Der Artikel ist Teil einer Serie zum Buch ”Die Himmelsscheibe von Nebra – Der Schlüssel zu einer untergegangenen Kultur im Herzen Europas”* von Harald Meller und Kai Michel. Die restlichen Artikel der Serie findet man hier.
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Die Himmelsscheibe von Nebra ist ein beeindruckendes Objekt. Die Geschichte ihres Fundes war ebenso kurios wie spannend. Ihre Echtheit musste extra von der Justiz geprüft werden. Sie wurde mit Materialien gebaut, die aus Regionen stammen die weit entfernt vom Fundort in Mitteldeutschland gewonnen wurden. Und sie verschlüsselt erstaunlich komplexes astronomisches Wissen. Wissen, das wir anderswo in der Geschichte erst 1000 Jahre später finden. Welche Gesellschaft also war in der Lage, so komplexes astronomisches Wissen nicht nur zu finden, sondern auch in Form der Himmelsscheibe weiter zu geben? Wer hat da vor 4000 Jahren in Mitteldeutschland gelebt, der dazu in der Lage war?

In der klassischen Vorstellung der prähistorischen Bronzezeit in Deutschland war hier nicht viel los. Es gab bäuerliche Gesellschaften; ohne Schrift, ohne komplexe Strukturen und ohne große Kultur. Nicht zu vergleichen mit den Hochkulturen in Vorderasien; mit Mesopotamien, Babylonien, etc.

In Deutschland gab es früher nur Barbaren! (Bild: gemeinfrei)

Wenn aber die “Barbaren” in Deutschland nicht in der Lage waren, so etwas wie die Himmelsscheibe zu konstruieren, dann muss sie anderswo her kommen. Das aber erscheint nach all dem was wir über sie wissen sehr unwahrscheinlich zu sein. Sie wurde mit Materialien konstruiert, die aus der Gegend stammen (obwohl andere, wie das Gold, auch von weiter her gehandelt wurden). Und vor allem ist ihre astronomische Ausrichtung und Information eindeutig auf Mitteldeutschland bezogen. Bleibt also nur der Schluss: Die Gesellschaft die damals die Himmelsscheibe konstruiert hat, war gar nicht so primitiv wie wir es uns vorstellen…

Der Landesarchäologe Harald Meller und Kai Michel machen in ihrem Buch “Die Himmelsscheibe von Nebra” an dieser Stelle einen kleinen Ausflug in die historisch gut dokumentieren Kulturen der Akkader, Assyrer und Babylonier die in Mesopotamien vor 4 Jahrtausenden die ersten großen Reiche gebildet haben. Und warfen einen Blick auf das, was diese Kulturen zu Kalendern und vor allem zu Schaltregeln zu sagen hatten. Denn genau so eine Schaltregel scheint ja das überraschende “Geheimnis” der Himmelsscheibe zu sein.

Wer hat herausgefunden, dass man so eine Schaltregel braucht? Und wer legt fest, dass sie verwendet wird? Das sind zentrale Fragen, wenn man die Gesellschaft verstehen will, die die Himmelsscheibe geschaffen hat. In Mesopotamien hat man schon vor 3000 Jahren Kalender erstellt die auf den Mondphasen beruhen und auch festgestellt, dass man so einen Mondkalender durch Schaltmonate korrigieren muss, wenn man nicht will, dass er asynchron zum Vergehen der Jahreszeiten läuft. Wenn der aus der Beobachtung des Mondes bestimmte Anfang des Frühlingsmonats auch wirklich immer im Frühling liegen soll, muss man immer dann Schalttage einfügen, wenn sich die Zyklen von Sonnenjahr und Mondjahr zu weit voneinander entfernt haben. Genau so eine Vorschrift findet sich auf der Himmelsscheibe; genau so eine Vorschrift finden wir auch in den Keilschrifttexen aus Mesopotamien (die jünger als die Himmelsscheibe sind).

In Mesopotamien gab’s Hochkultur! (Bild: gemeinfrei)

Es gab aber in Mesopotamien lange Zeit keine fixe, regelmäßige Schaltregel. Die Schaltungen die man durchführte waren, das sagen die Aufzeichnunge, sehr unregelmäßig. Mal so, mal so – erst in der Mitte des ersten Jahrtausends vor Christus haben sich feste Schaltregeln etabliert. Warum und warum erst so spät?

