In meiner kurzen Serie über Interessante-aber-leider-nicht-ganz-so-gute-Bücher habe ich gestern schon das Buch über das Higgs-Teilchen von Harald Lesch und seinen Studenten besprochen. Heute ist zur Abwechslung wieder mal ein Roman an der Reihe. Aber auch der hat ein wissenschaftliches Thema. Das Buch heißt “Der Bearbeiter”, wurde von Wolfgang Klinghammer geschrieben und erzählt vom Leben eines Ghostwriters, der wissenschaftliche Arbeiten verfasst, die andere dann als ihre eigenen ausgeben.

Wolfgang_Klinghammer_Der_Bearbeiter_Cover

Spätestens seit der Affäre um die Doktorarbeit von Karl-Theodor zu Guttenberg ist auch der breiten Öffentlichkeit bekannt, dass nicht jeder der die Bezeichnung “Doktor” vor seinem Namen trägt die dafür nötige Arbeit auch selbst gemacht hat. Guttenberg hat sich die Arbeit leichter gemacht, in dem er einfach von anderen abschrieb und fremde Texte als seine eigenen ausgab. Er hätte aber auch einen Ghostwriter beauftragen können. Dann hätte er zwar immer noch fremde Texte als seine eigenen ausgegeben; diese fremden Texte wären aber nirgenwo anders publiziert gewesen und der wahre Autor der fremden Texte hätte sich über die Verwendung nicht beschwert, weil er dafür ja ausreichend bezahlt wird. Entsprechende Agenturen findet man zuhauf im Internet (einfach mal nach “Ghostwriter Doktorarbeit” googeln); sie bewerben ihre Arbeit öffentlich und haben sogar Facebook-Seiten.

Wer tatsächlich Wissenschaftler werden will, der wird so einen “Service” nicht in Anspruch nehmen denn in der Wissenschaft zählt nicht so sehr welche Buchstaben man vor seinem Namen stehen hat, sondern die Qualität der kontinuierlichen wissenschaftlichen Arbeit (und zumindest in der Naturwissenschaft, wo es um Experimente, Laborarbeiten und Beobachtungsdaten geht, wird ein Ghostwriter sowieso nicht viel ausrichten können). Insofern könnte man den Doktorgrad auch abschaffen. Aber aus Prestige-Gründen ist so ein “Dr.” natürlich sehr beeindruckend und wichtig und es ist vielleicht kein Zufall, dass es gerade die Politiker sind, deren Schummelei man hier in den letzten Jahren immer wieder aufgedeckt hat. Die wollen ja beeindrucken; haben aber keine Zeit, dafür auch tatsächlich zu arbeiten. Und dann ist die Versuchung groß, abzuschreiben oder schreiben zu lassen.

Die Hauptfigur in “Der Bearbeiter” ist genau so ein Ghostwriter der wissenschaftliche Arbeiten für andere schreibt und dafür bezahlt wird. Er verfasst “Arbeiten im Stil einer Dissertation”; egal zu welchem Thema. Sein Ghostwriter-Alltag ändert sich erst, als eine Kundin beschließt, die Ghostwriter-Agentur zu umgehen und direkt mit ihm Kontakt aufzunehmen. Und als er bemerkt, dass eine der Arbeiten die er verfasst für einen prominenten Politiker bestimmt ist.

Diese Haupthandlung des Buches, die sich mit dem Arbeitsalltag eines Ghostwriters beschäftigt ist äußerst spannend und vor allem informativ. Der Autor, Wolfgang Klinghammer, hat selbst als Ghostwriter gearbeitet (was übrigens auch durchaus ein legales Arbeitsfeld sein kann) und der Roman hat viele autobiografische Aspekte, wie Klinghammer im Interview bestätigt. Ich als Jenaer habe mich besonders gefreut, endlich mal ein Buch lesen zu können, das in Jena spielt (auch wenn das nie explizit dazu gesagt wird erkennt man die Stadt als Einheimischer doch deutlich). Nicht so sehr habe ich mich über das gefreut, was ich “Füllmaterial” nennen möchte.

Man hat irgendwie das Gefühl, dass Klinghammer seine Geschichte über den Ghostwriter geschrieben und danach festgestellt hat, dass sie nicht für ein ganzes Buch reicht. Denn man stößt immer wieder auf Kapitel und Handlunsstränge, die mit der eigentlichen Handlung nichts zu tun haben. Ob da auf mehreren Seiten die Jogging-Runde des Ghostwriters beschrieben wird, die ebenfalls mehrere Seiten lange Beschreibung der Handlung eines Computerspiels das der Autor spielt oder die immer wieder auftauchenden Feminismus-Beschimpfungen: All das hat mit der Geschichte nicht mal ansatzweise zu tun (oder ich habe ihren Zweck nicht verstanden). Und auch die Nebenhandlung um den Verein “Pi” (der ganz offensichtlich den Hochbegabtenverein “Mensa” darstellen soll) fand ich ein wenig bemüht. Und irgendwie auch unglaubwürdig. Die ganzen Hochbegabten in diesem Verein sind irgendwie alle ziemlich doof; betreiben Astrologie oder veranstalten Seminare um mit Hochbegabung den Terrorismus zu bekämpfen…

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Kommentare (7)

  1. #1 turtle of doom
    28. November 2013

    Es gibt zu diesem Thema noch einen sehr lesenwerten Blogbeitrag – aus amerikanischen colleges, wo auch Hausarbeiten von Ghostwritern verfasst werden, aus simpler, purer Not.

    “From my experience, three demographic groups seek out my services: the English-as-second-language student; the hopelessly deficient student; and the lazy rich kid.”

    http://chronicle.com/article/the-shadow-scholar/125329/

  2. #2 Lercherl
    30. November 2013

    — Woran arbeitest du, wenn man fragen darf?
    — An der Dissertation eines jugendlichen Schwachkopfs, der nach dem Doktortitel röhrt.
    […]
    — … aber mach rasch! Der Knabe kommt um elf Uhr und holt sich sein Lebenswerk.

    Aus „Der Meister des Jüngsten Tages” von Leo Perutz (1923).

    Der Beruf ist wohl nicht ganz neu!

  3. #3 Florian Freistetter
    30. November 2013

    @Lercherl: Perutz ist toll! Den sollte man viel öfter lesen.

  4. #4 Wolfgang
    Jena
    7. Dezember 2013

    Vielen Dank für die Rezension – auch, wenn ich ein paar Sachen etwas anders sehe. 😉

    Ich habe sie von meiner Seite aus verlinkt.

    Ciao,
    Wolfgang

  5. #5 Ghostwriter
    Erfurt
    19. Dezember 2013

    Ein Ghostwriter kann AUCH MIT Ghostwriting Agentur seine Dissertation finden ;-).

  6. […] habe dieses Jahr schon jede Menge Bücher hier im Blog vorgestellt (hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier). Und wenn ihr zu […]

  7. #7 Nelle
    Wien
    25. Mai 2015

    @Ghostwriter
    mein Cousin lässt sich bei seiner Dissertation helfen, so lange es nur “helfen” ist und nicht “schreiben” dann geht es noch, ansonsten bin ich strickt dagegen!
    Grüße