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sb-wettbewerb
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Ich habe schon so einige Bücher über Wissenschaft gelesen und natürlich habe ich meine Favoriten. Irgendwann fiel mir auf, dass ein paar davon eine Art Reihe bilden, weil sie an das gleiche Thema anknüpfen. Am weitesten zurück reicht diese Reihe beim Thema Vererbung und Genetik, sie umfasst ganze drei Jahrhunderte. Biologie ist eigentlich weniger mein Gebiet, trotzdem haben mich die folgenden drei Bücher begeistert, weil sie eine schöne Gemeinsamkeit haben: Die Wissenschaftler, die sie geschrieben haben, geben ihnen eine ganz eigene Note und vermitteln damit etwas über sich selbst. Den Reigen bilden Charles Darwin, James Watson und Neil Shubin, die Bücher, die ich euch vorstelle, sind „Die Entstehung der Arten“, „Die Doppelhelix“ und „Der Fisch in uns“.
Kleiner Hinweis vorweg: Ich habe die Bücher auf Englisch gelesen und sogar alle vom gleichen Verlag, was wirklich Zufall ist. Vielleicht kennt ihr welche davon auf Deutsch, ich gehe einfach mal davon aus, dass sie in der Übersetzung genauso überzeugen können.

Bild: Lisa Leander, CC-BY-NC-ND

Bild: Lisa Leander, CC-BY-NC-ND

Charles Darwin: Mehr Tauben als Finken

Darwins „Die Entstehung der Arten“ (The Origin of Species) gehört zu den bekanntesten Büchern der Wissenschaftsgeschichte und zu den einflussreichsten Werken seiner Zeit. Es bildet die Grundlage für Darwins Evolutionstheorie, die beschreibt, wie Merkmale von Generation zu Generation weiter vererbt werden und durch natürliche Selektion neue Arten entstehen können. Bevor ich zum ersten Mal ein Exemplar in der Hand hielt, hatte ich mir darunter einen dicken Wälzer vorgestellt. Stattdessen ist „Die Entstehung der Arten“ ein handliches kleines Büchlein, meine Ausgabe basiert auf der ersten Auflage von 1859. Schon gleich in der Einleitung bezeichnet Darwin den Inhalt als kurze Zusammenfassung, die unvollendet und sicherlich fehlerhaft sein müsse. Ja richtig, der große Naturforscher entschuldigt sich fast dafür, dem Leser so etwas überhaupt zuzumuten. Aber wenn man bedenkt, wieviel Kritik Darwin nach der Erscheinung aus den Kreisen der Wissenschaft, aber auch aus großen Teilen der Gesellschaft ausgesetzt war, versteht man diese Haltung besser. Zudem hat Darwin nach seiner berühmten Forschungsreise auf dem Schiff „Beagle“ 20 Jahre lang an seiner Theorie gefeilt und mit ihr gerungen. Er hätte es wohl noch länger getan, hätte sein Zeitgenosse Alfred Russel Wallace nicht ganz ähnliche Ideen gehabt und Darwin damit unbeabsichtigt unter Zugzwang gesetzt.

Eine große Stärke des Buchs ist, dass Darwin es für die breite Öffentlichkeit geschrieben hat. Dadurch ist es gut verständlich, selbst wenn der Leser keine tieferen Kenntnisse über Biologie besitzt. Gleichzeitig tut Darwin etwas, das zeigt, was einen exzellenten Naturwissenschaftler ausmacht, und das zu einer Zeit, als dieser Begriff noch kaum geprägt war. Er stellt einen historischen Abriss voran, der all diejenigen erwähnt, die einen Beitrag zur Evolutionstheorie geleistet haben, weil ihre Gedanken in eine ähnliche Richtung gingen. Anschließend beschreibt er, wie der Mensch durch Züchtung die Merkmale von Tieren und Pflanzen neu kombiniert. Dann geht er über zur natürlichen Selektion, in der die gleichen Vorgänge zu sehen sind, nur dass hier die Lebensumstände der jeweiligen Art bestimmen, welche Variationen sich durchsetzen. Immer wieder argumentiert Darwin mit Beispielen, allerdings weniger mit den nach ihm benannten Finken von den Galapagos-Inseln, sondern viel häufiger mit Beobachtungen von Pflanzen oder Tieren, die der Leser aus seiner Umgebung kennt, zum Beispiel Obstbäume oder Tauben. Hier zeigt sich, wie intensiv Darwin nach der Beagle-Reise weitergeforscht hat. Des Weiteren behandelt er in eigenen Kapiteln mögliche Kritikpunkte seiner Theorie, etwa die Frage, wie genau der Begriff Art überhaupt zu definieren ist. Mit solchen Abgrenzungen schlagen sich heute noch viele Wissenschaftler herum.
Die Vorgehensweise Darwins – die Ursprünge seiner Theorie aufzuzeigen, die sorgfältige Argumentation, die Diskussion von Unsicherheiten – macht „Die Entstehung der Arten“ zu einem Buch, das den Prozess des Forschens wunderbar nachzeichnet. Darwin besaß zwar nicht die Mittel und Vorkenntnisse eines Wissenschaftlers aus unserer Zeit, umso beeindruckender ist es, wie tiefgehend und gründlich er sich mit seinen Themen beschäftigt hat und versucht, sie der Öffentlichkeit nahe zu bringen.