Für die Organisation der Landwirtschaft braucht man nicht unbedingt eine komplizierte Schaltregel. Man braucht eigentlich gar keine Schaltregeln. Und wer ein Staatswesen zu verwalten hat, findet unregelmäßige Kalender auch nicht so toll. Deswegen gab es schon im dritten Jahrtausend vor Christus in Mesopotamien ein “Verwaltungsjahr”, das komplett unabhängig vom Mond funktionierte. Es gab 12 Monate mit je 30 Tagen und insgesamt ein Jahr mit 360 Tagen. Das war praktisch – aber wenn man die Alltagskalender in Einklang mit den Jahreszeiten halten will, kommt man eben nicht um Schaltregelungen umhin.

Und die machen alles kompliziert. Wenn schon Schalttage bzw. Schaltmonate, wie es früher üblich war, dann doch bitte nach einer fixen, regelmäßigen Gesetzmäßigkeit. Würden wir zumindest heute denken – aber damals liefen die Dinge anders. Die Herrscher hatten kein Interesse an regelmäßigen Schaltzyklen. Sie wollten die Macht über den Kalender nicht an die Astronomen abtreten. Sondern sich weiterhin das Recht vorbehalten, je nach Notwendigkeit Schaltmonate anzuordnen oder halt nicht. Denn ein zusätzlicher Monat bedeutet ja auch zusätzlich Steuereinnahmen.

Erst als die Reiche immer größer und die Verwaltung immer komplexer wurde, hatte man keine Alternative mehr zu den regelmäßigen Schaltvorschriften. Wenn es also auf der Himmelsscheibe eine klar definierte und astronomische Regel zur Einführung von Schalttagen gibt, dann muss es dazu auch einen entsprechend komplexen “Staat” gegeben haben, der so etwas zwingend nötig macht. Eine Gesellschaft, für die eine fixe und verbindliche Regel zur Einführung von Schalttagen so nützlich war, dass sie auf einem kostbaren Objekt wie der Himmelsscheibe von Nebra aufgezeichnet wurde.

Wo aber gab es im Mitteleuropa vor 4000 Jahren so eine komplexe Gesellschaft? Laut dem, was man bisher über die Geschichte wusste, gar nirgends. Nördlich der Alpen war bis zum Mittelalter nichts, was einem “Staat” oder “Imperium” ähnlich war. Es scheint da also etwas zu geben, was wir noch nicht wissen. Und wenn wir wissen wollen, was da gewesen sein könnte, müssen wir noch einen viel genaueren Blick auf die Symbolik der Himmelsscheibe werfen. Was in den nächsten Folgen dieser Serie auch passieren wird…

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Kommentare (31)

  1. #1 Leser
    7. März 2019

    Schade. Im Titel wird eine Frage gestellt. Damit wird eigentlich suggeriert, die Antwort würde in diesem Artikel gegeben. Aber diese Antwort wird nicht gegeben. Es wird nur gesagt, daß man die Antwort nicht kennt.

    Es wird erläutert, warum man Schaltregeln braucht, und wann man feste Schaltregeln eingeführt hat. Darauf hätte der Titel bezug nehmen sollen. Für mich ergibt sich noch eine ganz andere Frage : Unser wichtiges Gestirn, was Tag und Nacht und auch Jahreszeiten erzeugt ist die Sonne und nicht der Mond ! Warum macht man einen Mondkalender und keinen Sonnenkalender ? Für die Landwirtschaft zählt nur der Sonnenkalender. Den Mond da mit einzubinden ist eigentlich ein Luxus, den keiner braucht.

  2. #2 Florian Freistetter
    7. März 2019

    @Leser: “Aber diese Antwort wird nicht gegeben.”

    In dem Artikel wird aber auch – gleich zu Beginn! – gesagt, dass es sich um eine ArtikelSERIE handelt. Und am Ende des Artikels sage ich, dass man die Frage beantworten kann, dazu aber erst ein paar andere Dinge erklären muss. Das wird in den nächsten Teilen der Serie passieren.

    Du kannst aber auch gerne das Buch lesen, das Grundlage der Serie ist, wenn du es schneller wissen willst. Bzw. hier schauen: https://de.wikipedia.org/wiki/Aunjetitzer_Kultur

    ” Für die Landwirtschaft zählt nur der Sonnenkalender. “

    Ja. Aber Landwirtschaft gibts erst, seit die Menschen seßhaft wurden (hab ich in nem früheren Artikel der Serie erklärt). Davor war die Sonne in der Hinsicht nicht so wichtig. Abgesehen davon gibt es auch noch Religion und Mystik – nicht nur die Landwirtschaft. Unser Kalender basiert ja auch immer noch (zum Teil) auf dem Mond…

  3. #3 Leser
    7. März 2019

    Auch in einer Artikelserie sollte man geeignete Kapitelüberschriften wählen. Ich hasse solche Überschriften, die Blickfang sein sollen, aber dann nichts bieten. Ganz verbreitet ist z.B. Wie ……., und dann wird im Artikel nicht beschrieben, wie etwas passiert, sondern nur das etwas passiert.

