Zwischen dem 5. und dem 9. Dezember des Jahres 1952 hing ein Nebel über London, der so dicht war, dass er 4.000 Menschen das Leben kostete. Weitere 8.000 Einwohner der Stadt starben an den Spätfolgen, nachdem sich der Smog wieder verzogen hatte.


Dies ist die Geschichte einer der schlimmsten Umweltkatastrophen, die sich in Europa je ereignet haben. Obwohl dabei tausende Menschen ihr Leben ließen, weiß heute kaum noch jemand etwas über den „Great Smog of London”. Die Katastrophe wurde verharmlost, verschwiegen, beschönigt und sogar romantisiert. Um diese Geschichte einigermaßen vollständig zu erzählen, braucht es mehr als nur fünf Absätze, weshalb dieser Blogpost ausnahmsweise eine leichte Überlänge aufweist. Wer ein wenig Zeit erübrigen kann, ist jedoch herzlich auf eine kleinen Ausflug ins London des Jahres 1952 eingeladen…

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Londoner “Bobby” mit Atemschutzmaske (Quelle: Greater London Authority)

Der 5. Dezember 1952 – ein schwarzer Tag für London

Dichter, wabender Nebel dürfte für London fast ebenso charakteristisch sein wie der Big Ben oder die Tower Bridge, weshalb kaum ein Einwohner sich über die Nebelschwaden gewundert haben wird, die am Mittag des 5. Dezember 1952 durch die Straßen zogen. Gegen drei Uhr nachmittags wurde der Nebel jedoch plötzlich immer dichter – und bereits eine Stunde später war die Sichtweite auf unter einen Meter geschrumpft. Die Sicht wurde so schlecht, dass die Londoner ihre Autos auf der Straße stehenlassen und sich entlang der Wände nach Hause tasten mussten. Selbst die Lichter der Straßenlampen wurden vom Nebel verschluckt.

Bereits innerhalb weniger Stunden zeigte sich, dass dieser Nebel anders war als alles, was die Stadt zuvor erlebt hatte. Er bahnte sich seinen Weg in Häuser und Fahrzeuge und kroch sogar unter die Kleidung der Menschen, deren Unterwäsche sich schwarz verfärbte. Im berühmten Theater Sadler’s Wells musste eine Aufführung von La traviata bereits nach dem ersten Akt abgebrochen werden, weil die Sicht im Gebäude (!) so schlecht geworden war, dass das Publikum die Schauspieler nicht mehr ausmachen konnte. Das große Sterben, dass die Stadt in den nächsten Tagen fest im Griff haben sollte, begann auf dem Viehmarkt in Smithfield, wo die Händler vergeblich versuchten, ihre kostbarsten Ochsen mit in Whiskey getränkten Tüchern vor dem Ersticken zu bewahren.

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Die Nelsonsäule am Trafalgar Square verschwindet im Nebel (Quelle: Wikipedia)

Auch unter der Londoner Bevölkerung kam es zu ersten Todesfällen. Erstaunlicherweise gab es weder am 5. Dezember noch an den vier darauffolgenden Tagen irgendeine Panik, da man in London an extreme Smog-Ereignisse durchaus gewöhnt war. Erst nachdem der Nebel verflogen war, zeigte sich das volle menschliche Ausmaß der Katastrophe.

„People would get sick all over the place. They would just fall down and just couldn’t breathe.”

- Steve Deacon, Busfahrer (aus „Killer Fog”, BBC)

Am 6. Dezember war die Sichtweite auf 30cm gefallen. Aufgrund der schlechten Sicht wurde der Bahn- und Busverkehr teilweise eingestellt, auch in Heathrow fanden kaum noch Starts und Landungen statt. Die wenigen Busse die noch fuhren, wurden entweder von einem Mann mit einer Fackel begleitet, oder fuhren mit offenen Türen, da Ruß und Asche die Scheiben soweit verklebten, dass man die Straße nicht mehr erkennen konnte.

„I have seen many fogs but that one was outstanding, because the fog and smut would just stick to the window – just like paint. If you had to make a journey, you had to lean out to the side window on the left if you could get out that way or look out to the door on the right side.”

- Steve Deacon, Busfahrer (aus „Killer Fog”, BBC)

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Londoner Straßenszene – aufgenommen gegen 2 Uhr am Nachmittag
(Quelle: Greater London Authority)

Da auch kaum noch Krankenwagen verkehrten, mussten sich die meisten Menschen, die unter akuten Atembeschwerden litten, zu Fuß in die Arztpraxen oder Krankenhäuser durchschlagen. In der 1999 produzierten BBC-Doku „Killer Fog” erinnert sich Dr. Horace Pile – damals ein junger Militärarzt – an den vergeblichen Versuch, einen 21jährigen Matrosen zu retten, der plötzlich im Nebel kollabiert war.

