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Selektive Wahrnehmung: Ein Fallbeispiel zum Euro

Ich habe eine ungesunde Angewohnheit. In meinem Feedreader habe ich nicht nur Quellen, die ich gerne lese, weil ich dort interessante Denkanstösse finde, sondern auch einen anderen Ordner, den ich “Contra” nenne. Dort kommen viele Artikel rein, die in der Regel meinen Blutdruck hochgehen lassen aber auch einige, die zwar Substanz haben, aber in meinen Augen oft völlig danebengreifen. Zur ersteren Gruppe gehört für mich meist der Feed der “Achse des Guten”.

Was mir dort besonders auffällt ist, wie systematisch dort Nachrichten selektiv aufgegriffen werden. Das Kriterium scheint nicht die Qualität der News zu sein, sondern nur ob sie die vorgefasste Meinung bestätigen. Eine inhaltliche Auseinandersetzung fehlt gänzlich. Je länger man einen solchen Filter einsetzt, desto schwieriger wird es vermutlich ein Thema noch differenziert zu betrachten. Der “einerseits-andererseits” Reflex, den man gerade in den Sozialwissenschaften pflegen sollte, verkümmert völlig. In einem ähnlichen Licht kann man die Diskussion unter meinem letzten Eintrag oder mit Homöopathiefans betrachten. Wenn ich eine Geschichte, einen Fall habe, der eine Kausalität suggeriert, dann reicht das als Bestätigung. Weil das Faktum ist schon etabliert und jedes weitere Beispiel ist nur eine Bestätigung davon. Alles andere wird ausgeblendet.

Heute bin ich über eine sehr schönes Beispiels für diese Selektivität gestolpert. Mein Feedreader spuckte nämlich in besagtem Ordner die AchGut Schlagzeile “Helmut Kohl: Ich handelte wie ein Diktator, um den Euro einzuführen” aus. Das ganze fand sich auf dem Blog von Benny Peiser, auch sonst einem Weltmeister der selektiven Wahrnehmung. Sein Lieblingsthema ist eigentlich der Klimawandel, der in seinen Augen nicht stattfindet. Dazu habe ich nicht viel zu sagen und ich überlasse das gerne Georg auf Primaklima.

Ob er sich damit selber betrügt oder ob er bewusst manipuliert kann ich nicht beurteilen, aber es ist ein ausgezeichnetes Beispiel wie man vorgefasste Meinungen verstärkt durch das Filtern von Fakten und Kontext.

Es gibt gewisse Attribute, die in EU Diskussionen und vor allem auch in Zusammenhang mit dem Euro zum Standardrepertoire der Gegenerinnen und Gegner gehören. Ein Mangel an demokratischer Legitimität ist der Grundton dieser Kritik: “Brüsseler Diktat”, “undemokratische EU”, “Eurokraten bestimmen”, “von Brüssel aufgezwungen”, “nicht-gewählte Kommission”, etc. kommen so sicher wie das Amen in der Kirche. Ganz klar, dies können alles legitime Einwände sein, aber man muss es von Fall zu Fall diskutieren. Ebenfalls zur Diskussion gehört dann aber welches denn die demokratischen Alternativen wären. Diese sind nämlich nicht per Definition bei den nationalen Regierungen angesiedelt, da man dort oft das gleiche Argument gegen eine Machtzentralisierung gegenüber den Regionen anbringen könnte. Aber viele dieser Eurokritikerinnen und -kritiker sind davon überzeugt, dass die EU als ganzes pauschal undemokratisch ist und gegen den Willen der Bevölkerung von “denen da oben” (d.h. ihren eigenen Regierungen) aufgezwungen wurden. Das ist wohl auch der Grund warum es so viele Mythen gibt, was die EU alles verbieten und reglementieren würde (interessanterweise handelt es ich oft um nationale Spezialitäten).

Im besagten Blogeintrag von Peiser wird auf eine Dissertation verwiesen, dessen Autor Altbundeskanzler Helmut Kohl im Jahr 2002 zum Euro interviewte hat. Folgende beide Zitate werden im Post gemacht (Copy-Paste von anderen im Netz gefundenen Artikel):

Eine Volksabstimmung hätte ich natürlich verloren, und zwar im Verhältnis 7 zu 3.

Helmut Kohl war bei der Einführung des Euro entschlossen wie ein Diktator, und hat bei seinem Engagement für den Euro in Deutschland gegen den Willen des Volkes gehandelt. Das sagte niemand anders als der Altbundeskanzler Helmut Kohl selbst.

Schockiert? Bestätigt?

Lasst mich ein wenig Kontext aus dem Interview hinzufügen (meine Hervorhebung):

Paul: Axel Bunz, der Leiter der Berliner Vertretung der Europäischen Kommission, schwört: Hätte es eine Volksabstimmung in Deutschland über den Euro gegeben, wäre diese positiv ausgegangen.

Kohl: Kein ernsthafter Demoskop behauptet so etwas. Eine Volksabstimmung hätte ich natürlich verloren, und zwar im Verhältnis 7 zu 3. Vor allem: Wen hätte ich denn als Weggenossen gehabt? So müssen Sie es doch einmal sehen! Der Mann hockt doch in einem goldenen Käfig. Wenn wir die Schlacht eröffnet hätten – wäre er mit mir in die Schlacht gezogen?

(…)
Paul: Warum haben Sie sich überhaupt den Kopf über eine Volksabstimmung zerbrochen? Die war doch nach unserer Verfassung überhaupt nicht nötig.
(…)
Kohl: Wie dem auch sei: Das ist keine Frage, ob es die Verfassung verlangt oder nicht. Man hätte ja viele Möglichkeiten haben können.
Natürlich ist eine Volksabstimmung nicht die einzige Art etwas demokratisch zu legitimieren. Die wenigstens Entscheide werden so legitimiert, die wenigstens Demokratien pflegen solche. Auch repräsentative Demokratien sind Demokratien. Das weiss natürlich auch Kohl (im gleichen Interview):

Wir haben die drastischste Volksabstimmung, die es gibt zu diesem Thema: Das sind die Bundestagswahlen.

Also vielleicht doch nicht einfach Diktator im Geiste? Nochmals das Zitat im Kontext:

Paul: Sie haben vorhin gesagt, bei manchen Themen seien Sie ein Zauderer gewesen, ein Aussitzer…

Kohl: Ich sage das nicht. Das wird mir nachgesagt.

Paul: …und bei anderen Themen Diktator. Beim Euro.

Kohl: Ich habe beim Euro eine Position gehabt. Das gleiche müssen Sie natürlich sagen für die Nachrüstung und für die Deutschland-Politik.

Kohl reagierte also mit dem “Diktator” Satz auf den Vorwurf er wäre eine “Aussitzer” gewesen. Es ist offensichtlich ein rhetorischer Kniff und nicht eine juristische oder politische Einschätzung. Aber noch viel interessanter ist, dass wenn man es denn unbedingt als Eingeständnis werten möchte, er hätte am Rande des in einer Demokratie akzeptablen agiert, warum war die Schlagzeile bei der Achse des Guten nicht:

Helmut Kohl: Ich handelte wie ein Diktator beim Nato-Doppelbeschluss

oder

Helmut Kohl: Ich handelte wie ein Diktator bei der Wiedervereinigung

Ach ja, weil der Nato-Doppelbeschluss und die Wiedervereinigung waren natürlich “gute” Politik. Dann ist Diktator sein OK.

So funktioniert es halt. Man pocht auf Prinzipien. Aber nur solange sie den eigenen Zielen entgegenkommen.

Solche selektive Wahrnehmung findet ihren Ursprung entweder in einer Unfähigkeit mit Informationen kritisch umzugehen oder aber aus dem Wunsch zu manipulieren. Egal ob es um Migrationspolitik, Islam oder Klimawandel geht, bei der Achse des Guten hat sie auf jeden Fall System.

Nachtrag: Jens Peter Paul der für das Interview verantwortlich ist, hat die Aussagen ebenfalls kommentiert (und schlägt in die gleiche Kerbe wie ich). Grosszügig meint er man müsse halt “schon genau lesen.” Ich glaube “weiterlesen” wäre bei manchen schon ein Fortschritt.

Kommentare

  1. #1 rolak
    April 12, 2013

    ungesunde Angewohnheit

    Kommt mir sehr bekannt vor; das sind so die kleinen Masochismen, die man sich leistet…

    mein Feedreader

    Welcher ist es denn mittlerweile?

    Die AdG hat sich ‘pita‘ redlich verdient und noch keine upside gezeigt. Aus den 16 Jahren geistig-moralischen Wendens sind bei mir wenigstens diverse Schnellgericht-Rezepte verblieben. Es war einfach zu lustvoll, Kohl in die Pfanne zu hauen ;-)

  2. #2 Jens Peter Paul
    Berlin
    April 12, 2013
  3. #3 ali
    April 12, 2013

    @rolak

    Ich halte an Reeder fest, da versprochen wurden, dass er auch in der Post-Google-Reader Welt noch funktionieren wird. Mal sehen.

    @Jens Peter Paul

    Da scheinen wir uns völlig einig zu sein. Der Kontext ist auch ziemlich eindeutig. Eine Veröffentlichung eines Audiomittschnittes ist wohl überflüssig.

    Ich habe nun den Post auch noch im Artikel verlinkt.

  4. #4 Dr. Webbaer
    April 12, 2013

    Der Euro ist wohl gegen den Willen des überwiegenden Teils der deutschen Bevölkerung eingeführt worden, an der der seinerzeitigen Wirkmacht des seinerzeitigen Kanzlers gibt es wenig Zweifel, war er doch seinerzeit nach der gegen einige Widerstände aus dem politisch linken Spektrum, die er genüsslich aufbereiten konnte, durchgedrückten Wiedervereinigung auf dem Höhepunkt seiner Macht.

    Wo genau ist jetzt das Problem bei Dr. Kohls Darstellung der seinerzeitigen Verhältnisse und an seiner Ausübung der sogenannten Richtlinienkompetenz?

    MFG
    Dr. W

  5. #5 Karl, der Käfer
    April 12, 2013

    ? Die D-Mark musste aufgegeben werden, damit die übrigen europäischen Nachbarn der Wiedervereinigung zustimmen.
    Man sollte Europapolitik schon misstrauisch gegenüberstehen. Europa ist eigentlich ein Kontinent des Krieges. Frieden gibt es nur, weil die Amis mal vorbeigeschaut haben. Von sich aus, haben die Europäer das nie sonderlich gut hinbekommen.
    Was hier noch im kollektiven Unterbewusstsein vor sich hin gärt, werden ja sehen. Wenn Frankreich pleite geht oder so, puh sag ich mal.

    Dieser Hetzer hat so sein Ansichten
    http://www.welt.de/politik/article115185760/Laemmer-verwandeln-sich-dann-in-reissende-Woelfe.html

  6. #6 ali
    April 12, 2013

    @Karl

    Gleiche Regeln für dich auch hier: Bezieht dich direkt auf den Text und formuliere eine klare These. Ich habe genug von deiner argumentfreien Propagandareden. Alles andere wird nach Lust und Laune gelöscht. Verstanden?

    @webbaer

    Wie man nach der Lektüre meines Eintrages unschwer erkennen kann, liegt das Problem primär im selektiven Aufgreifen seiner Aussage und dem Spin der ihr gegeben wird. Dies sollte eben ganz unabhängig von der eigenen Einstellung zum Euro zu sehen sein. Case in point.

  7. #7 Teurone
    April 12, 2013

    Hmm,
    soweit ich das noch erinnere wurde der Euro ja wegen den “Kosten” beim Umtausch der einzelnen Währungen eingeführt um die EWG zu vereinheitlichen.
    Und ganz ehrlich das waren und sind handfeste wirtschaftliche und keine politischen Interessen.
    Und wenn Kohl bei der Wiedervereinigung “diktarorisch” gehandelt hat was haben dann die Millionen von DDR-Bürgern getan ?
    Also entweder ist das hier ein “Trollversuch” oder jemand will was bestimmtes postulieren ohne das zu tun was er selbst fordert :-P

  8. #8 BreitSide
    April 13, 2013

    ööö

  9. #9 Sparschwein
    April 13, 2013

    Ich bin nicht sicher, ob die Geschichte mit dem Euro als politische Bedingung Frankreichs für die deutsche Wiedervereinigung richtig ist. Es gibt sicher nach wie vor gute wirtschaftliche und auch geopolitische Gründe für eine gemeinsame Währung, die möglicherweise von Kohl erkannt worden sind.

    Es gibt unter Ökonomen auch die Ansicht, dass die deutsche Wirtschaft (und die der anderen Hartwährungsländer) am meisten vom Euro profitiert. Somit war die deutsche Unternehmerschaft, welche sich dieser Vorteile von Anfang an bewusst war, immer Feuer und Flamme für das gemeinsame Währungsprojekt.

    Man kann durchaus argumentieren, dass Kohl im Sinne der Deutschen entschieden hat, auch wenn viele von ihnen es anders sehen. Sollte aber der zusätzliche Wohlstand der deutschen Wirtschaft nicht bei den Bürgern ankommen, so handelt es sich eher um ein Verteilungsproblem, was mit dem Euro weniger zu tun hat.

  10. #10 Dr. Webbaer
    April 13, 2013

    Hallo Sparschwein.

    Man kann durchaus argumentieren, dass Kohl im Sinne der Deutschen entschieden hat, auch wenn viele von ihnen es anders sehen. Sollte aber der zusätzliche Wohlstand der deutschen Wirtschaft nicht bei den Bürgern ankommen, so handelt es sich eher um ein Verteilungsproblem, was mit dem Euro weniger zu tun hat.

    Die Euro-Einführung als Bedingung für die Wiedervereinigung mag es gegeben haben, sie hätte aber anzunehmenderweise umschifft werden können, Mitterand und Thatcher haben sich zwar seinerzeit durch bestimmte Aktionen für den Erhalt der DDR ausgesprochen, M. wollte sogar für diesen Zweck die DDR kreditieren, besuchte sie auch demonstrativ, aber die Bedingung wäre rein praktisch nicht aufrecht zu halten gewesen, denn die USA und die sich auflösende und von D vergütete UdSSR waren sozusagen im Sack.

    Kohl hat wohl tatsächlich im Sinne der sogenannten europäischen Einigung entschieden, aber die Annahme, dass diese einhergehend mit der Euro-Einführung kommen würde, war falsch.

    Falsch ist auch die Annahme, dass der Euro den Frieden sichert, denn es genügt die Empirie zu Nutzen zu ziehen, die zeigt, dass demokratisch aufgestellte Staaten untereinander nie Kriege führen. Wozu dann der Euro? Warum soll ‘Europa scheitern, wenn der Euro scheitert’?

    Hier noch einige Zitate aus der Dissertationsschrift bzw. aus dem für diese Zwecke geführten Interview:
    -> http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2013/04/09/helmut-kohl-im-fall-des-euro-war-ich-ein-diktator/ (‘Es ist mein volles Leben: In einem Fall war ich wie ein Diktator, siehe Euro, in einem Fall war ich ein Zauderer, habe alle Probleme ausgesessen. Ist immer noch der gleiche Helmut Kohl, von dem wir reden.’)

    MFG
    Dr. W

    PS noch zum Zitierten: Der Wirtschaft in D geht es gut, aber das wirtschaftliche Vermögen drückt sich seit ca. 20 Jahren nicht in sogenannten Reallohnsteigerungen aus.

  11. #11 Sparschwein
    April 13, 2013

    Ich denke auch, dass Europa (stellvertretend für EU, genauso wie Amerika für USA) ohne Euro weiterhin als Friedens- und Wirtschaftsunion funktioniert hätte. Das bedeutet aber nicht, dass man jetzt so einfach den Euro ohne gröbere Kollateralschäden rückabwickeln kann.

    Mag sein, dass die Währungsunion zu früh gekommen oder einfach nur schlecht umgesetzt worden ist. Ich denke, dass der Euro in dieser Form nicht lange überleben wird. Weitere institutionelle und fiskalische Umbauten werden nötig sein, die unter den gegebenen Umständen wieder gegen den mehrheitlichen Volkswillen durchgesetzt werden müssten. Und irgendwann wird es dann schon eine demokratisch gewählte europäische Regierung brauchen.

  12. #12 ali
    April 13, 2013

    Vielleicht hätte ich dem Artikel eine Trigger-Warnung voranstellen müssen:

    “Vorsicht, obwohl es nicht das eigentliche Thema ist, enthält der folgende Post Referenzen zu einer Gemeinschaftswährung und mag für einige Lesenden Asthma, Bluthochdruck und/oder Angstzustände auslösen…”

  13. #13 Dr. Webbaer
    April 13, 2013

    “Vorsicht, obwohl es nicht das eigentliche Thema ist, enthält der folgende Post Referenzen zu einer Gemeinschaftswährung und mag für einige Lesenden Asthma, Bluthochdruck und/oder Angstzustände auslösen…”

    Haha, genau das ist wohl auch der Grund warum das Kohlsche Diktator-Zitat, je nach Sichtweise, hochkocht oder hochgekocht wird.

    MFG + schönes WE noch,
    Dr. W

  14. #14 Dagmar Behrendt
    April 13, 2013

    @ ali
    “… liegt das Problem primär im selektiven Aufgreifen seiner Aussage und dem Spin der ihr gegeben wird. Dies sollte eben ganz unabhängig von der eigenen Einstellung zum Euro zu sehen sein.”
    Wo soll da das Problem sein? Die wenigsten Publizisten im Internet verstehen sich als Wissenschaftler. Und selbst bei denen, die das tun, steigt manchmal der Blutdruck.

  15. #15 ali
    April 13, 2013

    @Dagmar Behrendt

    Wo soll da das Problem sein?

    Ich schrieb im Post:

    Solche selektive Wahrnehmung findet ihren Ursprung entweder in einer Unfähigkeit mit Informationen kritisch umzugehen oder aber aus dem Wunsch zu manipulieren.

    Einer informierten Öffentlichkeit für eine funktionierende Demokratie nicht gerade zuträglich.

    Schon gar nicht weil es ja nicht Pressemitteilungen aus einer Parteizentrale sind, sondern Leute die so tun als würden sie eine Informationsaufgabe wahrnhemen und in einer gewissen Form “journalistisch” tätig sein. Ich glaube auch Medienschaffende können sich mit diesem Ethos identifizieren, nicht nur die Wissenschaften. Oder glaubst du tatsächlich dass die AchGut Leute z.B. sich als unausgewogen und selektiv argumentierend bezeichnenen würden?

  16. #16 Dr. Webbaer
    April 13, 2013

    Oder glaubst du tatsächlich dass die AchGut Leute z.B. sich als unausgewogen und selektiv argumentierend bezeichnenen würden?

    Der Schreibär dieser Zeilen kann nur für sich reden, steht jenem Webbiotop auch nicht nahe, und ihm scheint es eindeutig so, dass jene Kräfte aus einem bewusst angenommenen Kulturkontext sprechen, und zwar aus dem Kontext der Aufklärung.

    Insofern sollte jene Wahrnehmung selektiv sein (wie jede andere auch) und sich ihres Kontextes bewusst.

    Das Sich-Bewusst-Sein des angenommenen Kontextes ist keine schlechte Grundlage der Reflektion.

    MFG
    Dr. W

  17. #17 ali
    April 13, 2013

    @webbaer

    und zwar aus dem Kontext der Aufklärung.

    Wenn es Manipulation ist, ist es das Gegenteil von Aufklärung. Wenn es Ignoranz ist, sind sie die falschen um Menschen aufzuklären.

  18. #18 Spoing
    April 13, 2013

    Da ich einer der wenigen verbliebenen in meinem Bekanntenkreis bin, der dem Euro und der EU positiv gegenüber eingestellt ist (Natürlich gibt es noch unzählige Fehler die es zu ändern gilt, aber trotzdem würde ich sogar dem Euro eine positive Gesamtbilanz ausstellen. Wenn auch nicht unbedingt für den deutschen Durchschnittsbürger) muss ich immer in Diskussionen über die EU zahlreiche Argumente als Fehler “entlarven”.
    Sicher gibt es vieles was falsch läuft und über das es sich zu diskutieren lohnt, aber ich kenne kein Thema bei dem so viele “Fehlwissen” im Umlauf ist wie bei der EU.

  19. #19 Dr. Webbaer
    April 13, 2013

    Herr Spoing:

    Natürlich gibt es noch unzählige Fehler die es zu ändern gilt, aber trotzdem würde ich sogar dem Euro eine positive Gesamtbilanz ausstellen. Wenn auch nicht unbedingt für den deutschen Durchschnittsbürger

    Für die Wirtschaft ist das Ding nicht schlecht, auch nicht für Banken oder Staaten, wo wild getradet wird.

    Insgesamt wird es aber noch ein wenig auch Ihrer Beratung benötigen um das ‘Fehlwissen’ komplett auszuräumen.

    MFG
    Dr. W (der aus irgendwelchen Gründen seit 6 Jahren umfänglich außerhalb des Euro-Systems investiert ist)

  20. #20 Der Türke
    April 13, 2013

    @ali
    Unabhängig von dem von Dir beschriebenen Phänomen der selektiven Wahrnehmung scheint die Debatte sich hier ja an Deinem Beispiel des Euro zu entzünden.
    Wenn ich auf das beschriebene Phänomen zurückkomme: bewusste Manipulation ist sicher ein effektives Mittel zur Reichweitensteigerung (bestimmte Trigger erhöhen die Resonanz – das siehst Du ja schon an der langen Kommentarreaktion auf Deinen vorletzten Post).
    Letztlich gibt es aber sicher auch einen unbewussten Rezeptionsmechanismus, der dabei hilft, bestehende Vorurteile zu bestätigen. Dieser ist umso wirkmächtiger, je irrationaler das zu bestätigende Vorurteil ist.
    Konkret vermute ich, dass beispielsweise im Gewand der skeptischen Besorgnis daher kommende Ausgrenzungstendenzen gerade durch selektive Wahrnehmung bestätigt werden. Nach der sarrazinischen Debatte ist das bei vermeintlich nur besorgten wachsamen Stimmen aus der Mitte der Gesellschaft (und so versteht sich die Achse des Guten ja) besonders auffällig. Vielleicht gibt es ein (unbewusstes) Erschrecken über die eigene Anfälligkeit für Narrative des völkischen Nationalismus. Um dieses Eingeständnis zu vermeiden, nützt die selektive Wahrnehmung als wiederholte Bestätigung, dass die eigene Position eben doch rational begründet und richtig ist. Nach dem Motto: ich habe kein Ressentiment, ich mache mir nur Sorgen.

  21. #21 Eso-Policier
    LInk entfernt
    April 13, 2013

    Die Partei AfD wird im September enorm viele Stimmen bekommen. Glücklicherweise ist die AfD auch für eine starke Begrenzung der Einwanderung. Mehr dazu auf meinem Blog.

  22. #22 rolak
    April 14, 2013

    Über die noch gar nicht existente AfD hat am Montag Meister Schmickler schön kräftig gelästert.

  23. #23 ali
    April 14, 2013

    @Eso-Policier
    Bisher habe ich die “mehr dazu auf meinem Blog” drive-by shootings geduldet. Es ist völlig ok sein eigenes Blog zu bewerben un daz gibt es auch die Möglichkeit seinen Namen mit einem Link zu bestücken. Aber die Kommentarspalten sind nicht einfach Werbefläche. Entweder engaierst du dich in der Diskussion oder du lässt es bleiben hier zu kommentieren.

  24. #24 Wilhelm Leonhard Schuster
    April 14, 2013

    Der freie Welthandel mit Geld und Devisen ,ist zum “Geldkrieg” geworden und hat windigen Angestellten
    von Großbanken ermöglicht , in dieses “Geschäft” einzusteigen.
    Ein Block wie die “DM” war relativ groß und konnte Spekulationsangriffe mehr oder weniger erfolgreich
    abwehren.Ich erinnere mich ,daß unter Brand ,Deutsche Staatsanleihen in der Regel weit über 6 % brachten .

    Leute wie Soros , verdienten zwar mächtig an Auf- und Abwertungsfehlern der einzelnen Staaten,konnten aber die Währungen größerer Staaten nicht ins Wanken bringen.

    Erst als die Großbanken zuließen, daß ihre Mitarbeiter(also fast Jederman) rege in dieses Devisengeschäft einsteigen durften , wurde die Sache gefährlich.

    Kleine Süd- Staaten sind ermuntert worden” die Schulden” zu machen ,die sie nie werden zurückzahlen können.
    Unterschwellig spielte dabei eine Rolle :
    Die Deutschen haben”( für ihren angefangenen Krieg)”
    zu bezahlen.
    Die Deutschen hatten schließlich erst vor kurzem den Russen, Milliardenbeträge zukommen lassen. Die Deutschen können also bezahlen.
    Credo : Wir machen Inflation.(Die EZB kauft windige Staatspapiere).
    Ein weiterer Fakt spielte eine große Rolle :
    Bis vor 6 Jahren (WB hat sich damals aus gutem Grunde anders orientiert), war der Euro starke Konkurrenz und nahe daran, den Dollar als Weltwährung zu verdrängen.
    Dies war ein” trügerischer Anfangserfolg”, der nicht geduldet werden konnte.
    Der Euro ,geschaffen um die Deutschen zu zähmen,
    mußte dahingehend Manövriert werden , diese Aufgabe
    zu erfüllen.
    Ob der von den Deutschen erhoffte Traum Wirklichkeit
    werden wird,nämlich Zwang zur wirtschaftlichen und
    politischen “Vernunft “Einheit Europas ist offen.
    Selbst wenn sich Deutschland abschaffen sollte ,der Kern wirtschaftlicher Macht gruppiert sich rund um den Rhein
    mit Norditalien , Holland, Belgien und Ostfrankreich .
    Wie schwierig ein Ausgleich wirtschaftlichen Gedeihens innerhalb Europas ist ,zeigt Italien , mit seiner Nord und Südregion.
    Wenn (Süd)(Ost)Europa (oder wer auch immer),nicht zur Vernunft kommt und zum Beispiel einen Deutschen Kanzler, hier eine Merkel, weiterhin als zu melkende böse(n) Faschisten(in) karikiert und bezeichnet , sehe ich keinen Weg zur gedeihlichen Zusammenarbeit.

    Ein vernünftiger, ehrlicher, allgemein trockener Geschichtsunterricht (in allen Europäischen Staaten) ist gefordert.Heutzutage tummeln sich auf diesem Gebiete Narren allerwege.
    Ich meine, Trotzki und Benjamin Freedman , sollten nicht bei Geschichtsbetrachtungen ausgeklammert werden.
    Na ja, warten wir halt noch 50 Jahre !

  25. [...] für Deutschland” (AfD). Das der Euro ein Bonbon für Populisten ist habe ich kürzlich hier angesprochen. Was mich aber doch faszniert ist, wie hier eine Alternative beworben wird ohne laut auszusprechen, [...]

  26. #26 Ralph
    April 17, 2013

    “Solche selektive Wahrnehmung findet ihren Ursprung entweder in einer Unfähigkeit mit Informationen kritisch umzugehen oder aber aus dem Wunsch zu manipulieren. ”
    Gerade wenn man Klimawandel ‘Diskusionen’ verfolge, zeigt sich, dass viele Menschen die Fähigkeit haben, für sie unangenehme Informationen auszublenden. Unangenehm kann es auch sein ein bequemes Weltbild aufgeben zu müssen. Leichter lebt es sich offenbar, wenn man die Welt in Gut und Böse einteilen kann und man selber natürlich zu den ‘Guten’ gehört. Je böser die Anderen vermeintlich sind, desto besser ist man dann selber.
    Ein anderes Beispiel zur selektiven Wahrnehmung: Ein Vertriebler, der wirklich von seinem objektiv durchschnittlichen Produkt überzeugt ist, wird erfolgreicher sein. Generell kann selektive Wahrnehmung enorme Kräfte freisetzen, weil sie natürlich fokussierend wirkt. Ein entschieden wirkender Redner hat wohl meist mehr Zuspruch als ein besser informierter, abwägender.

  27. #27 Dr. Webbaer
    April 18, 2013

    Ein anderes Beispiel zur selektiven Wahrnehmung: Ein Vertriebler, der wirklich von seinem objektiv durchschnittlichen Produkt überzeugt ist, wird erfolgreicher sein.

    Vertriebskräfte scheinen sich zum Zuruf manchmal regelrecht zu hypnotisieren, sie werden quasi eins mit dem zu vertreibenden Produkt. Man spricht hier auch von einer beruflich bedingten Deformation, die sich auch privat durchschlagen kann. Nicht immer günstig.

    Ansonsten ist die selektive Wahrnehmung von Datenlage und Ideologie schlicht normal, niemand ist davon frei, niemand kann davon frei sein. – Dies angemerkt gerade auch bezogen auf diejenigen, die meinen dementsprechend psychologisieren zu können, die meinen sich bezogen auf hoch komplexe politisch-gesellschaftliche Systeme erheben zu können und urteilen zu können, welche Wahrnehmung nun selektiv ist und welche sozusagen richtig.

    MFG
    Dr. W

  28. #28 Dr. Webbaer
    April 18, 2013

    Kleine Korrektur – Es heißt wohl: ‘auf Zuruf’

  29. #29 ali
    April 18, 2013

    @webbaer

    Ansonsten ist die selektive Wahrnehmung von Datenlage und Ideologie schlicht normal

    Da sind wir uns ausnahmsweise einig.

    Sollte der Rest des Abschnittes auf mich gemünzt sein, dann befürchte ich, kommen bei Ihnen meine Texte nicht an (ein Verdacht den ich schon öfters hatte). Im Gegensatz des im Post zitierten Autors, bin ich mir des Problems nämlich sehr bewusst. Darum poche ich immer auf die Formulierung eines klaren Argumentes und entsprechende Belege um dieses zu unterlegen. Wir können uns der “Wahrheit” bestenfalls annähern. Und das geht nur durch Transparenz in der Argumentation, welche diese überprüfbar und falsifizierbar macht.

    Meine Meinung soll und kann inhaltlich jederzeit hinterfragt und in Frage gestellt werden. Der Unterschied von diesem Blog zu anderen Verbal-Mülleimern im Netz ist aber, dass man dies hier eben methodisch möglichst sauber machen muss. Gerade Sie könnten sich das zu Herzen nehmen.

    Was sie als Überheblichkeit werten ist die Weigerung, das Volksgefühl oder Intuition als Argumente zu akzeptieren.

    Das einzige was schlimmer ist als Besserwisserei ist Besserwisserei ohne Argumente.

  30. #30 Dr. Webbaer
    April 18, 2013

    Herr Arbia, dass es die Qualität einer Argumentation zu beleuchten gilt, steht außer Frage. Allerdings stößt man hier schnell an Grenzen, wenn hoch-komplexe Systeme betrachtet werden, beispielsweise politische oder wirtschaftswissenschaftliche Ideenlehren. Man kann hier schlecht falsifizieren und letztlich prallen Meinungen aufeinander, und zwar dann, wenn sie auf mehreren Seiten in sich konsistent sind. Dann kann man nicht mehr viel machen.

    Sie waren übrigens wenig bis gar nicht gemeint mit der im letzten Absatz der letzten Nachricht versuchten Einordnung. Gemeint waren Psychologen, Soziologen & Philosophen, die Begriffe und Konzepte dekonstruieren (was noch geht), aber in der Folge dann – nach einigem Blabla – neue Begriffe und Konzepte als richtig vorstellen.

    Solche Leute gibt es leider.

    MFG
    Dr. W

  31. #31 ali
    April 18, 2013

    @webbaer

    Sie waren übrigens wenig bis gar nicht gemeint

    Dann ist ja gut.

    Es mag erstaunen, aber da sind wir vermutlich nicht einmal soweit voneinander entfernt in unsren Ansichten. Allerdings erschreckt mich dieser Keim von Relativismus bei Ihnen schon ein wenig, nicht dass Sie mir in den Postmodernismus abgleiten.

  32. #32 Dr. Webbaer
    April 18, 2013

    Allerdings erschreckt mich dieser Keim von Relativismus bei Ihnen schon ein wenig, nicht dass Sie mir in den Postmodernismus abgleiten.

    Es hat etwas Relativistisches sich bewusst für eine Sicht [1] zu entscheiden ohne von ihrer Wahrheit überzeugt zu sein.

    MFG
    Dr. W

    [1] wieder bezogen auf hoch komplexe Systeme

  33. #33 Ralph
    April 19, 2013

    @ali Ihre Beiträge setzen für mich Glanzlichter, gerne würde ich kritisches anmerken, aber scheinbar habe ich auch zum Thema Euro ganz ähnlich’selektive Wahrnehmungen’ wie Sie :-)
    Die Frage, ob es für einen oder mehrer US Bundesstaaten Vorteile hätte eine Eigene Währung einzuführen hatte sich mir auch aufgedrängt. Glaub ich aber auch eher nicht. Andrerseits stellt sich immer die Frage, wenn Andere für meine Misswirtschaft mit geradestehen müssen, ob Sie wollen, oder nicht, wie wirkt sich das auf mein Handeln aus?
    @webbaer
    generell habe Sie natürlich recht, was sich bei einer trivialen Anmerkung wie der Ihren schlecht vermeiden lässt.

    Beim Stichwort Klimawandeldiskusionen scheinen Einige ziemlich allergisch zu reagieren:-)

  34. #34 Fabian B.
    JUISEG
    Mai 1, 2013

    sehr schöne demontage!
    FAIR.org style.