Am 20. April 2009 fand im Berliner Paul-Löbe-Haus das erste öffentliche Fachgespräch zum Thema Lichtsmog mit Bundesparlamentariern statt. Ich hatte das Glück, der immerhin fast sechsstündigen Veranstaltung gemeinsam mit zwei Kollegen beiwohnen zu können.


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Organisiert wurde die Veranstaltung von Peter Hettlich, der für die sächsischen Grünen im Bundestag sitzt, und sich nach eigenem Bekunden seit dem 10. Lebensjahr der Astronomie verschrieben hat. Den Auftakt bildeten vier Fachvorträge, mit denen das Spektrum der von der Lichtverschmutzung verursachten Probleme abgedeckt wurde – von der Verdunkelung des Sternenhimmels über die medizinischen Folgen falscher Beleuchtung und die Konsequenzen für Flora und Fauna bis hin zur Energieverschwendung durch den ineffizienten Umgang mit Licht. Zwei Impulsreferate zu rechtlichen und wissenschaftlichen Fragestellungen sowie ein Diskussionspanel mit den versammelten Experten rundeten das Fachgespräch ab.

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Natürlich ist es unmöglich, sechs Stunden Vorträge und Diskussionen im Rahmen eines Posts zusammenzufassen, weshalb ich mich nur auf die vier Fachvorträge konzentrieren möchte.


Fachvortrag I: Der verborgene Himmel – Dr. Andreas Hänel

Als erster Referent trat Andreas Hänel vom Osnabrücker Planetarium auf, der vermutlich jedem ein Begriff ist, der schon mit der Lichtverschmutzungs-Thematik zu tun hatte. Als Sprecher der Fachgruppe Dark Sky der VdS (Vereinigung der Sternenfreunde) kämpft Hänel schon seit Jahren gegen die um sich greifende Lichtverschmutzung. Mit vielen Aufnahmen demonstrierte er am Montag, welche Ausmaße die künstliche Aufhellung des Nachthimmels mittlerweile angenommen hat. So sind astronomische Phänomene wie das Nordlicht kaum noch zu sehen und daher inzwischen schon so unbekannt, dass die sehr seltenen Sichtungen damit enden, dass die Feuerwehr wegen Giftgasalarms ausrücken muss, wie beispielsweise im Jahr 2000 in Wessel (NRW) geschehen.

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Prognose der Lichtverschmutzungs-Entwicklung in den USA bis 2025 (Quelle)

Wie überflüssig die Beleuchtung manchmal sein kann, verdeutlichte Hänel unter anderem am Beispiel des Bonner Post-Towers, der 2002 fertig gestellten Konzernzentrale der Deutschen Post AG. Die Fassade des Gebäudes ist mit 5.775 Leuchtstoffröhren bestückt, die allerdings dank einer Untersuchung durch den Biologen Heiko Haupt während der Zeit der Vogelzüge nur noch begrenzt eingesetzt werden, um die so genannten Towerkills – den Tod von Vögeln an der leuchtenden Fassade – zu minimieren:

„In Deutschland hat der Bonner Biologe Heiko Haupt den Post-Tower von Bonn daraufhin genauer unter die Lupe genommen, mit seinen 162,5 Metern eines der größten Hochhäuser Deutschlands, das in der Nacht gleich in mehreren Farben hell erleuchtet wird. Innerhalb eines einzigen Jahres wurden über 827 Vögel durch die Beleuchtung irritiert, 151 davon (18,3 Prozent) starben unmittelbar am Turm, meist durch Aufprall bzw. Absturz.”

Hänel gelang es zudem, die Schwere des Verlusts zu vermitteln, den wir uns als Gesellschaft selbst zufügen, indem wir uns selbst der Wunder des Nachthimmels berauben. Was uns hier an kulturellem Erbe, künstlerischer Inspiration, wissenschaftlichem Erkenntnisgewinn und vor allem auch an Lebensqualität verlorengeht, bleibt letztendlich schwer zu erfassen.