„I have never seen anything like it – a young man on active service in a state of complete collapse with breathing difficulties and obviously with a desperatly failing heart. I tried two local hospitals but unfortunately they where overwhealmed with civilian cases – chest problems which had flared up because of the fog – so they could hardly cope. [...] I rushed out to the back to find that he had just died as we arrived, just at that moment took his last breath. I tried to resuscitate him, but it was pointless. The drivers were in tears, and I personally felt a great sense of defeat.”

-Dr. Horace Pile (aus „Killer Fog”, BBC)

In den darauffolgenden Tagen starben so viele Menschen, dass die Leichen in den Kellern der Beerdigungsinstitute übereinander gestapelt werden mussten. Die meisten Toten wiesen blaue Lippen auf, was darauf hindeutet, dass die meisten Betroffenen in der Tat einfach erstickt waren. Auch Herzstillstand aufgrund von Kreislaufüberlastung war – nach allem was wir heute wissen – eine wesentliche Todesursache.

Der schlimmste der fünf Tage war Sonntag, der 6. Dezember, an dem fast 1.000 Menschen ihr Leben ließen. Am Montag verbesserte sich die Lage allmählich, doch erst ein am 9. Dezember einsetzender starker Südwestwind konnte den tödlichen Nebel auflösen. Als sich der Nebel verzogen hatte, waren über 4.000 Menschen daran gestorben – und 8.000 sollten in den kommenden Monaten an Folgeerkrankungen zugrunde gehen.

„My mother always came to meet me from school, talking to me, trying to make it seem as natural as possible so I would not get worried and afraid. I suddenly told her to stop – and if I had not done, she would have hit her nose on the wall, because she had not realized that she was so close to it. She was inches from it.”

- June Bretherton (aus „Killer Fog”, BBC)

Als eine von der Regierung eingesetzte Untersuchungskommission eine erste, vorläufige Bilanz zog, stellte sich heraus, dass sich die Sterberate in London in den Tagen der Katastrophe beinahe verdreifacht hatte, wobei bestimmte Bevölkerungsgruppen besonders stark betroffen waren. So stieg beispielsweise in der Gruppe der 65-75jährigen die Sterberate um ganze 235% an. Auch chronisch Lungenkranke waren schwer betroffen.

Wie viele Menschen die Smog-Katastrophe insgesamt das Leben kostete, ist noch heute weitestgehend unklar, da neben den etwa 12.000 Toten, die man dem Ereignis direkt zuordnen kann, auch schwerwiegende Langzeit-Auswirkungen auf die Gesundheit der Bevölkerung – etwa das Lungenkrebs-Risiko – vermutet werden.

Erster Teil der Doku “Killer Fog” – Links zu allen sechs Teilen siehe unten

Aber gehört der Nebel nicht zu London?

Tatsächlich gibt es in London schon seit dem 13. Jahrhundert Probleme mit der Luftqualität – wer kennt nicht die Bilder von London mit dichten Nebelschwaden, wegen denen es sogar den Maler Claude Monet in die Stadt zog?

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Claude Monet: Das Parlament in London, 1904 (Quelle: Wikipedia)

„London is never clear of this smoke, which is a plague and indeed intolerable because it kills not at once but always and is worse than even death itself. I propose therefore that by an act of this present parliament this infernal nuisance be reformed and that all these works be removed five to six miles distant from London.”

- John Evelyn, 1661

Auch die Fans von Sherlock Holmes sind mit dem Problem vertraut:

„In the third week of November, in the year 1895, a dense yellow fog settled down upon London. From the Monday to the Thursday I doubt whether it was ever possible from our windows in Baker Street to see the loom of the opposite houses”

- Sir Arthur Conan Doyle, The Adventure of the Bruce-Partington Plans, 1908

Trotz der bereits seit Jahrhunderten bestehenden Probleme war das Smog-Ereignis von 1952 in zweierlei Hinsicht einzigartig. Zwar waren auch in vorangegangenen Episoden besonders starker Luftverschmutzung stets zahlreiche Menschen gestorben, dies jedoch meistens nach tage- oder wochenlager Erkrankung im Krankenbett. Einen Nebel, der Menschen innerhalb von Minuten regelrecht zu Tode würgte, hatte man in London noch nicht erlebt. Der zweite große Unterschied bestand in der hohen Anzahl an Toten. Zwar hatten vorangegangene Smog-Episoden hunderte, bisweilen sogar tausende Opfer gefordert – 12.000 Tote waren jedoch selbst für die schlechten Londoner Verhältnisse entsetzlich viel.