    Die Menschen fingen vor rund 10 000 Jahren an Landwirtschaft zu betreiben und seßhaft zu werden. Wann das in Mitteleuropa geschah, ist mir nicht bekannt. Aber Stonehenge (begonnen vor mehr als 4000 Jahren, fast 5000 Jahren) wurde auch nicht von Nomaden errichtet, sondern von seßhaften Menschen. Und diese Menschen hatten auch schon astronomische Kenntnisse, denn Stonehenge ist zur Sonne ausgerichtet. Manche bezeichnen Stonehenge sogar als Observatorium, weil man damit Sommer- und Wintersonnenwende bestimmen konnte. Ob die Leute dort damals einen Sonnen- oder einen Mondkalender hatten weiß ich nicht. Aber in Stonehenge deutet nichts auf einen Mondkalender hin.

    Mit der Bedeutung des Mondes für Religion und Mystik hast du natürlich recht. Und insofern ist das Wissen darüber auch Herrschaftswissen.

  4. #4 Nebsler
    7. März 2019

    “Es scheint da also etwas zu geben, was wir noch nicht wissen.” … Außerirdische!!! Ist doch klar, oder?

  5. #5 Florian Freistetter
    7. März 2019

    @Leser: “Auch in einer Artikelserie sollte man geeignete Kapitelüberschriften wählen. “

    Wenn ich nicht das geschrieben habe, was du lesen wolltest, tut es mir leid. Aber ich habe eben nunmal geschrieben, was ICH schreiben wollte, weil es MEIN Blog ist.

    “Manche bezeichnen Stonehenge sogar als Observatorium, weil man damit Sommer- und Wintersonnenwende bestimmen konnte. Ob die Leute dort damals einen Sonnen- oder einen Mondkalender hatten weiß ich nicht. Aber in Stonehenge deutet nichts auf einen Mondkalender hin.”

    Ich verweise nochmal auf die Tatsache, dass es sich um eine SERIE von Artikeln handelt. Wenn du in der Lage bist, EINEN Artikel zu schreiben, der ALLES enthält was es zum Thema “Himmelsscheibe” zu sagen gibt, dann würde ich dich dringend bitten, diesen Artikel zu schreiben! Ich hab nur das geschrieben, was ich schreiben kann. U.a. etwas über Archäoastronomie: http://scienceblogs.de/astrodicticum-simplex/2019/02/27/die-himmesscheibe-von-nebra-die-gefaehrliche-verlockung-der-archaeoastronomie/

    Und noch viel mehr: http://scienceblogs.de/astrodicticum-simplex/category/himmelsscheibe/

  6. #6 Leser
    7. März 2019

    Ich weiß nicht, warum du dich bei einem Hinweis, den man dir gibt, gleich auf den Schlips getreten fühlst. Ich bin kein Schriftsteller oder Journalist, und Deutschaufsätze waren in der Schule nie meine Stärke. Ich wollte nur einen Hinweis geben. Und Yellow Press und Sensationsjournalisten gehen mir mit solchen Überschriften auf den Keks.

    Ich lese hier nicht regelmäßig. Und deshalb kannte ich den Anfang der Artikelserie aus dem Februar nicht. Aber daß es schon vor 7000 Jahren in Goseck eine astronomisch orientierte Kreisgrabenanlage gegeben hat, zeigt eindeutig, daß die Menschen schon vor 7000 Jahren in Mitteleuropa seßhaft waren. Nomaden nützt eine solche Anlage nichts. Und Sichtlinien zum Sonnenaufgang zur Sommer- und Wintersonnenwende halte ich für keinen Zufall.

    Ich werde mir wohl das Buch von Meller und Michel beschaffen. Es scheint interessant zu sein.

  7. #7 Norbert
    7. März 2019

    Und diese Menschen hatten auch schon astronomische Kenntnisse, denn Stonehenge ist zur Sonne ausgerichtet

    Das würde ich nicht überbewerten. Kirchen sind auch nach der Sonne ausgerichtet – idealerweise auf die Tag- und Nachtgleiche. Unter guten Bedingungen kann man also zweimal im Jahr vom Altarraum aus und bei geöffnetem Haupteingang die Sonne genau in der Flucht des Gebäudes untergehen sehen. Das ist aber nicht der Grund für die Ausrichtung, sondern ein Nebeneffekt.
    Das kann bei Stonehenge genauso sein. Außerdem gibt es Rekonstruktionen, wonach Stonehenge überdacht war – das könnte die Sonnenbeobachtung erschwert haben (oder erleichtert – je nachdem). Und vor allem macht das englische Wetter Sonnenbeobachtungen nicht unbedingt einfacher – vor allem, wenn man dabei auf ein festes Datum angewiesen ist 🙂

  8. #8 Florian Freistetter
    7. März 2019

    @Leser: ” Und Yellow Press und Sensationsjournalisten gehen mir mit solchen Überschriften auf den Keks.”

