Andersdenkende ausgeschlossen? Die Uni Siegen sucht per Stellenausschreibung nach einem Doktoranden mit der “richtigen” Weltanschauung.

Eine äußerst merkwürdige Stellenausschreibung an der Uni Siegen hat der SPIEGEL ausfindig gemacht: Die Uni sucht für das Promotionskolleg “Demokratie und Wissenschaft”, das von der Linkspartei-nahen Rosa-Luxemburg-Stifung mitfinanziert wird, einen wissenschaftlichen Mitarbeiter mit politisch linker Weltanschauung. Der SPIEGEL berichtet:

Die Universität Siegen ist nach SPIEGEL-Informationen eine fragwürdige Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung eingegangen, die der Partei Die Linke eng verbunden ist. Zur Koordinierung eines Promotionskollegs, das die Stiftung an der Universität einrichtet, hat die Hochschule einen Wissenschaftlichen Mitarbeiter gesucht. Dieser muss freilich die richtige Weltanschauung haben: Bewerber sollten sich “den Zielen der Stiftung verbunden fühlen”, hieß es in der Stellenausschreibung der Universität.

Im Klartext bedeutet dies: Wer sich mit den politischen Zielen der Linkspartei und der Rosa-Luxemburg-Stiftung nicht identifizieren kann, braucht sich im Grunde gar nicht erst um die Möglichkeit zur Promotion zu bewerben. Da wissen wir ja, welches Ergebnis wir vom Promotionskolleg “Demokratie und Kapitalismus” zu erwarten haben. Wess Brot ich ess, dess Lied ich sing – leider scheint diese Einstellung sich immer stärker in der deutschen Hochschullandschaft zu manifestieren.

Erst vor ein paar Wochen wurde schließlich in diesem Blog ausgiebig darüber diskutiert, ob es einer Pro-Homoöpathie-Stiftung erlaubt sein sollte, einen Homöopathie-Lehrstuhl an der Charité zu finanzieren – und inwiefern man bei einem solchen Lehrstuhl von objektiver Wissenschaft ausgehen könnte. Damals witzelte ich noch, dass demnächst ja vielleicht die Malboro-Stiftung einem Lehrstuhl für “alternative Krebsforschung” sponsern könnte – und nun das. Mann muss es sich auf der Zunge zergehen lassen:

Die Linkspartei finanziert über ihre eigene Stiftung ein Promotionskolleg zum Thema “Kapitalismus” an einer deutschen Universität – und in der Stellenausschreibung wird bereits explizit darauf hingewiesen, dass nur ideologisch im Sinne der Partei gefestigte Bewerber eine Chance haben.

Weltanschauliche Nähe zur Linkspartei als Einstellungsvoraussetzung an einer deutschen Hochschule – das erinnert auf unschöne Art und Weise an SED-Zeiten und dürfte zudem gegen das Antidiskriminierungs-Gesetz verstoßen, welches auch die ungerechtfertigte Benachteiligung aus Gründen der Weltanschauung verbietet:

Ziel des Gesetzes ist, Benachteiligungen aus Gründen der Rasse oder wegen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität zu verhindern oder zu beseitigen.

Abschnitt 1, §1 AGG, http://bundesrecht.juris.de/bundesrecht/agg/gesamt.pdf

In der konservativen Blogosphäre wird die Personalpolitik der Uni nun zwar heftig kritisiert, inwiefern die vom SPIEGEL als “fragwürdig” eingestufte Kooperation der Hochschulleitung mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung ein hochschulpolitisches Nachspiel haben wird, ist zur Stunde aber noch relativ unklar. Der Hochschulleitung zumindest scheint die Brisanz ihrer Stellenausschreibung inzwischen klargeworden zu sein, denn in den im Netz verfügbaren Versionen findet sich der “Weltanschauungs-Passus” nicht mehr.

Die hessische Linkspartei hat übrigens just am heutigen Tage die Auflösung des hessischen Landesverfassungsschutz zur Voraussetzung für die Mit-Wahl von Andrea Ypsilanti erklärt – und zwar mit der angesichts der Parteigeschichte vollkommen absurden Begründung, man könne denjenigen “die sie bespitzeln” nicht die Hand reichen. Eine Forderung, die mit Sicherheit auch von der Rosa-Luxemburg-Stiftung unterstützt wird. Wer nun aber solche Ansichten nicht teilt, dem sollte dadurch keinesfalls automatisch das Recht verwehrt werden, an der Uni Siegen zum Thema “Demokratie und Kapitalismus” zu forschen.

Kleines Update: Ulrich Berger von “Kritisch gedacht” weist mich darauf hin, dass die ursprüngliche Ausschreibung doch noch verfügbar ist – zwar nicht auf dem Server der Uni Siegen, dafür aber auf dem Server der Bergischen Universität Wuppertal.