Der erste Versuch, die Probleme mit der Luftqualität in London einzudämmen, war der „Public Health Act” von 1891. Dieses Gesetz ermöglichte erstmals die Bestrafung von Industriellen, die sich nicht an Auflagen bezüglich der Anzahl von Öfen oder Schornsteinen hielten. Die verteidigten sich vor Gericht jedoch häufig erfolgreich mit dem Argument, dass der Großteil der Verschmutzung aus den mehr als 700.000 privaten Kohleöfen stammte. Dazu kam noch, dass das Gesetz ausdrücklich auf die Eindämmung von „schwarzem Rauch” abzielte – für eine Strafe musste der Rauch daher ausschließlich von schwarzer Farbe sein. Wie man sich leicht vorstellen kann, waren Verurteilungen eher selten, was auch am Unwillen der Politik lag, die es sich mit der Industrie nicht verscherzen wollte.

„Although I may be told that the smoke from my coal fire assists in poisoning people outside, I prefer that very much to being poisoned myself by a gas fire in my own home.”

- Storry Dean, Parlamentsabgeordneter der konservativen Tories, 1936

Die gesundheitlichen Folgen der hohen Luftverschmutzung sowie der zahlreichen Smog-Episoden – von den Einwohnern liebevoll als „Erbsensuppe” bezeichnet – waren jedoch alles andere als unbekannt. So wurden in London schon seit Beginn des 20. Jahrhunderts Kinder unter UV-Lampen gesetzt, weil man erkannt hatte, dass das fast vollständige Fehlen von natürlichem Sonnenlicht ihre Gesundheit nicht unerheblich beeinträchtigte.

Wie entsteht eigentlich Wintersmog?

Prinzipiell unterscheidet man in zwei Arten von Smog. Der Wintersmog – der aus naheligenden Gründen auch als London-Smog bezeichnet wird – ist für die Todesfälle von 1952 verantwortlich. Das Pendant zum Wintersmog ist der Sommersmog, den man auch Photosmog oder Los Angeles-Smog nennt, da er in dieser Stadt zuerst beobachtet wurde. Diese Form von Smog ist weitaus weniger gefährlich, tritt aber wesentlich häufiger auf (wäre vielleicht mal ein gutes Thema für einen zukünftigen Blogpost).

Damit Wintersmog entsteht, müssen fünf Bedingungen erfüllt sein:

  1. Es muss eine Inversionswetterlage bestehen
  2. Die Temperatur muss knapp über dem Gefrierpunkt liegen
  3. Die Luftfeuchtigkeit muss möglichst hoch sein
  4. Es muss viel Schwefeldioxid in die Luft emittiert werden
  5. Die Luft muss äußerst staub- und rußhaltig sein

Bei einer Inversionswetterlage kehrt sich das atmosphärische Temperaturgefälle (warme Luft oben und kalte Luft unten) in einer Höhe zwischen 800 und 1.000 Metern um. Warme, mit Schadstoffen belastete Luft, die vom Boden nach oben aufsteigt, stößt an der Grenze der Inversion auf noch wärmere Luft, und kann daher nicht weiter nach oben aufsteigen. Der Abtransport von Schadstoffen wird dadurch erheblich behindert, insbesondere wenn es dazu noch windstill ist. Kommt es über einer Stadt, die sich in einem Talkessel befindet, zu einer Inversionswetterlage, kann sich bei Windstille eine regelrechte Smog-Glocke bilden.

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Smog in New York City (Quelle: Wikipedia)

Normalerweise wird eine Temperaturinversion aufgelöst, wenn die Sonne tagsüber den Boden erwärmt. Der Smog, der sich am 5. Dezember über London bildete, war jedoch so dick, dass die Sonne ihn nicht durchdringen konnte, weshalb die Smogglocke sich erst duch am 9. Dezember einsetzende Winde auflöste.

Während einer Inversionswetterlage kann das emittierte Schwefeldioxid (SO2) nicht abtransportiert werden, so dass sich die Konzentration immer weiter erhöht. Bildet sich Nebel, reagiert das SO2 mit dem Wasser nach folgender Formel zu Schwefelsäure (H2SO4):

2 SO2 + 2 H2O + O2 = 2 H2SO4

Der Staub bzw. der Ruß wirkt dabei als Katalysator der verhindert, dass die Reaktion durch das Absinken des pH-Werts zum Stillstand kommt. Man bezeichnet diese Smogform deshalb als Wintersmog, weil die Bedingungen bezüglich der Temperatur und der Luftfeuchtigkeit praktisch nur im Winter erreicht werden können. Smog dieser Art kann nur durch starken Wind oder Niederschlag aufgelöst werden.

