13 Asteroiden mit denen schon Trujillo und Sheppard gearbeitet hatten – Neuentdeckungen sind seitdem nicht dazu gekommen. Alle diese 13 Asteroiden bleiben immer außerhalb der Bahn des Neptuns und haben einen mittleren Abstand zur Sonne der 150 Mal größer ist als der mittlere Abstand der Erde von unserem Stern.

Brown und Batygin bezweifelten allerdings, ob diese Objekte wirklich alle geeignet waren, Informationen über unbekannte Planeten zu liefern. Diejenigen der 13 Asteroiden die der Bahn des Neptun besonders nahe kamen, könnten eventuell doch von ihm gestört werden und das Bild verfälschen. Also führten sie zuerst numerische Simulationen durch um herauszufinden, welche sich definitiv nicht von Neptun beeinflussen lassen. Dabei blieben am Ende nur noch 6 Objekte übrig, mit denen sämtliche weitere Analysen durchgeführt worden sind.

Bei der Betrachtung der Umlaufbahnen dieser Asteroiden fiel Brown und Batygin nun auf, dass das Argument des Perihels nicht mehr um den Wert von 0 Grad herum schwankte. Die 6 Objekte hatten alle Werte, die in der Nähe von 318 Grad lagen. Aber zusätzlich zeigte nun auch die “Länge des aufsteigenden Knotens” eine Häufung bei 113 Grad. Damit wird eine weitere der sechs Zahlen bezeichnet mit denen Astronomen die Bahn eines Himmelskörpers beschreiben.

Argument des Perihels

Argument des Perihels

Länge des aufsteigenden Knotens

Länge des aufsteigenden Knotens

So wie das Argument des Perihels ist auch das einer der drei Winkel, die die Orientierung der Bahn im Raum angeben. Diese Häufung der beiden Winkel legte nahe, dass die Bahnen nicht nur ähnliche Eigenschaften hatten, sondern tatsächlich in der gleichen Region des Weltraums verlaufen, was auch diese Grafik zeigt:

Man sieht hier den gesamten Himmel in Form einer Art Landkarte dargestellt, mit ekliptischer Länge und Breite, so wie die geografische Länge und Breite Positionen auf der Erde darstellen. Alle bekannten Asteroiden in den äußeren Regionen des Sonnensystems sind dort eingezeichnet; die 6 um die es geht sind rot eingefärbt. Sie liegen alle um rechten Teil des Bildes und sie gruppieren sich alle um die Mitte herum. Das ist überraschend, denn eigentlich sollte es keinen Grund geben, warum das so ist. Brown und Batygin haben ausprobiert, wie wahrscheinlich es ist, so eine Kombination per Zufall zu erhalten und erhielten einen Wert von 0,007 Prozent. Das ist schon ein wenig unwahrscheinlich und ein Hinweis darauf, dass hier irgendwas vor sich geht das man untersuchen sollte. Und auch die bisherigen Erklärungen (Kozai-Mechanismus und Kettenreaktion) reichen nicht aus, um diese Ähnlichkeit der Umlaufbahnen zu erklären.

Als nächstes haben die beiden Astronomen ein mathematisches Modell entwickelt um herauszufinden, wie sich die Störungen eines noch unbekannten Planeten auf die Umlaufbahnen der Asteroiden auswirken. Bei solchen Modellen macht man keine Computersimulationen sondern vereinfacht die entsprechenden mathematischen Gleichungen mit denen man die Bewegung von Himmelskörpern beschreibt um die physikalischen Zusammenhänge besser sehen zu können. Sie gingen dabei von einem Planeten aus der ungefähr 10 mal schwerer und 700 mal weiter von der Sonne entfernt ist als unsere Erde. Und tatsächlich stellte sich heraus, dass Asteroiden die sich weit genug außen im Sonnensystem befinden von so einem Planeten entsprechend gestört werden können. Die fraglichen Winkel fangen ab einer gewissen Distanz an zu librieren, pendeln also um einen bestimmten Wert herum anstatt wie sonst zu zirkulieren, also im Laufe der Zeit alle Wert zwischen 0 und 360 Grad anzunehmen. Und der Wert um den sie herum librierten entsprach dem, den man beobachtet hatte.