Weiterführende Informationen zum Thema finden sich hier:

Cinzano, P.; Falchi, F. & Elvidge, C.: The first world atlas of the artificial night sky brightness , Monthly Notices of the Royal Astronomical Society, 328, 689-707, 2001. http://homepages.wmich.edu/~korista/skybright.pdf

Crawford, D.: Light Pollution: The Problems, the Solutions, Preserving The Astronomical Windows. Proceedings of Joint ASP Conference, Vol 139, 1998. http://adsabs.harvard.edu/abs/1998paw..conf…13C

Osterbrock, D.; Walker, M. & Koski, A.: The spectrum of light pollution at Mount Hamilton, Publications of the Astronomical Society of the Pacific, 1976. http://adsabs.harvard.edu/abs/1976PASP…88..349O


Fachvortrag II: Der gestörte Schlaf – Dr. Dieter Kunz

Der – zumindest aus meiner Sicht – beunruhigendste und zugleich faszinierenste Vortrag des Tages kam von Dr. Dieter Kunz, dem Chefarzt der Psychiatrischen Universitätsklinik der Charité im St. Hedwig Krankenhaus. Kunz hält künstliches Licht zum falschen Zeitpunkt für den gegenwärtig negativsten Einflussfaktor auf die menschliche Gesundheit – eine Aussage, die man angesichts neuster Erkenntnisse aus der Schlafforschung sehr ernst nehmen sollte.

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Schlafendes Kind, fotografiert von Alessandro Zangrilli (Quelle)

Wie bei allen Lebewesen auf dem Planeten, sorgen auch beim Menschen die Mechanismen der Evolution für eine optimierte Anpassung an die Lebensumgebung und damit auch an den Tag-Nacht-Wechsel. Die Chronobiologie bezeichnet die Fähigkeit von Organismen, sich auf täglich wiederkehrende Zustände einzustellen, als “circadiane Rhytmik”. Beim Menschen ist unter anderem die Produktion von Melatonin in der Zirbeldrüse eng mit dem circadianen Rhytmus verbunden. Melatonin dient anderen Systemen im Körper als Zeitgeber, seine Ausschüttung ist zudem der Auslöser für die Tiefschlafphase.

Zunehmende Schichtarbeit und stärkere Nachtbeleuchtung haben laut Kunz dafür gesorgt, dass viele Menschen mittlerweile stark im Gegensatz zu ihren circadianen Rhytmen leben. Bleibt es aufgrund der künstlichen Beleuchtung länger hell oder setzt sich der Mensch kurz vor dem Schlafengehen noch besonders intensiven Lichtreizen (Badezimmerlampe) aus, wird die Melatonin-Produktion gebremst. Wie verschiedene Studien belegen, weisen Patienten mit bestimmten Krebsarten einen tendenziell zu niedrigen Melatoninspiegel auf, was die Vermutung nährt, dass die äußere Beeinflussung der Melatonin-Produktion und damit die “Umtaktung” der inneren Uhr die Entstehung von Krebs begünstigen kann.

Hochinteressant waren auch Kunz Ausführungen zu einem an Schulen im Raum Hamburg durchgeführten Experiment, dessen Ergebnisse deutlich belegen, dass sich Aufmerksamkeit und Konzentrationsfähigkeit von Schülern durch gezielte Beleuchtung mit ganz bestimmten Wellenlängen signifikant steigern lassen. Das Experiment ist so interessant, dass es einen eigenen Blogpost verdient hat – und den sicher demnächst auch bekommen wird. Bis dahin verweise ich auf die weiter oben verlinkte Webseite, von der sich eine Zusammenfassung der wichtigsten Studienergebnisse herunterladen lässt.

Weiterführende Informationen zum Thema finden sich hier:

Kloog, I., Haim, A; Stevens, R.G.; Barchana, M. & Portnov, B.A.: Light at night co-distributes with incident breast but not lung cancer in the female population of Israel, in: Chronobiology International 2008 Feb;25(1):65-81. http://lib.bioinfo.pl/auth:Kloog,I


Fachvortrag III: Die verwirrte Tierwelt – Prof. Gerhard Eisenbeis

Auch der Biologie Prof. Gerhard Eisenbeis von der Mainzer Johannes Gutenberg Universität dürfte vielen thematisch Interessierten bereits ein Begriff sein, untersucht er doch bereits seit Jahrzehnten den Einfluss künstlicher Beleuchtung auf die Tierwelt – mit besonderem Fokus auf den Insekten. Milliarden Insekten verbrennen jedes Jahr in Straßenlampen oder umfliegen diese so lange, bis sie – erschöpft und ausgezehrt – zu Boden stürzen oder von Fressfeinden getötet werden.

