Eine E-Mail-Konversation zwischen Sebastian Edathy (SPD), dem Vorsitzenden des Innenausschusses des Bundestags, und dem bekannten Publizisten Henryk M. Broder offenbart Erschreckendes: Offenbar greifen unsere Abgeordneten auf die Wikipedia zurück, wenn sie sich über die Aktivitäten des Verfassungsschutz informieren möchten.

Auf Broders Weblog in der “Achse des Guten” hat der Journalist vor einigen Tagen einen interessanten E-Mail-Wechsel mit Herrn Edathy veröffentlicht. Broder und Edathy diskutieren darin die spannende Frage, ob eine Beobachtung durch den Verfassungsschutz eher beim Blog “Politically Incorrect” (PI) oder beim Online-Portal “Muslim-Markt” angebracht wäre. Der Wortwechsel ist lesenswert und lässt tief blicken – die ganz entscheidende Information findet sich jedoch erst in der letzten E-Mail Edathys. Dieser lässt Broder wissen, dass der Muslim-Markt “seines Wissens” nach bereits vom Verfassungsschutz ausgewertet werde, während er sich bei PI “nicht sicher” sei. Wo aber hat sich der Vorsitzende des Bundestags-Innenausschusses darüber informiert, welche Webseite vom Verfassungsschutz beobachtet wird und welche nicht?

In der Wikipedia natürlich, dem (zugegebenermaßen in der Regel recht guten) Online-Nachschlagewerk, in dem jeder (fast) jeden Eintrag modifizieren kann und in dem sich manche Artikel stündlich ändern. Für mich stellte sich sogleich die Frage: Wenn schon Herr Edathy in der Wikipedia Recherchen über die Tätigkeiten des Verfassungsschutzes anstellt, für wie viele andere Abgeordnete ist das Online-Lexikon dann noch eine wesentliche Informationsquelle – und vor allem zu welchen Sachverhalten? Stammzellendebatte? Einwanderungsstatistiken? Klimawandel? Fahrradhelme?

Eine kurze Online-Recherche führte mich zu einem SPIEGEL-Artikel vom Januar 2008 über den Bundeswehreinsatz in Afghanistan, in dem Rainer Stinner (FPD) – Mitglied im Verteidigungsausschuss des Deutschen Bundestages – zu Protokoll gibt, dass er sich über die Afghanistan-Mission am liebsten in der Wikipedia informiert: “Ich fühle mich besser unterrichtet über laufende militärische Operationen in Afghanistan, wenn ich etwa bei Wikipedia nachsehe, als in den offiziellen Mitteilungen der Bundesregierung.” Mein Anfangsverdacht war damit bestätigt und ich recherchierte weiter.

Auf abgeordnetenwatch.de stoß ich auf eine wahre Goldgrube: Angelika Beer (Grüne) empfiehlt den Wikipedia-Artikel zu HAARP als Gegenposition zu einem Bericht des EU-Parlaments, Heidemarie Rose-Rühle (Grüne) besorgt sich aus der Wikipedia die Ergebnisse der Eurobarometer-Befragung, Rolf Stöckel (SPD) hat sich in der Wikipedia über “Chemtrails” informiert, Volker Beck (Grüne) hat die Definition von “politischer Religion” bei Wikipedia nachgeschlagen und sich darüber informiert, was genau ein “Evangelikaler” ist, Gab35.html#frage27135″>als arm gelten kann.

Ehegattensplitting funktioniert, Simone Szurmant (FDP) hat sich in der Wikipedia über das Aspberger Syndrom kundig gemacht und Daniela Raab (CDU) zitiert auf die Frage, wer im Rahmen der Gefahrenabwehr als “Gefährder” eingestuft wird – aus der Wikipedia. Den Vogel schießt aus meiner Sicht der NPDler Andreas Molau ab, der die Wikipedia wie ein Buch bzw. einen Experten zitiert (“Wikipedia geht von etwa 20 Millionen [sic] Opfer des Stalinismus aus”). Ebenfalls rührend: Katja Kipping (die LINKE) bemüht die Wikipedia bei der Frage, ab wann ein Mensch eigentlich als arm gelten kann.

Immerhin: Dr. Dieter Wiefelspütz (SPD) findet die Wikipedia unterirdisch schlecht und Dr. Hans-Peter Uhl (CSU) hält das Nachschlagewerk offenbar für tendenziös. Abgesehen davon wird die Wikipedia in deutschen Politikerkreisen offenbar sehr geschätzt und intensiv genutzt. Und warum auch nicht – schließlich, so lässt das Büro von Volker Beck wissen, bekommt man dank Wikipedia einen einfach geschriebenen Einblick in komplexe Sachverhalte. Und mal ehrlich – eine einfache Zusammenfassung als Grundlage reicht doch eigentlich auch bei komplizierten Entscheidungen völlig aus. Aus der Informationstheorie weiß man immerhin schon lange, dass die Entscheidung immer schwieriger wird, je mehr Informationen zur Verfügung stehen….