James Watson: Unverdauliches Essen und ein wunderschönes Modell

Es gab einen Baustein, der Darwin fehlte und eine große Lücke in seiner Theorie darstellte: Er kannte den Mechanismus nicht, der dazu führt, dass Merkmale von einer Generation zur nächsten weitergegeben werden. Heute kennen wir den Schlüssel dafür, es ist die Erbsubstanz DNA. Dieses Wissen ist noch gar nicht so alt. In den 1950er Jahren, knapp hundert Jahre nach der Entwicklung der Evolutionstheorie durch Darwin und Wallace, wussten Wissenschaftler zwar von dem außergewöhnlichen Molekül DNA. Doch wie genau es aussieht und auf welche Art der Körper es immer wieder kopiert, um neue Zellen herzustellen, darüber zerbrachen sie sich ihre Köpfe. Zwei von ihnen waren der Molekularbiologe James Watson und der Physiker und Biochemiker Francis Crick. Ihr Durchbruch war „Die Doppelhelix“ (The Double Helix), der Weg dorthin war allerdings alles andere als geradlinig, wie Watson in seinem gleichnamigen Buch beschreibt, das 1968 erstmals erschien.
Anders als „Die Entstehung der Arten“ konzentriert sich „Die Doppelhelix“ nicht auf die Darlegung der wissenschaftlichen Resultate. Es geht vielmehr darum, wie es einen jungen Amerikaner ins englische Cambridge verschlug, weil er mit einem Problem in Berührung gekommen war, mit dem er sich gar nicht beschäftigen sollte. Denn erstens wurde seine Arbeit über Gelder aus der Heimat finanziert und die waren für ein ganz anderes Projekt in Kopenhagen vorgesehen. Außerdem sollen die Forschungsfelder in England damals klar verteilt gewesen sein, laut Watson gehörte die DNA Maurice Wilkins (der mit Watson und Crick später den Nobelpreis erhielt) und Rosalind Franklin, die in London mit Röntgenbildern von kristallisierten Molekülen arbeiteten.

Buntglasfenster im Speisesaal des Caius-College in Cambridge, das zu Ehren von Francis Crick die DNA-Doppelhelix zeigt (Bild: Schutz, CC-BY-SA 2.5)

Buntglasfenster im Speisesaal des Caius-College in Cambridge, das zu Ehren von Francis Crick die DNA-Doppelhelix zeigt (Bild: Schutz, CC-BY-SA 2.5)

Im Gegensatz zu Darwins gut hergeleiteter und schlüssig formulierter Theorie zeigt Watson, wie Wissenschaft auch sein kann: Voller unerwarteter Irrungen und Wirrungen und vor allem abhängig von ganz unterschiedlichen Charakteren. Watson berichtet immer wieder über seine eigenen persönlichen Probleme, wie die winzigen, zugigen Appartements, in denen er lebte, und das englische Essen, das bei ihm furchtbare Bauchschmerzen verursachte. Gleichzeitig lernt man Personen kennen, die auf die eine oder andere Weise mit der Suche nach der DNA-Struktur befasst waren, am besten von allen natürlich Francis Crick. Obwohl manchmal regelrecht euphorisch, verliert Crick mehrmals die Lust an der DNA, nur um später mit Watson in einem Pub erneut darüber zu brüten. Eine unrühmliche Ausnahme – unrühmlich für ihn, nicht für sie – ist Watsons Beschreibung von Rosalind Franklin. Er wurde nicht nur für seine Darstellung Franklins in „Die Doppelhelix“ kritisiert (während eines Vortrags von ihr sinniert er darüber, warum sie nicht mehr aus ihrem Typ macht), sondern auch dafür, dass ihr Beitrag zur Entdeckung der DNA-Doppelhelix kaum gewürdigt wurde. Seine Haltung soll er nach ihrem frühen Tod revidiert haben, doch bereits am Ende des Buches spricht er wesentlich respektvoller von Franklin. Dann nämlich, als sie die bestechende Schönheit von Watsons und Cricks Modell sofort erfasst.