    Ich finde halt nur den Vorwurf überzogen. Ich schreibe eine Serie von Artikel über ein Thema. In diesem Artikel geht es um die Frage, wer die Scheibe geschaffen hat. Und ich erkläre, was man dazu berücksichtigen muss, wenn man das wissen will. Die Überschrift fasst die Frage zusammen, die Thema des Artikels ist. Wieso du das als “Sensationsjournalismus” bezeichnest, erschließt sich mir nicht.

    “Nomaden nützt eine solche Anlage nichts. “

    Schon klar. Aber dir ist ja auch klar, dass Wissen nicht einfach verschwindet, oder? Wir haben HEUTE einen Kalender, der jede Menge unnötigen Schrott aus der Vergangenheit mitschleppt. Wir könnten einen viel besseren Kalender machen, wenn wir auf all das verzichten würden, was wir im Laufe der Zeit aus religiösen, politischen und anderen Gründen eingeführt haben. Tun wir aber nicht. Genauso werden die Menschen nicht einfach den Mondkalender weggeworfen haben, nur weil sie jetzt halt seßhaft geworden sind…

    “Und Sichtlinien zum Sonnenaufgang zur Sommer- und Wintersonnenwende halte ich für keinen Zufall.”

    Auch das ist halt etwas, wo man vorsichtig sein muss. Nur weil sich das HEUTE für uns so “beeindruckend” astronomisch korrekt darstellt, muss das damals noch lange nicht so gesehen worden sein. Aber – und es tut mir leid das wiederholen zu müssen (deswegen steht es auch immer gleich zu Beginn der Artikel – das ist ein Thema, das später in der Serie noch ausführlich behandelt werden wird.

  9. #9 CM
    7. März 2019

    Hallo Florian,

    damit es auch positives Feedback gibt: Ich finde die Serie super, gut geschrieben, die Einzelkapitel wecken keine falschen Erwartungen (ein Wer? ist über 4000 Jahre keine personenbezogende Erwartungshaltung auslösend 😉 ), passen wunderbar in meinen Leserhythmus (kleiner Happen für Zwischendurch), etc.

    Egal welchen längeren Text man schreibt: Es gibt immer Raum für Missverständnisse …. manchmal helfen sie herauszufinden, was man besser machen kann. Manchmal!

    In dem Sinne: Danke!

  10. #10 RPGNo1
    7. März 2019

    @Leser
    Du betreibst Erbsenzählerei. Was soll das?

    @FF
    Ich schließe mich CM an. Bitte mach weiter so.

  11. #11 PDP10
    7. März 2019

    @RPGNo1:

    Nun, wie bereits bekannt möchte sich @Leser gerne wichtig machen. Wenn man dazu aber so gar keinen Grund hat, dann weist man halt auf die vermeintlichen Fehler von Anderen hin.

  12. #12 Dietmar Steinhaus
    8. März 2019

    @Norbert:

    Außerdem gibt es Rekonstruktionen, wonach Stonehenge überdacht war

    Das finde ich spannend! Leider habe ich nichts weiter dazu gefunden (keine Kritik!). Hast Du da Links oder Quellen?

  13. #13 Norbert
    8. März 2019

    Hier z.B.:
    http://structuralarchaeology.blogspot.com/2012/03/twelve-reasons-why-stonehenge-was.html

    Google wirft einiges aus, wenn man nach Roofed Stonehenge sucht – vieles davon leider hinter einer Paywall.

  14. #14 Captain E.
    8. März 2019

    @Florian Freistetter:

    […]

    Schon klar. Aber dir ist ja auch klar, dass Wissen nicht einfach verschwindet, oder? Wir haben HEUTE einen Kalender, der jede Menge unnötigen Schrott aus der Vergangenheit mitschleppt. Wir könnten einen viel besseren Kalender machen, wenn wir auf all das verzichten würden, was wir im Laufe der Zeit aus religiösen, politischen und anderen Gründen eingeführt haben. Tun wir aber nicht. Genauso werden die Menschen nicht einfach den Mondkalender weggeworfen haben, nur weil sie jetzt halt seßhaft geworden sind…

    […]

