Wer mir auf Twitter folgt, hat vermutlich diesen Link schon gesehen. Da es angeblich noch Leute gibt, die nicht mitzwitschern und ich noch einen zusätzlichen Gedanken loswerden möchte (ein Gedanke, der nicht in 140 Zeichen gepasst hat), hier also nochmals aufgewärmt: Wie zitiert man einen Tweet?

Richtiges Zitieren gehört zur wissenschaftlichen Arbeit wie Tischmanieren zum Silberbesteck (ja, so ist es tatsächlich Herr Guttenberg, Herr Chatzimarkakis und Frau Koch-Mehrin). Wenn man gewissen Konventionen folgt, erhöht das die Transparenz vom Wie und Wo der benutzten Informationen. Es erlaubt auch diese zu überfprüfen, sollte das jemand wollen. Es gibt solche Konventionen für Bücher, Zeitschriften, Buchkapitel, Berichte und vieles mehr. Auch Webseiten haben sich über die Jahre in die Bibliographien geschlichen. Es ist mir aber noch nie ein so gelisteter Tweet begegnet. Auf das Warum will ich gleich nochmals zurückkommen, zuerst aber mal das technische:

Gemäss der gefunden Seite, solll mit dem echten Namen (oder das Pseudonym) des Autoren begonnen werden, falls bekannt (ansonsten nur den Nutzernamen verwenden) und dann soll man den vollständigen Tweet zitieren (Gross- und Kleinschreibung beibehalten). Das benutzte Beispiel ist ein für dieses Blog durchaus relevantes. Es handelt sich um das unwissentliche Live-Tweeten der Erstürmung von Bin Ladens Versteck:

Athar, Sohaib (ReallyVirtual). “Helicopter hovering above Abbottabad at 1AM (is a rare event).” 1 May 2011, 3:58 p.m. Tweet.

Ich würde noch die url hinzufügen, da es häufig schwierig ist, alte Tweets im Netz auszugraben (finde ich zumindest).

Nun habe ich mich gefragt, warum ist mir noch nie ein zitierter Tweet begegnet. Ich habe schon mehrere Fachartikel zu Twitter, Neue Medien etc. gelesen, aber nie wurd ein Tweet zitiert. Der Grund dafür ist, so spekuliere ich zumindest, das Twitter von Sozialwissenschaftlerinnen und Sozialwissenschaftler vorwiegend quantitativ angegangen wird. Mir ist keine Studie bekannt, die Twitter mit qualitativen Ansätzen anpackt (das will nicht heissen, dass es sie nicht gibt, entsprechende Links würden mich sehr interessieren). Das ist eigentlich Schade, handelt es sich doch um Kommunikation, die man zu den anderen gängigen Vorgehensweisen hinzufügen kann (Interviews, Textanalysen, Reden, Dokumente, etc).

Nicht zuletzt für die Internationalen Beziehungen könnte man sich durchaus anfangen Gedanken zu machen, wie man Twitter auch mit qualitativen Methoden nutzen könnte. Inzwischen Twittern doch einige wichtigen politischen Persönlichkeiten vom internationalen politischen Parkett oder es berichten viele Menschen Live von Konferenzen, Reden, Demos und manchmal von der Front. Das birgt ein riesiges Potential und ich bin mir sicher, dass in Zukunft öfters Tweets als Quelle herangezogen werden auch in den Sozialwissenschaften. Nicht zuletzt der benutzte Beispieltweet könnte durchaus im einen oder andern sozialwissenschaftlichen Artikel einmal auftauchen.

Ich bin auf jeden Fall gespannt, wann mir der erste zitierte Tweet in einem Journal begegnen wird.

Zum Schluss noch aus Spass an der Sache: Quellen auf Twitter für diesen Eintrag

Ali Arbia (zoonpolitikon): “I wonder, when I will use this for the first time: How to cite a tweet in research http://www.mla.org/style/handbook_faq/cite_a_tweet (via @CLIVEYB)” 4 March 2012, 12.04 p.m., https://twitter.com/#!/zoonpolitikon/status/176261836323295234. Tweet.

Clive Barnett (CLIVEYB): “Useful if this is all you have time to read: How to cite a tweet http://m.theatlantic.com/technology/archive/2012/03/how-do-you-cite-a-tweet-in-an-academic-paper/253932/” 4 March 2012, 9.30 a.m., https://twitter.com/#!/CLIVEYB/status/176223115108560896. Tweet.