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SO2-Konzentration im Dezember 1952 (Quelle: Greater London Authority)

Warum war der Wintersmog von 1952 so schwerwiegend?

Wintersmog-Ereignisse – auch langanhaltende – waren in London also keine Seltenheit. Dennoch war das Ereignis von 1952 in seinen Dimensionen einzigartig. Hierfür waren mehrere Faktoren ausschlaggebend. Von wesentlicher Bedeutung war die niedrige Qualität der Kohle, die Anfang der 50er Jahre in der Industrie und insbesondere in den privaten Haushalten eingesetzt wurde. Da sich Großbritannien nach dem Zweiten Weltkrieg in einer schwierigen wirtschaftlichen Lage befand, wurde die im Inland geförderte hochwertige Kohle fast ausschließlich exportiert. Dazu kam noch, dass in den Tagen vor der Katastrophe eine untypische Kälte herrschte, die dazu führte, dass in den privaten Haushalten besonders viel dieser minderwertigen Kohle verheizt wurde.

Neben der Luftverschmutzung, die durch Industrie und Haushalte in die Atmosphäre eingetragen wurde, waren es vor allem die drei großen Kohlekraftwerke in Battersea, Bankside und Kingston die für den „Great Smog” von 1952 verantwortlich waren. Der „letzte Sargnagel” war das große Kraftwerk in Kingston, das 1948 den Betrieb aufnahm. Auch der Einsatz von Dieselbussen, die Anfang der 50er Jahre die alten elektrischen Straßenbahnen ablösten, trug zur Katastrophe bei. Als sich am 4. Dezember 1952 eine Inversionswetterlage über der Stadt bildete, die von einer tagelangen Windstille begleitet wurde, war der „perfect storm” nicht mehr aufzuhalten.

Dazu kommt, dass die britische Regierung vergleichbare Ereignisse in anderen Staaten, die als eine Vorwarnung hätten betrachtet werden sollen, konsequent ignorierte. So erstickten im Jahr 1930 mehr als 60 Menschen während einer Inversionswetterlage in Belgien an stark konzentrierten Industrieabgasen. Eine mit britischer Hilfe durchgeführte Studie des Ereignisses kam explizit zu dem Schluss, dass ein vergleichbarer Vorfall in London bis zu 3.200 Leben kosten könnte – eine zu niedrige Schätzung, wie sich 12 22 Jahre später zeigen sollte. Auch extreme Smog-Ereignisse in den USA, die 1939 in St. Louis und 1948 in Donora auftraten, führten zu keinerlei Umdenken hinsichtlich der Luftverschmutzung.

Too little too late – die Reaktion der Behörden

Betrachtet man die Reaktion von Behörden und Regierung auf die Katastrophe, so fällt besonders ein Mann negativ auf. Der für den Katastrophenschutz zuständige Minister Harold Macmillan weigerte sich über mehrere Wochen lang beharrlich, in dem tödlichen Ereignis etwas anderes als ein extremes Wetterphänomen zu sehen. Kritische Fragen durch Presse und Parlamentarier bügelte er mehrfach mit dem lakonischen Hinweis darauf ab, die Regierung könne „nicht für das Wetter verantwortlich gemacht” werden.

Die Tatsache, dass die Katastrophe menschliche Ursachen hatte, wurde – nicht nur von Macmillan – energisch geleugnet. Selbst als sich Macmillan am ersten Weihnachtsfeiertag nach Hause begab – knapp zwei Wochen nach der Katastrophe – bestand er noch immer darauf, dass man es mit einem etwas kuriosen Wetterphänomen zu tun habe.

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Harold Macmillan im Gespräch mit Tito

Nachdem sich Anfang 1953 die Hinweise darauf verdichteten, dass die Luftverschmutzung durch Industrie und private Haushalte bei dem Desaster eine herausragende Rolle gespielt haben musste, änderte Macmillan seine Strategie. Anstatt die Zusammenhänge länger zu verleugnen versteifte er sich darauf, dass die bestehenden Gesetze der Regierung mehr als genug Spielraum ließen, um zukünftige Smog-Katastrophen abzuwenden. Wie er in einer Rede vor britischen Parlamentariern am 31. Januar 1953 durchblicken ließ, hatte der Widerstand gegenüber schärferen Umweltgesetzen auch ökonomische Gründe.

