Heute Abend stehen sich deutsche und nordirische Fußballer bei der Europameisterschaft gegenüber. Deutsche und nordirische Wissenschaftler dagegen arbeiten währenddessen gemeinsam daran, potentiell gefährliche Asteroiden aufzuspüren. Das Pan-STARRS System aus Großteleskopen steht zwar in Hawaii, wird aber von einem internationalen Konsortium betrieben, an dem unter anderem die Max-Planck-Gesellschaft aus Deutschland und die Queen’s University in Belfast beteiligt sind. Ein passendes Thema also für meine Serie über Wissenschaft aus den EM-Teilnehmerländern. Vor allem, weil Pan-STARRS vor einigen Tagen die Entdeckung eines sehr interessanten Asteroiden bekannt gegeben hat: Ein “Quasi-Satellit” der Erde.

Das Haleakala Observatory auf Hawaii (Bild: Tawker, CC-BY-SA 3.0)

Das Haleakala Observatory auf Hawaii (Bild: Tawker, CC-BY-SA 3.0)

Der Himmelskörper trägt den Namen 2016 HO3. Er ist zwischen 30 und 100 Meter groß und wird in manchen Medien als “neuer Mond” der Erde bezeichnet. Das ist er zwar nicht, aber deswegen nicht minder interessant. 2016 HO3 ist ein sogenannter erdnaher Asteroid vom Apollo-Typ. Wie der Name schon sagt, handelt es sich bei dieser Gruppe um Asteroiden, die der Erde nahe kommen können. In diesem Fall kommt 2016 HO3 der Erde nicht nur nahe, er bleibt auch hier. Der geringste Abstand zwischen der Erde und dem Asteroid entspricht der 38fachen Distanz des Mondes; der größte Abstand der 100fachen Distanz.

Seine Umlaufbahn ist komplex: Der Asteroid bewegt sich zwar auf einem ganz normalen elliptischen Orbit um die Sonne. Diese Bahn ist der Bahn der Erde aber sehr ähnlich. Aber nicht komplett identisch. Die Hälfte der Zeit ist der Asteroid der Sonne näher als die Erde und dann ist er auch schneller; befindet sich also vor unserem Planeten. In der anderen Hälfte ist es umgekehrt. Während er sich von der Erde entfernt, wird er von der Gravitationskraft unseres Planeten beeinflusst und beginnt irgendwann wieder, zurück zu driften. Wie das ganze aussieht, zeigt dieses Video:

Blau ist die Bahn der Erde zu sehen und unser Blickpunkt bewegt sich mit der Erde mit. Die große gelbe Umlaufbahn ist die Bahn des Asteroiden um die Sonne. Die kleinen gelben Orbits zeigen, wie das ganze aus der Sicht der sich ebenfalls bewegenden Erde aussieht.

Ist 2016 HO3 nun also ein “Mond” der Erde? Kommt drauf an. Es gibt keine eindeutige oder offizielle Definition dessen, was ein “Mond” ist. Ich habe diese Frage schon früher einmal in einem eigenen Artikel behandelt. Damals habe ich das Konzept der Hill-Sphäre erklärt. Vereinfacht gesagt ist das der Bereich um einen Planeten, in dem dessen eigenen Gravitationskraft die der Sonne überwiegt. Bei der Erde beträgt dieser Abstand ungefähr 1,5 Millionen Kilometer. Umgerechnet entspricht das dem 3,9fachen Abstand des Mondes von der Erde. Der Mond ist also ganz klar innerhalb der Hill-Sphäre. 2016 HO3 kommt aber, wie oben erwähnt, der Erde nie näher als dem 38fachen Abstand des Mondes; befindet sich also immer weit außerhalb der Hill-Sphäre.

Objekte wie diesen Asteroid bezeichnet man daher normalerweise nicht als “Mond” sondern als “Quasi-Satellit”. Und 2016 HO3 ist auch nicht der einzige dieser Himmelskörper. Wir kennen derzeit noch vier weitere Asteroiden auf ähnlichen Bahnen. Und vier andere Asteroiden befinden sich auch Bahnen um die Sonne, die sie zeitweilig zu Quasi-Satelliten machen (ich habe darüber ausführlich in einer Folge der “Sternengeschichten” gesprochen).