Trotz allem hat mir Watson Bericht über die entscheidenden Monate in Cambridge gefallen, weil er neben seiner eigenen Arbeit mit Crick das „Rennen“ gegen Linus Pauling schildert, dem renommierten Chemiker in den USA. Die meisten hielten Pauling für den aussichtsreichsten Kandidaten, wenn es um die Entdeckung der DNA-Struktur ging. Ironischerweise war sein Sohn Peter Student in Cambridge, so bekamen Watson und Crick einen noch unveröffentlichten Fachaufsatz des Vaters in die Hände und erkannten, dass der große Mann die falsche Fährte verfolgte. Das trieb die beiden bei ihrer Suche noch mehr voran. Die Geschichte der Doppelhelix handelt damit auch von zwei „Underdogs“, die mit Cleverness und einem gehörigen Schuss Selbstvertrauen einen Volltreffer landeten. Wie so oft erscheint die Lösung des Problems nicht aus dem Nichts, sondern wird von vielen Akteuren inspiriert, die schon den halben Weg zur richtigen Antwort zurückgelegt haben.

Neil Shubin: Wo bitte geht es hier zu den Fossilien?

So, nun kommen wir zu einem Wissenschaftsautor aus diesem Jahrtausend, zu Neil Shubin und „Der Fisch in uns“ (Your Inner Fish) von 2007. Shubin fällt ein wenig aus der Reihe, weil er Paläontologe ist und kein Biologe. Was an Shubins Buch so großen Spaß macht, ist die Art, wie er sein eigenes und die verwandten Fachgebiete verbindet. Er beschreibt, wie die Geologie die Fundorte von Fossilien beeinflusst, indem Gesteinsschichten sich überlagern, gegeneinander verschieben und die oberen Schichten von der Witterung abgetragen werden. Forscher wie Shubin sind stets auf der Suche nach den „missing links“, also Fossilien, die entscheidende Entwicklungen in der Geschichte des Lebens aufzeigen – etwa den Übergang vom Wasser ans Land, der vor Hunderten Millionen von Jahren stattfand. Bereits Darwin wies darauf hin, wie viele solcher Puzzlestücke der Evolution noch unentdeckt sind. Aufhänger für „Der Fisch in uns“ ist der Fund eines Fossils, das genau in eine der Lücken passt. Shubins Expeditionsteam fand ein gut erhaltenes Skelett, das daraus rekonstruierte Tier namens „Tiktaalik“ sieht auf den ersten Blick aus wie eine seltsame Kreuzung zwischen Fisch und Echse. Seine herausragenden Eigenschaften: Anders als Fische hat es einen flachen Kopf, einen Hals und könnte, wie Shubin es formuliert, Liegestütze machen. Letzteres bedeutet, dass seine Flossen abgeknickt waren und es so über festen Boden watscheln konnte.

Künstlerische Darstellung von Tiktaalik, einem der ersten Wesen, das Liegestütze machen konnte  Bild: NSF, Zina Deretsky, public domain

Künstlerische Darstellung von Tiktaalik, einem der ersten Wesen, das Liegestütze machen konnte Bild: NSF, Zina Deretsky, public domain