Kommentare (33)

  1. #1 florian
    18. August 2008

    Bei den Förderungen gibts das ja schon lange. Bei den verschiedenen Begabtenförderwerken braucht man sich mit der falschen politischen Einstellung bzw. dem falschen Glauben gar nicht erst bewerben.
    Und in Österreich ist dieser Proporz alltäglich – Schuldirektoren werden nach Parteibuch besetzt – es gibt “rote” und “schwarze” Schulen; gleiches gilt für andere staatsnahe Betriebe (öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Zeitungen, etc) – an den Universitäten wird das sicher nicht anders sein. Es wird halt nur nicht offiziel mitgeteilt so wie an der Uni Siegen 😉

  2. #2 Thilo
    18. August 2008

    Promotionskollegs, die von parteinahen Stiftungen finanziert werden, gibt es an anderen Universitäten auch. Das ist soweit noch nichts Ungewöhnliches. Das Fragwürdige an diesem speziellen Fall war die Formulierung, daß der Mitarbeiter sich den Zielen der Stiftung verbunden fühlen müsse. (Offensichtlich als Reaktion auf den Spiegel-Artikel hat man diese Formulierung jetzt geändert: jetzt heißt es, er müsse mit dem Thema vertraut sein.)
    Abgesehen davon wundert man sich (bei allem Respekt für die Freiheit der Forschung) natürlich schon über Formulierungen wie diese (aus der Universitäts-Zeitung): “Demokratie und Kapitalismus – sind das Begriffe, die sich gegenseitig ausschließen oder gehören sie gar untrennbar zusammen? Während Kritik am kapitalistischen System nicht nur bei den Linken geübt wird, gelegentlich gar von einer Überwindung des Kapitalismus zu hören ist, gibt es kaum grundsätzliche Kritik an der Demokratie als Herrschaftsform.”
    Zum Verständnis der Situation sollte man noch wissen, daß es an der Uni Siegen gerade in der letzten Woche erhebliche Turbulenzen wegen der (inzwischen zurückgenommenen) Abberufung des Rektors gab (http://www.uni-siegen.de/uni/publikationen/querschnitt/quer_sonder_080810.pdf). Das ist natürlich keine Entschuldigung, aber erklärt vielleicht doch, warum die Hochschulleitung in den letzten Wochen andere Dinge zu tun hatte, als sich um diesen Ausschreibungstext zu kümmern.

  3. #3 Christian Reinboth
    18. August 2008

    @Florian: Bei den Begabtenförderwerken sehe ich das nicht so eng, da diese ja außerhalb der Hochschulen arbeiten. Wem ich das Geld für ein Studium zur Verfügung stellen will, das kann ich mir ruhig selbst aussuchen dürfen – und für Jugendliche unterschiedlicher politischer Coleur gibt es dann ja auch unterschiedliche Förderwerke…

    Bei offiziellen Hochschulstellen oder in staatlichen Betrieben bzw. im Journalismus sollte die politische Ausrichtung der Kandidaten dagegen keinesfalls einen entscheidenden Einfluss auf die Bewerbungschancen haben. Wie ich dem Magazin der Uni Siegen inzwischen entnommen habe, geht es insgesamt um ganze acht Promotionen (neben der einen Vollzeit-Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter). Dass die Uni hier ganz unverholen durchblicken lässt, dass man für die Forschungen zum Thema “Kapitalismus” (Ausgerechnet! Wenn es wenigstens Physiker oder Chemiker wären…) nur solche Bewerber in die engere Auswahl nimmt, die auf der Linie der Linken liegen (und sicher auch forschen) – das ist meines Erachtens nach ein echter Skandal…

  4. #4 Christian Reinboth
    18. August 2008

    @Thilo: Dass eine Partei oder parteinahe Stiftung ein solches Kolleg finanziert, dagegen ist auf keinen Fall etwas einzuwenden. Das Unding in diesem Falle ist – wie Du schon richtig schreibst – dass die Uni im Ausschreibungstext explizit darauf hinweist, dass sich nur Vertreter bestimmter politischer Richtungen Chancen ausrechnen können…

    Die etwas seltsamen Formulierung des Forschungsthemas ist mir auch schon aufgefallen, aber ich wollte an dieser Stelle keinen Thread “Kapitalismus – gut oder schlecht” eröffnen. Wenn die Konrad-Adenauer-Stiftung ein Kolleg zum Thema “Sozialismus und Demokratie” co-finanzieren würde, würde ich auch nicht erwarten, dass die Uni im Ausschreibungstext darauf hinweist, dass sich nur CDU-nahe Bewerber zu melden brauchen…

    Alles in allem ein ziemliches Unding. Nachdem der Ausschreibungstext im Netz ja inzwischen revidiert wurde, bin ich gespannt wie sich die Sache weiter entwickelt…

  5. #5 Fischer
    18. August 2008

    Die Ökonomen werden mich dafür schlagen, aber mich würde so etwas in Chemie oder Physik wesentlich mehr stören. In der Ökonomie dagegen kann man sich seine bevorzugte Theorie – böse formuliert – nach der Weltanschauung aussuchen, da ist es nur konsequent, wenn man das mit den Doktoranden auch macht.

    Die Linken wollen halt Keynes. Da ist es halt nicht tiefsinnig, wenn sie sich nen Monetaristen anlachen.