Aber ein mathematisches Modell ist immer nur eine Näherung; die Gleichungen lassen sich nie exakt lösen. Deswegen nutzten Brown und Batygin im nächsten Schritt numerische Simulationen am Computer. Dabei entdeckten sie, dass das mathematische Modell tatsächlich ungenau war: Zusätzlich zu dem einen Wert um den die Winkel der Umlaufbahnen schwanken konnten, fanden sie noch einen zweiten. Die Störungen eines noch unbekannten Planeten können also nicht nur für eine Häufung von Asteroiden sorgen sondern für zwei. Sie sollten es sogar tun und dass man bis jetzt nur eine dieser Gruppen beobachtet hatte, war interessant.

In der nächsten Runde der Simulation sahen Brown und Batygin auch noch nach, ob ein störender Planet auch dann noch ausreichend stören kann, wenn seine Bahn gegenüber der Bahn der Asteroiden geneigt ist. Denn diese Möglichkeit hatte man in der ersten Simulation der Einfachkeit halber vernachlässigt, in der Realität kann das aber durchaus so sein. Auch so ein Planet kann passend stören – aber auch hier wird neben der bekannten Gruppe von Asteroiden eine weitere Gruppe produziert die man noch nicht beobachtet hat (bzw. fand man in den Datenbanken ein einzelnes Objekt, dass in so eine Gruppe passen könnte).

Bahnen von "Planet 9" und Asteroiden - die besagten 6 sind violett eingezeichnet (Bild: Caltech/R. Hurt)

Bahnen von “Planet 9” und Asteroiden – die besagten 6 sind violett eingezeichnet (Bild: Caltech/R. Hurt)

Die Geschichte um “Planet 9” ist mit der Arbeit von Brown und Batygin definitiv interessanter geworden. Aber nicht unbedingt klarer. Die beiden haben gezeigt, dass ein noch unbekannter Planet die beobachteten Auffälligkeiten von 6 Asteroiden erklären kann. Allerdings würde dieser Mechanismus noch weitere Asteroidengruppen produzieren die man bis jetzt noch nicht beobachtet hat. Das kann bedeuten, dass der Mechanismus falsch ist. Oder das man sie einfach noch nicht entdeckt hat. Außerdem wurden sowohl beim mathematischen Modell als auch bei der Computersimulation Vereinfachungen genutzt (zwangsläufig; anderes geht es meist nicht – es sei denn man hat beliebig viel Computerpower zur Verfügung). Das bedeutet, dass man auch keinen kompletten Überblick über alle möglichen dynamischen Effekte hat und nicht weiß, ob man vielleicht etwas übersehen hat. Es ist zum Beispiel auch mit dem aktuellen Modell nicht möglich zu erklären, warum sich die beobachtete Asteroidengruppe genau in der Entfernung befindet, in der sie sich befindet und warum es nicht auch weiter weg entsprechende Asteroiden gibt. Es gibt also entweder eine weitere Gruppe noch unentdeckter Asteroiden oder aber einen noch unbekannten Mechanismus der die Asteroiden auf die bekannte Gruppe beschränkt.

Als Himmelsmechaniker finde ich die Arbeit von Brown und Batygin äußerst interessant. Die Methoden sind plausibel; die Ergebnisse faszinierend und die Gültigkeit der daraus ableitbaren Aussagen wurde im Artikel realistisch dargestellt. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob wir nach dieser Arbeit in Sachen “Planet 9” besser dastehen als vorher. So wie auch in den Jahren zuvor basiert diese Analyse auf den gleichen Himmelskörper (sogar auf weniger); neue Entdeckungen die mehr Sicherheit bringen könnten, gibt es noch nicht. Die aus dem Modell von Brown und Batygin abgeleiteten Werte der Eigenschaften des hypothetischen Planeten sind bei weitem nicht eindeutig und nur als erste Schätzung zu verstehen (was die beiden auch selbst anmerken). Ihr Modell kann nicht alles erklären, was beobachtet wird und sagt Dinge voraus, die nicht beobachtet worden sind.
Ich bin mir sicher, dass in den nächsten Wochen und Monaten andere Astronomen andere Modelle finden werden, die die Beobachtungen ebenfalls (und vermutlich ebenfalls unvollständig) erklären können.