Kommentare (19)

  1. #1 fatmike182
    März 4, 2012

    Bzgl URL geb ich dir recht, dass das nicht bedacht wurde ist mMn extrem peinlich (va, da die Zeitangabe bzgl Zeitzonen & Reihenfolge verwirrend sein kann).

    – Zum Usernamen würde ich das @ dazugeben (bei via, RT usw wäre es ja auch dabei).
    – Weiters würde ich den Realnamen deutlich in den Hintergrund stellen, wenn überhaupt angeben. Den “Realnamen” kann man unendlich oft & häufig ändern. Die Identifizierung erfolg bei twitter hingegen über den Nickname (Leute in meiner TL heißen da mit dem “Realnamen” zB “.” oder “ali”, “✖”,…)
    – Ein Tweet ist generell ein auf einer Website veröffentichter, eindeutig zuordenbarer Text. Ob es daher einer eigenen Twitter-Zitat-Regel bedarf finde ich überaus nett, aber nicht zwingend notwendig

  2. #2 Kurt C. Hose
    März 4, 2012

    Passend dazu die Diskussion über die abgedruckten Tweets in der Welt Kompakt – http://freekompakt.tumblr.com/

    Ganz unten dazu auch eine Stellnungnahme von twitter wie das ist mit tweets abdrucken.

  3. #3 digiom (Jana Herwig)
    März 4, 2012

    Einer der wenigen Gründe, dass die noch nie ein zitierter Tweet begegent ist, könnte sein, dass du noch nix von mir gelesen hast. Habe freilich eine andere Konvention verwendet, da meine Disziplin nicht mit starren Styles arbeitet. Auszug aus der Bibliographie:

    Barlow, John Perry, The first serious infowar is now engaged, 2010, verfügbar unter
    http://twitter.com/jpbarlow/status/10627544017534976 [26.8.2011].

    (Artikel: Herwig, Jana, “Von 4chan zu Anonymous und AnonAustria: Von der kollektiven Identität zum global-lokalen aktivistischen Kollektiv”, in: Brigitte Kossek/Markus Peschl (Hg.), digital turn (Sammelband zur Ringvorlesung), Wien: Vienna University Press, in Vorbereitung. -> http://homepage.univie.ac.at/jana.herwig/PDF/Herwig_Jana_V4_Anonymous_Digital_Turn_RV_26Sep_Web.pdf )

  4. #4 vera
    März 5, 2012

    Und es muss unbedingt umgehend eine Ausweispflicht für Tweets eingeführt werden, eine virtuelle Beglaubigung. Ich bestehe darauf.

    Sorry – aber reden wir hier über Twitter oder über wissenschaftliche Zitation?

  5. #5 ali
    März 5, 2012

    @vera

    Sorry – aber reden wir hier über Twitter oder über wissenschaftliche Zitation?

    Beides.

    Es geht um die Überlappung.

    Auch wenn du wohl sarkastisch warst, ich finde die Metapher der “Ausweispflicht” für Texte eigentlich ganz gut um das wissenschaftlich Zitieren zu beschreiben: Jeder Text muss seine “Identität” offenlegen und beweisen, wenn er sich in einer wissenschaftlichen Arbeit tummeln möchte.

  6. #6 Radicchio
    März 5, 2012

    Nun habe ich mich gefragt, warum ist mir noch nie ein zitierter Tweet begegnet.

    … oder eine zitierte sms, ein zitierter post it.

    ganz einfach: weil twitter kein medium ist, wo man zitierwürdige inhalte vorfindet.

    z.b. heute twittert:
    “Gerrit van Aaken ‏ @gerritvanaaken
    Ihr werdet euch noch wünschen, wir würden euch wieder mehr verlinken! #lsr”

    toll, da sind infos, die die welt nicht braucht.

  7. #7 ali
    März 5, 2012

    @Radicchio

    Erstens können Tweets auch primäre Quellen sein, die man zitiert. Zitieren bedeutet nicht unbedingt Zustimmung und auch nicht, dass das zitierte ein intelligenter Beitrag ist. Nicht zuletzt um diese Form ging es mir, als ich schrieb, dass es kaum (falls überhaupt) qualitative Arbeiten zu Twitter gibt (zumindest bei mir im Fach).