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Als Beispiel für ein Ökosystem, welches durch Kunstlicht aus dem Gleichgewicht gebracht werden kann, nannte Eisenbeis die Wanderung von Zooplankton. Einige Arten führen so genannte „tagesperiodische Wanderungen” durch, d.h. sie begeben sich tagsüber in tiefere Wasserschichten, um auf diese Weise ihren Fressfeinden zu entkommen. Während der Nacht wandern sie zur Nahrungsaufnahme wieder an die Oberfläche. Wird die aber nachts beleuchtet (z.B. durch eine Straßenlampe in Ufernähe), werden die Wanderungsbewegungen gestört, da die Tiere nicht mehr zwischen Tag und Nacht unterscheiden können. Als Folge suchen sie die schützenden Regionen kürzer oder gar nicht mehr auf, und fallen in größerer Zahl ihren Fressfeinden zum Opfer. Unklar ist noch, ob eine Beleuchtung über tausende Generationen von Zooplankton hinweg nicht auch deren Evolution beeinflussen könnte, so dass durch ein “Licht aus” die ursprünglichen Rythmen nicht wiederhergestellt würden.

Prof. Sean Chamberlin über tagesperiodische Wanderungen von Zooplankton (engl.)

Wie Eisenbeis ausführte, werden viele Lebensformen durch übermäßige Beleuchtung stark geschädigt. Bäume, die im Licht einer Straßenlampe stehen, werfen ihre Blätter wesentlich später ab, was bei überraschend einsetzendem Frost zu Problemen führen kann. Nachtaktive Säugetiere werden in ihren Wanderungsbewegungen gestört, einige weisen in durchgängig beleuchteten Umgebungen ein geringeres Wachstum auf. Vögel werden durch Skybeamer und beleuchtete Hochhäuser abgelenkt, kommen an Gebäudefassaden zu Tode oder ändern den Standort ihrer Brutplätze (das Bild zahlreicher Vögel, die von den “Towers of Light” des WTC-Memorials in New York “eingefangen” werden, hat mich besonders beeindruckt).

Den Insekten gilt das besondere wissenschaftliche Intresse von Prof. Eisenbeis, der im Rahmen eines großangelegten Beleuchtungsversuch in Düsseldorf untersuchen konnte, welche Leuchtmittel in welcher Konfiguration welche Insektenarten in welchem Umfang anlocken. Da die Ergebnisse dieser aufwändigen Studie erst noch publiziert werden, hielt Eisenbeis sich bezüglich konkreter Zahlen verständlicherweise sehr bedeckt. An dieser Stelle möchte ich auf die Ergebnisse daher gar nicht erst eingehen, sondern begnüge mich mit der Anmerkung, dass sich die von uns im Rahmen des AuLED-Projekts wiederholt festgestellte Insektenfreundlichkeit von LEDs auch im Düsseldorfer Experiment wieder klar gezeigt hat.

Ein Interview mit Prof. Eisenbeis zum Lichtsmog-Thema findet sich bei 3Sat Nano:

Weiterführende Informationen zum Thema finden sich hier:

Höttinger, H. & Graf, W.: Zur Anlockwirkung öffentlicher Beleuchtungseinrichtungen auf nachtaktive Insekten, Studie im Auftrag der Wiener Stadtverwaltung, 2003. http://www.wien.gv.at/umweltschutz/pool/pdf/lichtquelle.pdf

Longcore, T. & Rich, C.: Ecological Light Pollution, Frontiers in Ecology and the Environment 2(4):191-198, 2004. http://www.seaturtle.org/PDF/Longcore_2004_FrontEcolEnviron.pdf

Moore, M.; Pierce, S.; Walsh, H.; Kvalvik, S. & Lim, J.: Urban light pollution alters the diel vertical migration of Daphnia, Verh. Internat. Verein. Limnol. 27: 1-4, 2000. http://www.wellesley.edu/Biology/Faculty/Mmoore/Content/Moore_2000.pdf


