Das Wort “Corona” können die meisten vermutlich gar nicht mehr hören. Angesichts der sich immer weiter ausbreitenden COVID-19-Pandemie ist es aber auch verständlich, dass die Nachrichten- und anderen Medien voll damit sind. Ich als Astronom hab ja einen etwas anderen Zugang zu diesem Wort und weil der tatsächlich ein klein wenig mit den aktuellen Ereignissen zu tun hat, möchte ich das auch mit euch teilen. Unter anderem auch, damit man mal ein anderes Thema als die alles beherrschende Pandemie besprechen kann.

Ich vermute mal, dass das Wort “Corona” bis vor wenigen Wochen kaum im aktiven Wortschaft der meisten Menschen vertreten war. Man hat es vielleicht das eine oder andere Mal benutzt um sich ein mexikanisches Bier zu bestellen, aber mehr auch nicht. Es sei denn, man hat sich intensiv mit Astronomie beschäftigt! Dort trifft man die Corona nämlich sehr häufig. Beziehungsweise die “Korona”, wie der deutsche Begriff für das lautet, worum es geht: Nämlich die äußerste Schicht der Sonnenatmosphäre!

Die Korona der Sonne (Bild: NASA)

Das was wir sehen, wenn wir die Sonne sehen (und damit meine ich “auf Fotos sehen”, “durch entsprechende Filter sehen” oder “in der Abend- oder Morgendämmerung über dem Horizont aufgehen sehen”, denn wenn man die Sonne einfach so anschaut sieht man höchstens kurz etwas und dann sehr lange Zeit gar nichts mehr), ist die “Photosphäre”. Man kann das als die “Oberfläche” der Sonne bezeichnen, also dort wo die dichten Gasmassen aus denen unser Stern besteht aufhören. Das ist die Schicht der Sonne, aus der das Licht stammt das wir am Ende hier auf der Erde sehen können (auch wenn es natürlich sehr viel tiefer in ihrem Inneren durch Kernfusion erzeugt wird). Dort hört die Sonne aber nicht auf, was wir aber ohne Hilfsmittel nicht sehen können. Ein solches Hilfsmittel das uns zeigt was da noch zu sehen wäre, ist der Mond. Wenn der sich bei einer Sonnenfinsternis vor unseren Stern schiebt, schirmt er das ganze helle Licht ab und übrig bleibt nur der schwache Schein der Korona! Er entsteht durch Licht, dass an Elektronen gestreut wird die sich in dieser Schicht befinden. Denn die Korona ist ein mehr oder weniger komplett ionisiertes Plasma, also ein Gas das so heiß ist, dass die Elektronen der Atomhüllen sich nicht mehr an den Atomkernen halten können und ihre eigenen Wege gehen. Und das Gas der Korona ist wirklich heiß; die Temperatur liegt bei ein paar Millionen Grad!

Was seltsam klingt, denn die Photosphäre ist nur knapp 6000 Grad heiß. Wieso sehen wir die so viel heißere Korona dann nicht viel heller leuchten? Weil das Gas dort auch sehr viel weniger dicht ist. Die Teilchen sind zwar sehr heiß, was nichts anderes heißt als das sehr viel Energie in ihnen steckt. Aber weil es verglichen mit dem Rest der Sonne halt sehr wenige Teilchen sind, reicht es nicht um so hell zu leuchten das wir davon ohne Hilfsmittel etwas mitkriegen können. Bei extremen Temperaturen im All muss man immer ein wenig aufpassen und darf das nicht mit dem vergleichen was wir aus dem Alltag kennen, wie ich hier genauer erklärt habe.

Die Korona ist also da und wenn wir die Gelegenheit haben sie zu beobachten, dann sieht sie wirklich schön aus. Sie umgibt die Sonne wie ein Strahlenkranz, sie hat faserartige Auswüchse und Spitzen und schimmert auf sehr ästhetische Art und Weise. Außerdem ist sie in ständiger Veränderung begriffen; ihre Ausdehnung wird durch die magnetischen Vorgänge im Sonneninneren bestimmt und je nachdem wann man sie beobachtet kann sie völlig anders aussehen.

Und ihr Aussehen ist auch die Verbindung zu den Coronaviren. Das, was jetzt gerade die Welt in Atem hält ist “SARS-CoV-2” und nicht DAS Coronavirus sondern nur EIN Coronavirus. Die Coronaviren sind eine ganze Familie an Viren mit jeder Menge Mitgliedern die jede Menge Lebewesen und nicht nur den Menschen befallen können. Als diese Familie von Viren im Jahr 1968 offiziell von Virologen beschrieben wurde (“Virology: Coronaviruses”, 1968, Nature 220, 650), hat man auch einen Namen dafür gesucht. Und (wie unter anderem auch Blog-Kollege Marcus Anhäuser recherchiert hat), man hat sich dabei vom Aussehen der Korona inspirieren lassen. Denn Coronaviren sind 120 bis 160 Nanometer große, annähernd kugelförmige Strukturen die von kleinen, strahlenartigen “Spitzen” besetzt sind. Was dann auch zu ihrem Namen geführt hat, wie man im Artikel aus dem Jahr 1968 lesen kann:

“This appearance, recalling the solar corona, is shared by mouse hepatitis virus and several viruses recently recovered from man, namely strain B814, 229E and several others. […] In the opinion of the eight virologists these viruses are members of a previously unrecognized group which they suggest should be called the coronaviruses, to recall the characteristic appearance by which these viruses are identified in the electron microscope.”