    Zweitens schau mal bei einem Zeitschriftenhändler was da so alles an Zeitschriften aufliegt und wie viel davon “Infos sind, die die Welt braucht”. Zeitschriften sind ergo also “ein Medium ohne zitierwürdige Inhalte””?

  8. #8 vera
    März 5, 2012

    @Ali
    Meinte eher, dass Welten dazwischen liegen. Ein Wissenschaftler, der Twitter zitiert! Wo kommen wir denn da hin?! Bei den Jüngeren wird es sich hoffentlich bald durchsetzen – für die anderen ist es, wenn nicht Teufelszeug, dann doch wenigstens eine ausschließlich-seichtes-Gelaber-Absonderungsmaschine. Bestenfalls.

  9. #9 fatmike182
    März 5, 2012

    @ vera
    Gerade bei Protestbewegungen & politischen Ereignissen würde ich twitter nicht gänzlich unterschätzen. Eben weil es eine verdammt schnelle Methode ist, die häufig Primärquellenpotenzial hat.

  10. #10 Radicchio
    März 5, 2012

    Zeitschriften sind ergo also “ein Medium ohne zitierwürdige Inhalte””?

    ich verweise gern noch mal auf meine beispiele sms und post it. wer den findet den unterschied zum medium zeitschrift?

  11. #11 ali
    März 5, 2012

    @Radicchio

    “ich verweise gern noch mal auf meine beispiele sms und post it. wer den findet den unterschied zum medium zeitschrift?”

    Darf ich? Weil sie meist nicht öffentliche und für alle abrufbare Quellen sind die sich nicht an einen kleinen Personenkreis richten (falls überhaupt)?

    Ausserdem kann man auch Post-It und SMS zitieren. Die sind dann wie persönliche Interviews, nicht attribuierte Zitate, Tagebücher und so weiter nicht-öffentlich oder zumindest schwer überprüfbare Quellen. Sie müssen trotzdem als Quellen angegeben werden.

  12. #12 Radicchio
    März 5, 2012

    Ausserdem kann man auch Post-It und SMS zitieren.

    theoretisch kann man alles zitieren. sofern was relevantes drauf- oder drinsteht. und das ist das problem bei twitter. natürlich kann ich auch auf ein post it was relevantes schreiben: “diese toilette ist defekt” das ist für die, die müssen, relevant.
    dass es keine zitatkultur für tweets gibt, liegt m.e. allein daran, dass das nachrichten mit 140 zeichen einfach zu wenig zitierfähige substanz bieten und kein bedarf für zitate besteht.

  13. #13 ali
    März 5, 2012

    @Radicchio

    Ich glaube ich habe alles schon geschrieben, das ich dazu zu sagen habe, kann mich aber gerne wiederholen:

    a) Man zitiert und analysiert nicht nur Sätze, die schon eine Analyse enthalten oder tiefschürfend sind. Selbst ein für sich uninteressanter Tweet, kann exemplarisch für etwas stehen. Gerade die erwähnte Unmittelbarkeit eines Tweets kann eine neue Perspektive im Vergleich zu (oft verfälschten) Erinnerungen bieten (natürlich gibt es dann andere Probleme, aber darum geht es hier nicht).

    b) Es gibt inzwischen offizielle Stellen und Leute aus Politik und Wirtschaft die auf Twitter sind. Deren Aussagen dort können/müssen zitiert werden.

    c) Im Rahmen einer Tweet-Analyse kann genau so zitiert werden werden wie zum Beispiel im Rahmen unstrukturierter Interviews oder soziologischen Beobachtungsstudien. Ich sehe da keinen Unterschied.

    d) Dass Tweets “keine zitierfähige Substanz bieten” würden, ist eine Behauptung von dir, die ich nicht nachvollziehen kann. Hätte Reagan “Mr. Gorbachev, tear down this wall!” (35 Zeichen), Churchill “an “iron curtain” has descended across the continent” (52 Zeichen) oder Kennedy “Ich bin ein Berliner” (20 Zeichen) getwittert, würden diese Sätze genau so zitiert werden, wie es nun getan wird. Warum sich solche Soundbites nicht auch auf Twitter verlagern können?

    e) In meiner Timeline lese ich viele renommierte Forschende/ProfessorInenen die das politische Tagesgeschehen kommentieren. Wo liegt da der Unterschied, wenn ich sie aus einem Interview oder Foreign Policy Kommentar zitiere?