Fachvortrag IV: Die verschwendete Energie – Hans-Josef Fell MdB

Der finale Fachvortrag wurde von Hans-Josef Fell gehalten, dem Sprecher für Energie- und Technologiepolitik der grünen Fraktion. Fell bemängelte, dass dem Energieverbrauch der Beleuchtung zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird, da die Beleuchtung in privaten Haushalten für kaum mehr als 1% der Energiekosten verantwortlich ist, und daher als unbedeutender Verbrauchsfaktor gilt. In Büroräumen, Industrieanlagen oder im öffentlichen Raum (Straßenbeleuchtung) kommt dem Verbrauch der Beleuchtung jedoch wesentlich mehr Gewicht zu – und dort ist es auch, wo man nach Meinung von Fell zuerst ansetzen müsste.

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Rote LED (aufgenommen im KT-Labor der Hochschule Harz)

Insgesamt werden etwa 10% der weltweit erzeugten elektrischen Energie für die Beleuchtung aufgewendet, wobei sich mit der LED und ihrem im Vergleich zur herkömmlichen Glühbirne um fast 6/7 geringeren Verbrauch längst das Leuchtmittel der Zukunft abzeichnet. Neben der Umstellung auf LEDs spielt die Optimierung der Beleuchtungskörper eine wesentliche Rolle für die Minimierung von Lichtverschmutzung. Auf Kugelleuchten, die Licht in alle Himmelsrichtungen abgeben sollte Fell zufolge daher ebenso verzichtet werden, wie auf die sogenannten Bodenstrahler (über den Einsatz von Bodenstrahlern in Wernigerode hatte ich hier vor zwei Monaten schon einmal etwas geschrieben).

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Überflüssiger Bodenstrahler auf dem Wernigeröder Nikolaiplatz

Der beste Rat, den man laut Fell geben kann, ist jedoch der, auf wirklich überflüssige Beleuchtung gänzlich zu verzichten. Ein eindrucksvolles Beispiel hierfür ist die nächtliche Autobahnbeleuchtung in Belgien, die ersichtlich keinem anderen Ziel als dem dient, die nächtlichen Energieüberschüsse der belgischen Atomwirtschaft abzubauen, und die insofern nicht viel mehr ist, als eine versteckte Subventionierung der Kernenergie mit Steuergeldern.

Licht aus, wo überflüssig – ein schönes Fazit für den ersten Teil der Veranstaltung.

Weiterführende Informationen zum Thema finden sich hier:

Kim, J.K & Schubert, E.F.: Transcending the replacement paradigm of solid-state lighting; in: Optics Express Vol. 16, No. 26., New York, 2008. http://www.opticsinfobase.org/oe/abstract.cfm?uri=oe-16-26-21835


An Fells Vortrag schloss sich eine kurze Kaffeepause und damit die Gelegenheit an, den Referenten die eine oder andere zusätzliche Frage zu stellen und sich mit den anderen Teilnehmern auszutauschen. Im weiteren Verlauf folgten zwei Impulsreferate zu rechtlichen und wissenschaftlichen Fragestellungen in Zusammenhang mit der Lichtsmog-Problematik, sowie eine Podiumsdiskussion, in deren Rahmen die Expertenrude ausführlich auf Fragen der Teilnehmer einging – insgesamt viel zu viel Inhalt, um hier auch nur ansatzweise wiedergegeben zu werden. Erfreulicherweise hat Peter Hettlich zugesichert, die Foliensätze der Veranstaltung in der kommenden Woche auf seiner Webseite zur Verfügung zu stellen.

Die Tatsache, dass mit dem Fachgespräch Lichtverschmutzung erstmalig in der BRD eine öffentliche Veranstaltung mit Parlamentariern zur Problematik stattgefunden hat, kann sicher als ein Hoffnungsschimmer bewertet werden. Da Organisator Peter Hettlich für die kommende Legislaturperiode aus familiären Gründen bedauerlicherweise nicht mehr zur Verfügung stehen wird, verliert die noch sehr kleine Gruppe der an der Lichtverschmutzung interessierten Abgeordneten jedoch bereits in einigen Monaten ein wichtiges Mitglied.