Es hat sich also nichts fundamental geändert. So wie früher wissen wir, dass es gute Hinweise auf die Existenz eines weiteren Planeten im äußeren Sonnensystem gibt. Und so wie früher können wir nicht sicher sein, ob er wirklich da ist. Was wir brauchen, sind mehr konkrete Daten! Zum Beispiel die Beobachtung der von Brown und Batygin vorhergesagten Asteroidengruppen. Sollten die entdeckt werden, wäre das ein wirklich guter Hinweis, dass der Planet real ist. Noch besser wäre natürlich die Entdeckung des Planeten selbst. Aber das ist sehr, sehr schwierig. Der Planet kann nicht viel schwerer als Neptun sein (sonst hätte man ihn schon entdeckt). Das heißt, dass er auch recht klein ist und entsprechend wenig Licht reflektiert. Je nachdem ob er sich auf seiner Bahn gerade in der Nähe (und “Nähe” ist in dem Fall immer noch verdammt weit weg) der Sonne befindet oder weit entfernt, kann er nur mit den besten Teleskopen oder vielleicht auch gar nicht beobachtet werden.

Und so wie es momentan aussieht, wird es schwierig. Nimmt man all die Himmelsbeobachtungen zusammen, die man bis jetzt schon gemacht und kombiniert das mit den wahrscheinlichen Werten für die Umlaufbahn des unbekannten Planeten, dann bleibt nur eine unerfreuliche Variante übrige: Planet 9 muss sich gerade in der Nähe des sonnenfernsten Punkts seiner Bahn befinden, wo er am dunkelsten ist und sich am langsamsten über den Himmel bewegt. Er ist – sofern vorhanden – vermutlich gerade mehr als 500 Mal weiter von der Sonne entfernt als die Erde. Und befindet sich noch dazu in der Gegend des Himmels, in der wir auch die Milchstraße sehen. Der denkbar schlechstes Ort also, um einen extrem schwach leuchtenden Lichtpunkt zu finden, der schon unter den besten Umständen nur mit großen Teleskopen zu entdecken wäre.

Sollte es “Planet 9” geben, wird es also noch dauern, bevor wir Bescheid wissen. Aber wir sind nun schon seit mehr als 200 Jahren damit beschäftigt, neue Himmelskörper im Sonnensystem zu suchen. Und es gibt keinen Grund, damit aufzuhören. Wir werden auf jeden Fall viele neue Asteroiden fern der Sonne finden und sie werden uns verraten, wo wir weitersuchen müssen und wie erfolgversprechend unser Vorhaben ist. Aber egal ob wir einen “Planet 9” finden werden oder nicht: Während wir suchen, werden wir jede Menge Dinge über das Sonnensystem lernen, die wir bisher noch nicht wußten. Und darauf kommt es ja eigentlich an!

Kommentare (18)

  1. #1 Marco
    Dresden
    28. Januar 2016

    Sehr informativ und wie immer gut geschrieben.
    Danke fuer diese tolle Beitragserie, ich habe wieder hinzugelernt!

  2. #2 noch'n Flo
    Schoggiland
    28. Januar 2016

    @ FF:

    Vielen Dank für diese Mini-Serie – ich finde, das ist eine Deiner besten Arbeiten der letzten Zeit gewesen: informativ, aktuell, sehr gut verständlich und angenehm zu lesen. Habe viel gelernt.

  3. #3 Alderamin
    28. Januar 2016

    @Florian

    aber auch hier wird neben der bekannten Gruppe von Asteroiden eine weitere Gruppe produziert die man noch nicht beobachtet hat

    Sind das nicht die Objekte auf Bahnen mit 90° Inklination, die im untersten Bild blau eingezeichnet sind? Brown sprach doch davon, ihm sei die Kinnlade heruntergefallen, als man die vorhergesagten Objekte auf solchen Bahnen tatsächlich entdeckte.