Mit einem Wort: WOW. Keinem Studenten würde ich eine Arbeit durchgehen lassen, in der ständig aus der Wikipedia zitiert wird – bei Land- und Bundestagsabgeordneten muss ich wohl damit leben. Eine Frage drängt sich dabei aber natürlich auf: Wenn der Vorsitzende des Innenausschusses die Wikipedia bemüht, um sich über laufende Verfassungsschutz-Beobachtungen zu informieren und wenn Mitglieder des Verteidigungsausschusses den Afghanistan-Einsatz via Wikipedia verfolgen – welchen Einfluss haben dann eigentlich die Wikipedia-Autoren (ungewollterweise) auf politische Entscheidungsprozesse in diesem Land? Da jeder in der Wikipedia selbst Änderungen vornehmen kann, stellt sich doch automatisch die Frage, ob man mit dem richtigen Wikipedia-Edit nicht eventuell sogar mehr bewegen kann als mit dem Gang zur Wahlurne. Denn wenn ich weiß, dass unsere Abgeordneten nicht nur die Wikipedia als Recherchetool verwenden, sondern die Informationen darin offenbar auch noch als besonders vertrauenswürdig einstufen….

Oder, um den Blogpost mit einem Augenzwinkern zu beschließen: Regieren uns am Ende gar bereits die Wikipedianer – und das, ohne es zu wissen?

Kommentare (24)

  1. #1 Tobias
    2. Juni 2008

    So gesehen schließt sich der Kreis: Wikipedia ist ein weitgehend demokratisches Medium und wenn Politiker Artikel daraus (unbewusst oder bewusst) zur Entscheidungsfindung heranziehen, regiert letztendlich doch das Volk!

    Es zeigt weiter, wie die Informationsdienste in Deutschland offensichtlich versagen, wenn selbst Entscheider des Verteidigungsausschusses zu Protokoll geben, sich von Wikipedia besser informiert zu werden.

  2. #2 Thilo Kuessner
    2. Juni 2008

    Helmut Schmidt wurde ja nachgesagt, er hätte sich in außenpolitischen Fragen mehr auf Artikel der NZZ verlassen als auf Berichte des BND. Vielleicht regieren uns auch die Schweizer?

  3. #3 Christian Reinboth
    2. Juni 2008

    @Tobias: Das wäre sehr schön, aber leider befüchte ich etwas ganz anderes:

    Nehmen wir mal an, es würde Dir gemeinsam mit ein paar Wikipedianern gelingen, im Artikel über “adulte Stammzellenforschung” diese Informationen unterzubringen:

    a) Adulte Stammzellenforschung wird schon seit über 10 Jahren betrieben.
    b) Bis jetzt hat sich noch kein verwertbares Ergebnis gefunden.

    Irgendein Politiker, der mit dem Begriff “adulte Stammzellenforschung” konfrontiert wird und damit nichts anfangen kann, verirrt sich nun auf die Wikipedia (die kommt ja bei google auch fast immer als erstes, egal nach was man sucht), nimmt diese Informationen als aus einer “neutralen, öffentlichen Quelle” stammend auf und lässt sie in seinen Meinungsbildungsprozess einfließen. Das nächste was man liest, ist irgendein Zeitungsartikel, in dem der Journalist den Abgeordneten XY zitiert, der darauf hinweist, dass die adulte Stammzellenforschung ja in all den Jahren bislang noch zu keinem Ergebnis geführt hat. Und da mir aus dem persönlichen Umfeld bekannt ist, dass auch viele Journalisten auf Wikipedia recherchieren, weil es ja so einfach ist, nützt es nicht mal was, wenn der Redakteur die Angabe gegencheckt…

    Was passiert als nächstes? Der Hinweis auf die Wikipedia ist schon längst verschwunden, inzwischen findet sich die Aussage auch in der Süddeutschen und in der FAZ. Sollte nun noch jemand den Wikipedia-Artikel korrigieren wollen, können die Änderungen leicht mit Verweis auf die Zeitungsartikel bzw. die Aussagen von Abgeordneten und anderen Entscheidungsträgern wieder rückgängig gemacht werden.

    Und dann, erst dann schließt sich der Kreis wirklich….

    Will sagen: Je mehr Politiker, Journalisten und sonstige Meinungsmacher und Entscheidungsträger sich via Wikipedia informieren, desto anfälliger wird die Gesellschaft als solche für im Grunde vollkommen harmlose Fehler in der Wikipedia, die auf die eine oder andere Weise ins “öffentliche Allgemeinwissen” einfließen. Und dass neben Parteien und Geheimdiensten auch etliche Firmen in der Wikipedia Artikel editieren, ist ja schon seit einiger Zeit bekannt….

    Nichts gegen die Wikipedia als Quelle für schnelle Infos. Aber wenn das Lexikon zu einer Primär-Quelle für alle möglichen Entscheidungen wird, dann läuft doch etwas schief. Außerdem: Die Wikipedia mag zwar weitgehend demokratisch sein – aber über Fakten demokratisch abzustimmen, halte ich für gefährlich. Schließlich wird nichts davon richtig, dass eine Menge Leute es glauben….