    Auch wenn es ein wenig vom Thema wegführt: Manche würden unseren Kalender gerne aufräumen. Basierend auf Ideen aus den 30er bis 50er Jahren propagiert ein emeritierter Juraprofessor (71) an der Ruhr-Universität Bochum einen neuen Kalender, der sicherstellen soll, dass jedes Datum immer auf genau denselben Wochentag fällt. (Ja, das geht nicht, weil 365 mod 7 = 1 und 366 mod 7 = 2. Es braucht einen Trick!) Außerdem möchte er die Quartale gleichlang machen. Folgende Änderungen möchte er umgesetzt sehen:

    Der Februar bekommt dauerhaft einen 29. Tag, der August verliert den 31. und der 31. Dezember wird speziell. Er zählt nicht zur Länge der Quartale und ist weder ein Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Samstag oder Sonntag, sondern ein zusätzlicher Wochentag, den es nur einmal im Jahr gibt. Der Professor schlägt “analog” zum Neujahrstag am 1. Januar einen “Altjahrstag” am 31. Dezember vor.

    Die Länge der Quartale betrüge somit:

    I : 31 + 29 + 31 = 91
    II : 30 + 31 + 30 = 91
    III : 31 + 30 + 30 = 91
    IV : 31 + 30 + 30 = 91

    Der Sinn des Ganzen wäre laut Meinung vom Professor, dass man bei der Planung von jährlichen Veranstaltungen sich nicht ständig Gedanken darum machen müsse, welches Datum man das nächste Mal wählen solle und auf welchen Wochentag das dann fiele. Eingeführt werden solle dieser Kalender 2023, damit der 1. Januar ein Sonntag sein könne. Schalttage sollten bis in die 40er Jahre entfallen, bis Winteranfang auf den 1. Januar zu liegen käme. Danach müsse man alle paar Jahre einen weiteren Sondertag als Schalttag einlegen, aber das hat er anscheinend noch nicht bis ins Detail ausgearbeitet.

    Meine Meinung dazu: Die Einführung dieses Kalenders wäre ungemein kostspielig, brächte aber keine wirklichen Vorteile. Als Mensch könnte man sich ja vielleicht noch daran gewöhnen, dass zum Jahreswechsel auf einen Samstag (30. Dezember) kein Sonntag (1. Januar) folgt, sondern erst ein Sondertag (“Altjahrstag”). Mir persönlich gefiele allerdings schon der Symmetriebruch nicht sehr. Der 1. Januar ist Neujahrstag und Sonntag, der 31. Dezember ist “Altjahrstag” und sonst gar kein Wochentag – nicht mein Geschmack. Neujahr wäre kein Feiertag mehr, dafür lägen aber alle bundesweiten Feiertage auf einem Werktag. Wer auf einem Sonntag Geburtstag hätte, hätte es danach immer, aber entsprechend gälte das eben für alle anderen Tage, und man könne sich nicht darauf freuen, irgendwann an einem Samstag oder Sonntag Geburtstag zu haben. (Ich hätte dann immer Dienstags Geburtstag.)

    Aber wie gesagt, als Mensch könnte man sich daran mit Sicherheit gewöhnen. Das Umprogrammieren aller Datumsfunktionen in allen Computersystemen dieser Welt wäre aber dermaßen unglaublich teuer, dass dieser Kalender natürlich eine Totgeburt ist, zumal man ja auch noch einen (weiteren) Stichtag einbauen müsste für die Verarbeitung vergangener Daten.

    Ansonsten ist es aber schon faszinierend, auf welch durchgeknallte Ideen (zu) alte Professoren kommen, die Emeritierung als Befreiung (von der Lehrtätigkeit) und nicht einfach als Rente begreifen.

  15. #15 ralph
    8. März 2019

    @Captain E.
    Ich finde diese Gedankenspiele sehr interessant und anregend. Man sieht wie schwierig es ist, ein etabliertes, standardisiertes System zu ändern, selbst wenn es offensichtlich fehlerbehaftet oder ineffizient ist. In deinem Beispiel zählst du sowohl praktische, als auch psychologische Hindernisse auf. Kein Wunder, dass sich die nicht metrischen Systeme im angloamerikanischen Raum so gut halten.
    Bei einer reinen Kostenbetrachtung müsste man eine Umstellung aber als langfristige Investition sehen, die sich aus der Sicht nachfolgender Generationen wohl rechnet. Und damit sind wir bei ganz aktuellen Themen…

  16. #16 ralph
    8. März 2019

    Faszinierend, dass ein einziger Fund einen ganzen Paradigmenwechsel auslösen könnte. Bin sehr gespannt wie es weitergeht!