  4. #4 Sissy
    Ludwigsburg
    28. Januar 2016

    Hi Florian,

    vielen Dank für die Serie, sehr anschaulich zusammengefaßt. :)

    Du schreibst: “Er ist – sofern vorhanden – vermutlich gerade mehr als 500 Mal weiter von der Sonne entfernt als die Erde. Und befindet sich noch dazu in der Gegend des Himmels, in der wir auch die Milchstraße sehen. Der denkbar schlechstes Ort also, um einen extrem schwach leuchtenden Lichtpunkt zu finden, der schon unter den besten Umständen nur mit großen Teleskopen zu entdecken wäre.”

    hmmm, damit stimme ich nicht so ganz überein. Ja, es ist schwierig, dort einen Planeten zu fotografieren. Wegen all der anderen Sterne. Aber nicht unmöglich. Den Profies macht da die eingeschränkte Teleskopnutzungszeit Probleme. Den vielen Amateurastronomen aber nicht. 😉

    Ich fotografiere gerne (und inzwischen auch erfolgreich) gen Himmel. Je nach Motiv und Gesamtbelichtungszeit hab ich da eigentlich immer 4, 5 oder noch mehr Asteroiden zusammen mit dem eigentlichen Motiv auf dem Chip.

    Je nach Gesamtbelichtungszeit und Bildbearbeitung komme ich aus der Großstadt raus bis zu 21 mag Tiefe. Hätte ich zu Hause einen dunkleren Himmel, gings noch deutlich tiefer. Ausgebremst werde ich hauptsächlich durch Lichtverschmutzung, dem Wetter und sonstigen Verpflichtungen. Mein persönlicher “Rekord” für die Gesamtbelichtungszeit eines einzelnen fertigen Bildes liegt bei 36 Stunden innerhalb von 2 Monaten. Ich kenne auch Amateure, die auf 50 Stunden Gesamtbelichtungszeit gehen.

    Wenn ein “ungefährer Ort” (z.B. 6 x 6 Grad) per Koordinaten angegeben werden könnte, wo sich der vermutete Planet 9 jetzt ( und die nächsten 5 Jahre) aufhalten könnte, dann fänden sich definitiv 100 oder 200 Amateure, die sich an einer Suche beteiligen würden.

    Die würde dann ungefähr so ausschaun:
    3 Wochen Urlaub nehmen (letztes Viertel, Neumond, erstes Viertel) und ab ins Gebirge oder ner sonstigen dunklen Stelle mit mobilem Geraffel und mal 100 Stunden lang das entsprechende Gebiet abfotografieren. Bilder kalibrieren, Summenbild pro Nacht und pro Woche erstellen. Dann alle Summenbilder der Beobachtungskampagne zu einem einzigen Gruppensummenbild zusammenrechnen.

    Im Jahr drauf wiederholen. Und das ganze 3-5 Jahre lang.

    Bei der geschätzten Entfernung kann man die Eigenbewegung von Planet 9 innerhalb von 1 Nacht getrost vernachlässigen. Über einen Zeitraum von 3 Wochen würde sich ein winziger Strich von wenigen Pixeln abbilden. Macht man das über den Zeitraum von 3 Monaten, in denen das Zielgebiet die ganze Nacht fotografiert werden kann, kommt man locker auf eine Grenzhelligkeit jenseits von 25 mag.
    Damit hätte man :

    a) eine ausreichende Basis für Astrometrie (= genauer Ort)
    b) eine ausreichende Basis für Photometrie (= genaue Helligkeit)

    Ein Amateur alleine kriegt das natürlich genausowenig hin wie ein Profi mit wenig Teleskopzeit.

    Die bekannten TNO´s haben wir Amateure alle schon fotografiert… 😀

  5. #5 Jockel
    29. Januar 2016

    @Sissy: ich habe keine Ahnung, ob sowas möglich ist. Aber es klingt nicht schlecht.

    Aber wird das Objekt momentan nicht nur nicht in Richtung Milchstraßenebene, sondern sogar mehr oder weniger in Richtung Milchstraßenzentrum vermutet? Das würde bedeuten, dass man auf der Nordhalbkugel schlechte Chancen hat. Alpen dürften zu weit im Norden liegen. Vielleicht ginge für Europäer noch das Atlasgebirge? Oder Kaukasus? Und Amateurastronomen in Nordamerika und Japan müssten auch reisen.

    Ich denke, solch ein Projekt lässt sich nur mit Südamerikanern und Australiern umsetzen. Es sei denn, die 3 Wochen Urlaub sind jeweils eine Fernreise.

  6. #6 Till
    29. Januar 2016

    @alderamin Sind das nicht die Objekte auf Bahnen mit 90° Inklination, die im untersten Bild blau eingezeichnet sind?

    genau das habe ich mich auch gefragt.

