Der Nordpol – diesen Sommer eisfrei?

Wie die britische Zeitung “The Independent” heute berichtet, halten die Experten des US National Snow and Ice Data Centre in Colorado es für möglich, dass die arktische Eiskappe diesen Sommer zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit vollständig abschmilzt.

Die Chancen für einen eisfreien Sommer sollen dieses Jahr erstmals oberhalb der 50% liegen. Ein Großteil des dicken, über viele Jahre gewachsenen Eises, ist offenbar während der letzten zwei Jahre abgeschmolzen, so dass die Polarkappe dieses Jahr erstmalig zum größten Teil (~ 70%) aus “frischem” Eis besteht, das erst im Verlauf des letzten Winters entstanden ist. Dieses dünnere Eis könnte Dr. Mark Serreze zufolge unter Umständen völlig verschwinden, wenn das Sommerwetter eine solch massive Schmelze begünstigt.

Ein potenzieller globaler Schock also, der uns diesen Sommer vielleicht bevorsteht, denn die Bilder der offenen Wasserfläche am Nordpol werden viele Menschen (hoffentlich) nicht unberührt lassen. Oder, um Dr. Serreze zu zitieren: “From the viewpoint of science, the North Pole is just another point on the globe, but symbolically it is hugely important. There is supposed to be ice at the North Pole, not open water.

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Zur Erinnerung: Bild der Nordpolarexpedition von Peary und Henson aus dem Jahr 1908.

Update: Die Prognose stößt auf weltweites Medieninteresse:

Kommentare

  1. #1 florian
    27. Juni 2008

    Gerade vor kurzem erst habe ich “Neunzig Grad Nord” von Fergus Flemming gelesen – ein tolles Sachbuch über die Geschichte der Nordpolforschung. Und eine wichtige Motivation um sich die Strapazen einer Pol-Expedition überhaupt anzutun, war die Theorie eines eisfreien Polarmeers. Scheint so, als würde es jetzt doch so weit sein.

    Übrigens: Peary hatte damals mit seiner Expedition mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht den Pol erreicht.

  2. #2 Christian Reinboth
    27. Juni 2008

    @florian: Stimmt, der wurde meines Wissens nach erst 1909 erreicht – aber immerhin auch von Peary und Henson. Auf die Schnelle habe ich von der Expedition aber leider kein gemeinfreies Bild ausfindig machen können, und mich mit dem von 1908 begnügt. Auf dieser Expedition war auch noch der berüchtigte Dr. Cook dabei, der sich ja auch der Erstbesteigung des McKinley rühmte und – soweit ich mich erinnere – sogar im Gefängnis endete.

    Ach ja, die Zeit der letzten großen “weißen Flecken” auf der Weltkarte….

  3. #3 florian
    27. Juni 2008

    Ne – also Peary hat nie den Nordpol erreicht. Es ist zwar noch nicht raus, ob er selbst geglaubt hat, den Pol erreicht zu haben oder ob er vorsätzlich gelogen hat – aber ziemlich sicher war er nicht dort. Der erste, der tatsächlich zu Fuß zum Pol ging war Wally Herbert und das erst 1969 und unterstützt durch Flugzeuge die Nahrung abwarfen. Zu Fuss und ohne Hilfe wurder der Pol erst vor 13 Jahren von Richard Weber und Misha Malahkov erreicht! Der erste, der den Pol vom Flugzeug aus gesehen hat, war Roald Amundsen, 1926. In den vierziger hat glaub ich ne russische Expedition per Flugzeug als erstes den Pol betreten.
    Wie gesagt, das Buch von Flemming ist sehr zu empfehlen! Da sind die diversen Expedition wunderbar spannend beschrieben…

  4. #4 Christian Reinboth
    27. Juni 2008

    Diesem Expertenurteil will ich mal unangefochten Glauben schenken :-) (Das zeigt mal wieder, wie sehr man sich auf die Wikipedia verlassen kann…). Wenn ich bloss auch mal wieder mehr Zeit zum lesen hätte….