„I am not satisfied that further legislation is necessary at present. We do, what we can. But the honorable gentlemen must realize that there are broad economic considerations, that have to be taken into account.”

- Harold Macmillan am 31. Januar 1953 im britischen Unterhaus

Hinter den Kulissen war jedoch auch der britischen Regierung längst klar, was da im Dezember 1952 passiert war. Auf Anordnung von Macmillan führte das Militär Tests mit verschiedenen Gasmasken-Typen durch, die jedoch zu dem Ergebnis kamen, dass keine Maske wirksam vor der Vergiftung durch derartig stark konzentrierte Luftverschmutzung schützen konnte. Dennoch verteilte die Regierung nach 1952 im Winter regelmäßig Masken, insbesondere um dem Anschein von Untätigkeit und Hilflosigkeit zu begegnen.

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Londoner Bürger mit Atemschutzmaske (Quelle: Greater London Authority)

Die beharrliche Weigerung der Regierung, dem Desaster mit schärferen Gesetzen zur Reinhaltung der Luft zu begegnen, rief 1953 einige britische Parlamentarier auf den Plan, die – unter anderem mit der Androhung, ein eigenes Gesetzesvorhaben auf den Weg zu bringen – eine Druckkulisse aufbauen konnten, welche die Regierung dazu bewog, im Jahr 1956 den ersten „Clean Air Act” zu verabschieden. Die Verbrennung von Kohle in privaten Haushalten wurde mit diesem Gesetz Schritt für Schritt zurückgefahren, 1968 wurde das Gesetz durch einen zweiten „Clean Air Act” ergänzt.

Sind wirklich 12.000 Menschen gestorben?

Ein von Macmillan in Auftrag gegebener Untersuchungsbericht kam 11 Monate nach dem Desaster zunächst zu dem Schluss, dass die Katastrophe etwa 12.000 Menschen das Leben gekostet hatte. Da diese Zahl den Beamten im Gesundheitsministerium zu hoch erschien, entschloss man sich dazu, den Untersuchungszeitraum künstlich auf die Periode vom 5. bis zum 20. Dezember zu kürzen, so dass alle nachfolgenden Todesfälle durch ungewöhnliche Atemwegserkrankungen nicht mehr in der Statistik erschienen.

Auf diese Weise begrenzte man die Zahl der Toten künstlich auf 4.000 – eine Zahl, die lange Zeit die „offizielle” Todeszahl blieb und die noch heute häufig genannt wird. Die hohe Zahl von Todesfällen in den Monaten nach dem Smog-Ereignis wurde seitens des Ministeriums auf eine Influenza-Welle zurückgeführt.

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Todesfälle im Dezember 1952, verglichen mit dem Durchschnitt der Vorjahre
(Quelle: Greater London Authority)

Eine von Bell und Davis 2001 durchgeführte Regressionsanalyse belegt dagegen einen starken Zusammenhang zwischen der Mortalität in London und der Verschmutzung der Atemluft- selbst wenn man die Katastrophenwoche von 1952 aus dem Modell nimmt.

Auch Bell et al befassten sich 2004 mit der Frage, welcher Anteil der insgesamt 13.500 „exzess deaths” zwischen Dezember 1952 und März 1953 auf die Luftverschmutzung und welcher Anteil auf die Influenza zurückzuführen ist. Mit Hilfe einer Sensitivitätsanalyse konnten sie belegen, dass nur eine Influenza von extremen Ausmaßen in der Lage gewesen wäre, so viele Todesfälle zu verursachen – eine Influenza, die es 1952/53 nicht gab.

Die Analyse gesundheitsbezogener Statistiken im Zusammenhang mit der Smog-Katastrophe von 1952 brachte übrigens noch andere kuriose Zusammenhänge zum Vorschein: So wies beispielsweise Lyster anhand der Londoner Geburtenzahlen von 1953 nach, dass sich das Geschlechterverhältnis durch Umweltkatastrophen signifikant verschieben kann.

Fazit und Epilog

Durch den Vorfall von 1952 kam der Zusammenhang zwischen Luftverschmutzung und Gesundheit erstmals ans Licht der Öffentlichkeit, wodurch Politik und Wissenschaft dazu animiert wurden, sich mit der Sache zu befassen. Die Todesfälle von London waren Anstoß für Studien und Gesetzesvorhaben in zahlreichen Industrienationen – auch wenn sich heute bei der Diskussion um Feinstaub-Grenzwerte oder sonntägliche Fahrverbote kaum jemand an das Desaster erinnert.