    Ich vermute auf der Basis von deinem Insistieren, dass man auf Twitter nichts taugliches findet, dass du zumindest kein begeisterter Nutzer des Dienstes bist. Für das scheinst du erstaunlich genau zu wissen, was man dort findet und was nicht. Ich für meinen Teil lerne, lese und finde viel via Twitter. Es mag nicht für alle sein, es aber pauschal als banal abzutun, ist riecht etwas nach Ablehnung von Neuem.

    P.S.: Nur um das klar zu stellen: Ich gehöre nicht zu jenen Twitter-Enthusiasten, die glauben, dass Twitter Revolutionen ausgelöst oder angetrieben hätte oder irgendwie eine neue Demokratie einläutet oder ähnliches. Es ist aber eine neue untersuchungswürdige gesellschaftliche Ausdrucksform.

  14. #14 Sephira
    März 5, 2012

    Es gibt durchaus zitierte Tweeds.
    siehe http://www.elektrischer-reporter.de/

    Zum schnellen auffinden ist die Tweed-URL sicher am besten geeignet. Datum und Uhrzeit sollten wohl besser nach UTC angegeben werden.

  15. #15 Radicchio
    März 5, 2012

    Hätte Reagan “Mr. Gorbachev, tear down this wall!” (35 Zeichen), Churchill “an “iron curtain” has descended across the continent” (52 Zeichen) oder Kennedy “Ich bin ein Berliner” (20 Zeichen) getwittert, …

    haben sie aber nicht. sie haben diese sätze in die kameras der weltöffentlichkeit gesprochen. diese sätze waren sofort weltweit verfügbar. twitter ist (wie der größte teil des internets) zwar öffentlich, aber nicht massenwirksam. vielleicht sind ähnliche sätze sogar schon getwittert worden. zitiert wurden sie jedenfalls nicht in dem maße, dass sie zum allgemeingut wurden.

    Es ist aber eine neue untersuchungswürdige gesellschaftliche Ausdrucksform.

    das stimmt. aber die tatsache, dass twitter kaum zitiert wird, besagt doch selbst schon, dass es wenig grund und bedarf dafür gibt. wenn man etwas zitiert, dann nicht wegen des mediums, sondern wegen des inhalts. das bedeutet natürlich nicht, dass JEDER inhalt banal ist. (irgendwie isses lästig, immer alles zu relativieren zu müssen.)

  16. #16 peter
    März 5, 2012

    barack obama hat mehr als zwölf millionen follower, darunter unzählige medien, wenn das mal nicht massenwirksam ist. Und er ist nicht der einzige, der eine solche reichweite sein eigen nennen kann.

  17. #17 Radicchio
    März 5, 2012

    und justin bieber hat sogar 18 mio.

    https://twitter.com/#!/BarackObama

    echt spannend. was magst du daraus zitieren?

  18. #18 Radicchio
    März 5, 2012

    Und er ist nicht der einzige, der eine solche reichweite sein eigen nennen kann.

    und was lernen wir daraus? menschen, die offline prominent sind, sind es auch online. das ist im grunde nix neues und zu erwarten. wenn justin bieber twittert, dass er zb. im bad ausgerutscht ist, steht das morgen in BILD und bravo.

    übrigens haben die USA über 311 mio einwohner, die 12 mio follower sind also irgendwas um 3,8 %. und es sind sicher nicht alles amerikaner. die meisten follower in deutschland hat dieter nuhr mit 174.554 vor sascha lobo mit 101.254. und der twittert in letzter zeit so weltbewegende dinge wie

    Sascha Lobo ‏ @saschalobo
    Ironie ist, wenn eine Kampfschrift gegen Emails der meistversendete Artikel auf Spiegel Online ist. twitpic.com/8q3jdp

    und verkündet die versteigerung seines hausrates. ok, wer das zitieren mag.

    aber nee, wenn ich es recht bedenke, ihr habt mich überzeugt: twitter bewegt die welt. und nun sind wir hoffentlich einig. dass es nicht zitiert wird, muss an der software liegen.

  19. #19 Anhaltiner
    März 16, 2012

    Gab es nicht schonmal einen Skandal, weil jemand aus dem Bundestag Glückwünsche getwittert hat bevor das Wahlergebnis bekannt gegeben wurde? Ich denke mal das auch sowas von Politikwissenschaftlern aufgearbeitet wird und dann muss dieser tweet auch zitiert werden.