Der Artikel ist Teil einer Serie zum Buch ”Die Himmelsscheibe von Nebra – Der Schlüssel zu einer untergegangenen Kultur im Herzen Europas”* von Harald Meller und Kai Michel. Die restlichen Artikel der Serie findet man hier.
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Wer hat die Himmelsscheibe von Nebra erschaffen? In den ersten 11 Teilen (Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5, Teil 6, Teil 7, Teil 8, Teil 9, Teil 10, Teil 11) dieser Serie ging es hauptsächlich um die Himmelsscheibe von Nebra selbst. Um den Fund dieses einmaligen astronomisch und archäologischen, 3600 Jahre alten Objekts; um die Analyse ihres astronomischen Inhalts, die Untersuchung ihrer Materialien und die mythologische Interpretation der Scheibe. Aber eine enorm wichtige Frage bleibt noch offen: Welche Kultur hat dieses faszinierende Objekt erschaffen?

Nach dem was wir bisher über die Vorgeschichte gewusst haben, gab es im Mitteldeutschland der Bronzezeit keine Kultur, die das Wissen und die Technik besäßen hätte, um etwas wie die Himmelsscheibe zu schaffen. Da war nichts, was den Hochkulturen von Ägypten oder Babylonien nahe gekommen wäre. Da waren nur “Barbaren”, ohne Schrift und ohne die Fähigkeit all das zu leisten, was die Erbauer der Himmelsscheibe geleistet haben müssen. Der Fund der Scheibe hat diese Auffassung in Frage gestellt und einen ganz neuen Blick auf die mitteleuropäische Vorgeschichte eröffnet.

Landwirtschaft ist mühsam! (Bild: gemeinfrei)

Der Landesarchäologe von Sachsen-Anhalt, Harald Meller, und der Journalist Kai Michel widmen den zweiten Teil ihres Buches daher genau diesem Thema: Dem “Reich der Himmelsscheibe”; der Wiederentdeckung der Kultur, die die Scheibe geschaffen haben. Dazu beginnen sie mit einer Einleitung zur Entwicklung der Menschheit, die ich hier nur sehr gekürzt wiedergeben will. Es geht um den Übergang vom nomadischen Lebensstil zu seßhaften, landwirtschaftlich orientierten Kulturen: Der “neolithischen Revolution”, die aber eigentlich gar keine Revolution war sondern die Dinge damals eher unangenehmer für die Menschheit gemacht hat. Wichtig für die Betrachtung der Himmelsscheibe ist aber das, was aus der Seßhaftwerdung folgt. Wer Landwirtschaft betreiben muss, tut das idealerweise dort, wo die Bedingungen gut dafür sind. Nomaden ziehen einfach weiter; Bauern müssen bleiben. Und werden immer mehr. Dann ist kein Platz mehr und man muss sich ausbreiten. Zum Beispiel dorthin, wo man Bewässerungskanäle bauen muss, wenn man Landwirtschaft betreiben muss. Und Deiche. Und anderes Zeug. All das braucht Arbeitskraft – i.A. Zwangsarbeiter und die brauchen Soldaten, um sie zu kontrollieren. Es braucht Verwaltung um all das zu organisieren und all das braucht irgendwann die Schrift. Es entstehen Hierarchien, es entsteht eine komplexe Gesellschaft und es entstehen Konflikte um Ressourcen, d.h. Kriege.

Die Seßhaftwerdung der Menschen war also -etwas paradox – der Auslöser großer Wanderbewegungen, bei denen sich ganze Völker über die Welt ausbreiteten. Irgendwann kamen sie aus dem Orient auch nach Mitteleuropa und hier, in Mitteldeutschland, der späteren Heimat der Himmelsscheibe, fanden sie ideale Bedingungen. In den vergangenen Eiszeiten hatten Gletscher die Berge und Felsen zu Staub zermahlen, den der Wind dann – nach Ende der Eiszeit – durch die Gegend blies. Im Windschatten von Gebirgen wie dem Harz sammelte sich das Zeug an und bildete sehr fruchtbare Böden aus Schwarzerde. Und die sind wirklich fruchtbar, wie der “Ewige Roggenanbau” in Halle an der Saale zeigt. Seit 1878 wird dort auch dem selben Boden Roggen angebaut. Und immer noch liefert der Boden 1,5 Tonnen Roggen pro Hektar.

In Mitteldeutschland musste man nicht bewässern, hier brauchte es keine Zwangsarbeiter – hier war es super! Aber dort wo es super ist, wollen auch andere leben und deswegen bleiben die Konflikte nicht aus. Archäologen haben in der Gegend jede Menge Hinweise auf jahrtausendealte Gemetzel und Kleinkriege gefunden die im Buch von Meller und Michel ausführlich beschrieben werde; die ich aber jetzt überspringen werde. Ich komme gleich zu den wichtigsten Protagonisten: Den Schnurkeramikern und den Glockenbecherleuten.

Die wilden Schnurkeramiker aus der asiatischen Steppe!! (Bild: gemeinfrei)

Und da haben wir auch gleich ein erstes großes Problem bei der Betrachtung der europäischen Vorgeschichte: Sie scheint einfach ziemlich langweilig! In Ägypten, Babylonien und Mesopotamien haben wir schriftliche Dokumente; wir haben Namen und Geschichten. Wir haben konkrete Vorstellungen davon, was das für Völker gewesen sind. In Europa fehlen diese Namen. Und die, die wir den unbekannten Völkern gegeben haben, sind absichtlich öde. Das ist ein Erbe des Nationalsozialismus, dessen Besessenheit mit Ariern, Germanen und der nordischen Rasse die ganze Angelegenheit nachhaltig vergiftet hat. Nach dem zweiten Weltkrieg hat man sich daher extrem zurückgehalten mit allem, was nach “Völkischen” klingen könnte und den Völkern extrem neutrale Namen gegeben. Da gibt es etwa die “Bernburger Kultur” und die “Salzmünder Kultur” und obwohl die sich – wie im Buch beschrieben haben – aufs wildeste bekriegt haben, lassen diese Namen kaum große Begeisterung oder Inspiration aufkommen.

Das gilt auch für die Völker, die für die Himmelsscheibe wichtig sind. 1000 Jahre bevor die Himmelsscheibe geschaffen wurde, kamen Reitervölker aus den asiatischen Steppen nach Mitteldeutschland. Sie haben ihre Keramik mit Schnüren verziert und deswegen den Namen “Schnurkeramiker” erhalten. Später wanderten dagegen die “Glockenbecherkultur” ein (ebenfalls benannt nach ihrer Keramik). Und es waren wirklich Völker: Genetische Analysen zeigen, dass hier wirklich Menschengruppen unterwegs waren und sich nicht einfach nur eine keramische Kulturtechnik ausgebreitet hat. Im dritten Jahrtausend vor Christus waren in Mitteldeutschland 75 Prozent der ursprünglich dort ansäßigen Menschen durch die Schnurkeramiker verdrängt worden; diejenigen, die aller Wahrscheinlichkeit nach auch die indoeuropäische Sprache mitgebracht haben aus der sich später fast alle heutigen europäischen Sprachen entwickelt haben. 300 Jahre später kamen dann auch die Glockenbecherleute (vermutlich aus den südlich der ursprünglichen Schnurkeramikerheimat gelegenen Steppen) und schienen vorerst überraschend friedlich zusammen zu leben.

Und die noch viel ärgeren Glockenbecherleute…. (Bild: gemeinfrei)

Ein Grund, warum der Bevölkerungsaustausch ohne große Konflikte abgelaufen ist, könnte die Pest sein. Es gibt Hinweise auf eine große Pestepidemie in der Region, die sie regelrecht entvölkert hat. Die Einwanderer aus der Steppe konnten die fruchtbaren Böden in Mitteldeutschland also recht widerstandslos in Besitz nehmen. Glockenbecherleute und Schnurkeramiker verschmelzen im Laufe der Zeit zu einer neuen Kultur und genau die ist es, die uns in den folgenden Teilen der Serie über das “Reich der Himmelsscheibe” beschäftigen wird.

Kommentare (1)

  1. #1 Captain E.
    14. März 2019

    Apropos Namen: Viele Germanen hätten sich wohl selber nie so genannt, ebenso wie Kelten, Goten oder Gallier.

    Die Arier andererseits waren tatsächlich eines der Opfer des Zweiten Weltkriegs. Die hatten sich aus dem ganzen Mist hübsch herausgehalten, aber dann erfolgte eine anglo-sowjetische Invasion, um eine Nachschubroute zu sichern, über die man amerikanische Rüstungsgüter für die Sowjetunion transportieren konnte.

    Und richtig, diese echten Arier hatten und haben mit uns Deutschen (und Österreichern) nicht allzuviel zu tun. Inzwischen leben natürlich einige Arier hierzulande und haben zum Teil auch die entsprechende Staatsbürgerschaft, aber allzu viele sind das immer noch nicht.