  5. #5 florian
    27. Juni 2008

    @Christian: Ich glaube, nachdem ich das Buch das erstemal vor ein paar Jahren gelesen habe, habe ich einige Informationen direkt in den Wikipedia-Artikel eingebaut ;) In dem Fall kann man sich also wirklich darauf verlassen ;)

  6. #6 Klaus Ermecke
    27. Juni 2008

    Wir, die wir in gemäßigten Breiten leben, kennen einen 24-Stunden-Tag-Nacht-Rhytmus. Aber im Polarwinter ist es 6 Monate lang dunkel. In dieser Zeit erhält die Polarregion keinerlei Wärme von der Sonne, während sie aber ständig weitere Wärme ins All abstrahlt. Die Temperaturen fallen ins Bodenlose, in der Antarktis gehen sie hinunter auf bis zu -87°C. (Die Nordpolarregion bleibt wärmer, weil sie “von Land umgebener Ozean” ist und dieser Wärme transportiert). Das Ergebnis ist, daß in den Polregionen im Winter riesige Gebiete zufrieren. Allein im Nordpolargebiet sind diese im Mittel etwa 22mal so groß wie die Gesamtfläche Deutschlands! Die Fläche als solche schwankt etwas, was leicht dadurch zu erklären ist, daß warme Meeresströmungen (namentliche der Golfstrom manchmal etwas mehr und manchmal eben auch etwas weniger Wärme in die Arktis transportieren. Das Auftau-Zufrierzyklus ist aber eine naturgesetzliche Zwangsläufigkeit. Schande über die Medien, die ihre Leser bzw. Zuhörer auch heute noch jeden Tag auf’s neue mit falschen Meldungen über die angebliche “Klimakatastrophe” füttern.

  7. #7 Jürgen Schönstein
    27. Juni 2008

    @ Klaus Ernecke: Das ist keine Frage der Falschmeldungen und der Medienschande, und so simpel wie Sie meinen, ist die Sache mit dem “Auftau-Zufrierzyklus” halt auch nicht, wie der Nasa-Klimatologe Jay Zwally erst vor Kurzem errechnet hat. Ich zitiere hier aus meinen Blogeinträgen zum Thema “Eisfreier Nordpol” vom 13. Dezember 2007:

    “Zwally hat mir vorgerechnet, dass das Meereis zwischen Oktober 2004 und 2007 um 32 Prozent an Fläche und um 50 Prozent an Volumen (!) verloren hat. Natürlich friert es im Winter wieder weitgehend zu, und das wird, so schätzt Zwally, auch noch auf lange Sicht der Fall sein. Doch das Polareis wird stetig dünner, was bedeutet, dass es in künftigen Jahren viel früher (und damit länger) eisfrei sein wird.”

    http://www.scienceblogs.de/geograffitico/2007/12/eisfreier-nordpol-in-funf-jahren.php
    http://www.scienceblogs.de/geograffitico/2007/12/eisfreier-nordpol-fortsetzung.php

  8. #8 AndreasB
    27. Juni 2008

    @Klaus Ermecke: Dass die Arktis seit es Menschen gibt nicht eisfrei war ist also eine Falschmeldung der Medien? Oder was ist hier gemeint?

    Andererseits scheint im Polarsommer 6 Monate lang die Sonne. Das hat ja in diesem Zeitraum bisher auch nicht gereicht, um das Arktiseis zu schmelzen.