Weil die Viren also unter dem Elektronenmikroskop ein wenig so aussehen wie die Korona der Sonne wurden sie “Coronaviren” genannt.

Darstellung des SARS-CoV-2 Virus – aka “DAS Coronavirus” (Bild: CDC/ Alissa Eckert, MS; Dan Higgins, MAMS, gemeinfrei)

Offene Fragen bleiben aber sowohl beim Virus als auch der Sonne. Ob etwa der kommende Sommer die Ausbreitung des Virus einschränken wird, ist immer noch unklar. Aber zumindest das werden wir in ein paar Wochen direkt beobachten können. Was die offenen Fragen bei der solaren Korona angeht, müssen wir vielleicht etwas länger warten. Denn hier wissen wir immer noch nicht, warum die Korona so enorm heiß ist. Irgendwie muss die Energie von der Sonne in diese äußerste Atmosphärenschicht gelangen. Aber wie genau das passiert ist ungeklärt. Vielleicht sind es magnetische “Kurzschlüsse” die die Korona explosiv aufheizen. Oder “Schallwellen” die aus dem Inneren der Sonne die Energie quasi in die Korona “hineinschreien” (Ok, das war jetzt etwas arg vereinfacht, aber die Details sind wirklich komplex).

Es bleibt also noch genug zu Erforschen. Was zum Glück ja auch getan wird. Die Welt steht nicht still, auch wenn es gerade manchmal so wirkt. Erst im Februar 2020 hat die Europäische Weltraumagentur den Solar Orbiter ins All geschickt der in den nächsten Jahren und Jahrzehnten der Sonne so nahe kommen wird wie keine andere Raumsonde zuvor und dabei vielleicht auch das Rätsel der Korona lösen wird! Und hoffentlich lernen wir das Wort “Corona” bis dahin wieder zu schätzen und haben keine Angst mehr davor…

Kommentare (4)

  1. #1 Harald Milz
    23. März 2020

    Hmmm, warum die Korona so heiß ist, ist echt eine gute Frage. Ich bin nun weder Astronom noch Astrophysiker, aber Elektroingenieur, und wenn ich höre komplett ionisiertes Plasma und sich schnell wechselnde Magnetfelder, dann fällt mir spontan der gute Herr Maxwell ein, der dereinst schrub “rot E = – dB / dt” (man sehe mir die fehlende Vektornotation nach). Sprich, da werden große Ströme induziert – also dasselbe, was man beim Tokamak machen will, um das Plasma zu heizen.

    Andererseits ist dieser Vorschlag so simpel, dass andere auch schon daran gedacht haben werden.

  2. #2 Aginor
    23. März 2020

    Danke für den Artikel!
    Ich hatte auch ein paar Wochen lang versucht, den Begriff Covid-19 für die Krankheit einzubürgern, aber es spricht und singt sich einfach nicht so gut.

    Corona gibt es SO oft und ich finde es doof dass es jetzt irgendwie für dieses eine Virus reserviert ist.
    Ob es jetzt die anderen Coronaviren sind (also die ganzen anderen dieser Famile wie von Dir erwähnt), die Korona der Sonne in Deinem Artikel, das Sternbild Corona Borealis, das Sternbild Corona Australis, Die Arteria Corona Sinistra und ihre Schwester auf der anderen Seite, das Bier, und dutzende andere Begriffe, alles geht hinter dieser einen, derzeit eben sehr gängigen Bedeutung unter.

    Also für alle nochmal: Corona heißt einfach nur Krone oder Kranz auf Latein, man muss nicht Panik bekommen nur weil man irgendwo das Wort sieht!
    😉

    Gruß
    Aginor

  3. #3 Harald Milz
    23. März 2020

    @Aginor an sich hieß corona nur “Kranz”, weil die Caesaren im alten Rom keine Kronen hatten, sondern Siegerkränze. Das deutsche Wort Krone ist ein daraus abgeleitetes Lehnwort für einen Siegerkranz aus Metall. Oder so.

  4. #4 rolak
    23. März 2020

    aus Metall. Oder so.

    Wußte ichs doch: Pappe und Glanzpapier gehn auch.
    Das C-Wort bedeutete allerdings schon im echtLateinischen deutlich mehr, und von Lorbeer(kranz) zu Dornenkrone wurde es umfassend genutzt. Ganz zu schweigen vom späteren Kirchen- bis Küchenlatein. Und musikalischen Italiänern.