Seit dem vergangenen Jahr beschäftigt mich im Rahmen meiner Arbeit im Netzwerk ZIM-NEMO TECLA (Technische Pflegeassistenzsysteme) an der Hochschule Harz unter anderem die Frage, wie sich die Dokumentation chronischer Wunden in der ambulanten Pflege durch den Einsatz von Sensorsystemen, digitalen Stiften und Software verbessern ließe. Eine erste Skizze unserer Ideen hatte ich letztes Jahr schon für die ScienceBlogs verfasst, seitdem haben wir das Konzept soweit verfeinert, dass nun im kommenden Januar ein eineinhalbjähriges F&E-Projekt starten kann, in dessen Rahmen das “DigiWund”-System bis zur Marktreife weiterentwickelt werden soll.

Zur Einwerbung einer Co-Finanzierung dieses F&E-Projekts durch das Land habe ich vor einigen Monaten einen Förderantrag (überigens für dieses empfehlenswerte Programm) verfasst, in dessen Rahmen auch eine genaue Darstellung der zu erreichenden technischen Parameter – etwa im Hinblick auf die fotografischen Eigenschaften des Systems – erarbeitet werden musste. Um eine solide theoretische Grundlage für unser Lasten-/Pflichtenheft zu schaffen, habe ich eine mehrmonatige Literaturstudie zum Themenkomplex der schriftlichen wie auch der fotografischen Wunddokumentation durchgeführt, in deren Rahmen ich die für unser Vorhaben wesentlichen Erkenntnisse aus knapp 50 wissenschaftlichen Publikationen der letzten Jahre zusammengetragen habe. Damit die Ergebnisse dieser Literaturrecherche nach erfolgter Antragstellung nicht in einer Schublade verschwinden, habe ich während der letzten Monate an den Wochenenden aus den Stichwortsammlungen und Skizzen ein lesbares LaTeX-Manuskript erstellt und beim Münchener GRIN-Verlag für akademische Texte unter dem Titel “Grundlagen der Wunddokumentation” veröffentlicht. Das erste Kapitel dieses – mit 84 Seiten noch sehr übersichtlichen – Handbuchs stelle ich als “Appetitanreger” heute hier im Blog ein.

___________________

Kapitel 1: Einführung

Chronische Wunden – ein gesellschaftliches Problem

Mehr als 4,5 Millionen Deutsche – mehr als 5% der Bevölkerung – leiden derzeit unter chronischen Wunden — Verletzungen, die aus unterschiedlichen Gründen nicht oder nur sehr langsam verheilen und die die Lebensqualität der Betroffenen stark einschränken können. Die Langzeit-Behandlung derartiger Wunden belastet das Gesundheitswesen der Bundesrepublik mit jährlichen Kosten in Höhe von mehr als 5 Milliarden Euro. Leiden und Kosten, die sich in den kommenden Jahrzehnten aufgrund des demografischen Wandels vervielfachen werden: Allein für den Zeitraum der kommenden 25 Jahre prognostizieren die Demografen eine Verdoppelung der Erkrankten auf dann über neun Millionen Deutsche – und das bei einem gleichzeitigen Rückgang der Bevölkerung auf unter 80 Millionen Menschen (vgl. Karl et al 2007, S.1).

Die Bundesrepublik steht mit diesem Problem nicht alleine da: Der Austrian Wound Association zufolge leiden etwa 2% der österreichischen Bevölkerung unter chronischen Wunden, für die jährliche Behandlungskosten von 400 Millionen Euro anfallen – und in den Vereinigten Staaten werden jedes Jahr sogar mehr als 20 Milliarden Dollar (16 Milliarden Euro) für die Behandlung chronischer Wunden ausgegeben (vgl. Rennert et al 2008, S.32). Chronische Wunden sind damit nicht nur ein gesundheitliches, sondern auch ein enormes volkswirtschaftliches Problem – so werden allein für die Behandlung sogenannter “offener Beine” derzeit etwa 2,5% des gesamten Gesundheitsetats aufgewendet (vgl. Auböck 2005, S.15). Diese primären Behandlungskosten sind um weitere sekundäre Kosten zu ergänzen – so verbleiben etwa Patienten mit chronischen Wunden bei Krankenhausaufenthalten im Schnitt 12 Tage länger in Behandlung, Betroffene im arbeitsfähigen Alter scheiden häufig aus dem Arbeitsleben aus.