    Ich habe mal den Artikel überflogen und dort folgenden Satz gefunden, der mit Florians Aussage, dass diese Objekte noch nicht gefunden sind übereinstimmt:

    A unique prediction that arises within the context of our resonant coupling model is that the perturber allows for the existence of an additional population of high-perihelion KBOs that do not exhibit the same type of orbital clustering as the identified objects. Observational efforts aimed at discovering such objects, as well as directly detecting the distant perturber itself constitute the best path toward testing our hypothesis.

    Explizit erwähnt wird soweit ich es gefunden habe nur ein Beispiel (das als Hinweis auf mehrere solcher Objekte gewertet wird):

    Gladman et al. (2009) suggested that the presence of highly inclined KBOs, such as Drac, point to a more extensive reservoir of such bodies within the Kuiper Belt.

    evtl ist das Bild mit den vielen “distant perpendicular objects” ja das Ergebnis einer Simulation?

  7. #7 Till
    29. Januar 2016

    @alderamin die gleiche Frage hab ich mir auch gestellt und daraufhin die Originalarbeit überflogen. Dort steht im Wesentlichen das was Florian im Artikel geschrieben hat (nicht wirklich überraschend :-) ). Ich vermute also, dass das Bild keine Bahndaten echter Himmelskörper darstellt, sondern das Ergebnis einer Simulation ist. Mehr details stecken gerade noch in der Moderation.

  8. #8 Alderamin
    29. Januar 2016

    @Till

    In dem Caltech-Artikel ist das Bild enthalten und da steht drunter:

    A predicted consequence of Planet Nine is that a second set of confined objects should also exist. These objects are forced into positions at right angles to Planet Nine and into orbits that are perpendicular to the plane of the solar system. Five known objects (blue) fit this prediction precisely.

    Und im Text neben dem Bild:

    In the last three years, observers have identified four objects tracing orbits roughly along one perpendicular line from Neptune and one object along another. “We plotted up the positions of those objects and their orbits, and they matched the simulations exactly,” says Brown. “When we found that, my jaw sort of hit the floor.”

    Also keine Simulation, sondern existierende Objekte, die von der Simulation vorhergesagt wurden. Das macht sie sehr glaubhaft.

  9. #9 Sissy
    Ludwigsburg
    31. Januar 2016

    Hi Jockel,

    “Aber wird das Objekt momentan nicht nur nicht in Richtung Milchstraßenebene, sondern sogar mehr oder weniger in Richtung Milchstraßenzentrum vermutet? Das würde bedeuten, dass man auf der Nordhalbkugel schlechte Chancen hat.”

    nö, warum denn? Milchstraßenzentrum = Sternbild Schütze. Von einem guten Alpenstandort aus (z.B. Kärnten, 2000 Meter Höhe) wäre das prinzipiell kein Problem.

    “Vielleicht ginge für Europäer noch das Atlasgebirge?”

    Solange in der muslimischen Welt eine Frau weder alleine umherreisen kann (nicht selber Auto fahren darf) noch ihres Lebens ohne Ehemann als “Besitzer, der sein Eigentum beschützt” sicher ist, wäre Nordafrika für mich definitiv keine Alternative. :(

    Ich wurde schon explizit wegen meinem Geschlecht aus einer Gruppenreise wieder ausgeladen. Weil ich mit keinem meiner Beobachtungskollegen verheiratet bin. Diese Neandertaler ticken äußerst gefährlich…

    “Oder Kaukasus?”

    Russland, Georgien, Armenien, Aserbaidschan, Nordanatolien, Grenzgebiet zum Iran. Teilweise selbe Religion, genauso schlecht erreichbar für ne alleinreisende Frau. Zudem auch politisch und geologisch sehr instabil. Statt vernünftiger Straßen nur Schotterpisten und lebensgefährliche Brücken. Hab keinen Bock auf ein großes Erdbeben…

    “Amateurastronomen in Nordamerika und Japan müssten auch reisen.”

    Ja und? Das machen wir doch sowiso. Für Sonnenfinsternisse oder tolle Kometenansichten reisen wir um die ganze Welt. Statt 3 Wochen “Malle” eben 3 Wochen Astrourlaub in dunklen Gegenden. Meine Astrourlaube haben mich bislang nach Arizona, Florida, Curacao, Venezuela, Türkei (als die noch sicher war), Island, Sambia, Ibiza, Kärnten, Italien… geführt.