  4. #4 Christian Reinboth
    2. Juni 2008

    @Thilo: Das wäre vielleicht gar nicht mal schlecht – wie ich bei Ali erfahren durfte, verstehen die meisten Schweizer immerhin schon mal was von Statistik… :-)

  5. #5 blugger
    2. Juni 2008

    Zu Deinen Anmerkungen von Tobias: Das ist ein sehr bemerkenswertes und achtenswertes Phänomen, das Du hier präsentierst. Nämlich, dass ein Blogger sich zurecht über ungenügende Recherche von manchen Journalisten beschwert. Während so manche Journalisten unken, Blogs würden nur journalistische Artikel kommentieren, dürfen Blogger durchaus die Tiefe der Recherche mancher Journalisten hinterfragen. Sind die Blogger noch dazu vom Fach, umso besser.

    Um eine Behauptung wie die von Dir genannte in einen Artikel aufnehmen zu können, genügt es weder diese sich aus Wikipedia noch durch vermeintlich verlässliche Quellen wie SZ oder FAZ zu holen. Gefragt ist die eigene Recherche. Das geht ganz schnell: Mal eben nachsehen in den Papers der letzten zehn Jahre (geht online recht schnell über Eurekalert, press.nature, PLoS…) und wenn man dann tatsächlich nichts über Erfolge der adulten Stammzellforschung findet, dann sollte man noch ein paar Experten fragen und diese sauber zitieren. Findet man doch so manches, hat sich der Wikifehler offenbart. Das könnte sauberer Journalismus werden.

    Ich halte Wikipedia für eine der genialsten Erfindungen des Web. Sie existiert allerdings unter den allgemein bekannten Vorbehalten zur inhaltlichen Aussagekraft.

    Mir zeigt sich eigentlich ein ganz anderes Problem, das mir neulich in den Kopf kam: Ich habe auf Wikipedia verlinkt, weil ich den Eintrag dort prima fand. Doch was geschieht, wenn später ein Wikipedianer in den guten Artikel manch falsches platziert? Mein Link bleibt stehen und ich weiß nicht, was geschehen ist. Nun, bislang lasse ich das stehen und vertraue auf die “inneren heilenden Wikikräfte”. Aber ganz sauber ist das eigentlich nicht. Was also tun? Nie wieder Wiki verlinken?

  6. #6 Christian Reinboth
    2. Juni 2008

    @blugger: Du hast natürlich vollkommen recht (wobei ich persönlich ja Google Scholar auch sehr gut finde). Ich glaube wir wissen aber beide, dass Journalismus heute so nicht mehr funktioniert – abgesehen von einigen wenigen guten Tageszeitungen und Magazinen. In vielen Fällen läuft es dagegen so: Neue Artikel müssen im Stundentakt produziert werden, das Hintergrundwissen ist mehr oder weniger lückenhaft – also wird das Internet bemüht. Und egal was man sucht – unter den ersten Treffern ist fast immer eine Wikipedia-Seite. Also schnell mal nachgesehen und die wichtigsten Fakten übernommen – fertig ist die Recherche.

    Damit will ich keineswegs unterstellen, dass alle Journalisten so arbeiten oder aber dass es falsch wäre, gelegentlich auch mal in die Wikipedia zu schauen. Leider ist die Wikipedia jedoch in viel zu vielen Fällen die einzige Quelle – und da bilden sich dann bei mir ganz langsam die Sorgenfalten….

    All das ist keineswegs eine Kritik an Wikipedia. Wikipedia ist mit Sicherheit eine geniale Erfindung (auch wenn die deutsche Wikipedia voll von Regulatoren ist – aber das mag ja ein typisch deutsches Phänomen sein), unter den genannten Vorbehalten eignet sie sich aber mehr zum schnellen Nachschlagen und taugt eben nicht als Universalquelle für Journalisten oder Studenten – und schon gar nicht für Abgeordnete, von denen ich einfach erwarte, dass sie sich breiter informieren.

  7. #7 blugger
    2. Juni 2008

    DITO: Als Universalquelle eignet sich Wikipedia nun wahrlich nicht. Die Frage ist, ob sich Abgeordnete nicht doch weiter informieren, in ihrer Not des allfälligen Verlinkens dann aber auf Wikipedia verfallen?
    Ich habe Deine Fälle nicht nachgeprüft, gebe ich zu. Aber wäre das nicht eine einfache und hoffungsvolle Lösung, dass manche meinen, sie müssten online verlinken was das Zeug hält?
    Nun gut Rainer Stinner hat sich ganz weltmännisch schlau gegeben. Aber ehrlich, ich glaube nicht mal so sehr daran, dass er Wikipedia wirklich nutzt. Vielleicht hielt er es einfach für seine neue Entdeckung?

  8. #8 CHR
    2. Juni 2008

    Ist hier bei dem Stinner-Zitat etwa der selbe Fehler geschehen, der Wikipedia ständig vorgeworfen wird? Aus meiner Sicht ist Stinners Zitat, wenn man sich es mal im Kontext anschaut, nicht primär als Lob für Wikipedia gedacht. Vielmehr wird mit dem Verweis auf Wikipedia die interne Informationssperre gegenüber Kontrollgremien kritisiert.

    Das ist dann schon ein erheblicher Unterschied im Vergleich zum implizierten Kern des Zitats.