Weiter spannt Shubin den Bogen zu den Erkenntnissen der modernen Genetik, die weit über das hinausgehen, was Watson und Crick ausgetüftelt haben. So beschreibt er bestimmte Gen-Abschnitte, die bei Fliegen genauso vorkommen wie bei Säugetieren und allen anderen Tieren. Sie bestimmen den Bauplan des Körpers, der bei den verschiedenen Tierarten gar nicht so unterschiedlich ist, wie es von außen scheint. Deswegen haben wir alle den „Fisch in uns“, sei es im Aufbau unseres Skeletts oder in den Bahnen unserer Nerven. Und daher ist der Paläontologe Neil Shubin irgendwann an der Universität in Chicago gelandet, um einen Anatomiekurs für Medizinstudenten zu geben. Denn wer viel von Fossilien versteht, der versteht auch die menschliche Anatomie.
All diese Wissensgebiete beschreibt Shubin sehr schön, mein Lieblingsteil im Buch handelt jedoch – wie sollte es anders sein – von den ganz persönlichen Einblicken. Im Kapitel „Zähne überall“ (Teeth everywhere) erzählt er, wie er zum ersten Mal ins Feld ging, um in der Wüste von Arizona nach Fossilien zu suchen. Seine schon erfahrenen Kollegen schwärmten scheinbar wahllos in alle Richtungen aus und Shubin tat es ihnen nach. Später kehrten die anderen mit Taschen voller fossiler Knochen und Zähne zurück, er selbst hatte – nichts. Bald kam er auf die Idee, demjenigen zu folgen, der stets die größte Ausbeute mitbrachte, aber wieder sah er selbst rein gar nichts außer Felsen und Erde. Der Ratschlag, nach etwas zu schauen, das anders aussieht als die Umgebung, war zuerst wenig hilfreich. Bis zu dem Moment, als er endlich etwas in der Sonne schimmern sah: Es war sein erster Fund eines fossilen Zahns. Bald war Shubins Blick geschärft und plötzlich war es fast so, als lägen überall in der kargen Landschaft Zähne und Knochen, die ihm entgegen blitzten.

Zugegeben, die kleine Episode hat nichts mit einer bahnbrechenden Entdeckung wie der von Darwin oder Watson zu tun. Dennoch kommt auch hier der Enthusiasmus des Wissenschaftlers für seine Arbeit zum Ausdruck und das Einsehen, dass die wenigstens Dinge gleich perfekt verlaufen. Deswegen bildet sie den Abschluss für diese kurze Buch-Reise durch die Geschichte von Evolution und Genen. Ich hoffe, es hat euch gefallen, gewiss fallen euch noch mehr gelungene Stationen/Bücher von damals bis heute ein.

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Hinweis zur Autorin: Dieser Beitrag wurde von Lisa Leander verfasst. Sie ist Wissenschaftsjournalistin, sie hat früher schon ab und zu unter http://www.me-blog.de/ gebloggt und wird bald Beiträge für http://wmk-blog.de/ verfassen.

Kommentare (20)

  1. #1 Captain E.
    24. September 2015

    Ich habe das übrigens mal so gehört, dass Alfred Russel Wallace von den Forschungen Charles Darwins gewusst hatte. Durch seine eigenen Forschungen darin bestärkt, dass die Evolution richtig sein müsse, hat er dann Darwin in einem Brief zur Veröffentlichung gedrängt.

  2. #2 Florian Freistetter
    24. September 2015

    @Captain: Klar haben die voneinander gewusst. Die haben auch zusammengearbeitet. Darwin hat sich auch für Wallace eingesetzt und ihn bei der Veröffentlichung seiner Arbeit unterstützt.

  3. #3 Captain E.
    24. September 2015

    Da hat Darwin wohl doch nicht 20 Jahre im stillen Kämmerlein vor sich hingeforscht, sondern sich mit mindestens einer Person ausgetauscht. Wallace und mögliche andere Gesprächspartner müssen aber ziemlich dicht gehalten haben, denn andernfalls wäre sein Buch nicht eingeschlagen wie eine Bombe.

    Worum es mir aber vor allem gegangen war, war der Einfluss von Wallace auf den Zeitpunkt der Veröffentlichung. Da kann nicht die Rede davon sein, dass er Darwin “unbeabsichtigt unter Zugzwang gesetzt” habe. Das war vermutlich schon mit voller Absicht. Es gibt da auch die Legende, Darwin hätte Wallaces Ergebnisse aus der Südsee gestohlen. Das scheint aber gerade eben nicht der Fall zu sein, und Wallace hat sich wohl in vielen hitzigen Diskussionen immer auf die Seite von Darwin geschlagen. Das hätte er als jemand, der um seine Verdienste gebracht worden ist, mit Sicherheit nicht getan.

  4. #4 Florian Freistetter
    24. September 2015

    @Captain: Wenn du noch ein bisschen wartest, kannst du in den nächsten Tagen auch noch einen Wettbewerbsbeitrag über Wallace lesen 😉

  5. #5 Captain E.
    24. September 2015

    Ja gut, das mache ich dann mal… 😉

  6. #6 bikerdet
    24. September 2015

    Das Buch von Shubin habe ich auch, erstklassig. Es ist übrigens als Mehrteiler verfilmt worden. Bin vor ein paar Tagen über den ersten Teil gestolpert ….

