Auf meiner Fahrt ans Denkfest in Zürich habe ich im The Economist einen Artikel zu einer Software gelesen, die angeblich mit Spieltheorie politische Ereignisse voraussagt. Bruce Bueno de Mesquita, Professor in Politischer Ökonomie an der New York University ist anscheinend die neue Version von Nostradamus. Nach zwei Tagen Vorträge zu skeptischem Denken komme ich nicht umhin, ein paar Gedanken dazu aufzuschreiben.

Der Artikel in The Economist ist voll des Lobes für Bueno de Mesquita und seine Voraussagen (Modelling behaviour: Game Theory in Practice). Zu den angeblichen Voraussagen von de Mesquita gehört die Weissagung, dass der ägyptische Präsident innerhalb eines Jahres zurücktreten würde (angeblich 2010 gemacht). Genauso habe er den Abgang von Musharraf 2008 vorausgesagt, ebenso wie den Nachfolger von Khomeini nach dessen Tod. Er hätte noch “hunderte” von korrekten Aussagen als Berater von verschiedenen Regierungen und Geheimdiensten gemacht.

Alleine die Aussage, dass de Mesquita 2010 den Rücktritt von Mubarak vorausgesagt haben könnte, hat meine Stirn in skeptische Runzeln gelegt. Eine solche Voraussage deckt sich nicht mit meinen Erfahrungen betreffend der Analyse solcher Fragen. Spieltheorie ist ein nützliches Analyse-Instrument um komplexe Vorgänge zu abstrahieren und auf simple strategische Interaktionen zu reduzieren. Sie kann so schon zu einem besseren Verständnis von politischen Entscheiden führen. Das ist aber etwas anderes als “zu konkreten Voraussagen führen.”

Die erste Frage die ich mir gestellt habe ist, wie viele Falschvoraussagen auf diese vermeintlichen Treffer kommen. Um 2010 eine Voraussage zu Mubarak zu machen muss man zuerst einmal überhaupt die Frage danach spezifisch stellen. Wurde dies nur zu Mubarak getan, wäre das schon ein gewaltiger Glückstreffer gewesen (und schon deshalb verdächtig). Wahrscheinlicher ist, dass man mehrere Staatschefs durch die Sofware gejagt hat. Da man vom Glück weiss, das manchmal auch blinde Hühner haben, müsste man wissen, wie viele falsche Resultate auf diese angeblich korrekten kommt. Diese Nicht-Erwähnung ist seltsam und macht die Information zu den Treffern praktisch nutzlos.

Wer sich versucht sozialwissenschaftlich mit Politik und sozialen Dynamiken auseinandersetzt lernt schnell wie komplex diese Systeme sind. Es gibt eine enorme Zahl von Faktoren die mit reinspielen. Viele sind unbekannt oder schwer zu fassen. Von der Frage welche Akteure relevant sind bis zu was deren Präferenzen sind, ist alles andere als offensichtlich. Von der nahezu unendlichen Zahl von nicht vorhersehbaren Ereignissen die als Faktoren reinkommen könnten, ganz zu schweigen. Dazu kommt die Frage der Gewichtung dieser Variablen und dass sich diese über die Zeit selbst auch verändern. So nützlich und interessant Spieltheorie ist, dieser Komplexität kann sie kaum gerecht werden.

Alleine die Ausarbeitung der Präferenzen ist zwangsläufig ungenau. Auf dieser Website auf der de Mesquita sein Buch bewirbt, sieht es so aus, als ob die Gewinne im Spiel für die verschiedenen Akteure von einer Skala von 1 bis 100 verteilt werden (zumindest für den Fall von Simbabwe). So genau können aber die Präferenzen nicht festgelegt werden: Es ist unwahrscheinlich, dass zwei Experten auf genau die gleichen Zahlen kommen mit ihrer Einschätzung.

Ein weiterer Punkt der bei mir Fragen in Bezug auf die journalistische Sorgfalt aufwarf, ist die Erwähnung im Artikel, dass “Spieltheorie-Software eine wichtige Rolle im Auffinden von Osama Bin Ladens Versteck gespielt” hätte. Es kann zwar sein, dass ich diese Information bisher übersehen habe, aber meines Wissens gibt es hierzu keine öffentlichen Informationen und ich würde es erstaunlich finden, würden solche existieren, da man sich kaum so in die Karten blicken lassen will. Die im Artikel zitierte Quelle für die Information hat natürlich ein Interesse die Bedeutung seiner Arbeit hochzuspielen.

Last but not least, ich hatte es weiter oben schon angetönt habe, habe ich aus einem weiteren theoretischen Grund meine Zweifel, dass die Spieltheorie sich wirklich eignet solche äusserst spezifischen Aussagen (Staatschef X wird innerhalb von Y Zeit nicht mehr an der Macht sein) zu machen. Eine Grundannahmen in der Spieltheorie ist das rationale Handeln der Akteure. Darüber kann man diskutieren aber das Problem liegt woanders. Bei vielen Interaktionen und grossen Zahlen glätten sich Abweichungen aus. Man kann davon ausgehen, dass Fehler von Individuen nicht wiederholt und systematisch begangen werden (auch das ist natürlich je nach Kontext diskutabel). Wie auch immer, ich sehe nicht, wie eine solche Ausnahme sehr gute Resultate erzielen kann für so spezifische Personen, gerade bei sich an die Macht klammernden Diktatoren. Sie kreieren zum Beispiel oft eine Atmosphäre in ihrem Umfeld, die erfolgreich verhindert, dass schlechte Nachrichten überbracht werden (man denke beispielsweise an Sadam Hussein oder Muammar Gaddafi, die zumindest retrospektive durchaus besser hätten reagieren können).