  9. #9 florian
    3. Juni 2008

    Wikipedia… da könnte man wahrlich ganze Bücher drüber schreiben… Ich hab auch schon seit längerem einen Artikel über Verläßlichkeit der Wikipedia und die dortigen Probleme in Arbeit – muß ich wohl mal fertig schreiben 😉

    Wer sich eine lange und verwirrende Diskussion antun möchte, den kann ich hierhin verweisen. Da wird ein Konflikt diskutiert der schon lange in der Wikipedia ausgetragen wird (und der u.a. der Grund war, weswegen ich meine Mitarbeit dort eingestellt habe). Im Endeffekt läuft es darauf hinaus, dass den Naturwissenschaften “verboten” werden soll, sich zu esoterischen und pseudowissenschaftlichen Themen zu äußeren. Nur die Sozial- und Geisteswissenschaften sind angeblich qualifiziert, sich damit zu beschäftigen. Die wissenschaftlichen Kritieren (die eh nie wahnsinnig gut ausgeprägt waren) werden nach und nach aufgeweicht. Zu jeder noch so absurden “Theorie” müssen immer beide Seiten angeführt werden; auch wenn tausendmal nachgewiesen wird, das irgendein Effekt (z.B. Wünschelruten) nicht existiert – wenns irgendwo ein paar Esoteriker gibt, die noch dran glauben muss deren Meinung lang und breit und vor allem gleichberechtigt mit der wissenschaftlichen Meinung aufgeführt werden. Das ganze nennt sich dann “neutraler Standpunkt”… Mittlerweile wurde ja sogar schon die Kategorie “Pseudowissenschaft” abgeschafft – weil das ein “Kampfbegriff” ist und die Anhänger der diversen Theorien sich geärgert fühlen könnten wenn man den verwendet. Naja – bevor ich noch weiter ins offtopic abgleite und weiter rumschimpfe hör ich lieber auf 😉

    In vielen Bereichen liefert die Wikipedia wirklich gute Informationen. Aber – begründet in der Struktur der Wikipedia – ist das eigentlich Zufall. Man kann sich eben auf nichts verlassen, was in der Wikipedia steht – und das ist das eigentliche Problem!

  10. #10 Christian Reinboth
    3. Juni 2008

    @blugger: Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt, wobei ich nicht annehme, dass ausgerechnet Abgeordnete die auf abgeordnetenwatch.de eine Frage beantworten, unter großem Druck stehen, irgendwelche Links in die Antworten einzubauen….

    Zumindest aus den Aussagen von Edathy und Stinner ist eigentlich ersichtlich, dass sie sich die Infos tatsächlich aus der Wikipedia besorgen (wobei es im Falle von Stinner auch ein Indiz dafür sein könnte, dass die zuständigen Informationsdienste einfach nur schlecht arbeiten, wie Tobias ja auch vermutet hat….). Und wenn man z.B. mal die Antwort von Frau Raab herausgreift – da wird auf die Frage nach der Definition des Begriffs “Gefährder” und der Bitte um eine Quellenangabe der erste Absatz des Wikipedia-Artikels zitiert und als Quelle wikipedia.de angegeben….

    Meine Hoffnung ist eigentlich eher, dass die Damen und Herren Politiker für solche Bürgerantworten so wenig Zeit haben, dass es einfach am günstigsten ist, auch mal Passagen aus der Wikipedia zu übernehmen. Dem gegenüber stehen allerdings die Aussagen von Edathy und Stinner, die ja ganz klar angegeben haben, sich aus der Wikipedia sozusagen auch “dienstlich” zu informieren….

  11. #11 Christian Reinboth
    3. Juni 2008

    @CHR: Genau so verstehe ich das Stinner-Zitat auch: Als (ziemlich derbe) Kritik an der Arbeit der zuständigen Informationsdienste (wie Thomas ja auch schon vermutet hat), frei nach dem Motto “Da werde ich in der Wikipedia besser informiert”. An dem grundsätzlichen Problem der Anfälligkeit für Fehlinformationen ändert dies aus meiner Sicht aber nichts – denn wenn die Wikipedia tatsächlich unbemerkt zur Lieblings-Informationsquelle unserer Parlamentarier mutiert sein sollte, dann wirft das natürlich einige Fragen auf….

  12. #12 Christian Reinboth
    3. Juni 2008

    @florian: Von den NPOV-Streitereien habe ich auch schon ein paar mitgemacht, die meisten allerdings als IP, da ich auf persönliche Feindschaften gerne verzichten kann :-) Im Grunde halte ich die Wikipedia für ein faszinierendes Projekt, bin jedoch zu der Einsicht gelangt, dass gerade die deutsche Wikipedia inzwischen unter einem zu strengen Regelwerk und zu vielen Admins und selbsternannten Textsäuberern und Artikellöschern leidet, was dann im übrigen auch wieder in solche Diskussionen wie die von Dir verlinkte ausarten kann. Und bei aller Liebe zur Demokratie und allem Verständnis für die Jugend halte ich es immer noch für problematisch, dass ein 19jähriger Erstsemester einen alteingesessen Prof locker überstimmen und seine Beiträge löschen kann, bloss weil er schon drei Jahre dabei ist und inzwischen über Admin-Privilegien verfügt…..