  9. #9 Georg Hoffmann
    2. Juli 2008

    Pro Schmelzsaison kann max. 1 Meter verschwinden. Das kann man an Eisdickenverteilungen sehen (siehe http://www.scienceblogs.de/primaklima/2008/06/von-seeeis-und-mehr-eis-teil-ii.php)
    Die Nachricht mit der even-steven chance fuer einen eisfreien Nordpol hat trotzdem etwas arg von Medien-machen-sich-ihre-Nachrichten-selber.
    Siehe
    http://www.realclimate.org/index.php/archives/2008/06/north-pole-notes/langswitch_lang/de
    und dort insbesondere in der Diskussion Mark Serrezes “halbe Entschuldigung” dafuer, wie die ganze Geschichte in die Medien gekommen ist.
    So oder so, der Trend zum Verschwinden des Sommerseeeises ist reell und staerker als alle Modelle es vorhergesehen haben.
    Grusz

  10. #10 Georg Hoffmann
    2. Juli 2008

    Noch kurz zum Beitrag Herrn Ermeckes:
    “Die Temperaturen fallen ins Bodenlose, in der Antarktis gehen sie hinunter auf bis zu -87°C. (Die Nordpolarregion bleibt wärmer, weil sie “von Land umgebener Ozean” ist und dieser Wärme transportiert).”
    Unsinn. Die Antarktis wird so kall weil die Oberflaeche auf 4000 Meter liegt und es ca 3000-4000km bis zum offenen Ozean ist. In der Arktis gibt es auch in vom Satelliten aus gesehen zugefrorenen Gebieten Polynias, die einen grossen Waermebeitrag leisten.
    “Die Fläche als solche schwankt etwas, was leicht dadurch zu erklären ist, daß warme Meeresströmungen (namentliche der Golfstrom manchmal etwas mehr und manchmal eben auch etwas weniger Wärme in die Arktis transportieren.”
    Unsinn. Dafuer werden ja gerade Langzeitstatistiken angelegt. Deren Trend ist eindeutig
    1)http://arctic.atmos.uiuc.edu/cryosphere/IMAGES/current.anom.jpg
    2) http://primaklima.blogg.de/eintrag.php?id=11
    Ermecke meint thermohaline circulation und nicht Golfstrom.
    Und selbst dann …

  11. #11 Sonnenschutz Ingo
    3. Juli 2008

    Also ich glaube kaum, dass dieses dicke Eis diesen Sommer schmelzen wird. In 10 oder 20 Jahren vielleicht, aber garantiert nicht diesen Sommer. Das Eis ist doch da teilweise Kilometerdick, wie soll das denn innerhalb 3 oder 4 Monaten abschmelzen?

    Ingo

  12. #15 Fischer
    15. Juli 2008

    Kann das sein, dass du da was falsch verstanden hast? In dem Artikel steht nämlich keinesfalls, dass die arktische Eiskappe vollständig abschmelzen wird. Zitat: “Scientists warn that there may be no ice at North Pole this summer”
    Das ist etwas völlig anderes.

    Aus dem Artikel: “This meant that about 70 per cent of the sea ice present this spring was single-year ice formed over last winter. Scientists predict that at least 70 per cent of this single-year ice – and perhaps all of it – will melt completely this summer, Dr Serreze said.”

    D.h. 50-70% des vorhandenen Meereises verschwinden laut dieser Prognose, und nicht 100%. Das mehrjährige Meereis im Nordpolargebiet wird dieses Jahr sicher noch nicht schmelzen.

    Eisfrei wird das Polarmeer erst 2013 sein (meine private Prognose).

  13. #17 Frank Abel
    17. Juli 2008

    Nur ein Sturm im Wasserglas, wo kein Wasser ist. Es gibt sogar mehr Eis als vor einem Jahr in der Arktis.

    Siehe Wetter24: Eisfreier Sommer?

  14. #18 Theater Jochen
    2. Juni 2009

    Hauptsache wir versinken dann hier nicht in den Fluten. Außerdem kommen die Holländer dann alle rüber ;). Ne im ernst richtig Auswirkung wird das doch auf die Küsten haben. Wir versinken hier und in Afrika wird es wegen dem Klimawandel immer heißer. Na mal sehen was da noch so kommt…