  6. #6 Ulrich Berger
    18. August 2008

    @ Christian:
    Der link zur “aktuell verfügbaren” Stellenausschreibung ist falsch, der sollte lauten
    http://www.fb1.uni-siegen.de/philosophie/promo/stellenausschreibung.html
    Hier gibt’s übrigens noch das Original:
    http://www.zgs.uni-wuppertal.de/news/stelle_siegen.html

    @ Fischer:
    *klopp! klopp!*
    Aber ernsthaft: An dem was du sagst ist (leider) einiges dran, zumindest in der traditionellen Nationalökonomie. (Es wird aber langsam besser mit “evidence-based economics”…)

    Die Mitarbeiterstelle hat aber im Grunde nichts mit Ökonomie zu tun, und es ist auch keine Doktorandenstelle. Offenbar hat man hier einen wissenschaftlichen(!) Mitarbeiter gesucht, der Sekretariatstätigkeiten (“Koordinationsaufgaben”) übernehmen soll. Das ist dann doppelt schlimm.

  7. #7 Lula
    19. August 2008

    Schade. Im Fazit mag der Artikel ja richtig sein, aber die Gleichstellung von “Zielen der Stiftung” und “ideologischer Ausrichtung” zeugt leider von wenig präzisem Lesen (oder Denken?). Die Wirklichkeit sieht zuweilen anders aus: Anders als etwa Kommentator Florian es beschreibt, stehen die großen deutschen Begabtenstiftungen durchaus auch politisch “Andersdenkenden” offen – und das nicht nur auf dem Papier. Insofern besteht auch hier durchaus die Möglichkeit, daß ein Bewerber gesucht wird, der sich den gesellschaftspolitischen Zielen der Rosa-Luxemburg-Stiftung verpflichtet fühlt. Die sind laut Website nicht nur “kritische() Analyse des gegenwärtigen Kapitalismus (…) programmatische() Diskussion über einen zeitgemäßen demokratischen Sozialismus (…) [und] Dialog zwischen linkssozialistischen Kräften, sozialen Bewegungen und Organisationen, linken Intellektuellen und Nichtregierungsorganisationen”, sondern auch die
    Organisation “politische[r] Bildung, [Verbreitung der] Kenntnisse über gesellschaftliche Zusammenhänge in einer globalisierten, ungerechten und unfriedlichen Welt; (…) selbstbestimmte gesellschaftliche politische Aktivität und unterstützt das Engagement für Frieden und Völkerverständigung, für soziale Gerechtigkeit und ein solidarisches Miteinander.” Das *könnte* durchaus eine legitime Stellenausschreibung ergeben. Ob das in der Praxis aber so gehandhabt wird, ist offensichtlich fraglich. *Dieses* Risiko ist problematisch.

  8. #8 Christian
    19. August 2008

    @Fischer: Jetzt bin ich wirklich neugierig. Das Problem bei einem Ökonomen, der aufgrund seiner Weltanschauung eingestellt wird, ist doch, dass im Grunde damit zu rechnen ist, dass besagter Ökonom dann auch “einseitig” arbeitet bzw. forscht.

    Bei einem Physiker oder Chemiker sehe ich dagegen eine deutlich geringere Wahrscheinlichkeit dafür, dass die politische Weltanschauung sich in den Forschungsergebnissen niederschlägt (wobei ich natürlich einen “politischen Lackmus-Test” für Chemiker oder Physiker ebenso wenig gutheißen würde).

    Was also würde Dich an einer vergleichbaren Stellenanzeige für einen Chemiker oder Physiker mehr stören? Dass es sich um eine politisch neutrale Wissenschaft handelt und die Weltanschauung keine Rolle spielen sollte?

  9. #9 Christian Reinboth
    19. August 2008

    @Ulrich Berger: Danke für den Hinweis auf den Originaltext. Schon bemerkenswert, wie schnell der kritische Passus nach dem SPOn-Artikel von der Uni Siegen entfernt wurde… Der Verdacht, dass hier ein Nachwuchswissenschaftler teilweise als billige Arbeitskraft zur Organisation des Kollegs eingespannt werden soll, drängt sich mir in der Tat ebenfalls auf. Alles in allem eine ziemlich traurige Leistung der Uni Siegen – aber vielleicht liegt es ja tatsächlich daran, dass – wie Thilo schreibt – bei der Hochschulleitung zur Zeit einiges im Argen liegt…

  10. #10 Thilo
    19. August 2008

    Zum letzten Kommentar: ich hatte nicht gemeint, daß bei der Hochschulleitung etwas im Argen liegt, sondern daß die Hochschulleitung in den letzten Wochen mit anderen Problemen zu kämpfen hatte und deswegen offenbar diese merkwürdige Anzeige “durchgerutscht” ist. Über die aktuellen Auseinandersetzungen in Siegen (die mit dem Thema dieses Artikels nichts zu tun haben) habe ich gerade heute einen Beitrag geschrieben: http://www.scienceblogs.de/mathlog/2008/08/unternehmerische-universitat.php

    Zum vorletzten Kommentar: das Problem in Physik oder Chemie wäre weniger die Beeinflussung der Forschung. Sondern daß Leute dort ihre Partei- oder sonstigen Freunde in gutbezahlte Stellen hieven könnten. Was nichts am Inhalt der Forschung ändern, aber das Niveau der Forschung auf Dauer herabdrücken würde.