  17. #17 Leser
    8. März 2019

    Herrschaftliches Wissen kann einfach so verschwinden, wenn es nicht an die Nachfolger weitergegeben wird. Noch dazu in einer Welt ohne Schrift. Dafür gibt es genug Belege. Allgemeinwissen geht nur verloren, wenn ein ganzes Volk ausstirbt. Schaut mal zum Beispiel nach Amerika.

    Ich wäre bei der Kalenderreform noch viel radikaler. Der erste Monat eines Quartals hätte 31 Tage alle anderen Monate hätten 30 Tage. Neujahr wäre ein Extratag, der nicht in der Monatszählung und nicht in der Wochentagszählung mitzählt. Der Schalttag (29.2.) wäre zwischen dem 30.6. und dem 1.7. und würde auch nicht mitzählen. Und den Jahresanfang würde ich auf die Wintersonnenwende legen. Wann dann Weihnachten ist, darüber können sich dann die Theologen streiten. Ostern und Pfingsten wären aber immer noch nicht fest.

    Aber so eine Reform werden wir nie erleben. Genau so wenig wie eine metrische Zeitreform (ein Tag hat zehn Stunden je 100 Minuten je 100 Sekunden). Vor vielen Jahren hat man mal Neugrad eingeführt, da hatte der rechte Winkel 100 Grad. Hört man heute davon noch was ?

  18. #18 Captain E.
    8. März 2019

    @ralph:

    Das könnte man sicherlich als Investition in die Zukunft sehen, indes stellt sich mir die Frage:

    Was bringt es?

    Das Argument der Planungssicherheit, weil etwa der 8. März immer und in jedem Jahr auf einem Mittwoch läge, überzeugt mich nämlich überhaupt nicht. Worin soll da ein Vorteil liegen? Und die Schaltjahrsproblematik bekommt man durch so einen neuen Kalender ja auch nicht weg.

    Übrigens: Üblicherweise werden in der EDV ja Daten (Plural von Datum!) intern in Zahlen umgerechnet, beginnend mit einem festgelegten Stichtag. Durch einfache Modulo-Berechnung (mod 7) bekommt man dann den Wochentag heraus. Dieser Kalender erforderte dann Korrektursummanden für jedes Jahr von 1 und von Schaltjahren von 2. Die Sache würde direkt viel komplizierter.

  19. #19 Captain E.
    8. März 2019

    @Leser:

    Auch an die Frage: Was bringt es? Worin liegt ein Vorteil?

  20. #20 Leser
    8. März 2019

    @ Captain E.

    Vorteile der Kalenderreform : Jedes Datum hat in allen Jahren immer den selben Wochentag. Die Monate sind vergleichbar lang. Sie differieren nur um einen Tag. Keiner sitzt mehr da und zählt die Knöchel der Hand ab um zu ermitteln ob der Monat 30 oder 31 Tage hat. Januar, April, Juli und Oktober hätten 31 Tage, alle anderen Monate hätten 30 Tage.

    Ich vermute, daß das Jahr ursprünglich auch mal an der Wintersonnenwende begann. Das da heute gut 10 Tage dazwischen liegen, könnte auf die unvollkommenen Kalender der vorchristlichen Zeit schieben. Ich weiß es nicht. Für die nordischen Völker sind die Sonnenwenden auch viel wichtiger, als für die Römer, die Griechen und die Ägypter.

    Vorteile der metrischen Zeit :
    Sehr einfache Ermittlung von Zeitdauern, sehr einfache Notation möglich
    2119,03,08,50000
    wäre der 8. März 2119 Mittags
    Die metrische Sekunde wäre um 14% kürzer als die heutige Sekunde. Der Weltrekord über 100m wäre also bei etwa 12 metrischen Sekunden.

    Du siehst es gibt Vorteile. Man würde aber auch Kultur dabei aufgeben

  21. #21 ralph
    8. März 2019

    Ich dachte generell an die Schwierigkeit der Umstellung bereits etablierter Systeme.
    Im speziellen Fall eines alternativen Jahreskalenders bin ich mir auch nicht so sicher ob es wirklich was bringt, ob es sich volkwirtschaftlich und global auf Dauer rechnen würde. Falls doch, könnte man sich international garantiert nicht einigen. Ob es sich rechnen würde und wie man es weltweit sicher implementieren müsste, könnte aber Gegenstand einer Doktorarbeit sein.
    Wenn überhaupt, wäre eine Vereinfachung für Menschen sinnvoll. (nicht für Algorithmen). Dann böten sich 13 Monate mit je 28 Tagen an. Am Jahresende gäbe es dann immer einen Schalttag oder im Fall eines Schaltjahres 2 Tage.
    Wer das kleine Einmaleins kennt, weiss genau welcher Wochentag auf welches Datum fällt. Mündliche Terminabsprachen aber auch langfristige Planungen regelmässiger, jährlicher Events, Schulferien , Urlaubsplanungen usw. fallen leichter. Es gibt weniger Missverständnisse bei den Kalenderwochen, auch international. Sie würden sich sogar erübrigen. KW5 ist halt die erste Februarwoche. KW42 die zweite Novemberwoche. Das kleine Einmaleins reicht immer.
    Als netter Nebeneffekt würden sich dei Mondphasen besser mit den Monaten synchronisieren.