    “Ich denke, solch ein Projekt lässt sich nur mit Südamerikanern und Australiern umsetzen. Es sei denn, die 3 Wochen Urlaub sind jeweils eine Fernreise.”

    Südamerika und Australien liegen teilweise zu weit im Süden. Und es gibt nicht so viele Amateure wie auf der Nordhalbkugel. Perfekt (als gut zu erreichendes Urlaubsziel mit entsprechender Infrastruktur, politischer Sicherheit und keine Reiseeinschränkungen für Frauen (Scharialänder)) wären z.B. die Canarischen Inseln (La Palma), Florida, Hawaii, … alles +/- 25 ° um den Äquator. Da wäre der Schütze optimal hoch über dem Horizont… :)

  10. #10 Captain E.
    1. Februar 2016

    Ein formelles Fahrerbot für Frauen gibt es meines Wissens nur in Saudi-Arabien. Auf eine verdrehte Art und Weise macht das sogar Sinn: Voll verschleierte Menschen (sprich: Frauen) sollten sich meines Erachtens nicht hinter das Steuer eines Autos setzen. 😉

  11. #11 Sissy
    Ludwigsburg
    3. Februar 2016

    @Captain E.

    jepp, mit 3×12 cm Guckloch voller Gitterfäden vorm Gesicht und an sonsten Ganzkörperkondom hast keine “Rundumsicht”. Weder beim Autofahren, noch beim Fotografieren oder auch blos Beobachten mit Okular. Und auch kaum Bewegungsfreiheit im Gelände. Sag ich doch. Neeee, danke…

    Lieber in Jeans, Turnschuhen und Pulli in zivilisierten Gegenden. :)

  12. #12 Captain E.
    3. Februar 2016

    Wenn man saudische Männer fragt, würden die vermutlich behaupten, dass in zivilisierten Ländern Frauen nur in Begleitung eines männlichen Verwandten das Haus verlassen und dabei all ihre weiblichen Reize verstecken. Alles andere seien barbarische unkultivierte Länder. Oder so.

    Apropos Jeans, Turnschuhe und Pulli: Das war vor einiger Zeit die Lieblingsbekleidung junger indonesischer Mädchen. Als gute Muslima sind sie dann der Anweisung der “Religionspolizei” gefolgt und haben sich verschleiert. Die daraus resultierende Mode, knallenge Jeans, knallenge bunte Pullis mit farblich darauf abgestimmten Kopftüchern, hat den gestrengen Religionswächtern aus unerfindlichen Gründen trotzdem nicht gefallen. 😉

  13. #13 Florian Freistetter
    3. Februar 2016

    Was hat das alles mit dem Thema zu tun?

  14. #14 Vortex
    Gerüchteküche
    4. Februar 2016

    Bis jetzt ist ja nix mit Planet X (9) in Sicht, aber falls man den Ausführungen eines japanischen Pfarrer folgen mag, kommt jetzt bald ein 8 km großer Brocken auf die Erde zu.
    http://www.oe24.at/welt/Asteroid-soll-diesen-Mai-die-Erde-ausloeschen/222567233

    Woher er das bloß weiß?

  15. #15 Herr Senf
    4. Februar 2016

    Bei 8 km gehen ein paar Fensterscheiben kaputt, hätte er mal in der Schule aufgepaßt.
    Es gibt eine schöne Feuerkugel mit Schweif und man freut sich auf ein paar Überreste.
    Der Tscheljabinsk-Fall vor genau 2 Jahren hatte 20 km beim Eintritt in die Atmosphäre.

  16. #16 Florian Freistetter
    4. Februar 2016

    @Herr Send: “Bei 8 km gehen ein paar Fensterscheiben kaputt, hätte er mal in der Schule aufgepaßt”

    Ähm. Ne. Bei 8km gibts ein globales Massensterben. Aber so einen großen Asteroid hätte man auch schon längst gesehen.

  17. #17 Herr Senf
    4. Februar 2016

    Uff, das Ding mit “Tausend”, nicht auf’s “k” geguckt.
    Tscheljabinsk hatte 20 m :-)

  18. […] Planeten im Sonnensystem im Allgemeinen und “Planet 9” im Speziellen zu schreiben (Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil […]