Das neue Jahr fängt gut an; zumindest was die Bücher angeht. Im Januar hatte ich Zeit für 12 Bücher – die letzten Tage des Monats sind allerdings wieder ein wenig stressig, weswegen es diesmal nur kurze Rezensionen der 12 Bücher gibt. Dafür ist aber auch für alle was dabei: (Historische) Romane, Science-Fiction und diverse Sachbücher!

Die düstere Erde

Einen großen Teil des Januars habe ich mit Jason Houghs “Dire Earth”-Zyklus verbracht. Der besteht aus den Büchern “The Darwin Elevator”, “The Exodus Towers”, “The Plague Forge”, “Injection Burn” und “Escape Velocity”. Außerdem gehört noch das kurze Prequel “The Dire Earth: A Novella” dazu. Auf deutsch gibt es derzeit die ersten beiden Bände: “Darwin City: Die Letzten der Erde” und “Exodus Towers: Die Letzten der Erde”.

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Science-Fiction-Bücher in denen Menschen mit einem Weltraumlift in All reisen, gibt es jede Menge. In der Welt von Jason Hough haben diesen Lift allerdings nicht die Menschen gebaut. Er ist eines Tages plötzlich aufgetaucht; Aliens haben ihn – mehr oder weniger kommentarlos – aus dem All auf die Erde hinab gelassen und seitdem verbindet er die australische Stadt Darwin mit dem Orbit. Die Aliens – die “Builder” – haben sich nicht blicken lassen; nichtsdestotrotz wird der Fahrstuhl intensiv genutzt. So lange, bis eine mysteriöse Krankheit die Menschheit mehr oder weniger ausrottet. Nur die Umgebung des Weltraumlifts ist geschützt und keiner weiß warum. Dort lebt der Rest der Menschheit; außerhalb der “Aura” gibt es nur Tote, zerstörte Städte und “Subs” – Menschen, die durch die Krankheit zu geistlosen und gewalttätigen Tieren mutiert sind. Die Protagonisten des Buchs sind Wissenschaftler auf der Raumstation über Australien und eine Crew von “Scavengern”, die in den zerstörten Gegenden außerhalb der Aura nach brauchbarem Zeug suchen. Vorerst zumindest, denn ziemlich schnell wird klar, dass der Weltraumlift und die Subs-Krankheit nicht das einzige sind, was die Builder der Erde “geschenkt” haben. Es gibt Anzeichen, dass sie ein paar neue Präsente auf den Weg geschickt haben…

Der erste Band des Dire-Earth-Zyklus ist ziemlich erfrischend für ein Science-Fiction-Buch. Europa und die USA, die Handlungsorte so gut wie aller anderen Sci-Fi-Bücher, spielen keine Rolle. Die Protagonisten kommen aus Australien oder Indien; die Handlung spielt in Australien, Japan oder dem ernahen Weltraum. Das Mysterium um Zweck und Herkunft der außerirdischen Geschenke wird zu lösen probiert; aber bis zum Ende des Buchs nicht gelöst.

Das klärt sich erst im zweiten und endgültig im dritten Teil. Die sind, was die Handlung angeht, immer noch spannend wie der erste Band. Aber der Stil wird zumindest für meinen Geschmack ein wenig nervig. Ständig wird gekämpft und irgendwann hat man alle Kampfbeschreibungen gelesen, die man sinnvollerweise lesen kann ohne sich zu langweilen. Beim dritten Band ist mir dann auch klar geworden, was mich so irritiert hat: Jason Hough hat ein Computerspiel geschrieben! Die sprunghafte Handlung mit der ganzen Kämpferei lässt sich so viel einfacher verstehen. Eine Gruppe von Leuten muss jede Menge Aufgaben erfüllen, Rätsel lösen und Artefakte einsammeln. Und trifft dabei ständig auf Widerstand, der bekämpft werden muss. Es läuft tatsächlich wie in einem Computerspiel: Man kriegt einen Quest, kämpft und rätselt sich bis zum Ziel und dann kommt die nächste Aufgabe an einem anderen Ort.

Dieser Stil war ein bisschen nervig; aber die Handlung spannend genug um bis zum Ende zu lesen. Nach Band drei könnte man aufhören; da endet ein großer Teil der Geschichte und das was in Band 4 und 5 passiert ist eine ganz andere Geschichte. Da dort aber die offenen Fragen aus den ersten drei Teilen beantwortet werden, will man die natürlich auch lesen (sofern einem die ersten Bände gefallen haben).

Biosphäre und Terranauten

So gut wie alles, was ich von T.C. Boyle gelesen habe, fand ich großartig. Und das gilt auch für “The Terranauts” (auf deutsch: “Die Terranauten”). Das was die Bücher von Boyle meiner Meinung nach auszeichnet, sind ihre obskuren Protagonisten und die ebenso obskuren Settings. Diesmal hat er sich die Biosphäre 2 ausgesucht. In der Realität hat man hier zwischen 1991 und 1994 in der Wüste von Arizona versucht, eine komplett von der Außenwelt abgeschlossene Biosphäre zu konstruieren in der Menschen, Pflanzen und Tiere autark überleben können. Neben Erkenntnissen über die ökologischen Prozesse versuchte man auch herauszufinden, wie Menschen in der Zukunft auf dem Mars oder dem Mond überleben können. Man kann darüber streiten, ob das Experiment ein Erfolg war oder nicht. Die meisten sehen es als gescheitert an; es war nicht möglich über den geplanten Zeitraum von zwei Jahren autark zu überleben; es musste Sauerstoff von außen eingeleitet werden und schon kurz nach dem Start verließ eine der Bewohnerinnen die Station kurz wegen einer medizinischen Behandlung; es kam zu massiven Spannungen zwischen den acht Männern und Frauen in der Biosphäre und man ist sich nicht einig, wie brauchbar die Erkenntnisse aus dem Experiment sind.

Terranauts hc c

T.C. Boyle hat sich die reale Biosphäre 2 als Vorbild genommen; erzählt aber seine ganz eigene fiktive Geschichte des echten Vorbilds. Es ist eines dieser Bücher, das man aufschlägt und nicht mehr aus der Hand legt. Boyle schafft es wunderbar, die vielen Hoffnungen darzustellen, die die Menschen damals mit diesem Projekt verbunden haben. Er beschreibt aber auch schonungslos das Scheitern. Die Terranauten sind alle Idealisten die von Umweltschutz, Ökologie und hehren Zielen reden – und gleichzeitig alle so stark von ihren Trieben geprägt, dass dieser Idealismus stellenweise lächerlich wirken muss. Ständig geht es darum, wer mit wem ins Bett geht, ins Bett gehen will oder ins Bett gehen wollen würde. Wer wen betrogen hat, wer mit wem geflirtet hat, und so weiter. Da ist es dann kein Wunder, wenn der ökologische Idealismus an dieser Menschlichkeit nur scheitern kann.

Ich kann “The Terranauts” allen empfehlen, die ein wenig über dieses interessante Experiment aus den 1990er Jahren erfahren möchten. Aber auch allen, die einfach nur einen sehr guten, sehr spannenden und sehr intensiven Roman lesen möchten.

Donald Trump gegen den Rest der Welt

Man könnte meinen, jeder hat das Buch “Fire and Fury” (auf deutsch: “Feuer und Zorn” von Michael Wolff gelesen. Zumindest war es das Buch, das im Januar wie kein anderes in den Medien besprochen wurde. Der “Insider”-Bericht aus dem weißen Haus versprach schockierende Details, erschreckende Erkenntnisse und eine absolut schonungslose Darstellung der unverantwortlichen Weise in der Donald Trump sein Präsidentenamt ausübt. Genau das findet man alles auch in dem Buch. Egal wie schlimm man sich die Vorgänge im weißen Haus vorgestellt hat – die Berichte von Wolff sind noch viel schlimmer. Das Problem an der Sache: Es gibt keinerlei Möglichkeit das objektiv zu prüfen, was Wolff als die von ihm erlebten Tatsachen beschreibt. Er schreibt davon, was Trump, seine Mitarbeiter, seine Familie und sein Umfeld sagen (teilweise als wortwörtliche Zitate), er beschreibt was sie denken und was sie motiviert. Und erklärt, dass er all das durch seine unbeaufsichtigte, fast ständige Anwesenheit im weißen Haus genau so erlebt hat. Aber das muss man halt glauben…

firefury

Ok, es fällt nicht schwer, all das zu glauben, was Wolff beschreibt. Aber trotzdem wäre es schön, nicht glauben zu müssen. Der Inhalt ist im wesentlichen das, was man eh schon aus dem Medien kennt; nur eben noch ein klein wenig schrecklicher. Ich fand es vor allem interessant, dass Trump & Co offensichtlich selbst nicht nur nicht mit dem Gewinn der Wahl gerechnet haben, sondern die Wahl von Anfang an nicht gewinnen wollten. Und entsprechend schockiert waren, als sie nun tatsächlich die höchsten Positionen des Landes inne hatten, ohne zu wissen, was zu tun ist. Ebenso neu für mich waren die politischen Ambitionen von Trumps Tochter Ivanka und ihrem Mann Jared Kushner, die hinter den Kulissen deutlich mehr Macht ausüben, als es den Anschein hat.

Aber wie gesagt: Man kann das glauben, was im Buch steht, oder halt nicht. Objektive Urteilsmöglichkeiten gibt es nicht. Was den Inhalt angeht, sollt man wirklich viel Ahnung vom politischen System der USA und seinen Protagonisten haben. Sonst ist man – so wie ich – sehr schnell sehr verwirrt und erschlagen, von den ganzen Anspielungen und Namen. Hinzu kommt, dass der Stil wirklich grauenhaft ist. Wolffs Sätze kommen nicht ohne Unmengen von Adjektiven aus; es gibt nichts, was nicht ausführlich und redundant beschrieben und charakterisiert wird. Und ständig gibt es Vergleiche, die eher so klingen, als wollte Wolff zeigen, wie klug er ist, anstatt wirklich ein besseres Verständnis zu liefern. Ein Beispiel: “Trump without Bannon, according to Bannon, was Wendell Willkie”. Jetzt muss man entweder – wirklich gut – wissen, wer Wendell Willkie ist (ein republikanischer Präsidentschaftskandidate aus den 1940er Jahren), wenn man eine Chance haben will zu verstehen, was Wolff hier erklären will. Oder man bleibt – so wie ich – ein wenig verwirrt zurück. Und leider baut Wolff solche Vergleiche auf jeder Seite ein. Es ist also ein mühsames Buch und man muss es meiner Meinung nicht unbedingt gelesen haben. Das, was relevant darin ist, haben die Medien sowieso schon erzählt…

Was ich sonst noch gelesen habe

  • “Time for Change: Wie ich meiner Tochter die Wirtschaft erkläre” von Yanis Varoufakis. Dieses Buch sollte man auf jeden Fall lesen! Ich bin ja eigentlich absolut kein Fan von Ökonomie; das Thema ist aus meiner Sicht so langweilig, wie ein Thema nur sein kann. Aber es ist natürlich auch wichtig und Varoufakis schafft es, so ein Thema so zu erklären, dass es auch jemand wie ich richtig interessant findet! In sehr klaren, verständlichen und deutlichen Worten zeigt er, wie unser Wirtschaftssystem funktioniert und warum es immer öfter nicht funktioniert. Viele Dinge, die einem vielleicht nur vage bewusst sind – der Unterschied zwischen “Tauschwert” und “Lebenswert” oder die Tatsache, das wir unser Wirtschaftswachstum quasi mit Geld aus der Zukunft finanzieren – werden hier zurück ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Mir ist schon klar, dass Varoufakis seine Ansicht der Ökonomie auch mit einer bestimmten politischen Weltsicht verbindet, die von anderen nicht geteilt wird. Ich jedenfalls stimme im größtenteils zu und bin der Auffassung, dass das, was er in seinem Buch beschreibt, zumindest etwas ist, über das man nachgedacht haben sollte – egal welche Weltsicht man vertritt.
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  • “Tyll” von Daniel Kehlmann. Noch ein Buch, über das man kaum etwas schreiben muss, weil es so gut wie alle Medien schon getan haben. Wer historische Romane mag, wird das neue Buch von Kehlmann mögen. Wer “Die Vermessung der Welt” mochte, wird “Tyll” ebenso mögen. Ich mochte es vor allem deswegen, weil es enorm eindrucksvoll zeigt, wie absolut verheerend und unmenschlich die Katastrophe des 30jährigen Krieges war. Der ist zwar schon lange her – aber vergessen sollte man das trotzdem nicht. Und der von Kelhmann in die Zeit dieses Krieges versetzte Till Eulenspiegel tut sein bestes, seine Zeitgenossen und die moderne Leserschaft daran zu erinnern.
  • “Der Club” von Takis Würger. Ein weiteres Buch, das ich empfehlen kann. Ein deutscher Student kommt an eine britische Uni und soll dort Mitglied einer der elitären Clubs werden. Um herauszufinden, was dort für ekelhafte und verbrecherische Dinge stattfinden. Was der Student auch tut… und wenn man weiß, dass die Handlung des Buches durchaus auch an der Realität orientiert ist, wird das alles gleich noch ein klein wenig intensiver und abstoßender…
  • “Heimatkunde: Zu Fuss und allein durch die deutsche Provinz” von Tobias Zick. Ich wandere gerne und ich hab ein Faible für die deutsche Provinenz. Wenn Tobias Zick also ein Buch schreibt, in dem er von seiner Wanderung durch die deutsche Provinz (von Hamburg zu Fuß bis knapp hinter Frankfurt) berichtet, dann ist das ein Buch, das mir nur gefallen kann. Was es auch getan hat!

Auf meiner Leseliste für Februar hab ich schon ein paar sehr vielversprechende Bücher. Ich bin mir sicher, dass im Laufe des kommenden Monats noch ein paar Zufallsfunde dazu kommen werden. Und hoffentlich auch die eine oder andere Empfehlung aus der Blogleserschaft!Die Links zu den Bücher sind Amazon-Affiliate-Links. Beim Anklicken werden keine persönlichen Daten übertragen.

