Über die kuriose Rolle von Monsanto als Hort alles Bösen hat Florian Aigner drüben bei “Na klar!” schon viel Lesenswertes geschrieben, das an dieser Stelle gar nicht wiederholt werden soll. Kurz hinweisen möchte ich aber auf die durchaus bemerkenswerte gestrige Bundestags-Rede unserer ehemaligen Familienministerin Dr. Kristina Schröder (CDU) im Rahmen der von den Grünen eingeforderten “aktuellen Stunde” zum Aufkauf von Monsanto durch die deutsche Bayer AG. Auch wenn ich mit Kristina Schröder weiß Gott nicht immer einer Meinung bin – in diesem Fall bringt sie die ganze Technikfeindlichkeit und Fortschrittsangst in diesem Land, die meist völlig sinnlose und willkürliche Unterscheidung in “gute und böse” Landwirtschaft / Chemie / Forschung etc. sowie nicht zuletzt auch den rechtsstaatlichen Affront des unsäglichen “Monsanto-Tribunals” in Den Haag hervorragend auf den Punkt.

Es ist schon ein Kreuz mit der Politik: Die einen pochen darauf, dass beim Klimawandel endlich mal auf die Mehrheit der Wissenschaftler*innen gehört wird (“Der Konsens ist längst klar!”), ignorieren dann aber vollständig, was die Mehrheit der Wissenschaftler*innen zu grüner Gentechnik zu sagen hat (“Alle gekauft!”). Die anderen sind dagegen bereit, in Sachen grüner Gentechnik auf die Forschung zu hören, blenden unangenehme Forschungsergebnisse in anderen Bereichen dann aber ebenfalls gerne aus – gefühlt je nach den zu erwartenden Auswirkungen auf die Shareholder Value. Das kann es auf Dauer wirklich nicht sein…

(Grafik oben: Die chemische Struktur des von Monsanto vertriebenen, glyphosathaltigen Breitband-Herbizids Roundup, Lizenz: gemeinfrei, Quelle: Wikimedia Commons)

Kommentare (17)

  1. #1 Christian Reinboth
    22. September 2016

    Wirklich ärgerlich finde ich übrigens die vielen und teilweise sehr lauten Zwischenrufe. Kann man es als Bundestagsabgeordnete/r nicht mal sechs Minuten (!) ertragen, eine Meinung zu hören, die nicht der eigenen entspricht?

  2. #2 Johann
    22. September 2016

    Ergänzend zu Reinboth: Traurig finde ich auch die massive Abwesenheit von Abgeordneten. Der Saal war ja fast leer.

  3. #3 Siskin
    22. September 2016

    Selektive Wahrnehmung ist eine grundlegende Fähigkeit, die oft genug überlebensnotwendig war.
    Die Fähigkeit, sich unserer eigenen “Blinden Flecken” bewusst zu werden und gerade dort auch die Aufmerksamkeit hin zu lenken, wo es unangenehm ist, die wird über unser Überleben in Zukunft bestimmen.

  4. #4 Lercherl
    22. September 2016

    Zum Schluss sagt sie irrtümlich “Ideologie” statt “Technologie”

  5. #5 Hobbes
    22. September 2016

    Früher hatte ich dafür immer nur ein müdes Lächeln über. Bei der Kernenergie wurde auch schon immer auf Emotionen gesetzt und nicht auf Wissenschaft. Es gab sicherlich auch gute Gründe dagegen aber die waren nie die beherrschenden Themen. Der Schaden der dadurch entstand war zwar ägerlich aber verkraftbar (wobei die Verhinderung von Humaninsulin und golden rice schon an der Grenze des zumutbaren waren).
    Schlimm ist es aber, dass die Taktik der gezielten Desinformation (um nicht zu sagen Lügen) jetzt von der rechten Seite ähnlich erfolgreich kopiert wird. Wenn es dabei nicht um Menschenleben ginge, könnte man sich jetzt freuen wie die Leute mit den Geistern fertig werden müssen, die sie gerufen haben. Natürlich würden die Rattenfänger auch so agieren, ur hätten die es nicht ganz so einfach. Und wenn man sich die Querfront bei TTIP anschaut, kann einen schlecht werden.

  6. #6 hernert
    22. September 2016

    @Johann hat es ja schon gesagt: ist doch schön, wenn überhaupt noch jemand reinruft… so leer wie unser Bundestag immer ist….
    Wofür bekommen die ihr Geld? Aufsichtsratssitzung bei Monsanto, VW, Rheinenergie?

  7. #7 znep82
    22. September 2016

    @hernert
    Oder für die Arbeit in den Ausschüssen vielleicht?

  8. #8 Michel
    Sofa
    22. September 2016

    Ich denke, wir sehen hier das Ergebnis jahrelangen Miesmachens wissenschaftlichen Fortschritts. Journalistenpreise werden eben nicht mit Aufklärung, sondern mit Skandalisierung gewonnen. Eine Chancen-Risikenabschätzung beim Einsatz neuer Technologien existiert nicht mehr. Allein der Nachweis von Glyphosat reichte doch schon aus, Deutschlands Vernunft zu destabilisieren.

  9. #9 Omnivor
    Am Nord'pol' von NRW
    22. September 2016

    “Internationales Monsanto Tribunal” = nichtstaatliche Gerichtsbarkeit.
    Ist das nicht das, was bei TTIP verhindert werden soll?

  10. #10 Tim
    22. September 2016

    Hat inzwischen eigentlich schon jemand die grundsätzliche Unbedenklichkeit von normalem Obst und Gemüse nachgewiesen? Oder müssen wir dieses Zeug wegen des Vorsorgeprinzips lieber erst mal verbieten?

  11. #11 xcver
    Were I belong
    22. September 2016

    Naja es war ja nur eine aktuelle Stunde…das ist ungefähr so wie eine freiwillige Infoveranstaltung zum Thema Steppdecken in der 12. Klasse…da ist auch nicht unbedingt jeder da.

  12. #12 Dr. Webbaer
    23. September 2016

    Eine kluge Frau, die in der Merkel-CDU keine Zukunft mehr für sich beansprucht, sehr lustig das mit dem Monsanto-Tribunal in Den Haag, das Ökologisten veranstalten…

  13. #13 uwej
    23. September 2016

    “Neben den Risiken sind immer auch die Chancen zu betrachten”, da ist was dran, und kommutativ kann man auch sagen “Neben den Chancen sind auch die Risiken zu betrachten”.

    Wenn ich über die langfristigen Risiken einer invasiven Methode wenig aussagen kann (ein unumgehbares Komplexitätsproblem), aber ihre Chancen (~Profitabilität) schon jetzt meine “riechen” zu können, dann ist die Haltung hierzu allein eine Frage des Charakters. Grüne Gentechnik ist eine Frage der Soziologie, nicht der exakten Wissenschaft.

  14. #14 Wizzy
    14. Oktober 2016

    @uwej #13 Mit Ihrem Argument könnte man jede Technologie verbieten. Allein damit wären auch Autos, Flugzeuge, Schiffe, Heizungen, das Internet verboten worden. Ohne konkretere Risikoabschätzung kommt man nicht zu einer guten (Verbots-)Entscheidung.

    Was für Risiken bietet denn die Grüne Gentechnik, die es bei sonstigen Züchtungsverfahren (z.B. mutation breeding, seit 1930) nicht bereits gibt?

  15. […] Neben den Risiken grüner Gentechnik sind auch ihre Chancen zu betrachten, Frischer Wind am 22. September […]

  16. #16 anderer Michael
    17. Dezember 2016

    “Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Ökozid” werden Monsanto vorgeworfen. Ansichtssache: Wenn kleinbäuerliche Strukturen großflächig vernichtet werden, Armut und Kriminalität als Folge davon, nicht so abwegig. Ökozid als Anspielung von Genozid sicherlich nicht haltbar.

    250.000 -500.000 Kinder vor Erblindung gerettet durch “goldenen Reis”. Aktuell reine Spekulation!

    Warum wollen die Amis denn ausgerechnet eines ihrer Filetstücke an die gutgläubigen Deutschen verschleudern? Das täte mich mal interessieren!

  17. #17 anderer Michael
    23. Dezember 2016

    Tim
    Bist du so was wie ein menschlicher Bot oder ein social bot?