30.000 Einwohner der Stadt London waren während der Jahre des Zweiten Weltkriegs durch V2-Raketen und deutsche Bombenangriffe zu Tode gekommen. Der Smog von 1952 brachte fast halb so vielen Menschen in weniger als einem halben Jahr den Tod.

Harold Macmillan, der Minister of Housing and Local Government, der sich während und nach der Katastrophe als einer der größten Beschwichtiger und Verharmloser hervorgetan hatte, setzte seine politische Karriere unbeschadet fort, und wurde 1957 zum britischen Premier gewählt – ein Amt, das er bis 1963 innehatte.

Nach der Katastrophe von 1952 bot die US-Regierung der britischen Regierung die Lieferung von 100.000 kostenlosen Gasmasken an die Einwohner der Stadt London an – allerdings nur unter der Bedingung, dass auf jeder Maske ein Werbeaufdruck für die US-Zigarettenmarke „Kent” plaziert werden durfte. Die britische Regierung lehnte das Angebot dankend ab.

Man schätzt, dass in London noch heute mehrere hundert Menschen jedes Jahr aufgrund von Smog und Verkehrsdreck frühzeitig versterben. Europaweit kommen heute mehr Menschen aufgrund von Abgas-induzierten Krankheiten ums Leben, als bei Verkehrsunfällen zu Tode kommen – 24.000 davon allen in England.


Verwendete Quellen:

Lyster, W. R.: Altered sex ratio after the London smog of 1952 and the Brisbane Flood of 1965; International Journal of Obstetrics and Gynaecology; Volume 81; Issue 8, 626-631; 2005. DOI: 10.1111/j.1471-0528.1974.tb00529

http://www3.interscience.wiley.com/journal/119669322/abstract?CRETRY=1&SRETRY=0

Hunt, A.; Abraham, J.; Judson, B. & Berry, C.: Toxicologic and epidemiologic clues from the characterization of the 1952 London smog fine particulate matter in archival autopsy lung tissues; Environmental Health Perspectives; Volume 111; Issue 9; 1209-1214; 2003.

http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC1241576/

Bell, M.; Davis, D.L. & Fletcher, T.: A retrospective assessment of mortality from the London smog episode of 1952: The role of influenza and pollution; Environmental Health Perspectives; Volume 112; Issue 1; 6-8; 2004.

http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC1241789/

Bell, M. & Davis, D.L.: Reassessment of the lethal London fog of 1952: Novel indicators of acute and chronic consequences of acute exposure to air pollution; Environmental Health Perspectives; Volume 109; Issue 3, 2001.

http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC1240556/

50 years on: The struggle for air quality in London since the great smog of December 1952, Bericht über den Umgang mit Luftverschmutzung, herausgegeben durch die Greater London Authority.

http://www.london.gov.uk/mayor/environment/air_quality/docs/50_years_on.pdf

Lehrbrief I der Lehrbrief-Reihe „Regenerative Energiequellen” der Fernschule Weber.

http://fernschule-weber.de/lehrgang/req/index.htm

BBC-Doku „Killer Fog” auf youTube: Teil 1 | Teil 2 | Teil 3 | Teil 4 | Teil 5 | Teil 6

Internet-Quellen:

Encyclopedia of Earth:
http://www.eoearth.org/article/London_smog_disaster,_England

Wikipedia-Artikel zum „Great Smog of London”:
http://en.wikipedia.org/w/index.php?title=Great_Smog (engl.)
http://de.wikipedia.org/wiki/Smog-Katastrophe_in_London_1952 (dt.)

Kommentare

  1. #1 Thomas
    25. Januar 2010

    Ein wirklich gelungener und informativer Artikel. Danke!

  2. #2 Rolf
    25. Januar 2010

    Guter, informativer Artikel. Ich wusste bis dato auch noch nichts von dieser Smog-Katastrophe. Danke.

    Kleiner Einwurf:

    [...]So erstickten im Jahr 1930 mehr als 60 Menschen während einer Inversionswetterlage in Belgien an stark konzentrierten Industrieabgasen. Eine mit britischer Hilfe durchgeführte Studie des Ereignisses kam explizit zu dem Schluss, dass ein vergleichbarer Vorfall in London bis zu 3.200 Leben kosten könnte – eine zu niedrige Schätzung, wie sich 12 Jahre später zeigen sollte.[...]

    Von 1930-1952 sind bei mir 22 Jahre, nicht 12 :).

  3. #3 Christian Reinboth
    25. Januar 2010

    @Thomas, Rolf: Vielen Dank für die Blumen!