  22. #22 Trottelreiner
    9. März 2019

    @Leser:

    Nomaden nützt eine solche Anlage nichts.

    Mit dieser Aussage lehnst du dich aber ziemlich weit aus dem Fenster, zumal “Nomaden” ein ziemlich weiter Begriff ist der von der Lebensmittelversorgung her neben Jägern-und-Sammlern auch diverse Formen des Ackerbaus und insbesondere der Viehhaltung einschließen kann.

    Und da “Nomaden” auch nur innerhalb eines gewissen Territoriums, äh, nomadisieren (man muß z.B. Futtergründe und Wasserstellen kennen) und dieses gegen andere Nomaden oder die blöden Farmer verteidigen müssen die dann einfach Stacheldraht über die Prärie ziehen, ups, tendenziell falscher Film, macht es durchaus Sinn das lokale Heiligtum (oder Freizeit- und Begegnungszentrum) etwas auszubauen.

    Wobei die Bronzezeit eh sehr viel komplexer ist als wir denken, Kupfer und Zink kommen selten zusammen vor was weite Handelswege erfordert, wir finden Leute die im Mittelmeerraum aufgewachsen sind in England…

    P.S. Macht schon Spaß sich wieder an die Zeit zu erinnern als man Archäologe oder Historiker werden wollte. Oder Ethnologe. Details auf Anfrage.

  23. #23 Trottelreiner
    9. März 2019

    @Leser, sorry wenn du mein Besserwisserei gerade abkriegst, bitte nimm es nicht persönlich… 😉

    Allgemeinwissen geht nur verloren, wenn ein ganzes Volk ausstirbt. Schaut mal zum Beispiel nach Amerika.

    Das wäre wieder ein Aussage mit der ich masssive Probleme haben. Faustkeile herstellen war auch einmal Allgemeinwissen, allerdings dürftest du schon in der Bronzezeit Probleme gehabt haben Leute zu finden die das noch konnten. Leute im Reenactment und andere LARPer zu kennen ist da sehr erhellend…

  24. #24 Trottelreiner
    9. März 2019

    @Ralph:
    Ehrlich gesagt frage ich mich ja warum Systeme die z.B. einen Mond- und eine Sonnenkalender nebeneinanderlaufen lassen nicht häufiger sind. Das nächstliegende Beispiel was mir einfiele wäre der Maya-Kalender mit seiner Kombination aus dem Haab-Sonnenkalender und dem Tzolkin-Kalender, wobei der Tzolkin-Kalender allerdings kein Mondkalender ist.

    Den Mondkalender würde dann eine bestimmte Anzahl von Mondzyklen umfassen, die 12 ist da ehrlich gesagt schon eine gute Wahl da du sie durch 2, 3, 4 und 6 teilen kannst.

    Das Sonnenjahr könnest du dann in 73 “Wochen” mit 5 Tagen einteilen.

    Da die Dauer des Mondumlaufes variabel ist wäre dann auch die Dauer der Monate variabel.

    Und alle 4 Jahre fügen wir beim Sonnenjahr einen Namenlosen Tag ein, und wer an dem geboren wird ist verflucht und wird am besten gleich der Großen Dauerbekifften Göttin geweiht. Wie diese “Weihe” dann aussieht überlassen wir dem Rollenspielmeister.

    Ächz, meine Assoziationen, und dabei habe ich DSA genau einmal mit 14 bis 16 gespielt…

  25. #25 Norbert
    9. März 2019

    Faustkeile herstellen war auch einmal Allgemeinwissen, allerdings dürftest du schon in der Bronzezeit Probleme gehabt haben Leute zu finden die das noch konnten.

    Steinwerkzeuge waren bis in die späte Bronzezeit noch weit verbreitet. Das hatte sowohl mit dem Wert der Metalle als auch den verwendeten Legierungen zu tun – die waren für vieles zu weich (Schwerter z.B. dürften keine komplette Schlacht durchgehalten haben). Faustkeile gab es zwar nicht mehr, aber wer Äxte und Pfeilspitzen aus Stein herstellen konnte, hätte sicher auch einen Faustkeil kopieren können, wenn man ihm einen gezeigt hätte.