Zwar versprach die Sprecherin der Grünen für Umweltpolitik, Sylvia Kotting-Uhl, den Teilnehmern bei der Verabschiedung, den Staffelstab in Sachen Lichtverschmutzung zu übernehmen, der Weggang des augenscheinlich äußerst engagierten Hettlich ist dennoch ein Rückschlag. Da kann man nur hoffen, dass sich zukünftig noch mehr Politiker finden, die das Problemfeld solange bearbeiten, bis vielleicht eines Tages eine wirklich brauchbare rechtliche Grundlagen zur Verhinderung von Lichtsmog geschaffen werden kann…


Weitere Blogposts zu diesem Thema:

Kommentare (11)

  1. #1 Rabe
    22. April 2009

    “Ein eindrucksvolles Beispiel hierfür ist die nächtliche Autobahnbeleuchtung in Belgien, die ersichtlich keinem anderen Ziel als dem dient, die nächtlichen Energieüberschüsse der belgischen Atomwirtschaft abzubauen, und die insofern nicht viel mehr ist, als eine versteckte Subventionierung der Kernenergie mit Steuergeldern.”

    Das ist von Fell? Solch einen Unsinn habe ich schon lange nicht mehr gelesen. Belgien ist nicht an den europäischen Stromverbund angeschlossen und muss seine angeblich überschüssige Energie selbst ‘verbraten’?

  2. #2 Christian Reinboth
    22. April 2009

    @Rabe: Kenne mich mit der belgischen Autobahnbeleuchtung nicht wirklich aus, konnte aber via Google auf Anhieb etliche Quellen finden, die die Aussage unterstreichen, dass mit der Beleuchtung überschüssige Atomenergie abgebaut/verschwendet wird.

    Der Ausstieg aus der Atomenergie ist nicht nur wegen der hohen Risiken der Kernspaltung notwendig, sondern auch klimapolitisch. Denn Atomkraftwerke mit ihrer permanenten Grundlast laden ein zur Energieverschleuderung. Zu Nachtspeicherheizungen und der Beleuchtung belgischer Autobahnen. An die Stelle sinnloser Energieverschwendung muss das Mantra der drei E treten: Erneuerbar, Effizient, Energiesparend.

    (Damals-)Bundesumweltminister Jürgen Trittin am 14.11.03

    Quelle: http://www.erneuerbare-energien.de/inhalt/4939/20040/

    Der große Nachteil der Atomkraftwerke sei, dass man sie nicht einfach abschalten kann, wenn man keine Energie braucht. So liefern sie viel Energie die sinnlos oder uneffektiv genutzt wird – beispielsweise zum Betrieb von Klimaanlagen wie in Japan wobei eine gute Wärmedämmung einen viel besseren Nutzen bringen
    würde oder zur nächtlichen Beleuchtung von Autobahnen wie in Belgien.

    Gefunden auf der Webseite von MdB Thilo Hoppe: http://www.thilo-hoppe.de/cms/default/dok/121/121962.gruener_salon_am_25_april_2006_mit_juerg.pdf

    Mal ganz abgesehen von der Frage der Stromherkunft ist es wohl keine Frage, dass die belgische Autobahnbeleuchtung (die vor einigen Jahren übrigens reduziert wurde) zumindest streckenweise völlig überflüssig ist und nicht nur eine enorme Verschwendung von Energie darstellt, sondern auch kräftig zur Lichtverschmutzung in Belgien beiträgt. Auf deutschen Autobahnen funktioniert es doch auch ohne…

  3. #3 Wolfgang Flamme
    22. April 2009

    Christian,

    das wird ja langsam wirklich gruselig mit dem Niveau hier:

    Mit einer Doppelleuchte (2 x 250W) alle 50m käme man auf eine Größenordnung von ~10kW/km. Wenn man den Belgiern ein paar tausend Autobahnkilometer zugesteht, kommt man auf sehr überschaubare Größenordnungen von einigen 10MW Autobahn-Beleuchtungsleistung für ganz Belgien … das sind einige wenige Promille der KKW-Leistung Belgiens. Nicht wirklich geeignet, um bedeutsame Stromüberschüsse zu verbraten, oder?

    Wenn ich an so einen grauenvollen Stuß glaube, dann muß ich auch glauben, daß die Franzosen Ihre Autobahnen nachts von unten beleuchten, die haben nämlich mit 80% noch mehr Kernstrom als die Belgier mit ihren 50%.