  7. #7 Lisa Leander
    24. September 2015

    @Captain E., vielleicht hast du recht, ich bin kein Wallace-Experte. Ich habe an anderer Stelle gelesen, dass es die Theorie gibt, dass Darwin aus Wallace Brief abgekupfert haben soll, weil Wallace eine Lösung gefunden hat, die Darwin bisher fehlte. Ich glaube, die Beziehung zwischen den beiden wurde schon viel diskutiert.
    @Florian: Das ist ja toll, da bin ich gespannt!

  8. #8 Lisa Leander
    24. September 2015

    @bikerdet: Stimmt, die hab ich auch z.T. gesehen, war nett gemacht.
    Was ich eben zu Wallace/Darwin erwähnt hab, stammt übrigens aus “Es ist, als ob man einem Mord gesteht” von Matthias Glaubrecht. Ebenfalls ein empfehlenswertes Buch.

  9. #9 JW
    24. September 2015

    Der Fisch in uns kam schon zweimal auf Arte. Die “kleinen” Sender sollte man nicht vergessen.
    Die Verfilmung hat mir fast so gut gefallen, wie das Buch.

  10. #10 Captain E.
    24. September 2015

    @Lisa Leander:

    Ja, wir waren nun damals alle nicht dabei, aber so weit ich das verstanden habe, hat Wallace sich nicht als Bestohlener gefühlt. Im Gegenteil, durch die Nennung in Darwins Werk hat er den akademischen Ritterschlag erhalten, mit dem in die Lage versetzt wurde, eigene Arbeiten zu veröffentlichen, die dann auch tatsächlich von den Experten gelesen wurden. Wer Darwins Theorien in Bausch und Bogen abgelehnt hat, konnte sich anscheinend Wallaces Aufmerksamkeit sicher sein, der gerne als ihr Verteidiger aufgetreten ist. So hat er 1870 in einem Brief an Darwin darüber geklagt, dass „keine Gegner übrig geblieben sind, die irgendwas über Naturgeschichte wissen, so dass es keine der früheren guten Diskussionen mehr gibt.“

    In Details war Wallace dann allerdings durchaus auch anderer Meinung als Darwin, und er lag damit auch nicht per se falsch. Damit konnten die beiden aber anscheinend gut umgehen.

  11. #11 Lisa Leander
    24. September 2015

    Ja, genau so habe ich das auch verstanden, Darwin war zu der damaligen Zeit einfach viel bekannter als Wallace. Deswegen war Wallace wohl auch damit einverstanden, dass er und Darwin gemeinsam wissenschaftlich veröffentlichen.

  12. #12 Captain E.
    24. September 2015

    Tatsächlich? Von gemeinsamen Veröffentlichungen habe ich jetzt nichts gefunden. Kommuniziert haben sie aber ganz sicher und sich auch gegenseitig zitiert.

  13. #13 Böx
    http://boexbooks.wordpress.com
    24. September 2015

    Die Geschichte um Wallace und Darwin wird meines Erachtens schön in “Am Ende des Archipels” aufgedröselt. Auch vom bereits erwähnten Glaubrecht. Super Buch. Soweit ich mich noch erinnere, war’s schon ein Schlag für Darwin als er Wallace Ternate-Manuskript zugeschickt bekam (Wallace bat um Darwins Meinung dazu). Manchen Interpretationen der damaligen Geschehnisse zufolge wollte Darwin hinschmeißen, weil Wallace ihm zuvor gekommen war. Er konnte aber überzeugt werden, dass Wallaces Manuskript und ein Text von Darwin in der gleichen Sitzung der Royal Society verlesen wurden, damit beide als Urheber galten. Darüber war Wallace wohl auch sehr glücklich und trat danach auch als Verfechter von Darwins Theorie auf. Eines seiner populärsten Bücher hieß meines Wissens auch “Darwinism”. Unstrittig ist wohl auch, dass Darwin deutlich früher anfing an der Idee der natürlichen Selektion zu werkeln. Aber vielleicht kommt dazu ja noch was im Beitrag über Wallace 🙂

  14. #14 Hoffmann
    24. September 2015

    @ Lisa Leander:

    Von Martin Glaubrecht gibt es übrigens eine Wallace-Biographie mit dem Titel “Am Ende des Archipels”.