  26. #26 Dietmar Steinhaus
    9. März 2019

    @Norbert: Herzlichen Dank, super!

  27. #27 Dietmar Steinhaus
    9. März 2019

    @Norbert: Finde ich sehr überzeugend.

  28. #28 Trottelreiner
    9. März 2019

    @Norbert:
    ACK, aber ob die dann dieselbe Qualität der Faustkeile eines erfahrenen Steinezukloppers aus der Altsteinzeit hätten? Mit etwas Übung würden sie dann zwar besser werden, aber einiges Wissen, z.B. über spezielle Fundorte mit speziellen Mineralien würde eventuell erst nach ein paar Jahrhunderten wieder- bzw. neuentdeckt werden.

    Siehe z.B. auch
    https://de.wikipedia.org/wiki/Institutionelles_Ged%C3%A4chtnis

    Kann auch daran liegen das ich dann im Endergebnis in der Biologie gelandet bin, da wunderst du dich nicht mehr das Kinder mehr fossile Reptilien als Pflanzenarten kennen. 😉

    Persönlich denke ich ja immer daß das gesamte Wissen der Menscheit ja in den letzten Jahrhunderten massiv angestiegen ist, das Wissen das der einzelne Mensch mit sich herumträgt aber nichtunbedingt, bzw. das die Verteilung bei Letzterem relativ gleich geblieben ist, es gibt einige die sehr viel wissen, ansonsten darf ich gerade “digital natives” erklären was ein Ping ist und das der nicht mit Geräteklang zu tun hat.

  29. #29 Norbert
    9. März 2019

    aber ob die dann dieselbe Qualität der Faustkeile eines erfahrenen Steinezukloppers aus der Altsteinzeit hätten?

    Versuch heutzutage mal, Dein Kettenhemd flicken zu lassen. Das dürfte ein ähnliches Unterfangen sein. Die benötigten Techniken und Kenntnisse sind sicher alle noch vorhanden, aber Du wirst kaum jemanden finden, der das zufriedenstellend hinbekommt (zumindest außerhalb einiger wenigen speziellen Interessengruppen).

  30. #30 Trottelreiner
    9. März 2019

    @Norbert:

    Versuch heutzutage mal, Dein Kettenhemd flicken zu lassen.

    Ich sehe, wir verstehen uns. 😉
    Wobei ich eben bei “die benötigten Techniken und Kenntnisse sind sicher alle noch vorhanden” etwas skeptisch bin. Einerseits gibt es eben oft Feinheiten bei den Verfahren die nicht dokumentiert sind. Andererseits kann auch der Rohstoff eine Rolle spielen beziehungsweise die Verunreinigungen.

    Bitte verstehe mich nebenbei jetzt nicht so das ich hier vor der Weisheit und dem Wissen der Alten(tm) in Ehrfurcht erstarre, oft genug schlägt man sich vor den Kopf wie dämlich die waren, google mal nach “tetanus St.Kilda”.

  31. #31 Captain E.
    11. März 2019

    @Leser:

    Vorteile der Kalenderreform : Jedes Datum hat in allen Jahren immer den selben Wochentag. Die Monate sind vergleichbar lang. Sie differieren nur um einen Tag. Keiner sitzt mehr da und zählt die Knöchel der Hand ab um zu ermitteln ob der Monat 30 oder 31 Tage hat. Januar, April, Juli und Oktober hätten 31 Tage, alle anderen Monate hätten 30 Tage.

    Ich vermute, daß das Jahr ursprünglich auch mal an der Wintersonnenwende begann. Das da heute gut 10 Tage dazwischen liegen, könnte auf die unvollkommenen Kalender der vorchristlichen Zeit schieben. Ich weiß es nicht. Für die nordischen Völker sind die Sonnenwenden auch viel wichtiger, als für die Römer, die Griechen und die Ägypter.

    Vorteile der metrischen Zeit :
    Sehr einfache Ermittlung von Zeitdauern, sehr einfache Notation möglich
    2119,03,08,50000
    wäre der 8. März 2119 Mittags
    Die metrische Sekunde wäre um 14% kürzer als die heutige Sekunde. Der Weltrekord über 100m wäre also bei etwa 12 metrischen Sekunden.

    Du siehst es gibt Vorteile. Man würde aber auch Kultur dabei aufgeben

    Ehrlich gesagt, nein. Ich sehe da keinerlei Vorteile. Welche sollten das denn sein? Tja, und diese nicht vorhandenen Vorteile bezahlt man dann mit ungeheuer großen Kosten für die Umstellung. Damit ist wohl alles gesagt, oder?