  4. #4 Wolfgang Flamme
    22. April 2009

    Ne schnelle Recherche hat übrigens erbracht, daß zumindest in Wallonien seit Ende 2007 die durchgehende Autobahnbeleuchtung nachts zwischen 0:30 und 5:00 Uhr abgeschaltet wird.
    Man erhofft sich dadurch etwa 13GWh/a Einsparungen und weniger CO2-Emissionen.
    Wie das in Flandern aussieht, weiß ich noch nicht; die Behauptung einer durchgehenden belgischen Autobahnbeleuchtung ist jedenfalls seit über einem Jahr überholt.

  5. #5 Rabe
    22. April 2009

    @Christian:
    Leider funktioniert die aktive Regelung der transportierten elektrischen Leistung durch den Verbraucher nicht. Es muss zwingend beim Erzeuger geregelt werden. Man schlatet ja schließlich bei wechselnder Last nicht die Autobahnbeleuchtung oder andere unsinnige Verbraucher ein und aus. Politische Begründungen oder Wünsche nützen da nichts.

    @Wolfgang:
    Prima, noch jemand der nachrechnet. Ich hatte nicht die Zeit, die Parameter rauszusuchen. Aber wir können uns ja abwechseln 😉

  6. #6 Christian Reinboth
    22. April 2009

    @Wolfgang Flamme: Lesen Sie eigentlich auch die verlinkten Quellen, oder wissen Sie schon von sich aus, dass alles Unsinn ist, was ich hier schreibe? Die Aussagen im obigen Kommentar stammen immerhin nicht von mir, sondern sind lediglich Zitate – und irgendwo – obwohl es natürlich ein argumentum ad auctoritatem sein mag – traue ich dem Bundesumweltminister schon zu, eine halbwegs realistische Aussage zu diesem Thema zu treffen. Die mag Ihnen ideologisch nicht gefallen, das bedeutet jedoch noch lange nicht, dass sie inhaltlich verkehrt ist. Es mag ja sein, dass man den AKW-Überschuss nicht in nennenswerten Größenordnungen mit Straßenbeleuchtung abbauen kann, aber Fakt ist doch, dass es die Beleuchtung höchstwahrscheinlich nicht geben würde, wenn der Überschuss nicht da wäre – oder sehen Sie das anders? Ergo werden Überschüsse abgebaut und es findet eine Quersubventionierung statt.

    Auf die Tatsache, dass in Belgien inzwischen nicht mehr flächendeckend durchgängig beleuchtet wird, hatte ich in besagtem Kommentar übrigens selbst schon hingewiesen, auch das ist also keine neue Erkenntnis. Soweit ich weiß, ist die durchgängige Beleuchtung aber immerhin von 1989 bis 2007 betrieben worden und wird in einigen Gegenden Belgiens auch weiterhin aufrecht erhalten.

  7. #7 Wolfgang Flamme
    23. April 2009

    CR: “Lesen Sie eigentlich auch die verlinkten Quellen, oder wissen Sie schon von sich aus, dass alles Unsinn ist, was ich hier schreibe?”

    Ich verstehe das Gegreine nicht … in Ihrem Beitrag werden einige Dutzend Aussagen wiedergegeben – die Zusammenfassung des Vortrages von Herrn Fell enthält alleine schon etwa zehn – und von all diesen erscheint mir nur eine einzige unplausibel … daß nämlich eine durchgängige belgische Autobahnbeleuchtung im wesentlichen dem Abbau einer nächtlichen Stromüberproduktion durch unflexibele belgische KKW geschuldet wäre.

    Fühlen Sie sich dadurch schon unerträglich scharfer Kritik ausgesetzt?

    Die Zitate, die Sie nachgeliefert haben, schlagen in die gleiche Kerbe:

    1) Unflexibilität der KKW, sich an die tatsächliche Bedarfssituation anzupassen

    2) Das tatsächliche Grundlastband sei durch KKW insgesamt überdeckt, deshalb käme es in Schwachlastzeiten regelmäßig zu einer Überdeckung des Bedarfs. Diese Überdeckung würde dann sinnlos verbraten oder verschwendet.