  11. #11 Fischer
    19. August 2008

    *Was also würde Dich an einer vergleichbaren Stellenanzeige für einen Chemiker oder Physiker mehr stören? Dass es sich um eine politisch neutrale Wissenschaft handelt und die Weltanschauung keine Rolle spielen sollte?*

    Ganz genau. In einer Wissenschaft, in der die Weltanschauung de facto einen Unterschied im Bezug auf die Herangehensweise macht (ob das nun für das Fachgebiet spricht mal beiseite gelassen), ist es einigermaßen legitim, vorher danach zu fragen, ob der Kandidat im Sinne des Geldgebers arbeiten würde. Es gibt nun mal verschiedene widersprüchliche volkswirtschaftliche Theorien, die von verschiedenen politischen Lagern präferiert werden. Eine unabhängige, evidenzbasierte Ökonomie ist, wie Ulrich ja schon sagte, bestenfalls in Ansätzen erkennbar.

    Es gibt aber nun mal keine “linke” oder “rechte” Physik oder Chemie, und die Weltanschauung des Kandidaten ist für die Qualität seiner Arbeit a priori irrelevant (Siehe auch Thilos Kaffee/Tee-Beitrag). Und unter diesen Umständen ist die Frage nach der Weltanschauung einfach Diskriminierung.

  12. #12 Christian Reinboth
    19. August 2008

    @Lula: Es tut mir leid, aber dieser Kritik kann ich nicht zustimmen. In der Ausschreibung wird ganz deutlich gesagt, der Bewerber solle sich den Zielen der Stiftung verbunden fühlen. Nun haben Sie diese Ziele ja aufgelistet:

    – Kritische Analyse des Kapitalismus
    – Diskussion über zeitgemäßen Sozialismus
    – Dialog zwischen linkssozialistischen Kräften
    – Engagement für mehr soziale Gerechtigkeit
    – Politische Bildung (sicher nicht ganz unideologisch)
    – Aufklärung über Globalisierung und Ungerechtigkeit

    Abgesehen davon, dass man “soziale Gerechtigkeit” praktisch beliebig umdeuten kann (ich erinnere nur mal an “Sozial ist, was Arbeit schafft”), sind abgesehen von der Förderung nach mehr Völkerverständigung sowie selbstbestimmter politischer Aktivität im Grunde keine Ziele mehr übrig, denen sich ein liberaler oder konservativer Bewerber wirklich ehrlichen Herzens verbunden fühlen könnte.

    Abgesehen davon ist die Stiftung nicht ohne Grund nach Rosa Luxemburg benannt, von der immerhin der Ausspruch stammt:

    Wer sich dem Sturmwagen der sozialistischen Revolution entgegenstellt, wird mit zertrümmerten Gliedern am Boden liegenbleiben. (Aus: F. Weil: Rosa Luxemburg über die russische Revolution. Einige unveröffentlichte Manuskripte, Archiv für die Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung 13, 1928, S. 285 – 298)

    Bei aller Glorifizierung der Person in manchen Kreisen sollte man Aussagen wie diese nicht vergessen. Wenn man nun von einem Bewerber erwartet, dass er sich mit den Zielen der Rosa-Luxemburg-Stiftung identifizieren kann bzw. sich diesen verbunden fühlt, dann sagt man damit zwischen den Zeilen nichts anderes, als dass sich nur Anhänger einer bestimmten politischen Denkrichtung zu bewerben brauchen.

    Leider, leider, leider sehe ich da gar keine andere Deutungsmöglichkeit. Auch beim SPIEGEL, dem man nun sicher nicht vorwerfen kann, besonders liberal oder konservativ gebiased zu sein, hat man dies glasklar erkannt und die enge Zusammenarbeit der Universität mit der Stifung als “fragwürdig” eingestuft. Auch der Satz “Dieser muss freilich die richtige Weltanschauung haben.” stammt ja nicht orginär von mir, sondern aus dem SPIEGEL-Artikel…

  13. #13 Christian Reinboth
    19. August 2008

    @Thilo: Hab den Artikel eben gelesen – jetzt ist mir klar, von was für Turbulenzen Du gesprochen hast. Eine unschöne Geschichte, wobei ja die teils unfreiwillige Umorientierung von Hochschulen weg von der Forschung und hin zu Ausbildungsstätten für die Industrie mit klar eingegrenztem Bildungsauftrag leider kein Einzelphänomen ist. Dass der Richtungsstreit allerdings in Siegen schon solche Ausmaße angenommen hat, dass die Wirtschaft quasi den Rektor absägt, das war mir dann doch neu…

  14. #14 Christian Reinboth
    19. August 2008

    @Fischer: Danke für die Klarstellung, so etwas ähnliches hatte ich bereits vermutet… Es wäre in der Tat reine Schikane, einem Chemiker eine bestimmte politische Gesinnung abzuverlangen – wobei im Falle des Ökonomen ja eigentlich erschwerend dazukommt, dass man über das politische Auswahlverfahren letztendlich ganz klar einen Einfluss auf die Ergebnisse ausüben möchte, was in meinen Augen ebenso verwerflich ist.

    Denn ähnlich wie im Falle der von der Carstens-Stiftung finanzierten Homöopathie-Forschung vermutlich nicht damit zu rechnen ist, dass im Ergebnis z.B. die Unwirksamkeit einer bestimmten homöopathischen Behandlungsweise nachgewiesen werden könnte, ist bei Rosalux-fianzierter Kapitalismus-Forschung ganz sicher im Ergebnis auch keine Kritik am Sozialismus zu erwarten.

    Geschichten wie diese bestärken in mir das Gefühl, dass wir auf eine Situation zusteuern, in der deutsche Hochschulforschung nicht in dem Sinne käuflich wird, dass sie zu wirschaftsorientiert arbeitet, sondern in der man mit entsprechendem Sponsoring auch tatsächlich nicht nur das Thema sondern auch die Ergebnisse der Forschung mitbestimmen kann…

  15. #15 Thilo
    19. August 2008

    Der (politisch neutrale) Blog “Spiegelkritik” berichtet heute auch über den Fall:
    http://spiegelkritik.de/2008/08/19/uni-dementiert-linke-gesinnungspflicht/
    Es drängt sich natürlich die Vermutung auf, daß das Ganze vielleicht doch mit den aktuellen Entwicklungen in Siegen zu tun hat.

  16. #16 Christian
    20. August 2008

    @Thilo: Habe ich auch gelesen, hab aber irgendwie Schwierigkeiten mir das vorzustellen. Die Universitätsangestellten haben einen ganzen Tag lang gesucht und rumtelefoniert, ohne dabei eine Stellenausschreibung zu finden, die im Namen ihrer Universität im Netz zu finden war (Ulrich Berger hat sie ja oben verlinkt und auch beim SPIEGEL hat man sie ja offenbar gelesen)? Gibt es niemanden, der für solche Texte zuständig ist? Wer an der Uni Siegen oder der Uni Wuppertal hat den Ausschreibungstext verfasst?

    Auch die Beschwerden seitens der Rosa-Luxemburg-Stiftung hinterlassen bei mir einen sauren Nachgeschmack. Wenn die Geschichte jetzt im FOCUS oder im CICERO gestanden hätte – aber ausgerechnet beim SPIEGEL zu vermuten, dass dort Redakteure sitzen, die über politisch linke Stiftungen und Vereine besonders negativ berichten… Das ist, mit Verlaub gesagt, eine etwas hahnebüchene Anschuldigung.

    Mal sehen, wie sich die Geschichte weiterentwickelt und ob es aus Siegen in den nächsten Tagen auch noch eine offizielle Stellungnahme zu hören gibt…

  17. #17 Thilo
    20. August 2008

    Der Pressesprecher der Universität Siegen hat jetzt erklärt
    “In der vergangenen Woche hatte sich tatsächlich ein Kollege von SpOn bei uns mit einer Anfrage zur Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung gemeldet. Diese Anfrage haben wir an den verantwortlichen Prof. weitergeleitet, der hat sich darum allerdings offenbar nicht gekümmert.
    Wegen der Querelen um die Wahl eines Rektors der Uni Siegen haben wir keine Zeit gehabt, uns intensiv mit der Anfrage zu beschäftigen, so dass ich erst am 16. 8. dem Redakteur von mir aus eine Antwort habe zukommen lassen, nachdem klar geworden war, dass der betreffende Prof. das nicht gemacht hatte.
    Der Hinweis auf die mangelnde Sorgfaltspflicht bei der Recherche bezieht sich auf den Umstand, dass ein Blick auf unsere Homepage genügt hätte, um den Text der inkriminierten Stellenanzeige zu studieren. Dann hätte sich die Anfrage zu diesem Punkt von selbst erledigt.”

    Zum Verständnis sollte man noch sagen, daß Stellenausschreibungen, soweit ich weiß, von den jeweiligen Lehrstühlen verfaßt werden, nicht von der zentralen Uni-Leitung.
    Der 16.8. war (rein zufällig?) genau das Datum, an dem in Siegen die entscheidende Sitzung des Hochschulrates wegen der aktuellen Turbulenzen stattfand ( http://www.scienceblogs.de/mathlog/2008/08/unternehmerische-universitat.php ). Es liegt natürlich auf der Hand, daß die Pressestelle mit anderen Dingen beschäftigt gewesen sein wird als mit Pressenachfragen zu Stellenausschreibungen. (Und es fällt mir schwer an einen Zufall zu glauben, daß die Sache gerade in dieser Woche an die Presse gesteckt wurde. Die Ausschreibung ist ja offensichtlich schon älter, die Bewerbungsfrist ist bereits abgelaufen.)

    Ich möchte noch ergänzen, daß ich 3 Jahre in Siegen gewohnt habe und mich beim besten Willen nicht an irgendwelche besonders ‘linken’ Akivitäten der Uni erinnern kann. Gut, der Rektor hatte mal den Vorschlag ins Gespräch gebracht, die Uni in Johannes-Rau-Universität umzubenennen. (Rau hatte 1972 als Wissenschaftsminister dafür gesorgt, daß die Uni in Siegen und nicht in Deutz gegründet wurde.) Aber die Idee wurde dann auch wieder fallengelassen, als sie in der Uni keine breite Zustimmung fand. Eine besondere Affinität der Uni oder Uni-Leitung zur Linken zu konstruieren scheint mir ziemlich abwegig.

  18. #18 Benno Kirsch
    21. August 2008

    @Fischer: “Es gibt aber nun mal keine “linke” oder “rechte” Physik oder Chemie, und die Weltanschauung des Kandidaten ist für die Qualität seiner Arbeit a priori irrelevant (Siehe auch Thilos Kaffee/Tee-Beitrag). Und unter diesen Umständen ist die Frage nach der Weltanschauung einfach Diskriminierung.”

    Oha! Da wäre ich mir nicht so sicher! Seitdem ich mich mit der Kritik an den Kritikern der Evolutionstheorie beschäftige, stelle ich immer wieder fest, dass die Weltanschauung zentral zur Bewertung der Arbeit eines Forschers ist. Wer – in der Sicht der Evolutionstheoretiker – nicht das Interpretationsschema “Evolution” bei seiner Arbeit voraussetzt, der kann keine Wissenschaft betreiben, und schon gar keine gute. Ist das DIskriminierung? Man kann das sicher so nennen. Es gibt jedenfalls auch jenseits des rechts/links-Schemas Gesinnungstests!

  19. #19 Monika
    21. August 2008

    Hmm…leider ist das für Pädagogen immer schon Alltag. Wer die “richtige” Pädagogik bei einer Bewerbung an der erziehungswissenschaftlichen Fakultät vertritt, wird genommen. Die “Falschen” haben das Nachsehen. So war es in der Pädagogik schon immer – egal um welche Hochschule es sich handelt.

    So gesehen findet sich das Motto: “Andersdenkende unerwünscht” ständig. Es kommt nur auf die Perspektive an. Wer ist der “richtig” Denkende und wer der “anders” Denkende ????……

    Wissenschaft war noch nie weltanschaulich wertneutral……….es sei denn man bewegt sich in rein formalen Wissenschaften bzw. Naturwissenschaftsbereichen….

    und so gesehen existiert das angesprochene Problem quasi schon immer…..

  20. #20 Thilo
    21. August 2008

    @ Benno Kirsch:

    Das Ihrem Kommentar zugrundeliegende Mißverständnis ist, daß es in den Naturwissenschaften nicht um den Austausch oder das Begründen/Rechtfertigen vorgefaßter Meinungen geht.

  21. #21 Benno Kirsch
    22. August 2008

    @ Thilo: Das Ihrem Kommentar zugrunde liegende Missverständnis ist, dass Sie nicht zwischen Sein und Sollen unterscheiden. *Eigentlich* geht es “in den Naturwissenschaften nicht um den Austausch oder das Begründen/Rechtfertigen vorgefaßter Meinungen”. In der Praxis aber häufig doch.

  22. #22 Ludmila
    29. August 2008

    @Benno Kirsch: Sie behaupten Evolution sei eine Weltanschauung?

    Das ist nicht richtig.

    Und wie wäre es denn bitte, wenn Sie mal das Wort “Theorie” wissenschaftlich korrekt gebrauchen. Evolution ist deswegen eine wissenschaftliche Theorie, weil sie die beste Beschreibung der Realität darstellt. Die wissenschaftliche Theorie ist die beste, vielfach überprüfte Beschreibung der Abläufe in der Realität. Es gibt Fossilien, Emryonalentwicklung, Gene, Langzeitexperimente an E. Coli-Mutationen, Gentransfer, Virenentwicklung, die gute alte Haustierzucht undundund. Es gibt ganz, ganz viele sachliche handfeste Belege, dass es eine Evolution gegeben hat.

    Gene, Bakterien, Viren, Fossilien scheren sich einen Dreck um Ihre Weltanschauung und so soll man auch dran gehen.

    Die Gegenbewegung ID beschreibt keinerlei Naturgesetze, liefert keine neuen Entdeckungen, keinen besseren Erklärungen. ID sagt “Gott hat es getan” und ID sagt “ich kann mir nicht vorstellen, dass das alles einfach so ohne Zutun entsteht”. Soll man das als Basis wissenschaftlicher Arbeit verwenden?

    Deswegen hat ID nichts, aber auch gar nichts in der Wissenschaft zu suchen. Weil sie nicht den wissenschaftliche Standards entspricht.

  23. #23 Ulrich Berger
    30. August 2008

    Das ist schon richtig schlimm mit diesen Gesinnungstest in den Naturwissenschaften. Tatsächlich soll es Physiker geben, die bei Einstellungsgesprächen darauf abgeklopft wurden, ob sie das Interpretationsschema “Gravitation” in ihrer Arbeit voraussetzen. Das gleichberechtigte Interpretationsschema des “Intelligent falling” ist dabei als falsche Gesinnung offenbar politisch unerwünscht. Diskriminierung pur!

  24. #24 Mirfak
    1. September 2008

    »Die Uni Siegen sucht per Stellenausschreibung nach einem Doktoranden mit der “richtigen” Weltanschauung.« heißt es in dem Artikel.
    Was daran nicht stimmt:
    1. ist in der Stellenanzeige nicht von einer Promotion die Rede. Voraussetzung für die Bewerbung ist ein Diplom, MA oder vergleichbares.
    2. wer die Begabtenförderungswerke und die Linkspartei kennt, weiß, dass sich in jedem von ihnen nicht nur eine bestimmte Weltanschauung tummelt sondern sowohl RLS als auch die LINKE ein ganzes Spektrum von Weltanschauungen vereinigen.