Beim Fußballspiel heute Abend wird eine der beiden Mannschaften gewinnen (sofern es kein Unentschieden gibt). Die Fans der einen Mannschaft werden sich freuen, die der anderen werden sich ärgern. In der Wissenschaft gibt es dagegen keine Verlierer. Mit jedem neu entdeckten Asteroiden gewinnen wir alle: Nämlich neue Informationen über unser Universum! Und das ist langfristig gesehen deutlich nützlicher als ein Pokal beim Fußball…

Kommentare (12)

  1. #1 noch'n Flo
    Schoggiland
    21. Juni 2016

    Beim Fußballspiel heute Abend wird eine der beiden Mannschaften gewinnen (sofern es kein Unentschieden gibt).

    Eine der grossen Fussballweisheiten.

  2. #2 Huibuh
    21. Juni 2016

    Gibt es eigentlich eine Größe, bis zu der die Erde einen Körper gravitativ “einfangen” kann?
    Könnte die Erde z.B. /(was ja absurd ist aber nur mal angenommen) den Mars bei einem Vorbeiflug einfangen, oder würde da die Masse der Erde nicht reichen?

  3. #3 lander
    21. Juni 2016

    eine Sonde landen?
    http://www.drg-gss.org/typo3/html/index.php?id=48

    Dort braucht ein Gegenstand, den man mit ausgestrecktem Arm loslässt, fünf Minuten bis zum Aufschlag. Ein Bagger, der seine Schaufel kräftig auf den Boden drückt, würde abheben und sich in die Umlaufbahn des Asteroiden katapultieren.

  4. #4 Braunschweiger
    21. Juni 2016

    Holy Halé-Akala (ein Hoch auf Phil Plait)! Der Fußball lässt einen zurzeit nicht los.

    Danke an @Florian für die Nebenbeibeantwortung meiner Astronomie-Frage. :-).

  5. #5 Florian Freistetter
    21. Juni 2016

    @Huibuh: Naja, “einfangen” ist relativ. Mars & Erde können uU schon ein Doppelplanetensystem bilden. Aber da müssen so viele Parameter perfekt zusammenpassen (und der Mars irgendwie Richtung Erde wandern), dass das eher unmöglich ist.

  6. #6 wage
    21. Juni 2016

    Wäre ene gute Stelle für Technik zur Beobachtung der Sonne (und des Asteroiden selbst). Haben wir aber schon sowas 🙂

  7. #7 Captain E.
    21. Juni 2016

    @wage:

    Wäre ene gute Stelle für Technik zur Beobachtung der Sonne (und des Asteroiden selbst). Haben wir aber schon sowas 🙂

    War das jetzt eine Frage oder eine Aussage? Falls es eine Frage war, gibt es selbstverständlich eine Antwort darauf…

  8. #8 lander
    21. Juni 2016

    >Wäre ene gute Stelle für Technik

    wieso?

  9. #9 Braunschweiger
    22. Juni 2016

    Um es mal in ganzen Sätzen zu formulieren, ich vermute gemeint ist, dass eine solche Bahn vielleicht eine Alternative zu den Lagrange-Punkten wäre, um dort als Satelliten irgendwelche Beobachtungstechnik zu installieren.

    Die Frage ist, ob das stimmt oder ob es eine Täuschung ist. Wieviel Aufwand bzw. Energie bräuchte man, um eine Umlaufbahn zu etablieren, die gegen die Ekliptik geneigt ist und die eine andere Exzentrizität hat? Lässt sich das überhaupt realisieren?

  10. #10 pederm
    22. Juni 2016

    Ein gravierender Fehler steckt in “Die Fans der einen Mannschaft werden sich freuen, die der anderen werden sich ärgern.” Da ist nämlich nicht berücksichtigt, daß die Fans der Verlierermannschaft Nordiren sind, und die feierten gestern immer noch, als die anderen alle das Stadion schon verlassen hatten. Könnte es doch immer so sein!

  11. #11 Florian Freistetter
    22. Juni 2016

    @pederm: “ie der anderen werden sich ärgern.”

    Naja geärgert dass sie verloren haben werden die Nordiren sich sicherlich auch. Aber dann halt auch wieder gefreut, weils trotzdem noch gereicht hat.

  12. #12 pederm
    22. Juni 2016

    Ja klar, war nicht bös gemeint.