    Zu (1) wäre anzumerken, daß sich dieser Vorwurf pauschal gegen alle must-run-Kraftwerke richten müßte, also gegen nicht oder nur bedingt schwellfähige Laufwasserkraftwerke, gefüllte Talsperren, gefüllte Pumpspeicher mit natürlichem Zulauf, Geothermie. Aber auch Wind- und Sonnenenergie richten sich nicht nach konkreten Bedarfssituationen und müssen wegen dieser Unflexibilität ebenso kritisiert werden.

    Zu (2), dem Vorwurf einer regelmäßigen Überdeckung des tatsächlichen Schwachlastbedarfs, finde ich keinen fachlichen Beleg, nur die Behauptung selbst.

    Grundsätzlich plausibel erscheint die Annahme zunächst dort, wo der must-run-Anteil extrem hoch ist, wie zB in Frankreich. Die exportieren allerdings wesentliche Teile ihrer Überschüsse nach ganz Europa und erzielen dafür regelmäßig ganz ordentliche Preise, was nicht auf einen Angebotsüberschuß schließen läßt.
    Man kann also argumentieren, daß ein Teil der nationalen Grundlast-Kraftwerkskapazität in Europa physikalisch eben in Frankreich steht. Und das ist nicht nur physikalisch so, denn tatsächlich gehört ein Teil der französischen KKW-Produktion gar nicht mehr den Franzosen. Ausländische Kapitalgeber haben in die EDF-Meiler investiert und die EDF stottert das in Form langfristiger Exportverpflichtungen ab (das wurde im Sommer 2003 allgemein bekannt, als die EDF von ihrem Vorkaufsrecht Gebrauch machen und die eigenen Exporte teilweise für teures Geld zurückkaufen mußte, was in Frankreich für einigen Unmut sorgte).

    Umgekehrt steht ein Teil der Mittel- und Spitzenkraftwerke, die Frankreich benötigt, physikalisch eben nicht in Frankreich, sondern im Ausland. Und das ist nicht erst seit der Liberalisierung des Strommarktes so.

    Kurz, die Vorstellung, daß der nationale Erzeugungsmix auf den nationalen Bedarf maßgeschneidert sei und daß er einen guten Indikator dafür darstellt, wie sorgsam oder verschwenderisch ein Land mit dem innerhalb seiner Grenzen produzierten Strom umgeht. Das ist schon lange nicht mehr so und mit der Liberalisierung sind die ‘internationalen Transferwiderstände’ noch weiter geschrumpft.

    Für die Argumentation von Fell et alia bedeutet das, daß selbst wenn in Belgien tatsächlich eine regelmäßige Überdeckung durch KKW-Grundlast zu verzeichnen wäre, daraus nicht folgt, daß man deshalb in Belgien (oder sonstwo) verleitet oder gar gezwungen sei, diesen Überschuß zu verschwenden oder sonstwie unsinnig zu verbraten.

    Was allerdings einen deutlichen Einfluß auf das Verbrauchsverhalten ausüben dürfte, sind nationale Subventionen, Vergünstigungen, steuerliche Abgaben und die Tarifstrukturierung für Haushalts- und Gewerbekunden. Und da will ich mal an Beispielen verdeutlichen, wie diese willkürlichen Lenkungsmaßnahmen auch bei den erneuerbaren Energien zu kontraproduktiven Resultaten führen.

    Ein geläufiges Beispiel ist (besser: war) Norwegen, wo der hohe Hydroanteil einen wenig zurückhaltenden Umgang mit Elektrizität zur Folge hatte. Das hat sich aber zwischenzeitlich schon etwas geändert, denn der Hydrozubau lahmt, der Gesamtbedarf steigt und durch den zunehmenden Strom- und Emissionshandel wurde Norwegens Strom wertvoller und damit teurer.

    Ein aktuelles Beispiel ist Dänemark. Dänemark hat in Europa den höchten pro-Kopf-Anteil an Windenergie in der Stromversorgung, landesweit etwa 20%. Da sich der Windstromanfall nicht nach dem aktuellen Bedarf richtet, ist Dänemark gezwungen, 80% seiner erzeugten Windenergie zu exportieren. So substituieren sie zB norwegische Wasserkraft und kaufen diese dann bedarfsgerecht aus den skandinavischen Speichern für teures Geld zurück. Das wurmt die Dänen natürlich, denn sie bezahlen doppelt. Erstens subventionieren Sie jede Kilowattstunde Windenergie teuer gegen den Markt, müssen diese aber zu den deutlich geringen Marktpreisen exportieren. Und dann kaufen sie den Strom zurück und zahlen nochmals drauf.