    Unterschieden werden muss:
    a) die Promotionsstipendien der RLS – diese finanziert sie selber und kann daher auch über Aufnahmekriterien entscheiden. Der zitierte Satz ist dafür eine Standardformulierung und findet sich in ähnlicher Weise bei allen Begabtenförderungswerken (außer der Studienstiftung des deutschen Volkes, die hat keinen politischen Träger)
    b) die Stellenanzeige der Uni. Da ist es natürlich inkorrekt, auch hierfür die RLS-Kriterien anzuwenden und ich kann mir nicht vorstellen, dass das beim Bewerbungsgespräch passiert wäre. Die Uni hat das ja auch sofort korrigiert. Also ist am wahrscheinlichsten, dass es einfach ein redaktioneller Fehler war.

    Dass es Promotionskollegs wie dieses gibt, ist nichts ungewöhnliches an deutschen Unis. Verschiedene Parteistiftungen decken dabei viele verschiedene politische Richtungen ab. In den Doktorarbeiten wird diese Unterstützung meist auch erwähnt.
    Die RLS vergibt pro Jahr 25 Promotionsstipendien. Soviel mal quantitativ zur politischen Wirkung.

    Die Förderung bedeutet auch nicht, dass der Doktorand dann plötzlich über der fachinternen Kritik stünde. Im Gegenteil, durch die Unterstützung ist er eventuell viel schärferer Kritik von Forschern mit anderen weltanschaulichen Vorstellungen ausgesetzt. Mir ist jedenfalls eine wissenschaftliche Arbeit mit offengelegten politischen Ansichten des Autors tausendmal lieber als eine Arbeit, bei der man die Ansichten des Autors erraten muss.

    Zum Schluss noch der Hinweis: Unter Wissenschaftssoziologen und -historikern ist unbestritten, dass in *jeder* Wissenschaft, auch den Naturwissenschaften, die Weltanschauung der Forscher die Forschung beeinflusst. Beispiele für Themen (eigentlich nicht schwer…):
    – Bio: die erwähnte Evolutionstheorie (bzw. -theorien), aber auch Verhaltensforschung
    – Chemie: Umweltgifte, Industrieforschung …
    – Physik: Atomkraftwerke, Interpretation der Quantentheorie
    usw.
    Wobei die politischen Vorstellungen ja schon bei der *Auswahl* der Forschungsgegenstände anfangen zu wirken. (z.B. erforsche ich lieber den Treibhauseffekt oder plane Kohlekraftwerke?)

    M.E. ist es daher wichtiger, sich über die Ergebnisse von Forschung zu streiten als sich über eine ungeschickt formulierte Stellenanzeige der Uni Siegen aufzuregen.

  25. #25 Thilo
    1. September 2008

    @ Mirfak:
    Zum vorletzten Absatz: hier muß man zwischen Industrieforschung und universitärer Forschung unterscheiden.
    Es ist klar, daß eine Gegnerschaft zur Atomkraft sich nicht mit einer wissenschaftlichen Tätigkeit in einem Atomkraftwerk verträgt.
    Aber jemand, der in einem staatlichen Institut zum Thema arbeitet, sollte sich in seinen Ergebnissen nicht von vorgefaßten Weltanschauungen beeinflussen lassen. (Insbesondere sollte z.B. jemand der über Sicherheit von Atomkraftwerken arbeitet, nicht gerade finanzielle oder sonstige Verbindungen dorthin haben.) Entsprechend für Umweltgifte, Treibhauseffekt usw.
    Und Evolutionstheorie und Quantenmechanik sind sowieso wissenschaftlich unumstritten, das hat mit Weltanschauung nichts zu tun.

  26. #26 Thilo
    3. September 2008

    Am 21.8. gab es eine Presseerklärung des Rektorats ( http://www.uni-siegen.de/uni/aktuelles/pm_idx.xsp?id=353&lang=de ):

    1. Die Vergabe von Stipendien an Studierende und Doktoranden sowie die Förderung von Forschungsprojekten gehört zu den originären Aufgaben aller sog. „partei- oder institutionennahen“ Stiftungen, gleichgültig ob es sich dabei um die ‚Konrad-Adenauer-“, die „Friedrich-Ebert-“, die „Heinrich-Böll-“, die „Friedrich Naumann-“ oder – wie im vorliegenden Fall – um die „Rosa-Luxemburg-Stiftung“ handelt.
    2. Mit der Annahme der von den Stiftungen zur Verfügung gestellten Mittel zur Förderung junger Wissenschaftler oder von Forschungsprojekten ist keine Identifikation der Universität Siegen mit den sonstigen Zielen der Stiftung oder gar der ihnen nahe stehenden Parteien oder Institutionen verbunden.
    3. Bei der Ausschreibung einer Stelle für eine wissenschaftliche Koordinatorin/einen wissenschaftlichen Koordinator für das Graduiertenkolleg „Demokratie und Kapitalismus“ ist an einer Stelle im Internet der Universität Siegen eine Passage erhalten geblieben, die so nicht hätte formuliert werden dürfen. Ich habe daher eine Neuausschreibung der Stelle veranlasst, die jegliche Einschränkung in politischer, religiöser oder sonstiger Hinsicht ausschließt. Die Ausschreibungsfrist verlängert sich entsprechend.
    4. Die Zulassung der im Graduiertenkolleg geförderten Doktorandinnen und Doktoranden zur Promotion wird sich an allen beteiligten Universitäten nach den jeweiligen Promotionsordnungen richten. Darauf hat die Stiftung keinen Einfluss. Hier entscheidet allein die wissenschaftliche Qualität der vorgelegten Arbeiten. Die Auswahl der Stipendiaten obliegt den am Kolleg beteiligten Hochschullehrern ebenso, wie bereits die Formulierung der Themenstellung des Graduiertenkollegs.