Schwerer noch als die wirtschaftlichen wiegen die sozialen Schäden, die durch schlecht heilende Wunden verursacht werden. Betroffene leiden unter einem starken Verlust an Lebensqualität, der primär durch die Wundschmerzen einerseits sowie den mit derartigen Wunden häufig einhergehenden Verlust an Mobilität andererseits hervorgerufen wird. Hinzu kommen in vielen Fällen eine veränderte Körperwahrnehmung und große Scham über Aussehen oder Geruch der Wunde, die zu einer erheblichen sozialen Isolation und einer Abkehr von Familienmitgliedern und Freunden führen kann.

Dekubitus – diabetischer Fuss – offenes Bein

Obgleich es im Bereich der chronischen Wundversorgung eine ganze Reihe unterschiedlicher Krankheitsbilder gibt, finden in diesem Buch lediglich die drei volkswirtschaftlich und medizinisch bedeutensten Arten von chronischen Wunden — der Dekubitus, der diabetische Fuß sowie der Ulcus cruris – nähere Beachtung. Auf diese Weise wird der Rahmen eines handlichen Taschenbuchs nicht überschritten — eine Begrenzung, die auch vor dem Hintergrund legitim ist, dass die hier dargestellten Überlegungen zur Dokumentation solcher Wunden prinzipiell für alle Arten von (chronischen) Wunden Gültigkeit besitzen.

Die bekannteste dieser drei chronischen Wundarten dürfte der Dekubitus sein – ein Druckgeschwür, das sich vor allem bei älteren und bettlägerigen Menschen schnell an Körperstellen bilden kann, die einer erhöhten Druckbelastung ausgesetzt sind. Experten schätzen, dass bis zu 20% aller Seniorinnen und Senioren, die sich in stationärer oder häuslicher Pflege befinden, ein solches Druckgeschwür entwickeln (vgl. Stötzer 2007, S.7).

Die durch Dekubiti verursachten Kosten für das Gesundheitswesen lassen sich wegen der individuellen Wundverläufe nur schlecht generalisieren. Aufgrund der verlängerten Verweildauer im Krankenhaus und der Mehrkosten für die – ambulante oder stationäre – Langzeitversorgung der Wunde, ist aber von jährlichen Behandlungskosten zwischen 4.550 und 19.500 Euro pro Betroffenem auszugehen (vgl. Sellmer 2011, S.3). Mit 1,71 Millionen Dekubitusfällen in Deutschland gehören Druckgeschwüre damit auch volkswirtschaftlich zu den wichtigsten chronischen Wunderkrankungen — und dies mit steigender Tendenz, ist doch aufgrund des demografischen Wandels mit einer erheblichen Zunahme an Dekubitusfällen zu rechnen.

1 / 2 / 3 / Auf einer Seite lesen

Kommentare (6)

  1. #1 Sven
    2. Januar 2013

    Das Thema bietet wohl nicht genügend Konfliktpotential für Kommentare?! 😉

    Als Altenpfleger möchte ich einfach mal Danke sagen, Deine Arbeit sieht nach einer wirklich nützlichen Hilfe aus.

  2. #2 Christian Reinboth
    2. Januar 2013

    @Sven: Vielen Dank für das Lob aus der Praxis! Und soweit es das Konfliktpotential betrifft – worüber sollte man auch streiten…?

  3. […] im Hinblick auf die Arbeit unseres Telepflege-Netzwerks TECLA (über das ich hier, hier, hier und hier schon berichtet hatte – und für das wir übrigens erst vor einigen Wochen vom […]

  4. […] als eBook erhältlich. Das vollständige erste Kapitel lässt sich bei Interesse schon mal hier in meinem Blog “Frischer Wind” auf den ScienceBlogs nachlesen. Share […]

  5. […] Weitere Informationen zum Buch finden sich hier im Blog, das vollständige erste Kapitel kann hier eingesehen werden. Bei der in der obigen Auflistung referenzierten Quelle handelt es sich übrigens […]

  6. […] Dokumentation zu betreibende Aufwand bei der Grundpflege nur bei etwa 10% liegt, steigt er bei der Wundversorgung auf 20% und bei der Medikamentenausgabe auf 30% an. Wie während der Workshops mit Pflegekräften […]