    In der Folge macht sich Dänemark also zunehmend Gedanken, wie man den sowieso schon teuer bezahlten Windstrom im eigenen Land noch nutzen könnte, statt ihn ins Ausland zu verramschen. Und da kommen – ausgerechnet – Strom-Wärmespeicherheizungen wieder ins Gespräch. Muß man sich mal vorstellen, daß die Dänen viel Anstrengung und Geld in den Ausbau einer dezentralen KWK gesteckt haben und jetzt spielen Sie mit dem Gedanken, mit Windstromwärme dem eigenen KWK-Wärmemarkt Konkurrenz zu machen – was dann natürlich zur Folge hätten, daß sie ihre KWK weniger wärmegeführt und damit ineffizienter bzw. CO2-intensiver betreiben müßten.
    Während also ganz Grünropa gegen die emissionstreibende Stromheizungen wettert, fangen die Dänen allmählich damit an, ihre wieder aus dem Sperrmüll zu klauben und Ökostrom zu verheizen.
    An diesen Beispielen merkt man jedenfalls, daß Ökostrom und sparsamerer Umgang mit Energie nicht unbedingt Hand in Hand gehen müssen.

    Und damit ist die vordergründige Logik der Fell-Argumentation nach (1) und besonders (2) demontiert. Diese Feststellung ist deshalb wichtig, weil außer dieser oberflächlichen Plausibilität kein fachlicher Beleg für diese Behauptungen vorgebracht wird.

    Und wenn ich Politikern nicht alles unbesehen glaube was sie so behaupten, dann ist das nicht auf ideologische Vorbelastung zurückzuführen, sondern darauf, daß ich kein Idiot bin.

    PS:
    Richtig, Sie hatten darauf hingewiesen, daß das belgische Straßenbeleuchtungskeleuchtungskonzept teilweise seit einiger Zeit umweltfreundlicher geändert wurde.
    Aber hat auch Fell darauf hingewiesen?
    Wohl eher nicht, denn die Erwähnung von Sparsamkeit hätte das Bild unngehemmter Verschwendung, was er da skizzierte, wohl ein wenig gestört.

  8. #8 Wolfgang Flamme
    23. April 2009

    PPS:
    In dem vorigen Kommentar mag es scheinen, als hätte ich die Begriffe ‘physisch’ und ‘physikalisch’ verwechselt. Tatsächlich erfolgt auch der physikalische Energiefluß zum Verbraucher vom physischen Standort des Kraftwerks aus. Um zu unterstreichen, daß der mir wichtige Punkt der physikalische Energiefluß ist (und um transzendenten Auslegungen des Begriffs ‘physisch’ vorzubeugen) habe ich mich nach kurzem Nachdenken entschlossen, das so zu formulieren, wie es jetzt da steht.

  9. #9 wolfgang
    24. April 2009

    Die österreichischen Grünen sind anders. Klar kein Atomstrom, aber in heutigen “Standard”- immerhin eine Qualitätszeitschrift wird berichtet “dass die Grünen” ein atomfreies Europa fordern und gleichzeitig ein gentechnikfreies Europa.

    Also wenn Europa atomfrei wird, hab ich keine Luft zum Atmen, keine Bankverbindung, keinen Job, da alles atomfrei. Es lebe das atomfreie Vacuum.

    Und eins ist glasklar, wenn Europa atomfrei ist gibts auch keine Gene mehr- Gene sind ja urgefährlich weil sie jede Menge Atome enthalten. Also weg damit Atom und Genfreies Europa- ist doch super-oder?

  10. Paul-Löbe-Haus das erste öffentliche Fachgespräch zum Thema Lichtsmog mit Bundesparlamentariern statt. Ich hatte das Glück, der immerhin fast sechsstündigen Veranstaltung gemeinsam mit zwei Kollegen beiwohnen zu können.
    awesome!

  11. #11 Mckinley Hyske
    6. September 2012

    Hello there! This blog post could not be written any better! Looking at this post reminds me of my previous roommate! He continually kept talking about this. I will forward this post to him. Fairly certain he will have a very good read. Many thanks for sharing!