    @Rolf: Stimmt natürlich – habe ich korrigiert. Für eine umfassende “Endredaktion” ist heute im Büro leider zu viel los. Ich hoffe, es sind nicht viel mehr Tippfehler drin…

  4. #4 Ludmila
    25. Januar 2010

    Erschreckend.

    Vor allem zeigt es, was alles passieren muss, damit ein Problem überhaupt erst mal als solches erkannt wird. Und selbst dann wird alles der “Wirtschaft” untergeordnet. Ein Arbeitsplatz, den allerdings sowieso keiner garantieren kann, ist halt wichtiger als Luft zum Atmen.

    Leider ist es nicht so, als ob wir heute groß draus gelernt hätten.

  5. #5 Jörg
    25. Januar 2010

    Sehr guter Artikel, danke. Ich hatte auch noch nichts dazu gehört, erschreckend vor allem wie selbstverständlich das aufgenommen wurde…

  6. #6 Marcus Anhäuser
    25. Januar 2010

    @Ludmilla
    Leider ist es nicht so, als ob wir heute groß draus gelernt hätten.
    Ist das so? Sind nicht Sachen wie Rauchentschwefelungsanlagen, Katalysator und Partikelfilter nicht eine Folge dieser Ereignisse? Find ich schon.

  7. #7 Christian Reinboth
    25. Januar 2010

    @Marcus: Natürlich hat die Gesellschaft sogar eine ganze Menge aus dem Smog-Desaster von London und ähnlichen Ereignissen gelernt – allerdings nur im Hinblick auf Smog. Das grundlegende Problem, dass erst einmal ein riesiger Schaden entstehen muss, bevor man sich bestimmter Umweltprobleme überhaupt annimmt, besteht aber leider fort. Von den Fortschritten in Sachen Luftqualität bei uns einmal abgesehen, herrschen zudem in einigen größeren Städten in den Ländern der Dritten Welt auch heute Bedingungen, die denen von London schon ziemlich nahe kommen, so dass eine Wiederholung leider nicht vollkommen auszuschließen ist…

  8. #8 Marcus Anhäuser
    25. Januar 2010

    @Christian
    global betrachtet hast Du/habt Ihr sicher Recht.

  9. #9 Christian A.
    25. Januar 2010

    Sooo lang war der Artikel auch nicht ;)

    Aber ich schließe mich an, schöner informativer Text.

  10. #10 Thierbach
    25. Januar 2010

    Hätte mich heut morgen jemand gefragt, was denn Smog sei, und ob ich schon einmal welchen erlebt hätte, wäre meine Antwort gewesen: ja, natürlich. Zu kommunistischen Zeiten hat es das im Osten durchaus immer mal gegeben, v.a. in einer Stadt, die früher mal Rußchamn’tz genannt wurde.
    Jetzt habe ich den Eindruck, das seien allenfalls leichte Eintrübungen gewesen.
    Vielen Dank für diesen Beitrag.

  11. #11 alpha beta
    25. Januar 2010

    Toller Artikel!

  12. #12 Britta Stahl
    25. Januar 2010

    Ein starker Artikel über ein Ereignis, von dem ich vorher noch nie etwas gehört hatte. Das muss ja der absolute Ausnahmezustand gewesen sein!

  13. #13 Christian Reinboth
    25. Januar 2010

    @Thierbach: Wobei die Luftverschmutzung in der DDR auch nicht ohne war:

    http://germanhistorydocs.ghi-dc.org/sub_image.cfm?image_id=92&language=german

    Gerade die SO2-Werte lagen zu DDR-Zeiten auch manchmal jenseits von Gut und Böse – und auch das hatte natürlich gesundheitliche Schäden zur Folge. Nur sind die Leute eben nach und nach erkrankt und nicht plötzlich erstickt…

  14. #14 Ilona Baldus
    25. Januar 2010

    Der Artikel ist echt wunderschön geschrieben. Davon hab auch ich nichts gewusst.

    “Europaweit kommen heute mehr Menschen aufgrund von Abgas-induzierten Krankheiten ums Leben, als bei Verkehrsunfällen zu Tode kommen – 24.000 davon allen in England.”

    Ich hätte vor allem nie gedacht, dass die Abgasbelastung in Europa auch heute noch so hoch ist. Klar China und Mexiko – das hört man ja ständig. Aber England?