Kommentare (13)

  1. #1 Andreas
    29. Januar 2018

    Nervig war der Stil des Buches ganz ganz sicher nicht, aber vielleicht nervend ?
    Die Sache mit dem Wert und dem Gebrauchswert ist seit etwa 170 Jahre bekannt, Varouvakis hat da ein bißchen bei Karl Marx abgeschrieben.. Wenn er es öfter getan haben sollte, erfährt man in seinem Buch so ziemlich alles über das ökonomische System, mit dem der menschliche Affe versucht, sich selbst umzubringen.

  2. #2 Michael
    29. Januar 2018

    Laut Duden:

    nervig
    2.(umgangssprachlich) störend, lästig, unangenehm.

    Können, denke ich, Schreibstile durchaus sein.
    Und Kommentatoren wohl auch.

  3. #3 Yeti
    29. Januar 2018

    Leicht Off-Topic:

    Herzlichen Glückwunsch zum “Wissenschaftsbuch des Jahres”!

  4. #4 Anderas
    29. Januar 2018

    Keine gute Space Opera dieses Mal? Schade!

    Ich habe gerade die “Transformation” Trilogie von Neil Asher gelesen. Die hatte echt Suchtpotential!

  5. #5 Jolly
    29. Januar 2018

    @Yeti

    Leicht Off-Topic – und deplaziert?

    Glückwunsch an … Florian Aigner; Na klar!?

  6. #6 PDP10
    29. Januar 2018

    @Jolly:

    Ja wenn die aber auch alle Florian heißen! Meine Güte!

  7. #7 Jolly
    29. Januar 2018

    @ PDP10

    Oder einfach nur ein Glückwunsch, der eine zeitlang im Spamfilter hing: Vielen Dank.

  8. #8 Stefan
    30. Januar 2018

    Bitte bitte lies und empfehle auch etwas anderes aus der ökonomie. Varouvakis ist beides: einseitiger und inkorrekter als nahezu alles was sonst zu finden ist.

  9. #9 Florian Freistetter
    31. Januar 2018

    @Stefan: Weil Varoufakis links ist? Oder gibts auch nachvollziehbare Kritik?

  10. #10 Peer
    31. Januar 2018

    In Punkto Ökonomie kann ich Tim Harford empfehlen, sowohl sein Buch über Mikro (The undercover economist) als auch über Makroökonomie (the undercover econimst strikes back) fande ich extrem interessant und gut lesbar.
    Ansonsten habe i h Rose George für mich entdeckt: Wer Mary Roach’ Bücher mag, wird auch die von George mögen!

  11. #11 PDP10
    31. Januar 2018

    @Florian:

    @Stefan: Weil Varoufakis links ist? Oder gibts auch nachvollziehbare Kritik?

    Nein. Ja.

    In dem Buch wird einfach vieles fachlich falsch dargestellt.
    Hier eine Kritik von damals vom linken Leitmedium (um Tendenzverdacht vorzubeugen):

    http://www.taz.de/!5216561/

    (Disclaimer: Ich habe das Buch nicht gelesen, weil das meiste was ich damals über das Buch gelesen habe so klang wie oben und ich dafür dann doch kein Geld ausgeben wollte … )

    Das Buch, dass im letzten Absatz erwähnt wird ist wohl “Die ganze Geschichte” und ist wohl im Gegensatz zum besprochen Buch durchaus eine Empfehlung:

    http://www.zeit.de/2018/01/yanis-varoufakis-euro-krise-die-ganze-geschichte-buch/komplettansicht

    Wenn dich Wirtschaftsgeschichte vielleicht doch interessieren sollte, sind möglicherweise die Bücher von Niall Ferguson was. Insbesondere “Der Aufstieg des Geldes”. Auch das Buch ist nicht immer positiv rezensiert worden aber im Gegensatz zu Varoufakis ist Ferguson Historiker, also ein Faktenhuber. Solche Schoten, wie den Aufstieg des Zinsgeldes anhand der Medici nicht zu erzählen unterlaufen dem halt nicht …

    Wenn es um die Frage geht, warum es vielen Menschen auf der Welt schlechter geht als nötig wäre vielleicht auch das Buch “Warum Nationen scheitern” (Orig. Why Nations Fail) von Daron Acemoglu interessant.

  12. #12 Florian Freistetter
    1. Februar 2018

    @peer: Harford kenn ich vom “More or less”-Podcast der BBC. Der ist auch sehr empfehlenswert.

  13. #13 peer
    1. Februar 2018

    Danke für den Tipp!