  27. #27 Benno Kirsch
    3. September 2008

    @ Ludmilla:

    “Evolution ist deswegen eine wissenschaftliche Theorie, weil sie die beste Beschreibung der Realität darstellt.”

    Über diesen Satz habe ich lange gerätselt. Darf ich ihn so verstehen, dass nur “die beste Beschreibung der Realität” eine Theorie sein kann? Dass weniger gute Beschreibungen also keinen Theoriestatus erlangen können? Es gibt also keine schlechten Theorien?

  28. #28 Thilo
    3. September 2008

    @ Benno Kirsch:
    Ihre Wortklaubereien sind einfach albern. Es geht in der Naturwissenschaft nicht um die Interpretation von Texten, jedenfalls nicht als Selbstzweck.

  29. #29 Ludmila
    3. September 2008

    @Benno Kirsch: Das, was Sie als schlechte Theorie bezeichnen würden, heißt in der Sprache der Naturwissenschaftler “Hypothese”. Eine “Hypothese” ist in den Naturwissenschaften eine begründete Vermutung, die aber noch auf dem Prüfstand steht. Wenn sich diese Vermutung bewährt, erfolgt das “upgrade” zur Theorie.

    In den Naturwissenschaften wird es niemals mehr als eine Theorie werden. Wir sind keine Religion und hantieren nicht mit absoluten Wahrheiten, aber wir hantieren ganz pragmatisch mit Beschreibungen, die so gut funktionieren, dass wir damit Autos und Flugzeuge bauen können.

  30. #30 Ludmila
    3. September 2008

    @Benno Kirsch: Ich weiß natürlich, dass es gerade auf dem Gebiet große Verwirrung wegen der Begrifflichkeiten gibt. Die Alltagssprache verwendet den Begriff Theorie gänzlich anders als die Wissenschaft. Ich weiß, dass selbst Naturwissenschaftler die Begriffe nicht stringent benutzen und dass außerdem die Übergänge fließend sind. Es gibt kein Gremium, das bestimmt: So, das ist eine Theorie. Es ist mehr eine basis-demokratische Entscheidung durch die Wissenschaftler.

    Dazu kommt, dass viele Leute “Naturgesetze” für die ultima ratio in den Naturwissenschaften halten. Tatsächlich beschreiben diese Gesetze aber nur, Theorien dagegen beschreiben nicht nur, sie erklären und liefern Vorhersagen für die Zukunft. Theorien enthalten daher mehrere Naturgesetze und setzen sie in Beziehung zueinander.

    Eine Theorie ist in der Wissenschaft keine Hypothese und schon gar keine Spekulation.

  31. #31 Thilo
    3. September 2008

    @ Ludmila:
    Ich find’s ja nett, daß Du Dir solche Mühe gibst. Aber ein Klick auf die Webseite von Benno Kirsch hätte genügt, um festzustellen, daß es sich hier um beabsichtigte Mißverständnisse handelt.

  32. #32 Benno Kirsch
    4. September 2008

    @ Thilo: “beabsichtigte Mißverständnisse …”
    Davon kann nicht die Rede sein! Ich erlaube mir lediglich gelegentlich eine Nachfrage, wenn jemand unklar formuliert – was gar nicht so selten vorkommt, gerade unter großkopferten DoktorandInnen und selbsternannten Rettern der Wissenschaft, die todesmutig “dem Kreationismus” die Stirn bieten.

    “Aber ein Klick auf die Webseite von Benno Kirsch hätte genügt, um festzustellen …”
    Dass Sie nun genau dieselbe Strategie anwenden, die in dem Post thematisiert wird – nicht auf das zu achten, was jemand sagt, sondern was jemand denkt – ist bezeichnend.

  33. #33 Thilo
    4. September 2008

    Es geht tatsächlich nicht um das, was jemand sagt (und auch nicht um das, was jemand denkt). Die Frage, wie sich die Arten entwickelt haben, ist keine Frage der Weltanschauung und hat mit Rede- oder Gedankenfreiheit nichts zu tun (und übrigens auch nichts mit fehlerhaften, ungenauen oder schwerverständlichen Formulierungen, die sie vielleicht in irgendwelchen Texten oder Kommentaren gefunden haben wollen). Ich finde es ausgesprochen lästig (nicht für mich, aber für die Biologen), wenn jetzt auch bei uns versucht wird, weltanschauliche Debatten auf dem Rücken von Einzelwissenschaften auszutragen. (Als Mathematiker muß ich zumindest nicht befürchten, daß die Mathematik davon betroffen sein wird. Dafür ist die heutige Mathematik dann doch zu abstrakt.) Also, wenn es ihnen um irgendwelche grundsätzlicheren Fragen geht, dann sagen Sie, was Sie wollen. Um Biologie geht es Ihnen ja offensichtlich nicht.

    Übrigens, wie haben Sie es eigentlich geschafft, Ihren Artikel ausgerechnet im “Freitag” zu veröffentlichen? (Den hatte ich immer für PDS-nahe gehalten?) : http://www.freitag.de/2008/26/08261802.php