    Wallace hat zwei wichtige Essays geschrieben, in denen er sich zum Thema Evolution geäußert hat. Der eine war der Sarawak-Essay von 1855, der die enge Verwandtschaft von Arten thematisiert, die sich in einem engen biogeographischen Areal befinden.

    Der andere war der Ternate-Essay von 1858, der dann den Mechanismus aufzeigte, der zur Evolution führt – nämlich die Selektion aus einem Überangebot an Varietäten.

    Ob Darwin für sein Buch aus dem Ternate-Essay einige Details abkupferte oder nicht, ist, denke ich müßig, weil er sich über das Grundprinzip bereits etwa 20 Jahre vorher nach der Lektüre von Malthus im Klaren war.

    Interessanterweise sorgte die Malthus-Lektüre auch bei Wallace für einen Erkenntnisschub, der ihm bei der Abfassung des Ternate-Essays hilfreich gewesen ist. Hier haben wir also eine gewisse Koinzidenz im wissenschaftlichen Werdegang. Aber das nur nebenbei.

    Wallace hätte – wenn er es darauf hätte anlegen wollen – durchaus nicht chancenlos auf seine Priorität bestehen können, weil Darwin zuvor nichts über seine Forschungen zur Evolution publiziert hatte. Dass er es nicht darauf anlegte, kann man zum einen auf seinen Charakter zurückführen, zum anderen aber auf die vorhanden gewesenen Standesunterschiede zwischen Darwin (Oberschicht) und Wallace (Unterschicht), die Wallace dazu bewogen haben dürften, sich opportun zu verhalten.

    Na ja, nächste Woche Dienstag wird man mehr über eine andere Facette von Wallaces wissenschaftlicher Karriere erfahren …

  15. #15 Böx
    http://boexbooks.wordpress.com
    24. September 2015

    @Lisa Leander: Sehr schöner Beitrag! Ich habe auch alle drei Bücher gelesen und habe keines davon bereut. Von Double Helix und Your inner fish jeweils die deutschen Übersetzungen (die mir nicht negativ aufgefallen wären).
    In meiner Ausgabe der Doppelhelix entschuldigt sich Watson übrigens in einem Nachwort für seine Darstellung von Franklin, die er im Nachhinein offensichtlich bereute. Wenn ich mich recht erinnere, schrieb er, dass er erst später verstand, wie schwer es für eine Frau in diesem Umfeld gewesen sein muss, und Franklin sich dagegen wehren wollte, nicht als echte Wissenschaftlerin angesehen zu werden. Und dass ihm das nicht klar war. Soweit aus dem Gedächtnis.

  16. #16 Lisa Leander
    24. September 2015

    @Böx: Danke! Meine Ausgabe der Doppelhelix ist schon älter, da ist das Vorwort nicht von ihm selbst, geht aber vom Inhalt her in die gleiche Richtung.
    @Captain E.: Mit der Veröffentlichung meinte ich die Verlesung vor der Royal Society, die Böx erwähnt hat.

  17. #17 BreitSide
    Beim Deich
    24. September 2015

    Interessante neue Einzelheiten über die zwei Evolutionäre, die auch meinen Wissensstand über sie zurechtgerückt haben.

    Dito bei Watson&Crick “vs” Rosalind Franklin.

    Von Shubin hab ich sogar erst kürzlich ein paar Folgen in ZDFinfo gesehen. Seitdem geht mir Tiktaalik ganz flott über die Zunge… 😉

  18. #18 Captain E.
    25. September 2015

    Man neigt ja dazu, Charles Darwin etwas isoliert zu betrachten, ganz nach dem Motto: “Vorher haben alle geglaubt, die Arten wären vom lieben Gott genau so erschaffen worden, und nur Darwin erkannte, dass es anders ist.”

    Es gab aber auch schon vor Charles Darwin Menschen, die sich Gedanken über dieses Thema gemacht haben, unter anderem sein eigener Großvater. Auch Charles Darwin hätte sich somit den Satz von Isaac Newton zu eigen machen können, dass er auf den Schultern von Riesen stünde. Seine persönliche Leistung soll das selbstverständlich nicht schmälern.

  19. #19 Dampier
    25. September 2015

    Sehr gute Zusammenfassungen. Den Darwin muss ich wohl mal vornehmen …

  20. #20 Nicole
    27. September 2015

    Wieder ein interessanter Artikel! Macht richtig Lust aufs Lesen der Bücher!