Die Frage die mich interessieren würde ist jetzt, inwiefern de Mesquita hier überverkauft (schliesslich verdient er sein Geld damit) oder das Problem beim Journalisten/ bei der Journalistin lag. Solche Voraussagen klingen auf der Basis der mir vorhandenen Informationen tatsächlich eher nach Nostradamus als Politikwissenschaften. Oder jemandem der ein Weg gefunden hat, mit Politikwissenschaften gutes Geld zu verdienen.

P.S.: Dieser Eintrag entstand während Vorträgen während dem Denkfest. Er könnte noch mehr Tippfehler und kreative Satzezichensetzung als sonst enthalten. Für Kohärenz übernehme ich keine Garantie. May contain nuts.

Kommentare (5)

  1. #1 Marko
    September 10, 2011

    Über De Mesquita hat vor geraumer Zeit auch NewScientist berichtet (Artikel als PDF: http://bit.ly/mVMPae). Es wird eigentlich relativ schnell relativ klar, dass zwei Dinge hinter de Mesquitas guter Trefferquote liegen: Kenntnis des aktuellen Politikgeschehens auf der Input-, selektive Wahrnehmung auf der Outputseite. Irgendwie irgendwelche Werte aus Skalen und/oder Indizes zu errechnen, basiert auf qualitativer Einschätzung der interessierenden Problematik.

    Diese in Zahlen überführten Einschätzungen danach im Sinne der Ereignisse, welche eintreffen, zu interpretieren, ist kinderleicht: Sozialwissenschaften können ja immer nur probabilistische Zusammenhänge beschreiben; darum ist es praktisch immer möglich, eine am Schluss “zutreffende” Aussage herauszulesen.

    Aber du hast völlig Recht: Eine jede Sozialwissenschaft beschäftigt sich mit enorm komplexen Systemen, welche nur historisch (oder im Jargon: “ex post facto”) untersucht werden können. Dann macht es auch Sinn, reduktionistische Ansätze wie die Spieltheorie zu benutzen, um bestimmte Tendenzen nachträglich zu erkennen.

    Ein weiterer Punkt ist, meine ich, auch nicht unwesentlich: Im oben verlinkten NewScientist-Artikel wird erwähnt, dass de Mesquita eine Beratungsfirma hat. Er gehört damit zu jenen (leider zahlreichen) Politikwissenschaftlern, welche sich im akademischen Bereich Autorität erhaschen, um dann privat abzukassieren – vor allem eben mit unlauteren Methoden wie der angeblich “wissenschaftlichen” Voraussage zukünftiger Ereignisse, obwohl dies im Widerspruch zur Disziplin der Politikwissenschaft steht.

  2. #2 jitpleecheep
    September 10, 2011

    @ali:
    Interessant ist ja nicht, dass er die Aussage 2010 getroffen hat, sondern wann genau: “Nine months later Mr Mubarak fled Cairo amid massive street protests.”

    Also will er das im Juni 2010 vorausgesehen haben.

    Wenn er doch hunderte ach so sicherer Voraussagen gemacht hat, fragt man sich dann schon: Warum wurde dem Mann vorher keine Aufmerksamkeit geschenkt, und *jeder* war im wesentlichen *völlig* überrascht von der arabischen Revolution?

  3. #3 ali
    September 10, 2011

    @Marko

    Ich habe den New Scientist Artikel noch nicht gelesen aber danke für den Hinweis. Nur zwei kurze spontane Bemerkungen:

    1. Was seine guten Kenntnisse auf der Inputseite betreffen, das ist eben mein erstes grosses Fragezeichen. Je mehr man bezüglich der spezifischen Situation weiss, desto mehr frage ich mich was der Mehrwert der (abstrahiertenden) Spieltheorie ist. Unterscheidet sich das wirklich noch von der Voraussage eines Spezialisten?

    2. Zumindest vom Economist Artikel hat man den Eindruck, dass de Mesquita eben nicht probabilistische Aussagen macht und die Resultate seiner Spiele als absolut wertet (das kann natürlich einfach falsch rüberkommen).

    @jitpleecheep

    Seine Aussage war gemäss Artikel nur “innerhalb eines Jahres”. Ansonsten natürlich einverstanden: Es riecht nach Werbung.

  4. #4 Statistiker
    September 10, 2011

    Typisches Gespiel:

    Man nehme 250 Staaten: Davon sind 200 stabil (noch z.B. die BRD) und 50 instabil.

    Man prognostiziere für die 50 instabilen Staaten einen Bürgerkrieg.

    Nun gibt es 20 Bürgerkriege, 10 in den stabilen Staaten und 10 in den instabilen Staaten.

    Die 10 Bürgerkriege in den stabielen Staaten ignoriert man, die 190 instabilen Staaten ohne Bürgerkrieg auch.

    Es bleiben die 10 Bürgerkriege in instabilen Staaten, und alle vorhergesagt. 100 % Trefferqoute…. ich kann auch die Lotto-Zahlen vorhersagen: Es werden sechs Zahlen zwischen 1 und 49 gezogen…. genauso läuft das….

    So kann man auch Leute verdummen….

  5. #5 s3basti8n
    September 11, 2011

    Spieltheorie ist cool und sexy und alles ist Spieltheorie wenn es gerade passt:)