  15. #15 Christian Reinboth
    26. Januar 2010

    @Ilona: Es ist in der Tat kaum zu glauben…

    The UK has one of the worse rates of air pollution from cars and factories in Europe and could be fined £300 million in the next 18 months because of failure to meet clean air targets. [...] Previous research shows air pollution already kills 24,000 people a year and could kill up to 36,000 because of lung complaints.

    http://www.telegraph.co.uk/earth/earthnews/6691814/Failure-to-cut-air-pollution-will-cost-the-taxpayer-and-kill-36000.html

    In a major collaborative study in Europe overall, Künzli et al. (2000) calculated that the net impact on health from pollution tied with transport was greater than that associated with traffic crashes alone.

    http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC1241116/pdf/ehp0110-a00734.pdf

  16. #16 Ulrich Berger
    26. Januar 2010

    Christian, hast du diesen schönen, ausführlichen und penibel recherchierten Artikel einzig und alleine für SB geschrieben? Oder kannst du ihn wenigstens als Seminararbeit im Studiengang verwenden?

  17. #17 Christian Reinboth
    26. Januar 2010

    @Ulrich: Bis jetzt ist da keinerlei Zweitverwertung geplant – sollte ich in Hagen je in die Verlegenheit kommen, eine Seminararbeit über Luftverschmutzung schreiben zu müssen, hätte ich aber immerhin schon mal einen Themenvorschlag. Fürs neue Jahr hatte ich mir vorgenommen, insgesamt weniger und dafür besser recherchierte und längere Artikel zu schreiben – mal sehen wie lange ich das tatsächlich durchhalte. Davon abgesehen ist der Post nicht so penibel recherchiert wie es vielleicht aussieht – 90% der Inhalte stammen aus gerade mal zwei Papern und der BBC-Doku…

    Trotzdem vielen Dank für die Blumen :-)

  18. #18 Alexander
    27. Januar 2010

    Klasse, toller Artikel! Ich hör auch zum ersten Mal über das Thema – wäre das nicht ein toller Edgar Wallace geworden, wo der allgegenwärtige Nebel auch noch der Killer ist? ;-)
    Ein klarer Kandidat für die Auslese 2010 jedenfalls!

  19. #19 Steffen Flatho
    29. Dezember 2011

    Sehr guter Artikel wirklich gut gelungen.

  20. #20 Sebastian (naanoo.com)
    17. März 2012

    Krass. Die Story kannte ich noch gar nicht. Bin über die Google Bildersuche hier reingeschneit.

    Das sollte man jedem vorhalten, der den Eindruck hat, alles wird immer schlimmer und früher war alles besser. Wir sind in Deutschland auf einem sehr guten Weg, was den Schutz von Mensch und Umwelt angeht. Das wird mir angesichts solcher Berichte immer wieder klar.

    Und dafür bin ich sehr dankbar.

    LG vom Wannsee,

    Sebastian

  21. #21 Sebastian (naanoo.com)
    17. März 2012

    Ich nochmal. Hatte glatt überlesen, dass das 19!52 war. Unglaublich! Werde morgen mal bloggen und verlinken.

  22. #22 Christian Reinboth
    21. März 2012

    @Sebastian: Vielen Dank für die Blumen. Die Vergangenheit hält in der Tat noch etliche unglaubliche Geschichten bereit, die man mal verbloggen könnte – wenn denn die Zeit dazu vorhanden wäre. Hingewiesen sei an dieser Stelle nur mal exemplarisch auf Pruitt-Igoe, das Tuskegee-Experiment oder die Neuschwabenland-Story. Und da gäbe es noch so viel mehr…

  23. #23 T Schilling
    22. Juli 2013

    Ich würde die Bilder in diesem Artikel gern nutzen, aber der Quellennachweiß ist jeweils leider nicht richtig verlinkt oder man verweist sich von Quelle zu Quelle bis nab wieder auf eine 403 Seite kommt. Schade!

  24. #24 Christian Reinboth
    22. Juli 2013

    @T. Schilling: Welche Quellenangabe fehlt denn konkret?

    • #25 T Schilling
      22. Juli 2013

      Du hast schon Quellen angegeben, aber ich komm bei den Bildern nur auf eine 403 Seite, also dass ich nicht zugreifen darf. Ich würde gern ein paar Bilder als Quelle für eine Hausarbeit nehmen, da brauch ich aber die richtige Quelle. Wer war also der Fotograf? Wo wurde es veröffentlicht? Etc…

  25. #26 Christian Reinboth
    22. Juli 2013

    @T. Schilling: Tasächlich, der Link zum Bericht der Greater London Authority läuft inzwischen ins Leere – schade, aber sowas kann nach drei Jahren durchaus passieren. Ich habe aber mal ein wenig via Google gesucht und konnte dabei die ursprüngliche Quelle unter neuer URL lokalisieren:

    http://legacy.london.gov.uk/mayor/environment/air_quality/docs/50_years_on.pdf