    Bei der von Dir angesprochenen Diskussion muss ich allerdings den advocatus diaboli spielen und sagen: Wenn “wir Wissenschaftler” für uns das Privileg in Anspruch nehmen, alle Artikel mit religiösen oder esoterischen Inhalten mit einem “stimmt nicht” zu verzieren, was sollte dann die esoterisch oder religiös angehauchte Fraktion davon abhalten, auch in die naturwissenschaftlichen Artikel alternative Standpunkte einfließen zu lassen? Weltanschauliche Neutralität ist ein echtes Problem – und das nicht nur in der Wikipedia….

    Aber wie bereits festgestellt könnte man über die Vor- und Nachteile von Wikipedia komplette Bücher verfassen. Fest steht aber, dass man sich keinesfalls 100%ig auf die Inhalte verlassen kann – und ich mir deshalb wünschen würde, dass Journalisten und vor allem Abgeordnete und ihre Mitarbeiter sich wieder deutlich stärker aus anderen Quellen bedienen würden, auch wenn das natürlich mit mehr Aufwand verbunden ist.

  13. #13 florian
    3. Juni 2008

    @Christian: Du hast schon recht – mein Kommentar weiter oben war ein wenig verschärft formuliert. Ich bin auch nicht der Meinung, das esoterische Weltanschauung komplett aus der Wikipedia entfernt werden sollte. Aber wenn es um Dinge geht, die prinzipiell wissenschaftlich überprüft werden können (Rutengehen, Homöopathie, etc) dann sollte hier der wissenschaftlichen Meinung deutlich mehr Gewicht zukommen als anderen Überzeugungen. Wissenschaft ist nunmal das derzeit einzige verläßliche System des Erkenntnisgewinns – und das wird bei Wikipedia immer weniger berücksichtigt. Unter dem Label “NPOV” werden viele Artikel immer weiter “verwässert” und mit alternativen Meinungen vollgestopft…

    Das Problem mit dem Konflikt Erstsemester/Prof. sehe ich auch. Nicht, das junge Studenten oder interessierte Laien keine guten Wiki-Artikel schreiben können (es ist ja “nur” eine Enzyklopädie und kein wissenschaftlicher Aufsatz) – aber viele Leute haben regelrechte Besitzansprüche an gewisse Artikel und lassen keine andere Meinungen zu – auch wenn sie von ausgewissen Fachleuten kommen. Und wenn dann das x-te Mal eine Bearbeitung eines Profs/Wissenschaftlers von einem Galileo-gebildeten Laien revertiert wird, wird sich der Wissenschaftler von der Wikipedia zurückziehen…

  14. #14 Christian
    3. Juni 2008

    @florian: Das scheint mir in der Tat eines der Hauptprobleme (wenn nicht sogar DAS Hauptproblem) von Wikipedia zu sein – vielleicht mal abgesehen von der Tatsache, dass es für einen “Neuling” einfach zu frustrierend ist, sich durch dicke Regelwerke kämpfen zu müssen oder aber die eigenen Artikel immer wieder gelöscht zu bekommen. Auch die Tatsache, dass der Ton in den Diskussionen meines Erachtens nach zunehmend schärfer wird, trägt vermutlich nicht gerade zur Offenheit der Wikipedia bei….

    Was die Diskussion Fachleute/Laien betrifft, da habe ich in der Wikipedia durchaus schon Artikeldiskussionen gelesen, in denen (augenscheinliche) Fachleute auf Bücher, Studienwissen etc. verwiesen haben und ihre Edits trotzdem von irgendwelchen jugendlichen Admins revertiert wurden – teilweise sogar mit Begründungen wie “Sie haben keine Ahnung wie man NPOV schreibt, lesen sie erst mal die Regeln, ich bin hier schon seit Jahren dabei etc.” Das ist immer dann eine negative Sache, wenn die Edits richtig gewesen wären und der Experte (verständlicherweise) nach kurzer Zeit die Lust verliert, scheinbar endlose Diskussionen zu führen. Dass kann dann genau so enden wie Du es beschrieben hast – der Experte schmeisst frustriert hin und das “Galileo-Halbwissen” bleibt erhalten….

  15. #15 Marcus Cyron
    3. Juni 2008

    @ blugger: ich sage nur das Zauberwort “Permanentlink”. Man kann jeden Artikel in jeder jemals gespeicherten Version verlinken. Darunter auch die des Artikels in der Form, wie du sie so gut fandest. Und diese Artikelversion kann nicht mehr geändert werden.

    Als einer der Wikipediaautoren muß ich sagen, daß ich den Beitrag hier sehr interessant fand. Und weitestgehend gehe ich damit auch d’acord (so wie sicher 95% der Autoren dort). Wir sehen uns eigentlich nicht als Menschen mit einer Mission. Zumindest nicht mit der Mission, das Land zu regieren oder politischen Einfluß zu haben (obwohl das manchmal nicht schlecht wäre, wenn man bessere Lobbyarbeit im Bereich des Freien Wissens, der Urheberrechte etc. machen könnte). Wikipedia soll – so ist die Idealvorstellung – einen Einstieg bieten. Und bei vielen Themen tut sie das. Ich würde behaupten, im Schnitt ist sie ebenso verläßlich wie der Brockhaus oder ein Fachlexikon (als Altertumswissenschaftler sehe ich ja den Vergleich zwischen Wikipedia und beispielsweise dem Neuen Pauly).

    Daß sich auch Politiker zum Einstieg mal einen Wikipediaartikel in einer Materie zu Gemüte führen ist sicher unproblematisch und auch gewollt. Dazu ist die WP ja da. Einen Einstieg geben, nicht selten findet man auch weiterführende Informationen. Aber wenn sich Politiker über Vorgänge in ihren Bereichen informieren ist das natürlich bedenklich. Zumal Wikipedia ja auch kein Nachrichtenportal ist. Es ist nunmal ein Projekt zu Erstellung einer Enzyklopädie mit freien Inhalten (frei bedeutet übrigens “Freie inhalte”, nicht “jeder darf machen und schreiben, was er will”). Und Wissen ist ein Gut, daß nicht selten erst mit der zeit als gesichert wahr genommen werden kann. Ab dem Moment ist es enzyklopädisch. Gerüchte haben im Allgemeinen nichts in der WP verloren. Das treibt dann manchmal solch skurile Blüten, daß Artikel zu Kinofilmen gelöscht werden, wenn sie noch nicht angelaufen sind, obwohl sie eine Woche später anlaufen (“Glaskugel”). Und dann werden sie wieder her gestellt.

    Wikipedia ist ein faszinierendes Projekt. Würde es das nicht geben, man müßte es wohl erfinden. Aber es ist weder die Eierlegende Wollmilchsau, noch ein Allheilmittel gegen Dummheit und Lernfaulheit. Legendär ist schon der Student, der aus der Wikipedia einen Artikel kopiert hat und seinem Dozenten als Hausarbeit abgegeben hat. Dummerweise war der Dozent Autor des Wikipediaartikels. Das Ausgeben von Wikipediaartikeln als eigene Arbeit, etwa von Schülern in Referatenoder Hausarbeiten ist letztlich Diebstahl des geistigen Eigentums Anderer, das diese freundlicherweise der Allgemeinheit zur Verfügung gestelt haben. Eigentlich völlig inakzeptabel und immer wieder schlechte Noten Wert. Wegen Faulheit und Dummheit. Wikipedia legt es gar nicht darauf an, zitierfähig zu sein (wiewohl einige der Artikel das Beste darstellen, was es zu bestimmten Themen überhaupt gibt). Wenn das Politiker, Wissenschaftler, Schüler oder Studenten nicht verstehen oder verstehen wollen, ist das ein großes Problem.

  16. #16 knorke
    3. Juni 2008

    Ich möchte dem nur am Rande folgendes hinzufügen (passt ganz gut zum Thema):
    href=”http://www.stefan-niggemeier.de/blog/henryk-m-broders-recherchophobie-271″>http://www.stefan-niggemeier.de/blog/henryk-m-broders-recherchophobie-271

    (hoffe, ich darf hier einfach mal ‘n Link bringen und dass es geklappt hat).

    Übrigens: Auch von sogenannten Experten kriegt man Jahrein Jahraus Weisheiten präsentiert, die nicht stimmen (gab’s auch mal ‘n SPON Artikel zu, dem ich jetzt einfach mal glaube). Wenn man also eine Quelle dafür kritisiert, dass sie ungenau ist (Wikipedia) dann sollte man dies doch bitte in Relation tun zu anderen Quellen – sogar mancher Prof erzählt Geschichten, die sich längst überholt haben (Thema Aufgaben der linken und rechten Hirnhälfte).

    Ich habe übrigens auch schon für Facharbeiten die Wikipedia verwendet. Das tolle ist, dass man dort Suchanstöße und Literaturquellen kriegt und vor allem erstmal ein solides Basiswissen zusammenkratzen kann. Und für ‘ne stupide Definition halte ich die in der Regel auch für angemessen (wobei ich dann wennmöglich nach der Originalpublikation der Def. suchen würde, nur der Korrektheit halber).

  17. #17 Monika
    3. Juni 2008

    Hi Christian, sehr schöner Artikel und interessante Kommentare 😉
    Habe Deinen Beitrag – weil er so prima zum Thema passte – auch gleich hier verlinkt:Die Kunst der unterhaltsamen und wissenschaftlichen…

    Ich versuche so weit als möglich, Wikipedia-Linkhinweise zu vermeiden und Alternativen bei seriösen Contentanbietern zu suchen. Über mir fachfremdes Wissen blogge ich nicht. So kann ich einigermaßen überprüfen, ob die verlinkten Inhalte wissenschaftlich gesehen einigermaßen seriös sind……Grundsätzlich nehme ich da gerne auch einen höheren Rechercheaufwand in Kauf…..

    Letzthin bin ich tatsächlich bei der Rezension eines Fachbuches!! auf Wikipedia-Linkverweise gestossen. Wikipedia scheint immer mehr hoffähig zu werden! und das sogar in einem wissenschaftlichen Fachbuch. Oh la la…..kann es da noch schlimmer werden?

  18. #18 Christian
    6. Juni 2008

    @knorke: Vom “Medienjournalisten” halte ich persönlich nicht so viel – aus meiner Sicht schleppt Herr Niggermeier für objektive journalistische Arbeit einen viel zu großen Bias mit sich herum. In seinem Blog kritisiert er dann auch wieder etwas, um dass es in der Diskussion zwischen Edathy und Broder gar nicht ging – da fehlte ihm scheinbar die Zeit um Broders Artikel einfach mal richtig zu lesen….

  19. #19 Christian
    6. Juni 2008

    @Monika: Vielen Dank für den Link :-) Nochmal zur Sicherheit: Ich persönlich halte Wikipedia für ein gutes und (in Maßen) unterstützenswertes Projekt, auch wenn es da so einiges gibt, was sich eventuell noch verbessern ließe. Dennoch ist es mit Sicherheit nicht gut, wenn sich Mitglieder des Verteidigungsausschusses ihre Informationen über Afghanistan aus der Wikipedia holen – schlicht und ergreifend einfach deshalb, weil die für Manipulationen viel zu anfällig ist. Dass auch Journalisten und sogar Wissenschaftler auf die Wikipedia zurückgreifen – und zwar nicht als Quelle für schnelle Fakten sondern als Primärquelle – halte ich ebenfalls für bedenklich. Genau wie Dir sind mir nämlich auch schon Wikipedia-Referenzen in Fachbüchern sowie Diplom- und Bachelor-Arbeiten begegnet….gruselig.

  20. #20 Lars
    7. Juni 2008

    Zu allererst: ich bin ein wirklich großer Fan der Wikipedia und lese unheimlich gern darin. Trotzdem aber macht mir die Entwicklung, hin zu einem Informationsmonopol, ein wenig Sorge. Es fehlen derzeit einfach Alternativen und ein Gegenspieler der mit der Wikipedia mithalten kann.

  21. #21 Edgar
    7. Juni 2008

    Auf der Wikipedia wird man übrigens auch auf inzwischen entstandene Alternativ-Enzyklopädien u.ä. verwiesen:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Alternativprojekte
    http://de.wikipedia.org/wiki/Benutzer:Nina/NPOV

  22. #22 Oliver
    13. Juni 2008

    Zum einen: Ich traue der Wikipedia auch nicht über den Weg. Aber: Sie liefert nichtsdestotrotz a)einen Startpunkt und b)einen für jedermann erreichbaren Überblick. Dass Politiker Wikipedia zitieren heisst ja nicht notwendigerweise, dass sie den Inhalten ungeprüft vertraut haben. Wenn ich mit Laien diskutiere verweise ich auch schon mal auf Wikipedia, wenn ich mir sicher bin, dass der Inhalt einigermaßen passt, denn auf “Nature” zu verweisen macht da nicht viel Sinn, wo das Gegenüber zum einen nur mit Mühe Zugang dazu hätte und zum anderen nur einen Bruchteil dessen, was dort steht, wirklich nachvollziehen könnte. Eine Referenz, die für den Leser -aus welchen Gründen auch immer- nicht zugänglich ist, hilft ihm nicht weiter. Richtig gebraucht kann Wikipedia als Referenz daher durchaus sinnvoll sein, insbesondere wenn man sich mit Leuten austauscht, die nicht zur Fach-Community eines bestimmten Themas gehören.

  23. #23 TanjaK.
    15. Juni 2008

    Verordnen Sie ihm eine Turnstunde im geschlossenen Saal mit einer Truppe motivierter junger Türken aus Kreuzberg!

    Meine Antwort zur Einladung Henryk M. Broders als “Sachverständiger” an die Kaste der deutschen Politiker

    Anhörung des Innenausschusses zum Thema Antisemitismus

    Ich ersuche Sie eindringlich Henryk M. Broder kurzfristig von der Rednerliste zu streichen. Seine Teilnahme an dieser Anhörung wäre ein Schlag ins Gesicht jener Menschen, die sich täglich gegen Antisemitismus, aber auch die Instrumentalisierung dieses Begriffes – noch dazu vor dem Hintergrund einer immer offen aggressiven israelischen Politik und ihrer Kriegsvorbereitung wenden. Erschwerend kommt hinzu, dass Broder bekanntlich mehrfach jüdische Menschen und andere Kritiker des Antisemitismus bezichtigte, in dem er Ihnen völlig ohne inhaltliche Begründung, geschweige denn Substanz, die Spielmarke „antisemitisch“ aufklebte. Er ist ein Propagandist, kein Aufklärer.

    Aktuell (28. Mai. 2008) wurde er verurteilt, mich, eine transsexuelle Autorin, die er nicht zuletzt wegen ihres persönlichen Hintergrundes schmähte, nicht mehr z.B. wie folgt zu charakterisieren: „Sie bzw. er ist naemlich ein antisemitischer Schlamperich und ein weiterer Beweis dafuer, dass man einem Antisemiten brain and balls wegoperieren kann.“ Wenn Sie ausgerechnet jetzt, da der Charakter Broders in derartiger Weise als justiziabel von einem Landgericht ausgewiesen wurde, damit adeln, dass Sie seine nachweislich bisweilen grotesken und rein völkisch motivierten Ergüsse zum Maßstab eines potenziellen Meinungskorrektivs erheben, so fragt man sich, in wessen Sinne dies geschieht.

    Hier nun zwei Beispiele – nämlich jene, die mich betreffen – wie er sich geradezu „Antisemiten“ „schnitzt“, wie er „antisemitische“ Umtriebe erfindet und die Wahrheit auf den Kopf stellt, ja aus dem Nichts einen Vorwurf bastelt. Broder unterstellte mir „Antisemitismus“, zunächst privat in vager Form, ehe er dies öffentlich bestätigt. Er hatte eine Reihung jüdischer Autoren aus meiner Zeitung „CAMPO de Criptana“, die auch den Namen Konrad Weiß enthielt, als “antisemitisch” bezeichnet, mit der absurden „Begründung“, Weiß sei kein Jude und ich müsse wohl eine „Judenkartei“ besitzen. Das aber, so erklärte ich schon vor zwei Jahren, ist so “antisemitisch”, wie es “antiitalienisch” wäre, wenn ich eine Reihe von italo-amerikanischen Schauspielern wie folgt aufgelistet hätte – Leonard DiCaprio, John Travolta, Robert de Niro, John Belushi, Al Pacino – wobei sich einer (ja wer?), als Kosovo-Albaner herausstellt. Im zweiten Falle wiederholte er den Vorwurf und so sollte ich als „Antisemitin“ gebrandmarkt werden, obwohl ich der Versuchung standhielt, im Interview mit dem Muslim-Markt auf deren These vom “einen Staat” einzugehen, sondern klar und unmissverständlich die Zweistaatenlösung favorisierte, dabei einen gemeinsamen Rat, der im Vorfeld Probleme bereden sollte, empfahl. Grad dies bezeichnete Broder völlig faktenresistent als “antisemitisch”, obwohl die Praxis der Ebene der Diplomatie genau dies längst praktiziert. Er sieht es demnach schon als „antisemitisch“ an, wenn man sich für die Zweistaatenlösung ausspricht, also für jene Lösung, die von allen entscheidenden Staatsführern und Demokraten favorisiert wird.

    Wir sehen also, dass die skandalösen Methoden des Henryk M. Broders „Antisemiten“ zu entlarven, in äußerst vielen Fällen nichts als der Versuch der willkürlichen Brandzeichnung zum Zwecke der politischen Ausschaltung und menschlichen Herabwürdigung ist. Dass er dabei auch Menschen wie mich, wegen ihres persönlichen Hintergrundes schmäht, kommt hinzu. Unfassbar also ist es, wenn ausgerechnet nach einem derartigen Urteil gegen Broder (250 000 Euro oder sechs Monate Haft bei Zuwiderhandlung), quasi als Lohn ein Auftritt vor dem Bundestagsausschuss winkt. Wer trägt eigentlich dafür die politische Verantwortung?

    Heute beleidigt er Transsexuelle (obszönerweise er, der doch die Freiheit verteidigen will und sich angeblich in ihrem Sinne einsetzt) und bezichtigt völlig sinnfrei Menschen als Antisemiten, früher war er nur der Meinung, Frauen seien selbst schuld, wenn man sie belästigt: „Wenn eine erwachsene Frau beim Anblick eines Exhibitionisten einen Schock erleidet, ist daran nicht der Exhibitionist schuld, sondern die Erziehung, die die Frau gehabt hat“ („Wer hat Angst vor Pornographie“).

    Fazit: Broder ist so ein Garant für die Wahrheit über Antisemiten, wie Udo Voigt oder Gerhard Frey unbestechliche Kenner des Deutschtums sind, also: eher nicht. Laden Sie ihn aus, weisen Sie ihm die Tür, verordnen Sie ihm eine Turnstunde im geschlossenen Saal mit einer Truppe motivierter junger Türken aus Kreuzberg!

    Mit freundlichen Grüßen, Tanja Krienen

  24. #24 Anna Schriener
    28. Juli 2008

    Hallo,

    ja, ich weiss, in einem Blog müssen provokante Thesen formuliert werden, damit die Leserschaft sich gut unterhalten fühlt. Trotzdem finde ich den Versuch schon etwas frech, zunächst den Einfluss von wikipedia zu kritisieren und durch diesen Beitrag eine kleine Verschwörungstheorie in Gang zu setzen, die von leicht beeinflussbaren Menschen übernommen wird.
    Die herablassende Äusserung “das würde ich keinem meiner Studenten durchgehen lassen” fällt auf den Urheber selbst zurück: tendenziös wird hier uninteressante Parteibasis, die nie Entscheidungsträger war und es wohl auch niemals sein wird, in einem Satz mit Mitgliedern des Bundestags genannt und damit der Anschein erweckt, als sei der Anteil jener relevanten Politiker, die sich “öffentlich” zu Wikipedia bekennen, wesentlich höher. Vielleicht stehen Sie selbst Internetquellen Internetquellen erstaunlich unkritisch gegenüber, so dass Sie es ähnliche Geisteshaltung bei anderen befürchten?

    Ein solches wie das obige Pamphlet würde ich keinem meiner Studenten duchgehen lassen, Herr Reinboth. Sind Sie auch in “Real Life” Wissenschlaftler oder nur in Ihrem Blog? Vielleicht verfassen Sie mal einen Wikipedia-Beitrag, damit wir Ihnen glauben können!

    Grüsse,
    Anna Schreiner